Präludium zu einer Notiz über den Poststrukturalismus

Wolken und Mond sind ein und dasselbe, Berge und Täler sind jeweils verschieden; in der Großen Leere gibt es keine Wolken – transzendentes Wissen geht über solche Dichotomien hinaus. Sekundäre Denker wie Foucault, die die Welt von einem Sechstausender aus betrachten und nicht von einem Achttausender aus, und die sich nicht sehr mächtig und radikal über ihr Zeitalter erheben, können nur den Abglanz einer Ahnung hiervon erhalten. Wenn ich mich recht erinnere, sprechen auch die Poststrukturalisten von einem Außen, aber es erscheint bei ihnen vornehmlich als Schatten, außerhalb ihres theoretischen und spirituellen Aktionsradius; vom Außen aus blickt man in die Ewigkeit und nicht in die typologischen Variationen der Episteme, oder anders gesagt, in das Samsara. Was Yorick damit sagen will? Ja das würde ich nur zu gern wissen; es ist ein großes Geheimnis, ein brütendes Ei; sein mächtiger Schatten legt sich alsbald auch über Foucault.

Georg Büchner und Lautréamont

… Wer diese Schilderung für übertrieben hält, der erinnere sich an Kants famosen Ausspruch in der Anthropologie, wo der Alte vom Berge alles Ernstes erklärt, das poetische Vermögen, von Homer an, beweise nichts, als eine Unfähigkeit zum reinen Denken, ohne jedoch die sich mit Notwendigkeit ergebende Konsequenz hinzuzufügen, dass auch die Welt in ihrer stammelnden Mannigfaltigkeit nichts beweise, als die Unfähigkeit Gottes, einen Monolog zu halten.

Friedrich Hebbel, Vorwort zu Maria Magdalena

Dieser Büchner war ein toller Hund. Nach kaum 23 oder 24 Jahren verzichtete er auf weitere Existenz und starb. Es scheint, die Sache war ihm zu dumm…

Alfred Döblin

Woyzeck sucht Sinn, sucht den Gesamtzusammenhang zu erkennen, vermutet ihn eventuell (heute wie damals) als von den Freimaurern gesteuert, bleibt aber in seinem fragmentarischen Sprechen hängen, fremde Mächte verfügen über ihn, er mag ihnen leicht reinscheißen, indem er zu früh pisst, aber auch, und vor allem, die höheren Hierarchiestufen sind von albernen Figuren bevölkert, von guten, jovialen Menschen eventuell, aber ohne wirkliche Moral, denn Moral, das ist wenn man moralisch ist – traurige Absage an die Idee davon, der Mensch könnte seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit tatsächlich und effektiv groß entkommen; die Französische Revolution, ihre Agenten und ihr Stimmvieh, unentschieden wandelt sich das Bild rund um Dantons Tod ständig von einer interessanten bis heilsverkündenden Sinfonie der produktiven Heterogenität und Vielfalt unter Menschen und ihrer Ansichten und der einer nihilistischen Kakophonie, der der Dirigent abgeht. Ich studirte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Ach! Das ist jenseits der Frage von Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? – es ist eine nüchterne (feurig artikulierte) Einsicht in den Lauf der Dinge und in den Chaosmos (dem Zusammenspiel von Zufall und Ordnung), den zu erkennen das Höchste, den zu beherrschen unmöglich ist. Es ist eine Einsicht in die absolute Beweglichkeit der Dinge, die bei Büchner korrespondiert in einer absoluten Beweglichkeit der Sprache, die selbst Shakespeare (vor allem aber Goethe) ein wenig unbedarft aussehen lässt. Büchners Sprache ist Fähigkeit zum reinen Denken und artikuliert einen Monolog Gottes, der alle stammelnde Mannigfaltigkeit der Welt beinhaltet. Büchners Sprache legt sich über die Welt. Die Welt ist etwas Subjektives wie Objektives, solipsistisches Abbild im Gehirn einer dennoch unermesslichen und indifferenten Weite da draußen – sie realisiert sich, für uns, in den Verhältnissen, in denen wir zu ihr leben. Satori und Erleuchtung und kosmisches Bewusstsein bedeutet Amalgamierung von Subjekt und Objekt und (Quasi-) Transzendierung von Mensch und Welt hinsichtlich uns allgemein bekannter Formen von Mensch-Welt-Verhältnissen. Im Lenz hat man das in einer höchst produktiven Weise. Den 20. ging Lenz durchs Gebirg … es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlorenen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so nass, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen, er begriff nicht, dass er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunterzuklimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse alles mit ein paar Schritten ausmessen können. Nur manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf, und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner, und dann gewaltig heranbrausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengen, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, sodass ein helles, blendendes Licht über den Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriss, und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm, und kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen und alle Berggipfel scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten, riss es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt in das Moos und schloss die Augen halb, und dann zog es ihn weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog. Überwältigende Wanderungen des wandernden Geistes! Aber es waren nur Augenblicke, und dann erhob er sich nüchtern, fest, ruhig als wäre ein Schattenspiel vor ihm vorübergezogen, er wusste von nichts mehr. Im Lenz hat man das Einheits-Bewusstsein, eine alles durchdringende und einheitliche, demokratische innere und äußere Wirklichkeitserfahrung, die natürlich auch den ungeheuern Riss, der durch die Welt geht, wahrnimmt (schmerzlich), diesen aber durch ihre eigene Intensität ohne weiteres kompensiert (solange das Subjekt gesund ist; wenn es krank wird, hat es dann möglicherweise nur mehr n i c h t s). Ei, in Lenz sind alle Dinge verwoben, man hat die Decke der Welt und das empathische Ergreifen aller Dinge im ultimativen Subjekt, das den Kelch der Welt austrinkt, als unendliche Aufgabe, in einem unendlichen Fest und Bacchanal. Es dehnt sich aus, es zieht sich zusammen, es vergewissert sich seiner Geborgenheit, es vergewissert sich seiner Isoliertheit… es stabilisiert sich von Zeit zu Zeit in reiner, abstrakter Geometrie, die bald wieder zu tanzen anfängt, zu rauschenden Tönen inmitten von Farben, es reitet die Welle. Er durchstrich das Gebirg in verschiedenen Richtungen, breite Flächen zogen sich in die Täler herab, wenig Wald, nichts als gewaltige Linien und weiter hinaus die weite rauchende Ebne, in der Luft ein gewaltiges Wehen, nirgends eine Spur von Menschen als hie und da eine verlassene Hütte, wo die Hirten den Sommer zubrachten, an den Abhängen gelehnt. Er wurde still, vielleicht fast träumend, es verschmolz ihm alles in eine Linie, wie eine steigende und sinkende Welle, zwischen Himmel und Erde, es war ihm als läge er an einem unendlichen Meer, das leise auf und ab wogte. Manchmal saß er, dann ging er wieder, aber langsam träumend. Er suchte keinen Weg. Der Weg zu Erleuchtung und Satori ist bekannt als der weglose Weg. Der weglose Weg reflektiert auch das Blinde des Schicksals und das Elementarische des Lebens, das sich in seiner eigenen Mimesis am Elementarsten realisiert. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist´s gut; wir haben dann nicht mehr zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist, das Gefühl, das was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es und nur selten, in Shakespeare finden wir es und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Goethe manchmal entgegen. Alles Übrige kann man ins Feuer werfen …  Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur … Wie ich gestern neben am Tal hinaufging, sah ich auf einem Steine zwei Mädchen sitzen, die eine band ihre Haare auf, die andre half ihr; und das goldene Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und doch so jung, und die schwarze Tracht und die andre so sorgsam bemüht. Die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon … Nur eins bleibt, eine unendliche Schönheit, die aus einer Form in die andre tritt, ewig aufgeblättert, verändert, man kann sie aber freilich nicht immer festhalten und in Museen stellen und auf Noten ziehen und dann Jung und Alt herbeirufen, und die Buben und Alten darüber radotieren (lt. Duden: „ungehemmt schwatzen“, Anm.) und sich entzücken lassen. Man muss die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen. Büchner ist der Alte vom Berg, der alle Welt überblickt. Dass ein (noch dazu sehr Junger) von einem so hohen Berg aus alle Welt überblickt, ist extrem selten. Dass im 19. Jahrhundert gleich drei solche da waren (außerdem eben: Rimbaud und Lautréamont), ist vielleicht das curioseste von allem. Köstliche Kuriosität!

Lautréamont wird niemals eine historische Persönlichkeit sein. Er steht außerhalb der Literaturgeschichte, außerhalb der Sittengeschichte … Unter einem zu niedrigen Himmel, inmitten der Hast und des Gedränges, fühlt man sich erdrückt wie ein Fisch in einem übervollen Netz; man erstickt an der eigenen Größe. Seltsames Paradox: ein Genie erstickt und fühlt sich endgültig allein und mehr als allein, es fühlt sich verlassen. In seinen Träumen hält es sich für einen Schwimmer, der sich verirrt hat, Hunderte von Kilometern vom Festland entfernt, ohne Hoffnung auf Hilfe. Für ihn gibt es nur die Wogen des Meeres, den unbarmherzigen Himmel und den eigenen Mut… Das Drama spielt sich in seiner eigenen Brust ab. Der Vorhang öffnet sich auf eine Wüste…

