Zeitlichkeit und Ewigkeit

Petrarca war sehr ruhmsüchtig, und er war, wie ich finde, ein schlechter Dichter. Pessoa hat gemeint, eine Art abstrakter Unsterblichkeit wäre ihm lieber, und er war, wie ich finde, ein guter Dichter. Petrarca hat sich viele Sorgen um die mangelnde Beständigkeit des Ruhms gemacht, Pessoa hat zu seinen Lebzeiten kaum was veröffentlicht. Ruhm erscheint als etwas Unbeständiges, da auch die Ruhmseligkeit eine subjektive Motivation ist, und daher, so scheint es, als geradezu notwendiges Korrelat, von fremder subjektiver Motivation erhalten, zerstört oder zumindest erheblich gefördert oder beschädigt werden kann. Die abstrakte Unsterblichkeit, die Ewigkeit hingegen, kann einem keiner mehr nehmen. Es ist daher besser, in der Ewigkeit anzulangen und dort vollkommen in sich zu ruhen, als nach Ruhm, der eine Sache der Zeitlichkeit und der subjektiven Motivation ist, zu streben.

Die Zeitlichkeit ist etwas Fragmentiertes und Relatives, vom Ewigen erhofft man Objektivität und erzerne Beständigkeit. Somit verweist auch die Zeitlichkeit auf das Leben, und die Ewigkeit auf den Tod, oder, hoffentlich, auf das ewige Leben; auf jeden Fall aber auf einen Seinsbezirk, der mit der Zeitlichkeit in keinem direkten Kontakt steht, nicht direkt mit ihr kommuniziert, sondern, irgendwie, jenseitig ist. Somit ist zwar das Zeitliche möglicherweise was Lächerliches und Eitles, das Ewige aber auch möglicherweise etwas Morbides und (subjektiv) nicht eben Erstrebenswertes. Wenn man, primär, die Zeichen der Ewigkeit sieht, so wie Pessoa, wird man von der Zeitlichkeit gerne ignoriert, und man hat dann halt nur seine kleine Ewigkeit. Die Zeitlichkeit hofft aber auf die Ewigkeit, um in ihr die Möglichkeit ihrer Transzendenz zu erblicken. Zeitlichkeit und Ewigkeit stehen in einem Wechselverhältnis und sind nur über dieses einigermaßen begreifbar.

Zeitlichkeit und Ewigkeit ist, scheinbar, das Zusammentreffen von Subjektivität und Objektivtät. Die Subjektivität wird im Objektiven (positiv oder negativ) aufgehoben und in ihr geborgen, die Objektivtät aktualisiert sich notwendigerweise aber eben im Subjektiven. Wenn das Subjektive so bedeutsam wird, dass es objektive Bedeutsamkeit und Gültigkeit erlangt, erreicht man die Sphäre des Ideals. Das Ideal ruht in sich selbst und ist unzerstörbar und ist ewig. Es ist geronnen und erstarrt, und es geht durch die Zeit und es ist lebendig. Es ist der Ort, wo die zeitliche Subjektivität und eine eherne, ewige Objektivität sich treffen. Das Ideal hat keine feste Form und es ist unvorhersehbar. Wer aber in der Sphäre des Ideals angelangt ist, ist, zumindest dort, frei. Es kann aber durchaus sein, dass es von dort aus komisch aussieht. Die Ewigkeit können ungute Räume sein (nichtsdestoweniger aber trotzdem interessante Räume).

„Ich sehe die wirklichen Genies und Sieger – die großen wie die kleinen – durch die Nacht der Dinge segeln, nicht wissend, was ihre stolzen Buge durchpflügen in dieser Sargassosee aus Verpackungsstroh und Korkresten.“

„Eure Argonauten trotzten Ungeheuern und Ängsten. Auch ich musste auf der Reise meines Denkens Ungeheuern und Ängsten trotzen. Auf dem Weg zu abstraken Abgrund, auf dem Grund aller Dinge, gilt es Schrecknisse zu durchstehen, unvorstellbar für die Menschen unserer Welt, und Ängste, fremd aller menschlichen Erfahrung; das Kap des gemeinen Meers, das zum Unbestimmten führt, ist menschlicher vielleicht als der abstrakte Weg zum Vakuum der Welt.

Der Heimatstatt beraubt, vom Heimweg vertrieben, Witwer für immer der Annehmlichkeit eines immergleichen Lebens, erreichten eure Sendboten endlich – ihr wart schon verstorben – das ozeanische Ende der Welt. Sie schauten – stofflich – einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Ich, fern der Wege meiner selbst, blind vom Sehen des Lebens, das ich liebe, (…), habe endlich auch das leere Ende der Dinge erreicht, das unwägbare Ufer der Grenze aller Wesen, die Pforte ohne Ort zum abstraken Abgrund der Welt. Ich trat, Herr, durch diese Pforte. Ich irrte, Herr, über dieses Meer. Ich starrte, Herr, in diesen unsichtbaren Abgrund.“

„Der Wert der Kunst besteht darin, dass sie uns aus dem Hier holt.“

(Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)

Die Möglichkeit, die Ewigkeit zu sehen, liegt im Geist, und sie liegt in der Seele. Sie liegt, am Besten, im Zusammenspiel von Geist und Seele. Der Geist durchdringt sich selbst und frisst sich in die Dinge. Das ist sein Wesen. Er vertieft sich in sich selbst. Er korrodiert die Dinge und relativiert ihre Bedeutung und schafft neue Dinge. Durch die Reflexion über die Reflexion sprengt er schließlich die Begrenzungen und die materielle Hyle und gelangt in ein neues Reich der Bedeutungen, und gelangt in das Reich der ewigen Bedeutungen, wenn der Geist sich vollständig realisiert hat, und somit die ewigen Bedeutungen begreift.

Das Begreifen der, scheinbar starren, ewigen Bedeutungen ist dabei ein höchst dynamischer, sich ständig wandelnder Prozess, eben die Reflexion der Reflexion, als der letzten Wirklichkeit des Geistes. In dieser Ewigkeit (des Geistes) ruht nichts. Es rotiert und fluktuiert alles herum, um eben das ideale ewige Zentrum des Geistes, das in Stasis ist, da es in sich selbst ruht, und keine Bedingungen anerkennt als seine eigene reine Subjektivität und die möglichst reine Objektivität der Dinge und der Vorgänge, die der Geist beobachtet.

Wenn der Geist sich verwirklicht hat, eben indem er sich permanent verwirklicht, über die Reflexion der Reflexion, erscheinen die Zeichen der Ewigkeit und die Räume und Felder der Ewigkeit. Die Zeichen und die Räume und die Felder der Ewigkeit sind ebenso universell, wie sie privat sind. Sie sind zum Beispiel die Erleuchtung, das Satori, oder auch die unio mystica. Sie erscheinen in der großen Kunst, in den Landschaften von Tarkowskij oder Antonioni zum Beispiel hat man einen Blick auf die ewigen Felder.

Wenn mir die Zeichen und die Perspektiven auf die Ewigkeit erscheinen, ist das etwas Geistiges und es ist etwas Körperliches. Der Geist tritt aus sich selbst heraus, und nimmt den Körper mit, die starren Formen der Ewigkeit wiederum fixieren den Geist, und sie fixieren den Leib. Es sind starre, einfache Architekturen, die unendlich robusten Verstrebungen, sie wachsen aus dem Leib heraus und durch ihn hindurch, so dass der Geist und der Leib nicht wegkönnen; von ihrem in die Zeitlichkeit geworfenen Reflektieren, das die Ewigkeit zum Gegenstand hat. Was mich anlangt, so kann ich von dort nicht weg. Das ist, bei allen ekstatischen Erlebnissen, nicht immer angenehm, sondern durchaus auch dessen Gegenteil. In meiner radikalen Freiheit bin ich gefangen, in meiner Gefangenschaft in Zeit und Ewigkeit bis ich radikal frei. Die Zeichen der Ewigkeit treten vor mein geistiges Auge und in mein inneres Erleben mal so, mal so. Jetzt zum Beispiel erscheint mir folgendes Zeichen der Ewigkeit:

Dieses Zeichen der Ewigkeit erscheint vor meinem Geist, und wandert jetzt auf das Firmament, brennt sich in den Himmel ein und ist dann dort.

Das Zeichen der Ewigkeit hängt am Himmel, einigermaßen groß, und blickt stumm und ein wenig ernsthaft, ein wenig überwältigend, ein wenig durchdringend auf uns hinab. Sein metaphysisches Charisma liegt dabei nicht darin, dass es kommuniziert, denn es kommuniziert nicht. Es liegt nicht darin, dass es tatsächlich blickt, denn es ist augenlos. Inwieweit es Wissen beinhaltet, weiß man nicht. Es ist unkompliziert, es ist simpel, aufdringlich und unwandelbar. Es ist präsent. Sein metaphysisches Charisma ist es, einfach präsent zu sein. Es gemahnt an die ewige Möglichkeit einer anderen Ordnung, und damit an die Relativität der jeweiligen zeitlichen Ordnung. Es gemahnt an die Ewigkeit. Dass es sich in das Firmament eingebrannt hat, gemahnt, genau gesagt, an das Wechselverhältnis zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit. Von der Ewigkeit aus blicke ich auf die Zeitlichkeit und relativiere sie so (ein wenig, da ich trotzdem der Zeitlichkeit angehöre), von der Zeitlichkeit aus blicke ich auf die (sich der definitiven Kommunikation entziehende, und offenbar eigentlich dumme und stumme) Ewigkeit, und transzendiere so die Zeitlichkeit, und ermögliche in der Zeitlichkeit großen Fortschritt.

Das Zeichen der Ewigkeit hat sich in das Firmamen eingefressen und besteht dort. Es wird dort noch bestehen, wenn die Sonne längst verloschen ist, so mächtig ist es. Vielleicht wird es irgendwann einmal anfangen, zu verblassen. Sein Verblassen wird erst in ferner Zukunft stattfinden und der Prozess seines Verblassens wird sich noch viel länger hinziehen als die Zeit seines unverblassten ursprünglichen Bestehens. Irgendwann, in der fernsten Zukunft des Universums, mag es ganz verblasst sein. Wobei das nur eine Möglichkeit ist, es ist nicht einmal sicher. Es erscheint nur wahrscheinlich, auch weil die Zeitlichkeit in der fernsten Zukunft des Universums, in der alle Ordnungen zerfallen sein werden, eine andere sein wird, und damit auch ihr ewiger Reflex ein anderer. Das metaphysische Charisma des Zeichens der Ewigkeit wird nicht mehr in der Präsenz liegen, sondern in seiner verblassenden Absenz.

Das ist die Ewigkeit des Geistes. Dann gibt es die Ewigkeit, die in der Seele liegt. Die Substanz der Seele liegt darin, gute, empathische Bezüge zu schaffen, zu sich und zu dem, was sie umgibt. Zu dem, was in ihr liegt, und zu dem, was außerhalb von ihr liegt: zum Anderen. Die Ewigkeit der Seele ist der Himmel. Der Himmel besteht in der permanenten Kommunion mit Christus, dem Allesvereiniger, dem Hersteller des guten Bezugs und der guten Bezüglichkeit. Das ist die Ewigkeit der Seele. Sie ist, in ihrem Sinnbild, eher was Wolkenhaftes und Luftiges als was Starres.

Man sieht, die Ewigkeit der Seele zu beschreiben, ist nicht schwierig; ist weniger schwierig, als die Ewigkeit des Geistes zu beschreiben, die sich der definitiven Beschreibbarkeit und definitiven Anschaulichkeit entzieht. Angesichts der Ewigkeit des Geistes hat man nur verschwimmende Anschauungen oder eben, als Gegenteil, stumme und gänzlich unterkomplexe (allerdings hochsuggestive) Zeichen. Die Ewigkeit der Seele ist etwas Emotionales (und Moralisches!), und nicht etwas Intellektuelles oder Anschauliches. Das Emotionale hat seine Präsenz nicht in Anschauungen oder Zeichen, sonden in sich selbst. Das ist der Himmel.

Petrarca wäre aber dann doch nicht Petrarca, wenn nicht – trotz aller Besorgnis um Zeitlichkeit und weltlichen Ruhm – auch er zur Ewigkeit vorgedrungen wäre! Petrarca beschäftigt sich, als Universaldichter und Universaldenker und Universalmensch, zeitlebens mit dem pensare, der Ausdehnung des Geistes, um die horizontale Mannigfaltigkeit der Welt zu erfassen, die disparat und gottlos ist (im Gegensatz zu (dem ebenfalls sehr rumsüchtigen und daher folgerichtig von Petrarca getadelten) Dante, der die vertikale Mannigfaltigkeit der Welt erfassen will, also der göttlichen Seins- und Heilsordnung (und bei dem sich das Denken und die Anschauung angesichts der höchsten Instanz, des Göttlichen, auflösen; was bleibt ist die „Liebe, die bewegt die Sonn und Sterne“, also eben die Essenz des Himmels)). Das absolute pensare dringt einerseits in sich selbst, und ist andererseits von grenzenloser Ausdehnung (die aber nichtsdestoweniger einen Horizont hat, hinter dem das ewig Unbekannte liegt: die absolute Zukunft und das Wissen (in) der absoluten Zukunft, die von keinem Denken der Welt antizipiert werden können; das absolute Denken beherrscht es aber, so gut es geht, indem es das nicht antizipierbare Wissen antizipiert und sich darauf vorbreitet: insofern das absolute Wissen und das absolute Denken eben permanent auf neues Wissen und neues Denken sich vorbereitet). Der sich intensivierende Kraftakt des Denkens hat schließlich zum Lohn, dass es zum Stillstand kommt, und die „Welt in unbeweglichem und ewigem Zustand erblickt“, und Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft zusammenfallen; die unüberblickbare Vielheit der Welt wird im Rahmen einer überweltlichen Einheit der Weltanschauung und –introspektion begriffen. Die Sukzession der Zeit (und die disparate, gottlose Vielheit, die sich über die Suzession der Zeit entfaltet) wird aufgehoben und du erblickst dann ihre Vielfalt im Raum, in dem die Ereignisse der Welt zusammentreffen: eine Versammlung der Ereignisse der Zeit im Raum der Anschauung. Da tanzen sie also alle an, die Ereignisse und die Großen und die Kleinen der Weltgeschichte! Ich sehe sie alle wieder! In diesem Raum triffst du auch Petrarca wieder (ich nannte diesen kommunalen Raum schon mehrmals „das Kontinuum“). Ich treffe, genau gesagt, nicht Petrarca wieder, sondern seinen ewigen Geist. Dieser Raum, oder „das Kontinuum“, ist kein Raum des Triumphes des Ruhmträchtigen, der in der Zeitlichkeit stattfindet, sondern es ist der imaginäre Raum des Triumphes der Ewigkeit, eben über die Zeitlichkeit. Es ist der Raum des Ideals, das unzerstörbar ist, der Raum der abstrakten Unsterblichkeit. Abstrakte Unsterblichkeit heißt, dass etwas Sinn im Universum macht. Dass sich ein Text in die Struktur des Universums einbrennt. Das ist ein viel tieferes Ereignis als jeglicher Ruhm.

Ohne das jeweils andere sind beide nichts, ohne die Zeitlichkeit zerfällt die Ewigkeit, und umgekehrt. Das versteht ein jeder und eine jede. Vielleicht existieren beide auch nur, objektiv, als Wechselverhältnis. Doch das ist kaum beantwortbar (da es schon schwer genug ist, als zeitliches Wesen in der Ewigkeit anzulangen – wie also das Wechselverhältnis Zeitlichkeit – Ewigkeit möglicherweise auch noch transzendieren? (hier wird es „aufgelöst“, indem es wechselseitig immanent gemacht wird) Wie lässt sich, möglicherweise, ein solcher Raum betreten? Zu untersuchen!!; Anm.). Was wir hier versucht haben, war, das metaphysische Verhältnis zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit zu beschreiben, angesichts dessen die letzten Beschreibungen versagen, da es, inhärent, hinter dem Horizont liegt. Sein Rest ist Schweigen. Und diese Ausführungen hier eben sind beredtes Schweigen. Damit schließt sich der überdimensionale Zirkel. Und ein Zirkel läuft eben ewig fort. Ich bin schon gespannt auf das nächste Zeichen der Ewigkeit, das mir früher oder später erscheinen wird. Denn die Ewigkeit gibt mir (und auch dir) Zeichen. (Und wie sollte ich verstehen, was er meint, überlegt Wittgenstein, ich sehe ja nur seine Zeichen. Und wie sollte er verstehen, was ich meine, überlegt Wittgenstein weiter, er sieht ja nur meine Zeichen.) Momentan bin ich aber mit diesen drei Balken und der Art Türklinke drüber ganz zufrieden.

Petrarca und die angeschissene Wand

Ich bestreite nicht, dass ich von Natur aus aufs höchste nach Ruhm begierig bin, bestreitet der alte Petrarca nicht, und geht mir damit auf den Arsch. Bin ein armes Mägdelein, hab in mein` Leben kaum was erlernt, doch mein Herz ist rein, und eins weiß ich: dass die Eitelkeit und die Selbstsucht alles versaut. Ruhm – mit Handschuhen fasse ich diese Münze an, mit Ekel trete ich sie unter mich … Wer will bezahlt sein? Die Käuflichen… sagt der alte Nietzsche, der auch weiß: Und niemand lügt so viel wie die Dichter! Der Dichterfürst, der Petrarca, posaunt auch noch hinaus: Das Verlangen nach Ruhm ist nicht nur den gewöhnlichen Menschen, sondern ganz besonders den gelehrten und herausragenden eingeboren. Votze, Titte, Pimmel, Arsch! Der Sinn von Kunst, von Wissenschaft, von Religion, von Philosophie, ergo: der Sinn vom Geist ist die Schaffung einer Epiphanie der Wahrheit, des Schönen, des Guten, der Ordnung. Und das kann nur über Entäußerung geschehen, nicht über dessen Gegenteil, die Ruhmsucht. Das ist das Einzige, was ich weiß; das ist das einzige, was ich im Leben mitbekomm` hab! Beim Petrarcalesen muss ich immer so komisch schaun. Was ist da der Sinn dahinter? Aber was kann ein alter Geck wie son Petrarca auch schon zu sagen haben, welche Sinnhaftigkeit soll die Ruhmsucht schon haben? Zuviel der Worte, zu wenig der Inhalt, und rektal gedrechselt wirken diese Dinger außerdem, so wie die Anal Staircase von Coil, wie soll man sich da raufmühen, ohne dass einem scheißschwindlig wird und man dauernd die Orientierung verliert? Was für eine dünne Scheiße, das:

Lebt noch, Apoll, das an Thessaliens Wogen

Dich einst entbrannt, dein seliges Verlangen,

Gedenkst du noch, ob Jahre schon vergangen,

Des blonden Haares, dem du einst gewogen,

So schütze dieser heiligen Zweige Bogen,

Die dich zuerst und mich darauf gefangen,

Vor Frost und Wettern, die am Himmel hangen,

So lang dein Antlitz trübe sich umzogen.

Bei deiner Hoffnung fleh ich, deinen Flammen,

Die aufrecht dich erhielten einst im Leiden,

O nimmt die böse Luft von unsern Matten!

Dann sehen voll Verwunderung wir zusammen

Sitzen im Gras die Herrin von uns beiden

Und selbst mit ihren Armen sich beschatten.

Sagen Sie das meinem Arsch! entgegnet darauf Angeklagter Pimmel zu Richterin Votze im Jahr 1374, in der Gerichtsverhandlung, in der er zum Tode verurteilt wird, weil er die Kokosnuss geklaut hat, und das aufplatzende Gelächter des zuschauenden Pöbels ist unendlich – das ist es, was die guten Leute hören wollen! Ja, scheiß einer die Wand an, ich kotz gleich halb Europa voll!

Den 29. März anno 2020

Addendum: HA, was für eine göttliche Fügung, dass ich bei der Suche nach Manni über FB nach etwas dazu passendem gerade AUF DAS DA stoße: 

Gestern Abend, kurz vor dem Einschlafen, also zu dem Zeitpunkt, wo ich immer meine besten Ideen habe, schießt mir folgender Blitz durchs Hirn: Zwei matt glänzende schwarze metallene Quader, 5x5x2cm: Wenn die Katze sie frisst und sie wieder rausscheißt, wie soll das gehen, ohne dass sie sich dabei das Arschloch aufreißt? Ja, da raucht der Kopf, so eine schwere Denkaufgabe! Wenn mir die Lösung des Rätsels gelingt, wie soll das gehen, ohne dass mir vor Intensität das Arschloch explodiert? Wenn der B mich noch einmal, wie dauernd, einen Homo nennt, werde ich zu ihm sagen: Und du bist ein sehr schlechter Hetero! Yorick locuta, causa finita.

(Aus dem Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken)

(Den Comic, wo das Murmeltier täglich grüßt mit den Worten: Ja scheiß einer die Wand an, das ist doch Manni, der alte Ficker! Mensch, grüß dich du alte Fickfotze! wenn Manni unten aufm Weg zur Arbeit bei ihm am Balkon vorbeikommt, und der sich dann frustriert denkt: Jeden Tag dasselbe…, habe ich leider nicht gefunden.)

Else Lasker-Schüler und Sappho

„Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Grossstädterin. Aber vielleicht irre ich da gründlich, es gibt viele, die sie lieben, Werfel z. B. spricht von ihr nur mit Begeisterung. Ja, es geht ihr schlecht, ihr zweiter Mann hat sie verlassen, soviel ich weiss, auch bei uns sammelt man für sie; ich habe 5 K hergeben müssen, ohne das geringste Mitgefühl für sie zu haben; ich weiss den eigentlichen Grund nicht, aber ich stelle mir sie immer nur als eine Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt.“ So schreibt Franz Kafka an Felice Bauer über Else Lasker-Schüler. Ich bin, wie Kafka oder Beckett, überhaupt nicht gerne kritisch, da sich in der Kritik etwas Herabsetzendes und möglicherweise was Ungerechtes verbirgt. Aber ich kann mir leider nicht helfen, auch nach einer mehrmaligen Lektüre der Liebeslyrik von der Lasker-Schüler ganz ähnlich zu empfinden! Man hat da keine intensiven Bilder (ja, eigentlich überhaupt keine Bilder – allerdings den offenbar ausgeprägten Willen (irrationale, intensive, eben poetische) Bilder zu schaffen); trotz einer gewissen Enge der Motive und Symbolismen nichts Kompaktes, aufgrund auch der Sprunghaftigkeit innerhalb auch der einzelnen, eher kurzen Gedichte – Sprunghaftigkeit und Assoziation, die normalerweise für die gute Öffnung sorgen (des Geistes, des Auges, des Herzens, der Imagination), hier aber nur von einer Verlassenheit in die andere führen; genau gesagt: man spürt in diesen Liebesgedichten irgendwie nichts von einer Liebe; was man vor sich hat, scheint Wortklauberei. Das oftmalige Problem des Expressionismus, dass er eigentlich nur expressiv ist, und sonst nichts (also Ausdruck ohne Inhalt). Nur Narr! Nur Dichter! – Ich geniere mich! Anders als praktisch alle anderen, die gerne kritisch sind und so gern autoritative Urteile fällen im Sinne von einer letztinstanzlichen Beurteilung – aufgrund ihres beschränkten Verstandes und ihrer beschränkten Aufnahmefähigkeit einerseits und ihrer vermaledeiten Eitelkeit andererseits, die dann aus der Not des beschränkten Verständnisses eben auch noch eine Tugend machen will, indem sie ihre beschränkten Verständnisse als letztinstanzlich zementieren will – anders also als das, liebe ich es weder, letztinstanzliche Urteile (noch überhaupt Urteile) zu fällen, und auch nicht, kritisch zu sein. Es befällt mich so große Scham, dass ich mich am liebsten unter dem Bett verkriechen würde, dass meine Anschauungen von der Lyrik der Else Lasker-Schüler so ungünstig ausfallen; vielleicht irre ich mich, ja, ich hoffe sogar, ich irre mich! Kafka räumt ja auch die Möglichkeit ein, dass er sich irren könnte. Klar, wenn sich Kafka nicht fragen würde, ob er sich nicht gründlich irre, wäre er – in seinem gesunden wie in seinem kranken Sinne – nicht Kafka; aber eben weil er Kafka ist, und nicht Werfel und all die anderen, ist seine Auffassung eben vertrauenswürdiger, da Kafka nicht, wie Werfel und Literaten im Allgemeinen, ein Handwerker war, sondern, wie Beckett oder van Gogh oder Pessoa, die Urphänomene gesehen hat. Kafka oder Beckett oder van Gogh wussten auch viel besser, was Liebe ist, so haben sie auch wenig Worte darüber verloren. Das Urteil von Kafka hat Gewicht. Wenn ich mich an die Kafka-Biographien recht erinnere, hat die Lasker-Schüler einmal ihrerseits ein Porträt von den Literaten im Kaffeehaus gezeichnet: Und Kafka war als einziger mit einer Art Heiligenschein versehen! Ach Else, arme, ewig wandernde Jüdin, mit deiner Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem! Kann es nicht doch eine Verbindung zwischen uns geben? Ich war ja auch lange eine Säuferin, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt. Mein Geist war dabei aber vollkommen klar und weich wie Diamant. Deswegen ist es gut, dass es ein Sozialsystem gibt, da ich ansonsten schon längst verendet wäre oder von Almosen leben müsste. Ob Literatenzirkel mir 5 K geben würden, weiß ich nicht, da ich keinen angehöre, sondern ein Einzelgänger bin, wie Kafka. Im Elysium werde ich die Else Lasker-Schüler wiedersehen, falls sie dort ist; vielleicht, wahrscheinlich, werde ich mir dann ein genaueres Bild von ihr machen können. Allein von jemandes sprachlichen Ausdruck her ist das nämlich nicht zielführend. Man sollte davon Abstand halten.

