Michel Houellebecq und die Zeichen der Zeit

Ich verstehe die Zeichen der Zeit nicht mehr

die Zeichen der Zeit versteht niemand

Thomas Bernhard, Heldenplatz

 

Genie bezeichnet, wie man weiß, weniger das Höchstmaß an Intelligenz, wahrscheinlich auch gar nicht einmal das Höchstmaß an Kreativität, vielleicht sollte man eher sagen, es bezeichnet ein ungewöhnliches geistiges/kreatives/spirituelles Penetrationsvermögen; die Fähigkeit, in die Materie einzudringen, und vielleicht weniger, sie zu durchschauen (was letztendlich nicht möglich ist, da sie sich selbst nicht durchschaut), als zu ungewöhnlich tiefen, profunden und überraschenden – und genuinen und authentischen und richtigen und wichtigen Einsichten über sie zu gelangen (ein genialer Pianist wie Horowitz durchschaut die Möglichkeiten des Klaviers in dieser Hinsicht – er ist zutiefst introspektiv was die Möglichkeiten des Klavier anlangt). Das Genie, wie auch Thomas Bernhard eines war, versteht die Zeichen der Zeit – nicht vollständig, aber besser als andere (was wiederum nicht ausschließt, dass es von seinem Verständnis der Zeichen der Zeit überwältigt ist und sich seiner begrenzten Einsicht wie auch seiner begrenzten Konfusion bewusst). Heute ist es Michel Houellebecq, der die Zeichen der Zeit versteht, wie sonst niemand, und der sich mit seinen überraschenden Einsichten, in das, was eigentlich klar zutage liegt, sogar den Ruf des Propheten erworben hat – nicht zuletzt aufgrund des ominösen Umstandes, insofern das Erscheinen seiner Romane meistens mit einem Unglück oder einem böswilligen Akt in der realen Welt einhergeht, so wie es von jenem Roman scheinbar vorhergesehen wurde. In seinen Romanen und in der Behandlung seiner Figuren hat man eine große Zärtlichkeit und große Seele, ein Verständnis für Zärtlichkeit und für Seele zumindest. Er weiß, was Zärtlichkeit und was Seele ist, und ist in tiefer Trauer darüber, dass sie in dieser Welt prekäre und bedrohte Erscheinungen sind. Man hat eine sehr hohe Authentizität, alles an ihm und seinen Romanen und seinen Einsichten ist genuin. Aufgrund seines Genies kann er außerhalb von ideologischen Trampelpfaden denken und vor allen Dingen Sachen genuin durchdenken, die sich in kein bisher bekanntes intellektuelles oder weltanschauliches Schema einordnen lassen. Und aufgrund seines Genies kann er diese Sachen auch erfühlen. Das literarische Genie wirft einen zutiefst melancholischen Blick auf die Menschheit, wenngleich dieser Blick bisweilen sehr komisch sein kann. Zwischen Komik und Tragik, Zärtlichkeit und Verachtung, der Bernhardschen Frage „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“ herumpendelnd etc. scheint es bei aller inneren Harmonie zerrissen, das ist es aber nicht notwendigerweise, als Sensorium für die Welt widerspiegelt es eben die komplexe Doppelgesichtigkeit der Welt. Im Gegensatz zur reinen Intelligenz, die das Komplizierte durchschaut, durchschaut das Genie die Komplexität, welche aber letztendlich undurchschaubar ist und sich in ihrem Gemengelage ständig ändert. Aufgrund der Komplexität, die es verkörpert und die es lebt, wird das Genie nicht wirklich verstanden. Und heute macht sich Michel Houellebecq einen Spaß daraus, über alle Maße hinaus komplex zu sein und nicht wirklich fassbar. Bei aller offensichtlichen Eindeutigkeit seiner Positionen ist er in allen diesen Positionen transgressiv. Schlaumeier, die meinen, ihn in einen Sack stecken zu können, werden wohl eines Besseren belehrt (sofern sie überhaupt belehrbar sind; falls sie es nicht sind, bleibt ihnen aber wohl doch das vage Bewusstsein, dass sie mit ihren Zuschreibungen dann doch einfach zu kurz greifen).

 

(Ich sehe, ich habe mich jetzt einigermaßen ausgelassen, wieder einmal, über das (literarische) Genie! Leute, denen es an Verständnis fehlt, wären ja geneigt zu behaupten, damit würde man auf ein „überkommenes Verständnis“ aus dem 19. Jahrhundert rekurrieren, obwohl die Kategorie des Genies ja kaum so präsent ist, wie in der heutigen Literaturkritik, wo jeder Autor, der zumindest irgendwie überdurchschnittlich ist, zumindest irgendwo in der FAZ oder NZZ als „Genie“ gefeiert wird; der dickste Roman der jeweiligen Saison vom jeweiligen Verlag beworben wird in etwa: „Muss in Zukunft in eine Reihe gestellt werden mit Joyce und Faulkner!“ u. dergl.; während ein echtes Genie wie Houellebecq eher nicht als solches bezeichnet wird, und ein sehr tiefes Genie anzunehmenderweise überhaupt ignoriert wird etc.; diese Auslassungen dienen auch ursprünglich hier allein dazu, Dinge richtig einzuordnen und sie ihrem Wesen gemäß festzustellen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen etc.)

 

Man könnte meinen, bei aller Begabtheit als Schriftsteller – ein großer Intellektueller sei Michel Houellebecq dann nicht: wobei er das allerdings ohne Weiteres in seiner sympathischen Art von sich zugibt. Seine viel weniger gelesenen Essaybände sind aber in Wirklichkeit gar nicht so dumm oder derivativ. Man muss sie nur lesen. Dass ihnen die triumphale monolithische Geschlossenheit des großen philosophischen Systematikers oder intellektuellen Theoretikers abgeht, liegt daran, dass die Zeit der großen Erzählungen bzw. Systementwürfe vorbei ist und sie nicht mehr greifen – nicht nur, weil die Gesellschaft heute zu komplex scheint, sondern weil die großen Erzählungen und Systementwürfe der Vergangenheit auch in der Vergangenheit nie wirklich richtig waren. Weiters mag einen stören (und ihn selber stört es ja am Meisten), dass sowohl der Romancier als auch der Essaysist Houellebecq einigermaßen ausweglos erscheint und unengagiert. Wenn da jetzt ein Romancier und Essayist daherkommt, und die Malaisen der Gegenwart feststellt, sollte man doch meinen oder hoffen, dass sich daraus ein Aktivismus ableiten lässt; wenn ein großer Romancier und Essayist daherkommt und die Gegenwart als Malaise feststellt, sollte man meinen oder hoffen, dass er dann ein ganzes Großprogramm oder –projekt formuliert oder es aus seinen Einsichten ableitbar erscheint, wie man dieser Malaise den Garaus bereiten kann! Dass das bei Houellebecq nicht der Fall scheint, kann man ihm allerdings auch eher nicht anlasten, sondern dem Umstand, dass eine Schwarz-Weiß-Sicht auf die Gesellschaft und den Menschen heute nicht mehr möglich erscheint. Vielmehr präsentiert sich das menschliche Reich heute als eine Abstufung von Grautönen. Eine einfache Identifizierung von Problemen oder von eindeutigem Gut und Böse – das ist nicht mehr drin (und ist auch gut so, denn sich dieser Anforderung zu stellen und authentische mit ihr umzugehen, steigert das Differenzierungsvermögen und die geistige Tiefenschärfe). Wirklich große metaphysische Probleme, bei denen man in den unermesslichen Abgrund starrt, so wie man es bei Dostojewski (und, wie es scheint, zu der Zeit Dostojewskis) hatte, hat man im heutigen Reich des letzten Menschen nicht. Man hat da seelische und zwischenmenschliche Verarmung innerhalb der Wohlstandsgesellschaft, deren Wohlstand abbröckelt, Tristesse im Liberalismus u. dergl. – weil sich der Mensch in seiner Durchschnittlichkeit wiederfindet und sich das befreite menschliche Reich halt mal, scheinbar endgültig, nicht ganz so darstellt, wie von den Humanisten envisioniert (in Unterwerfung wird ein wenig darüber monologisiert, dass der Humanismus und die Errichtung von humanistischen Idealen eine Selbstbeschreibung der großen Humanisten war und weniger eine des durchschnittlichen Menschen). Veredelung des Menschen, als ein bzw. das letzthinnige Ziel der klassischen und humanistischen Kunst ist da nicht drin. So gute Dinge schienen möglich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts doch: „Die Welt neigt zum Verfall. Das Gute manifestiert sich von Zeit zu Zeit in einzelnen Personen oder in Ereignissen … doch insgesamt ist die Entwicklung negativ“, meinte einst Kurt Gödel. Jaspers meint auch, der geschichtliche Fortschritt sei zuerst ein Vorandringen einzelner Menschen: „Aber die Geschichte bleibt zugleich das bloße Geschehen, in dem es ständig wie ein vergebliches Rufen, ein Absacken und Nichtfolgen ist. Ein ungeheures Schwergewicht scheint alle Aufschwünge immer wieder zu lähmen. Die gewaltigen Massenkräfte mit ihren Durchschnittseigenschaften ersticken, was ihnen nicht entspricht.“ Houellebecq endlich selber: „Es zerrt allmählich an den Nerven, in einer Ära der Mittelmäßigen zu leben, umso mehr, wenn man sich selbst außerstande sieht, das Niveau wieder anzuheben. Ich werde gewiss keinen einzigen neuen philosophischen Gedanken hervorbringen; in meinem Alter hätte ich sonst wohl schon entsprechende Anzeichen zeigen müssen. Aber ich bin mir fast sicher, dass ich bessere Romane hervorbringen würde, wäre das geistige Klima um mich herum nur ein wenig fruchtbarer.“ (In Schopenhauers Gegenwart, 2017, S. 9). Als ein Thema, die sein ganzes Werk durchzieht, macht Houellebecq-Biographin Julia Encke „jene Mittelmäßigkeit“ aus, „die er als den Grundzug der Gegenwartskultur ausmacht“ und die „dem System der großflächigen Kultursteuerung und –verwertung immanent“ sei. „Ob auf dem Kunstmarkt oder in der intellektuellen Welt, in der Hauptsache gehe es darum, Netzwerke zu organisieren, Karrieren zu lancieren, Definitionsmacht zu gewinnen, Posten zu besetzen. Mit der Produktion von Ideen, Werken oder Theorien, die für sich selbst stehen, haben die entsprechenden Aktivitäten nichts zu tun.“ (Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq?, 2018, S. 182) Dementsprechend bemerkt auch Sabine Maria Schmidt in ihrem Essay „Chronische Moderne“ im Kunstforum: „Finanzökomonische Maßstäbe haben längst eine Definitionsmacht über die Kunst geschaffen, die die Befragung ihres ästhetischen, konzeptuellen und funktionellen Mehrwertes zunehmend überlagern. Was Kunst oder gar gute Kunst ist, im Sinne verkündeter Urteile unbestechlicher Autoritäten, ist kaum mehr von Interesse.“ (Kunstforum 252, S. 53) Wenn das so ist, wird es schwierig. Was soll die Kunst dann für Aussagen treffen angesichts einer quasi ontologisch verankerten Beliebigkeit? Wenn Mittelmäßigkeit oder Dummheit denselben Applaus bekommen wie Exzellenz, ist es ja kein Wunder, wenn das Niveau in den Arsch geht (schreibt auch gestern Kira auf Facebook). Man hätte damit das Zeitalter als Post-Truth festgestellt, und zwar nicht erst seit Kurzem, sondern schon seit längerem, und als quasi inhärente Qualität. Dazu sei allerdings gesagt, dass das meistens so ist und die wenigsten Zeiten transzendent sind, sondern vielmehr von ihrer eigenen Immanenz erheblich konsumiert werden. Die Unwahrheit ist letztendlich keine Macht, sondern etwas, das gegenüber der Wahrheit eher schwach ist. So lohnt es sich also, an der Wahrheit zu arbeiten. Und Houellebecq will ja gar keine aktivistische Literatur machen, für ihn sei Literatur dazu da, Gewissheiten ins Wanken zu bringen. Ja, das kann er. Und es ist auch schon berechtigt so. Bevor man die Welt verändern will, muss man nämlich erst mal lernen, sie korrekt zu interpretieren.

 

In seiner sympathischen Art stellt Houellebecq auch eine gewisse Mittelmäßigkeit an sich fest, die er aber eben in seine große Stärke als zeitdiagnostischer Prophet der Mittelmäßigkeit umzusetzen weiß (insofern das Genie ja auch jemand ist, der seine Minderwertigkeitsgefühle und Gefühle der Unzulänglichkeit maximal produktiv verwerten kann). Kann mich erinnern, wie ich vor Jahren in einer französischen Zeitschrift mal ein Interview gelesen habe, wo er sich über seine „Mediokrität“ beklagt: Er habe ja nicht einmal einen eigenen schriftstellerischen Stil! Ja, das wird ihm hin und wieder vorgeworfen, wenngleich von Leuten, denen man eine solche Rute ohne Weiteres selber ins Fenster stellen kann. Sein beiläufiger Erzählstil ist der mittelmäßigen Welt und der Beschreibung des Lebens als bestenfalls halbguter Roman ja ganz angemessen. Literarischen Stil – und zwar einen bestimmten, massenhaften literarischen Stil, der immer so daherkommt der Art „Achtung! Hier wird Literatur gemacht!“ – den hat man ja eh überall und es wird ja eh überall Literatur gemacht, wie erholsam also die Stillosigkeit von Houellebecq. Außerdem und vor allem, da es einen „Stil“ ja auch gar nicht gibt. Es gibt nur die Kraft der Gedanken und die Fähigkeit, diese darzustellen. Wo keine Gedanken, da aller Stil bestenfalls hohl. Wie kraftvoll also die Romane (meistens) von Houellebecq und was für emblematische Sätze und Stellen sich darin immer wieder finden! Ja, das hat schon Schwung und es hat Kraft, das! Zu den Gedichten von Houellebecq gelang es mir noch nicht so wirklich, durchzudringen, aber ich freue mich, wenn ich sehe, wie Houellebecq Dichtung und Kunst im Allgemeinen immer wieder zutiefst versteht, und zwar von der Wurzel auf und eine große, authentische Wärme für sie hat. Poesie gelingt aber eigentlich sowieso selten, denn dafür ist der Mensch einfach eine zu kraftlose und verschrumpelte Lebensform, wie es scheint. An der Poesie scheitert fast jeder. Eine Reflexion über Poesie beendet er mit der Offenbarung, dass er sein Werk in der Intention mache, um „folgende winzige Botschaft“ hinterlassen zu können: „Jemand hat in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts deutlich die Entstehung eines monströsen und globalen Mangels verspürt; außerstande, das Phänomen klar zu umreißen, hat er uns jedoch – als Zeugnis seiner Inkompetenz – einige Gedichte hinterlassen.“ (Brief an Lakis Proguidis, 1997; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 53)

 

F. erzählt mir, was für eine unmögliche Erscheinung M. sei, den sie einmal getroffen habe. Von sich selbst absorbiert und grauenhaft aussehend, so als wie wenn er es darauf anlegen würde, so grauenhaft, ungesund und abstoßend auszusehen wie nur möglich. Nun ja, bei Menschen mit neurotisch niedrigem Selbstwertgefühl oder einen neurotischen Bedürfnis, andere vor den Kopf zu stoßen, kann das schon sein. Wie exakt die Beschreibung des M. durch F. ist, den sie ja gar nicht kennt, weiß ich dabei aber nicht; ich kenne ja auch die F. kaum. Zumindest aber finde ich, dass M. mit seinen längeren Haaren, wie er sie seit einiger Zeit so trägt, ganz gut aussieht, zwar einerseits wie ein Clochard, aber auch wie ein schriftstellerischer Charakterkopf. Allgemein ist bekannt, er redet nicht viel, ist schüchtern und zurückhaltend, ringt nach Worten, zwischen seinen Hervorbringungen oft längere Pausen. Bravo, gut gespielt! Beckett war ja auch so (ähnlich). Das in seine eigenen Geistestiefen versunkene Genie, das außerdem sein Ego in seiner Kompaktheit nicht ganz zu finden scheint. Dem rassistischen Gentleman und radikalen Outsider HP Lovecraft, der das Leben als grundsätzlich negativ, ja, als dämonisch empfunden hat, hat er ein ganzes Buch gewidmet (und Schopenhauer ein anderes). Lovecraft, der, wie er schreibt, voller Verachtung für das Leben und die Menschheit war, aber gleichzeitig von ausgesuchter Liebenswürdigkeit gegenüber dem einzelnen Menschen; der zwischen (angeblichem) Hochmut und einer geradezu masochistischen Zurückhaltung herumgependelt ist. Der Ausländer gehasst hat, weil er sie für sein persönliches Scheitern als Gentleman alter Schule in der Gesellschaft Fuß zu fassen, verantwortlich gemacht hat, so wie Houellebecq seinen Hass auf seine Mutter in ein Ressentiment gegenüber den 68ern kanalisiert. Wie viel er davon (auch berechtigerweise) ernst meint, ist eine offene Frage, dass er es mit seinem Ressentiment gegenüber den 68ern ernst meint, ist keine Frage. Seine Biographin Julia Encke enthüllt, wie er sich nach eingehenderer Beobachtung „wehmütig und wider Willen“ als ein „großer Menschenfreund“ zeigt (ohne aber leider ausführlich zu werden, wie sich diese Menschenfreundlichkeit bei ihm denn äußert). Die Biographie von Julia Encke trägt dabei den Titel „Wer ist Michel Houellebecq?“ – und man kann trotzdem sagen, dass er ein gewisses Mysterium bleibt. „Ich mag mich nicht. Ich empfinde nur wenig Sympathie, geschweige denn Wertschätzung für mich. Obendrein interessiere ich mich nicht besonders für mich“, so M. in „Technischer Trost“ aus 2002 (Ich habe einen Traum. Neue Interventionen, 2010, S. 45). Ja, wenn das so ist, kann es schon sein, dass die Eindeutigkeit der Erscheinung möglicherweise darunter leidet. Ich finde es aber gut, wenn sich einer nicht so besonders für sich interessiert. Inwieweit M. seine Kohle auf philanthropische Zwecke verwendet, weiß ich nicht. Wär aber schon eine Schande, täte er´s nicht. „Unversöhnt mit sich selbst“ sei Houellebecq – oder zumindest der Autor der Gedichtanthologie „Non réconcilié“. Stellt Julia Ecke fest. Deswegen kann er auch die Zeichen der Zeit so gut feststellen.