Philippe Soupault

„Geniale Intelligenz ist bewirkt durch Reibung der Gewöhnlichkeit am Traum. Büchner war ein großer Träumer, der sich der Gewöhnlichkeit ausgeliefert hat“, so Büchner-Biograph Hermann Kurzke. Die Gesänge des Maldoror von Büchners Intelligenzgenossen Lautréamont gelten als Traumliteratur, als genuine und höchst überraschende Schöpfung außerhalb aller Tradition von einem ca. 23jährigen weitgehenden Unbekannten. Was man da, auf diesen gewaltigen Textflächen hat, sind rationale und durchkomponierte Halluzinationen und Meditationen, Emanation von Bildern, von denen eines ins andere übergeht, einen schönen, demokratischen Strom von unzerreißbarer Textur – abermals das Einheits-Bewusstsein! Sein Verleger (der sich dann doch nicht getraut hat, die Gesänge zu veröffentlichen, die erst zwanzig Jahre später von einem anderen, befreundeten Verleger publiziert wurden) hat den „großen, dunklen, jungen Mann, bartlos, unruhig, ordentlich und fleißig“, für verrückt gehalten, weil so vieles abartige Zeugs – nicht nur Perverses, sondern auch offensichtlich Unsinniges –  bei ihm besungen wurde. Alter Ozean, deine Wasser sind bitter. Ihr Geschmack gleicht genau dem der Galle, welche die Kritik über die schönen Künste, über die Wissenschaften, über alles ergießt. Hat jemand Genie, wird er für einen Dummkopf gehalten; ist ein anderer schön von Gestalt, nennt man ihn buckliges Scheusal. Gewiss, der Mensch spürt gewaltig seine Unvollkommenheit, die er übrigens zu dreivierteln sich selbst zuzuschreiben hat, da er sie derartig tadelt! Ich grüße dich, alter Ozean! „Aber, eben dieser Verstand ist so stark, er hat eine solche Weite, dass er zugleich alle Bewegungen des Unverstandes zu umgreifen scheint und die seltsamsten Abirrungen einbeziehen kann, jene unterirdischen Konstellationen, die ihm als Wegweiser dienen, und die er dennoch mit sich reißt, ohne sich zu verlieren und ohne sie zu verlieren.“ (Maurice Blanchot über Lautréamont) Solcherart waren Geist und Seele des Comte de Lautréamont. Ja, was man bei Lautréamont hat, ist der (absolute) GEIST (in der absoluten Form), der um die Welt und um sich selbst rotiert. Er rotiert um die Rätsel, genauer gesagt, um die Mysterien der Existenz, die er mühelos überblickt, deren metaphysischen Beschränkungen er dabei genauso unterliegt, wie alle anderen Wesen, einschließlich Tieren, Kindern und Ozeanen: Weder ich noch die vier Schwimmflossen des Eisbären im Nordmeer haben das Rätsel des Lebens lösen können. Das Rätsel des Lebens, von noch keinem befriedigend beantwortet oder gelöst, gibt es als Substanz wohl nicht. Gut und Böse gibt es, als Substanz, wohl auch nicht. Was es aber, wie Baudrillard (?) sagt, gibt, ist die Spannung zwischen Gut und Böse! Die ist etwas, was uns beschäftigt und eine Erscheinungsform des Rätsels des Lebens ist. Wenn das Rätsel des Lebens als Substanz nicht existiert, teilt es sich doch über Spannung und Intensität mit, die zumindest vom gespannten und intensiven Geist erfahren wird (Lautréamont sei der Schriftsteller mit der höchsten geistigen Intensität des 19. Jahrhunderts gewesen, urteilt Carl Einstein, unabhängig davon, über ihn).  Die Gesänge des Maldoror sind Meditationen über das Böse und eine traumhafte Phänomenologie des Bösen – bei der dadurch an Schrecklichkeit aber etliches rausgenommen wird, denn auch wenn Träume oft unangenehm sind: gefährlich sind sie ja nie. Eher sieht es so aus, als wie wenn ein betrunkener Gott (der auch in den Gesängen auftritt) auf die Welt blickt und sein Weltauge errichtet. Nach den publikationsmäßigen Misserfolg der Gesänge des Maldoror plant Lautréamont das Gegenteil, dichterische Gesänge des Guten, die aufgrund seines frühen Todes nur in (künstlerisch scheinbar weniger zwingenden, intellektuell teilweise aber äußerst hochstehenden) Fragmenten vorliegen. Mit den Gesängen des Maldoror will sich Lautréamont durch das Böse hindurchschießen, mit dem Folgewerk will er sich durch das Gute hindurchschießen. Im Einheits-Bewusstsein spielt sich der meditative Kampf von Gut und Böse als (erscheinenden) Polen der Existenz und allgemein die Meditation des Welträtsels in äußerster Ruhe und Intensität ab. Albert Camus zeiht ihn der Banalität; der Mensch der Revolte, als den Camus den jungen Lautréamont auffasst, strebe letztendlich nach der eingangs erwähnten Gewöhnlichkeit, dem Konformismus, der Banalität, suche dort seine Heimat. Aufgrund von Weltekel komme er dann mit banalen versöhnlichen Lösungen und Botschaften: „die Menschheit zu trösten, sie als Bruder zu behandeln, zu Konfuzius, Buddha, Sokrates, Christus zurückzukehren … Jedes Genie ist zugleich befremdend und banal. Es ist nichts, wenn es nur eins von beiden ist“. Ich finde nun aber das Gute nicht banal. Menschen, in ihrer Invertiertheit, finden immer wieder das Böse faszinierend, und das Gute schal: wobei es ja in Wirklichkeit das Gute ist, das faszinierend ist, und nicht das Böse. Das Böse ist höchstens faszinierend, indem es eventuell labyrinthartig ist und geheimnisvoll, indem es ränkeschmiedend ist und aus dem Hinterhalt angreift, aber das Böse ist nicht wirklich komplex; das Gute ist komplex, sogar von endloser Komplexität, und es reflektiert auf das Böse umfassender als es vom Pol des Bösen aus umgekehrt stattfindet. Das Gute ist expansiv, das Böse ist kontraktiv. Im Einheits-Bewusstsein spielt sich der meditative Kampf von Gut und Böse als (erscheinenden) Polen der Existenz und allgemein die Meditation des Welträtsels in äußerster Ruhe und Intensität ab. Das Gute, wenn es nicht allein immer nur aus dem Affekt heraus geschieht, sondern konsequent durchdacht wird, ist dem Bösen an Komplexität weit überlegen. Für Gide war Lautréamont, mehr noch als Rimbaud, der „Schleusenmeister der Literatur von morgen“, was man auch zu sehen vermeinen könnte, insofern die Dichtung des Psychopathen Rimbaud, von technischen Raffinessen abgesehen, auf nichts hinausläuft, während die von Lautréamont auf alles hinausläuft und die ganze Welt überschwemmt. Ich grüße dich, alter Ozean! Im Einheits-Bewusstsein spielt sich der meditative Kampf von Gut und Böse als (erscheinenden) Polen der Existenz und allgemein die Meditation des Welträtsels in äußerster Ruhe und Intensität ab. Die Gesänge des Maldoror bestehen aus lauter Bildern, manche sehr, andere weniger plastisch; der Gedankenstrom fließt reißend und unaufhörlich bei Lautréamont, und für immer; Lautréamonts Geist wandert unaufhörlich, und da der eigene Geist auch unaufhörlich wandert, kommt es immer wieder zu unterschiedlichen Bewegungen bei der Lektüre zwischen dem eigenen Geist und dem, der da vor einem ausgebreitet wird; aber das ist gut, denn so kann man immer wieder zurück (speziell) zu Lautréamont; aufgrund seines Reichtums finden da immer wieder zufällige Zusammentreffen von Nähmaschinen und Regenschirmen auf dem Seziertisch statt (die ich z.B. bei der ersten (wiederholten) Lektüre von diesmal überlesen habe, und sie beim zweiten Mal wohl auch nur bemerkt, weil sie von den Surrealisten zu einem geflügelten Wort gemacht wurde (Amadeo Modigliani hatte angeblich immer ein Exemplar der Gesänge bei sich und immer wieder darin gelesen)). Sowohl Lautréamont als auch ich lieben Kinder (als das werdende Gegenstück zum gewordenen Erwachsenen) und den Ozean (Alter Ozean … du bist bescheiden. Der Mensch rühmt sich unaufhörlich und um nichtiger Dinge willen. Ich grüße dich, alter Ozean!). Zu Tieren (die in den Gesängen des Maldoror auch recht häufig vorkommen) habe ich zwar kein metaphysisches Verhältnis, aber ich mag dann, bei der persönlichen Begegnung, Tiere, und die Tiere mögen mich. Kinder und Tiere sind unschuldig, meint auch Tarkowski (der außerdem für sein Naheverhältnis zum Wasser bekannt ist), wobei sie in den Gesängen des Maldoror meistens böse sind (aber das hätte Tarkowski natürlich sofort verstanden (und ich manage die FB-Gruppe „Sociopathic Children“)). Während Büchner an natürlicher Ursache gestorben ist (ansonsten er aber womöglich im Knast verrottet wäre wie seine revolutionären Mitverschwörer, oder in Wahnsinn, Depression und Selbstmord geendet hätte, wenn er älter geworden wäre?), fand man Lautréamont eines Tages tot in seinem Hotelzimmer. Über die Todesursache des 24jährigen ist nichts bekannt, von einer Krankheit dieses jungen Menschen auch nicht, ein Selbstmord ist nicht auszuschließen. Kaum eine biographische Spur hat das einzelgängerische Ultragenie hinterlassen, für das die Erde aber sowieso kein richtiger Platz schien. „War es eine Bekehrung? Suchte er ein Alibi? Wahrscheinlich tauchte er für eine Weile aus dem Ozean seines Unbewussten auf und fand sich auf der Erde nicht zurecht. Vielleicht glich er Baudelaires Albatros, aus einem Element, das ihn trug, auf das Deck des Schiffes gefallen, ohne Orientierung.“ (Wolfgang Koeppen über Lautréamont) Und so gilt Lautréamont als höchst geheimnisvoll. Wenngleich nicht für mich, denn wir sehen uns durch das Einheits-Bewusstsein, das den Schleier der Maja erheblich verdünnt (wenngleich wir, wie gesagt, den metaphysischen Beschränkungen genauso unterliegen wie alle andere Welt). So will ich am Schluss auch noch definitiv erhellen, warum sich Isidore Lucien Ducasse das Pseudonym „Comte de Lautréamont“ wohl zugelegt hat! Der Legende gemäß wird auf Duhamel de Latréaumont verwiesen, einen verwegenen Abenteurer des 17. Jahrhunderts, der eine Verschwörung gegen den Sonnenkönig anzetteln wollte und die Normandie an Holland verkaufen; dass Isidore L. Ducasse den Namen leicht umgedreht hat in „Lautréamont“, scheint der homophonen Doppelbedeutung „l´autre Amon“, der andere Amon, geschuldet: eine Kreatur aus der Hölle also, eventuell auch aus dem Himmel (bei seinen Gesänge des Guten scheint er auf jeden Fall zumindest nicht geplant zu haben, sie unter dem Pseudonym Lautréamont zu veröffentlichen). Dererlei Vermutungen scheinen würdig und recht. Ich muss mich bei dieser guten Gelegenheit jetzt aber gut 25 Jahre zurückerinnern, an meinen Jugendfreund Weißi, als wir bei unseren nokturnalen Touren hin und wieder einen jungen Lehrling aus seiner Firma mitgenommen haben. Das war ein rechter Tollpatsch, der vieles falsch gemacht hat. Also bekam der in der Firma den Spitznamen „Isidor“ verpasst – denn wie sollte ein Tollpatsch, der so vieles immer falsch macht und Fehlerhaftigkeiten ausführt, auf die man gar nie gekommen wäre, dass sie überhaupt möglich sein könnten, darin also stets für Überraschungen sorgt und sogar so was wie eine unfreiwillige Phantasie, wenn nicht vielleicht sogar Genialität beweist, anders heißen als „Isidor“? Dessen war sich Isidore Ducasse wohl bewusst; das Leben teilt blind an jeden von uns seine Karten aus, und aus Scham darüber, dass er jene Karte mit dem Namen „Isidor“ zugeteilt hat bekommen, obwohl er ein offensichtlich so fähiger Mensch war, nannte sich Ducasse dann eben (in seinen anklagenden Gesängen auf die Schöpfung) „Lautréamont“. Fall gelöst. („Yorick“ ist auch ein herrlicher, wenn nicht ultimativer Name für den Hofnarren und Fettnäpfchentreter; der aber hat alles tragikomische Potenzial der Welt, wobei „Isidor“ einfach nur ein entrückter Dummkopf ist. Während ich über Yorick singe, zieht Bruder Isidore sein Ding durch, indem er sich „Lautréamont“ nennt. Der Isidor hat nicht eben die Schwingen des Baudelaireschen Albatros, wohl aber hat die der Abenteurer Lautréamont.)