Die Feministinnen schreien immer wieder laut auf, wie unterdrückt die Frauen seien und wie schmachvoll verkannt ihre künstlerischen Großtaten. Das ist zwar immer wieder Fall (im Übrigen auch bei Männern), es ist immer wieder aber auch nicht der Fall (zumindest eher nicht dann, wenn eine echte künstlerische Großtat vorliegt). Auch wenn ihr Werk größtenteils verlorengegangen ist, wandert die Sappho durch die Zeiten. Im alten, misogynen Griechenland war sie beliebt, der alte Weiberfeind Platon hat sie als „zehnte Muse“ bezeichnet. Eine mystische Figur, und eine Muse, ist sie bis heute geblieben. Die Lyrik der Sappho ist das erste Beispiel, wo ein literarisches Ich eingeführt wird, das von seinen Gefühlen, Wahrnehmungen, inneren Regungen etc. spricht (wie Frauen das halt tun). Das in einer ungekünstelten Sprache, so dass ihre Poesie den „Charme der absoluten Natürlichkeit“ hat (wie Frauen das halt mal idealerweise haben). Ein unvollkommenes Bild kann man sich davon leider nur machen, wenn man es nicht im Original versteht; außerdem war die Lyrik der damaligen Zeit dafür bestimmt, vorgesungen zu werden, wie Frauen das halt tun, daher fehlt uns diese, möglicherweise wichtige Dimension. Die Dichtung der Sappho habe ich anfänglich auch nicht so gut gefunden, mangelnd an Substanz und an starken, greifbaren Eindrücken, es fehlt an überraschenden Wendungen und spektakulären Einfällen, aber vielleicht wirkt sie gerade deswegen eher langsam und subtiler. Sie hat, bei all der Leichtigkeit, auch etwas Erhabenes und etwas hintergründig lächelnd Unbesiegbares, nicht mehr Transzendierbares, so wie Frauen das eben haben. Ehrfurcht gebietend auch, da es das Werk einer Griechin ist; also einer praktisch Unberührbaren. Es ist uralt, es stammt vom Apex, vom Olymp der Menschheitsgeschichte, überhelle Sonne strahlt von weit oben auf das fröhlich-schaurige Treiben der griechischen Erwachsenen-Kinder, mit ihrer eigentümlichen Allwissenheit kann es keiner aufnehmen (selbst Nietzsche schreibt in seinem späten Buch darüber, wie man mit dem Hammer philosophiert, dass ihm die Art der alten Griechen „zu fremd“ sei); unberührbare, unantastbare Sappho also, entrückte Figur. Hölderlin, den man gerne verehrt, war ein großer Verehrer der Sappho, und große Ähnlichkeiten sind da. Leider scheint die Sappho dagegen abzufallen, da sie die charismatische Verworrenheit und die sich daraus ergebende absorbierende Sogwirkung, die erschreckende Absolutheit, das gleichermaßen bannende wie gebannte Auge der Hölderlinschen Dichtung nicht hat. Die Dichtung von der Sappho ist ja auch keine metaphysische Dichtung, wenngleich der Glanz der flirrenden Sonne, die elysische griechische, ideale Landschaften bescheint, da ist. Die Bilder sind flirrend, aber das optische Instrumentarium ist gut und brauchbar, und man hat da eben die Sonne und die griechischen Landschaften. Man hat da, wie bei Hölderlin, was, was ich noch immer nicht richtig ausdrücken kann: aber man hat in dieser Sprache innere Verstrebungen, die sie höchst dichterisch machen, in dieser Mischung aus freier Rede und erzener Form, die vom Genius zusammengehalten wird, der dann auch die charismatische Grenze ihrer Verständnismöglichkeit ist, von der dann eben die absorbierende Sogwirkung ausgeht. Obwohl ich die Sappho anfänglich nicht so gut gefunden habe, zieht sie mich langsam in ihren Bann (das heißt, möglicherweise, denn es kann ja auch sein, dass diese wachsende Faszination instabil ist). Es ist sehr schade, dass nur sehr wenig von ihr erhalten ist, und das wenige Erhaltene meistens außerdem nur in Fragmenten vorliegt. Ja, schade, denn ich glaube, Gesamtausgaben von der Sappho würde ich schon kennen wollen. Halten wir inne: In unserem Zeitalter und mit unseren Möglichkeiten sind wir gewöhnt, dass die Archive ständig anwachsen, ins Hypertrophe, ins Gigantische. Aber wir müssen uns damit abfinden, dass in Wirklichkeit auch vieles verloren gegangen ist und für immer der Rekonstruierbarkeit und dem wissenschaftlichen Zugriff entzogen bleiben wird, die Wissenschaft daher auch für immer unvollständig bleiben wird, da sich entscheidende (zum Beispiel erd- oder evolutionsgeschichtliche) Daten im Dunkel der Vergangenheit vollständig verlieren. Sie sind verloren! Nicht mehr existent! Unwiederbringlich! Halten wir feierlich und erschüttert inne! (Zumindest ich fühle mich danach, feierlich und erschüttert angesichts dessen inne zu halten.) Im dreizehnten Jahrhundert bereits vermerkt der Gräzist John Tzetzes in Byzanz: „Der Lauf der Zeit hat die Sappho und ihr Werk zerstört.“ Das hat schon irgendwas Erhabenes und gibt einem zu denken. Da besiegt so mancher die Zeit, indem er was Ewiges macht oder was Ewiges ist, so wie eben die Sappho, und dann kann aber doch der blinde Lauf der Zeit daherkommen, und das effektiv zerstören und annullieren! Da mag sich einer denken: er besiegt die Zeit, und dann besiegt die Zeit ihn! Wird der Kampf zwischen Gut und Böse, vielmehr: der Kampf zwischen den Dimensionen immer unentschieden weitergehen? Ich bin immer wieder nervös und beängstigt, da ich in der realen Welt ganz, ganz klein bin und mein Werk in der realen Welt sinnlos sein könnte und verloren gehen könnte und alles umsonst gewesen sein könnte, die realweltliche Erfahrung suggeriert mir das ja recht stark; gleichzeitig aber auch völlig beruhigt, insofern ich mein Werk weiß als außerhalb von Raum und Zeit, jenseits von Leben und Tod und als mächtiger als alle Welt: denn mein Werk ist der Geist. Stelle ich mir aber eben den Lauf der Zeit vor, einen ächzenden Strom, wie irgendeine mächtige, brutale Hand da rausfährt und an einer anderen Stelle hineingreift und mich und mein Werk rausreißt aus dem Lauf der Zeit und wegwirft, so dass ich vergessen wäre, ausradiert, zerstört, unwiederbringlich; aus dem Lauf der Zeit entfernt und aus der Ewigkeit. – Also, ich muss schon sagen, dass diese Vision als spontane Reaktion ein ironisches Lächeln bei mir hervorruft.

(Der Zusammenhang ergibt sich hier deshalb so, weil ich mir in der ehemaligen Zentralbuchhandlung eben einen Band mit den Gedichten der Sappho und der Liebesgedichten der Lasker-Schüler mitgenommen habe, als Spontankauf. Die Zentralbuchhandlung beim Stephansplatz war eine geistig hochstehende linkslinke Buchhandlung, in die mein seliger Vater immer gegangen ist, wenn wir in Wien waren. Nachher wurde sie dann vom Frick übernommen, blieb aber eine geistig hochstehende, bemerkenswert gut sortierte Filiale – in der übrigens auch meine Bücher verkauft wurden (zunächst erfolgreich, dann nicht mehr erfolgreich; je besser und geistig hochstehender sie eben geworden sind). Seit ein paar Jahren ist sie auch das nicht mehr, sondern es werden dort Restposten und Mängel- und Billigexemplare verscherbelt, allerdings von teilweise geistig hoch- und höchststehender Literatur. Etliche Bücher von/über die christlichen MystikerInnen (über die ich bereits berichtet habe) habe ich von dort (gegenüber ist die Dombuchhandlung, wo es auch Bücher von/über MystikerInnen gibt, allerdings teurere, und im Hinblick auf die islamische Mystik sind sie leider gar nicht gut sortiert; irgendwann werde ich mich zurückziehen in ein Kloster und dort die Mystik studieren (vor allem die frühchristliche finde ich zur Zeit recht interessant)); und jetzt eben auch die von der Else Lasker-Schüler und der Sappho (und dem Petrarca). Das sei doch eine sehr gut sortierte, geistig hochstehende Buchhandlung gewesen, habe ich den Herrn dort gefragt, mit fuchtelnden Händen, als ich mich eines Tages eben verblüfft in der Restpostenbuchhandlung wiedergefunden habe, warum gibt´s die also nicht mehr? Ja leider, hat er gemeint, gute Bücher hat´s da gegeben, viel Philosophie – aber Philosophie und so, das lesen die Leute eben nicht mehr, und so sei es jetzt eben eine Restpostenbuchhandlung. Da habe ich wieder einmal meine Position und meinen Auftrag verstanden: Mein Auftrag ist es, die Leute, die breiten Massen wieder zur Kunst und zur geistig hochstehenden Philosophie zu bringen! (Dass die Leute von der Kunst und von der Philosophie wenig nur mehr wissen wollen, erscheint einleuchtend, da diese seit geraumer Zeit kraftlos sind und defensiv, und nicht mehr wirklich an sich selbst glauben. Also muss man ganz einfach etwas dermaßen Kraftvolles an Kunst und Philosophie in die Welt setzen, dass die Welt erzittert. Wenn China erwacht, erzittert die Erde; das ist heute das Thema; also muss man eben was machen, was den Verstand von ganz China überschreitet und erzittern lässt. Dann wird man die Leute, die breiten Massen, wieder zur Kunst und zur Philosophie bringen. Au ja! So wird das sicher funktionieren!))

Ich habe schon dann und wann ruminiert, dass mir die Poesie generell suspekt ist. Die Poesie, die Lyrik ist die höchste Konzentriertheit des sprachlichen Ausdrucks; auch der am höchsten konzentrierte künstlerische Ausdruck der menschlichen Subjektivität. Die menschliche Subjektivität ist aber eher etwas zu Verschrumpeltes, als dass ein höchst konzentrierter Ausdruck ihrer selbst anzunehmenderweise gut gelingen könnte. Ich mache mit mir selber da ja gar keine Ausnahme, denn auch ich bin die meiste Zeit, und so auch jetzt, leer. Es gibt nichts, was mich jetzt dazu verleiten würde, eine Ode an den Himmel zu dichten, an die Vögel, die vorbeifliegen, an die Bäume, die da draußen stehen oder an die Liebe, die ich empfinde. Und das, obwohl ich ein hochpoetischer Mensch bin! Ich glaube also, jemand, der Oden an die Bäume und an den Himmel und an die Liebe dichtet, sich dauernd dazu verleitet fühlt – der lügt (wie es ja auch Nietzsche über die Dichter sagt). Denn es gibt da nichts darüber zu dichten. Aber wie auch immer es sei. – Als ich mit meiner geliebten Liliana neulich am Ende der Welt war, auf einem Boot in den Beagle-Kanälen, haben wir Fotos von uns durch das Fenster gemacht (ich von draußen, sie von drinnen), die dann einen interessanten, mehrmals gespiegelten Ausdruck ergeben haben, sodass die Situation überhaupt nicht leicht dechiffrierbar ist. Wer was wie wo?? Meine geliebte Liliana mag keine Chinesinnen und ist sehr eifersüchtig auf sie und meint, ich hätte ständig was mit Chinesinnen. Also habe ich ihr gesagt, dass jenes Foto die gesamte weibliche Hälfte von China ganz konfus machen werde. Die gesamte weibliche Hälfte von ganz China observiere und studiere nämlich alles, was ich mache und publiziere, und wenn die lasterhaften Chinesinnen jenes unerklärliche Foto sehen würden, wäre die Aufregung und die Konfusion und Bestürztheit in ganz China riesengroß; ??Tsching tsching tsching??? Tsching tsching tsching???!!?? würden sie dann alle, bestürzt und konfus, rufen; ??Tsching tsching tsching??? Tsching tsching tsching???!!?? Wenn ich mir jetzt aber Gedichtbände durchlese (wie jetzt zum Beispiel eben den von Petrarca), und versuche, in die Essenz, in den lodernden Feuerkern, in das künstlerische, nein, das seelische Geheimnis einzudringen, das dort anzunehmenderweise irgendwo verborgen sein muss, listig versteckt – also, ich kann mir auch nicht helfen: Da sitze ich doch immer wieder da, mit konfusem Gesichtsausdruck, und scheine mich zu fragen ?Tsching tsching tsching?? Tsching tsching tsching??? Es kann gut sein, dass manche Dinge eben auch besser ein Geheimnis bleiben.

??Tsching tsching tsching??? Tsching tsching tsching???!!?? Ayayayayyy!!