 

In einer Welt, die (zumindest in den modernen Industriegesellschaften) scheinbar zu sich selbst gekommen ist, beschreibt Houellebecq einen gewissen Widerstand der Welt gegen Verklärung und romantische oder aktivistische Vereinnahmung. Er beschreibt: Multikulturelle Gesellschaften funktionieren doch nicht so glatt, wie man sich das gedacht hätte. Sexueller Liberalismus produziert, wie der Wirtschaftsliberalismus, einige wenige große Gewinner, einen prekären Mittelstand und etliche Verlierer. Befreite Liebe wird schon mal als Instrument narzisstischer Selbstbespiegelung und Machtausübung genutzt. Ausrichtung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik auf Produktivitätssteigerung und Effizienz ist weniger eine kapitalistische oder politische Verschwörung, sondern, wie Houellebecq einsieht, die Zerstörung und Erosion von traditionellen Lebensformen und Selbstverständnissen und Heimaten zugunsten der Steigerung von Effizienz und Produktivität hat ihren Grund darin, da die Steigerung von Produktivität und Effizienz eben das letzte Wort hat (insofern Wirtschaften die möglichst effiziente Umwandlung von Ressourcen bedeutet, um so Kapazitäten für die Umwandlung von anderen Ressourcen zu schaffen, was das Leben fortgesetzt diversifiziert und in seinen Möglichkeiten und Verfügungsgewalten bereichert). Länger anhaltender Wohlstand und demokratische politische Freiheiten mögen dazu führen, dass man ihren Wert ein wenig vergisst. Wenn die Menschenrechte längere Zeit als selbstverständlich genossen werden, kann es passieren, dass die Menschen schon mal den Sinn der Menschenrechte in Frage zu stellen geneigt sind oder meinen, dass man bei den Menschenrechten mal „ausmisten“ sollte etc. Houellebecq hat jetzt nicht die Stringenz eines Sartre (den er, im Gegensatz zu Camus, allerdings sowieso für einen „Clown“ hält) und Essays wie Betrachtungen zur Judenfrage gelingen ihm vielleicht nicht ganz. In etlichen Punkten hat sich Sartre aber geirrt, unter anderem auch darin, wenn er immer wieder meint, die Einsicht in die existenzialistische Einsamkeit und die Notwendigkeit, sein eigenes gottloses Projekt zu machen wirke als Terror – obwohl sie für den Konsumtrottel überhaupt nicht terrorisierend wirkt und gar nicht irgendwie anstrengend. Ich weiß nicht, ob die mit dem Schluss von den Fliegen überhaupt irgendwas anfangen können. „Als er France-Inter einschaltete, stieß er auf eine Sendung, in der die kulturellen Ereignisse der Woche zerpflückt wurden. Die kommentierenden Kritiker prusteten los, ihr dummes Geschwätz und ihr lautes Gelächter waren unglaublich ordinär. France-Musique sendete eine italienische Oper, deren hochtrabende, gekünstelte Brillanz ihm sehr bald auf die Nerven ging. Er fragte sich flüchtig, was ihn dazu veranlasst hatte, sich auf eine künstlerische Darstellung der Welt einzulassen oder zu glauben, dass eine künstlerische Darstellung der Welt überhaupt möglich sei; die Welt war alles andere als ein Gegenstand künstlerischer Emotionen, die Welt stellte sich eindeutig als ein rationaler Bezugsrahmen ohne jede Magie und ohne besonderes Interesse dar“ (so die Einsicht, die Karte und Gebiet beschließt). Das ist eigentlich was viel Schlimmeres als jeder mögliche existenzialistische Ekel. Es formuliert einen handfesten Grund für den künstlerischen und philosophischen Welterheller, sich von vornherein eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Houellebecq beschreibt eine einigermaßen lieblose Welt. Das Problem ist dabei, dass in dieser Welt aber eben gar nicht so viel Liebe vorhanden ist. Authentische Künstler wie van Gogh haben die Welt und die Dinge geliebt. Kunsthändler lieben van Gogh in erster Linie dann, wenn sie ihn verkaufen können; Kunstkritiker, wenn sie wichtigtuerische Kunstkritiken über van Gogh schreiben können, nachdem man ihnen erklärt hat, worum es bei van Gogh eigentlich geht etc. Houellebecq liebt, wie man sieht, die Dinge, die Welt liebt er nicht: Also passt er gut in die heutige Welt, und kann sinnvolle Aussagen über sie machen, und die Zeichen der Zeit so gut feststellen. Es ist in der Tat eine ein wenig lieblose Welt. „Ich weiß, was man tun muss, um als nett zu gelten, ich bin nicht blöd. Aber ich habe keine Lust darauf. Ich habe viel zur heutigen Gesellschaft gesagt, und im Grunde habe ich die Nase voll von ihr.“ (Gespräch mit Gilles Martin-Chauffier und Jérome Béglé, Ich habe einen Traum. Neue Interventionen, 2010, S. 87) Ja, das hat schon was für sich, von der heutigen Gesellschaft die Nase voll zu haben. Aber scheiß drauf, noch ein paar Zitate:

„Ich persönlich bin allerdings von Grund auf a-religiös, obwohl ich mir der Notwendigkeit einer religiösen Dimension schmerzlich bewusst bin. Das Problem ist, dass sich keine der heutigen Religionen mit dem allgemeinen Erkenntnisstand verträgt. Was wir bräuchten, ist geradezu eine neue Ontologie. Diese Probleme mögen übertrieben intellektuell erscheinen. Ich glaube jedoch, dass sie in zunehmendem Maße außerordentlich konkrete Auswirkungen haben werden. Wenn in dieser Hinsicht nichts passiert, hat die westliche Kultur meiner Meinung nach keine Chance.“

(Gespräch mit Valère Staraselksi, 1996; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 89)

„Wenn es heute jemandem gelingen sollte, einen sowohl ehrlichen als auch positiven Diskurs zu entwickeln, wird er den Lauf der Welt verändern.“

(Gespräch mit Sabine Audrerie, 1997; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 83)

Und, aber siehe da! Wenn wir uns das mal so überlegen wollen und so betrachten, und alle Mieselsüchtigkeit, vor allem jene, die in den Romanen Houellebecqs vorkommt, mal beseitelassen wollen, so werden wir uns plötzlich sehr schnell klar, dass wir ja eh die ganze Zeit über schon in herrlichen, aufregenden Zeiten leben! Auch wenn die Kunst möglicherweise gerade keine so gute Phase durchmacht, explodiert das Wissen und es explodieren die (Sozial)wissenschaften und unsere Kenntnis und unsere Einsichtsfähigkeit in die Welt. Vielleicht zum ersten Mal erscheint ein globales Verständnis möglich und ein globaler Intellekt, und ein globalisiertes Empfindungsvermögen! Da gab es also die Moderne mit ihren großen Erzählungen, dann die Subversion der großen Erzählungen durch die bunte, gescheckte, verspielte, ironische Postmoderne, die auf der Rückseite ihrer Medaille eventuell eine kraftlose Uneindeutigkeit und mangelnde Originalität und (Willen zur) schöpferischen Kraft trägt, sich ihres Ablaufdatums aber implizit gewiss: Dann sollten wir da haben, die Ersetzung der großen modernen Erzählungen und ihrer ironischen postmodernen Subversion durch die Schaffung des Großen Bewusstseins! Bewusstsein entsteht durch die empathische Einsicht in die Vielfältigkeit und in die möglichen verborgenen Dimensionen einer Sache. Die Vielfältigkeit liegt klar zutage, das Gemengelage an Theorien außerdem: Lasst und also fortwährend lernen, es zu beherrschen durch Bewusstsein, also einer nicht starren, sondern flexiblen, fluiden und komplexen Intelligenz! Der Absolute Geist in seiner absoluten Form wird keine Philosophie mehr sein, sondern ein Bewusstsein über alle Philosophien etc. Als Ontologie nehmen wir den Chaosmos an und – aber hier bricht der Text einstweilen ab. Die Dialektik von thetischer Moderne und antithetischer Postmoderne soll ihre Synthese finden in dem äußert kraftvollen, die Dinge ergreifenden Großen Bewusstsein! Das sei der Geist des 21. Jahrhunderts. Das Große Bewusstsein! Das Große Bewusstsein! Das Gro-

 

— und die Welt ist sowieso offen, sehr offen; und ihre Wunden sind offen, sehr offen; dann gibt es die Permanenz des Klassenkampfes, die Refeudalisierung der Welt etc. Dagegen kann man sich schon sinnvoll einbringen; und der deutsche Industrieländer Weidner, der ein neues kosmopolitisches Denken fordert, berichtet von seinem Kulturschock bzgl. seiner arabischen Dichterfreunde, für die „die Aura das Dichtertums so groß war, dass jede wirtschaftliche Vernunft an ihr zunichte wurde. Sie verschuldeten sich, halfen einander, beherbergten sich wechselseitig, liehen sich Geld und bildeten eine Art poetischen Bettelorden. Anders hätten sie kaum überleben können. Als namenlose arabische Dichter wären sie ohne ihren fanatischen Glauben an die Literatur nichts gewesen. Der aber gab ihnen, was ich in meinem Umfeld vermisste: die Überzeugung, noch etwas Relevantes zu tun zu haben, sagen zu können, sagen zu müssen. Sie hatten noch echte Anliegen, und von der seltsamen Übersättigung, die meiner Generation so oft den Wind aus den Segeln genommen hatte, war bei ihnen nichts zu spüren. Während hierzulande selbst widerspenstige Intellektuelle und Schriftsteller bald vom System vereinnahmt und integriert werden, war in der Heimat meiner arabischen Freunde jede Kritik ein sinnvoller, oft unfreiwillig provokanter Akt. Das gab ihrem Tun einen Wert. Man musste sich fragen, ob der Westen nach Gott und allem sonstigen Glauben am Ende auch den an Kunst und Literatur, wenn nicht an die intellektuelle Betätigung insgesamt entwertet und in die Isolierstation eines selbstgenügsamen Kultur- und Universitätsbetriebes abgeschoben hatte.“ (Stefan Weidner: Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken, 2018, S. 16f.) Siehe da, von den Arabern und Persern (von denen, ausnahmsweise, seit Jahrhunderten wirklich gute und fundamentale Poesie kommt) gehen möglicherweise die entscheidenden Impulse für die neue geistige Weltordnung aus! Von den von Houellebecq so sträflich vernachlässigten Morgenländern! Hahahaha!

Am Ende habe ich mich verrechnet

wahrscheinlich im eigenen Größenwahn verrechnet hat er gesagt

ich verstehe die Zeichen der Zeit nicht mehr

die Zeichen der Zeit versteht niemand

Thomas Bernhard, Heldenplatz

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Was mich anlangt, bin ich ein intellektuell/kreativ/spirituell sehr hochstehendes Genie, im Gegensatz zu Michel Houellebecq sind aber fast alle meine Sachen komplette Misserfolge; was für mich aber verkraftbar ist und kein Grund, den Laden dichtzumachen, da es sich bei fast allen meinen Sachen um bedeutende Schöpfungen handelt und ich daher – mit Michel Houellebecq, wie er es in Unterwerfung formuliert hat, gesprochen – zumindest teilweise in der Sphäre der Ideale lebe, der Invarianten und des Absoluten. Mit dem Unterleib wandle ich freilich durch diese Zeit, mit dem darüber, also der der Geistigkeit zugerechneten Leiblichkeit, bin ich aber bereits im Kontinuum und dort ficht mich nichts mehr an. Das ergibt dann einen Bodhisattva. Also sollte es von Interesse sein, wie meine Wenigkeit wohl die Zeichen der Zeit feststellt. Tatsächlich ist eine Frage, die mich bekanntermaßen permanent beschäftigt, wie man wohl diese Zeit – und alle Zeiten – feststellen kann; außerdem, wie heute Kunst möglich sein kann und wie Kunst heute aussehen kann. Meine künstlerischen Erzeugnisse sind ja immer von der Frage geleitet, wie Kunst heute möglich sein kann und wie eine solche Kunst aussehen könnte. Was meinen Geist anlangt, so steht er, soweit ich feststellen kann, an der Spitze des gegenwärtigen Wissens (soweit ich feststellen kann, sogar an der absoluten Spitze des gegenwärtigen Wissens und der menschenmöglichen geistigen Flexibilität und Einsichtsfähigkeit). Was stelle ich also hinsichtlich der Zeichen der Zeit fest? – Leider ist es so, dass von einer solchen Aussichtsplattform aus die Manifestationen des Gesellschaftlichen vor lauter analytischer Fähigkeit scheinbar in lauter sinnlose Einzelphänomene zerfallen, die ich obendrein, aufgrund ihrer Beschränktheit, sowieso nicht so ganz ernstnehmen kann (obwohl ich sie gleichzeitig extrem ernst nehme). Darüber hinaus ist mir bewusst, dass aufgrund der Tiefe der Welt und der verschlossenen Türen, hinter denen beschlossen wird, mein Wissen in den derzeitigen Gang der Welt beschränkt ist, und sollte auch nur ein Mosaikstein in der Gesamtansicht fehlen, kann es ohne Weiteres so sein, dass man sich in Spekulationen ergeht, die zwar interessant und raffiniert sein mögen, aber fehlgeleitet. Welche Abstraktionen und Synthesen soll man also bilden, was soll man als neuralgische Punkte ausfindig machen, wie Houellebecq das so gut kann? Wie die Arena begrenzten, wenn das begrenzende Rund der Abstraktion und der Synthese, der Ebene, des Plateaus, vor meinem inneren Auge eine geschwungene Kurve ist, die aus dem Unbestimmten kommt und sich ins Unbestimmte verliert? Ja, das ist schon eine verdammt gute Frage! In meinem Kopf finden ungeheure Dinge statt und findet (im Gegensatz eben zur gesellschaftlichen Wirklichkeit) die permanente Revolution statt und vor meinem geistigen Auge sehe ich Universen entstehen und vergehen – das nicht, weil ich das notwendigerweise (in dieser Form) so angestrebt habe, sondern weil es eben mittlerweile so ist. Da ich milde und allesverstehend und ohne ausgeprägtes Selbst bin und keine Komplexe oder Neurosen habe, fühle ich mich allen gesellschaftlichen Manifestationen und Problemen gleich verwandt und mich gleichermaßen von ihnen verschieden. So gesehen ist es vielleicht gar nicht meine Aufgabe, konkrete neuralgische Punkte der Gegenwart zu benennen, sondern die Möglichkeit eines vollständig klaren und geordneten Geistes anzuzeigen, mit dem man Probleme bestmöglich lösen kann. Das Problem meiner Romane war das der menschlichen Ipseität und der Gefängnishaftigkeit der menschlichen Subjektivität und der Möglichkeit ihrer Überwindung durch die Öffnung hin in Geist, Seele und Moral. Damit habe ich, soweit ich feststellen kann, in einer, zwei genialen Gesten das tiefste Problem behandelt, was man mittels des Romans überhaupt behandeln kann (mit der eigenartigen Nebenwirkung, dass meine Tätigkeiten und Möglichkeiten als Romancier damit schon wieder, zumindest für längere Sicht, beendet sind, bevor sie überhaupt erst richtig angefangen haben). Das mit dem Bodhisattva ist nicht schlecht – es ist sogar sehr gut, zumindest für andere – und es ist letztendlich Schicksal. Die Spitze des gegenwärtigen Wissens und der menschenmöglichen geistigen Flexibilität und Einsichtsfähigkeit bedeutet: die Möglichkeit eines absoluten Außens gegenüber den relativen oder zeitbezogenen Phänomenen anzeigen zu können. Davon soll in den folgenden Betrachtungen zu Kierkegaard noch eingehender die Rede sein, gemeint ist damit die Aufzeigung des Menschenmöglichen jenseits des Menschenmöglichen. Dazu noch mehr. Das Gute an der Herstellung des Außen ist, dass es (über den avantgardistischen Sinn noch hinaus) Herstellung von Bereichen und Bezirken meint, die von den Apparaten nicht kolonialisiert werden können. Das weniger Angenehme ist, dass ein Dialog mit der Gegenwart von Seiten der Gegenwart nicht wirklich stattfinden wird, da es sich in keine gegenwärtigen Diskurse einordnet. Ein Buch, das nicht erfolgreich ist, gibt einem keine Sicherheit, gesteht Krishnamurti. Mein ganzes Werk, und welchen Sinn er überhaupt hat oder haben kann, ist kaum festgestellt, und gibt mir daher auch nur eine teilweise Sicherheit. Aufgabe der Kunst, so Kandinsky (vor einem Jahrhundert), ist spirituelle Erneuerung. Das hört sich heute möglicherweise sehr abgeschmackt und unglaubwürdig an, aber im Alter hat der allmächtige David Bowie, der das Leben so umfangreich durchmessen hat, Bilanz gezogen und gemeint: Wenn er nochmal von vorne beginnen könnte, würde er ein spirituelleres Leben versuchen zu leben (ein Mönch werden, der allerdings Gitarre spielt). Spiritualität ist das intensive Eindringen in die Materie mit Geist, Körper und Seele, und ein intensiverer, intuitiverer Bezug zu den Dingen. Hale sagt auch, die Aufgabe des literarischen Genies ist spirituelle Erneuerung. Aufgrund seines extremen Individualismus sei das literarische Genie in der Lage, zu authentischen menschlichen Werten vorzudringen, was allerdings wiederum damit im Zusammenhang steht, dass das literarische Genie im Wesentlichen ein Einzelgänger bleibt. „Das Leben eines Einzelgängers ist voller Schrecken“, so Agnes Martin. Der schreckliche Einzelgänger Bayer hat zwar melden lassen, die Kunst/Wissenschaft/Philosophie/Religion etc. pp sei ein Scheißdreck, er hat aber nicht erwähnt, der Absolute Geist in seiner absoluten Form (dessen Herstellung ich anstrebe) sei ein Scheißdreck. Davon hat er nichts gewusst und das war seinem Zeitalter noch deutlich zu hoch. Aber die Zeit des Absoluten Geistes in seiner absoluten Form wird und muss kommen. Meine Bücher und Schriften und mein Geist sind noch kaum festgestellt und bringen mir zur Zeit in erster Linie Unglück im Leben. Jetzt sehe ich aber schon wieder herrliche Formen und aufschießende Ekstasen vor mir, wenn ich mir z. B. den uninterpretierbaren Traum zu vergegenwärtigen suche, eine Art aufschießenden, dynamischen spirituellen Kelch formend. Dominika hat in ihrer Besprechung zum uninterpretierbaren Traum gemeint: „Gut möglich, dass diese blitzgescheite Manie dem Mysterium des Seins am ehesten gerecht wird.“ Sollte ich also tatsächlich eine Kunst geschaffen haben, die dem Mysterium des Seins am ehesten gerecht wird, ist mir der ewige Ruhm natürlich sicher (außer viel intelligentere Roboter übernehmen noch in diesem Jahrhundert die Macht (wie von Houellebecq ja bereits im letzten Jahrhundert in seiner unnachahmlichen Weise vorausschauend angedeutet); dann ist das natürlich hinfällig, oder das, worum ich mich so intensiv bemüht habe und wofür ich so stark gelitten habe und so viel einstecken musste, für die Roboter der nahen Zukunft mit einem IQ von 400 bestenfalls eine interessante Kuriosität).