ADDENDUM 1: Georg Büchner (außerdem: Goethe)

(aus dem Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken, 2015)

Erst vor ein paar Wochen, an einem schönen Sommersamstagabend, hat mich mein Nachbar Oliver Stangl auf Büchner und seinen „Lenz“ aufmerksam gemacht, und zwar beim Café Nelke am Volkertmarkt und zwar, glaube ich, deswegen, weil ich ihm ein bisschen was vom Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken erzählt habe. „Das ist ja so wie bei „Lenz“ von Büchner, wo beschrieben wird, wie ein Dichter in erster Linie mit seinem Wahnsinn beschäftigt ist; Augenblicke geistiger Klarheit hat er nur dann, wenn er über Literatur spricht. Ansonsten wird da nur seine verzerrte, verrückte Wahrnehmung von allem beschrieben.“ Was bedeutet hat, dass ich mir sofort am Montag den „Lenz“ besorgen musste, außerdem den „Woyzeck“. „Dantons Tod“ habe ich erst gestern gelesen, etwas hinzuaddiert zu meiner Ansicht, Büchner sei der Größte der deutschsprachigen Literatur, hat das nicht, es hat eher was subtrahiert, denn wenngleich „Dantons Tod“ das Werk eines großen Genius ist, ist es durchaus kein Meisterwerk, sondern ein grauenhaft schlechtes Stück, wen wundert es, dass es also so populär ist, und übrigens gegenwärtig gerade in Schwechat aufgeführt wird… Es ist wohl gut, dass ich mit Büchner und seinem „Lenz“ also erst vor Kurzem in ernsthafte Berührung gekommen bin, denn sonst hätte sich für mich möglicherweise das Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken erübrigt, das mir, nach der ersten Lektüre von Büchner, bloß nur mehr wie ein sinnloser kreativer Appendix und Wurmfortsatz zum „Lenz“, und nicht viel mehr, erschienen ist. Was dann allerdings doch nicht stimmt, denn um auf Wahrheiten draufzukommen, da muss man schon selber seltsam und unproduktiv denken und leiden, anders geht das nicht, es bleibt einem nicht erspart glücklicherweise im Unglück, unglücklicherweise im Glück, und so wie ich das sehe, könnte das Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken Geist genug erhalten, um künftigen Wahrheitssuchern die eine und andere Orientierung auf rauer See zu bieten, sollte dem so sein, ist mein Sieg vollständig und total; überhaupt hat also nun die Welt neben dem vorzüglichen, allerdings kaum gelesenen „Lenz“ nun auch das vorzügliche, aber ? Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken. Weil gerade Zeit ist und sich außerdem die Gelegenheit aufdrängt, möchte ich vor der Weiterführung des eigentlichen Gedankenganges noch ein wenig bei jenem Sommersamstag von vor ein paar Wochen verweilen. Manche mögen sich vielleicht in dreihundert Jahren fragen, wie ich so gelebt habe. Nun, zu sieben Achteln als denkender Eremit, wie immer in solchen Fällen; wie es bei authentischen und gutmütigen Menschen allerdings auch der Fall ist, inmitten von Freunden und Freundinnen. Den Samstag bin ich mit dem Soko und dem Martin am Volkertmarkt herumgelungert. Der Soko hat mich mal spontan im Xi angesprochen und mich gefragt, was ich so mache. Da ist der „Yorick“ ins Gespräch gekommen, der damals noch nicht veröffentlicht war, 2009 war das. Ich habe dem Soko was daraus zum Lesen gegeben, und er hat mich bestärkt darin, dass das ziemlich gut sei. Der Soko ist ein guter und umsichtiger Mensch, der sich im Kampf für die Wahrheit schon mal auf was einlässt und dafür öfter leider nichts Gutes zurückbekommt, zum Beispiel einen Fussball mitten ins Gesicht von den Türken- und Tschetschenenfratzen, die sich aufführen, wie nur was, und von deren Eltern auch noch darin bestärkt werden; typisches Unterschichtenverhalten, dass allerdings einfach nirgendwo hinführt außer in die Perpetuierung des Unterschichtenstatus. Neulich habe ich ihn, schwer an mir zweifelnd, wie öfter einmal, gefragt, welchen künstlerischen Status der Yorick wohl habe. Ob er zu messen sei an Werken wie denen von Hemingway oder so; der Soko hat gesagt, aber, das könne man nicht vergleichen, der Yorick sei eher so was nach der Art von Joyce. Joyce finde ich, wie schon gesagt, grauenhaft, Hemingway habe ich vor Kurzem zu lesen probiert, „Fiesta“; abgesehen von anderen Versuchen in der Vergangenheit, bin aber kaum reingekommen, es war mir irgendwie zu uninteressant, zu wenig überraschend und hatte zu wenig geistige Intensität, vielleicht ist das alles ein entsetzlicher Irrtum, da aber der Charakter von Hemingway zumindest ein entsetzlicher Irrtum, oder zumindest paradox war, könnte das schon hinkommen. Der Martin findet meine Texte vom Quadrat und der halbzylindrischen Wölbung und dergleichen mehr so toll, sagt er, dass er immer aufhört, Musik zu machen, wenn ich lese, denn er macht immer die Musik zu unseren Trauma-Lesungen. Gegen Abend hat mir die Amanda ein SMS geschrieben, der Franz spiele ein Konzert vorm Café Nelke, wobei der Franz dem Flo zwei Wochen zuvor beide Hände gebrochen hat, weil der Flo sich im Xi im Rausch unmöglich aufgeführt hat, wie öfter einmal, weswegen ihn der Franz gepackt und rausgezerrt hat, sehr gewalttätig, wobei der Flo umgeflogen ist, und sich beide Hände gebrochen hat. – Von einer meiner Lieblingsbands, Napalm Death, gibt es ein „Lied“ mit dem Titel „Continuing War Against Stupidity“. Bei Büchner ist so was nicht notwendig. Bei Büchner hat man das Gefühl, der höchsten Intelligenz gegenüberzutreten, die im Rahmen der deutschsprachigen Literatur überhaupt tätig war, wenngleich ich keinen vollständigen Überblick über die deutschsprachige Literatur habe, nur einen ganz passablen, und innerhalb dieser Perspektive scheint es mir halt so bestellt zu sein. Was man bei Büchner hat, ist die absolute Beweglichkeit der Sprache! Die absolute Beweglichkeit der Sprache, die die absolute Beweglichkeit des Intellekts ist, und die der absoluten Beweglichkeit der Psychose nahe ist. Es erscheint wie ein Wunder, dass sich Büchner so gut in den halbwahnsinnigen Jakob Michael Reinhard Lenz hineinzuversetzen wusste. Es ist aber keines, denn was Büchner in „Lenz“ beschreibt, ist ja nicht bloß die Wahrnehmung eines Psychotikers, sondern des absoluten Intellekts des Omega-Menschen, wenngleich natürlich in seiner krankhaften Erscheinungsform. Der mit allem in der Welt verbunden ist. Der mit der Welt insgesamt verbunden ist, beziehungsweise verwoben. „Lenz“, ein Schreiben, dass den beschriebenen Intellekt weit auseinanderzieht, in alle Richtungen, und ihn schließlich in das Weltgewebe hinein aufsaugt. Aus irgendeinem Grund denke ich an einen Fliegenflügel, so schaut das alles irgendwie aus, ein leicht trüb gläsernes Etwas, ein Schirm, mit Faltungslinien und Adern, das Weltganze, der Weltschirm, in dem der Lenzsche Intellekt aufgeht, eine Ader ist er dann vielleicht, etwas, dass sich aus der scheinbaren Indifferenz des Weltganzen hervorhebt, ohne allerdings vom Weltganzen gesondert zu sein. – Es ist auffällig, dass dem, der gemeinhin als das größte Genie der deutschsprachigen Literatur, wenn nicht überhaupt gilt, Goethe, das nicht so ganz geläufig zu sein scheint, wenngleich ich jetzt kein Experte bezüglich Goethe bin; bezüglich Büchner ja auch nicht, ich komme hier nur mit meiner Intuition daher. Goethes Figuren und Charaktere sind alle einigermaßen komisch, haben keine Vorbildwirkung, und wenn sie eine Vorbildwirkung hatten, dann eine schlechte, so wie der Werther. Wenn sie gut sind, und man Sympathie für sie empfinden kann, so wie für das Gretchen, sind sie harmlos, weltfremd und impotent. Wenn man den „Lenz“ mit dem „Tasso“ vergleicht, so scheint deutlich zu werden, dass Goethe vom „Dichterwahnsinn“ und der schöpferischen Psychose keine Ahnung hat, sein Tasso ist gerade einmal ein Neurotiker. Nur eine Handvoll glücklicher Wochen habe er in seinem Leben gehabt, so Goethe zu Eckermann, der Rest seines Lebens sei ihm wie das Aufwärtsrollen eines Steines nach dem Bild des Sisyphos vorgekommen. Von Extremzuständen im Positiven wie im Negativen ist bei ihm nicht die Rede. Und deshalb (und überhaupt, insgesamt) erscheint Goethe einfach nicht wie ein Omega-Mensch, sondern wie der dauernde Simulant eines Omega-Menschen! In seinem Faust individualisiert sich zwar natürlich die Menschheit, doch ist er einfach nur eine verunglückte Gestalt, ohne, dass es Goethe jemals so zu Bewusstsein gekommen sein dürfte, schließlich ist der Faust ja auch eine Extrapolation seiner selbst. Faust will mit allem verbunden sein, weil er mit nichts verbunden ist, und er ist deswegen mit nichts verbunden, weil er kein guter Mensch ist und keine innere Moral, kein sittliches Ich hat, genauso wenig wie Peer Gynt! Der gute Mensch, der Omega-Mensch hat die Unendlichkeit in sich, und braucht sie daher nicht über so groteske Umwege zu suchen, wie Faust, abgesehen davon, dass der gute Mensch, der Omega-Mensch mit und in jedem Augenblick lebt und in jedem Augenblick präsent ist, und auch glücklich, wenngleich natürlich ganz und gar nicht im landläufigen Verständnis von Glück. Es ist sehr eigenartig, dass Goethe dafür gar keinen Sinn hatte. Weiters nun die absolute Beweglichkeit, die die Sprache Goethes im Gegensatz zu der von Büchner nicht hatte! „Woyzeck“ beinhaltet den umfassenden „Wahnsinn“, die zugrundeliegende Psychose der Sprache, daher des Geistes, daher des Menschlichen, will sagen, das Zusammenspiel von Rationalität und Irrationalität als Grund der Welt, vor allen Dingen eine authentische Form des künstlerischen Ausdrucks der Sprache der sogenannten einfachen Leute. Goethes Ansatz hierzu weist zwar in eine richtige Richtung, die Sache geht aber einfach nicht auf, wie man im Faust in der Auersbachkellerszene sowie in der Walpurgisnacht merkt. Es scheint bei Goethe auch keine wirkliche Sympathie für die „einfachen Leute“ vorhanden zu sein, bloß weitgehende Indifferenz; Goethe hatte kein sonderlich ausgeprägtes soziales Gewissen und keine sonderlich Solidarität mit den Armen und Benachteiligten! – Wohingegen Büchner ein forscher Revolutionär war, mit dem „Hessischen Landboten“ einen politischen Aufruf verfasst hat, der an Kühnheit selbst seinen revolutionären Mitstreitern die Sprache verschlagen hat, beinahe wäre er eingekastelt worden dafür; zu seinem Verdruss waren die unterdrückten Massen für solches Gedankengut gar nicht empfänglich, so dass sich Büchner, zumindest äußerlich wieder davon abgewandt hat, das ist die zweifelhafte Verfasstheit des extrem schnell arbeitenden Geistes. – „Goethe war ein Egoist in ungewöhnlichem Grade!“ – Vom Goetheschen Egoismus, mit dem er die Leute für seine Zwecke eingespannt hat, hat freilich jeder reichlich profitiert, auch waren die Zwecke höhere, das ist allerdings beim Omega-Menschen genauso, wobei der Omega-Mensch allerdings Anti-Egoist sein wird! – Goethe – Ich muss hier einfügen, dass ich mir vor eineinhalb Wochen zum ersten Mal darüber Gedanken gemacht habe, wonach man Genies vielleicht in Genies und Hyper-Genies einteilen könnte. Genies – unter den ganz Großen Marx, Leibniz, Tolstoi oder eben Goethe – verkörpern ein Denken mit positiver Krümmung und errichten geschlossene Systeme (wenngleich mit vielen Öffnungen); Hyper-Genies – Nietzsche, Wittgenstein, Kafka, van Gogh oder eben Büchner – denken negativ gekrümmt und errichten offene Systeme, Meta-Systeme, Stile, die in der permanenten Veränderung des Stils aufgehen. Hyper-Genies haben daher dauernd den Eindruck, dass ihnen ihr Geist davonfliegt, ihr ständig divergentes Denken erzeugt eine dauernde Hyperreflexion, daher die Krisen, daher die Ekstasen. Von ihnen kommen die rätselhaftesten und eigenartigsten, sowie die umfassendsten und profundesten Leistungen der Menschheitsgeschichte. Shakespeare hingegen hat gar keine Krümmung, sein Universum ist flach, außermoralisch. Daher das Problem mit Shakespeare. Den Genies mag er als das höchste erscheinen, als der rätselhafte, sich entziehende Himmel, für das Hyper-Genie hingegen wird er eine Zeitlang eben ein Problem darstellen, da er außermoralisch ist; das Hyper-Genie hingegen sieht in den Menschheitskessel, wie Shakespeare, erkennt das Chaos, und will deshalb Werte schaffen, was Shakespeare nicht tut. – Goethes Poesie war nicht vollständig beweglich, im Gegensatz zu der möglichen Poesie Büchners! Goethes Poesie war eine eigenartige Mischung aus Viereckigkeit und Grazie/Zartgefühl. Ich denke mir einen auf einer Seite ausgelösten Holzrahmen, C-förmig, im Bauch des C sprudeln virtuelle Wellen, teilweise auch über die Beschränkung hinaus, das ist die gute Substanz der Goetheschen Poesie. – Dann die Komik um die Farbenlehre! Auf seine dichterischen Werke bilde er sich gar nichts ein, so Goethe zu Eckermann, das hätten Leute vor ihm gemacht und würden Leute nach ihm machen; dass er aber auf dem so schwierigen Gebiet der Farbenlehre, entgegen der allgemeinen Lehrmeinung, Newton korrigiert habe, beweise ihm seine eigentliche Superiorität. Natürlich braucht auch der Omega-Mensch etwas, das ihn stabilisiert, und natürlich wird sich auch das Hyper-Genie was auf sich einbilden, aber so würde ein solches Exemplar der menschlichen Gattung das auch nicht handhaben. Wenn man das jetzt vergleicht mit Wittgenstein, zum Beispiel, und seiner Bereitschaft zur radikalen Selbstkritik! – „Dichtung und Wahrheit“ habe ich zweimal zu lesen versucht, bin aber ganz und gar nicht weit gekommen. Goethe hatte eine ungeheure Erlebnisfähigkeit, das ist wahr, und die breitet er da, wie mir scheint, voll und ganz aus. Jetzt ist es so, dass eine sehr umfangreiche Darstellung von allem möglichen Gegebenen, oder in der Beantwortung einer Aufgabenstellung, auf eine sehr hohe Intelligenz hinweist. Auf eine noch höhere Intelligenz scheint mir aber hinzuweisen, wenn man sich dann aber wieder ganz einfach knapp, präzise und alles andere als wortreich ausdrückt. Bei „Dichtung und Wahrheit“ wuchert alles, es wuchert einem entgegen, wie das ganze Werk Goethes. Was das Hyper-Genie anlangt, so ist es fraglich, ob es so was wie eine Autobiographie ins Werk setzt, und wenn, dann eher in der Art von Nietzsches „Ecce Homo“. Große Männer gehen allein in ihren Werken auf, meint Otto Weininger. Ja. Nein. Sie werden sich auf jeden Fall hauptsächlich für ihr Werk interessieren. – Goethe hat Kleist nicht verstanden! – Zwar weiß ich nichts über diese Auseinandersetzung und habe Kleist auch kaum gelesen, insgesamt scheint Kleist aber einer von den Omegas gewesen zu sein. Bei Kleist, wie auch bei Grabbe, hatte man auf jeden Fall das Gewaltsame und das furchtbar Irrationale. Goethe war alles Gewaltsame bekanntlich verhasst, deswegen lehnte er auch die Revolution ab, auch konnte er kein Blut sehen und Fäulnis und Tod nicht ausstehen. Beim Hören der Fünften von Beethoven hat er gesagt: „Das ist ja, wie wenn ein Haus zusammenfällt!“ Der Omega-Mensch wird das Gewaltsame und zutiefst Irrationale sehr wohl begreifen, obwohl er selbst lammfromm und gut sein wird; ja, genau deswegen wird er dazu neigen, das Gewaltsame und zutiefst Irrationale als den Grund der Welt anzunehmen, weil er eben von der übrigen Menschheit zu weit entfernt ist, im positiven Sinne. – Jetzt habe ich da mal einiges beisammen, das Wesentliche, was ich zu Büchner und auch zu Goethe sagen wollte, zumindest im Moment. Ich frage mich, warum ich mir solche Impertinentheiten gegenüber Goethe geleistet habe! Nun ja, weil der Blick auf Goethe, von Büchner aus gesehen, sich tatsächlich in etwa so ausnimmt. Büchner muss man sich auch zum Vorbild nehmen, nicht Goethe, das erscheint ganz klar. Bleibt nur noch zu klären, warum Goethe als Universalmensch angesehen wird. Die Omega-Menschen und Hyper-Genies erscheinen zwar beeindruckend, aber irgendwie nicht als Universalmenschen, sondern als sektorielle Intelligenzen, also, irgendwie. Die Antwort auf diese Frage sieht so aus, dass Goethe zwar sehr wohl der Universalmensch ist, die Hypers und Omegas aber der transzendente Mensch.