Amiel und der absolute Geist

Henri-Frédéric Amiel (27. September 1821 in Genf – 11. Mai 1881 ebendort) hatte ein Herz aus Gold, ein Talent aus Silber und die Gravität eines sehr schweren, sehr selten vorkommenden Elementes. Mit so etwas kann der Pöbelhaufen Menschheit immer wieder nichts anfangen, und so erinnert sich heute kaum einer mehr an den armen Amiel. Dabei kann man bei Amiel vieles lernen und vieles sehen, denn Amiel hat in einer höhere, bessere Welt geblickt, und auch die niedere, empirische Welt begriffen;  er war eine diesseitige und eine jenseitige Figur. Amiel war der seltsame Fall eines Genies, das weder als Gelehrter noch als Künstler etwas Bleibendes hinterlassen hat (und unter dieser Unzulänglichkeit zeit seines Leben stark gelitten hat). Seine rastlose Produktivität hat sich in der Niederschrift seines (insgesamt 17.000 Seiten umfassenden) Tagebuchs manifestiert, das erst posthum erschienen ist, dann aber für einiges an Wirbel gesorgt hat – neben Hugo von Hoffmansthal waren auch Fernando Pessoa und Friedrich „Manche werden posthum geboren“ Nietzsche unter den Bewunderern; der wirkungsmächtigste Anhänger wurde aber Leo Tolstoi, der die Tagebücher in Russland herausgegeben hat und sie bis zu seinem Tod in seiner unmittelbaren Nähe bei sich hatte, stets griffbereit: hat er sie doch in eine Reihe mit den Werken von Epikur oder Marc Aurel gestellt! Gegenwärtig ist im deutschen Sprachraum nur eine Anthologie von gut 300 Seiten erhältlich. Ich habe sie vor einigen Jahren mal gelesen (ich bin auf Amiel gestoßen, nachdem Pessoa ihn in seinen Aufzeichnungen zum Thema Genie und Wahnsinn kurz einmal als „trauriges Beispiel“ erwähnt hat), und jetzt, nachdem ich mich ein wenig mehr mit Tolstoi konfrontiert habe, noch einmal. Das Genie ist im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt, es untersucht seinen eigenen Geist – eitel und selbstbezogen ist es deswegen nicht, denn in seinem Geist und in seinen Beschäftigungen mit dem Geist spiegelt sich, hochgradig urtümlich, die Welt; es bedeutet im Wesentlichen eine abnorme Introspektionsfähigkeit in einen Gegenstand, daher ist es introvertiert und unkommunikativ – gleichzeitig aber eben extrem kommunikativ und extravertiert, weltzugewandt. Seine Kommunikation mit der Umwelt ist paradox, und öfters wird es eben darum posthum geboren. Das alles hat man bei Amiel, dessen Unglück es dabei war, offenbar kein Talent zum künstlerischen, wissenschaftlichen oder philosophischen Ausdruck zu haben; seine Form war die intimste und am schwersten zeitgenössisch vermittelbare: eben das Tagebuch. Das war das Kreuz, das er tragen musste, wie wir alle es irgendwie tun müssen. So mag Amiel noch dazu den Hohn zu spüren bekommen von unkonstruktiven Geistern, die gerne alles herabsetzen, und die Amiel als gescheitert sehen mögen. Soweit ich das beurteilen kann (ich habe ja nur eine Auswahl von gut 300 aus den insgesamt 17.000 Seiten Tagebuch gelesen), ist er das aber eben nicht. Wie ausdifferenziert und analytisch und facettiert die Ausführungen von Amiel immer wieder sind! Bei all der schönen, synthetischen Betrachtung! Herrlich! (Wenngleich man eben sagen kann, das hier der Keim des Konfliktes liegt: der Konflikt zwischen einem kritischen Geist und einem gläubigen Menschen; besser aber eher, man spricht vom Keim einer Dynamik, die sich in der Abarbeitung am Absoluten vollzieht.) Der Herausgeber der deutschsprachigen Anthologie, Ingold, meint (was im Übrigen nicht notwendigerweise ein Vorwurf sein muss), Amiels Entwicklung sei „statisch“ gewesen; er habe sich im Lauf der Zeit und der drei Jahrzehnte, über die hinweg er das Tagebuch geführt hat, eben nicht (wirklich) entwickelt (und wie gesagt, ich kenne das Tagebuch an sich nicht, nur diese kleinodiöse Auswahl; die Beschäftigung über weite Strecken mag vielleicht schon enervierend sein). Wenn aber Amiel mehr oder weniger gleich am Beginn sagt: Für den Geist gibt es Ruhe nur im Absoluten, für das Gefühl nur im Unendlichen, für die Seele nur im Göttlichen. Nichts Endliches ist so wahr, so interessant, so würdig, dass es mich halten könnte. Alles, was besonders ist, ist exklusiv, und was exklusiv ist, stößt mich ab. Nicht exklusiv ist nur das Ganze, in der Vereinigung mit dem Wesen und durch alle Wesen liegt mein Ziel. Im Licht des Absoluten wird dann jeder Gedanke wert, dass man ihm nachgeht, im Unendlichen jede Existenz wert, dass man sie respektiert, im Göttlichen jede Kreatur wert, dass man sie liebt. (18. November 1851) oder Einzig von einem religiösen Standpunkt aus, dem einer aktiven und moralischen, geistigen und innigen Religion, können wir das Leben in seiner vollen Würde, in seiner vollen Kraft erfahren. Sie macht uns unverletzlich und unbesiegbar … Man kann die Erde nur im Namen des Himmels besiegen. Alle Güter sind dem noch zusätzlich geschenkt worden, der nichts als die Weisheit wollte. Wenn man keinen Nutzen sucht, ist man am stärksten, und die Welt liegt dem, den sie nicht verführen kann, zu Füßen. Warum? Weil der Geist Meister der Materie ist und weil die Welt Gott gehört. (27. September 1852) – wenn also Amiel das früh in seinem Leben begriffen hat, was für eine Entwicklung soll noch großartig möglich sein?! Er hat das Absolute und das positive Göttliche begriffen und ist damit in der obersten Kammer der Pyramide angelangt. Von der aus man alle Himmelsrichtungen überblickt. Alles, was man noch tun kann, ist sich in seiner notwendigen Relativität daran abzuarbeiten; sich als Subjekt am Objektiven abzuarbeiten, und daran – notwendigerweise und positiv – zu scheitern, beziehungsweise – und wie es im Leben eben allgemein so ist – mal zu gewinnen, mal zu verlieren (Win some, lose some, it´s all the same to me … That´s the way I like it, baby, I don´t want to live forever (and don´t forget the Joker), sagte der abgeklärteste und harmonischste Mensch des letzten Jahrhunderts; das ist die letzte Einsicht in die Dinge). Amiels Entwicklung bestand darin, sich am Absoluten und am Göttlichen abzuarbeiten, dabei praktisch notwendigerweise festzustellen, dass eine totale und stationäre Aufnahme in und Verschmelzung mit dem Absoluten nicht möglich ist, da von Inkonsistenzen durchzogen. Aber das Heil liegt in der Versöhnung von Glück und Pflicht, in der Verschmelzung des persönlichen Willens mit dem göttlichen Willen, im Glauben, dass dieser höchste Wille von der Liebe gelenkt wird. (6. Dezember 1869) Was aber, wenn dieser Glaube erschüttert wird? (Allgemein: Der höhere Mensch wird das Religiöse und das Heilige begreifen und sich stark von ihm angezogen fühlen; als ein Mensch des wissenschaftlichen Zeitalters wird es ihm aber schwer fallen, an Religion tatsächlich zu glauben und in ihr eine Geborgenheit zu finden, wie es höheren und extrem wissenschaftlichen Menschen der Vergangenheit möglich war – das ist tatsächlich ein sehr schwieriger Konflikt, an dem sich im Jahrhundert Amiels ja auch Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Dostojewski oder eben auch Tolstoi abgearbeitet haben.) Solange wir zwischen der Wahrheit und uns auch noch den geringsten Abstand zulassen, sind wir außerhalb von ihr. Das Denken, das Gefühl, das Verlangen, das Bewusstsein des Lebens sind noch nicht ganz das Leben. Wir  können aber unseren Frieden und unsere Ruhe nur im Leben und im ewigen Leben finden. Und das ewige Leben ist das göttliche Leben, ist Gott. Göttlich sein, das ist das Ziel des Lebens. (27. Oktober 1853) Jung und naiv, mag man solches denken, glauben, erhoffen. Wenn man aber eben genau diese Bewegung vollzieht, sieht man, dass die Wahrheit nur da liegt, wo zwischen der Wahrheit und einen selbst eben immer ein gewisser Abstand gelassen wird. Da Wahrheit immer wieder relativ oder fraktal ist. Das Absolute beinhaltet notwendigerweise Paradoxa; die absolute Wahrheit hat man dann (am Ehesten) begriffen, wenn man erkennt, dass die Wahrheit fraktal, daher letztendlich unauslotbar ist; dass die absolute Wahrheit unendlich ist, aber eben eine fraktale, unvollständig einsehbare Wahrheit ist. Diese Einsicht ist dann eben das Ruhen in der Ewigkeit und in der völligen Identität mit sich selbst und mit der Wahrheit. Die Weisheit altert nicht, denn sie ist der Ausdruck der Ordnung selber, das heißt des Ewigen. Der Weise allein kann dem Leben und jedem Alter seinen vollen Geschmack abgewinnen, weil er seine Schönheit, seine Würde und seinen Wert fühlt (…) Alle Dinge in Gott sehen, aus seinem Leben eine Reise durch das Ideal zu machen … das ist der bewundernswerte Standpunkt von Marc Aurel (…) Das ewige Leben ist nicht das zukünftige Leben, sondern es ist das Leben in der Ordnung, das Leben in Gott, und die Zeit muss lernen, sich als eine Bewegung der Ewigkeit zu begreifen, als ein Wellengang im Meer des Seins. Das Wesen, das sich als zeitlich bedingt versteht, kann von der Substanz dieser Zeit ein Bewusstsein haben, und diese ist die Ewigkeit. Und mit seinem Bewusstsein sub specie aeterni leben heißt weise sein, wenn man das Ewige personifiziert, ist man religiös. (4. Dezember 1863) Das, was dem gewöhnlichen Verstand als entgegengesetzte Extreme erscheinen mag, muss angenähert und verschmolzen werden, so hören diese auf, widersinnig, widerstreitend und paradox zu sein (in der extremen Zeitlichkeit – dem Augenblick – liegt das Ergreifen der Ewigkeit, in einer höheren Heiterkeit liegt der absolute Ernst etc.); Amiel hat das ja gesehen, dass die wahrhaft ernsthaft erkennenden die am wenigsten ernsthaften sind: Bei meinem scharfen, durchtriebenen, komplexen und chamäleonartigen Geist habe ich das Herz eines Kindes; ich liebe nur entweder die Vollendung oder den Scherz, die zwei entgegengesetzten Extreme. Die wahren Künstler, die wahren Philosophen, die wahren Religiösen verstehen sich kaum auf etwas anderes als die Einfachheit der kleinen Kinder oder die Erhabenheit der Kunstwerke, das heißt, auf die reine Natur oder das reine Ideal. In meiner Armut fühle ich doch gleich. (18. Mai 1862) Mit dem Chamäleon (einem freilich eher, was herkömmliche Standards angeht, unschönen Tier) vergleicht sich Amiel auch an anderen Stellen: Ich fühle mich als Chamäleon, Kaleidoskop, Proteus, aus alle möglichen Arten beweglich und polarisierbar, flüssig, virtuell, folglich latent sogar in meinen Kundgebungen, abwesend sogar in der Erscheinung. (Dezember 1866) Und: Die energische Subjektivität, die sich im Selbstvertrauen äußert, die nicht davor zurückschreckt, etwas Besonderes, etwas Bestimmtes zu sein, und das, ohne sich ihrer subjektiven Illusion bewusst zu sein oder zu schämen, ist mir fremd. Ich bin, wo es um intellektuelle Ordnungen geht, im Wesentlichen objektiv, und es ist meine ausgesprochene Spezialität, dass ich jeden Standpunkt einnehmen, mit jedermanns Augen sehen kann, was heißt, dass ich nicht eingeschlossen bin in irgendeinem individuellen Gefängnis. (18. November 1851) (Das ist als Hinweis auf einen Mangel an Persönlichkeit und eigentlicher, origineller Schaffenskraft bei Amiel ausgelegt worden: eventuell kann das so sein – aber in meiner Armut fühle ich doch gleich.) Dererlei objektive, kaleidoskopartige Existenz – ja, der Wunsch, Kaleidoskop zu werden – scheint freilich irgendwie selten in dieser Welt – oder ist er das? Ich weiß es nicht! Fast jeder (oder zumindest fast jede) scheint das doch zu wollen! Amiel aber auf jeden Fall (mit seiner Stubenhocker-Weisheit, könnte man einwenden, die die Welt nicht kennt, sie sich ganz einfach nach ihrem Wunschbild zurechtmacht, solipsistisch etc.): Die Unparteilichkeit und die Objektivität sind ebenso selten wie die Gerechtigkeit, von der sie zwei besondere Formen sind. Der Eigennutz ist eine unerschöpfliche Quelle angenehmer Illusionen. Die Anzahl der Lebewesen, die die Wahrheit sehen wollen, ist außerordentlich klein (…) Die Menschheit hat schon immer diejenigen hingerichtet oder verfolgt, die ihre eigennützige Ruhe gestört haben. Sie verbessert sich nur wider Willen. Der einzige Fortschritt, den sie will, ist die Vermehrung des Genusses. Alle Fortschritte in Sachen Moral, Gerechtigkeit, Heiligkeit sind ihr durch irgendein edles Ungetüm auferlegt oder abgenötigt worden. Das Opfer, das die Lust der großen Seelen ist, war nie das Gesetz der Gesellschaften (…) Vom Standpunkt des Ideals aus gesehen ist die menschliche Welt traurig und hässlich, wenn man sie aber mit ihren mutmaßlichen Anfängen vergleicht, hat die menschliche Gattung ihre Zeit doch nicht ganz verloren. Daher die drei Arten, die Geschichte in den Blick zu nehmen. Pessimismus, wenn wann vom Ideal ausgeht; Optimismus, wenn man rückblickend betrachtet; Heroismus, wenn man bedenkt, dass jeder Fortschritt eine Flut von Blut oder Tränen kostet (…) Die Fanatiker, die sich aufopfern, sind ein anhaltender Protest gegen den allgemeinen Egoismus. Wir haben nur die sichtbaren Idole gestürzt, aber das ständige Opfer hat noch überall Bestand, und überall leidet die Elite der Generationen für das Heil der Menge. Das ist das strenge, bittere, geheimnisvolle Gesetz der Solidarität. Das gegenseitige Verderben und Gedeihen ist das Schicksal unseres Geschlechtes. (1. März 1869) Ja, das ist der ewige Kampf zwischen Geist und „Materie“, dessen Fortschreiten der Krebsgang ist. (Eine freilich idealistische, unmaterialistische Perspektive, die die eigentlichen (und größtenteils unschuldigen) Schwierigkeiten, in denen sich die materiellen, faktischen Verhältnisse befinden tendenziell verkennt (wenn die diesseitigen Probleme so leicht lösbar wären, würden sie ja gelöst werden: soziale, politische und individuelle Probleme sind in der Regel aber eben nicht leicht lösbar (und haben oft die Form von Dilemmata))). Wie konziliant aber von dem milden, allesverstehenden Amiel, dass er den historischen Fortschritt dann doch nicht verkennt! Ein ganz und gar aufrechter Mann! Und so platzt diesem ganz und gar aufrechten Mann an anderer Stelle wieder der Kragen, wenn er eine Weile in die Menschheit und in die Gesellschaft hineinhört, und unschuldig und voller Interesse, versuchtem Wohlwollen und Teilnahme wissen will, was sie zu sagen hat (doch nur, um sie zu verstehen; doch nur, um ihr mit seinen bescheidenen Kräften versuchen zu helfen…): Das Schlimmste ist, dass hinter diesem Geplapper die Eigenliebe steht und dass sich darum diese gewöhnlichen Ahnungslosigkeiten energisch behaupten, dass sich dieses Gegacker für eine Überzeugung hält und dass sich diese Vorurteile als Prinzipien geben (…) Wenn man vor den Menschen Respekt haben will, muss man vergessen, was sie sind, und an das Ideal denken, das sie verleugnen, aber doch in sich tragen… (6. November 1877) An den einen und anderen Stellen äußert er sich sogar noch pessimistischer über die Seelenhaftigkeit der mehrheitlichen Menschheit; ich will das aber gar nicht zitieren, da es mir dann doch aus irgendeinem Grund missfällt (man kann es sich ja denken, wie mieselsüchtig große Denker und Seelen sich dazu äußern könnten; diese sind freilich selten und man trifft sie kaum persönlich im Leben; aber um eine Vorstellung von der Materie zu bekommen, muss man ja nur hören, wie negativ die Menschen selbst über ihre Nachbarn reden). Mir persönlich macht das alles immer wieder sehr viel und gleichzeitig aber auch nichts, aber auch gar nichts aus. Vom Standpunkt des Absoluten, im Auge Gottes, in Gott sind alle Seelen gleichermaßen Seelen, und in Gott werden alle Seelen gleichermaßen bewahrt. Wenn ich in die Welt blicke, sehe ich einen riesigen Diamant, in dem sich alles spiegelt, wenn ich mich bewege, bewege ich mich durch ein unsichtbares, aber ganz reales Feld, wo alles mit allem verbunden ist; für mich sind alle Seelen gleich und in meinem Geist wird alles bewahrt. Der Geist trennt und ist analytisch, die Seele verbindet und ist synthetisch. Der Geist ist aristokratisch, die Güte demokratisch (…) Güte schränkt bewusst den Scharfsinn ein; es ist die Güte, die vor den allzu scharfen elektrischen Strahlen der Hellsicht einen Wandschirm aufrichtet; sie ist es, die sich weigert, die Hässlichkeiten und das Elend des intellektuellen Spitals auszuleuchten (…) Hat nicht Fénelon gesagt: Die schönen Seelen allein kennen die ganze Größe der Güte. (19. Januar 1879) Ja, der Geist trennt und ist analytisch, die Seele verbindet und ist synthetisch. Darüber hinaus aber – und es ist wichtig, diese Bewegung zu vollziehen! – ist der seelenvolle Geist außerdem synthetisch und die geistvolle Seele außerdem analytisch. Das ergibt dann einen Geist-Seele-Gesamtkomplex, der zwar irgendwie paradox ist, dafür aber eben weder vorsätzlich kritisch noch naiv. Das ist dann die Absolutheit des göttlichen Geistes, die notwendigerweise (da sie alles enthält) paradox ist, gleichzeitig jenseits des Paradoxen: meta-paradox, insofern sie mit dem Paradoxen und Anstößigen auf einer höheren Ebene der Ausgeglichenheit operiert. Das ist dann die absolute Freiheit. Doch vermag er diese Befreiung nur zu vollziehen, indem er die Dinge in ihr Gegenteil verkehrt und den Raum im Geist statt den Geist im Raum sehen lernt. Indem der Geist auf seine Virtualität zurückgeführt wird. Raum ist Streuung, Geist ist Sammlung. Und so ist Gott allgegenwärtig, ohne eine Milliarde Kubikkilometer einzunehmen und auch nicht hundertmal mehr oder hundertmal weniger. Als Gedanke nimmt das Universum nur gerade einen Punkt ein, doch im Zustand der Streuung und Analyse braucht dieser Gedanke alle Weiten des Himmels. (1. Februar 1876) … Die Ausdehnung und die Zeit werden dann zu bloßen Punkten. Ich wohne der Existenz des reinen Geistes bei, und ich sehe mich sub specie aeternitatis. (Wäre der Geist demnach nichts anderes als die Möglichkeit, die Wirklichkeit in die Unendlichkeit der Möglichkeiten aufzulösen? Anders gesagt, wäre der Geist vielleicht die universale Virtualität? Oder das latente Universum? Seine Null wäre der Kein des Unendlichen, die sich in der Mathematik durch das Unendlichkeitszeichen ausdrückt.) (13. Januar 1879) Ja, das sind dann die so genannten letzten Dinge. Die so genannten letzten Dinge sind der absolute Geist. Es gibt hin und wieder Individuen, die den absoluten Geist erreichen, die zu einer Erkenntnisebene vorstoßen, wo sich die Erkenntnisobjekte nur mehr durch Paradoxa beschreiben lassen, und die eventuell diese Paradoxa, eben gerade dadurch, überwinden; und es gibt Individuen, die sich all dem intensiver angenähert haben und damit verschmolzen sind als Amiel – diese aber können und wollen des Amiel nicht entbehren! Amiel ist ein wesentlicher Stein im Mosaik, oder besser gesagt im Hologramm des absoluten Geistes; führt vor, wie sich der absolute Geist selber begreift und prozessiert – und er führt vor, wie man die Dinge ergreift und mit ihnen verschmilzt. Wenn man die Dinge so ergreift, wie Amiel, dann ist man glücklich. Amiel lehrt uns das Glück. Amiel war kein Versager. In einer höheren Dimension, die freilich nicht alle sehen, war er ein geschlossener Kreis, und er hat alles im Leben erreicht.

Das Leben muss gleich der Geburt der Seele sein, der Freisetzung einer höheren Wirklichkeitsschicht (…) Die blinde, gierige, egoistische Natur muss sich in Schönheit und Adel verwandeln. (Dezember 1880) … Seinen eigenen Beitrag zur Vermehrung des Guten in der Welt leisten, dieses bescheidene Ideal ist genug. Zum Sieg des Guten beizutragen ist das gemeinsame Ziel der Weisen und der Engel. Socii Dei sumus, hat Seneca nach Cleanthus wiederholt. (24. April 1869)

(Anm.: Falls man diesen Text jetzt unnötig mäandernd findet, oder gar irgendein Arschloch glaubt, mir deswegen einen Strick drehen zu können, so möchte ich dazu sagen, dass ich mir hier zuerst die Textstellen von Amiel herausgeschrieben habe und sie dann irgendwie zusammengeleimt habe, und das außerdem nicht in ganz linearer Vorgehensweise. Was aber neben der Erinnerung an Amiel und dem Hochhalten seines Bildnisses hier wichtig ist, sind die Ausführungen zum Charakter des absoluten Geistes, die ich dermaßen kompakt vorher gar nicht vor Augen hatte, und die eher zufällig passiert sind. Ich will mir diesen Text, nachdem ich ihn jetzt (19. Februar 2020, 09 Uhr 18 vormittags) fertiggestellt habe, gar nicht mal mehr durchlesen, da ich ihn möglicherweise katastrophal finde. Die meisten anderen Male werde ich ihn aber wohl gut finden und zufrieden mit ihm sein. So ist das immer wieder.)

Krieg und Frieden

Krieg und Frieden von Leo Tolstoi habe ich einmal vor langer Zeit, im Alter von ungefähr 4 Jahren versucht zu lesen; bin aber nur bis zu ca. Seite 400 gekommen: dann ist mir dieses Aristokratengeschwätz einfach zu sehr auf die Nerven gegangen und ich habe es daunegehaut. Jetzt, im Exil, ist es mir gelungen, durch das ganze Massiv zu manövrieren, die ganzen 1500 Seiten; dabei glaube ich festzustellen, dass ich in meinen deutlich dünneren (und zumindest in der Hinsicht zugänglicheren) Büchern noch deutlich großflächigere Panoramen ausgebreitet habe, als eben Tolstoi in Krieg und Frieden. Das liegt offensichtlich daran, dass ich deutlich klüger bin als Tolstoi (der gemeinhin als einer der klügsten Schriftsteller gilt) und meine Aussichtsplattform, von der aus ich auf die irdischen (genau gesagt, die insgesamt kosmischen) Verhältnisse blicke, deutlich weiter oben ist. Naja. (Daher auch die Fallhöhe gewaltiger „lol“.) Zumindest aber bin ich mit Sicherheit lustiger. Auf 1500 Seiten Krieg und Frieden habe ich kein einziges Mal gelacht.

Ich kenne wenig von Tolstoi (daher diese Annäherung hier auch nur ein wenig launisch und rhapsodisch); aber ich habe schon mal bemängelt, dass mich seine radikale Immanenz stört. Seine langweiligen, alltäglichen Figuren, mit ihren langweiligen, alltäglichen Konflikten. Kann man sagen: Ja, so ist das Leben halt einmal! (wobei: Dass das Leben dermaßen unspiritualisiert sein soll, ist mir dann in der Praxis auch wieder nicht aufgefallen; allein schon einmal die nächtlichen Konzerte im Dreiraum in der Arena sind deutlich spirituell und entrückt; im gesamten Krieg und Frieden hat man dergleichen überhaupt nicht; nichts, was irgendwie zauberhaft wäre, obwohl man dem Zauberhaften im praktischen Leben doch dauernd begegnet etc.), nun gut, das eine aber ist das Leben, das andere die Kunst. Die Kunst verleiht dem Leben Sinn, interpretiert es, spiritualisiert es. Bei Dostojewski ist keine einzige Figur ein alltäglicher Langeweiler! Die fieberhafte Welt des Dostojewski, seine Figuren, in die sich dauernd etwas schiebt, die dauernd aus sich heraustreten – die sind zwar vielleicht der Realität enthoben, aber sie machen DEN ZUSAMMENHANG sichtbar. Das Band zwischen den Menschen, die inwendige Verflochtenheit der Schöpfung. Fiebernde Welt! Es sollte doch so sein, bei genialer Kunst, dass in der Präsentation und Schilderung einer Welt noch eine andere Welt zum Vorschein kommt, durch sie hindurchschimmert. Das hat man dauernd bei Dostojewski. Bei Tolstoi – ohne dessen Fähigkeiten klein reden zu wollen – hat man das nicht. Ich habe mich auch mit dem Fanatismus des alten Tolstoi für die Bauern nicht sehr genau beschäftigt, aber in dieser Mischung aus Grandiosität und Verschrobenheit scheint durchzuscheinen, dass Tolstoi einfach die Balance zwischen den beiden Welten, also hinsichtlich des spiritualisierten Existenzvollzuges im Hier und Jetzt, nicht eindeutig gefunden hat. Eventuell eine unverschämte Bemerkung. Sollte sie das aber sein, werde ich sie, sobald ich mehr darüber weiß, einfach korrigieren.

(„Aber Tolstoi ist ein Meister des westlichen Romans — Anna Karenina wird von
keinem zweiten auch nur entfernt erreicht — , ganz wie er auch
in seinem Bauernkittel ein Mann der Gesellschaft ist, Anfang und Ende stoßen hier zusammen. Dostojewski ist ein Heiliger, Tolstoi ist nur ein Revolutionär.
Das Christentum Tolstois war ein Mißverständnis. Er sprach von Christus und meinte Marx. Dem Christentum Dostojewskis gehört das nächste Jahrtausend“.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, II., S. 235ff)

(Eben und noch einmal: die warme, fiebernde, irritierende, instabile Welt bei Dostojewski (die das Schließen des stabilen Kreises aber immer zumindest andeutet, indem es das höhere moralische Gesetz, das ethische Band zwischen den Menschen als Fluchtpunkt hat) – die kalte und, trotz ihrer gewaltigen Kriegs- und Friedensspektakel völlig unspektakuläre und reizlose und – in ihrer geordnet beschriebenen Weise – anarchische Welt bei Tolstoi (der als Stilist (zumindest in Krieg und Frieden) völlig uninteressant war). Welt ist bekanntlich durchaus eine Frage der Weltwahrnehmung. Kann es sein, dass der epileptische, fiebernde Dostojewski inmitten seiner fahrigen Lebensverhältnisse die dem literarischen Genie eigene Spiritualität und Religiosität im Hier und Jetzt viel besser realisiert hat, und immer vollständig präsent war, als der gefeierte Literatursalonlöwe Tolstoi, der dann, aus Beschämtheit heraus, in seinen späteren Jahren alle Kultur und Kunst, inklusive seiner eigenen, verwirft und die Einfachheit des russischen Bauernlebens feiert, in einer offenbaren Mischung aus Grandiosität und Verrücktheit? Zu untersuchen, zu untersuchen, zu untersuchen!!)

Was mir bei Krieg und Frieden intellektuell gut gefällt, ist die pessimistische Sichtweise auf die Menschheit! „Pierre hatte die unselige Gabe vieler Menschen, und ganz besonders vieler Russen, an die Möglichkeit des Guten und Wahren zu glauben und gleichzeitig die Herrschaft des Bösen und der Lüge im menschlichen Leben allzu deutlich zu sehen, um noch an diesem Leben einen ernsten Anteil nehmen zu können. In seinen Augen gab es kein Arbeitsgebiet, das nicht mit Schlechtigkeit und Trug durchsetzt war. Was er auch zu sein oder zu tun versuchte, überall stießen ihn Schlechtigkeit und Lüge zurück und versperrten ihm alle Wege zu tätiger Mitwirkung. Aber dabei musste er doch leben, musste sich doch auf irgendeine Weise beschäftigen! Es war furchtbar und unerträglich, beständig unter dem Druck dieser unlösbaren Lebensfragen zu stehen, und so überließ er sich den ersten besten Zerstreuungen, um nur diese Lebensfragen zu vergessen.“ JA, dazu möchte ich schon einen wichtigen, treffenden Kommentar abgeben, nämlich – (unleserlich)

„Alle Erzählungen und Schilderungen, die dieser Zeit gelten, sprechen ausnahmslos von nichts anderem als von der selbstlosen Hingabe, der Vaterlandsliebe, der Verzweiflung, dem Leid und Heroismus der Russen. In Wirklichkeit lagen die Dinge ganz anders (…) Die Mehrzahl der Menschen jener Zeit kümmerte sich um den allgemeinen Gang der Dinge überhaupt nicht, sondern ließ sich von persönlichen Gegenwarts- und Augenblicksinteressen leiten. Und gerade damit (fügt Tolstoi hinzu, Amn.) haben diese Menschen damals der Allgemeinheit den denkbar größten Nutzen gebracht … Diejenigen aber, die den allgemeinen Gang der Dinge zu verstehen suchten und mit Heroismus und freiwilliger Selbsthingabe an ihm teilnehmen wollten, waren die nutzlosesten Mitglieder der Gesellschaft;  sie sahen alles verkehrt und alles, was sie für nützlich hielten und daher taten, erwies sich als nutzloser Unfug…“ Ach, die Schilderungen des Jahres 1812! Wie sie in Krieg und Frieden eine der großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte vor Augen führen, allerdings auch, dass auch während großer Katastrophen oder zum Beispiel innerhalb von Diktaturen das allgemeine Leben seinen Gang geht, von aller Autorität unbeeinflusst, unpolitisch, und ebenso gelacht und gescherzt wird, wie geliebt, getrauert und geweint (im losen Zusammenhang damit auch: „… er hatte erkannt, dass es auf der Welt nichts Furchtbares gibt. Er hatte erkannt, dass, wenn es auf der Welt keine Situation gibt, in welcher der Mensch glücklich und vollkommen frei ist, es ebenso wenig eine Situation gibt, in welcher er unglücklich und unfrei ist. Er hatte erkannt, dass es eine Grenze der Leiden und eine Grenze der Freiheit gibt, und dass diese Grenze sehr nahe liegt…“). Wie Tolstoi einen gewahr werden lässt, dass auch die mächtigsten und tatkräftigsten Akteure und Auslöser von weltgeschichtlichen Prozessen dem anonymen, schicksalshaften weltgeschichtlichen Prozess unterworfen bleiben, in ihrer Macht reduziert, ihn nur teilweise beeinflussen und lenken können, hin und wieder auch von ihm zermalmt werden. Gewaltige Ereignisse des Jahres 1812! Ich sollte mehr über 1812 erfahren! In der Bibliothek meines seligen Vaters stand ein Buch, das nur 1812 gewidmet ist, verfasst von dem eminenten sowjetischen Historiker Eugen Tarle. Daneben steht die ebenfalls von Tarle verfasse Biographie über den höchst interessanten Talleyrand. Die Biographie über Talleyrand habe ich gelesen (sogar zweimal!), das Buch über 1812 nicht – also sollte ich das beizeiten tun. Der eigentliche Held und die eigentlich große, überdimensionale Persönlichkeit der gesamten Ereignisse von 1812 sei nicht der tragische Napoleon gewesen (habe ich bei Tolstoi gelernt und höchst interessiert zur Kenntnis genommen), sondern der unprätentiöse, verkannte, (im eigenen Land) geschmähte Kutusow: ein wirklich guter Geist und in sich selbst ruhender Mensch, deswegen aber leider auch dazu angetan, die Frechheit der Menschheit auf sich zu ziehen, während rohe Gewaltmenschen wie Napoleon idealisiert werden: „Für einen Lakaien kann es keinen wirklich großen Menschen geben, weil der Lakai eben seinen Lakaienbegriff von Größe hat.“ Ich sollte also dringend über Kutusow in Erfahrung bringen, ihn studieren und ihm gegebenenfalls ein Denkmal setzen, da mich stille, einfache menschliche Größe zutiefst begeistert und berührt (auf Wikipedia zumindest aber kann ich zunächst mal erfahren, dass die idealisierte Darstellung Kutusows durch Tolstoi „(h)istorisch bedeutsam … eher nicht (ist), da die russisch-patriotischen Elemente im Vordergrund stehen“ (sowie außerdem, dass ihm, zumindest in Russland, eh viele Denkmäler gesetzt worden sind)). Die Lektüre von Krieg und Frieden hat mich außerdem daran erinnert, bald wieder Claude Simon lesen zu wollen, Die Akazie und Die Straße nach Flandern zum Beispiel; eindringliche Bilder vom Krieg hat man bei Simon, der die zwei Weltkriege miterlebt hat (und vor allem eben Bilder, da Simon sehr immersiv und impressionistisch ist). Mit Tschaikowsky kann ich immer wieder eher wenig anfangen, aber der Anfang von der 1812 Ouvertüre – das betende russische Volk in der Kirche angesichts des wütend heranrückenden Napoleon und seiner Horden – gehört zum Besten was es gibt. Der ganze Sinn des Lebens und der eindringlichen Erfahrbarkeit der Existenz liegt da darin!