 

(13. – 17. Februar 2019; im Übrigen habe ich die Aufgabe, das Material vollkommen elegant anzuordnen, nicht ganz gelöst, aber Sprunghaftigkeit bildet ja auch Denken und Welt ab, mag man sich also beruhigen)

Michel Houellebecq and Arthur Schopenhauer and the True Artist

In his pequeno pero valiente book/essay about why Schopenhauer means so much to him, Michel Houellebecq refers to the Sage of Frankfurt as concerns the true center of art and the true center of artistic intuition. The true center of art and of artistic intuition is the individual that is able to observe and to contemplate the world and the various manifestations of the world as something per se and irrespective of the gravitational pull that is exercised via the subjective will – or, as we may say today, via the ego. The true artist is someone that has kept up the ability of a genuine, naive and innocent and direct observation and contemplation, that, apart from that, „only occurs in childhood, in madness and within dreams“. Contrary to others that may primarily strive for art as a strive for money, power or self-expression or self-expression of their innate talent and desire to enter worldly systems of circulation, the genuine artist´s primary concern would not even be to create art, but to be left in his intellectual-sensual trance and his dream-like and otherworldly immersion into the world (as it gets mirrored via his mind). Such an ability, a capacity of otherworldly immersion into the world, is, more or less, innate and does not occur often. By contrast, people of this world aren´t prone to establish connections between things per se via contemplation; when they observe something, they´re eager to subordinate it to their subjective will, or, if they´re intellectuals, to subordinate it to their existing concepts. They strive for subordinating observations to their concepts like a tired man strives for a chair, and when they aren´t able to subordinate an observation to their existing concepts, they lose interest in the observation. This explains, says Houellebecq, why good art criticism is a rare as good art: because, says Schopenhauer, almost all people want something, and because of this they already want too much; the one that will truly win the victory in the end will be the (apparently) unmotivated loser that is primarily motivated in cultivating his strange and unproductive ways of thinking. Mediate about that (and never underestimate Michel Houellebecq and his capacity for genuine and unexpected insights).

Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse

Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse ist die letzte Erzählung von Franz Kafka, geschrieben im Vollbesitz der geistigen Kräfte und bei hinfälligem Körper und wird somit zu Recht undoder Unrecht als eine Art Lebensbilanz Kafkas angesehen. Es geht darin, einmal mehr, um das Verhältnis des Künstlers zum menschlichen Kollektiv. Ob Josefine, die Sängerin an sich große Künstlerin oder Dilettantin ist, bleibt ungeklärt; sie selbst empfindet ihren Beitrag als wichtig und bedeutend für das Glück ihres Volkes. Das Volk der Mäuse genießt ihre Kunst, obwohl es „unmusikalisch“ ist und in erster Linie „praktisch veranlagt“ (daher auch die „praktische“ Veranlagung am meisten schätzt) – im Gegensatz zu der eben künstlerisch veranlagten Josefine oder dem (mangels Alternativen) zum Hungerkünstler disponierten Hungerkünstler aus demselben Erzählband. Inwieweit die jeweiligen Lebenssphären von Josefine und denen des Volkes der Mäuse sich überschneiden; ob sie das erheblich tun oder praktisch überhaupt nicht; ob man im Kollektiv zusammenlebt oder einzeln aneinander vorbei; inwieweit das Kollektiv mächtig ist und unsterblich gegenüber dem Einzelnen oder der herausragende Einzelne mächtig und unsterblich ist gegenüber dem Kollektiv – sind Fragen der Perspektive oder, intellektuell betrachtet, verfluchte Rätsel, die niemand lösen kann, und die Größe und transzendente Intelligenz von Franz Kafka besteht eben darin, dass, mit höchster geistiger Klarheit betrachtet, die menschlichen Verhältnisse eben letztendlich permanent unklar erscheinen und vage und ohne rechte Kontur, was dann bisweilen, oder dauernd, Energien freisetzen mag, die man zu Recht undoder Unrecht als irrational bezeichnen kann. Die dahinscheidende Josefine wird aber auf jeden Fall mehr und mehr abbauen und letztendlich „fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder.“ Eine Welle, die von unendlichen Meer ans Land gespült wird und dann wieder, zurückgenommen, sich indifferent in diesem verliert. Das ist der Ausgang zu den Sphären. Und das sei die Geschichte der Josefine, wie auch des Volkes der Mäuse.

In meinen sensationellen, erhellenden Betrachtungen zu Franz Kafka habe ich darüber ruminiert, ob Franz Kafka an einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung gelitten haben könnte. Ein endgültiges Urteil aber vermieden, da es Gründe gibt, die dafür sprechen, ebenso wie auch ein paar, die scheinbar dagegen sprechen; insgesamt aber, da das gar nicht angeht, jemanden ohne eingehende Untersuchungen und längere Beobachtungen ein solches Etikett anzuhängen. Bei aller Fragilität war Kafka auch wieder sehr robust, bei aller Unsicherheit und Gehemmtheit war er im Umgang mit anderen auch wieder kraftvoll und authentisch etc. Seine Gehemmtheit gegenüber Frauen (mit der Ausnahme der authentischen und transparenten Dora Diamant) hat Milena Jesenska im Nachhinein als „richtig“ betrachtet, da die Liebe ja auch tatsächlich riskant ist. Wenn man ein radikaler intellektueller und seelischer Außenseiter ist wie Kafka, oder, allgemeiner gefasst, wenn man ein Einzelner ist gegenüber dem Kollektiv, ist (zumindest eine gewisse) Angsterfülltheit und Paranoia gegenüber dem Sozialen berechtigt und nicht notwendigerweise ein Zeichen von Krankheit, sondern eine realistische Vergegenwärtigung seiner, und der allgemeinen, Situation. Wenn man ein Mensch ist, kann man das Dasein unheimlich finden etc. Ob Kafka, seinem Wesen nach, krank war oder extrem gesund, abnormal oder hypernormal, erscheint als ein weiteres verfluchtes Rätsel, das niemand lösen kann.

Gesundheit und Krankheit, Wahnsinn und Luzidität, verzerrte Wahrnehmung und Schärfe der Einsicht können natürlich auch gemeinsam bestehen, oder sich gegenseitig bedingen oder aufeinander verweisen; und eine Persönlichkeitsstörung bedeutet, dass man weder tatsächlich verrückt ist, aber auch gar nicht normal, sondern man ist (hinsichtlich gewisser Emotionen und seiner Möglichkeiten, sie zu regulieren) partiell verrückt bzw. eingeschränkt. Nehmen wir Kafkas seltsamstes Vermächtnis her: Seine Aufforderung an seinen Freund Brod sein Werk und seinen Nachlass nach seinem Tod zu vernichten, um „in gesteigerter Erlösung vergessen zu sein wie alle seine Brüder“. Der immensen Bedeutung und des immensen Wertes seines Werkes war sich Kafka durchaus bewusst, und von Brod wie von allen anderen, auf deren Urteil grundsätzlich Verlass war, wurde er in seinem Genie permanent bestätigt und bekniet. „Die ungeheure Welt, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien ohne zu zerreißen. Und tausendmal lieber zerreißen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar“, vertraut er seinem Tagebuch 1913 an. Ja, warum also will er sie denn dann begraben, nachdem er sie aus sich so triumphierend befreit hat? Also hat man auch versucht, das Testament von Kafka als eine Art Trick anzusehen, mit dem Kafka sich und seinem Werk vielleicht eine Art bizarre Absolution verschaffen wollte (insofern Brod Kafka zeit seines Lebens sehr deutlich gemacht hat, dass er einem solchen letzten Willen, Kafkas Nachlass zu vernichten keineswegs Folge leisten werde sondern im Gegenteil alles daran setzen werde, es zu veröffentlichen). Allerdings ein sehr umständlicher Trick, der Freund Brod zudem notwendigerweise ins Unrecht setzt, egal was er tut, und auch ein Trick, der nach hinten losgehen hätte können, wenn Brod den Nachlass eben tatsächlich vernichtet hätte. Außerdem hat Kafka einiges von seinem Werk vor seinem Tod tatsächlich verbrannt, von dem Brod gemeint hat, es wären alles andere als Kleinigkeiten gewesen; der Verdacht ist insgesamt der, dass Kafka seinen letzten Willen auch genauso gemeint hat, wie er ihn formuliert hat. Ein wahnsinniger letzter Wille also! Wenn man keine rationale Erklärung für ein menschliches Verhalten findet, kann man letztendlich eben auch davon ausgehen, dass es irrational oder wahnsinnig ist. Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeiten sind von einem emotionalen Wahn besessen, sich minderwertig zu fühlen und dem Kollektiv nicht angehören zu dürfen, bei gleichzeitiger möglicher intellektueller Einsicht, dass das tatsächlich gar nicht der Fall sein muss. Ein narzisstischer Kerl wie Trump „weiß“ auch, dass er kein Superheld mit übernatürlichen Fähigkeiten ist (wenn er das tatsächlich glauben würde, wäre er ja tatsächlich verrückt und ein Fall für die Klapse), aber er schwelgt permanent in Phantasien, wo er etwas dergleichen ist. Alles andere als eine permanente, hypertrophe Selbstaufwertung ist für den pathologischen Narzissten emotional unerträglich. Und alles andere als eine permanente, hypertrophe Selbstabwertung ist für den Selbstunsicher-vermeidenden emotional unerträglich, auch wenn er gleichzeitig bei durchaus klarem Verstand ist und sich der Irrationalität seiner Emotionen auch durchaus bewusst sein mag. So betrachtet scheint Kafka recht definitiv an einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung gelitten zu haben.

Aufgrund seine Genies war Kafka in der Lage, seine Krankheit in eine große Gesundheit zu transformieren; seine Situation der ängstlichen Verlassenheit in die Darstellung einer menschlichen Grundsituation von höchster Allgemeingültigkeit zu reflektieren, aus seiner Konfusion über das diffuse Dasein zu einer Vision zu gelangen, die man in einer solchen Exaktheit in der Literatur des 20. Jahrhunderts sonst nur bei Beckett hat etc. Und schon beschleicht mich die Ahnung, dass sein letztes literarisches Wort, das vom Eingehen von Josefine in die gesteigerte Erlöstheit des Vergessens nach ihrem Tod, etwas in Wirklichkeit sehr Angenehmes und Natürliches hat. Was als übergeschnappter Kontrapunkt gegenüber dem offensichtlich sehr ausgeprägten Geltungsbedürfnis so einiger Leute erscheinen mag, die sich auf den Friedhöfen sündteure und protzige Grabanlagen hinbauen lassen, obwohl sie keinesfalls prominent waren, und auch eine komische Verneinung gegenüber dem natürlichen und unschuldigen Wunsch des Menschen, im Leben eine Rolle gespielt zu haben, kann man das auch als die unmittelbare Einsicht in die Natur des ewigen Friedens ansehen. Nach seinem Tod, in gesteigerter Erlösung, nicht „unsterblich“ werden, sondern in die Vergessenheit eingehen! Was für ein (wunderbar) Ding. Man hat seine Schulden abbezahlt und ist eins mit dem Gesetz des Universums, dem der Zunahme der Entropie. Der Ozean spült neue Kräuselungen, für einen Moment, ans Land, die wieder indifferent in ihn zurückgenommen werden, man geht heim in den Ozean; bis auch schließlich der Ozean verdampft, aufgrund des Todes der Sonne. Vollständig unterschreiben kann ich diese Vision nicht, denn es befördert das Glück der Menschheit nicht, wenn man nichts getan hat, wofür man nach seinem Dahinscheiden in Erinnerung bleibt, aber schon verliert sich auch das Festhalten an dieser Vision wieder ein wenig, etwas anderes tritt vor meinen Geist, eine Kuh! nein, ein Schwein!; einstweilen geht das Leben eben noch weiter, zumindest meines.

Another Note about Dichterwahnsinn

Badiou also says that poetry is something that discovers infinite power and potential within language, a ressource of power that is infinite and transcends and shatters any possible contour. I have spoken about the necessity to gain access to the „deep structure“ of literature – which means: the Experimentierfeld ihrer Möglichkeiten (the field of experimentation concerning all the possibilities inherent in literature) – that is the „deep structure“ of literature!  As is also widely known, my approach to literature has strong affinity with the associative and paradoxical logic of dreams. Freud, if I am correct, says that poetry/literature and dreams are practically identical. If we take this together you easily sense that literature and poetry and art is something that is inherently abysmal. That is good, because it negates gravity (as concerns the usual experience) and makes you levitate and drift; that is bad because it negates gravity (as concerns the usual experience) because boundary and solidity evaporate and you´re in a free fall (with the prospect of a probably devastating landing as it suddenly obviously affirms gravity). There is nothing that seems truly solid and secure when you do poetry. You´re easily disoriented and you´re alone. Therein, poetry again resembles madness and you again approach so-called Dichterwahnsinn. Wahnsinn means incoherent identity of signifier and signified and the enterprise of poetry – i.e. to extend the relationship between the signifier and the signified – makes you easily feel revoving between super-sanity and insanity. Art and poetry are subjective truths. If the subjective truth becomes of objective importance, the artwork finds solidity in itself and it is ereted by its own inner strength and stability. The romantic content becomes classic. The romantic aspect means abysmal depth, infinite passion and infinite jest; the classic aspect means pacification of passion, staring into a flat, tamed abyss with tranquil eye, the Apollonian. The romantic content and style becomes a new classicism, in the case of success. End of story.