Die Klassik ist das Gesunde, die Romatik ist das Kranke, so Goethe. Kleist, Grabbe und Büchner sind von nichts ein Anfang. Sie sind nicht einmal der Anfang vom Ende, so Peter Hacks. – Kann man sich fragen, inwieweit Goethe, Dante, Milton etc. die größten Genies sind und als solche gesunde Genies,  Ausdruck einer großen Gesundheit, während Omegas krank erscheinen, überspannt, Übermaß an pathologischem philosophischen Zweifel sie auszeichnet, Übermaß an Subjektivität (folglich (so in den Augen der Normalen zumindest) Exzentrikertum), Nähe zur Psychose. Ich finde die Omegas aber interessanter und in engerem, intimeren Kontakt mit der Wirklichkeit und der Hinter-Wirklichkeit (abgesehen davon dass die Hirne und die Persönlichkeiten der Omegas in der Regel ja recht gut funktionieren). Shakespeare wieder die Wasserscheide. Attar ist größer als Dante und hat die Existenz viel tiefer erfasst und umfasst; Dante scheint im Vergleich dazu oberflächlich (siehe weiter unten)! Goethe ist eine ziemlich konventionelle Persönlichkeit, eine gescheitere Ausgabe von z.B. Zelter oder eben eines Fürsten Ministers. Ein Mensch von höchster Intelligenz, aber nicht von höchstem Genie. Ich frage mich, warum einer wie Nietzsche vor Begeisterung fast seine Füllfeder verschluckt hat, wenn er auf Goethe zu schreiben kam. Obwohl er das eh nicht tat, eher hat er Goethe freundschaftlich zugewunken. Nicht auszudenken, wenn Eckermann auf einen achtzigjährigen Büchner getroffen wäre! Noch weniger, wenn Büchner und Nietzsche (im hohen Alter) aufeinander getroffen wären! Ich finde, über letzteres sollte ich mir Gedanken machen.

Also nein! Nochmal: Was ich mir für Impertinentheiten gegenüber Goethe gestattet habe! Aber es sind Gedanken und Eindrücke, die sich halt mal aufdrängen und es ist dann ja so auch wieder nicht gemeint, Goethe ist ja weiträumig, er enthält Vielheiten. Goethe mag es außerdem verstehen, denn Goethe war ja sehr konziliant. Daher auch der nicht ganz logische Schluss beim Faust. Um echte Tragödien zu dichten, dafür sei er immer zu konziliant gewesen, hat Goethe gemeint. So was finde ich sehr gut. Abgesehen davon, dass wir hier ein Beispiel haben, dass Konzilianz und Herzlichkeit weiter sieht als Logik. „Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, ist ein gutes Schlusswort und überhaupt der Goethesche Faust kein so eindimensionales Kunstwerk wie der Faust von Christopher Marlowe.


Genauso wie Goethe eben keine Ahnung und kein Gespür für den Wahnsinn des echten Lenz hatte, den er verstoßen hat, was man ihm jetzt freilich nicht zum Vorwurf machen kann, denn das ist ein heikles Terrain.

Der junge Beckett bezeichnet ihn nach einer ersten, irritierten Lektüre, als eine machine á mots.

Wie auch der junge Beckett vermerkt hat.