Unabhängig davon weiß ich: Tolstoi war ein begeisterter Leser der Tagebücher von Amiel. Amiel war der seltsame Fall eines Genies, das weder als Gelehrter noch als Künstler etwas Bleibendes hinterlassen hat (und unter dieser Unzulänglichkeit zeit seines Leben stark gelitten hat). Seine rastlose Produktivität hat sich in der Niederschrift seines (insgesamt 17.000 Seiten umfassenden) Tagebuchs manifestiert, das erst posthum erschienen ist (auch Friedrich „Manche werden posthum geboren“ Nietzsche war von Amiel dann sehr angetan). Eine sehr schöne Seele, Amiel, die in eine höhere, bessere Welt geblickt hat und die Dinge im Wesentlichen begriffen hat und von der man einiges lernen kann. Tolstoi hat die Tagebücher von Amiel in eine Reihe mit den Werken von Epikur oder Marc Aurel gestellt und bis zu seinem Tod immer wieder darin gelesen. Amiel ist heute praktisch unbekannt (und aufmerksam auf ihn geworden bin ich auf ihn nur, weil Pessoa in seinem (seinerseits wenig bekannten, und ja auch sehr spezialisierten) Werk Genie und Wahnsinn Amiel an einer Stelle als „trauriges Beispiel“ erwähnt. Was zur Folge hatte, dass ich sofort was von Amiel lesen musste!). Im Deutschen ist zeitgenössisch nur eine einzige Anthologie dieser Tagebücher erhältlich; die, die weiland von Tolstoi selbst  herausgegeben wurde. Der Herausgeber und Übersetzer der deutschen Ausgabe ist ein Universitätsprofessor, von dem ich in Erinnerung habe, dass er sich in seinem Nachwort dauernd an die Brust des schöpferischen Genius Tolstoi geworfen hat (um den es ja auch gar nicht wirklich geht in dem Zusammenhang), den scheinbar unproduktiven Gelehrten Amiel (um den es primär dabei geht) aber dauernd schmäht und abwertet, scheinbar völlig unzugänglich für dessen schönen Geist und seine erhebende Seele. Kurios und kurioser! Wieso ein solches Nachwort? Da hat wohl jemand Mist gebaut, habe ich mir gedacht. (Das ganze habe ich mir jetzt wieder ausgeborgt und gelesen. Naja, jenes Nachwort ist dann doch nicht so geartet, wenngleich eine gewisse Tendenz da schon gegeben ist, glaube ich jetzt feststellen zu können; jetzt ist es Sonntag, 8. Februar 2020, 12 Uhr 03 mittags. Ich werde mich jetzt ein paar Zerstreuungen hingeben, und als nächstes will ich mich wieder zusammennehmen, um Amiel ein Denkmal zu setzen.)

DENKMAL FÜR ROZA SHANINA “ The war correspondent Pyotr Molchanov, who had frequently met Shanina at the front, described her as a person of unusual will with a genuine, bright nature.[22] Shanina described herself as „boundlessly and recklessly talky“ during her college years.[10] She typified her own character as like that of the Romantic poet, painter and writer Mikhail Lermontov, deciding, like him, to act as she saw fit.[7] Shanina dressed modestly and liked to play volleyball.[66] According to Shanina’s sister-in-arms Lidiya Vdovina, Roza used to sing her favourite war song „Oy tumany moi, rastumany“ („O My Mists“) each time she cleaned her weapon.[22] Shanina had a straightforward character[67] and valued courage and the absence of egotism in people.[7] She once told a story when „about half a hundred frenzied fascists with wild cries“ attacked a trench accommodating twelve female snipers, including Shanina: „Some fell from our well-aimed bullets, some we finished with our bayonets, grenades, shovels, and some we took prisoners, having restrained their arms.““ [22] https://en.wikipedia.org/wiki/Roza_Shanina

KW 6, Februar 2020

Nachbemerkung zu Büchner vs Goethe

“I was within and without, simultaneously enchanted and repelled by the inexhaustible variety of life.“

F. Scott Fitzgerald

Das Universalgenie ist nicht notwendigerweise erleuchtet, und die Erleuchtete nicht notwendigerweise künstlerisch oder wissenschaftlich. Beides sind eher seltene Erscheinungen, und dass beides in einer (oder einem) zusammentrifft, eher noch seltener. Erleuchtet sein bedeutet: der Geist ist der offene Raum, das Subjekt verfügt über volle Manövrierfähigkeit und Navigationsfähigkeit über den offenen Raum, ist eins mit den Dingen, die Fähigkeit zur mentalen Rotation ist maximiert; außerdem kann man es mit Worten nicht ganz genau beschreiben oder definieren. Man erkennt es, wenn man es sieht. Erleuchtet sein ist Transzendenz, das Durchstoßen der materialen Hyle. Allerdings führt der (oder die) Erleuchtete in seinem Geist, der dem offenen Raum gleicht, nicht notwendigerweise analytische  bzw. wissenschaftliche oder künstlerische oder philosophische, vielleicht auch nicht mal explizite moralische Operationen durch. Erleuchtung ist ein anderer Zustand, der sich vom fragmentierten Normalbewusstsein unterscheidet. Er bezieht sich nicht auf die wissenschaftliche Physik und (eigentlich) auch nicht auf die Metaphysik (sondern er ist vor- wie meta-metaphysisch). Allerdings wird zumindest die Metaphysik viel interessanter, wenn sie aus einem Zustand der Erleuchtetheit betrieben wird. Goethe war Universalmensch und man sieht da eine scheinbar schön abgerundete Aura von großem Radius, wenn man (als Erleuchteter zumindest) auf ihn blickt. Allerdings stand er immer nur an der Schwelle zur Transzendenz. Weder seine Dichtung noch seine Wahrheit sind positiv entrückt und machen höhere Dimensionen (irgendwie) sichtbar. Aufgrund seiner extremen Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit ist Dichtung und Wahrheit so angefüllt mit Weltwahrnehmung, dass es mir noch gar nie gelungen ist, sie zu lesen. Die geistige und sprachliche Flexibilität des früh verstorbenen (daher auch nicht gut definitiv beurteilbaren) Büchner hatte Goethe aber nicht! Dessen Lenz ist eine Über-Dichtung und Über-Wahrheit hinsichtlich der Weltwahrnehmung und, anzunehmenderweise, auf seinen dreißig Seiten reichhaltiger und ungewöhnlicher als die vielen hundert Seiten von Dichtung und Wahrheit. Einfach, weil Büchner die Welt offenbar von einem deutlich höheren Blickwinkel aus betrachtet, als Goethe, von einem höheren Niveau der Analyse und der Integration von Wahrnehmung und von Wissen. Panoramic ability hat ein Engländer dem Goethe beschieden, wofür Goethe sich geschmeichelt schön zu bedanken wusste. Allerdings ist auch das Panorama, wenngleich nichts Fragmentiertes oder Segmentiertes, was Begrenztes. Im Lenz kommt zum Vorschein, was ich als das Einheits-Bewusstsein bezeichne. Eine vollständige, intensive, einheitliche Erfahrung des gesamten Wirklichkeitsfeldes, auch hinsichtlich seiner Illusionen, wie Hinter- und Überwirklichkeiten, seiner Träume und seiner Potenziale; seiner Virtualität und seiner Aktualität. Der Geisteszustand des schurkischen Joker wird dann und wann als „Super-Sanity“ bezeichnet. „I see it all! The whole game! Ahahahahaha!“, sagt der Joker an einer Stelle. So eine Perspektive hat man bei Büchner. Büchner beherrscht auch alle Dialekte innerhalb der „stammelnden Mannigfaltigkeit der Welt“ (F. Hebbel) – und zwar besser als Goethe, wenn es um die Sprache der niederen Schichten im Faust geht – er durchdringt sie intensiv und spiritualisiert sie (macht also eine „Kunstsprache“ aus ihnen, die allerdings gänzlich ungekünstelt ist). Jetzt ist es vielleicht seltsam, dass man einen symbolträchtigen Psychopathen wie den Joker hernimmt als Vorbild für eine bessere Wahrnehmung, die es anzustreben gilt – aber das Charisma des Joker liegt darin, dass er eine vollständig autonome, aus sich selbst heraus gebärende und von außen nicht beeinflussbare, allerdings scheinbar massiv unter ihren Eindrücken stehende und diese verarbeitende Figur ist. Lenz ist zwar auch verrückt, aber er navigiert, während die Wogen der Wirklichkeitswahrnehmung auf und nieder gehen, durch diese Wirklichkeit; er selbst einmal größer als das All wird, dann wieder gegenüber dem All zu einem winzigen Punkt zusammenschrumpft u. dergl. mehr. Der Geist von Büchner ist ohne Weiteres erleuchtet. Mich interessiert die Möglichkeit bzw. das eventuelle Vorhandensein der Möglichkeit, ohne Kasteiungen und Übungen in Zen-Koan den Zustand der Erleuchtung zu erreichen, und zwar eben nur, eigentlich, über das Studium der Wissenschaft bzw. der wissenschaftlichen Weltwahrnehmung. Das Studium des Koan hat etwas wissenschaftliches ja an sich, da es versucht, das Paradoxe zu begreifen, und damit die Facetten, die Mannigfaltigkeit, das ständige Wechseln der Perspektive zwischen Motiv und Hintergrund. Ein Geist, der das vollständig beherrscht, besitzt Satori. Er ist vollständig flexibel. Das Erreichen von Erleuchtung, Satori, des Einheits-Bewusstseins bedeutet das Durchstoßen der materialen Hyle der Dinge wie der Konzepte über die Dinge – und dieses Durchstoßen erfolgt,  mit Leibniz gesprochen, über die Reflexion der Reflexion, also über das absolute Denken. Zunehmende Intelligenz bedeutet auch, dass komplexe, systemisch zu begreifende Inhalte wie Wissenschaft oder Philosophie für einen einfach werden, das (scheinbar) Einfache, wie alltägliches Verhalten der Menschen, Sittlichkeit oder Politik, in der Wahrnehmung des Intelligenten zunehmend komplex erscheinen (er bisweilen eine Komplexität an ihnen wahrnimmt oder in ihnen vermutet, die gar nicht besteht). Das Komplexe wird für den (wirklich) Intelligenten einfach, das Einfache komplex. Ich habe gesagt, das Einheits-Bewusstsein bedeutet eine demokratische Wahrnehmung aller Dinge (bei gleichzeitigem Vorhandensein der Möglichkeit ihrer analytischen Unterscheidung und Trennung). Das ist wahrscheinlich so, weil auf der Ebene des Einheits-Bewusstseins alles gleich einfach und gleich komplex geworden ist. Es gibt nichts wirklich Gescheites und nichts wirklich Dummes mehr. Das Komplexe wird einfach und das Einfache komplex. Das ergibt, inmitten dieser Homogenität freilich auch immer wieder eine ungewöhnliche Perspektive, denn es bedeutet auch, dass man, gleichsam mit einem Auge wie mit einem Teleskop in die Welt blickt, und mit einem anderen wie mit einem Mikroskop (wenn man so will, hat man hier die Gleichzeitigkeit von analytischem und synthetischem Geist). Ständig steigt irgendwas auf, und fällt irgendwas ab. Flächen erheben sich, Plateaus senken sich. Dynamische Geysire brechen aus. Es ist somit eine wabernde Homogenität (die freilich teilweise durchaus unheimlich sein kann – wie es aber eben die Realität an sich ist). Diese wabernde Realität bzw. der Eingelassenheit des Subjektes in die objektive Welt hat man im Lenz. Einen solchen Geist – den des Einheits-Bewusstseins – hatte der Büchner, der sehr wissenschaftlich war. Bei Goethe hat man immer wieder Figuren – den Faust, den Werther, den Tasso – die sich in der Wirklichkeit auf erstaunliche Weise nicht zurechtfinden, und in eigentümlicher Disharmonie mit ihr leben (oder eben sterben). Sie sind neurotisch; als der krankhafte Ausdruck des normalen, fragmentierten Bewusstseins (Lenz und der Joker sind psychotisch, als der krankhafte Ausdruck des Einheits-Bewusstseins). Das Einheits-Bewusstsein hingegen bedeutet ewigen und absoluten Frieden, da man in der Überwirklichkeit angelangt ist, und die Welt beherrscht. Man sieht zwar das Chaos, vor allem aber unglaublich robuste, unzerstörbare Verstrebungen und Architekturen – das ist der Blick auf die Ewigkeit und das Absolute – und das ist der Blick auf den eigenen, ewig gewordenen transzendenten Geist. Das ist das Konx Om Pax, sind die elysischen Felder. Schau, wie autonom der Träger des Einheits-Bewusstseins geworden ist (oder eben die Trägerin)! Sie sind etwas ganz anderes als die immer wieder grotesken Figuren von Goethe. Das Einheits-Bewusstsein steht über aller Welt und ist stärker als alle Welt. Es ist unsterblich und ewig.

Jetzt ist es nun allerdings nicht so, dass das das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt wäre. Das Einheits-Bewusstsein steht über aller Welt und ist stärker als alle Welt. Es ist unsterblich und ewig. Das heißt nun aber nicht, dass es in der Welt herrscht und irgendeine Macht haben muss. Das Einheits-Bewusstsein ist gut, und mit den Worten von Bhagwan, hat der Träger des Einheits-Bewusstseins den Zustand des ewigen Werdens (also des produktiven, allerdings auch gehetzten Zustand des entwicklungsfähigen Menschen) unter sich gelassen, und ist in einem unerschütterlichen Sein angelangt – „der Alptraum ist zu Ende“. Das Ego, das die Perspektive verzerrt und verengt, ist abgefallen – da ist eben nur mehr der offene Raum. Allerdings ist das eine eben das Bewusstsein, das andere ist das Sein, und wie Goethes Freund Schiller (im Wallenstein) dichtet:

Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit

Leicht beieinander wohnen die Gedanken,

Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen

Da ist es nun allerdings doch so, dass das großartige Einheits-Bewusstsein, das die elysischen Felder sieht, in Wahrheit auf eine kompartmentalisierte Wirklichkeit blickt und sich bezieht, und wenn man die spiritualisierte Perspektive wegrechnet, worüber sich alles an ihr als eine schöne, farbenprächtige Mannigfaltigkeit und Vielheit ausnimmt, eben auf eine vielfach unangenehme, heterogene bis einander feindselige Wirklichkeit, eine empirisch-sittliche Wirklichkeit, von der Goethe (in den Maximen und Reflexionen) sagt:

Die empirisch-sittliche Welt besteht größtenteils nur aus bösem Willen und Neid.

Im Wallenstein heißt es weiter:

Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht

Dem Guten. Was die Göttlichen uns senden

Von oben, sind nur allgemeine Güter,

Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich

Von den Reichen heißt es immer wieder, ihr Leben sei dann doch nicht so beneidenswert; Alexander wusste einst (doch eher glaubwürdig) zu berichten, dass in der Welt der Hollywood-Stars, in der er sich eine Zeitlang aufgehalten habe, ein doch deutlich empfundenes Sinndefizit herrsche. David Bowie, der alles erreicht hatte, hat in späteren Jahren gemeint, wenn er noch einmal auf die Welt käme, würde er ein spirituelleres Leben führen wollen („ein Mönch sein, der allerdings viel Gitarre spielt“). Das Einheits-Bewusstsein ist das Höchste, was an diesseitiger Spiritualität erreichbar ist. Es ist wahrscheinlich das, was alle wollen. Allerdings halt einmal das Einheits-Bewusstsein allein zu haben, ist auch ungemütlich, noch dazu, wenn es den Neid und die gekränkte Eitelkeit unter den Mächtigen hervorruft, also dazu beiträgt, den Außenseiterstatus zu zementieren. Bhagwan hat gemeint, von seinem Rolls Royce aus (den ihm reiche Bewunderer geschenkt haben), der letzte Sinn liege nicht unbedingt in der Askese allein – der Sinn liege darin, ein materiell wie ideell reiches Leben zu führen. Bhagwan hat die Erleuchtung selbst erfahren. Sloterdijk nennt ihn einen „Wittgenstein der Religion“ Gegen Ende seines Lebens hat Bhagwan pessimistisch gemeint, dass er keine großen Hoffnungen für die Menschheit mehr habe. Mit einer großen Hoffnung habe er zu lehren angefangen, doch ganz allmählich habe die Menschheit diese Hoffnungen zerstört. Jetzt habe er nur mehr für einen kleinen Teil der Menschheit Hoffnung. „Ich nenne ihn: meine Leute“. Im Einheits-Bewusstsein kommen seltene und höchst qualitative Sachen und gute Eigenschaften zusammen. Das Problem ist, dass es einen in eine intensivere Verbindung mit der Welt bringt, allerdings eben auch von der empirisch-sittlichen Welt entfernt. Diese Paradoxie muss man dann doch erst einmal aushalten; vor allem für den Träger des Einheits-Bewusstseins mag das eine besondere Herausforderung sein (nicht allein, weil sein Empfinden ja allgemein viel intensiver ist, sondern eben auch, weil es ihn – und ihn ganz allein – ja auch persönlich betrifft). Was sind die Mächte der Geschichte? Das kann man nicht übergeschichtlich sagen, vielfach sind sie anonym. In seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen sagt Jacob Burkhardt:

Gegenüber von solchen geschichtlichen Mächten pflegt sich das zeitgenössische Individuum in völliger Ohnmacht zu fühlen (Problem des Woyzek, Anm.); es fällt in der Regel der angreifenden oder der widerstreitenden Partei zum Dienst anheim. Wenige Zeitgenossen haben für sich einen archimedischen Punkt außerhalb der Vorgänge gewonnen und vermögen die Dinge „geistig zu überwinden“ und vielleicht ist dabei die Satisfaktion nicht groß, und sie können sich eines elegischen Gefühls nicht erwehren, weil sie alle anderen in der Dienstbarkeit lassen müssen. Erst in späterer Zeit wird der Geist vollkommen frei über solcher Vergangenheit schweben.

Das Einheits-Bewusstsein ist überweltlich und überzeitlich. Durch seine überzeitliche, ewige Perspektive ist es in der späteren Zeit bereits heute angekommen. Also können ihm die Kämpfe der heutigen Zeit ein wenig egal sein (unter anderem auch, weil sie sowieso so dumm sind, und im Einheits-Bewusstsein gibt es eben keine Kämpfe). Es sieht allerdings auch – und empfindet vor allen Dingen auch – , dass die spätere Zeit der heutigen irgendwie ähneln wird. Allerdings kann man Einsicht in die Ewigkeit ja auch nur haben, wenn es ewiges, das heißt einigermaßen identisches gibt. Transzendenz und Erleuchtung bedeutet, dass es eben etwas niederer Ordnung geben muss, über das sich die Transzendenz erhebt, und auf das sich die Transzendenz, in einer schwer beschreibbaren und nicht eindeutigen höheren Dimension aus bezieht. Wenn jetzt einer in zusätzlichen räumlichen und zeitlichen Dimensionen lebt, lebt er aber eben doch auch in denselben Dimensionen wie alle anderen. Büchner ist erst Jahrzehnte nach seinem Tod bekannt geworden, sein Geist erst relativ spät vollkommen frei über solcher Vergangenheit geschwebt. Aber er hatte Recht, auch in seinen Einsichten in den geschichtlichen Gang, auch als zunächst radikaler, dann gemäßigter, reformerischer Revolutionär. Lemmy von Motörhead sagte einmal, er und John Lennon seien letztendlich darin gescheitert, die Welt zu verändern (zumindest bezogen auf ihren ursprünglichen, naiven Idealismus), denn sie wollten das Geld bekämpfen. Aber man kann das Geld nicht bekämpfen. Nun denn, aber das Geld und jegliche wirtschaftliche und politische Macht können auch das Einheits-Bewusstsein nicht bekämpfen und ihm nicht den geringsten Schaden zufügen, selbst wenn sie es wollten. Macht hat man letztendlich nur dann vollständig erlangt, wenn man die nicht allein die äußerliche, sondern die innere Freiheit des Anderen auslöscht oder korrumpiert. Das Einheits-Bewusstsein ist aber nicht mal allein unkorrumpierbare innere Freiheit, sondern die absolute Freiheit des chaosmotischen Prozesses der Welt. Es ist unbesiegbar, weil die Welt in ihrer Totalität, die es abbildet, unbesiegbar ist. Es ist so unbesiegbar wie das Geld. Es richtet sich auch nicht notwendigerweise gegen das Geld, so wie das Geld sich ja nicht notwendigerweise gegen das Einheits-Bewusstsein richtet. Sollten diese beiden Mächte gegeneinander kämpfen, geht es unentschieden aus; unter anderem, da sie ja zu einem guten Teil unterschiedlichen Sphären angehören. Schau, da oben, über der Erde, in der Exosphäre: da ist die Möbiusschleife des Einheits-Bewusstseins, und die Möbiusschleife des Laufs der Welt. Das ist das Sinnbild, wie sich, in Einsamkeit, die Welt und das Welt-Bewusstsein prozessiert. Das ist die Ewigkeit der Dinge. Büchner hat das alles verstanden; Goethe auch; jeder versteht das, aber die Vision bei Büchner finde ich am besten und am Intensivsten. Büchner war erleuchtet. Es kommt im Leben einfach darauf an, nicht bloß Universalgenie, sondern eben auch erleuchtet zu sein. Dann hat man ein gutes Beispiel gegeben; war allerdings auch eine prekäre Erscheinung.

31.1. + 2.2. + 4.2.2020

Fernán Caballero

Für Benedetto Groce

Es lässt sich nicht leugnen, dass tief fühlende Herzen und Menschen von großem Verstande durch einfache Begebenheiten am meisten gerührt werden.