If we take this to further extremes you may again remember Kafka who, at some point of his career, said that he wouldn´t be interested in mastering poetry and achieving some ideal of classicist mastery over literature and art anymore, but that his sole interest would be to lift „the world into the pure, the real and the  invariable“ („die Welt ins Reine, Wahre, Unveränderliche zu heben“). Indeed, that is the end beyond the (classicist) end of art and any intellectual and spiritual endeavour. Some people, including Kafka, are able to achieve such a state of mind, that is commonly referred to as Satori or the transition/transgression of the (fundamental) phantasma. Rumi says that for him that seeks God, it is impossible to find God. Since in the moment you find God, you will lose yourself in God. Like a river that enters the ocean. Or grain in the soil that becomes a plant. Correspondingly, if you lift the world into the pure, the real and the invariable, you will get „lost“ into the world, a swimmer in the world ocean (who is, however, not incompetend or crazy, but able to swim), the poet´s frenzy/insanity turns into super sanity. The contours of the world and the contour of your subjectivity become the same. And that is what you have in the works of Kafka. Since the world is, to a considerable degree, mad and helpless, you will become, to some considerable degree, mad and helpless as well. From frenzy there is no absolute escape since it is an inherent aspect of the world. However, there is a considerable difference between super sanity and insanity. I wish you a Merry Christmas, not least also to all the unbelievers.

 

Occasional Note about Dichterwahnsinn

Herman Bang: Stuck

Weil sie die Wahrheit nicht verstehen, müssen sie zur Lüge greifen! Weil ihr Hirn die Wahrheit nicht prozessieren kann, müssen sie sich mit der Lüge identifizieren! Ihre Herzen sind oftmals nicht rein, ihre Herzen stehen auf Kampf, sie wollen sich von der anderen Partei abgrenzen, und das machen sie, indem sie, so wie die andere Partei, zur Lüge greifen, wenn sie mit ihrer Wahrheit am Ende sind, an einen toten Punkt angelangt! Die Wolken ziehen hin, die Wolken ziehen her. D. schreibt etwas und die K. jubilieren: da hat man die Lüge, da hat man die Substanzlosigkeit! Eine Art Klammer öffnet sich jetzt, wenn ich das ansehe, und eröffnet eine gelbe Fläche, die einen tiefrosa Hintergrund überzieht. Ihre Herzen hingegen – wenn sie anders eingestellt sind als die Wirklichkeit: was machen sie dann? Sie greifen zur Lüge, weil ihre Herzen was anderes sagen, viele Menschen können mit ihren Hirnen dann gar nichts anderes machen, ihr Hirn gibt ihnen gar nicht mal die Idee ein, dass man es einsetzen kann: Weil sie ihr Hirn nicht einsetzen können und ihre Herzen verquer sind, müssen sie zur Lüge greifen! Weil ihre Herzen verliebt sind, sind sie genauso gut in die Lüge verliebt! Herz schrumpft zusammen, transformiert sich jetzt in eine kleine, verschrumpelte Erbse: die Seele, raganarauf die Trum, hinein in den Bang gegebenenfalls, am Schacht alles Otze, ich träume vom Regierungschef, der Regierungschef erscheint mir in einer weißen Halle, im höchsten Alter, es sei unerträglich heiß: er habe die Gerechtigkeit geliebt, und die Ungerechtigkeit gehasst – deswegen sterbe er in der Verbannung. In höchstem Alter ist der Regierungschef ein gebrochener Mann. Schnell weg, um die Ecke, was hat man d@———–__LOOOOOOO000Z%/_² €®mmm……undre genowindat, undre! Undre!! Ecken finde ich gut, ich muss jede Ecke berühren, doch was hat man um die Ecke? D. schreibt etwas, die K. springen auf und schreien: „begnadete Schriftstellerin!“ Da hat man die Substanzlosigkeit, wo man das hat, da hat man die Gottverlassenheit! Wir schweben in einem Gefährt aus goldenen Kugel, die Krümmung der Erde wird sichtbar. Am Ende der Gasse, um die Ecke, der Sack und das Ende des Sacks. Hier gibt es nichts mehr, hier ist das Ende allen Denkens. Umgekehrt, nach rammstein, wo ein Mensch brennt. Weil die Wahrheit zu komplex ist für sie, halten sie sich an der Lüge fest – überall. Mir fällt ein Stein vom Herzen. In ihren Herzen klammern sie sich an Zitate.

 Haben wir hier also den Versuch, die Grenzen der herkömmlichen Mitteilung zu erweitern. Grenzen erweitern, mitteilen, und neue Möglichkeiten der Mitteilung zu finden – das ist die gute Tätigkeit. Herman Bang starb seinerzeit arm auf einem Schiff, unter anderem weil er schwul war. „Stuck“ berichtet von der Welt als Fassade. Am Ende der „Optimismus“, dass das Leben weitergeht, nachdem die Pläne gescheitert sind und ein Verlustgeschäft waren. Wisse aber, die Lüge wird nicht dauern.

Michel Houellebecq und Virginie Despentes

Bei Houellebecq haben die Figuren, auch wenn sie katastrophal sein mögen, Gravität und seine Welt ist ernstzunehmend. Bei Despentes haben ihre Figuren keine Gravität und ihre Welt ist nicht ernstzunehmend. Die Welt, wie sie tatsächlich ist, ist eine eigenartige Mischung aus beidem. Bei Houellebecq hat man, obwohl keinen großen Intellektuellen, Genie, mithin die Fähigkeit, über die Beschränkungen der rein logischen Intelligenz zu tiefen, penetrierenden, authentischen Einsichten zu gelangen, beim literarischen Genie zumeist einen melancholischen Blick auf die Welt, auch wenn er oftmals sehr komisch sein kann, der beseelt, veredelt und Sinn verleiht (auch wenn es sich um die (Spiritualisierung der) Abwesenheit von Sinn handelt). Despentes ist eine oberflächliche Kuh, die nichts veredelt und die die Seele aus allem aushaucht. Aber finde ich ihr Motörhead T-Shirt gut, wenngleich ich mich hin und wieder frage, wie viel davon authentisch ist und wie viel davon PR; mich hin und wieder frage, würde ich jetzt aus der Hüfte schießen „Hey Virginie, findest du spontan so wie ich, dass „Sacrifice“ doch eine der besten Nummern von Motörhead sei?“, was würde sie da sagen, oder kennt sie das „Sacrifice“ Album eigentlich? Will ich nicht ausschließen, vielleicht kennt sie sogar das wenig bekannte aber goldige „Locomotive“, womöglich aber auch nicht, aber das ist ja auch nicht der Punkt – Lemmy wandelte nur mit Großmut und Edelsinn durch die Welt und er hat den Hardrock beseelt und spiritualisiert und ihm Sinn verliehen; einer innerlich verödeten, destruktiven Soziopathin wie Despentes ist das anzunehmenderweise zu hoch etc.

Betrachtungen zu Franz Kafka

Man meint, das Werk und die Person Franz Kafkas seien „ein ewiges Rätsel“, enigmatisch. Aber ich erinnere mich, eine, die Kafka persönlich gut gekannt hat, hat sinngemäß gemeint, Kafka wäre der einzige Mensch gewesen, der so gedacht habe, wie ein Mensch denken soll, und der so empfunden habe, wie ein Mensch empfinden soll. Wenn man jetzt der einzige Mensch ist, der so denkt, wie ein Mensch denken soll und der so empfindet, wie ein Mensch empfinden soll, was dann? Was bietet sich für eine Vision an, wenn man in die Welt blickt? Na, eine ins Alptraumhafte verschobene Welt, in der nie was am richtigen Platz ist und in der nichts so funktioniert, wie es funktionieren soll; wahrscheinlich auch ohne dass man zu einem guten Teil weiß oder es sich erklären kann, warum. Also in etwa die Vision der Welt, wie man sie bei Franz Kafka hat.

Man meint, dass Kafka hochgradig neurotisch war. Wenn man jetzt ganz allein ist, und zum Beispiel als Künstler um neue Ausdrucksmittel und um die Vertiefung seiner Vision ringt, man also etwas macht, von dem man es so erlebt, dass es ganz offensichtlich Sinn macht, man das aber nicht wirklich mitteilen kann, da die anderen das nicht wirklich verstehen, fallweise auch wenig über haben für den ganzen Tiefsinn, ergibt das leicht eine Kontakt- und Selbstbildstörung, die ohne Weiteres mit dem Erleben einer Neurose gleichgesetzt werden kann. Obwohl man in Wirklichkeit anti-neurotisch ist, so wie, wie Milena es so unnachahmlich gesagt hat, Kafka es war.

Milena Jesenská hat wörtlich geschrieben: „Ich glaube, dass wir alle, die ganze Welt und alle Menschen krank sind und er der einzige Gesunde und richtig Auffassende und richtig Fühlende und der einzige reine Mensch.“ Was, wenn der Kranke, wie der tyrannische Vater, scheinbar nur so strotzt vor Vitalität, und der Gesunde niedergedrückt wird? Eine unheimliche Welt. Und so war es bei Kafka. Um einen Kafka herum wird folgerichtig alles kafkaesk.

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Einer, der eine Lesung von Kafka besuchen wollte und es dann auch getan hat (Max Pulver), ist von einem anderen vorgewarnt worden: Der, dem man da begegnen werde, sei kein Poet, sondern etwas, das darüber hinausgehe: Kafka sei ein „Richter des inneren Menschen“. Gut gesagt hat das der andere, und man soll das im Leben somit so machen, dass man versucht, vor dem unfreiwilligen Richter, wie es Kafka war, bestehen zu können. Das ist, im Wesentlichen, der Sinn zwar nicht notwendigerweise des Lebens, aber des höheren Lebens. – Intellektuell vollständig vor Kafka bestehen zu können ist natürlich praktisch unmöglich, nur eine Handvoll Menschen pro Jahrhundert verfügt über entsprechende geistige und spirituelle Fähigkeiten, mithilfe derer man so was eventuell vermag. Wenn Ultraintelligente, in denen ein Herz geschlagen hat, wie Kafka, Beckett, Dostojewski, Shakespeare, Gogol ihren Blick auf die Menschheit gerichtet haben, in den Menschheitskessel geworfen haben, hat sich das, was sie zurückgeworfen haben, dann eben als bizarr, irritierend und befremdlich, beängstigend dargestellt; damit haben sie in den Institutionen wiederum Angst ausgelöst, vor dem Blick des inneren Richters. Oder eben vor dem Auge Gottes. Man kann nun aber versuchen, vor den kafkaesken Richter des inneren Menschen zu bestehen durch einen guten Charakter. Oder, da der Charakter das Schicksal ist, und wie es auch Immanuel gesagt hat: durch einen guten Willen, denn der Charakter ist unfrei aber der Wille ist frei, wie es Arthur ja auch begriffen hat. Sache des Unwissenden ist es, andere wegen seines Missgeschickes anzuklagen; Sache des Anfängers in der Weisheit, sich selbst anzuklagen; Sache des Weisen, weder einen anderen noch sich selbst anzuklagen, hat Epiktetus begriffen. Kafka hat alle und niemand angeklagt, einschließlich sich selbst. Handle stets so, als würde Epikur dich beobachten – also der Richter des inneren Menschen – war eine Maxime der Jünger Epikurs. Kann man auch sagen: Handle stets so, als würde Kafka dich beobachten. Der innere Richter ist also der Geist. Der Geist reicht über sich selbst hinaus, und je größer der Geist, desto mehr Verbindungen ermöglichen sich mit dem Außen (da das Außen ja auch, ihm gegenüber, vergleichsweise kleiner wird). Kann man also von außen diverse Verbindungen mit dem Kafkaschen Geist herstellen und versuchen, an ihn anzudocken und ihn sich begreiflich zu machen. Das wird hier im Folgenden versucht, ohne Anspruch auf vollständige objektive Richtigkeit oder ob Kafka seinen Geist auch so sehen würde. Da der Geist, und Kafkas Geist, so wie auch allgemein die Seele und die Kreativität, wenn sie das höchste Maß erreichen, vergleichsweise experimentell werden und sich ständig verändern und mannigfache Perspektiven auf sich selbst allein noch errichten, ist das auch in diesem Sinn in Ordnung. Man verlässt hier die Sphäre der Eindeutigkeiten und kommt in den Hyperraum, oder den Phasenraum, der die Menge aller möglichen Zustände eines dynamischen Systems beschreibt.

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Kafka und Beckett, die klügsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts (außerdem: Pessoa), haben vom höchsten Blickwinkel auf die Menschheit und auf die Welt geblickt, vom Standpunkt einer metaphysischen Abstraktion auf die Welt und auf die Menschenwelt. Sie haben das Leben insgesamt vom höchsten Standpunkt aus erfasst, dass ihre Sicht eine latent negative war, ist dagegen kein Einwand, da (unter Voraussetzung der Abwesenheit Gottes) der Verfall, das Chaos, die Zunahme von Entropie letztendlich überwiegt und auch dem Stolzesten letztendlich den Garaus bereitet. Kunst bedeutet ja nicht zuletzt, dass man schöne und geschmackvolle und erhellende und bedeutungsgeladene Bilder vom Chaos und dem Daseinsschaum malt: „Was im Leben uns verdrießt, man im Bilde gern genießt“ (Goethe). Kunst, so meint man, Wissenschaft und Philosophie haben allerdings auch inhärent den Anspruch, Sinn zu stiften und den Zusammenhang herzustellen – den guten Zusammenhang. Genauso wie es eine unmittelbare und physikalische Welt gibt, gibt es auch eine Sphäre und Welt der Werte, mehr oder weniger heraus aus dem die Tätigkeiten des Geistes stattfinden und wieder in ihn zurückführen sollen: So wünscht es der Geist, so wünscht es die Welt. Bei Kafka und Beckett hat man nicht unbedingt gute Zusammenhänge ausgesagt und beschrieben, so wie man bei Wittgenstein, dem seelenvollsten und profundesten Philosophen des 20. Jahrhunderts, keine ethischen Sätze hat und keine Moralphilosophie. Ich habe im Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken (beispielsweise) Kafka und Beckett als „Negativ-Buddhas“ bezeichnet, die das Samsara so vollständig beschrieben haben, dass es einem Anschauungs-Nirwana gleichkommt und ein solches ermöglicht; die Welt, die sie beschreiben, ist so in sich verbunden und von hoher Sensibilität, dass sie damit allerdings den Schatten des guten Zusammenhang und des sozialen und individuellen und moralischen Nirwana werfen. Wer fähig ist, die Welt so zu sehen – dass es einer erleuchteten Sicht und einem Satori gleichkommt – muss radikal gut sein. Und das waren Kafka und Beckett (und Wittgenstein) dann auch. Heilige des 20 Jahrhunderts, ziemlich Ich-los, ganz unnarzisstisch, couragiert und der Außenwelt radikal zugewandt. Es ist notwendig, das Werk von Kafka und Beckett (und Wittgenstein) gemeinsam mit ihrer Person zu betrachten. Dann ergibt sich der vollständige Buddha, der durch das Leiden hindurchgegangen ist und über seine moralische Kraft ein Exempel von universaler Bedeutung statuiert. Wittgenstein sagt, der Sinn lässt sich nicht sagen, er „zeige“ sich. So haben Kafka, Beckett, Wittgenstein die Moral nicht ausgesagt, sondern gezeigt, indem sie sie gelebt haben. Es ist sehr wichtig, das zu verstehen. Dein Leben hängt davon ab.