ADDENDUM 2: Lautréamont (außerdem: Modigliani)

(aus dem Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken, 2015)

Wenig ist über Lautréamont, den Verfasser der „Gesänge des Maldoror“, bekannt, der im Alter von 24 Jahren gestorben ist. Die Gesänge des Maldoror sind ein Werk ohne wirkliches Vorbild, eine sehr eigene Leistung. Sie handeln vom Bösen, soll heißen, vom Problem der Moral, und beruhen auf der freien, spontanen Assoziation, sie sind Texte der Nacht, sie sind Sprache der Nacht, und können immer wieder von Neuem gelesen werden, da sie kaum auszuschöpfen sind. Die geistige Intensität ist so hoch, die Texte so dicht, wie bei kaum einem anderen Schriftsteller. In den wenigen Texten, Briefen, Reflexionen, die von Lautréamont vorliegen, kommt, wenig überraschend, ein Mensch der höchsten geistigen Stufe zum Vorschein, der Racine, Corneille und andere der Großen und Größten ohne weitere Umstände überblickt. Modigliani hat (natürlich) sehr viel gelesen, ein Buch hatte er immer bei sich, die traumartigen Gesänge des Maldoror. Man könnte meinen, es sei große Selbstsicherheit notwendig, um neben Picasso von diesem unbeeinflusst zu bleiben, und sein eigenes, scheinbar viel weniger komplexes Ding durchzuziehen, wie Modigliani. Wie herzerwärmend dann aber die Kunst Modiglianis ist, während die Kunst von Picasso das nicht ist! Modigliani hatte viel Liebe und Respekt für seine Modelle, mithin für die Menschen. Gelebt hat er zeit seines kurzen Lebens in Armut. Als er im Alter von 35 Jahren, kurz, bevor er bekannt wurde, gestorben ist, hat sich seine Verlobte Jeanne aus dem Fenster gestürzt, trotzdem die beiden ein Kind hatten. Man ist einfach geneigt, eine so eine Reaktion von Grund auf zu verstehen.

Nachbemerkung: Die Aphorismen, das zweite Werk Lautréamonts, geben deutlich weniger her als die Gesänge. Sie sind halt, so wie die Gesänge, schnell geschrieben, assoziiert, und weniger durchdacht. So wie die Prosatexte Rimbauds, die, meiner Erinnerung nach, auch nicht viel hergeben, trotzdem auch sie das Werk einer ganz außergewöhnlichen Intelligenz ist. Wie vielfältig Intelligenz insgesamt ist! Da assoziieren und kombinieren und delirieren welche, aber es jagt im Großen und Ganzen immer nur ein einfallsloser Einfall den anderen und insgesamt haben sie zwar viel kombiniert, aber wenig gesagt (zum Beispiel James Joyce). Oder aber ihre schönen und beherzten, einzigartigen Spekulationen sind zu einem guten Teil missgeleitet oder falsch (Freud), oder unpraktisch und sinnlos (Lacan). Was jetzt natürlich nur ein begrenzter Einwand gegen Freud, Lacan et al. ist; das Genie ist auch im Irrtum groß, oder zumindest interessant, sowie lehrreich, und wenn schon alles andere nicht klappt, beeindruckt zumindest die Kraft der Gedanken und ihrer Durchführung, erhebt uns in einsamen Stunden, es wird etwas Neues in die Welt gebracht, derjenige, der die sich die Gedanken gemacht hat, verkörpert einen heroischen Lebenslauf et al.


Irritierende Fälle in der heutigen Zeit sind die Schriftsteller E., D. und B., die zwar etwas Geniales an sich haben, in ihren Mitteilungen dann aber ganz schön kraftlos sind. Und vom Stil her akademisch und nicht aus der Tiefe geschöpft. E. verfasst zu seinem ersten Roman ein geniales Vorwort, sowie ein geniales Nachwort, problematisch ist dann halt, was alles dazwischensteht. Alibihandlungen und Ersatzhandlungen. Sonst würden sie ja wohl auch nicht verlegt und gelesen werden, wenn sie echte Gedanken äußern würden. Das ist, so sagen es auch andere, heute nicht erwünscht. Dann würde das Kartenhaus zusammenbrechen.

Die leuchtenden Bilder des Arthur Rimbaud

Michel Houellebecq moniert (in „Unterwerfung“), der große, übergroße Arthur Rimbaud sei „im Experiment“ stecken geblieben. Wenn aber die Intelligenz, die Kreativität, die Spiritualität solche Ausmaße ausnimmt, dass sie jegliches menschliche Maß absolut überschreitet und der Blick auf die menschlichen Verhältnisse scheinbar von irgendwo draußen im Weltall stattfindet, was soll sie denn dann sonst für eine Erscheinungsform annehmen als die des Experimentellen; dem Gegenüberstellen von mannigfachen Perspektiven, dem Einnehmen diverser Zustände, dem Testen von sich selbst, die Entrückung in ihren eigenen Phasenraum, der alle möglichen Zustände eines Systems abdeckt; Weltgeist, der in seine eigene Kontemplation versunken ist, die im Falle des künstlerisch begabten Weltgeistes dann eben die Erscheinungsform einer rauschhaften Kontemplation annimmt: ich nehme meinen Platz auf der obersten Stufe dieser Engelsleiter des gesunden Menschenverstandes ein. Und so fand die Dichtung von Arthur Rimbaud eben ihre Vollendung im „Experiment“. Anders als William J. Sidis, der als Achtjähriger bereits mehrere Bücher geschrieben hatte, mehrere Sprachen gesprochen, und eine gesamte Sprache, Vendergood (eine verbesserte Form von Esperanto, die sich allerdings nicht durchsetzen konnte), entwickelt hatte, formuliert Arthur Rimbaud im bereits fortgeschrittenen Alter von in etwa elf Jahren (es ist ja auch mehr Lebenserfahrung und seelische Reife dafür notwendig) sein Programm von der objektiven Einsicht in das, worum es letztendlich in der Kunst geht: Seher werden! Tief in das Universum zu schauen, um tiefer in seine „Geheimnisse“ einzudringen und, über den Erwerb von Einsicht und Ausdruck, absolutes Wissen zu erwerben. Um Einsicht und Ausdruck zu erwerben, deren Möglichkeiten unendlich sind, gilt es, einen Tunnel zu errichten, in dem die Einsichten und Ausdrücke durch sich selbst hindurchfallen und sich fortwährend transformieren; einem Tunnel, einem physikalischen Wurmloch gleich, der über ein Schwarzes Loch, in das alles reinfällt auf der einen Seite und einem Weißen Loch, aus dem alles heraus muss auf der anderen Seite eine extradimensionale, abkürzende Verbindung zwischen ganz unterschiedlichen Regionen des Universums herstellt; wie Rimbaud es für sich formuliert: Es geht darum, durch die Verwirrung aller Sinne im Unbekannten anzukommen. (Die Leiden sind gewaltig, aber man muss stark sein, als Dichter geboren sein, und ich habe mich als Dichter erkannt.). Das Wurmloch, der Tunnel, in dem sich alles transformiert und umwandelt, ist der abgründige Tiefsinn des Geistes: Zur Zeit jagen mich die ewige Krümmung der Augenblicke und die mathematische Unendlichkeit durch die Welt, wo ich alle bürgerlichen Erfolge ertrage, respektiert wegen fremder Kindheit und ungeheuerlicher Leidenschaften. Das tiefste Gesetz des uns bekannten Universums ist das des Zusammenwirkens von Zufall und Ordnung, und die letzte Einsicht, die man haben kann, ist die vom Chaosmos, und die letzte Ansicht/der letzte Ausdruck, die/den man in der Kunst haben kann, ist die direkte Vision vom Chaosmos: diese hat man im Fanal der Rimbaudschen Dichtung, den „Leuchtenden Bildern“. Die Leuchtenden Bilder offerieren einen herrlichen Blick direkt in den Chaosmos! Das, was den Chaosmos anschaut, ist das Einheits-Bewusstsein, das alle Manifestationen der inneren und äußeren Wirklichkeit gleich umfasst, und das, was ihn reflektiert, ist der absolute Geist in der absoluten Form, dessen Rede Kunst, Philosophie, Wissenschaft und Religion in einem ist. Die Dichtung von Arthur Rimbaud führt uns dort hin! Nach den Leuchtenden Bildern hat Rimbaud zum Dichten aufgehört und wurde zum Wanderer. Man könnte meinen: so schnell hat er sich durch den kreativen Prozess, das Wurmloch hindurchgetunnelt, dass er tatsächlich an einer anderen Seite vom Universum herausgekommen ist, und er die Dichtung so sehr überwunden, dass sie ihm nichts mehr bedeuten konnte: Nicht einmal, dass sie verlegt und allgemein bekannt gemacht wurde, bedeutete ihm, Jahre später, dann noch was (vielmehr hat er es abgelehnt)! Rimbaud war, scheinbar, zu schnell, als das er irgendwo hätte ankommen können. Man könnte meinen, Rimbaud hat sich schnell durch sich selbst hindurchgeschossen, dass er sich verbraucht hat, und das erhöht natürlich das Pathos und das Charisma seiner Figur! Ein Unbehauster, der in der Gegenwart nicht leben kann, auch gar nicht wirklich in Vergangenheit und in Zukunft, sondern in all dem zugleich: Bewohner einer radikal überzeitlichen (oder eben: ewigen) Sphäre! Obwohl die Gegenwart zu dornig für meinen großen Charakter war, ( – fand ich mich gleichwohl bei meiner Herrin, als dicker Vogel, grau und blau, der sich zu den Deckensimsen aufschwang und den Flügel im Abendschatten schleppte), und das kann bei großen Charakteren durchaus der Fall sein; umgekehrt aber auch der Charakter zu dornig sein kann für die Gegenwart: Obwohl ich mich, wie man weiß, bei der Betrachtung von transzendenten Menschen immer gerne dafür ereifere, in ihnen eine transzendente ethische Lebensführung und ausgezeichneten Charakter zu entdecken, scheint Rimbaud meine Vermutung eines absolut notwendigen Zusammenhanges zwischen beiden zu konterkarieren. Wenn man sein Verhalten gegenüber Verlaine und dessen Zirkel betrachtet, hat man, auch unter Berücksichtigung aller künstlerisch-philosophischen Kalkuliertheit der Amoralität als experimentellen Lebensstil, offensichtlich einen boshaften Psychopathen vor sich. Auch das spätere ziellose Herumirren über den Globus lässt sich nur bedingt als Ausdruck der „Unbehaustheit des Genies“ romantisieren; eher hat man da die planlose Rastlosigkeit des psychopathischen Individuums. In z. B. der 500-Seiten-Biographie von Robb tritt einem Rimbaud kaum als fassbares, seelisch definierbares Individuum gegenüber. Und – vor allen Dingen – in seiner Dichtung ist das auch nicht der Fall. Trotz dem Bombardement von Reizen, dem man ausgesetzt ist, steht in den Dichtungen von Rimbaud nicht eben viel drinnen. Die Eindrücke werden nicht vertieft. Die Leuchtenden Bilder stehen – außerhalb aller Dichtung, ja, aber als Art Kreaturen, die intern wenig differenziert sind, so dunkle Kuttenmänner, die da Falten haben. Sie leuchten, aber sie sind dünn und sie flirren in außerordentlichstem Grade. Das erhöht ihr Pathos und ihr Charisma: man kann immer wieder zu ihnen zurück, um versuchen, sie zu entdecken – aber man tut es dann niemals. Die frühen Gedichte wären von wenig Relevanz, wenn sie nicht die frühen Gedichte von eben Rimbaud wären, die neuen Verse und Lieder sind besser, aber man nimmt wenig mit, Ein Aufenthalt in der Hölle ist dann schon wieder jenseits der Dichtung und die Leuchtenden Bilder jenseits dann davon. Eine wahrhaft „exzentrische Bahn“ (Hölderlin) der kreativen Entfaltung! Aber – ironischerweise entsprechend ihrer Intention – : die Leuchtenden Bilder sind zwar sehr breit und füllen den Raum gut aus, aber sie sind auch sehr dünn und zerreißen sogleich. Selten, scheinbar nie, kann was perfekt sein, und bei Rimbaud hat man offenbar – adressierend das Pathos und das Charisma von der volkstümlichen Ansicht von wegen „Genie und Wahnsinn“ – , ein sonderbares Hybrid aus sehr hohem, transzendentem Genie und einem Übermenschen (denn speziell die Leuchtenden Bilder präsentieren die Wahrnehmung des Übermenschen) und einem Psychopathen (also einem Wesen, das auch, gemeinhin, als vom Menschen verschieden und als eigene Spezies gilt, allerdings eine weniger angenehme). O Fruchtbarkeit des Geistes und Unermesslichkeit des Universums!