Alexandre Dumas

Da liege ich nun, zusammengekrümmt, in einer Embryonalstellung, mit beinahe geschlossenen Augen und schmerverzerrtem Gesicht, in der unheilswolkenschwangeren Einöde, dem Jammertal, Schlangen und Blindscheichen und Frösche und kleines Getier zischt ein wenig um mich, in Misanthropie und Verzweiflung über die Schöpfung gebannt, kann und will mich kaum mehr rühren – jede Regung verheißt eine neue Enttäuschung, einen neuen Schmerz – da geht plötzlich eine Öffnung über mir auf, kommt ein Licht von oben; eine engelsgleiche Gestalt sinkt nieder über mich, mit mildem Gesicht, mariengleich die Arme ausgebreitet und bedeutet mir mit ihrer Aura: No te preocupes … todo está bien…. No te preocupes … todo está bien…. – Fernán Caballero (eigentl. Cecilia Francisca Josefa Böhl de Faber y Larrea, geb. 24. Dezember (!!) 1796 in Mortes (Schweiz), eingegangen in die Verwandlung 7. April 1877 in Sevilla)! Fernán Caballero, Mittlerin und Brückenbauerin zwischen Romantik und Realismus, ist primäre Exponentin des spanischen Sittenromans und wichtige Figur des Sittenromans im 19. Jahrhundert allgemein, in dem sie auch mitunter mit Walter Scott verglichen wird. Darüber hinaus gilt sie auch als wichtige Darstellerin Spaniens und seiner Gebräuche und Gepflogenheiten zur damaligen Zeit. Von sich selbst behauptet sie dabei lediglich: „Meine Absicht war durchaus nicht, Romane zu schreiben … ich suchte vielmehr eine wahre, genaue, echte Vorstellung von Spanien und seiner Gesellschaft zu vermitteln, das innere Leben unseres Volkes zu beschreiben, seine Ansichten, seine Gefühle, seinen Mutterwitz; ich wollte Dinge wieder zu Ansehen bringen, die das unkluge neunzehnte Jahrhundert mit verwegenen schweren Füßen niedergetreten hat, heilige und religiöse Dinge, die religiösen Bräuche und ihre hohe und zarte Bedeutung, die alten reinen spanischen Bräuche, Wesen und Art des nationalen Empfindens, die Bande der Gesellschaft und der Familie, mithin alles, was als Zügel zu bezeichnen ist namentlich für jene lächerlichen Leidenschaften, die man affektiert, ohne sie wahrhaft zu fühlen (denn die große Leidenschaft ist zum Glück selten), die bescheidenen Tugenden. Der Teil, den man als romanhaft bezeichnen könnte, dient lediglich als Rahmen für das ausgedehnte Bild, das zu zeichnen ich mir vorgesetzt habe.“ Ja, ihre Erzählungen streben nicht nach künstlerischem Olymp, sie wollen erbauliche Geschichten sein, die mit Beispielen des Guten und Bösen die Thesen, die ihr am Herzen liegen, beleuchten und zur Darstellung bringen; aus dem Dunkel und der Rätselhaftigkeit der Welt heraus plastische, exemplarische Formen schmieden, die da abbilden, dass das Leben und die Menschen gut sind und einfach und ohne rätselhafte Hintergründigkeit, wenn sie es nur wollen. Das ist das einfache Zentrum und das ist das Herz der Dinge: Ohne große Geistesfähigkeiten besaß die Gräfin das Talent des Herzens; sie fühlte richtig und zart. Ihr ganzer Ehrgeiz beschränkte sich darauf, sich ohne Übermaß zu zerstreuen und zu gefallen, wie der Vogel, der fliegt, ohne es zu wissen, und singt, ohne sich anzustrengen. Das ist eine exemplarische Skizzierung, wie einfach und geradlinig die Caballero den Menschen (wie er sein soll) auffasst und wie er, ihrer Ansicht nach, im Wesentlichen in der Welt anzutreffen ist: Ähnliches kommt nicht selten in Spanien vor, dank der unerschöpflichen Mildtätigkeit seiner Bewohner, die es im Verein mit ihrem edlen Charakter nicht zulässt, Schätze zu sammeln, sondern das, was sie haben, dem, der es bedarf, zu geben. Man frage nur die aus ihren Klöstern vertriebenen Mönche und Nonnen, die Handwerker, die Witwen der Militärs und die dienstlosen Beamten. Ei, scheint sie uns zuzurufen, ihr verachtet die plumpen spanischen Kirchen und sprecht von der Unwissenheit und Rohheit des spanischen Volkes – bemerkt ihr denn nicht die täglichen Beweise, die es von Uneigennützigkeit, Opfersinn, gutem Verstand und Urteil und edlem Stolz gibt, und wie das Früchte einer langen christlichen Erziehung sind? Ursprung und Ende allen Glücks auf Erden? Was wollt ihr mit euren aufrührerischen politischen Hasspredigten, mit denen ihr euch an die Armen richtet, im Sinne der Beförderung von „Fortschritt“ und „Humanität“, mit denen ihr die Menschen entzweit – wisst ihr denn nichts von der heiligen Freudigkeit, der Resignation im eigenen Zustand, der Harmonie, die ausfüllt, wenn nur jeder seinen Platz gut ausfüllt und in einem harmonischen Verhältnis zu ihm ruht wie die goldene Kugel? Er kümmerte sich weder um Politik noch um irgendetwas anders, außer seiner Kirche und seinem Hause. Die Welt war für ihn ein Chaos, das er nicht weiter begrenzte: er wusste bloß, dass der Engländer, der Franzose und Indien vorhanden seien. Wie gut wusste er, wenn das Essen gut oder der Wein schlecht war! Welche herrliche Ruhe fühlte er in seinem Bett! Wie angenehm war die Tätigkeit des Tages! Gott lieben und ihm dienen, den Nächsten lieben und ihm helfen, und „gelobt sei die Jungfrau“. Das war seine Devise. So entsteht große Ordnung und Herrlichkeit – das sagt schon Konfuzius. Die Philosophie und die Geistigkeit, die niemals weiß, was sie will, wonach sie überhaupt sucht – kann sie je jene Quelle kristallklaren Wassers aufwiegen, die fortwährend in jenen quillt, die vom Katechismus leben und zu sterben gelernt haben? Ha, traurige Philosophie, die du die Wimpern über deinen Büchern versengst und den Verstand mit deinen Haarspaltereien zerrüttest, nach dem Stein der Weisen suchend, dies ist die Wahrheit und das Glück, das du niemals findest! Was bist du im Vergleich zu dieser Geistesruhe, dieser Seelenreinheit, die nichts sucht und alles findet? Der wahre Schatz liegt in der einfachen Tugend, die unüberbietbar und unhintergehbar ist: Maria war vernichtet. Ihr Stolz, der kühn gegen jede Überlegenheit kämpfte, der dem Ansehen adliger Geburt, der Rivalität der Künstler, der Macht der Autorität und selbst den Vorzügen des Genies trotzte, beugte sich wie ein Rohr vor der Größe und der Erhabenheit der Tugend. Die höchste mentale Repräsentation der Tugend ist die Religion, und die hervorragendste von allen Religionen ist der Katholizismus. Fernán Caballero ist streng katholisch, und von der Struktur her finde ich den Katholizismus ja auch sehr gut: Die Hierarchie und die Tiefengestaffeltheit des Seins, die er andeutet; ein warmes, allerdings auch entrücktes Licht flackert da in der Finsternis, vor uns, tiefer im Sein; es verheißt und Wärme, es verheißt und die Möglichkeit von Behausung und Herd im winterlichen, einsamen Dunkel; gleichzeitig ist diese göttliche Instanz eine, die deutlich über uns steht, und uns letztendlich fremd und unnahbar entrückt ist, uns übergeordnet und wo das Glück darin liegt, dass wir gegen sie immer im Unrecht sind! Das ist wahre Frommheit und der große Geist und das große Herz sind katholisch und fromm. Wie ordinär und distanzlos dagegen der Protestantismus, dem das Pathos der Distanz (gegenüber dem hierarchischen Tiefsinn des Seins) fehlt, und der heillose Verwirrung in die Welt bringt, wie den Kapitalismus, der dann zu allem Überfluss auch noch den Kommunismus in die Welt bringt! Wie war die Caballero dagegen doch gesund skeptisch gegenüber ausländischer Neuerungssucht, Modernisierungswahn und Kosmopolitismus, ob dass ihr so vollendete Schilderungen und Skizzen gelingen wie diese: Diese neue Sprecherin war nicht lange erst von Madrid angekommen, wo ein bedeutender Prozess ihres Vaters Anwesenheit erheischt hatte. Sie kam vollständig modernisiert und so durchdrungen von dem, was man ausländischen guten Ton zu nennen pflegt, von dieser Reise zurück, dass sie unausstehlich lächerlich geworden war. Ihre fortwährende Beschäftigung war Lesen, aber sie las fast nur französische Romane. Mit der Mode trieb sie eine Art Kultus, war eine leidenschaftliche Musikfreundin und verachtete alles, was spanisch war. Ei, der Nationalismus ist unbesiegbar, denn die Nation, das Heimatliche, ist das Seelenhafte, das das Individuum nährt und trägt und ihm Schutz bietet, es aufnimmt und doch niemals, außer durch dessen eigenes Verschulden, aus seinem schützenden Schoß entlässt; daher solle man erst gar nicht versuchen, gegen den Nationalismus anzukämpfen, denn er reflektiert eben auf die Formen, in die wir Menschen geworfen sind, so bringt das Ankämpfen gegen ihn notgedrungenermaßen Unheil: Und die aufgeklärte Dame, genährt mit weinerlichen Romanen und Gedichten, heiratete den großen Gauner, der, wie wir später erfuhren, schon zweimal verheiratet war. Nach Verlauf einiger Monate und nach dem er alles Geld, das sie ihm zugebracht, vertan hatte, verließ er sie in Valencia, von wo der unglückliche Vater sie abholte und entehrt, weder verheiratet, noch Witwe, noch ledig, zurückbrachte. Da seht ihr lieben Kinder, wohin die törichte und falsche Ausländerei führt. Großes Mitgefühl hat sie mit dem Leid von Tieren, und sie lässt keine Gelegenheit außer Acht, um gegen Grausamkeiten gegen Tiere zu protestieren. Die Orte, die sie schildert, die Dörfer, die ländlichen Häuser, die Weinlauben, die Gässchen, die Kirchen, alles das schließt ihre Sehnsucht, ihre Zärtlichkeit gleichsam in die Arme – und, ach!, sind ihre Worte immer einfach und sprechen in so einfacher Weise das aus, was jeder um sich gewahr werden kann, nicht ohne immer wieder von einer elementaren Verwunderung, und von Schmerz und Reue ergriffen zu werden: Der spanische Nationalcharakter ist der Feind alles erkünstelten Wesens, er verlangt daher weder, noch erkennt er an, was man in anderen Ländern guten Ton nennt. In Spanien besteht der gute Ton in der Natürlichkeit, denn was hier natürlich ist, ist zugleich auch elegant. (In ihren späteren Werken nimmt nichtsdestotrotz das Gewicht der sittlichen Aussage und Demonstration ein wenig Überhand, und sie treten uns nicht mehr mit demselben primitivistischen Charme und jener Simplizität entgegen, aber das ist wohl bei der fortlaufenden ethischen Intensivierung unvermeidlich, denn auf dem Grunde des Bechers des katholischen Prinzips wartet der heilige Ernst.) Oh, Fernán Caballero! Nährende, tragende, bergende Mutter! Sancta simplicitas, die Einfalt der Sitten, die Reinheit und Selbstidentität und –genügsamkeit der Tugend! In meiner Embryonalstellung liege ich da, im Jammertal, außerhalb des Schoßes der Großen Mutter – das kommt davon, wenn man sich von ihr entfernt; wie dann der Intellektuelle lebenslänglich geneigt ist zu trauern, ob all der intellektuellen Differenzierungen, innerhalb derer er lebt, mithilfe er sich erweitert, ohne jemals glücklich zu sein! Denn das, was jenseits von Differenziertheit und Raffinesse liegt, ist die selbstgenügsame Einfachheit und die monolithische, monotheistische Solidität der harmonischen Sphäre, die die Caballero so anmutig, und darin scheinbar ohne irgendeine Anstrengung oder Vortäuschung in ihren Werken da werden lässt. Natürlich muss man, um all das völlig ernst nehmen zu können, auch ein wenig dumm sein. Diese Dummheit gilt es in sich aufzunehmen. Selig sind die Armen im Geiste. Dererlei spricht die engelhafte Figur über mir, haucht ihren göttlichen Odem über mich und kühlt mich: die heute beinahe vergessene Fernán Caballero! Wir sehen und im neuen Jerusalem!

(Anm.: Fernán Caballero habe ich in Poesie und Nichtpoesie von Benedetto Groce getroffen, dem ich dafür dankbar bin.)

Georg Büchner und Lautréamont

… Wer diese Schilderung für übertrieben hält, der erinnere sich an Kants famosen Ausspruch in der Anthropologie, wo der Alte vom Berge alles Ernstes erklärt, das poetische Vermögen, von Homer an, beweise nichts, als eine Unfähigkeit zum reinen Denken, ohne jedoch die sich mit Notwendigkeit ergebende Konsequenz hinzuzufügen, dass auch die Welt in ihrer stammelnden Mannigfaltigkeit nichts beweise, als die Unfähigkeit Gottes, einen Monolog zu halten.

Friedrich Hebbel, Vorwort zu Maria Magdalena

Dieser Büchner war ein toller Hund. Nach kaum 23 oder 24 Jahren verzichtete er auf weitere Existenz und starb. Es scheint, die Sache war ihm zu dumm…

Alfred Döblin

Woyzeck sucht Sinn, sucht den Gesamtzusammenhang zu erkennen, vermutet ihn eventuell (heute wie damals) als von den Freimaurern gesteuert, bleibt aber in seinem fragmentarischen Sprechen hängen, fremde Mächte verfügen über ihn, er mag ihnen leicht reinscheißen, indem er zu früh pisst, aber auch, und vor allem, die höheren Hierarchiestufen sind von albernen Figuren bevölkert, von guten, jovialen Menschen eventuell, aber ohne wirkliche Moral, denn Moral, das ist wenn man moralisch ist – traurige Absage an die Idee davon, der Mensch könnte seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit tatsächlich und effektiv groß entkommen; die Französische Revolution, ihre Agenten und ihr Stimmvieh, unentschieden wandelt sich das Bild rund um Dantons Tod ständig von einer interessanten bis heilsverkündenden Sinfonie der produktiven Heterogenität und Vielfalt unter Menschen und ihrer Ansichten und der einer nihilistischen Kakophonie, der der Dirigent abgeht. Ich studirte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Ach! Das ist jenseits der Frage von Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? – es ist eine nüchterne (feurig artikulierte) Einsicht in den Lauf der Dinge und in den Chaosmos (dem Zusammenspiel von Zufall und Ordnung), den zu erkennen das Höchste, den zu beherrschen unmöglich ist. Es ist eine Einsicht in die absolute Beweglichkeit der Dinge, die bei Büchner korrespondiert in einer absoluten Beweglichkeit der Sprache, die selbst Shakespeare (vor allem aber Goethe) ein wenig unbedarft aussehen lässt. Büchners Sprache ist Fähigkeit zum reinen Denken und artikuliert einen Monolog Gottes, der alle stammelnde Mannigfaltigkeit der Welt beinhaltet. Büchners Sprache legt sich über die Welt. Die Welt ist etwas Subjektives wie Objektives, solipsistisches Abbild im Gehirn einer dennoch unermesslichen und indifferenten Weite da draußen – sie realisiert sich, für uns, in den Verhältnissen, in denen wir zu ihr leben. Satori und Erleuchtung und kosmisches Bewusstsein bedeutet Amalgamierung von Subjekt und Objekt und (Quasi-) Transzendierung von Mensch und Welt hinsichtlich uns allgemein bekannter Formen von Mensch-Welt-Verhältnissen. Im Lenz hat man das in einer höchst produktiven Weise. Den 20. ging Lenz durchs Gebirg … es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlorenen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so nass, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen, er begriff nicht, dass er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunterzuklimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse alles mit ein paar Schritten ausmessen können. Nur manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf, und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner, und dann gewaltig heranbrausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengen, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, sodass ein helles, blendendes Licht über den Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriss, und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm, und kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen und alle Berggipfel scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten, riss es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt in das Moos und schloss die Augen halb, und dann zog es ihn weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog. Überwältigende Wanderungen des wandernden Geistes! Aber es waren nur Augenblicke, und dann erhob er sich nüchtern, fest, ruhig als wäre ein Schattenspiel vor ihm vorübergezogen, er wusste von nichts mehr. Im Lenz hat man das Einheits-Bewusstsein, eine alles durchdringende und einheitliche, demokratische innere und äußere Wirklichkeitserfahrung, die natürlich auch den ungeheuern Riss, der durch die Welt geht, wahrnimmt (schmerzlich), diesen aber durch ihre eigene Intensität ohne weiteres kompensiert (solange das Subjekt gesund ist; wenn es krank wird, hat es dann möglicherweise nur mehr n i c h t s). Ei, in Lenz sind alle Dinge verwoben, man hat die Decke der Welt und das empathische Ergreifen aller Dinge im ultimativen Subjekt, das den Kelch der Welt austrinkt, als unendliche Aufgabe, in einem unendlichen Fest und Bacchanal. Es dehnt sich aus, es zieht sich zusammen, es vergewissert sich seiner Geborgenheit, es vergewissert sich seiner Isoliertheit… es stabilisiert sich von Zeit zu Zeit in reiner, abstrakter Geometrie, die bald wieder zu tanzen anfängt, zu rauschenden Tönen inmitten von Farben, es reitet die Welle. Er durchstrich das Gebirg in verschiedenen Richtungen, breite Flächen zogen sich in die Täler herab, wenig Wald, nichts als gewaltige Linien und weiter hinaus die weite rauchende Ebne, in der Luft ein gewaltiges Wehen, nirgends eine Spur von Menschen als hie und da eine verlassene Hütte, wo die Hirten den Sommer zubrachten, an den Abhängen gelehnt. Er wurde still, vielleicht fast träumend, es verschmolz ihm alles in eine Linie, wie eine steigende und sinkende Welle, zwischen Himmel und Erde, es war ihm als läge er an einem unendlichen Meer, das leise auf und ab wogte. Manchmal saß er, dann ging er wieder, aber langsam träumend. Er suchte keinen Weg. Der Weg zu Erleuchtung und Satori ist bekannt als der weglose Weg. Der weglose Weg reflektiert auch das Blinde des Schicksals und das Elementarische des Lebens, das sich in seiner eigenen Mimesis am Elementarsten realisiert. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist´s gut; wir haben dann nicht mehr zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist, das Gefühl, das was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es und nur selten, in Shakespeare finden wir es und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Goethe manchmal entgegen. Alles Übrige kann man ins Feuer werfen …  Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur … Wie ich gestern neben am Tal hinaufging, sah ich auf einem Steine zwei Mädchen sitzen, die eine band ihre Haare auf, die andre half ihr; und das goldene Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und doch so jung, und die schwarze Tracht und die andre so sorgsam bemüht. Die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon … Nur eins bleibt, eine unendliche Schönheit, die aus einer Form in die andre tritt, ewig aufgeblättert, verändert, man kann sie aber freilich nicht immer festhalten und in Museen stellen und auf Noten ziehen und dann Jung und Alt herbeirufen, und die Buben und Alten darüber radotieren (lt. Duden: „ungehemmt schwatzen“, Anm.) und sich entzücken lassen. Man muss die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen. Büchner ist der Alte vom Berg, der alle Welt überblickt. Dass ein (noch dazu sehr Junger) von einem so hohen Berg aus alle Welt überblickt, ist extrem selten. Dass im 19. Jahrhundert gleich drei solche da waren (außerdem eben: Rimbaud und Lautréamont), ist vielleicht das curioseste von allem. Köstliche Kuriosität!

Lautréamont wird niemals eine historische Persönlichkeit sein. Er steht außerhalb der Literaturgeschichte, außerhalb der Sittengeschichte … Unter einem zu niedrigen Himmel, inmitten der Hast und des Gedränges, fühlt man sich erdrückt wie ein Fisch in einem übervollen Netz; man erstickt an der eigenen Größe. Seltsames Paradox: ein Genie erstickt und fühlt sich endgültig allein und mehr als allein, es fühlt sich verlassen. In seinen Träumen hält es sich für einen Schwimmer, der sich verirrt hat, Hunderte von Kilometern vom Festland entfernt, ohne Hoffnung auf Hilfe. Für ihn gibt es nur die Wogen des Meeres, den unbarmherzigen Himmel und den eigenen Mut… Das Drama spielt sich in seiner eigenen Brust ab. Der Vorhang öffnet sich auf eine Wüste…

Philippe Soupault

„Geniale Intelligenz ist bewirkt durch Reibung der Gewöhnlichkeit am Traum. Büchner war ein großer Träumer, der sich der Gewöhnlichkeit ausgeliefert hat“, so Büchner-Biograph Hermann Kurzke. Die Gesänge des Maldoror von Büchners Intelligenzgenossen Lautréamont gelten als Traumliteratur, als genuine und höchst überraschende Schöpfung außerhalb aller Tradition von einem ca. 23jährigen weitgehenden Unbekannten. Was man da, auf diesen gewaltigen Textflächen hat, sind rationale und durchkomponierte Halluzinationen und Meditationen, Emanation von Bildern, von denen eines ins andere übergeht, einen schönen, demokratischen Strom von unzerreißbarer Textur – abermals das Einheits-Bewusstsein! Sein Verleger (der sich dann doch nicht getraut hat, die Gesänge zu veröffentlichen, die erst zwanzig Jahre später von einem anderen, befreundeten Verleger publiziert wurden) hat den „großen, dunklen, jungen Mann, bartlos, unruhig, ordentlich und fleißig“, für verrückt gehalten, weil so vieles abartige Zeugs – nicht nur Perverses, sondern auch offensichtlich Unsinniges –  bei ihm besungen wurde. Alter Ozean, deine Wasser sind bitter. Ihr Geschmack gleicht genau dem der Galle, welche die Kritik über die schönen Künste, über die Wissenschaften, über alles ergießt. Hat jemand Genie, wird er für einen Dummkopf gehalten; ist ein anderer schön von Gestalt, nennt man ihn buckliges Scheusal. Gewiss, der Mensch spürt gewaltig seine Unvollkommenheit, die er übrigens zu dreivierteln sich selbst zuzuschreiben hat, da er sie derartig tadelt! Ich grüße dich, alter Ozean! „Aber, eben dieser Verstand ist so stark, er hat eine solche Weite, dass er zugleich alle Bewegungen des Unverstandes zu umgreifen scheint und die seltsamsten Abirrungen einbeziehen kann, jene unterirdischen Konstellationen, die ihm als Wegweiser dienen, und die er dennoch mit sich reißt, ohne sich zu verlieren und ohne sie zu verlieren.“ (Maurice Blanchot über Lautréamont) Solcherart waren Geist und Seele des Comte de Lautréamont. Ja, was man bei Lautréamont hat, ist der (absolute) GEIST (in der absoluten Form), der um die Welt und um sich selbst rotiert. Er rotiert um die Rätsel, genauer gesagt, um die Mysterien der Existenz, die er mühelos überblickt, deren metaphysischen Beschränkungen er dabei genauso unterliegt, wie alle anderen Wesen, einschließlich Tieren, Kindern und Ozeanen: Weder ich noch die vier Schwimmflossen des Eisbären im Nordmeer haben das Rätsel des Lebens lösen können. Das Rätsel des Lebens, von noch keinem befriedigend beantwortet oder gelöst, gibt es als Substanz wohl nicht. Gut und Böse gibt es, als Substanz, wohl auch nicht. Was es aber, wie Baudrillard (?) sagt, gibt, ist die Spannung zwischen Gut und Böse! Die ist etwas, was uns beschäftigt und eine Erscheinungsform des Rätsels des Lebens ist. Wenn das Rätsel des Lebens als Substanz nicht existiert, teilt es sich doch über Spannung und Intensität mit, die zumindest vom gespannten und intensiven Geist erfahren wird (Lautréamont sei der Schriftsteller mit der höchsten geistigen Intensität des 19. Jahrhunderts gewesen, urteilt Carl Einstein, unabhängig davon, über ihn).  Die Gesänge des Maldoror sind Meditationen über das Böse und eine traumhafte Phänomenologie des Bösen – bei der dadurch an Schrecklichkeit aber etliches rausgenommen wird, denn auch wenn Träume oft unangenehm sind: gefährlich sind sie ja nie. Eher sieht es so aus, als wie wenn ein betrunkener Gott (der auch in den Gesängen auftritt) auf die Welt blickt und sein Weltauge errichtet. Nach den publikationsmäßigen Misserfolg der Gesänge des Maldoror plant Lautréamont das Gegenteil, dichterische Gesänge des Guten, die aufgrund seines frühen Todes nur in (künstlerisch scheinbar weniger zwingenden, intellektuell teilweise aber äußerst hochstehenden) Fragmenten vorliegen. Mit den Gesängen des Maldoror will sich Lautréamont durch das Böse hindurchschießen, mit dem Folgewerk will er sich durch das Gute hindurchschießen. Im Einheits-Bewusstsein spielt sich der meditative Kampf von Gut und Böse als (erscheinenden) Polen der Existenz und allgemein die Meditation des Welträtsels in äußerster Ruhe und Intensität ab. Albert Camus zeiht ihn der Banalität; der Mensch der Revolte, als den Camus den jungen Lautréamont auffasst, strebe letztendlich nach der eingangs erwähnten Gewöhnlichkeit, dem Konformismus, der Banalität, suche dort seine Heimat. Aufgrund von Weltekel komme er dann mit banalen versöhnlichen Lösungen und Botschaften: „die Menschheit zu trösten, sie als Bruder zu behandeln, zu Konfuzius, Buddha, Sokrates, Christus zurückzukehren … Jedes Genie ist zugleich befremdend und banal. Es ist nichts, wenn es nur eins von beiden ist“. Ich finde nun aber das Gute nicht banal. Menschen, in ihrer Invertiertheit, finden immer wieder das Böse faszinierend, und das Gute schal: wobei es ja in Wirklichkeit das Gute ist, das faszinierend ist, und nicht das Böse. Das Böse ist höchstens faszinierend, indem es eventuell labyrinthartig ist und geheimnisvoll, indem es ränkeschmiedend ist und aus dem Hinterhalt angreift, aber das Böse ist nicht wirklich komplex; das Gute ist komplex, sogar von endloser Komplexität, und es reflektiert auf das Böse umfassender als es vom Pol des Bösen aus umgekehrt stattfindet. Das Gute ist expansiv, das Böse ist kontraktiv. Im Einheits-Bewusstsein spielt sich der meditative Kampf von Gut und Böse als (erscheinenden) Polen der Existenz und allgemein die Meditation des Welträtsels in äußerster Ruhe und Intensität ab. Das Gute, wenn es nicht allein immer nur aus dem Affekt heraus geschieht, sondern konsequent durchdacht wird, ist dem Bösen an Komplexität weit überlegen. Für Gide war Lautréamont, mehr noch als Rimbaud, der „Schleusenmeister der Literatur von morgen“, was man auch zu sehen vermeinen könnte, insofern die Dichtung des Psychopathen Rimbaud, von technischen Raffinessen abgesehen, auf nichts hinausläuft, während die von Lautréamont auf alles hinausläuft und die ganze Welt überschwemmt. Ich grüße dich, alter Ozean! Im Einheits-Bewusstsein spielt sich der meditative Kampf von Gut und Böse als (erscheinenden) Polen der Existenz und allgemein die Meditation des Welträtsels in äußerster Ruhe und Intensität ab. Die Gesänge des Maldoror bestehen aus lauter Bildern, manche sehr, andere weniger plastisch; der Gedankenstrom fließt reißend und unaufhörlich bei Lautréamont, und für immer; Lautréamonts Geist wandert unaufhörlich, und da der eigene Geist auch unaufhörlich wandert, kommt es immer wieder zu unterschiedlichen Bewegungen bei der Lektüre zwischen dem eigenen Geist und dem, der da vor einem ausgebreitet wird; aber das ist gut, denn so kann man immer wieder zurück (speziell) zu Lautréamont; aufgrund seines Reichtums finden da immer wieder zufällige Zusammentreffen von Nähmaschinen und Regenschirmen auf dem Seziertisch statt (die ich z.B. bei der ersten (wiederholten) Lektüre von diesmal überlesen habe, und sie beim zweiten Mal wohl auch nur bemerkt, weil sie von den Surrealisten zu einem geflügelten Wort gemacht wurde (Amadeo Modigliani hatte angeblich immer ein Exemplar der Gesänge bei sich und immer wieder darin gelesen)). Sowohl Lautréamont als auch ich lieben Kinder (als das werdende Gegenstück zum gewordenen Erwachsenen) und den Ozean (Alter Ozean … du bist bescheiden. Der Mensch rühmt sich unaufhörlich und um nichtiger Dinge willen. Ich grüße dich, alter Ozean!). Zu Tieren (die in den Gesängen des Maldoror auch recht häufig vorkommen) habe ich zwar kein metaphysisches Verhältnis, aber ich mag dann, bei der persönlichen Begegnung, Tiere, und die Tiere mögen mich. Kinder und Tiere sind unschuldig, meint auch Tarkowski (der außerdem für sein Naheverhältnis zum Wasser bekannt ist), wobei sie in den Gesängen des Maldoror meistens böse sind (aber das hätte Tarkowski natürlich sofort verstanden (und ich manage die FB-Gruppe „Sociopathic Children“)). Während Büchner an natürlicher Ursache gestorben ist (ansonsten er aber womöglich im Knast verrottet wäre wie seine revolutionären Mitverschwörer, oder in Wahnsinn, Depression und Selbstmord geendet hätte, wenn er älter geworden wäre?), fand man Lautréamont eines Tages tot in seinem Hotelzimmer. Über die Todesursache des 24jährigen ist nichts bekannt, von einer Krankheit dieses jungen Menschen auch nicht, ein Selbstmord ist nicht auszuschließen. Kaum eine biographische Spur hat das einzelgängerische Ultragenie hinterlassen, für das die Erde aber sowieso kein richtiger Platz schien. „War es eine Bekehrung? Suchte er ein Alibi? Wahrscheinlich tauchte er für eine Weile aus dem Ozean seines Unbewussten auf und fand sich auf der Erde nicht zurecht. Vielleicht glich er Baudelaires Albatros, aus einem Element, das ihn trug, auf das Deck des Schiffes gefallen, ohne Orientierung.“ (Wolfgang Koeppen über Lautréamont) Und so gilt Lautréamont als höchst geheimnisvoll. Wenngleich nicht für mich, denn wir sehen uns durch das Einheits-Bewusstsein, das den Schleier der Maja erheblich verdünnt (wenngleich wir, wie gesagt, den metaphysischen Beschränkungen genauso unterliegen wie alle andere Welt). So will ich am Schluss auch noch definitiv erhellen, warum sich Isidore Lucien Ducasse das Pseudonym „Comte de Lautréamont“ wohl zugelegt hat! Der Legende gemäß wird auf Duhamel de Latréaumont verwiesen, einen verwegenen Abenteurer des 17. Jahrhunderts, der eine Verschwörung gegen den Sonnenkönig anzetteln wollte und die Normandie an Holland verkaufen; dass Isidore L. Ducasse den Namen leicht umgedreht hat in „Lautréamont“, scheint der homophonen Doppelbedeutung „l´autre Amon“, der andere Amon, geschuldet: eine Kreatur aus der Hölle also, eventuell auch aus dem Himmel (bei seinen Gesänge des Guten scheint er auf jeden Fall zumindest nicht geplant zu haben, sie unter dem Pseudonym Lautréamont zu veröffentlichen). Dererlei Vermutungen scheinen würdig und recht. Ich muss mich bei dieser guten Gelegenheit jetzt aber gut 25 Jahre zurückerinnern, an meinen Jugendfreund Weißi, als wir bei unseren nokturnalen Touren hin und wieder einen jungen Lehrling aus seiner Firma mitgenommen haben. Das war ein rechter Tollpatsch, der vieles falsch gemacht hat. Also bekam der in der Firma den Spitznamen „Isidor“ verpasst – denn wie sollte ein Tollpatsch, der so vieles immer falsch macht und Fehlerhaftigkeiten ausführt, auf die man gar nie gekommen wäre, dass sie überhaupt möglich sein könnten, darin also stets für Überraschungen sorgt und sogar so was wie eine unfreiwillige Phantasie, wenn nicht vielleicht sogar Genialität beweist, anders heißen als „Isidor“? Dessen war sich Isidore Ducasse wohl bewusst; das Leben teilt blind an jeden von uns seine Karten aus, und aus Scham darüber, dass er jene Karte mit dem Namen „Isidor“ zugeteilt hat bekommen, obwohl er ein offensichtlich so fähiger Mensch war, nannte sich Ducasse dann eben (in seinen anklagenden Gesängen auf die Schöpfung) „Lautréamont“. Fall gelöst. („Yorick“ ist auch ein herrlicher, wenn nicht ultimativer Name für den Hofnarren und Fettnäpfchentreter; der aber hat alles tragikomische Potenzial der Welt, wobei „Isidor“ einfach nur ein entrückter Dummkopf ist. Während ich über Yorick singe, zieht Bruder Isidore sein Ding durch, indem er sich „Lautréamont“ nennt. Der Isidor hat nicht eben die Schwingen des Baudelaireschen Albatros, wohl aber hat die der Abenteurer Lautréamont.)