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Beckett war mir vor ein paar Jahren näher als Kafka, aufgrund seiner extrem in sich integrierten und in sich konsistenten und abstrakten metaphysischen Sicht, wie auch deswegen, dass seine Weltsicht angemessener erscheint, die Welt hat bei ihm zwar das Charisma einer gewissen Trostlosigkeit, allerdings innerhalb eines stabilen, erzenen, stählernen logischen Rahmens. Becketts Welt ist logisch. Bei Kafka hingegen hat die Welt ein Charisma, das nicht mehr absurd ist oder surreal (und schon gar nicht logisch), sondern bei Kafka erscheint der Weltzusammenhang als offen widersinnig. Kannst du das aushalten? Kannst du das unterschreiben? Habe ich nicht so gut gefunden damals, da die Welt ja dann doch wieder, insgesamt, nicht widersinnig ist. Ein paar Lebenserfahrungen später kann ich dem freilich dann doch mehr abgewinnen, wenngleich ihm letztendlich auch wieder nicht zustimmen. Cornel West sagt, Kafka sei der Dichter der Katastrophe, wo also ein Blickwinkel auf die Welt festgelegt wird über die Katastrophe und den traumatischen Einbruch in das Reale (oder des „Realen“, gemäß Lacan). Ja, es stimmt, einen solchen Scheinwerfer kann man auf die Welt halten um sie in einer neuen Art zu erhellen und Licht in die erkenntnismäßige Finsternis zu bringen. Ja, es stimmt, dass die Welt von bestimmten Blickwinkeln und Positionen aus betrachtet widersinnig ist. Und vor allem, dass Kafka die Welt halt mal so beschreibt, wie sie zu einem guten Teil ist und er die Menschen so beschreibt, wie sie zu einem guten Teil sind. Weiters habe ich damals das so gesehen, dass ein Merkmal von großer Kunst ist, dass „ständig etwas auf ihr heraustritt“ (seine eigene innere Dynamik bzw. als das Abbild des sprudelnden Geistes, der sie schafft). Bei Beckett hat man das Heraustreten seines Hypersubjektes aus sich selbst, indem es unbeirrt seine (paradoxen, aber in sich stimmigen) Bahnen zieht. Bei Kafka tritt ständig etwas in hoher Intensität heraus und fällt einen an. Bei Kafka hat man eine chaotische Energie, die in die beschriebene Welt einbricht, eine Art blindwütiges Wirken des wahnsinnigen Gottes Azathoth (möglicherweise). Eine dionysische Energie, die im Rahmen des Perzepts auf einen zuspringt – aufgehalten und apollinisch in Form gebracht durch die Klarheit und amtsstilmäßige Ebenmäßigkeit allerdings der Kafkaschen Prosa, die wie ein Holzverbau wirkt, der das Dionysische zurückhält. Ein fragiler allerdings, ein notdürftig errichteter, als solcher erscheinender. Weiters bei Kafka die Realität ist emergent, ständig treten Dinge aus ihr heraus, die Figuren erscheinen aus sich selbst heraus emergent, treten aus sich heraus, oder kommen nicht zur Ruhe, wirken in ihrem partiellen Aus-sich-heraus-Treten wie ein futuristisches Gemälde oder wie das „Pferd“ von Raymond Duchamp-Vallon, wenngleich es eher unangenehme Dinge sind, die heraus- und hervortreten. Nichts und niemand ist in sich selbst abgeschlossen und mit sich selbst ident. Unruhe, das. In sein Tagebuch schreibt Kafka, dass ihm Antithesen gar nicht liegen, weil da die Nuancen flöten gehen. So hat man bei ihm eine gegenseitig in sich verschwimmende Welt, und ein Schwimmen in der Welt (und geht entweder unter, versucht aber, das gelobte Land zu erreichen etc.) (und wo das urtümlich Element des Menschen das Schwimmen gar nicht ist, sondern auf Dauer eine Entfremdung und eine Anstrengung bedeutet). Wenn man jetzt der einzig richtig Auffassende und richtig Fühlende ist, wird dann also, über die Wahrnehmung der Welt, die Dummheit in ihr universell – wie soll sie dann aber adäquat festgestellt werden? Wo und wie verlaufen dann ihre Konturen? Und was kann man, als Einzelner, gegen sie machen, wenn man jetzt ein Einzelner sein soll, der jenseits der absurden Lebenswirklichkeit lebt, sich aber innerhalb dieser bewegen muss. Die höchste geistige Klarheit und innere Lauterkeit bringt es mit sich, dass man die Welt und die Menschenwelt als etwas Verschwimmendes, Opakes, Intransparentes sieht, da man ja klarerweise nie genau weiß, woran man mit den anderen ist. So baumelt einer wie Kafka zwischen zwei Sphären, die durch seinen Geist angezeigt werden: dem Richtigen und dem Falschen und oszilliert also in dem, was dazwischen liegt, dem Unentscheidbaren und Rätselhaften. Verschwimmen der Welt. Bei Beckett hat man eine apollinischere Sicht auf die Welt, bei Kafka eine dionysischere. Und was für einen Humor man bei Kafka und bei Beckett hat! Hochkomische Visionen! Ist alles ein Spiel, hat Beckett über den Sinn seiner Dichtung gesagt, wenn er, wie Kafka, überhaupt irgendwas dazu gesagt hat. Bei Kafka alles Klamauk, das meiste dabei „völlig misslungen“ (wie auch bei Beckett, gemäß seiner, dann allerdings weniger strengen bzw. rationaleren Selbsteinschätzung).

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„Ach, wie er litt. Schweigsam, linkisch, zart, verwundbar, verschüchtert wie ein Gymnasiast vor den Examinatoren, überzeugt von der Unmöglichkeit, die durch die Anpreisungen des Impresarios geweckten Erwartungen je zu erfüllen. Und überhaupt, wie hatte er nur einwilligen können, sich als Ware einem Käufer vorstellen zu lassen!“ – so Verleger Kurt Wolff in seinen Erinnerungen an Kafka. Bravo, so gehört es sich für einen Menschen der zehnten Stufe.

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„I never wish to be easily defined. I´d rather float over other people´s minds as something strictly fluid and non-perceivable; more like a transparent, paradoxically iridescent creature rather than an actual person.“ So Kafka angeblich in seinem Tagebuch (vom 23.3.1914), ohne dass ich das verifizieren konnte. Hat sich möglicherweise ein anderer ausgedacht, aber es ist eine gute Sache, die man voll unterschreiben kann! Manch einer versteht Kunst so, als dass sie „Ausdruck der Persönlichkeit“ sein soll. Ist sie aber nur teilweise, denn, neben dem subjektiven Ausdruck, ist Kunst im letzten Sinn das Ringen um die objektive Klarheit über die Welt (und damit der Wissenschaft ähnlich). Andere, bisweilen große Künstler oder eminente Gestalten wie Foucault wollen aus ihrem Leben ein Kunstwerk machen. Hat aber seine Grenzen, das; insofern uns zum Beispiel das Kunstwerk als was Gewordenes, Fertiges dünkt, als gefrorene Kreativität etc. Außerdem erscheinen beide Strategien so wichtigtuerisch und narzisstisch, und mögen daher von manchen instinktiv abgelehnt werden. Es geht bei ihnen um die Bestätigung der Persönlichkeit, und die Persönlichkeit ist das Böse (oder zumindest die Wurzel davon). Wieviel besser scheint es, eher so was wie ein Nebel zu sein, ein Feld, eine Aura, eine offene Verbindungsmöglichkeit, ein Kontinuum…. Marcel Duchamp, der Heilige Geist der Kunst im 20. Jahrhundert, hat gemeint, es sei ihm immer nur darum gegangen, von sich selbst wegzukommen. Das ist die letzte Essenz der Kunst, und von allem, und die Möglichkeit der Umrundung der Welt. Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. Soll heißen, sie ist unerschöpflich, und hält fraktalsmäßig die Unendlichkeit bereit. Etwas so Limitiertes wie die Persönlichkeit kann das nicht adäquat erfassen, nur der Nebel, der sich über Territorien legt. Diese paradoxe, fluide Kreatur…. Das ist eben das Zentrum der Kunst. So muss man sich das Zentrum der Kunst (und des Geistes) vorstellen.

„Life is merely terrible. I feel it as few others do. Often – and in my inmost self perhaps most all the time – I doubt whether I am a human being.“ So außerdem Kafka, ohne dass ich es verifizieren konnte. Aber auch das kenne ich.

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„Zu den Eigentümlichkeiten, die Kafka bis in seine letzten Jahre unverändert beibehielt, zählt sein diffuser Umgang mit Kritik. Es war unmöglich, mit ihm zu streiten, und selbst rücksichtslos vorgetragene Vorwürfe schienen ihn nicht wirklich zu treffen. Denn entweder gab er seinem Gegenüber Recht – das passierte immer wieder Brod, der hier absolut keinen Ansatzpunkt zur „Polemik“ fand –, oder er verteidigte sich mit einer so lauen und die eigenen Möglichkeiten sichtlich unterbietenden Weise, dass man nicht recht wusste, ob das nun Arroganz, Sturheit oder Schwäche war … So eloquent er die Anklageschrift gegen sich selbst zu formulieren wusste, so abwesend wirkte er, wenn es darum ging, die Verteidigung zu organisieren.“ (Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen, S. 285/6) – Bravo, so gehört es sich für einen Menschen der zehnten Stufe! Schizotpye, so habe ich mal gelesen, besäßen ein seltsam diffuses Ego. Die Instanz, wo das Ego seien sollte, mögen sie als vakant wahrnehmen beziehungsweise als etwas, das erst in der Zukunft mit irgendetwas Robustem, Soliden, Definitiven aufgefüllt werde. Schizotypie ist hauptsächlich bekannt als schizotypische Persönlichkeitsstörung, man sollte aber großzügiger sein und es als Bündel von Persönlichkeitseigenschaften auffassen, die im Spektrum harmlos bis psychotisch-schizophren auftreten können. Zu den Charakteristika von Schizotypie zählen: 1) Ungewöhnliches Denken, Erleben (das stark über das spontane Herstellen von (ungewöhnlichen oder scheinbar paradoxen) Assoziationen geprägt ist) 2) Kognitive Zerfahrenheit (spontanes, sprunghaftes, kreatives Denken bis hin zu desorganisiertem Denken und Ideenflucht) 3) Anhedonie (verminderte Fähigkeit (innerhalb gewöhnlicher Situationen) Freude zu empfinden) 4) Arousal und Erregbarkeit (Erlebnisse und Reize, die von anderen als trivial angesehen werden, erregen und beschäftigen den Schizotypen immer wieder ungewöhnlich intensiv, was von außen als Sensibilität, Nervosität und Grübelzwang wahrgenommen werden mag) 5) Nonkonformismus (intellektuell wie emotional, als Verhalten, das mit der Umgebung und den sozialen Konventionen nicht in Einklang steht). In extremer Ausprägung bedeuten diese Eigenschaften Schizophrenie und Krankheit. In gesunder Ausprägung sind sie wohl das Ferment für Kreativität und auch die ungewöhnliche persönliche Autonomie und Unabhängigkeit sowie auch für die transparente Persönlichkeit des genialen Menschen. Genies scheinen meistens gesunde Schizotype zu sein. In einem Beitrag, in dem das schizotype Ego dem Ego des Psychopathen gegenübergestellt wird, wird illustriert, dass der „Psychopath“ verschiedene, relativ unverbundene scheinbar „harte“ und „robuste“ Ego-Kerne hat, so wie er auch andere Menschen als von ihm sehr abgetrennt und verschieden wahrnimmt. So ist es ihm auch möglich, unterschiedliche Rollen überzeugend zu spielen, um andere schamlos zu manipulieren. Der Schizotype hingegen habe ein nebelhaftes Ego, wenig robust, und in dem alles mit allem als verbunden erlebt wird. Somit werden auch die Mitmenschen als mit ihm vergleichsweise verbunden und wenig von ihm abgetrennt erlebt, und es ist dem Schizotypen schwer möglich, andere in dem Sinn zu manipulieren, indem er sich schlecht verstellen kann, abgesehen davon, dass er gar kein Interesse daran hat. Der Schizotype spielt keine Rolle, hat nicht einmal einen konturierten Sinn für die eigene Persönlichkeit, sondern ist immer nur das, was er eben ist. Damit kann man auch sagen, dass nicht der scheinbar robuste „Psychopath“ sondern der Schizotype das höchste Maß an psychologischer Integration aufweist, über sein nebelhaftes, kontinuumsmäßiges, konnektives Ego. Und, wenn man so will, auch das höchste Maß an Identität: Franz Schuh hat einmal in einer Vorlesung gesagt, Kafka sei „unmittelbar identisch mit sich selbst“. – In der Gruppe für Schizotype auf Facebook habe ich mehrmals versucht, eine Diskussion zu initiieren, ob sie ihr Ego auch so (also als praktisch kaum vorhanden) wahrnehmen würden, da ich immer in der Hoffnung bin, ein Kollektiv zu finden, das richtungsweisend für das Glück und den Fortschritt der Menschheit sein könnte und den richtigen Weg aufzeigen. Zu meinem Entsetzen habe ich festgestellt, dass die Diskussionsanstöße kaum Früchte gebracht haben und die quasitaoistischen Ansichten oder inneren Selbsterlebnisse über das nirwanamäßig desintegrierte Ego kaum verstanden wurden. Das hat, wieder einmal, einen erheblichen schizotypischen depressiven Schock bei mir ausgelöst. (Kafka war eben tatsächlich ein Einzelgänger, wie Milena in ihrem Nachruf es schreibt.)

Natürlich ergeben sich aus dieser Selbst-losigkeit leicht auch gewisse Probleme, vorwiegend solche der äußeren und inneren Kontur. Eine gewisse Wurstigkeit gegenüber Leben und Tod. Oder gegenüber dem eigenen Werk, das man nicht richtig wahrnehmen kann als Teil seines Ego oder seines „Unzerstörbaren“ (Kafkas Idee/Wunschvorstellung vom transzendenten Wesenskern bzw. Wesenskern des Transzendenten), und das daher, anders als bei den ganzen Narzissten, immer wieder einfach so durch einen hindurchfällt und man es möglicherweise sogar verbrannt haben möchte.

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Kafka, der neurotische. So meint man das allgemein. Dass er Angst gehabt habe vor dem Leben und dass er Angst gehabt habe vor den Frauen, da die „Agentinnen des Lebens“ seien (oder der Sexualität, zu der Kafka ein gespaltenes Verhältnis hatte). Warum aber sollte einer wie Kafka Angst vor dem Leben haben? Einer wie Kafka ist doch viel stärker als das Leben! Und einer wie Kafka ist doch viel kreativer als die Muse! Und einer wie Kafka ist doch viel irrationaler als die Anima – ja, er würde eher mal mit seiner Irrationalität die Anima in die Flucht schlagen! Und warum diese Verblödetheit mit dem Verbrennen des Nachlasses? In seinen Tagbüchern hat Kafka gemeint, die Erziehung habe ihn versaut und sie sei sein Unglück gewesen. Im Brief an den Vater vermutet er, dass er wohl auch ohne den Einfluss des Vaters „ein schwächlicher, ängstlicher, zögernder, unruhiger Mensch geworden“ wäre. Bei der schizotypen Persönlichkeit hat man ein geisterhaftes Inneres, in dem alles vieles und nichts bedeutet, und einen emotionalen Nonkonformismus, der emotional alles immer in Frage stellt, was gegeben ist und konterkariert, einen inneren Widerstreit, in dem sich alles gegenseitig einigermaßen aufhebt. Es scheint kein genau definiertes Innenleben zu sein. Ich habe Kafka persönlich nicht gekannt, aber für den Fall, dass seine „Nervosität“ über das Maß der Schizotypie hinausgegangen sei, betrachte man den einfachen Fall der selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung! Leute mit einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung zeichnen sich durch übertriebene Angst aus, eine soziale Phobie und speziell einer Angst, als minderwertig erlebt und kritisiert zu werden. Damit einhergehend eine Angst intime Beziehungen einzugehen und ein sehr hohes Bedürfnis nach Sicherheit in einer Beziehung, das bis dahin reicht, sich nach einer „idealen“ Beziehung zu sehnen, in der einem gegeben wird. Die Welt wird als unheilvoll und latent feindselig erlebt, sich selbst erlebt der „Abandoniker“ (wie Kafka-Biograph Stach es fasst) als „ausgeschlossen, nicht-zu-gehörig, überzählig“, in seiner Phantasie sieht er überall Zeichen des Unheils etc. Die Wurzeln einer Persönlichkeitsstörung liegen in den Genen und/oder in Traumata in der frühen Kindheit (bevor sich das Kind noch als Persönlichkeit erlebt und artikulieren kann) und sie liegen tiefer als bei der Neurose oder einer traumatischen Störung und sie sind manifester, urtümlich mit der Persönlichkeit und dem Charakter verbunden. Wie gesagt, ich habe Kafka nicht gekannt, aber so etwas in der Richtung scheint schon auf ihn zuzutreffen. Kafka war mächtig und authentisch und souverän auch, aber das mag in erster Linie seinem souveränen Verstand geschuldet gewesen sein. Weiters können Individuen, die von einer Persönlichkeitsstörung betroffen sind, auch relativ unauffällig sein, erst im intimen Kontakt mögen ihre Exzentrizitäten zutage treten. Bei Kafka scheinen eine gute und brauchbare Sensibilität und Achtsamkeit des Künstlers zusammenzukommen mit der schlechten Übersensibiliät des Selbstunsicher-Vermeidenden, ohne dass man wohl genau sagen kann, inwieweit die schlechte Übersensibilität tatsächlich krankhaft war oder nur (zumindest aber) annähernd krankhaft. Er war sowohl von seinem Talent her ein Ausgestoßener aus der Menschheit und abnorm, wie auch offensichtlich im Sinne einer (Art) Pathologie, beides spiegelt (und verzerrspiegelt) sich ineinander. Dora Diamant hat von einem „nihilistischen“ Wesen oder von einem Selbsthass (des allerdings moribunden und darüber nicht eben totunglücklichen) Kafkas nichts bemerkt, im Gegenteil: „immer heiter“ und sinnenreich verspielt sei er gewesen, „der geborene Spielkamerad“. Auch Brod hat das dann, allerdings eben als eklatante Wesensveränderung an Kafka wahrgenommen. Milena Jesenská hat im Nachhinein gemeint, Kafka wäre tatsächlich nicht normal gewesen, allerdings im positiven Sinn; so sei es sein Pech gewesen, dass die Frauen, die er in seinem Leben getroffen habe, aber eben normale, gewöhnliche Frauen gewesen seien, die nicht anders zu leben verstanden, als es gewöhnliche Frauen eben tun. Auch sie selbst sei zu der Zeit, als sie Kafka kennengelernt habe, „ein gewöhnliches Weib“ gewesen „wie alle Weiber auf der Welt, ein kleines, triebhaftes Weibchen“ und sie geht so weit zu sagen, dass Kafkas Angst vor ihr „richtig“ gewesen sei. Dora Diamants Liebe zu Kafka sei rein fürsorglich gewesen, und nicht „fordernd und überwältigend“ wie die von Milena. Wenngleich ein ausgeglichener Mensch vor einer fordernden und überwältigenden Liebe wohl keine so große Angst hätte. Einem spezifischen Verständnis gemäß gehören sowohl die selbstunsicher-vermeidende als auch die schizotypische Persönlichkeitsstörung in den Cluster A der Persönlichkeitsstörungen, den Cluster der schizophrenienahen Persönlichkeitsstörungen. Oftmals ist es so, dass Persönlichkeitsstörungen (oder wohl auch die ihnen zugrunde liegenden Persönlichkeitseigenschaften) kombiniert auftreten oder ineinander übergehen. Wenn ich einmal tot bin, fände ich es gut, wenn Milena Jesenká einen Nachruf auch mich schreiben würde.