Ich wiederhole nochmal: Wenn man Rimbaud vorwirft, „im Experimentellen“ stecken geblieben zu sein, verkennt man, dass die Herrschaft über alle Dinge, und die Übersicht über den Phasenraum aller Dinge, eben nur über das „Experimentelle“ möglich ist bzw. über einen Geist, der in seiner Selbstbetätigung eben selbst „experimentell“ wird. Wissenschaft geschieht über Postulieren von Hypothesen, also experimentelle Annahmen, die dann experimentell durchlaufen werden. Kunstwerk ist, im ersten und letzten Sinn, Studie über den Gegenstand der Darstellung oder über sich selbst. Das war zunächst nur eine Studie. Ich schrieb das Schweigen nieder, das Nächtliche, ich zeichnete das Unsagbare auf. Ich bannte Taumel und Rausch. Taumel und Rausch und Unsagbares sind, eventuell, nicht unendlich, markieren aber eine Grenze zwischen der Endlichkeit unserer Verständnisse, und dem, was „jenseits“ dessen liegt, eine Grenze, die vom Grenzgänger durchstoßen wird. Das ist die Aufgabe des Grenzgängers: Grenzen weiter hinaus ins Unbekannte zu stoßen und die Bezirke des Bekannten zu vergrößern. Andere schreckliche Arbeiter werden kommen; sie werden an jenen Horizonten beginnen, an denen er (der aktuelle Grenzgänger, Anm.) hinsank. Das ist die Öffnung in die Unendlichkeit der Zukunft hinein und in den Fortschritt hinein: So legte der Dichter das Maß des Unbekannten fest, das in seiner Zeit in der universellen Seele erwacht: er gäbe mehr – als die Formel seines Gedankens, als die Aufzeichnung seines Weges zum Fortschritt! Wenn das Enorme zur Norm wird und von allen aufgenommen, wird er wahrhaftig zum Vervielfacher des Fortschritts! Der Fortschritt von Rimbaud vollzog sich so schnell, dass er scheinbar innerhalb von wenigen Jugendjahren sich ganz durch die Mysterien der Dichtung hindurchgetunnelt hat; in den äußersten Grenzregionen zuletzt angelangt, jenseits derer es dann eben nichts mehr zu sagen gibt. Diese Sprache wird von Seele zu Seele gehen und alles zusammenfassen, Düfte, Töne, Farben, den Gedanken, der sich dem Gedanken anhaftet und ihn nach sich zieht. Das ist gut, das ist die Basis für das Einheits-Bewusstsein und für die wahre Erleuchtung. Rimbaud war so gut, dass er alles gleichzeitig gesehen hat, und daher nur mehr schwer von anderen erkannt werden konnte: Ich zeigte euch unerhörte Reichtümer. Ich verfolgte die Geschichte von Schätzen, die ihr gefunden. Ich sehe die Folgen! Meine Weisheit wird ebenso verachtet wie das Chaos. Rimbaud, das transzendente Genie und der große Abenteurer – der Unbehauste. Entsprechende geistige und kreative Fähigkeiten legen Unbehaustheit ihres Trägers in dieser Welt nahe. Ein Studium der Biographie Rimbauds legt aber vor allem nahe, dass es sich bei Rimbaud (neben den entsprechenden positiven Charakteristika) um einen Psychopathen gehandelt haben könnte. Psychopathen sind gefühllos, bösartig/boshaft, rastlos, irrational, planlos und leben aus dem Augenblick heraus, und hinter einer eventuell interessanten bis faszinierenden Fassade haben Psychopathen wenig echte Persönlichkeit und erst recht nicht so was wie „Seele“. In der Dichtung von Arthur Rimbaud frage ich mich aber auch, wo genau die Seele ist. Die Seher – Briefe des Kindes sind von einer unglaublichen intellektuellen Solidität, und alles andere auch (auch als umtriebiger und hellsichtiger Geschäftsmann in Afrika ist Rimbaud eher an der trägen Umgebung gescheitert) – aber es steht halt mal ziemlich wenig in all dem drinnen. Weiters – auch wenn Rimbaud-Biograph Robb nahelegt, Rimbaud habe zum Dichten aufgehört, weil er nach der Verhaftung von Verlaine (seinetwegen) niemand mehr hatte, mit dem er vernünftig poetisch hätte kommunizieren können – ist die Gleichgültigkeit von Rimbaud gegenüber seiner Dichtung unheimlich; er scheint etwas so Wertvollem keinen Wert beigemessen zu haben, und das, in was er sich in seiner Jugend hineingesteigert hat – „Seher“ zu werden und übernatürliche Kräfte erwerben. Und siehe! ich muss meine Phantasien und Erinnerungen begraben! Dahingeweht, der schöne Ruhm des Künstlers und Erzählers! War ihm die ganze Unternehmung nur ein ephemerer Zeitvertreib, der beim Kind und beim Psychopathen immer wieder von neuen Zeitvertreiben abgelöst wird? Übernatürliche Kräfte erwirbt man, ganz einfach, – oder zumindest ich tue das –, indem ich zum Beispiel da meinen Finger an die interessante zinnoberrote Häuserwand halte. Dadurch bildet sich ein Komplex, eine Assemblage, die mächtiger ist als das, was vorher war und was Neues, ich ist reduziert und ist dann ein anderer, und man hat übernatürliche Kräfte erworben. Das hätte Rimbaud natürlich sofort verstanden, aber konnte er es auch leben? Ich liebe einfältige Zeichnungen, die Gesimse über den Türen, Bühnendekorationen, die Zelte der Gaukler, Wirtshausschilder, bunte Bilder fürs Volk; die aus der Mode gekommene Literatur, das Latein der Kirche, erotische Bücher mit fehlerhafter Rechtschreibung, die Romane unserer Großväter, Feenmärchen, Büchlein für Kinder, alte Opern, harmlose Kehrreime, naive Melodien. So weit, so herzig. Alte, kindliche Seele! Aber wie alles andere auch wird das zwar mannigfach aufgezählt, aber nie vertieft, was da sein sollte, wenn man eben ein tatsächlich tiefes Verhältnis zu naiven Melodien et al. hat. Die Leuchtenden Bilder sind sinnlos, wirr und ephemer. Man ist (heute) geneigt, den dicken Polizisten auszulachen, der Rimbaud mitgenommen hat und über ihn geurteilt: Rimbaud sei ein außerordentliches Individuum, er könne Verse machen, wie kein anderer – nur seien diese Verse völlig unverständlich. Aber das sind sie ja auch! Man ist natürlich geneigt zu meinen bzw. sich vor lauter Schreck unter den Tisch zu flüchten; von wegen, einen so großen Geist kann man unmöglich dechiffrieren, was er da gemeint hat – ich allein habe den Schlüssel zu dieser wilden Schau – ICH aber, ich bin (ein andrer und) Rimbaud intellektuell und an poetischer Begabung gleichrangig, stehe dabei aber seelisch viel höher, und kann mir daher, eventuell, ein Urteil erlauben. Und mein Urteil ist also gespalten: Rimbaud ermöglicht uns einen Blick in den Chaosmos, aber sein Chaosmos hat keine Substanz. Der Blick in den Chaosmos ermöglicht die Herstellung des Einheits-Bewusstseins – wenn Geist und Seele vereint sind. Bei Arthur Rimbaud hatte man ein Missverhältnis zwischen Geist und Seele. Er begreift die Dinge zwar mit unerhörter Leichtigkeit, aber inwieweit er sie auch ergreift, scheint gar schwer auszumachen. Und so fand die Dichtung von Arthur Rimbaud eben ihre Vollendung in der Verwirrung der Sinne (nicht in der Erlangung des Einheits-Bewusstseins und einer produktiven Vision vom Chaosmos, welche die Herrschaft über die vier Himmelsrichtungen ermöglichen und über das Heideggersche Geviert). So ist das dann eben, wenn Ich ein Anderer ist. Und so ergibt sich, dass meine Vermutung, dass Geist und „Seele“ zusammenspielen müssen, sie voneinander getrennt nur bedingt was ausrichten können, offenbar korrekt ist. Und das ist nicht nur sehr gut; es ist auch alles, was mich interessiert. Kunst, die Schönheit, die Wahrheit, das Gute, interessieren mich, in Wahrheit, nicht. Was mich interessiert, ist dass meine Theorien richtig sind. Was mich interessiert, ist dass ich mich ausbreiten kann, Raum einnehmen (eventuell auch den anderen wegnehmen), indem ich Theorien aufzustellen imstande bin, dadurch meine eigene Stärke fühle, die dann verunendlicht wird, indem festgestellt werden muss, dass meine Theorien stimmen. Oder auch nicht einmal, dass es sich dabei um Theorien handelt, also um Orientierungshilfen und objektivierbares Wissen für andere, eigentlich ist es zunächst und vor allem wichtig, dass etwas sich als richtig herausstellt, nur weil ich es einmal gesagt habe. Dass etwas richtig und wichtig ist, nur weil ICH es gesagt habe, ist alles und das einzige, was mich da anficht und interessiert.

Ich hasse jetzt die mystischen Überschwänglichkeiten und die Verschrobenheiten des Stils.

Jetzt kann ich sagen, dass die Kunst eine Dummheit ist.

(Die) Unsere großen Dichter (unleserlich) ebenso leicht: die Kunst ist eine Dummheit.

Gepriesen sei Güte.