ADDENDUM 1: Georg Büchner (außerdem: Goethe)

(aus dem Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken, 2015)

Erst vor ein paar Wochen, an einem schönen Sommersamstagabend, hat mich mein Nachbar Oliver Stangl auf Büchner und seinen „Lenz“ aufmerksam gemacht, und zwar beim Café Nelke am Volkertmarkt und zwar, glaube ich, deswegen, weil ich ihm ein bisschen was vom Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken erzählt habe. „Das ist ja so wie bei „Lenz“ von Büchner, wo beschrieben wird, wie ein Dichter in erster Linie mit seinem Wahnsinn beschäftigt ist; Augenblicke geistiger Klarheit hat er nur dann, wenn er über Literatur spricht. Ansonsten wird da nur seine verzerrte, verrückte Wahrnehmung von allem beschrieben.“ Was bedeutet hat, dass ich mir sofort am Montag den „Lenz“ besorgen musste, außerdem den „Woyzeck“. „Dantons Tod“ habe ich erst gestern gelesen, etwas hinzuaddiert zu meiner Ansicht, Büchner sei der Größte der deutschsprachigen Literatur, hat das nicht, es hat eher was subtrahiert, denn wenngleich „Dantons Tod“ das Werk eines großen Genius ist, ist es durchaus kein Meisterwerk, sondern ein grauenhaft schlechtes Stück, wen wundert es, dass es also so populär ist, und übrigens gegenwärtig gerade in Schwechat aufgeführt wird… Es ist wohl gut, dass ich mit Büchner und seinem „Lenz“ also erst vor Kurzem in ernsthafte Berührung gekommen bin, denn sonst hätte sich für mich möglicherweise das Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken erübrigt, das mir, nach der ersten Lektüre von Büchner, bloß nur mehr wie ein sinnloser kreativer Appendix und Wurmfortsatz zum „Lenz“, und nicht viel mehr, erschienen ist. Was dann allerdings doch nicht stimmt, denn um auf Wahrheiten draufzukommen, da muss man schon selber seltsam und unproduktiv denken und leiden, anders geht das nicht, es bleibt einem nicht erspart glücklicherweise im Unglück, unglücklicherweise im Glück, und so wie ich das sehe, könnte das Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken Geist genug erhalten, um künftigen Wahrheitssuchern die eine und andere Orientierung auf rauer See zu bieten, sollte dem so sein, ist mein Sieg vollständig und total; überhaupt hat also nun die Welt neben dem vorzüglichen, allerdings kaum gelesenen „Lenz“ nun auch das vorzügliche, aber ? Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken. Weil gerade Zeit ist und sich außerdem die Gelegenheit aufdrängt, möchte ich vor der Weiterführung des eigentlichen Gedankenganges noch ein wenig bei jenem Sommersamstag von vor ein paar Wochen verweilen. Manche mögen sich vielleicht in dreihundert Jahren fragen, wie ich so gelebt habe. Nun, zu sieben Achteln als denkender Eremit, wie immer in solchen Fällen; wie es bei authentischen und gutmütigen Menschen allerdings auch der Fall ist, inmitten von Freunden und Freundinnen. Den Samstag bin ich mit dem Soko und dem Martin am Volkertmarkt herumgelungert. Der Soko hat mich mal spontan im Xi angesprochen und mich gefragt, was ich so mache. Da ist der „Yorick“ ins Gespräch gekommen, der damals noch nicht veröffentlicht war, 2009 war das. Ich habe dem Soko was daraus zum Lesen gegeben, und er hat mich bestärkt darin, dass das ziemlich gut sei. Der Soko ist ein guter und umsichtiger Mensch, der sich im Kampf für die Wahrheit schon mal auf was einlässt und dafür öfter leider nichts Gutes zurückbekommt, zum Beispiel einen Fussball mitten ins Gesicht von den Türken- und Tschetschenenfratzen, die sich aufführen, wie nur was, und von deren Eltern auch noch darin bestärkt werden; typisches Unterschichtenverhalten, dass allerdings einfach nirgendwo hinführt außer in die Perpetuierung des Unterschichtenstatus. Neulich habe ich ihn, schwer an mir zweifelnd, wie öfter einmal, gefragt, welchen künstlerischen Status der Yorick wohl habe. Ob er zu messen sei an Werken wie denen von Hemingway oder so; der Soko hat gesagt, aber, das könne man nicht vergleichen, der Yorick sei eher so was nach der Art von Joyce. Joyce finde ich, wie schon gesagt, grauenhaft, Hemingway habe ich vor Kurzem zu lesen probiert, „Fiesta“; abgesehen von anderen Versuchen in der Vergangenheit, bin aber kaum reingekommen, es war mir irgendwie zu uninteressant, zu wenig überraschend und hatte zu wenig geistige Intensität, vielleicht ist das alles ein entsetzlicher Irrtum, da aber der Charakter von Hemingway zumindest ein entsetzlicher Irrtum, oder zumindest paradox war, könnte das schon hinkommen. Der Martin findet meine Texte vom Quadrat und der halbzylindrischen Wölbung und dergleichen mehr so toll, sagt er, dass er immer aufhört, Musik zu machen, wenn ich lese, denn er macht immer die Musik zu unseren Trauma-Lesungen. Gegen Abend hat mir die Amanda ein SMS geschrieben, der Franz spiele ein Konzert vorm Café Nelke, wobei der Franz dem Flo zwei Wochen zuvor beide Hände gebrochen hat, weil der Flo sich im Xi im Rausch unmöglich aufgeführt hat, wie öfter einmal, weswegen ihn der Franz gepackt und rausgezerrt hat, sehr gewalttätig, wobei der Flo umgeflogen ist, und sich beide Hände gebrochen hat. – Von einer meiner Lieblingsbands, Napalm Death, gibt es ein „Lied“ mit dem Titel „Continuing War Against Stupidity“. Bei Büchner ist so was nicht notwendig. Bei Büchner hat man das Gefühl, der höchsten Intelligenz gegenüberzutreten, die im Rahmen der deutschsprachigen Literatur überhaupt tätig war, wenngleich ich keinen vollständigen Überblick über die deutschsprachige Literatur habe, nur einen ganz passablen, und innerhalb dieser Perspektive scheint es mir halt so bestellt zu sein. Was man bei Büchner hat, ist die absolute Beweglichkeit der Sprache! Die absolute Beweglichkeit der Sprache, die die absolute Beweglichkeit des Intellekts ist, und die der absoluten Beweglichkeit der Psychose nahe ist. Es erscheint wie ein Wunder, dass sich Büchner so gut in den halbwahnsinnigen Jakob Michael Reinhard Lenz hineinzuversetzen wusste. Es ist aber keines, denn was Büchner in „Lenz“ beschreibt, ist ja nicht bloß die Wahrnehmung eines Psychotikers, sondern des absoluten Intellekts des Omega-Menschen, wenngleich natürlich in seiner krankhaften Erscheinungsform. Der mit allem in der Welt verbunden ist. Der mit der Welt insgesamt verbunden ist, beziehungsweise verwoben. „Lenz“, ein Schreiben, dass den beschriebenen Intellekt weit auseinanderzieht, in alle Richtungen, und ihn schließlich in das Weltgewebe hinein aufsaugt. Aus irgendeinem Grund denke ich an einen Fliegenflügel, so schaut das alles irgendwie aus, ein leicht trüb gläsernes Etwas, ein Schirm, mit Faltungslinien und Adern, das Weltganze, der Weltschirm, in dem der Lenzsche Intellekt aufgeht, eine Ader ist er dann vielleicht, etwas, dass sich aus der scheinbaren Indifferenz des Weltganzen hervorhebt, ohne allerdings vom Weltganzen gesondert zu sein. – Es ist auffällig, dass dem, der gemeinhin als das größte Genie der deutschsprachigen Literatur, wenn nicht überhaupt gilt, Goethe, das nicht so ganz geläufig zu sein scheint, wenngleich ich jetzt kein Experte bezüglich Goethe bin; bezüglich Büchner ja auch nicht, ich komme hier nur mit meiner Intuition daher. Goethes Figuren und Charaktere sind alle einigermaßen komisch, haben keine Vorbildwirkung, und wenn sie eine Vorbildwirkung hatten, dann eine schlechte, so wie der Werther. Wenn sie gut sind, und man Sympathie für sie empfinden kann, so wie für das Gretchen, sind sie harmlos, weltfremd und impotent. Wenn man den „Lenz“ mit dem „Tasso“ vergleicht, so scheint deutlich zu werden, dass Goethe vom „Dichterwahnsinn“ und der schöpferischen Psychose keine Ahnung hat, sein Tasso ist gerade einmal ein Neurotiker. Nur eine Handvoll glücklicher Wochen habe er in seinem Leben gehabt, so Goethe zu Eckermann, der Rest seines Lebens sei ihm wie das Aufwärtsrollen eines Steines nach dem Bild des Sisyphos vorgekommen. Von Extremzuständen im Positiven wie im Negativen ist bei ihm nicht die Rede. Und deshalb (und überhaupt, insgesamt) erscheint Goethe einfach nicht wie ein Omega-Mensch, sondern wie der dauernde Simulant eines Omega-Menschen! In seinem Faust individualisiert sich zwar natürlich die Menschheit, doch ist er einfach nur eine verunglückte Gestalt, ohne, dass es Goethe jemals so zu Bewusstsein gekommen sein dürfte, schließlich ist der Faust ja auch eine Extrapolation seiner selbst. Faust will mit allem verbunden sein, weil er mit nichts verbunden ist, und er ist deswegen mit nichts verbunden, weil er kein guter Mensch ist und keine innere Moral, kein sittliches Ich hat, genauso wenig wie Peer Gynt! Der gute Mensch, der Omega-Mensch hat die Unendlichkeit in sich, und braucht sie daher nicht über so groteske Umwege zu suchen, wie Faust, abgesehen davon, dass der gute Mensch, der Omega-Mensch mit und in jedem Augenblick lebt und in jedem Augenblick präsent ist, und auch glücklich, wenngleich natürlich ganz und gar nicht im landläufigen Verständnis von Glück. Es ist sehr eigenartig, dass Goethe dafür gar keinen Sinn hatte. Weiters nun die absolute Beweglichkeit, die die Sprache Goethes im Gegensatz zu der von Büchner nicht hatte! „Woyzeck“ beinhaltet den umfassenden „Wahnsinn“, die zugrundeliegende Psychose der Sprache, daher des Geistes, daher des Menschlichen, will sagen, das Zusammenspiel von Rationalität und Irrationalität als Grund der Welt, vor allen Dingen eine authentische Form des künstlerischen Ausdrucks der Sprache der sogenannten einfachen Leute. Goethes Ansatz hierzu weist zwar in eine richtige Richtung, die Sache geht aber einfach nicht auf, wie man im Faust in der Auersbachkellerszene sowie in der Walpurgisnacht merkt. Es scheint bei Goethe auch keine wirkliche Sympathie für die „einfachen Leute“ vorhanden zu sein, bloß weitgehende Indifferenz; Goethe hatte kein sonderlich ausgeprägtes soziales Gewissen und keine sonderlich Solidarität mit den Armen und Benachteiligten! – Wohingegen Büchner ein forscher Revolutionär war, mit dem „Hessischen Landboten“ einen politischen Aufruf verfasst hat, der an Kühnheit selbst seinen revolutionären Mitstreitern die Sprache verschlagen hat, beinahe wäre er eingekastelt worden dafür; zu seinem Verdruss waren die unterdrückten Massen für solches Gedankengut gar nicht empfänglich, so dass sich Büchner, zumindest äußerlich wieder davon abgewandt hat, das ist die zweifelhafte Verfasstheit des extrem schnell arbeitenden Geistes. – „Goethe war ein Egoist in ungewöhnlichem Grade!“ – Vom Goetheschen Egoismus, mit dem er die Leute für seine Zwecke eingespannt hat, hat freilich jeder reichlich profitiert, auch waren die Zwecke höhere, das ist allerdings beim Omega-Menschen genauso, wobei der Omega-Mensch allerdings Anti-Egoist sein wird! – Goethe – Ich muss hier einfügen, dass ich mir vor eineinhalb Wochen zum ersten Mal darüber Gedanken gemacht habe, wonach man Genies vielleicht in Genies und Hyper-Genies einteilen könnte. Genies – unter den ganz Großen Marx, Leibniz, Tolstoi oder eben Goethe – verkörpern ein Denken mit positiver Krümmung und errichten geschlossene Systeme (wenngleich mit vielen Öffnungen); Hyper-Genies – Nietzsche, Wittgenstein, Kafka, van Gogh oder eben Büchner – denken negativ gekrümmt und errichten offene Systeme, Meta-Systeme, Stile, die in der permanenten Veränderung des Stils aufgehen. Hyper-Genies haben daher dauernd den Eindruck, dass ihnen ihr Geist davonfliegt, ihr ständig divergentes Denken erzeugt eine dauernde Hyperreflexion, daher die Krisen, daher die Ekstasen. Von ihnen kommen die rätselhaftesten und eigenartigsten, sowie die umfassendsten und profundesten Leistungen der Menschheitsgeschichte. Shakespeare hingegen hat gar keine Krümmung, sein Universum ist flach, außermoralisch. Daher das Problem mit Shakespeare. Den Genies mag er als das höchste erscheinen, als der rätselhafte, sich entziehende Himmel, für das Hyper-Genie hingegen wird er eine Zeitlang eben ein Problem darstellen, da er außermoralisch ist; das Hyper-Genie hingegen sieht in den Menschheitskessel, wie Shakespeare, erkennt das Chaos, und will deshalb Werte schaffen, was Shakespeare nicht tut. – Goethes Poesie war nicht vollständig beweglich, im Gegensatz zu der möglichen Poesie Büchners! Goethes Poesie war eine eigenartige Mischung aus Viereckigkeit und Grazie/Zartgefühl. Ich denke mir einen auf einer Seite ausgelösten Holzrahmen, C-förmig, im Bauch des C sprudeln virtuelle Wellen, teilweise auch über die Beschränkung hinaus, das ist die gute Substanz der Goetheschen Poesie. – Dann die Komik um die Farbenlehre! Auf seine dichterischen Werke bilde er sich gar nichts ein, so Goethe zu Eckermann, das hätten Leute vor ihm gemacht und würden Leute nach ihm machen; dass er aber auf dem so schwierigen Gebiet der Farbenlehre, entgegen der allgemeinen Lehrmeinung, Newton korrigiert habe, beweise ihm seine eigentliche Superiorität. Natürlich braucht auch der Omega-Mensch etwas, das ihn stabilisiert, und natürlich wird sich auch das Hyper-Genie was auf sich einbilden, aber so würde ein solches Exemplar der menschlichen Gattung das auch nicht handhaben. Wenn man das jetzt vergleicht mit Wittgenstein, zum Beispiel, und seiner Bereitschaft zur radikalen Selbstkritik! – „Dichtung und Wahrheit“ habe ich zweimal zu lesen versucht, bin aber ganz und gar nicht weit gekommen. Goethe hatte eine ungeheure Erlebnisfähigkeit, das ist wahr, und die breitet er da, wie mir scheint, voll und ganz aus. Jetzt ist es so, dass eine sehr umfangreiche Darstellung von allem möglichen Gegebenen, oder in der Beantwortung einer Aufgabenstellung, auf eine sehr hohe Intelligenz hinweist. Auf eine noch höhere Intelligenz scheint mir aber hinzuweisen, wenn man sich dann aber wieder ganz einfach knapp, präzise und alles andere als wortreich ausdrückt. Bei „Dichtung und Wahrheit“ wuchert alles, es wuchert einem entgegen, wie das ganze Werk Goethes. Was das Hyper-Genie anlangt, so ist es fraglich, ob es so was wie eine Autobiographie ins Werk setzt, und wenn, dann eher in der Art von Nietzsches „Ecce Homo“. Große Männer gehen allein in ihren Werken auf, meint Otto Weininger. Ja. Nein. Sie werden sich auf jeden Fall hauptsächlich für ihr Werk interessieren. – Goethe hat Kleist nicht verstanden! – Zwar weiß ich nichts über diese Auseinandersetzung und habe Kleist auch kaum gelesen, insgesamt scheint Kleist aber einer von den Omegas gewesen zu sein. Bei Kleist, wie auch bei Grabbe, hatte man auf jeden Fall das Gewaltsame und das furchtbar Irrationale. Goethe war alles Gewaltsame bekanntlich verhasst, deswegen lehnte er auch die Revolution ab, auch konnte er kein Blut sehen und Fäulnis und Tod nicht ausstehen. Beim Hören der Fünften von Beethoven hat er gesagt: „Das ist ja, wie wenn ein Haus zusammenfällt!“ Der Omega-Mensch wird das Gewaltsame und zutiefst Irrationale sehr wohl begreifen, obwohl er selbst lammfromm und gut sein wird; ja, genau deswegen wird er dazu neigen, das Gewaltsame und zutiefst Irrationale als den Grund der Welt anzunehmen, weil er eben von der übrigen Menschheit zu weit entfernt ist, im positiven Sinne. – Jetzt habe ich da mal einiges beisammen, das Wesentliche, was ich zu Büchner und auch zu Goethe sagen wollte, zumindest im Moment. Ich frage mich, warum ich mir solche Impertinentheiten gegenüber Goethe geleistet habe! Nun ja, weil der Blick auf Goethe, von Büchner aus gesehen, sich tatsächlich in etwa so ausnimmt. Büchner muss man sich auch zum Vorbild nehmen, nicht Goethe, das erscheint ganz klar. Bleibt nur noch zu klären, warum Goethe als Universalmensch angesehen wird. Die Omega-Menschen und Hyper-Genies erscheinen zwar beeindruckend, aber irgendwie nicht als Universalmenschen, sondern als sektorielle Intelligenzen, also, irgendwie. Die Antwort auf diese Frage sieht so aus, dass Goethe zwar sehr wohl der Universalmensch ist, die Hypers und Omegas aber der transzendente Mensch.