„Psychologie ist Lesen einer Spiegelschrift, also mühevoll, und was das immer stimmende Resultat betrifft, ergebnisreich, aber wirklich geschehen ist nichts“. (Viertes Oktavheft)

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„Etwas schwieriger schon war Kafka zum Betreten eines gänzlich anonymen Schauplatzes zu bewegen – hier rührte sich unvermeidlich sein Widerstand gegen jede Form sozialer Selbstdarstellung, und die Lust am Vorlesen war beeinträchtigt durch Störgeräusche des Über-Ichs, durch den nagenden Zweifel, mit welchem Recht ausgerechnet er sich in den Mittelpunkt drängte.“ (Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, S. 148) – Bravo, so gehört es sich für einen Menschen der höchsten Stufe! – Ja, ich hege halt die Hoffnung, dass sich daraus Schlüsse allgemeinerer Natur ableiten lassen und Leitbilder, wie man sich als Mensch idealerweise verhalten soll und wohin das Streben gerichtet sein solle (wenngleich die „Magie“ natürlich gänzlich verloren geht, wenn jeder magisch wird, schon klar, aber diese Aussicht besteht ja auch nicht). Das „Ego“ ist freilich nicht notwendigerweise schlecht, wenn es im Zusammenhang mit seiner Befriedigung auf gute Dinge gerichtet ist, anderen helfen zum Beispiel, schöne Sachen machen oder Millionär werden, Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen. Aber es hat Grenzen. Sidney Janis hat gemeint, nur zwei Künstler getroffen zu haben, die sich nicht durch eine (offene oder versteckte) Unsicherheit gegenüber anderen künstlerischen Ansätzen ausgezeichnet hätten, die sich auch für Kunst interessiert hätten, die von der ihren ganz verschieden gewesen sei und denen es nicht mehr oder weniger darum gegangen sei, ihr jeweiliges Territorium zu behaupten: Marcel Duchamp und Piet Mondrian. Beide sind so tief in die Kunst eingedrungen, wie es nur möglich ist und waren harmonische Persönlichkeiten. Das schizotype Ego mag vielleicht unmittelbar, aufgrund seiner Unruhe und mangelnden Substanz weniger narzisstische Befriedigung und Ruhe ermöglichen als für den sich in sich selbst sonnenden Narzissten, in Wirklichkeit scheint es aber eben die Basis für tatsächliche Ruhe und Ausgeglichenheit und Einheit mit der Welt und dem Schicksal. Ich hege weiter die Hoffnung, dass man mit dem schizotypen Ego eine Art Basis finden kann, wie man in das Herz der Dinge vordringen kann, aufgrund der Fluidität des Innenlebens und seiner Konnektivität und mangelnden Abgegrenztheit gegenüber dem Leben draußen sich tiefe Verbindungen ermöglichen, die notwendig sind, um Lösungen für die Welträtsel anzugeben. Vielleicht kann man die Menschen in Zukunft genetisch dementsprechend verändern, auf das herrliche Zeiten anbrechen und wir alle auf Erden wie in den elysischen Feldern wandeln (so wie in den Gemälden von Macke). Wie dann aber (geistige) Arbeitsteilung möglich sein soll, weiß ich nicht.

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Und warum diese Verblödetheit mit dem Verbrennen des Nachlasses? „Die Mittelmäßigkeit erledigt ihre Unternehmungen schlecht und recht und frohlockt; der Mann von Talent gratuliert sich zum Erfolg seiner Bemühungen; das Genie allein trauert über unerfüllte Erwartungen“, schreibt Füssli in seinen Überlegungen zur Kunst. Ja, wenn das Innere von einem der offene Raum ist, was dann also anders, als wie wenn das innere (seelische und intellektuelle) Prozessieren sich so anfühlt, als würde man permanent in seinen eigenen Abgrund fallen, für immer? Freilich, wenn ein Mensch die höchste Vollendung erreicht hat, will er wohl ganz einfach verschwinden; bzw. wenn das Ego schizotypisch ist und das Innere so weiträumig, fühlt man sich wie ein Nebel, der sich irgendwie verteilen und verflüchtigen muss, man ist für sich selbst gar nicht mehr lokalisierbar und legt auf das, was Menschen Wert legen, oftmals gar keinen Wert mehr. Allerdings, wenn man Werte geschaffen hat, ja, wenn man in der Sphäre der Werte (als abgelöst und über der Sphäre der täglichen Geschäfte der Menschen stehend) was getan hat, wenn man – eigentlich – in der Sphäre der Werte lebt, dann muss man sich um die Bedeutung dieser Werte doch umso mehr im Klaren sein und versuchen, sie zu bewahren! Freilich, der Schriftsteller leidet. Das eigene Werk, die eigenen Gedanken und Ideen kennt er, sie sind keine (unmittelbare) Überraschung für ihn. Sie stehen auch nicht scheinbar monolithisch und aus einem Guss da, wie das Werk des anderen Schriftstellers. Während das Werk des anderen Schriftstellers monolithisch und wie aus einem Guss dasteht, weiß man um den flickenhaften Charakter des eigenen Werkes nur zu gut Bescheid, weiß, dass dem, was anderen als göttliche Eingebung erscheinen mag, möglicherweise bloß die Erinnerung an eine Anekdote zugrunde liegen mag. Einen Schriftsteller stellt man sich so vor als einen, der ein wahnsinniges Talent hat zu erzählen, eine ganze Geschichte sprudle so mir nichts, dir nichts aus ihm heraus, bevor du ihm auch noch den ausgestreckten Mittelfinger zeigen kannst. Dann kommt aber möglicherweise einer daher, der nichts kann als sich erinnern (und seine Erinnerungen so darzustellen und auf eine Ebene der Konkretion wie auch der Abstraktion zu erheben, dass sich daraus Weltliteratur ergibt), so wie Proust, und macht auf seine Weise was viel Bedeutendere als der bloße Geschichtenerzähler! Genie schließt Talent nicht mit ein, sondern ist die Fähigkeit, ungewöhnliche Kombinationen herzustellen und (allerdings erst nach gewisser Zeit und über eine gewisse Bekanntschaft mit den Dingen), das „Wesen“ und die „Seele“ einer Sache zu erfassen. Das Talent mag sich zunächst leichter tun in der Welt, während das Genie länger brauchen mag, aus seiner Begabung was Sinnvolles zu machen. Aber das muss man erst einmal (auch für sich selbst) begreifen! Die Welt ist da eher langsam dabei, und man selbst ist langsam dabei. Allerdings, nach einer gewissen Zeit müsste man doch draufkommen, dass das Gras in des Nachbars Garten nicht möglicherweise grüner ist als das eigene! Freilich, Kafka konnte viele seiner Texte nicht fertigstellen, er schrieb keine Lyrik und brillierte nicht als Dramatiker (während herausragende Schriftsteller in der Regel in mehreren Gattungsformen brillieren), seine Kreativität kam schwankend und war unbeständig (wie es bei so vielen anderen auch der Fall ist), aber es ist ihm bereits früh (korrekterweise) so erschienen und er hat es Rudolf Steiner gesagt, dass er nicht nur an den Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten wandle, sondern an den Grenzen des Menschenmöglichen überhaupt (wozu (selbst einer wie) Steiner nicht viel zu sagen wusste). „Die ungeheure Welt, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien ohne zu zerreißen. Und tausendmal lieber zerreißen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar“, so Kafka zu seinem Tagebuch im Jahr 1913. Warum dann also später, nachdem die Welt triumphal geboren wurde, sie verbrennen? Noch dazu, wenn Brod und Werfel und alle anderen einem in den Ohren liegen, wie toll diese Schöpfung sei? Brod hat gemeint, Kafka hätte unmöglich hohe Ansprüche an sich selbst gehabt, und einen in etwa religiösen Zugang zur Literatur gehabt. Erklärt aber auch nicht die sehr unnatürliche Scheu von Kafka gegenüber seiner eigenen Religion. Ursprünglich hat Kafka sein Schreiben als eine Art Spielerei gesehen, wie gleichzeitig auch als Versuch, gegenüber der Imago des übermächtigen Vater ein eigenes Territorium zu errichten. Sein Schreiben war ja ein „Versuch der Befreiung“ (wie er im Brief an den Vater geschrieben hat), daher möglicherweise im Rückblick peinlich für ihn, oder eben bloße Versuche: Seine „eigentliche“ Literatur hätte erst das sein sollen, was er in Zukunft schreiben würde (wobei dem schizotypischen Ego und dem rasenden Verstand immer alles vergleichsweise obsolet erscheinen wird, was es/r gerade getan hat), und das, was er vorher geschrieben habe, ein bloßes (und experimentelles) Ringen mit seinen „Dämonen“ (wobei allerdings bei einem Geist wie Kafka alles immer nur „Experiment“ bleiben wird, da die innere Maschine für alles scheinbar „Feste“ und „Klassische“ zu schnell läuft). Einer wie Kafka hätte wahrscheinlich versöhnliche Literatur schreiben wollen, eine Lösung für die Menschheit anbieten, er hat aber gesehen, dass das nicht (philosophisch) wirklich geht, wahrscheinlich gehofft, dass das in der Zukunft, wenn er „mit sich und der Welt im Reinen“ sei, möglich sein könnte. Im persönlichen Umgang habe Kafka stark dazu tendiert, immer nur das Beste in einem anderen Menschen zu sehen, während sich ihm in der Literatur eine einigermaßen andere Perspektive aufgedrängt hat. Ein unangenehmer Widerspruch wohl für einen. Später dann, im Jahre 1918 hat Kafka sein Glück nur mehr darin gesehen, über die Literatur (oder sonstwie) die Welt „ins Reine, Wahre, Unveränderliche zu heben“. Selbst künstlerische Perfektion sei ihm zu wenig gewesen, das Ergreifen einer transzendenten Wahrheit (oder aber: das vollständige Durchdringen der Welt) sei sein Ziel dann gewesen – laut Kafka-Biograph Stach ein „ungeheuerliches“ (Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, S. 255). Allerdings hat Kafka das dann ja auch tatsächlich getan, und klarerweise werden auf einem solchen Plateau der Olymp der künstlerischen Meisterschaft oder des klassischen Stils einigermaßen obsolet, das Welt-Auge schafft seinen eigenen, über-meisterschaftlichen Stil, der aber singulär ist, und der daher nur mehr indirekt mit allem anderen kommunizieren kann und der allein eine gebrochene Gemeinschaft schafft etc., was wiederum unangenehm für den Über-Meister ist, da das nicht unbedingt das ist, was er will. Dass, abgesehen von allem, Kafka aber keine Lust darauf gehabt haben konnte, in der Zukunft, und für den Rest der Zukunft, am Seziertisch der analysierenden Menschheit, Forscher und Biographen zu landen, erscheint auch naheliegend (und vielleicht sogar als der naheliegendste rationale Grund für sein schreckliches Testament an Brod).  – Wieso Kafka einen solchen Drang, bei all den inneren und äußeren Widrigkeiten tatsächlich gar nicht so wirklich verspürt hat wohl, ist wohl das eigentlich Rätselhafte an dem ansonsten so transparenten Kafka. Einer, der sowohl Kafka als auch Otto Weininger gekannt hat, hat gemeint, beide wären „verrückt“ gewesen: Beide hätten einen Satz bereits durchgestrichen, bevor sie ihn überhaupt erst niedergeschrieben hätten. Ach ja, der ultraschnell rasende Verstand und die ultraflexible Seele, so schnell und so flexibel, dass sie über sich selbst hinwegrasen und sich selbst wegflexibilisieren! Obwohl ich bei Otto Weininger auch gemeint habe, sein Selbstmord sei einer neurotisch gewordenen höchsten Klarheit des ringenden Genies geschuldet, bin ich in letzter Zeit dann doch zu der Vermutung gelangt, dass sein Verfolgungswahn doch psychotischer Natur gewesen sein muss, und Otto Weininger, neben all der erstaunlichen Klarheit, möglicherweise sehr wohl verrückt war. Möglicherweise war ja auch Kafka tatsächlich verrückt (Persönlichkeitsstörung bedeutet ja auch quasi, dass man partiell verrückt ist). An Milena Jesenká, die ihm seine Angst ausreden will schreibt er, dass seine Angst doch in Wirklichkeit „sein Bestes“ sei und er „aus ihr besteht“ – wobei er von dieser „Angst“ allerdings wiederum in Anführungszeichen spricht; ach ja. Und natürlich: Wenn der größte Schriftsteller eines Jahrhunderts sein Werk verbrannt sehen will, passt es ja wie die Faust aufs Auge, so einfach ist das. Wie sehr allem Weltlichen entrückt, das!

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Die Briefe Kafkas und die Tagebücher und die Oktavhefte und anderes zählen nicht eben zu den besten ihrer Art, aber das tun die Briefe von Emily Dickinson zum Beispiel auch nicht. Es tun Briefe selten, ich erinnere mich an die Irritation die Anthologien von „Liebesbriefen berühmter Männer“ und „Liebesbriefe berühmter Frauen“ bei mir ausgelöst haben. Bei den Briefen und Tagebüchern von Kafka habe ich beim Lesen Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Es steht dann aber eh meistens nichts Weltbewegendes oder Erhellendes drinnen, und es fehlt auch der – in seinen literarischen Werken doch dauernd anzutreffende – Humor! Eine ausgeprägte Weltwahrnehmung hat man, Verschwimmen der Ichgrenzen, Gütigkeit und Achtsamkeit gegenüber anderen. Eine sehr hohe Intelligenz. Wie intelligent Kafka war! Man kann sich schon vorstellen, dass der tyrannische Vater da stark darunter gelitten hatte, da es doch sein primäres Motiv war, Macht über andere auszuüben. Ja, da muss der Vater doch vor lauter Wut in den Boden gefahren sein, zum Rotieren angefangen, schwarz geworden und sich in den Erdboden gebohrt und verschwunden, ganz schnell! Doch das ist dann so doch nicht passiert, wenngleich der tyrannische Vater dann Ottla, als sie nicht mehr nach seiner Pfeife getanzt hat, mit einem unbändigen Hass verfolgt hat, dass man meinen könnte, Schmerz über die eigene erlebte Machtlosigkeit sei der primäre Agens gewesen. Der Vater ist angesichts von Franz nicht im Erdboden verschwunden, vor Wut über die erlebte Machtlosigkeit. Eventuell, weil er sich über die Intelligenz des Sohnes selber machtvoll verlängern konnte. Oder, weil er Intelligenz, wie es meistens der Fall ist, ja dann doch auch schätzte, da sie Macht bedeutet. Wahrscheinlich aber eher, weil er dafür dann doch zu sehr Hohlraum war. Oder weil er die wahre Intelligenz von Franz naturgemäß nicht begriffen hat. Eine so hohe Intelligenz wie die von Franz wird weniger als hohe Intelligenz, sondern eher als Fremdheit, Seltsamkeit, Eigenartigkeit wahrgenommen, als exzentrisch, auch von den Trägern dieser Intelligenz selber, da ihnen aufgrund ihrer Singularität ja auch die Vergleichsmöglichkeiten zu anderen fehlen. Man meint, und sie meinen, sie seien eine eigentümliche Mischung aus hoher Intelligenz und Sonderbarkeit, „Lebensuntüchtigkeit“ u. dergl. Dabei sind sie ja durchaus nicht sonderbar. Dabei sind sie durchaus nicht lebensuntüchtig etc. Abgesehen auch davon, gibt es ja gar keine Anzeichen, dass Hermann seinen Sohn Franz nicht tatsächlich geliebt hat – nein, nicht die geringsten! Er war halt nur in seiner gestörten Persönlichkeit und in seinen Mechanismen zu sehr gefangen (von daher auch wieder gut überlegt, die Persönlichkeit auszulöschen, um zu Wahrheit und Reinheit zu gelangen etc. pp). „Mein Schreiben handelte von Dir“, schreibt Kafka anklagend an den Vater. Naja, eine Irrationalität und Uneinheitlichkeit, die auf die ganze Welt projiziert wird. Das „Transzendente“ oder das „Gesetz“ oder was auch immer ist bei Kafka recht widersprüchlich, es bedrängt einen, weicht aber zurück, wenn man was von ihm will; es ist mitten in der Gesellschaft, bis hin in die Hinterhöfe und Dachkammern, verankert, nimmt dann aber doch nicht am Leben teil; es übersieht scheinbar alles, aber alles ziemlich falsch; es ist asketisch und lüstern; erhaben und trivial; geheimnisvoll und offenbar; gefährlich und ungefährlich; drohend und leer drohend; souverän und tollpatschig; es kann gegenüber einem letztendlich nicht viel ausrichten, und umgekehrt, allerdings zermürben und aufreiben, das kann es wohl. Ja, das kann es! Seine Rätselhaftigkeit scheint weder aus einer Tiefe heraus zu stammen, als aus einer Oberflächlichkeit, in der alles schlecht integriert ist, wobei auch seine Rätselhaftigkeit weniger eine solche ist als eben eine Uneinheitlichkeit und Zusammenhanglosigkeit, wo der Zusammenhang allerdings durch den Glauben der Menschen an das Gesetz manifest und zu einer tatsächlichen sozialen Macht wird. – Über seine Schwester Elli schreibt er an den Vater wie sie sich von einem unangenehmen, gedemütigten Mädchen zu einer angenehmen Frau entwickelt habe, sobald sie dem elterlichen Einfluss entronnen. An Elli selber schreibt er, hinsichtlich Fragen der Kindererziehung im Jahr 1921 mehrere Briefe, wonach es nichts Eigennützigeres gäbe als die Liebe der Eltern zu ihren Kindern (wobei er das allerdings nicht auf seinem Mist wachsen lässt, sondern den sarkastischen Swift wiedergibt). Als seine größte Leistung hat Kafka es angesehen, wie es ihm in späten Jahren gelungen ist, von seinen Eltern wegzuziehen. Ja, wenn einem so etwas gelingt, müssen einem Werke der Weltliteratur wie der „Prozess“ et al. unbedeutend und als ein Fall fürs Feuer erscheinen, ja das ist, aus diesem Licht betrachtet, ganz klar. Becketts Briefe finde ich sehr gut und ich habe sie eine Zeit lang immer wieder gelesen. Kafkas Briefe finde ich nicht gut. Der eigentümlichste Eintrag in Kafkas Tagebuch vom 2. August 1914: „Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule“