Die Unnatur des Heinrich von Kleist

In „Poesie und Nichtpoesie“ versammelt Benedetto Groce in einer Zeit, in der es mit der Literatur und ihrer Kritik noch anders bestellt war als heute, vor gut hundert Jahren, Essays über zwei Dutzend Dichter und Literaten des 18. und 19. Jahrhunderts, und (neben Werner) ist es Heinrich von Kleist, der am schlechtesten dabei wegkommt. Groce verübelt Kleist, dass er den Gegenstand der Dichtung – die Leidenschaften – zwar durchaus gekannt hat, sie aber scheinbar nicht im Zaum halten und sie reflektieren konnte – dass er daher auch nicht über sie triumphieren konnte und nicht den eigentlichen Zweck der Dichtung erreichen: das sittliche Ideal zu errichten. Heute ist man viel eher geneigt zu feiern Kleist als Ahnherr des psychologischen Dramas, Menschenkenner und Metaphysiker, der Ahnung hat von einer gewichtigen Eigenschaft der Welt, die da in ihrer Instabilität und in ihrer Verhängnishaftigkeit liegt. Ja, bei Heinrich von Kleist hat man diesbezüglich schon eine Angefülltheit mit Raffinessen, dass es einen umhaut! Das Käthchen von Heilbronn, das stark/schwach, unbeirrt/somnambulent ihrer reinen Liebe folgt – zu einem unsympathischen Adeligen, der eher das männliche Ebenbild seiner/ihrer Antagonistin Kunigunde ist (oder aber auch an Kleists frühe Geliebte Wilhelmine von Zenge erinnern mag, mit der Kleist (möglicherweise auch unter dem Eindruck seiner latenten Homosexualität) ziemlich eigenartig umgegangen ist)! Adam, der mit Eve rücksichtsvoller spricht als der ungehobelte Ruprecht! Das Genie der Tat (Robert Guiskard), das, Napoleon gleich, kurz davor steht, eine tiefe Schneise in die weltgeschichtlichen Verhältnisse zu ziehen und sie signifikant umzupflügen, kurz davor aber qualvoll von der Pest niedergerafft wird und mit seinen Mannen einigermaßen sang- und klanglos verschwindet! Hermann, an dem sich die Unterschiede zwischen Recht und Unrecht, Zivilisation und Barbarei und, vor allem, Altruismus und Egoismus einebnen, im Rahmen einer schicksalshaften Konstellation, die nur mehr einen weitgehend moralfreien Dezisionismus zulässt (Ist man für die Römer? Oder gegen sie?)! Der Prinz von Homburg, der entweder in einer höheren (und extrem sozialen und geistesgegenwärtigen) Trance ist, oder in einer niedrigen (und selbstbezogenen), der Held ist, Feigling, Opportunist, der die Umstände umwirft und die Wellen bricht und dann wieder von ihnen umgeworfen wird und beinahe gebrochen! Götter, die mit Menschen eher schlecht als recht kommunizieren können und Götter- und Menschenwelten, die sich eventuell gegenseitig kaum was angehen und bei denen das Trennende über das Gemeinsame und Verbindende überwiegt – ach! Die entrückten Opfer der heiligen Cäcilie, die in einer Art Stupor leben, nachdem sie das Licht Gottes gesehen! Nicht zu reden von den extrem unheimlichen Verwandlungen (?), die diverse der Figuren im Kleistschen Kosmos durchmachen, um von unauffälligen oder gar gutherzigen Zeitgenossen plötzlich in Monster zu mutieren. Kleist ist als metaphysischer Künstler sehr groß, denn er sieht hinter das Wesen aller Dinge und wirft zeitlose, transhistorische Bilder. Auf einem so hohen Niveau der Abstraktion und des Begreifens arbeiten gar wenige. Gar viel hat Kleist verstanden. Kleist hat den Höheren Frieden verstanden, er hat den sicheren Weg des Glücks zu finden verstanden (weniger aber, auch unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn zu genießen), und er hat das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt gelesen (Über das Marionettentheater); er hat auch somnambulent fremdgesteuerte Wesen der Liebe oder der Verklärtheit über sich selbst verstanden und Wesen des Hasses, der Rache und der Gewalt, von denen man nicht weiß, ob sie außer sich sind oder eben völlig bei sich. Er hat die Welt umrundet. Das ist allerdings nicht eben ein Kunststück, sondern es ist das, was das Genie eben tut. Der Stammtischbruder versteht (hin und wieder) den gesamten Umfang der Existenz ja auch, aber flach und unbeeindruckt; sogar der Intellektuelle tut das, wobei er sich meistens aber vor lauter großem Schreck unter den Tisch flüchtet, wenn er sich mit Manifestationen der Wirklichkeit konfrontiert findet, die ihm nicht in sein Weltbild passen: das Genie hingegen tritt dem gesamten Existenzkreis (intellektuell) unerschrocken gegenüber und lässt nichts unter den Tisch fallen. Allerdings fragt man sich auch immer wieder, inwieweit Kleist all das eben auch tatsächlich verstanden hat; sich vom höheren Frieden ein seelisches Abbild machen konnte, und von den leidenschaftsgesteuerten Wesen seiner Imagination ein intellektuelles…. Auf jeden Fall aber fällt bei Kleist die Leichtigkeit auf, mit der er seine Bahn um den gesamten Existenzumfang und um die Gesamtheit der menschlichen Verhältnisse zu ziehen imstande scheint, Wesen wie die Penthesilea einschließend, die auch für Goethe zu fremdartig und unverständlich erscheinen. Kleist war nicht allein ein Genie, er war einer der ultrakomplexen Menschen. Das Innere der ultrakomplexen Menschen ist der unendliche Saal der Spiegel, wo sich alles in allem spiegelt! Wieland bemerkt weiland „unter mehrern Sonderlichkeiten, die an ihm (Kleist, Anm.) auffallen mussten … eine seltsame Art der Zerstreuung, wenn man mit ihm sprach, so daß zum Beispiel ein einziges Wort eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn, wie ein Glockenspiel anzuziehen schien“, sowie „daß er bei Tische sehr häufig etwas zwischen den Zähnen mit sich selbst murmelte und dabei das Air eines Menschen hatte, der sich allein glaubt oder mit seinen Gedanken an einem andern Ort und mit einem ganz andern Gegenstand beschäftigt ist“. Hell yeah, die ultrakomplexen Menschen! Das Gute an der Ultrakomplexität (oder Allumfassenheit) ist der höhere Frieden in seiner höchsten Form, insofern sie ihre gesunde Vergegenwärtigung in der Weißen Hütte hat, in der Dichotomien nicht mehr existieren und alle Inhalte (äußerer oder innerer Natur) nur mehr, eventuell, Kräuselungen in einem angenehmen, strahlenden weißen Licht darstellen. Das ist das Reich des absoluten Friedens. Selige Öde auf wonniger Höh` (Wagner, Siegfried, Dritter Aufzug, Dritte Szene). Das schlechte ist, wenn sich durch die Ultrakomplexität die Widersprüche und Konflikte potenzieren, was vor allem der Fall sein mag, wenn der ultrakomplexe Mensch auf eine unterkomplexe, sehr simple Welt trifft, die für solcherlei Raffinessen wenig Verständnis aufbringt. Wenn er nicht stark ist, kann der ultrakomplexe Mensch da zerschellen. Vielleicht kann das Problem des ultrakomplexen Menschen aber auch in ihm selbst liegen, denn natürlich sind sich auch die Ultrakomplexen nicht alle gleich, und natürlich haben sie auch ihre individuelle Psychologie. Komisch ist, dass ich, wenn ich auf Kleist schaue, immer ein dunkles Grün sehe (das bestenfalls links oben von einem dunklen Schwarz begrenzt wird). Die Ultrakomplexität schimmert meistens in unendlichen Farben – bei Kleist sehe ich aber tatsächlich immer nur dieses tiefe, dunkle, monochrome Grün (bestenfalls eben teilweise begrenzt von (annähernd) schwarzem Rand). Ach! Das ist dann schon unheimelig. Wenn Groce vorschlägt, in Kleist einen zu sehen, der von momentanen Leidenschaften beherrscht war, die er sehr differenziert (weniger aber reflektiert) zu beschreiben wusste, und die der Anfang und auch das Ende seiner Dichtung waren, kann er teilweise schon recht haben, denn man hat bei Kleist schon eine gewisse Morbidität, die vielleicht weniger in der Extremität der geschilderten Leidenschaften liegen mag, sondern in einem offenbaren Fehlen ihres inneren Zusammenhanges. Bei Dostojewski hat man da einen leuchtenden Feuerkreis, der alles zusammenhält, und alle Figuren leuchten und treten hervor, bei Kleist hingegen wirken sie alle irgendwie eingefallen. Bei Kleist stehen die Charaktere (von (etlichen) Ausnahmen abgesehen) immer mindestens 10 Meter auseinander; bei Shakespeare hat man auch eine nebelhafte Welt und einen gasförmigen sittlichen Zusammenhang, aber bei ihm haben die Figuren durchschnittlich nur immerhin einen Abstand voneinander von gut zwei Metern; ja, eigentlich wirken sie überhaupt wie ein unauflöslicher Knäuel ineinander amalgamiert, wenn ich mir das jetzt eben zu vergegenwärtigen suche: bei Kleist sind es aber eben durchschnittlich zehn Meter; seine Welt ist so nebelhaft, dass man immer den Eindruck hat, man würde durch sie hindurchfallen. Wenn man keine entschiedene Position bezieht und skeptisch bleibt, ist das gut (und zumindest für den Philosophen auch allein angemessen), wenn man sich aber auf Positionen, auch zur Not, nicht festlegen kann, ist das schlecht, und scheint ein Hinweis, dass man sie eben gar nicht wirklich verstanden hat. – Der Ausdruck von Kleist ist einzigartig und unnachahmlich, aber er verursacht mir ein gewisses Unbehagen: Und zwar immer dahingehend, ob es auch der richtige Ausdruck ist! Das mit der eindeutig genialen Dichtung geht so: Man hat da den Kessel und undifferenzierten Quasi-Hintergrund der Imagination und als starre, robuste Formationen die Sätze und Wortflächen, in sich selbst solide gebunden und von äußerster Stabilität im (Quasi-) Vordergrund; sie mögen gleichsam als Protuberanzen aufsteigen oder über so Stangen mit dem Feuerkessel verbunden sein; es gibt da eine Verbindung, wenn nicht gegenseitige Verwachsenheit: Das dynamisiert dann die Sprache und das Bild, für immer und in alle Ewigkeit. Das Spiel und das ständige gegenseitige Verweisen von Motiv (dem Ausdruck) und Hintergrund (der Ausdrucksfähigkeit): das ist das Unendliche, das man in der genialen Dichtung hat. Ewiges Spiegeln und Ineinanderversenken der Welten und Hinterwelten. Bei Kleist hat man das recht eindeutig; ja, man hat trotz erzerner Starrheit und Solidität eine galoppierende Sprache, wie es Deleuze bei Kleist in etwa feststellt. Kleist galoppiert uns immer davon, und wir jagen ihm nach und werden nicht müde dabei. In der Prosa (speziell seiner Novellen) sehe ich einen schönen Strom, in dem sich fortwährend kleinere Wirbel bilden. Groce, der da moniert, die Novellen von Kleist wirken wie die Erzählung von Anekdoten, eine bloße Aneinanderreihung von Fakten habe man da, ohne literarische Ausschmückung bzw. Aufarbeitung bzw. Verwandlung, da Kleist die Gestaltungskraft fehle. So einfach kann man sich das nicht machen, und man kann sogar jubilieren, dass in Kleists Novellen die übertriebene „literarische“ Geschwätzigkeit