Die Klassik ist das Gesunde, die Romatik ist das Kranke, so Goethe. Kleist, Grabbe und Büchner sind von nichts ein Anfang. Sie sind nicht einmal der Anfang vom Ende, so Peter Hacks. – Kann man sich fragen, inwieweit Goethe, Dante, Milton etc. die größten Genies sind und als solche gesunde Genies,  Ausdruck einer großen Gesundheit, während Omegas krank erscheinen, überspannt, Übermaß an pathologischem philosophischen Zweifel sie auszeichnet, Übermaß an Subjektivität (folglich (so in den Augen der Normalen zumindest) Exzentrikertum), Nähe zur Psychose. Ich finde die Omegas aber interessanter und in engerem, intimeren Kontakt mit der Wirklichkeit und der Hinter-Wirklichkeit (abgesehen davon dass die Hirne und die Persönlichkeiten der Omegas in der Regel ja recht gut funktionieren). Shakespeare wieder die Wasserscheide. Attar ist größer als Dante und hat die Existenz viel tiefer erfasst und umfasst; Dante scheint im Vergleich dazu oberflächlich (siehe weiter unten)! Goethe ist eine ziemlich konventionelle Persönlichkeit, eine gescheitere Ausgabe von z.B. Zelter oder eben eines Fürsten Ministers. Ein Mensch von höchster Intelligenz, aber nicht von höchstem Genie. Ich frage mich, warum einer wie Nietzsche vor Begeisterung fast seine Füllfeder verschluckt hat, wenn er auf Goethe zu schreiben kam. Obwohl er das eh nicht tat, eher hat er Goethe freundschaftlich zugewunken. Nicht auszudenken, wenn Eckermann auf einen achtzigjährigen Büchner getroffen wäre! Noch weniger, wenn Büchner und Nietzsche (im hohen Alter) aufeinander getroffen wären! Ich finde, über letzteres sollte ich mir Gedanken machen.

Also nein! Nochmal: Was ich mir für Impertinentheiten gegenüber Goethe gestattet habe! Aber es sind Gedanken und Eindrücke, die sich halt mal aufdrängen und es ist dann ja so auch wieder nicht gemeint, Goethe ist ja weiträumig, er enthält Vielheiten. Goethe mag es außerdem verstehen, denn Goethe war ja sehr konziliant. Daher auch der nicht ganz logische Schluss beim Faust. Um echte Tragödien zu dichten, dafür sei er immer zu konziliant gewesen, hat Goethe gemeint. So was finde ich sehr gut. Abgesehen davon, dass wir hier ein Beispiel haben, dass Konzilianz und Herzlichkeit weiter sieht als Logik. „Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, ist ein gutes Schlusswort und überhaupt der Goethesche Faust kein so eindimensionales Kunstwerk wie der Faust von Christopher Marlowe.


Genauso wie Goethe eben keine Ahnung und kein Gespür für den Wahnsinn des echten Lenz hatte, den er verstoßen hat, was man ihm jetzt freilich nicht zum Vorwurf machen kann, denn das ist ein heikles Terrain.

Der junge Beckett bezeichnet ihn nach einer ersten, irritierten Lektüre, als eine machine á mots.

Wie auch der junge Beckett vermerkt hat.

ADDENDUM 2: Lautréamont (außerdem: Modigliani)

(aus dem Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken, 2015)

Wenig ist über Lautréamont, den Verfasser der „Gesänge des Maldoror“, bekannt, der im Alter von 24 Jahren gestorben ist. Die Gesänge des Maldoror sind ein Werk ohne wirkliches Vorbild, eine sehr eigene Leistung. Sie handeln vom Bösen, soll heißen, vom Problem der Moral, und beruhen auf der freien, spontanen Assoziation, sie sind Texte der Nacht, sie sind Sprache der Nacht, und können immer wieder von Neuem gelesen werden, da sie kaum auszuschöpfen sind. Die geistige Intensität ist so hoch, die Texte so dicht, wie bei kaum einem anderen Schriftsteller. In den wenigen Texten, Briefen, Reflexionen, die von Lautréamont vorliegen, kommt, wenig überraschend, ein Mensch der höchsten geistigen Stufe zum Vorschein, der Racine, Corneille und andere der Großen und Größten ohne weitere Umstände überblickt. Modigliani hat (natürlich) sehr viel gelesen, ein Buch hatte er immer bei sich, die traumartigen Gesänge des Maldoror. Man könnte meinen, es sei große Selbstsicherheit notwendig, um neben Picasso von diesem unbeeinflusst zu bleiben, und sein eigenes, scheinbar viel weniger komplexes Ding durchzuziehen, wie Modigliani. Wie herzerwärmend dann aber die Kunst Modiglianis ist, während die Kunst von Picasso das nicht ist! Modigliani hatte viel Liebe und Respekt für seine Modelle, mithin für die Menschen. Gelebt hat er zeit seines kurzen Lebens in Armut. Als er im Alter von 35 Jahren, kurz, bevor er bekannt wurde, gestorben ist, hat sich seine Verlobte Jeanne aus dem Fenster gestürzt, trotzdem die beiden ein Kind hatten. Man ist einfach geneigt, eine so eine Reaktion von Grund auf zu verstehen.

Nachbemerkung: Die Aphorismen, das zweite Werk Lautréamonts, geben deutlich weniger her als die Gesänge. Sie sind halt, so wie die Gesänge, schnell geschrieben, assoziiert, und weniger durchdacht. So wie die Prosatexte Rimbauds, die, meiner Erinnerung nach, auch nicht viel hergeben, trotzdem auch sie das Werk einer ganz außergewöhnlichen Intelligenz ist. Wie vielfältig Intelligenz insgesamt ist! Da assoziieren und kombinieren und delirieren welche, aber es jagt im Großen und Ganzen immer nur ein einfallsloser Einfall den anderen und insgesamt haben sie zwar viel kombiniert, aber wenig gesagt (zum Beispiel James Joyce). Oder aber ihre schönen und beherzten, einzigartigen Spekulationen sind zu einem guten Teil missgeleitet oder falsch (Freud), oder unpraktisch und sinnlos (Lacan). Was jetzt natürlich nur ein begrenzter Einwand gegen Freud, Lacan et al. ist; das Genie ist auch im Irrtum groß, oder zumindest interessant, sowie lehrreich, und wenn schon alles andere nicht klappt, beeindruckt zumindest die Kraft der Gedanken und ihrer Durchführung, erhebt uns in einsamen Stunden, es wird etwas Neues in die Welt gebracht, derjenige, der die sich die Gedanken gemacht hat, verkörpert einen heroischen Lebenslauf et al.


Irritierende Fälle in der heutigen Zeit sind die Schriftsteller E., D. und B., die zwar etwas Geniales an sich haben, in ihren Mitteilungen dann aber ganz schön kraftlos sind. Und vom Stil her akademisch und nicht aus der Tiefe geschöpft. E. verfasst zu seinem ersten Roman ein geniales Vorwort, sowie ein geniales Nachwort, problematisch ist dann halt, was alles dazwischensteht. Alibihandlungen und Ersatzhandlungen. Sonst würden sie ja wohl auch nicht verlegt und gelesen werden, wenn sie echte Gedanken äußern würden. Das ist, so sagen es auch andere, heute nicht erwünscht. Dann würde das Kartenhaus zusammenbrechen.

Die leuchtenden Bilder des Arthur Rimbaud

Michel Houellebecq moniert (in „Unterwerfung“), der große, übergroße Arthur Rimbaud sei „im Experiment“ stecken geblieben. Wenn aber die Intelligenz, die Kreativität, die Spiritualität solche Ausmaße ausnimmt, dass sie jegliches menschliche Maß absolut überschreitet und der Blick auf die menschlichen Verhältnisse scheinbar von irgendwo draußen im Weltall stattfindet, was soll sie denn dann sonst für eine Erscheinungsform annehmen als die des Experimentellen; dem Gegenüberstellen von mannigfachen Perspektiven, dem Einnehmen diverser Zustände, dem Testen von sich selbst, die Entrückung in ihren eigenen Phasenraum, der alle möglichen Zustände eines Systems abdeckt; Weltgeist, der in seine eigene Kontemplation versunken ist, die im Falle des künstlerisch begabten Weltgeistes dann eben die Erscheinungsform einer rauschhaften Kontemplation annimmt: ich nehme meinen Platz auf der obersten Stufe dieser Engelsleiter des gesunden Menschenverstandes ein. Und so fand die Dichtung von Arthur Rimbaud eben ihre Vollendung im „Experiment“. Anders als William J. Sidis, der als Achtjähriger bereits mehrere Bücher geschrieben hatte, mehrere Sprachen gesprochen, und eine gesamte Sprache, Vendergood (eine verbesserte Form von Esperanto, die sich allerdings nicht durchsetzen konnte), entwickelt hatte, formuliert Arthur Rimbaud im bereits fortgeschrittenen Alter von in etwa elf Jahren (es ist ja auch mehr Lebenserfahrung und seelische Reife dafür notwendig) sein Programm von der objektiven Einsicht in das, worum es letztendlich in der Kunst geht: Seher werden! Tief in das Universum zu schauen, um tiefer in seine „Geheimnisse“ einzudringen und, über den Erwerb von Einsicht und Ausdruck, absolutes Wissen zu erwerben. Um Einsicht und Ausdruck zu erwerben, deren Möglichkeiten unendlich sind, gilt es, einen Tunnel zu errichten, in dem die Einsichten und Ausdrücke durch sich selbst hindurchfallen und sich fortwährend transformieren; einem Tunnel, einem physikalischen Wurmloch gleich, der über ein Schwarzes Loch, in das alles reinfällt auf der einen Seite und einem Weißen Loch, aus dem alles heraus muss auf der anderen Seite eine extradimensionale, abkürzende Verbindung zwischen ganz unterschiedlichen Regionen des Universums herstellt; wie Rimbaud es für sich formuliert: Es geht darum, durch die Verwirrung aller Sinne im Unbekannten anzukommen. (Die Leiden sind gewaltig, aber man muss stark sein, als Dichter geboren sein, und ich habe mich als Dichter erkannt.). Das Wurmloch, der Tunnel, in dem sich alles transformiert und umwandelt, ist der abgründige Tiefsinn des Geistes: Zur Zeit jagen mich die ewige Krümmung der Augenblicke und die mathematische Unendlichkeit durch die Welt, wo ich alle bürgerlichen Erfolge ertrage, respektiert wegen fremder Kindheit und ungeheuerlicher Leidenschaften. Das tiefste Gesetz des uns bekannten Universums ist das des Zusammenwirkens von Zufall und Ordnung, und die letzte Einsicht, die man haben kann, ist die vom Chaosmos, und die letzte Ansicht/der letzte Ausdruck, die/den man in der Kunst haben kann, ist die direkte Vision vom Chaosmos: diese hat man im Fanal der Rimbaudschen Dichtung, den „Leuchtenden Bildern“. Die Leuchtenden Bilder offerieren einen herrlichen Blick direkt in den Chaosmos! Das, was den Chaosmos anschaut, ist das Einheits-Bewusstsein, das alle Manifestationen der inneren und äußeren Wirklichkeit gleich umfasst, und das, was ihn reflektiert, ist der absolute Geist in der absoluten Form, dessen Rede Kunst, Philosophie, Wissenschaft und Religion in einem ist. Die Dichtung von Arthur Rimbaud führt uns dort hin! Nach den Leuchtenden Bildern hat Rimbaud zum Dichten aufgehört und wurde zum Wanderer. Man könnte meinen: so schnell hat er sich durch den kreativen Prozess, das Wurmloch hindurchgetunnelt, dass er tatsächlich an einer anderen Seite vom Universum herausgekommen ist, und er die Dichtung so sehr überwunden, dass sie ihm nichts mehr bedeuten konnte: Nicht einmal, dass sie verlegt und allgemein bekannt gemacht wurde, bedeutete ihm, Jahre später, dann noch was (vielmehr hat er es abgelehnt)! Rimbaud war, scheinbar, zu schnell, als das er irgendwo hätte ankommen können. Man könnte meinen, Rimbaud hat sich schnell durch sich selbst hindurchgeschossen, dass er sich verbraucht hat, und das erhöht natürlich das Pathos und das Charisma seiner Figur! Ein Unbehauster, der in der Gegenwart nicht leben kann, auch gar nicht wirklich in Vergangenheit und in Zukunft, sondern in all dem zugleich: Bewohner einer radikal überzeitlichen (oder eben: ewigen) Sphäre! Obwohl die Gegenwart zu dornig für meinen großen Charakter war, ( – fand ich mich gleichwohl bei meiner Herrin, als dicker Vogel, grau und blau, der sich zu den Deckensimsen aufschwang und den Flügel im Abendschatten schleppte), und das kann bei großen Charakteren durchaus der Fall sein; umgekehrt aber auch der Charakter zu dornig sein kann für die Gegenwart: Obwohl ich mich, wie man weiß, bei der Betrachtung von transzendenten Menschen immer gerne dafür ereifere, in ihnen eine transzendente ethische Lebensführung und ausgezeichneten Charakter zu entdecken, scheint Rimbaud meine Vermutung eines absolut notwendigen Zusammenhanges zwischen beiden zu konterkarieren. Wenn man sein Verhalten gegenüber Verlaine und dessen Zirkel betrachtet, hat man, auch unter Berücksichtigung aller künstlerisch-philosophischen Kalkuliertheit der Amoralität als experimentellen Lebensstil, offensichtlich einen boshaften Psychopathen vor sich. Auch das spätere ziellose Herumirren über den Globus lässt sich nur bedingt als Ausdruck der „Unbehaustheit des Genies“ romantisieren; eher hat man da die planlose Rastlosigkeit des psychopathischen Individuums. In z. B. der 500-Seiten-Biographie von Robb tritt einem Rimbaud kaum als fassbares, seelisch definierbares Individuum gegenüber. Und – vor allen Dingen – in seiner Dichtung ist das auch nicht der Fall. Trotz dem Bombardement von Reizen, dem man ausgesetzt ist, steht in den Dichtungen von Rimbaud nicht eben viel drinnen. Die Eindrücke werden nicht vertieft. Die Leuchtenden Bilder stehen – außerhalb aller Dichtung, ja, aber als Art Kreaturen, die intern wenig differenziert sind, so dunkle Kuttenmänner, die da Falten haben. Sie leuchten, aber sie sind dünn und sie flirren in außerordentlichstem Grade. Das erhöht ihr Pathos und ihr Charisma: man kann immer wieder zu ihnen zurück, um versuchen, sie zu entdecken – aber man tut es dann niemals. Die frühen Gedichte wären von wenig Relevanz, wenn sie nicht die frühen Gedichte von eben Rimbaud wären, die neuen Verse und Lieder sind besser, aber man nimmt wenig mit, Ein Aufenthalt in der Hölle ist dann schon wieder jenseits der Dichtung und die Leuchtenden Bilder jenseits dann davon. Eine wahrhaft „exzentrische Bahn“ (Hölderlin) der kreativen Entfaltung! Aber – ironischerweise entsprechend ihrer Intention – : die Leuchtenden Bilder sind zwar sehr breit und füllen den Raum gut aus, aber sie sind auch sehr dünn und zerreißen sogleich. Selten, scheinbar nie, kann was perfekt sein, und bei Rimbaud hat man offenbar – adressierend das Pathos und das Charisma von der volkstümlichen Ansicht von wegen „Genie und Wahnsinn“ – , ein sonderbares Hybrid aus sehr hohem, transzendentem Genie und einem Übermenschen (denn speziell die Leuchtenden Bilder präsentieren die Wahrnehmung des Übermenschen) und einem Psychopathen (also einem Wesen, das auch, gemeinhin, als vom Menschen verschieden und als eigene Spezies gilt, allerdings eine weniger angenehme). O Fruchtbarkeit des Geistes und Unermesslichkeit des Universums!

Ich wiederhole nochmal: Wenn man Rimbaud vorwirft, „im Experimentellen“ stecken geblieben zu sein, verkennt man, dass die Herrschaft über alle Dinge, und die Übersicht über den Phasenraum aller Dinge, eben nur über das „Experimentelle“ möglich ist bzw. über einen Geist, der in seiner Selbstbetätigung eben selbst „experimentell“ wird. Wissenschaft geschieht über Postulieren von Hypothesen, also experimentelle Annahmen, die dann experimentell durchlaufen werden. Kunstwerk ist, im ersten und letzten Sinn, Studie über den Gegenstand der Darstellung oder über sich selbst. Das war zunächst nur eine Studie. Ich schrieb das Schweigen nieder, das Nächtliche, ich zeichnete das Unsagbare auf. Ich bannte Taumel und Rausch. Taumel und Rausch und Unsagbares sind, eventuell, nicht unendlich, markieren aber eine Grenze zwischen der Endlichkeit unserer Verständnisse, und dem, was „jenseits“ dessen liegt, eine Grenze, die vom Grenzgänger durchstoßen wird. Das ist die Aufgabe des Grenzgängers: Grenzen weiter hinaus ins Unbekannte zu stoßen und die Bezirke des Bekannten zu vergrößern. Andere schreckliche Arbeiter werden kommen; sie werden an jenen Horizonten beginnen, an denen er (der aktuelle Grenzgänger, Anm.) hinsank. Das ist die Öffnung in die Unendlichkeit der Zukunft hinein und in den Fortschritt hinein: So legte der Dichter das Maß des Unbekannten fest, das in seiner Zeit in der universellen Seele erwacht: er gäbe mehr – als die Formel seines Gedankens, als die Aufzeichnung seines Weges zum Fortschritt! Wenn das Enorme zur Norm wird und von allen aufgenommen, wird er wahrhaftig zum Vervielfacher des Fortschritts! Der Fortschritt von Rimbaud vollzog sich so schnell, dass er scheinbar innerhalb von wenigen Jugendjahren sich ganz durch die Mysterien der Dichtung hindurchgetunnelt hat; in den äußersten Grenzregionen zuletzt angelangt, jenseits derer es dann eben nichts mehr zu sagen gibt. Diese Sprache wird von Seele zu Seele gehen und alles zusammenfassen, Düfte, Töne, Farben, den Gedanken, der sich dem Gedanken anhaftet und ihn nach sich zieht. Das ist gut, das ist die Basis für das Einheits-Bewusstsein und für die wahre Erleuchtung. Rimbaud war so gut, dass er alles gleichzeitig gesehen hat, und daher nur mehr schwer von anderen erkannt werden konnte: Ich zeigte euch unerhörte Reichtümer. Ich verfolgte die Geschichte von Schätzen, die ihr gefunden. Ich sehe die Folgen! Meine Weisheit wird ebenso verachtet wie das Chaos. Rimbaud, das transzendente Genie und der große Abenteurer – der Unbehauste. Entsprechende geistige und kreative Fähigkeiten legen Unbehaustheit ihres Trägers in dieser Welt nahe. Ein Studium der Biographie Rimbauds legt aber vor allem nahe, dass es sich bei Rimbaud (neben den entsprechenden positiven Charakteristika) um einen Psychopathen gehandelt haben könnte. Psychopathen sind gefühllos, bösartig/boshaft, rastlos, irrational, planlos und leben aus dem Augenblick heraus, und hinter einer eventuell interessanten bis faszinierenden Fassade haben Psychopathen wenig echte Persönlichkeit und erst recht nicht so was wie „Seele“. In der Dichtung von Arthur Rimbaud frage ich mich aber auch, wo genau die Seele ist. Die Seher – Briefe des Kindes sind von einer unglaublichen intellektuellen Solidität, und alles andere auch (auch als umtriebiger und hellsichtiger Geschäftsmann in Afrika ist Rimbaud eher an der trägen Umgebung gescheitert) – aber es steht halt mal ziemlich wenig in all dem drinnen. Weiters – auch wenn Rimbaud-Biograph Robb nahelegt, Rimbaud habe zum Dichten aufgehört, weil er nach der Verhaftung von Verlaine (seinetwegen) niemand mehr hatte, mit dem er vernünftig poetisch hätte kommunizieren können – ist die Gleichgültigkeit von Rimbaud gegenüber seiner Dichtung unheimlich; er scheint etwas so Wertvollem keinen Wert beigemessen zu haben, und das, in was er sich in seiner Jugend hineingesteigert hat – „Seher“ zu werden und übernatürliche Kräfte erwerben. Und siehe! ich muss meine Phantasien und Erinnerungen begraben! Dahingeweht, der schöne Ruhm des Künstlers und Erzählers! War ihm die ganze Unternehmung nur ein ephemerer Zeitvertreib, der beim Kind und beim Psychopathen immer wieder von neuen Zeitvertreiben abgelöst wird? Übernatürliche Kräfte erwirbt man, ganz einfach, – oder zumindest ich tue das –, indem ich zum Beispiel da meinen Finger an die interessante zinnoberrote Häuserwand halte. Dadurch bildet sich ein Komplex, eine Assemblage, die mächtiger ist als das, was vorher war und was Neues, ich ist reduziert und ist dann ein anderer, und man hat übernatürliche Kräfte erworben. Das hätte Rimbaud natürlich sofort verstanden, aber konnte er es auch leben? Ich liebe einfältige Zeichnungen, die Gesimse über den Türen, Bühnendekorationen, die Zelte der Gaukler, Wirtshausschilder, bunte Bilder fürs Volk; die aus der Mode gekommene Literatur, das Latein der Kirche, erotische Bücher mit fehlerhafter Rechtschreibung, die Romane unserer Großväter, Feenmärchen, Büchlein für Kinder, alte Opern, harmlose Kehrreime, naive Melodien. So weit, so herzig. Alte, kindliche Seele! Aber wie alles andere auch wird das zwar mannigfach aufgezählt, aber nie vertieft, was da sein sollte, wenn man eben ein tatsächlich tiefes Verhältnis zu naiven Melodien et al. hat. Die Leuchtenden Bilder sind sinnlos, wirr und ephemer. Man ist (heute) geneigt, den dicken Polizisten auszulachen, der Rimbaud mitgenommen hat und über ihn geurteilt: Rimbaud sei ein außerordentliches Individuum, er könne Verse machen, wie kein anderer – nur seien diese Verse völlig unverständlich. Aber das sind sie ja auch! Man ist natürlich geneigt zu meinen bzw. sich vor lauter Schreck unter den Tisch zu flüchten; von wegen, einen so großen Geist kann man unmöglich dechiffrieren, was er da gemeint hat – ich allein habe den Schlüssel zu dieser wilden Schau – ICH aber, ich bin (ein andrer und) Rimbaud intellektuell und an poetischer Begabung gleichrangig, stehe dabei aber seelisch viel höher, und kann mir daher, eventuell, ein Urteil erlauben. Und mein Urteil ist also gespalten: Rimbaud ermöglicht uns einen Blick in den Chaosmos, aber sein Chaosmos hat keine Substanz. Der Blick in den Chaosmos ermöglicht die Herstellung des Einheits-Bewusstseins – wenn Geist und Seele vereint sind. Bei Arthur Rimbaud hatte man ein Missverhältnis zwischen Geist und Seele. Er begreift die Dinge zwar mit unerhörter Leichtigkeit, aber inwieweit er sie auch ergreift, scheint gar schwer auszumachen. Und so fand die Dichtung von Arthur Rimbaud eben ihre Vollendung in der Verwirrung der Sinne (nicht in der Erlangung des Einheits-Bewusstseins und einer produktiven Vision vom Chaosmos, welche die Herrschaft über die vier Himmelsrichtungen ermöglichen und über das Heideggersche Geviert). So ist das dann eben, wenn Ich ein Anderer ist. Und so ergibt sich, dass meine Vermutung, dass Geist und „Seele“ zusammenspielen müssen, sie voneinander getrennt nur bedingt was ausrichten können, offenbar korrekt ist. Und das ist nicht nur sehr gut; es ist auch alles, was mich interessiert. Kunst, die Schönheit, die Wahrheit, das Gute, interessieren mich, in Wahrheit, nicht. Was mich interessiert, ist dass meine Theorien richtig sind. Was mich interessiert, ist dass ich mich ausbreiten kann, Raum einnehmen (eventuell auch den anderen wegnehmen), indem ich Theorien aufzustellen imstande bin, dadurch meine eigene Stärke fühle, die dann verunendlicht wird, indem festgestellt werden muss, dass meine Theorien stimmen. Oder auch nicht einmal, dass es sich dabei um Theorien handelt, also um Orientierungshilfen und objektivierbares Wissen für andere, eigentlich ist es zunächst und vor allem wichtig, dass etwas sich als richtig herausstellt, nur weil ich es einmal gesagt habe. Dass etwas richtig und wichtig ist, nur weil ICH es gesagt habe, ist alles und das einzige, was mich da anficht und interessiert.

Ich hasse jetzt die mystischen Überschwänglichkeiten und die Verschrobenheiten des Stils.