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Kafka wird so geliebt, weil er ein solches Füllhorn an Bedeutungen und Bedeutsamkeiten über uns ausschüttet! Da kann man alles Mögliche damit anfangen, man kann dann darüber schreiben und sich mit seinen jeweiligen Deutungen eventuell auch wichtigmachen und glänzen und sich narzisstisch erhöhen, jetzt, nachdem er tot ist und es gewisse Leitlinien gibt, wie man in der Interpretation überhaupt mit ihm umgehen kann. Wenn so einer, der ein Füllhorn von Bedeutungen und Bedeutsamkeiten ausschüttet, lebt und unvermittelt daherkommt, mag er weit weniger beliebt sein, weil man sich dann nicht auskennt und man kann kein intellektuelles Spielzeug aus ihm machen und nicht wichtigtuerisch-schwungvoll über ihn schreiben und glänzen und sich selbst narzisstisch erhöhen. Marlene Dietrich hat über Orson Welles gesagt, Orson Welles sei ausgesprochen großzügig gewesen. Wie alle großen Talente habe ihn sein innerer Reichtum vor Kleinlichkeit geschützt und er habe andere bereitwillig an seinen Ideen, Erfahrungen und an seinen Träumen teilnehmen lassen. Es sei leicht gewesen, Orson zu lieben. Orson Welles hat über sich selbst gesagt, er habe das Wort „Genie“ schon ins Ohr geflüstert bekommen als er noch in der Wiege lag. Naja, dafür hat er später büßen müssen; als Fremdkörper in der Industrie. Angst hätten sie vor ihm gehabt, da in Orsons Nähe die Unzulänglichkeiten der anderen „nur allzu deutlich“ wurden, kommentierte über Orson Welles John Huston. Auch von dem bescheidenen und überaus höflichen Beckett fühlten sich angeblich viele Leute eingeschüchtert. Kafka muss diese Verlegenheit, in die er andere, zumindest theoretisch gebracht hat, eben auch sehr unangenehm gewesen sein. Orson Welles hat Shakespeare geliebt und in der Orson Welles-Biographie, die ich habe, wird gesagt, dass Shakespeare bis heute „überaus anziehend“ erscheine, da er keine bestimmte Bedeutung vermittle, „vielmehr verheißt er eine unerschöpfliche Vielzahl von Bedeutungen“. Während Orson Shakespeare geliebt und auch verfilmt habe, hat er auch (hingegen als Auftragsarbeit) Kafka verfilmt, ohne allerdings „wirkliche Sympathie für Kafka“. Mit Anthony Perkins in der Hauptrolle, zeigt Welles` Interpretation/Adaption vom „Prozess“ ein hohles, lieblos administriertes Soziales, in dem der Einzelne zugleich verlängert Täter scheint und ihm gleichzeitig zum Opfer fällt. Wie bei Kafka ist bei Orson Welles vieles Fragment geblieben. Der Ruf, dass Welles ineffizient gearbeitet habe und in dem Sinn lebensuntüchtig war, sei jedoch übertrieben gewesen, so John Huston (oder eine Schutzbehauptung), genauso wie der Ruf von Kafka als lebensuntüchtig ja auch übertrieben ist. Als Orson Welles mit einem anderen in der Closerie de Lilas (kurz vor Mitternacht und als die Closerie de Lilas schon fast leer war) Beckett gesehen hat, hat er zu dem gesagt: „That´s Beckett over there“.

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In den Tagbüchern von Kafka findet man auch Beschäftigung mit Goethe. In den Kopf von Individuen wie Goethe oder Hegel passt die ganze Welt. So sind das dann also Universalmenschen und/oder –geister. Was aber, wenn man auf einem noch höheren Level der Analyse und Integration arbeitet und die Welt überblickt, wie zum Beispiel Nietzsche oder Büchner? Dann ist, wie man sagt, die Welt nicht genug für einen. Das sind dann Transzendentalmenschen. Während der Universalmensch das Charisma des in sich Ruhenden hat, wirkt der Transzendentalmensch vielleicht eher unausgeglichen, nervös, nicht identisch mit sich selbst, scheint sich durch sich selbst hindurchschießen zu wollen. In seiner Singularität ist er ja auch in einem Bereich, wo sonst niemand ist. Was soll er da aber genau anfangen? Wie soll er sich da genau Klarheit über alles verschaffen, über die Welt, wenn er die Welt übersteigt? Dann sucht er wohl etwas, was man in der Welt nicht findet, er sucht einen Sinn, den es (so, praktisch) in der Welt nicht gibt. Und produziert also ein Übermaß an Sinnzeichen, die in der Welt (so, praktisch) nicht verankert sind, gleichzeitig aber auch tiefer in ihr vorhanden sind als alles andere. „Der Übermensch ist der Sinn der Erde.“ Nietzsche hat sich in den Übermenschen geflüchtet, Büchner („Lenz“) in eine Überwelt, bei Kafka hat man eine Über-Wirklichkeit, einen metaphysischen Nebenraum, in dem das metaphysische Streben des Menschen und der Mangel des metaphysischen Strebens des Menschen in einer zum metaphysischen Streben einladenden Welt und in einer zum metaphysischen Streben gleichzeitig nicht einladenden Welt stattfindet; man hat einen Überschuss an Zeichen, Bedeutungen, Indizien, die so dann realiter weniger bedeuten als sie scheinen, aber trotzdem zu schnell sind, als dass man sie einholen könnte (Odradek). ); bei Kafka hat man eine verschwimmende Welt, die auf diese Art und Weise mehr ist als die Welt. Doppelsinnig, hintersinnig, sinnlos; statisch und unveränderlich, aber ständig dynamisch, sich verändernd, emergent und im Fluss. Kafka war, wie man weiß, sehr klar im Kopf. In seiner Sprache, als Jurist, als Kommunikator des Juristischen, von seinen Vorgesetzten hochgeschätzt, insofern er das seltene Talent aufgewiesen hat, Juristisches einem breiteren Publikum verständlich darzustellen. Die geistige Klarheit von Nietzsche auch, oder Büchner, die sich selten geirrt haben. Auf einem extrem hohen Niveau, oder auf einem Niveau, an dem die geistige Klarheit und Konturiertheit die der Klarheit und Konturiertheit der praktischen Welt überschreitet, fällt sie dann wieder in eine (philosophische) Konfusion, und in ein (scheinbares bzw. höheres) Unwissen. In der Gleichzeitigkeit von höchster Klarheit und höchster Konfusion zu leben, ist das Charakteristikum des Philosophen. Wie es im „Prometheus“ im Dritten Oktavheft heißt: „(Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären.) Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muss sie wieder im Unerklärlichen enden.“ Ich habe Leute wie Büchner, Nietzsche, Kleist, Emily Dickinson – oder eben auch Kafka – dereinst die „ultrakomplexen Menschen“ genannt. Die Ultrakomplexität, als welche sie nach außen hin in Erscheinung treten mag, ist der nach außen gewendete Ausdruck ihrer Über-Vollständigkeit. Im Inneren des ultrakomplexen Menschen gibt es weniger unlösbare Probleme oder innere Widersprüche, wenn schon, dann sind das Kollisionen mit dem Außen – tatsächlich ist das Innere des ultrakomplexen Menschen der unendliche Saal von Spiegeln, der unendliche Spiegelsaal, in dem alles gegenseitig, und von allen Seiten reflektiert wird (die „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und der wahren Weg“ oder die Aphorismen/Notate aus der Reihe „Er“ sind zwar nicht die besten ihrer Art, aber eben Notate des ultrakomplexen Menschen). Ich habe auch gesagt, der Übermensch ist der, der die Summe aller menschlichen Probleme reflektiert und das auf ihre Überschreitung hin. Übermenschen hat es gegeben, meistens als Unbehauste in dieser Welt: Sokrates, Kierkegaard, van Gogh… oder eben Kafka (Dora Diamant hat notiert: „In Franz lebten die Dinge in so verdichteter Form, dass die anderen Menschen erst dann etwas von ihnen sehen können, wenn man sie verdünnt hatte, da sie über die Grenze des gewöhnlichen menschlichen Fassungsvermögens hinausgingen. Sie gingen auch über seine eigene physische Erregbarkeit hinaus. Die Ebene, die Sphäre, von der aus er lebte, war eben im ursprünglichsten Sinn des Wortes „übermenschlich“.“)

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Kafkas Dichtung ist universal und Gestalten wie Faust, Peer Gynt, Ishmael, Malone oder eben K. sind Gestalten, in denen sich die Menschheit individualisiert. Kafkas klaustrophobische Visionen stammen zunächst aus den Verlegenheiten, in die der Ausnahmemensch in dieser Welt kommt, wo er in einer Welt, die kleiner und schwächer ist als er, überall anstößt, ohne dass er das will. Er will ja helfen und motivieren und aufbauen, stattdessen hat da jemand Feinsinniger wie Kafka das Problem, dass er überall anstößt, überall Unruhe hervorruft, überall Schwierigkeiten macht. Im Gedicht von Hong-zhi über den alten Zhao-zhou heißt es:

Der alte Zhao-zhou! Der alte Zhao-zhou!

Unruhe in den Zen-Klöstern zu stiften – noch im hohen Alter hört er nicht damit auf!

– nachdem der alte Zhao-zhou ein Koan hingeworfen hatte. Ja, in einem Zen-Kloster mag das, innerhalb gewisser Grenzen wohl wohlanständig sein, aber draußen in der Gesellschaft ist das hin und wieder nicht willkommen. Leute aus ihrer Komfortzone zu locken, das geht gar nicht, und mit mehr als nur japanischer Höflichkeit mag das feinfühlige Genie, der feinfühlige Ausnahmemensch, um große Zurücknahme seiner selbst bemüht sein, vor allem, wenn er ein schizotypisches Para-Ego hat, obwohl es ja gar nicht seine Schuld ist, dass er in einer stupiden und unflexiblen Welt überall anstößt (aber eben auch nicht wirklich die Schuld der anderen). Gleichzeitig dann aber die tiefe Durchschnittlichkeit der Kafkaschen Helden! Gregor Samsa, ein Durchschnittsmensch in einer Durchschnittsfamilie, arbeitend in einem Durchschnittsbetrieb, Durchschnittsmenschen als Mieter anziehend. Kein sonderliches Interesse, keine sonderliche Neugierde, keine sonderliche Idee, wie man mit der Ausnahmesituation umgehen soll, was schließlich bei allen Ärger hervorruft, da alle an ihre engen Grenzen stoßen. Josef K. weiß nicht, wofür er angeklagt ist, da er auch nicht so viele Eigenschaften hat. Der Landvermesser K. hat unsympathische, egoistische und gewalttätige Seiten. Karl Roßmann ist artig, engelhaft und duldet alles, scheint sich aber auch nicht aufzulehnen, sich nicht weiterzuentwickeln, und er scheint trotz seiner knabenhaften Artigkeit niemand zu lieben. So bleiben diese Helden in ihren Entwicklungsmöglichkeiten beschränkt, und die Mauern eilen für sie schnell aufeinander zu, in der Ecke wartet dann die Falle. Und dann halt wieder der potenzielle und in seiner jeweiligen Erscheinungsform unvorhersehbare gewisse Widerspruch der Individuums mit der Gesellschaft oder Themen wie die Blindheit des Schicksals, oder die Launen der Natur, in die man gerne, wenn sie was für uns bedeuten, oder sie uns behindern, was hineininterpretieren würde, was aber nicht wirklich geht, da das Schicksal und die Natur nicht intelligenter und wissender sind als wir, sondern viel dümmer. Das Thema, dass beim Sterben jeder allein ist (angeblich). Dass die Individualität ein Bereich ist, in dem andere – und auch man selbst – nur begrenzt eindringen kann, Rätselhaftigkeit und Intransparenz bleibt. Dass Menschen nicht notwendigerweise intransparent, opak und facettiert sind, weil sie so tiefsinnig sind, sondern so oberflächlich und schlecht in sich selbst (und in den menschlichen Gesamtzusammenhang) integriert. In seiner wundervollen Meditation über Melville („Bartleby oder die Formel“) schriebt Gilles Deleuze über das Problem der „Originale“ in der Menschenwelt, die selten auftreten, die über „nichts Allgemeines“ verfügen und „keine Besonderen“ sind, ihre eigene Sprache sprechen und die von ihrer Umgebung nicht beeinflussbar sind – und die mehr oder weniger Fremde in der Welt sind, obwohl sich die Welt die Originale wünscht. Das Problem der Originale sei, die Originale mit der (nachfolgenden) Menschheit zu versöhnen. In einer Menschheit, in der es „nur monströse und verschlingende Väter und vaterlose, versteinerte Söhne“ gibt, kann Rettung und Versöhnung (theoretisch) über die Akzeptanz der Originale geschehen, da das Original der Bruder des Menschen ist und die Wirkung des Originals die Aufzeigung des Ideals der Brüderlichkeit unter Menschen sei. Wie gesagt, ich habe auch die Hoffnung gehegt bezüglich der Herstellung eines ideellen Kollektivs von Menschen, das die Menschheit zusammenhält und eine höhere Anschauungsform ermöglicht. Aber diese Kette zerfällt mir immer, und was, wenn es nur die einzelgängerischen Originale sind, die die Kette bilden, indem sie zugleich das Allgemeine und das Besondere sind? Es ist eine instabile Kette, und dann auch wieder nicht. Als man Wittgenstein nach dem Zweiten Weltkrieg (?) Kafka zu lesen gegeben hatte, war er irritiert und hat beanstandet: „Warum sagt er nicht, was sein Problem ist?“ Und das von einem, der selbst alle anderen vor ein solches Rätsel gestellt hat! Auch die Originale mögen Probleme haben, einander zu verstehen, so scheint es. Ist ja auch klar. Aber wir, wir lieben das Rätselhafte! So wie die meisten anderen auch. Kafkaexegeten sind hin und wieder verärgert, wenn man meint, (der insgesamt durchschnittliche) „Josef K.“ sei ein Selbstbild von Franz K. Aber sehr wohl ist er das, Josef ist in Franz enthalten, und Franz hat wie Josef gefühlt, und im Auge Gottes sind wir alle K. Als ein Mönch zu Shi-lou kommt, um Belehrung und Erleuchtung zu erfahren, gesteht der Mönch ein, er wisse um seine Fehler. Darauf Shi-lou:

– „Dieser alte Mönch hat auch seine Fehler.“

– „Ehrwürdens Fehler, worin bestehen die?“

– „Meine Fehler bestehen in deinen Fehlern.“

    Der Mönch verbeugte sich in Verehrung.