Jetzt kann ich sagen, dass die Kunst eine Dummheit ist.

(Die) Unsere großen Dichter (unleserlich) ebenso leicht: die Kunst ist eine Dummheit.

Gepriesen sei Güte.

Die Unnatur des Heinrich von Kleist

In „Poesie und Nichtpoesie“ versammelt Benedetto Groce in einer Zeit, in der es mit der Literatur und ihrer Kritik noch anders bestellt war als heute, vor gut hundert Jahren, Essays über zwei Dutzend Dichter und Literaten des 18. und 19. Jahrhunderts, und (neben Werner) ist es Heinrich von Kleist, der am schlechtesten dabei wegkommt. Groce verübelt Kleist, dass er den Gegenstand der Dichtung – die Leidenschaften – zwar durchaus gekannt hat, sie aber scheinbar nicht im Zaum halten und sie reflektieren konnte – dass er daher auch nicht über sie triumphieren konnte und nicht den eigentlichen Zweck der Dichtung erreichen: das sittliche Ideal zu errichten. Heute ist man viel eher geneigt zu feiern Kleist als Ahnherr des psychologischen Dramas, Menschenkenner und Metaphysiker, der Ahnung hat von einer gewichtigen Eigenschaft der Welt, die da in ihrer Instabilität und in ihrer Verhängnishaftigkeit liegt. Ja, bei Heinrich von Kleist hat man diesbezüglich schon eine Angefülltheit mit Raffinessen, dass es einen umhaut! Das Käthchen von Heilbronn, das stark/schwach, unbeirrt/somnambulent ihrer reinen Liebe folgt – zu einem unsympathischen Adeligen, der eher das männliche Ebenbild seiner/ihrer Antagonistin Kunigunde ist (oder aber auch an Kleists frühe Geliebte Wilhelmine von Zenge erinnern mag, mit der Kleist (möglicherweise auch unter dem Eindruck seiner latenten Homosexualität) ziemlich eigenartig umgegangen ist)! Adam, der mit Eve rücksichtsvoller spricht als der ungehobelte Ruprecht! Das Genie der Tat (Robert Guiskard), das, Napoleon gleich, kurz davor steht, eine tiefe Schneise in die weltgeschichtlichen Verhältnisse zu ziehen und sie signifikant umzupflügen, kurz davor aber qualvoll von der Pest niedergerafft wird und mit seinen Mannen einigermaßen sang- und klanglos verschwindet! Hermann, an dem sich die Unterschiede zwischen Recht und Unrecht, Zivilisation und Barbarei und, vor allem, Altruismus und Egoismus einebnen, im Rahmen einer schicksalshaften Konstellation, die nur mehr einen weitgehend moralfreien Dezisionismus zulässt (Ist man für die Römer? Oder gegen sie?)! Der Prinz von Homburg, der entweder in einer höheren (und extrem sozialen und geistesgegenwärtigen) Trance ist, oder in einer niedrigen (und selbstbezogenen), der Held ist, Feigling, Opportunist, der die Umstände umwirft und die Wellen bricht und dann wieder von ihnen umgeworfen wird und beinahe gebrochen! Götter, die mit Menschen eher schlecht als recht kommunizieren können und Götter- und Menschenwelten, die sich eventuell gegenseitig kaum was angehen und bei denen das Trennende über das Gemeinsame und Verbindende überwiegt – ach! Die entrückten Opfer der heiligen Cäcilie, die in einer Art Stupor leben, nachdem sie das Licht Gottes gesehen! Nicht zu reden von den extrem unheimlichen Verwandlungen (?), die diverse der Figuren im Kleistschen Kosmos durchmachen, um von unauffälligen oder gar gutherzigen Zeitgenossen plötzlich in Monster zu mutieren. Kleist ist als metaphysischer Künstler sehr groß, denn er sieht hinter das Wesen aller Dinge und wirft zeitlose, transhistorische Bilder. Auf einem so hohen Niveau der Abstraktion und des Begreifens arbeiten gar wenige. Gar viel hat Kleist verstanden. Kleist hat den Höheren Frieden verstanden, er hat den sicheren Weg des Glücks zu finden verstanden (weniger aber, auch unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn zu genießen), und er hat das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt gelesen (Über das Marionettentheater); er hat auch somnambulent fremdgesteuerte Wesen der Liebe oder der Verklärtheit über sich selbst verstanden und Wesen des Hasses, der Rache und der Gewalt, von denen man nicht weiß, ob sie außer sich sind oder eben völlig bei sich. Er hat die Welt umrundet. Das ist allerdings nicht eben ein Kunststück, sondern es ist das, was das Genie eben tut. Der Stammtischbruder versteht (hin und wieder) den gesamten Umfang der Existenz ja auch, aber flach und unbeeindruckt; sogar der Intellektuelle tut das, wobei er sich meistens aber vor lauter großem Schreck unter den Tisch flüchtet, wenn er sich mit Manifestationen der Wirklichkeit konfrontiert findet, die ihm nicht in sein Weltbild passen: das Genie hingegen tritt dem gesamten Existenzkreis (intellektuell) unerschrocken gegenüber und lässt nichts unter den Tisch fallen. Allerdings fragt man sich auch immer wieder, inwieweit Kleist all das eben auch tatsächlich verstanden hat; sich vom höheren Frieden ein seelisches Abbild machen konnte, und von den leidenschaftsgesteuerten Wesen seiner Imagination ein intellektuelles…. Auf jeden Fall aber fällt bei Kleist die Leichtigkeit auf, mit der er seine Bahn um den gesamten Existenzumfang und um die Gesamtheit der menschlichen Verhältnisse zu ziehen imstande scheint, Wesen wie die Penthesilea einschließend, die auch für Goethe zu fremdartig und unverständlich erscheinen. Kleist war nicht allein ein Genie, er war einer der ultrakomplexen Menschen. Das Innere der ultrakomplexen Menschen ist der unendliche Saal der Spiegel, wo sich alles in allem spiegelt! Wieland bemerkt weiland „unter mehrern Sonderlichkeiten, die an ihm (Kleist, Anm.) auffallen mussten … eine seltsame Art der Zerstreuung, wenn man mit ihm sprach, so daß zum Beispiel ein einziges Wort eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn, wie ein Glockenspiel anzuziehen schien“, sowie „daß er bei Tische sehr häufig etwas zwischen den Zähnen mit sich selbst murmelte und dabei das Air eines Menschen hatte, der sich allein glaubt oder mit seinen Gedanken an einem andern Ort und mit einem ganz andern Gegenstand beschäftigt ist“. Hell yeah, die ultrakomplexen Menschen! Das Gute an der Ultrakomplexität (oder Allumfassenheit) ist der höhere Frieden in seiner höchsten Form, insofern sie ihre gesunde Vergegenwärtigung in der Weißen Hütte hat, in der Dichotomien nicht mehr existieren und alle Inhalte (äußerer oder innerer Natur) nur mehr, eventuell, Kräuselungen in einem angenehmen, strahlenden weißen Licht darstellen. Das ist das Reich des absoluten Friedens. Selige Öde auf wonniger Höh` (Wagner, Siegfried, Dritter Aufzug, Dritte Szene). Das schlechte ist, wenn sich durch die Ultrakomplexität die Widersprüche und Konflikte potenzieren, was vor allem der Fall sein mag, wenn der ultrakomplexe Mensch auf eine unterkomplexe, sehr simple Welt trifft, die für solcherlei Raffinessen wenig Verständnis aufbringt. Wenn er nicht stark ist, kann der ultrakomplexe Mensch da zerschellen. Vielleicht kann das Problem des ultrakomplexen Menschen aber auch in ihm selbst liegen, denn natürlich sind sich auch die Ultrakomplexen nicht alle gleich, und natürlich haben sie auch ihre individuelle Psychologie. Komisch ist, dass ich, wenn ich auf Kleist schaue, immer ein dunkles Grün sehe (das bestenfalls links oben von einem dunklen Schwarz begrenzt wird). Die Ultrakomplexität schimmert meistens in unendlichen Farben – bei Kleist sehe ich aber tatsächlich immer nur dieses tiefe, dunkle, monochrome Grün (bestenfalls eben teilweise begrenzt von (annähernd) schwarzem Rand). Ach! Das ist dann schon unheimelig. Wenn Groce vorschlägt, in Kleist einen zu sehen, der von momentanen Leidenschaften beherrscht war, die er sehr differenziert (weniger aber reflektiert) zu beschreiben wusste, und die der Anfang und auch das Ende seiner Dichtung waren, kann er teilweise schon recht haben, denn man hat bei Kleist schon eine gewisse Morbidität, die vielleicht weniger in der Extremität der geschilderten Leidenschaften liegen mag, sondern in einem offenbaren Fehlen ihres inneren Zusammenhanges. Bei Dostojewski hat man da einen leuchtenden Feuerkreis, der alles zusammenhält, und alle Figuren leuchten und treten hervor, bei Kleist hingegen wirken sie alle irgendwie eingefallen. Bei Kleist stehen die Charaktere (von (etlichen) Ausnahmen abgesehen) immer mindestens 10 Meter auseinander; bei Shakespeare hat man auch eine nebelhafte Welt und einen gasförmigen sittlichen Zusammenhang, aber bei ihm haben die Figuren durchschnittlich nur immerhin einen Abstand voneinander von gut zwei Metern; ja, eigentlich wirken sie überhaupt wie ein unauflöslicher Knäuel ineinander amalgamiert, wenn ich mir das jetzt eben zu vergegenwärtigen suche: bei Kleist sind es aber eben durchschnittlich zehn Meter; seine Welt ist so nebelhaft, dass man immer den Eindruck hat, man würde durch sie hindurchfallen. Wenn man keine entschiedene Position bezieht und skeptisch bleibt, ist das gut (und zumindest für den Philosophen auch allein angemessen), wenn man sich aber auf Positionen, auch zur Not, nicht festlegen kann, ist das schlecht, und scheint ein Hinweis, dass man sie eben gar nicht wirklich verstanden hat. – Der Ausdruck von Kleist ist einzigartig und unnachahmlich, aber er verursacht mir ein gewisses Unbehagen: Und zwar immer dahingehend, ob es auch der richtige Ausdruck ist! Das mit der eindeutig genialen Dichtung geht so: Man hat da den Kessel und undifferenzierten Quasi-Hintergrund der Imagination und als starre, robuste Formationen die Sätze und Wortflächen, in sich selbst solide gebunden und von äußerster Stabilität im (Quasi-) Vordergrund; sie mögen gleichsam als Protuberanzen aufsteigen oder über so Stangen mit dem Feuerkessel verbunden sein; es gibt da eine Verbindung, wenn nicht gegenseitige Verwachsenheit: Das dynamisiert dann die Sprache und das Bild, für immer und in alle Ewigkeit. Das Spiel und das ständige gegenseitige Verweisen von Motiv (dem Ausdruck) und Hintergrund (der Ausdrucksfähigkeit): das ist das Unendliche, das man in der genialen Dichtung hat. Ewiges Spiegeln und Ineinanderversenken der Welten und Hinterwelten. Bei Kleist hat man das recht eindeutig; ja, man hat trotz erzerner Starrheit und Solidität eine galoppierende Sprache, wie es Deleuze bei Kleist in etwa feststellt. Kleist galoppiert uns immer davon, und wir jagen ihm nach und werden nicht müde dabei. In der Prosa (speziell seiner Novellen) sehe ich einen schönen Strom, in dem sich fortwährend kleinere Wirbel bilden. Groce, der da moniert, die Novellen von Kleist wirken wie die Erzählung von Anekdoten, eine bloße Aneinanderreihung von Fakten habe man da, ohne literarische Ausschmückung bzw. Aufarbeitung bzw. Verwandlung, da Kleist die Gestaltungskraft fehle. So einfach kann man sich das nicht machen, und man kann sogar jubilieren, dass in Kleists Novellen die übertriebene „literarische“ Geschwätzigkeit fehlt, die man bei anderen ja genug und übergenug hat; allerdings wirft Groce da schon wieder eine Nuss hin, die man nicht so einfach knacken kann. Noch einmal und zusammengefasst: ist es sehr gut, wenn man im literarischen/künstlerischen Werke das Ineinanderversenken zwischen tatsächlichem Ausdruck (im Vordergrund) und dem Hinter/Untergrund/Schoß der Imagination hat, zwischen der Gestaltung und der Gestaltungskraft; das dynamisiert alles, das macht es ewig, das sind die „Tiefen“ – aber bei Kleist frage ich mich doch immer wieder, ob man die betreffende Stelle, oder das gesamte betreffende Stück nicht ganz anders hätte schreiben können, oder, mehr noch, hätte schreiben sollen! Verfluchte Unentscheidbarkeit! – Dass Amphitryon ein Lustspiel sein soll, ist mir erst aufgefallen, als ich das nachher im Nachwort explizit so definiert gesehen habe; den zerbrochenen Krug habe ich jetzt drei Mal gelesen (um ihm endlich ganz folgen zu können), gelacht habe ich noch immer nicht, obwohl der zerbrochene Krug ja als das deutsche Lustspiel Nr. 1 gilt; da können wir Österreicher möglicherweise wieder sagen: Jaja, die Deutschen und der Humor; ei, da haben wir Österreicher den Deutschen was voraus und wir haben auch den „Villacher Fasching“; wenn Groce sagt, der Humor von Kleist sei rein intellektualistisch, hat er wohl recht; die Stücke von Moliere sind immer wieder tatsächlich sehr komisch und sie sind eine gute, hervorragende Schule für die Menschenkenntnis; die metaphysische Weite von Kleist haben sie aber nicht, und metaphysisch bestimmt wird der Mensch bei Moliere eher nicht – bei Kleist aber eben schon! Natürlich sind weder der Amphitryon noch der zerbrochene Krug tatsächlich Lustspiele, sondern sie werfen die Frage auf Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? – ohne sie jetzt allerdings tatsächlich zu beantworten; diesem allsehenden Auge/Auge Gottes, das da errichtet wird und in den Weltkessel blickt, fehlt irgendwie dann eine Teilhabe (oder so; irgendwas fehlt aber irgendwie, oder scheint (irgendwie) zu fehlen). Der zerbrochene Krug ist groß, ja; eine Ellipse, deren Brennpunkte ein volkstümlicher Schwank einerseits und die letzten Rätsel der Welt und die Mysterien der Schöpfung andererseits sind; und, um bei geometrischen Metaphern und Veranschaulichungshilfen zu bleiben, hat man bei Kleist ein negativ gekrümmtes Universum, bei dem alles ins Unendliche und Unbekannte und ins Sich-Entziehende flieht. Aber eben: beim größten deutschen Lustspiel – hätte ich mir was anderes erwartet. Am Anfang vom zerbrochenen Krug hat man Dialoge, die das seltsamste von der Welt sind – und zwar AUCH wenn man in Betracht zieht, dass „die wahrheitsbildende Kraft der Sprache“ (Günter Blamberger) dort zerbrochen sei, und AUCH wenn man das mit der allmählichen Verfertigung von Gedanken beim Reden in Betracht zieht (was ich von mir aus recht gut kenne, aber, wie mir scheint, vor allem im Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken (und vor allem in meiner ersten Kurzgeschichte, der vom Quadrat, besser bildlich dargestellt habe). – Aufgrund des wandernden Geistes oder auch der Unkonzentriertheit, die einem Mangel an geistigen Fähigkeiten entspringt, hat man immer wieder Mühe, Theaterstücken oder auch Abhandlungen über Spezialgebiete der Differentialgeometrie zu folgen. Zumindest ich habe bei Kleist erhebliche Schwierigkeiten gehabt, seinen Dramen zu folgen, und sie mehrmals lesen müssen um sie, natürlich unter Heranziehung diverser Sekundärliteratur, einigermaßen zu verstehen und ihnen folgen zu können. Komisch, wie man bei ihm schwafelnde Umständlichkeit ohne viel Aussage hat, und dann wieder entscheidende Hinweise in einen Halbsatz verpackt, der unter seinen Kollegen keineswegs hervorragt – so wie, eventuell, im (sogenannten) richtigen Leben, aber eben auch, und dann auch wieder, nicht. Ist das eine Stärke? Ist das eine Schwäche? Man weiß es nicht. – Goethe hat sich bekanntermaßen über die „Unnatur“ des Heinrich von Kleist ereifert, und Kleist wollte Goethe zum Duell fordern. Man hat bei Kleist eine ausgeprägte Ruhmsucht, Unstetigkeit (möglicherweise nicht allein des Genies, dem die Welt immer wieder zu eng wird, sondern als etwas Grundsätzlicheres), hohe Empathie und dann wieder erschreckend niedrige Empathie, man hat die unintelligenten Provokationen im Phoebus u. dergl. mehr. Man ist heutzutage leicht geneigt, Goethe für eine Art Tattergreis zu halten, dem immer wieder entscheidende Hinweise entgangen seien – aber ich, ICH, will, nachdem ich in der Vergangenheit darauf hereingefallen sein mag, dieser Versuchung nicht mehr so einfach erliegen! Wenn die Zeitgenossen losprusten, wenn Goethe zum Beispiel urteilt: Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis der höheren Bildung bleiben! Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur Kuriositäten; es ist sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt zu machen; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten; so werde ich weitgehend schweigsam und nachdenklich bleiben (denn etwas anderes als eine düstere Herdenmenschencultur haben die Chinesen oder die Inder oder die alten  Ägypter ja bis auf den heutigen Tag nicht zustande gebracht). So ist das, was Goethe bei Kleist als „Unnatur“ wahrnahm, bei heutigem medizinischem Wissen möglicherweise (wie Günter Blamberger zur Debatte stellt) eine narzisstische oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung gewesen, an der Kleist gelitten haben mag und die dann in Verbindung mit der Anomalie des Genies und dessen grundsätzlich enorm gesteigerter Wahrnehmung und intensiven Innenlebens die eigenartigsten, und letztendlich kaum entwirrbaren, Erscheinungsbilder abgegeben hat. Was hätte Kleist an Werken wohl noch von sich gegeben, und wie wäre er und seine Entwicklung zu interpretieren, wenn er ein so ansehnliches Alter wie Goethe erreicht hätte? Genau kann man das freilich nicht sagen, da Kleist ja gleich wieder gestorben ist; wenige auch der hohen Genies erreichen einen Grad abgründiger Tiefe vor ihrem fünfunddreißigsten oder vierzigsten Jahr – die „abgründige Tiefe“ wird erreicht, wenn der Adler in den Abgrund des Abends fliegt und, gemeinsam mit einem hellen Morgen, hinten wieder aus dem Abgrund aufsteigt, nachdem er die Welt umrundet hat – natürlich gibt es auch Frühvollendete (die dann möglicherweise sich nicht mehr nur nicht mehr weiter entwickeln sondern „ausbrennen“), und vielleicht war ja Kleist auch ein Frühvollendeter, der am Ende seiner „exzentrischen Bahn“ (Hölderlin) angelangt ist; vielleicht ist es ja so, dass wir mit dem vierunddreißigjährigen Kleist dann eben auch den ganzen Kleist vor uns haben: vielleicht, vielleicht (ja, das würde einer schon gern wissen!) (und, auch wenn ich mich anstrenge: sehe ich bei Kleist nach wie vor immer nur ein dunkles Grün, eventuell teilweise von einem schwarzen Viertelrund begrenzt). Bei Goethe hat man das Architektonische, die Stabilität, das Ideal; bei Kleist die Bewegung des Unterlaufens; und beide waren eventuell ein bisschen zu sehr in ihrem eigenen Stück gefangen, somit also naturgemäß Antipoden. Den Eisernen Ring, der die Welt zusammenzuhalten imstande ist, schmiedet man aber über beide Bewegungen gleichermaßen. Durch die Stabilität, das Errichten, das Ideal sowie das Unterlaufen von alldem, um erneut, und ohne Sterilität, errichten zu können und Ideale glaubhaft revitalisieren zu können. Sowohl Goethe als auch Kleist haben die Welt umrundet. Aber beide haben sie nicht überschritten. Goethe hat es sich in der Welt gut eingerichtet, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute; Typen wie Kleist (oder Baudelaire oder Nietzsche) sind dem jeweils zeitgenössischen Bildungsphilister unheimlich, er kann sich in ihnen nicht selbst erkennen, sie werden (wie Amanshauser vermutet), womöglich immer wieder von Neuem zu Lebzeiten von ihm nur in die Gosse getreten. Ewige Wiederkehr des Gleichen und Amor Fati und Manche werden posthum geboren. Symboltriefende Rätselhaftigkeit des Heinrich von Kleist in der Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Welt. Endlosschleife? Möbiusschleife? Die Welt ist stark, und das Genie ist schwach. Allerdings ist das ja gar nicht so, vielmehr ist es die Welt, die schwach ist, und das Genie, das stark ist! Das Genie hebt die Welt aus den Angeln, da das Genie eben stärker als alle Welt ist: so sagt das auch Kierkegaard in Der Begriff Angst. Da allerdings auch das Genie, wie auch die Welt, dem Schicksal unterworfen ist, und das Schicksal mächtiger ist als alles andere, da blind und dumm, kann das Genie (und, wie man fairerweise dazusagen sollte, die Welt) Angst haben vor dem „Schicksal“, eventuell Angst vor dem Schicksal, verkannt zu werden und letztendlich nutzlos zu bleiben; diese Angst kann das Genie in den Selbstmord treiben. Auch eben nicht die Stärke, sondern die ewige nervtötende Schwäche der Welt mag das Genie dazu bringen, sich aus der Welt zu verabschieden. Normalerweise wird das aber nicht der Fall sein; jeder Mensch, und erst recht jedes Tier hat sein Kreuz zu tragen, und ganz so schlimm ist es ja meistens nicht. Kleist hingegen hat behauptet, seine sei die „qualvollste Existenz, die je ein Mensch geführt hat“. Hm. Was ist dann aber erst die Existenz von Kurt? Wenn der äußere Reichtum fehlt, hat man da immer noch den inneren Reichtum; wenn die äußere Freiheit fehlt, hat man immer noch die innere Freiheit: und die inneren Reichtümer und Freiheiten sind dabei die eher wichtigeren. Im Zusammenhang mit seiner unsicheren materiellen Situation, seiner dauernden Erfolglosigkeit, seiner hartherzigen Familie und seinem scheinbaren Schicksal, zu einem ständigen glorreichen Scheitern verurteilt zu sein, in allem, was er in Angriff nimmt, und trotzdem er es ja gut ausführt, kann schon sein, nicht nur, dass es Kleist irgendwann gereicht hat, sondern dass er all das als ungeheure Kränkungen wahrgenommen hat, infolge einer irgendwie pathologischen inneren Struktur, die er mit Penthesilea oder Michael Kohlhaas (oder Congo Hoango, oder dem Bettelweib von Locarno, oder Piachi, oder dem Vater der Marquise von O… ….) zu teilen schien, und die die andere Seite seiner, ebenfalls psychologisch nicht eben stabilisierenden, übertriebenen Ruhmsucht gewesen sein könnte. Im Selbstmord, dem er mit kindischer, ausgelassener Heiterkeit entgegengegangen ist, hat er dann nicht nur seine innere Freiheit wiedergefunden, gegenüber dem verhängnisvollen Monstrum Welt, sondern eventuell auch eine Möglichkeit, es der Welt heimzuzahlen (neben einer Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen und sich für die Nachwelt dauerhaft interessanter zu machen). Aus einem Mangel an organisiertem und robusten Selbst hat sich Kleist also (eventuell) erschossen, aus ausufernder Komplexität bei gleichzeitig fehlender innerer Zusammenhaltigkeit (wenngleich mir Kleist da möglicherweise durchaus was voraushat, und ich, wenn ich wüsste, wie Neid sich eigentlich anfühlen würde, eventuell auf Kleist sehr neidisch sein könnte, denn aufgrund meines starken Selbst, meinem extrem festen Haften an der Welt und meiner seelischen Verbindung mit dem Weltgeist, scheint es mir letztendlich dann nicht  möglich, Selbstmord dann auch tatsächlich auszuführen, weswegen ich mich dann immer der Perspektive der Qual eines weitgehend sinnlosen Lebens ausgesetzt sehe, ohne daran was ändern zu können). Kleist war einer der ultrakomplexen Menschen, aber er war nicht eben der Gescheiteste von ihnen. Hell yeah, die ultrakomplexen Menschen!

Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild eines Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d.h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.

Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?

Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.

H. v. K. (Über das Marionettentheater)

Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann.

Goethe, Maximen und Reflexionen