    Shi-lou versetzte ihm auf der Stelle einen Schlag.

In Franz K., dem universellen Spiegel ist eben alles enthalten. Und natürlich war Franz K. auch die Tiere in seinen Tiergeschichten. In Berlin wollte sich Kafka „ganz als gewöhnlicher, kleiner Durchschnittsmensch fühlen, ohne besondere Wünsche und Bedürfnisse“, berichtet Dora Diamant. Und: „Unter dem Leid anderer litt er immer selbst intensiv.“

„Wenn ich mich auf mein Endziel prüfe, so ergibt sich, daß ich nicht eigentlich danach strebe ein guter Mensch zu werden und einem höchsten Gericht zu entsprechen, sondern, sehr gegensätzlich, die ganze Menschen- und Tiergemeinschaft zu überblicken, ihre grundlegenden Vorlieben, Wünsche, sittlichen Ideale zu erkennen, sie auf einfache Vorschriften zurückzuführen und mich in ihrer Richtung möglichst bald dahin zu entwickeln, daß ich durchaus allen wohlgefällig würde undzwar (hier kommt der Sprung) so wohlgefällig, daß ich, ohne die allgemeine Liebe zu verlieren, schließlich, als der einzige Sünder, der nicht gebraten wird, die mir innewohnenden Gemeinheiten, offen, vor aller Augen ausführen dürfte. Zusammengefasst kommt es mir also nur auf das Menschengericht an und dieses will ich überdies betrügen, allerdings ohne Betrug.“ (Tagebucheintrag vom 1. Oktober 1917)

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Im Rahmen dessen, dass der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, dort das Labyrinth oder dessen Höllenkreise durchwandert hat, gelangt er schließlich an das Tor zum Himmel, das „Naturtheater von Oklahoma“. Das Naturtheater von Oklahoma ruft jeden, „der Künstler werden will“, es ist vom Prinzip her für jeden offen, hat für alle einen Platz anzubieten, es kann jeden brauchen und jeder ist willkommen, und jeder wird dort offenbar gut und endgültig aufgehoben sein. Interessieren tun sich allerdings nur sehr wenige dafür, denn „Künstler werden wollte niemand, wohl aber wollte jeder für seine Arbeit bezahlt werden“. Trotzdem Kafka von seinem angefangenen Kapitel vom Naturtheater vom Oklahoma enthusiasmiert war und mit großer Anteilnahme daraus vorgelesen habe, was bei ihm ja selten auftrat, und er selber davon gesprochen hat, wie Karl in jenem „fast grenzenlosen“ Theater „Beruf, Freiheit, Rückhalt, ja sogar die Heimat und die Eltern wie durch einen paradiesischen Zauber wiederfinden“ werde, glauben andere, das Naturtheater sei bloß eine weitere, möglicherweise finale und tödliche Falle. Möglicherweise die Rekrutierung für einen Krieg über verlockende Lügen, wie es zur Zeit der Niederschrift in Europa gerade der Fall war? Oder aber eine Reflexion Kafkas auf Sozialutopien und auf den Sozialismus, auch im Hinblick auf deren innere Gebrochenheit und dass die Vergemeinschaftungsutopien der Prä/Sozialisten einen totalitären Zug aufweisen? Und vor allem: Warum hat Kafka das Kapitel nicht beendet, wenn er doch so davon überzeugt war (und an einer anderen Stelle, in den Tagebüchern, einen schlechten Ausgang der Odyssee des sechzehnjährigen Karls in Aussicht stellt)? Ja, das Naturtheater von Oklahoma hat was Rätselhaftes und Halbseidenes – wie immer bei Kafka. Es funktioniert als Beschreibung des Tors zum Himmel, wie auch als dessen Parodie – oder besser als Klamauk, da eine ernsthafte Parodie ja gar nicht augenfällig ist. Vielmehr aber augenfällig ist aber eben der Hinweis auf die Kunst! Wisse denn: der Sinn des Lebens, und die Möglichkeit, Erlösung zu finden oder für sich zu schaffen, besteht im Herstellen von guten Bezügen! Der Nihilismus hat nicht ganz Recht, da es das Nichts so nicht gibt. Wenn man keinen guten Bezug zu was herstellen kann, wird eine Sache möglicherweise zu nichts, oder unerreichbar. Der gute, intensive Bezug macht aus allen etwas und alles zu etwas. Milena Jesenská hat beobachtet, Kafka habe sein Leben gänzlich anders als alle anderen Menschen gelebt: eine Schreibmaschine zum Beispiel hätte für ihn eine zutiefst mystische Bedeutung gehabt. Dora Diamant berichtet, wie der bereits mehr oder weniger todgeweihte Kafka intensive Bezüge zu allem und jedem hergestellt hat, und wie er „die Anwesenheit Gottes selbst in den kleinsten Gesten des Alltagslebens fand“. Im Ferienheim, wo sie ihn kennengelernt hatte, „sprach er wenig über sich selbst, begegnete aber allen anderen mit einer grenzenlosen Neugierde“. Was an Kafka nihilistisch oder asketisch gewesen sein sollte, wusste sie nicht, vielmehr war er sinnlich wie ein Kind. „Wer die Fähigkeit, Schönheit zu sehen, behält, der altert nicht“, so habe er gesagt. In seinen letzten Tagen, als er in seinen Fähigkeiten, unter anderem zur Nahrungsaufnahme, schon stark eingeschränkt war, habe sich bei Kafka eine nochmalige Steigerung bemerkbar gemacht, in der Intensität, mit der er Farben, Gerüche und Geschmackseindrücke wahrgenommen habe. Als Kafka an seinem letzten Tag scheinbar bereits in die Bewusstlosigkeit gefallen war, hielt ihm Dora Diamant einen Strauß Blumen hin, die sie ihm mitgebracht hatte. Wider Erwarten hob Kafka noch einmal den Kopf. Er öffnete die Augen noch einmal und lächelte, vielsagend, strahlend, lebendig. „Es war unfassbar“, so Dora. – Eine umfassende Möglichkeit, einen intensiven, persönlichen Bezug zu unpersönlichen Weltanteilen herzustellen, liegt in der Kunst! Und so ist das Naturtheater von Oklahoma eine Paraphrase auf die Kunst, auf die Möglichkeit, Verbindung und Territorium für sich zu schaffen, in der Einheit aufzugehen, Heimat, Eltern, Ursprung zumindest ideell zu schaffen. Dass das Tor zum Himmel, der Aufnahmeprozess und der Veranstaltungsort in Clayton zu einem guten Teil trivial ist, ist ganz klar, denn im Trivialen das Göttliche zu sehen, ist ja gerade die Voraussetzung für die Sache. Kunst besteht in der Abgrenzung dann zur Nicht-Kunst, das Gute in Abgrenzung zum Unguten etc., und so werden Fanny und die trompetenden Engel von Teufeln abgelöst, die ihrerseits wieder Radau machen und wieder abgelöst werden. Wer eine intensiv (scheinbar ins „Irrationale“) gesteigerte Wahrnehmung hat, das Schöne und Gute wahrzunehmen, hat auch eine intensiv (ins „Irrationale“) gesteigerte Fähigkeit, das Schlechte und Hässliche wahrzunehmen, als intensive, real vorhandene, sich ihm und seinen Instinkten widersetzende Realität, leider. Das ist dann der ganze Kafka, auf den Punkt gebracht. Verflucht sei, wer mir nicht glaubt! Über die Kunst betrachtet, werden dann die trompetenden Engel möglicherweise zu was anderem, als sie sind, allerdings auch die Teufel. Das Territorium, dass über die Kunst errichtet wird, ist die Metaebene, die Stabilität, die gefunden wird, eine Metastabilität. Der Himmel besteht im Erleben von guten Bezügen, und nicht jeder ist überhaupt, so gesehen, in der Lage, den Himmel zu erkennen, die Hölle der schlechten Bezüge oder der Selbstbezüglichkeit ist für den einen und anderen der angemessenere Ort, wo er sich besser auskennt und sich besser darin wiederfindet und sich in seinen Instinkten abgebildet sehen kann. Die Kunst ist also in sich gebrochen, da sie auf die Nicht-Kunst reflektiert. Diese Insichgebrochenheit mag dann, darüber hinaus, der Glaube und die Religion aufheben (wohin Kafka nicht wirklich gelangt ist). Das Paradies, der Himmel, ist die Kommunion von Mensch, Tier und Natur unter Christus, dem Allesvereiniger. Die wilden Tiere werden friedlich, die Natur fängt an zu sprechen und gewinnt einen höheren Sinn, alle stehen in Kommunion und Kommunikation zueinander. Das ist dann, definitiv, der Himmel. Ermöglicht wird er allein durch Christus, der über dem Menschen steht. Einen flüchtigen Blick auf das Paradies zu erhaschen, eine Vorstellung davon zu bekommen, bevor sie wieder anderswohin weht, ist das Höchste und Letzte, was ein Mensch davon im Leben erheischen kann. Vollständig realisiert, da alle Widersprüche abgefallen sind, wird das Paradies erst nach dem Tod. Im Zentrum des Himmels mag dann stehen Gott, der, laut Aristoteles, in die Kontemplation über sich selbst versunken ist, und sich so genügt. Er beinhaltet alle Bezüge und ist reiner nous, mit sich selbst beschäftigt und sich selbst genug. Dass Kafka das Naturtheater von Oklahoma dann nicht dargestellt hat, erscheint naheliegend (?), es ist entweder das Jenseits, oder das Zentrum von allem oder das Zentrum der, naja, Kunst. Dieses Zentrum ist nicht darstellbar und verändert seine Erscheinungsform dauernd, je nachdem, zu was man grad Bezug herstellt. Es mag eine schöne Araberin sein, ein stolzes Kamel oder der Vorderzahn, den Ferdinand eingeschlagen hat. Es ist der Heilige Geist, oder das reine Potential. Und sein Antlitz ist zutiefst persönlich und individuell. Hier kann niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang ist nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.

„Er ist ein freier und gesicherter Bürger der Erde, denn er ist an eine Kette gelegt, die lang genug ist, um ihm alle irdischen Räume frei zu geben, und doch nur so lang, daß nichts ihn über die Grenzen der Erde reißen kann. Gleichzeitig ist er aber auch ein freier und gesicherter Bürger des Himmels, denn er ist auch an eine ähnlich berechnete Himmelskette gelegt. Will er nun auf die Erde, drosselt ihn das Halsband des  Himmels, will er in den Himmel, jenes der Erde. Und trotzdem hat er alle Möglichkeiten und er fühlt es; ja, er weigert sich sogar, das Ganze auf einen Fehler bei der ersten Fesselung zurückzuführen.“ (Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg 66)

„Alle Leiden um uns müssen auch wir leiden. Wie alle haben nicht einen Leib, aber ein Wachstum, und das führt uns durch alle Schmerzen, ob in dieser oder jener Form. So wie das Kind durch alle Lebensstadien bis zum Greis und zum Tod sich entwickelt (und jenes Stadium im Grunde dem früheren, im Verlangen oder in Furcht, unerreichbar scheint) ebenso verwickeln wir uns (nicht weniger tief mit den Menschheit verbunden als mit uns selbst) durch alle Leiden der Welt. Für Gerechtigkeit ist in diesem Zusammenhang kein Platz, aber auch nicht für Furcht vor dem Leiden oder für die Auslegung des Leidens als eines Verdienstes.“ (Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg 102)

Anderes Präludium zu einer Notiz über Kiekegaard

Ach ja.

(Joakim Garff: Sören Kierkegaard. Biographie)

Philip Hautmann So finde ich ja auch nicht den Faust als das eigentliche Menschheitsdrama, sondern den Peer Gynt (von Ibsen als eine „bizarre Satire“ auf den Faust geschrieben (wobei mein Rompf wiederum eine bizarre Satire auf den Peer Gynt ist und daher wahrscheinlich einen noch höheren Grad an Realität aufweist ☺️)).
Philip Hautmann Faust, Peer Gynt, Ishmael, K., Malone oder Yorick der Narr sind literarische Figuren, in denen sich die Menschheit individualisiert. Faust erscheint als die übergreifendste und dramatischste, aber beim besten Willen auch als die bizarrste und inadäquateste, auch Nietzsche denkt laut nach, was vom Faust eigentlich überbleibt und was er letztendlich sein soll als halt die Entartung des nach Erkenntnis strebenden Menschen. Die radikale Transzendenzbestrebung des Faust hat man im Allgemeinen ja nicht unter Menschen, die radikale narzisstische Immanenz, die über nichts hinausweisen will als sich selbst, dann schon eher, oder zumindest hin und wieder. Der Faust hat aber Substanz, ist vielfältig verwend- und interpretierbar und macht uns ahnen, während der Peer Gynt keine große Substanz aufweist und uns nicht ahnen macht. 

Marcel Proust Goes to the Rocky Horror Picture Show

I found something lovely  (gives me some terrible thrills)

Philip Hautmann I especially like this song and the lyrics as they transport – well – nostalgia for a more perfect world within a mind that is otherworldy and that is at home in outer space repectively that lives in the future which is, paradoxically, the subject of his inverted nostalgia. It leaves open room for various other interpretation as well. It somehow makes you feel such secureness and embeddedness in something that cannot be explicitly described and Patricia Quinn as the nostalgic as well as timeless Usherette looks very cute. It is Proustian as recovery of memory and lost time, the climax of the Proustian enterprise to achieve total information awareness and completion of self as Time Regained. What is especially admirable is that does not stand at the end point of the geniuses quest, something he has won after hard effort of creating a hyprcycle out of his own self, but as a somehow light and fluffy introduction to the enterprise, thereby clearly taking Proust unexpectedly and by surprise. Hail Richard O´Brien!

Stephan S
vor 4 Monaten
Does anybody know if this is really the voice of young Patricia Quinn?
However, it is badly sung but so genuine and authentic that I wish I’d been there in 1973. Times of craziness and creativity. So sad it’s all over.

happytree68
vor 5 Jahren
I wish they had kept the usherette to introduce the movie. I think she’s just so delightful. She’s so adorable, she seems to represent an age to true movie escapism. You could almost imagine her being yelled at by her boss because she keeps lingering in the theater to watch the movie instead of working.

Frage des Stils

„Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck, was großen Stil hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nötig hat; die es verschmäht, zu gefallen; die schwer antwortet; die keinen Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusstsein davon lebt, dass es Widerspruch gegen sie gibt; die in sich ruht, fatalistisch, ein Gesetz unter Gesetzen: Das redet als großer Stil von sich.“

F. Nietzsche

Philip Hautmann Wer ein funktionierendes Hirn hat, hat sowieso immer Stil und muss das auch nicht über Schreibschulen u.dergl. erlernen bla bla (wie jeder weiß). Das letzte, wozu Stil kommen kann, der transzendente Stil, der Blick in den Chaosmos, er erfasst die Totalität und ist daher psychosenah, aber bei vollkommen klarem Verstand, es ist die Super Sanity, man hat das in hervorragendster Weise bei Büchner (Lenz), Lautréamont (Maldoror), Rimbaud (Leuchtende Bilder), an und für sich auch bei Shakespeare; und, ach, die absolute Beweglichkeit der Sprache auf diesem, letzten, Plateau!, ich habe es anderswo als die Decke bezeichnet der absoluten Empathie mit der Welt, lückenlos wahrgenommen; sagen wir, das Gefühle des Triumphs auf diesem unachtfechtbarsten aller Niveaus sich irgendwie verflüchtigen, wie alles andere irgendwie auch, die Persönlichkeit z.B., übrig bleibt eine Anordnung von virtuellen Schalen, die sich gegenseitig enthalten oder spiegeln, so ist das dann halt: die Übereinanderlagerung von allem und wenn man alles gleichzeitig sieht; der Mensch ist ausgeschaltet bzw. verliert sich in und transzendiert sich über die Übereinanderlagerungen seiner inneren Bezirke, so dass das Ich faktisch nicht mehr ganz existiert; der Stil setzt sich über die Explosionen in sich selbst und wird perfekt wie Sand (mikrogranular und gleichgültig gegenüber Interventionen von außen), das ethische Bewusstsein wird vollkommen; im Wesentlichen fühlt man sich so ein bisschen wie ein Geist – aber wie soll man sich anders fühlen, wenn man das Ziel erreicht und ganz Geist geworden ist? Was hat das mit dem Leben noch zu tun – nichts und alles, und die Bücher sind für alle und keinen. – Ich wiederhole mich, aber das verdient sich doch immer wieder gesagt zu werden und jedes Mal kommt ja auch irgendwas Neues dazu etc. und wie viele gibt es schon, die so was zu sagen vermögen? also ist das gut, dass es hier wieder gesagt wird; auf jeden Fall: Groß und Klein, Macht und Ohnmacht etc. verliert an Bedeutung, spiegeln sich ineinander wieder, im Auge Gottes, ein blauer Strahl schießt jetzt neben mir auf, ich liege auf der Straße, als Ohnmächtiger und bewege mich in allen möglichen Schemen etc. Die Gleichzeitigkeit von Virtualität und Aktualität. Irrationale Zahl. Das Hyperset.