fehlt, die man bei anderen ja genug und übergenug hat; allerdings wirft Groce da schon wieder eine Nuss hin, die man nicht so einfach knacken kann. Noch einmal und zusammengefasst: ist es sehr gut, wenn man im literarischen/künstlerischen Werke das Ineinanderversenken zwischen tatsächlichem Ausdruck (im Vordergrund) und dem Hinter/Untergrund/Schoß der Imagination hat, zwischen der Gestaltung und der Gestaltungskraft; das dynamisiert alles, das macht es ewig, das sind die „Tiefen“ – aber bei Kleist frage ich mich doch immer wieder, ob man die betreffende Stelle, oder das gesamte betreffende Stück nicht ganz anders hätte schreiben können, oder, mehr noch, hätte schreiben sollen! Verfluchte Unentscheidbarkeit! – Dass Amphitryon ein Lustspiel sein soll, ist mir erst aufgefallen, als ich das nachher im Nachwort explizit so definiert gesehen habe; den zerbrochenen Krug habe ich jetzt drei Mal gelesen (um ihm endlich ganz folgen zu können), gelacht habe ich noch immer nicht, obwohl der zerbrochene Krug ja als das deutsche Lustspiel Nr. 1 gilt; da können wir Österreicher möglicherweise wieder sagen: Jaja, die Deutschen und der Humor; ei, da haben wir Österreicher den Deutschen was voraus und wir haben auch den „Villacher Fasching“; wenn Groce sagt, der Humor von Kleist sei rein intellektualistisch, hat er wohl recht; die Stücke von Moliere sind immer wieder tatsächlich sehr komisch und sie sind eine gute, hervorragende Schule für die Menschenkenntnis; die metaphysische Weite von Kleist haben sie aber nicht, und metaphysisch bestimmt wird der Mensch bei Moliere eher nicht – bei Kleist aber eben schon! Natürlich sind weder der Amphitryon noch der zerbrochene Krug tatsächlich Lustspiele, sondern sie werfen die Frage auf Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? – ohne sie jetzt allerdings tatsächlich zu beantworten; diesem allsehenden Auge/Auge Gottes, das da errichtet wird und in den Weltkessel blickt, fehlt irgendwie dann eine Teilhabe (oder so; irgendwas fehlt aber irgendwie, oder scheint (irgendwie) zu fehlen). Der zerbrochene Krug ist groß, ja; eine Ellipse, deren Brennpunkte ein volkstümlicher Schwank einerseits und die letzten Rätsel der Welt und die Mysterien der Schöpfung andererseits sind; und, um bei geometrischen Metaphern und Veranschaulichungshilfen zu bleiben, hat man bei Kleist ein negativ gekrümmtes Universum, bei dem alles ins Unendliche und Unbekannte und ins Sich-Entziehende flieht. Aber eben: beim größten deutschen Lustspiel – hätte ich mir was anderes erwartet. Am Anfang vom zerbrochenen Krug hat man Dialoge, die das seltsamste von der Welt sind – und zwar AUCH wenn man in Betracht zieht, dass „die wahrheitsbildende Kraft der Sprache“ (Günter Blamberger) dort zerbrochen sei, und AUCH wenn man das mit der allmählichen Verfertigung von Gedanken beim Reden in Betracht zieht (was ich von mir aus recht gut kenne, aber, wie mir scheint, vor allem im Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken (und vor allem in meiner ersten Kurzgeschichte, der vom Quadrat, besser bildlich dargestellt habe). – Aufgrund des wandernden Geistes oder auch der Unkonzentriertheit, die einem Mangel an geistigen Fähigkeiten entspringt, hat man immer wieder Mühe, Theaterstücken oder auch Abhandlungen über Spezialgebiete der Differentialgeometrie zu folgen. Zumindest ich habe bei Kleist erhebliche Schwierigkeiten gehabt, seinen Dramen zu folgen, und sie mehrmals lesen müssen um sie, natürlich unter Heranziehung diverser Sekundärliteratur, einigermaßen zu verstehen und ihnen folgen zu können. Komisch, wie man bei ihm schwafelnde Umständlichkeit ohne viel Aussage hat, und dann wieder entscheidende Hinweise in einen Halbsatz verpackt, der unter seinen Kollegen keineswegs hervorragt – so wie, eventuell, im (sogenannten) richtigen Leben, aber eben auch, und dann auch wieder, nicht. Ist das eine Stärke? Ist das eine Schwäche? Man weiß es nicht. – Goethe hat sich bekanntermaßen über die „Unnatur“ des Heinrich von Kleist ereifert, und Kleist wollte Goethe zum Duell fordern. Man hat bei Kleist eine ausgeprägte Ruhmsucht, Unstetigkeit (möglicherweise nicht allein des Genies, dem die Welt immer wieder zu eng wird, sondern als etwas Grundsätzlicheres), hohe Empathie und dann wieder erschreckend niedrige Empathie, man hat die unintelligenten Provokationen im Phoebus u. dergl. mehr. Man ist heutzutage leicht geneigt, Goethe für eine Art Tattergreis zu halten, dem immer wieder entscheidende Hinweise entgangen seien – aber ich, ICH, will, nachdem ich in der Vergangenheit darauf hereingefallen sein mag, dieser Versuchung nicht mehr so einfach erliegen! Wenn die Zeitgenossen losprusten, wenn Goethe zum Beispiel urteilt: Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis der höheren Bildung bleiben! Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur Kuriositäten; es ist sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt zu machen; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten; so werde ich weitgehend schweigsam und nachdenklich bleiben (denn etwas anderes als eine düstere Herdenmenschencultur haben die Chinesen oder die Inder oder die alten  Ägypter ja bis auf den heutigen Tag nicht zustande gebracht). So ist das, was Goethe bei Kleist als „Unnatur“ wahrnahm, bei heutigem medizinischem Wissen möglicherweise (wie Günter Blamberger zur Debatte stellt) eine narzisstische oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung gewesen, an der Kleist gelitten haben mag und die dann in Verbindung mit der Anomalie des Genies und dessen grundsätzlich enorm gesteigerter Wahrnehmung und intensiven Innenlebens die eigenartigsten, und letztendlich kaum entwirrbaren, Erscheinungsbilder abgegeben hat. Was hätte Kleist an Werken wohl noch von sich gegeben, und wie wäre er und seine Entwicklung zu interpretieren, wenn er ein so ansehnliches Alter wie Goethe erreicht hätte? Genau kann man das freilich nicht sagen, da Kleist ja gleich wieder gestorben ist; wenige auch der hohen Genies erreichen einen Grad abgründiger Tiefe vor ihrem fünfunddreißigsten oder vierzigsten Jahr – die „abgründige Tiefe“ wird erreicht, wenn der Adler in den Abgrund des Abends fliegt und, gemeinsam mit einem hellen Morgen, hinten wieder aus dem Abgrund aufsteigt, nachdem er die Welt umrundet hat – natürlich gibt es auch Frühvollendete (die dann möglicherweise sich nicht mehr nur nicht mehr weiter entwickeln sondern „ausbrennen“), und vielleicht war ja Kleist auch ein Frühvollendeter, der am Ende seiner „exzentrischen Bahn“ (Hölderlin) angelangt ist; vielleicht ist es ja so, dass wir mit dem vierunddreißigjährigen Kleist dann eben auch den ganzen Kleist vor uns haben: vielleicht, vielleicht (ja, das würde einer schon gern wissen!) (und, auch wenn ich mich anstrenge: sehe ich bei Kleist nach wie vor immer nur ein dunkles Grün, eventuell teilweise von einem schwarzen Viertelrund begrenzt). Bei Goethe hat man das Architektonische, die Stabilität, das Ideal; bei Kleist die Bewegung des Unterlaufens; und beide waren eventuell ein bisschen zu sehr in ihrem eigenen Stück gefangen, somit also naturgemäß Antipoden. Den Eisernen Ring, der die Welt zusammenzuhalten imstande ist, schmiedet man aber über beide Bewegungen gleichermaßen. Durch die Stabilität, das Errichten, das Ideal sowie das Unterlaufen von alldem, um erneut, und ohne Sterilität, errichten zu können und Ideale glaubhaft revitalisieren zu können. Sowohl Goethe als auch Kleist haben die Welt umrundet. Aber beide haben sie nicht überschritten. Goethe hat es sich in der Welt gut eingerichtet, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute; Typen wie Kleist (oder Baudelaire oder Nietzsche) sind dem jeweils zeitgenössischen Bildungsphilister unheimlich, er kann sich in ihnen nicht selbst erkennen, sie werden (wie Amanshauser vermutet), womöglich immer wieder von Neuem zu Lebzeiten von ihm nur in die Gosse getreten. Ewige Wiederkehr des Gleichen und Amor Fati und Manche werden posthum geboren. Symboltriefende Rätselhaftigkeit des Heinrich von Kleist in der Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Welt. Endlosschleife? Möbiusschleife? Die Welt ist stark, und das Genie ist schwach. Allerdings ist das ja gar nicht so, vielmehr ist es die Welt, die schwach ist, und das Genie, das stark ist! Das Genie hebt die Welt aus den Angeln, da das Genie eben stärker als alle Welt ist: so sagt das auch Kierkegaard in Der Begriff Angst. Da allerdings auch das Genie, wie auch die Welt, dem Schicksal unterworfen ist, und das Schicksal mächtiger ist als alles andere, da blind und dumm, kann das Genie (und, wie man fairerweise dazusagen sollte, die Welt) Angst haben vor dem „Schicksal“, eventuell Angst vor dem Schicksal, verkannt zu werden und letztendlich nutzlos zu bleiben; diese Angst kann das Genie in den Selbstmord treiben. Auch eben nicht die Stärke, sondern die ewige nervtötende Schwäche der Welt mag das Genie dazu bringen, sich aus der Welt zu verabschieden. Normalerweise wird das aber nicht der Fall sein; jeder Mensch, und erst recht jedes Tier hat sein Kreuz zu tragen, und ganz so schlimm ist es ja meistens nicht. Kleist hingegen hat behauptet, seine sei die „qualvollste Existenz, die je ein Mensch geführt hat“. Hm. Was ist dann aber erst die Existenz von Kurt? Wenn der äußere Reichtum fehlt, hat man da immer noch den inneren Reichtum; wenn die äußere Freiheit fehlt, hat man immer noch die innere Freiheit: und die inneren Reichtümer und Freiheiten sind dabei die eher wichtigeren. Im Zusammenhang mit seiner unsicheren materiellen Situation, seiner dauernden Erfolglosigkeit, seiner hartherzigen Familie und seinem scheinbaren Schicksal, zu einem ständigen glorreichen Scheitern verurteilt zu sein, in allem, was er in Angriff nimmt, und trotzdem er es ja gut ausführt, kann schon sein, nicht nur, dass es Kleist irgendwann gereicht hat, sondern dass er all das als ungeheure Kränkungen wahrgenommen hat, infolge einer irgendwie pathologischen inneren Struktur, die er mit Penthesilea oder Michael Kohlhaas (oder Congo Hoango, oder dem Bettelweib von Locarno, oder Piachi, oder dem Vater der Marquise von O… ….) zu teilen schien, und die die andere Seite seiner, ebenfalls psychologisch nicht eben stabilisierenden, übertriebenen Ruhmsucht gewesen sein könnte. Im Selbstmord, dem er mit kindischer, ausgelassener Heiterkeit entgegengegangen ist, hat er dann nicht nur seine innere Freiheit wiedergefunden, gegenüber dem verhängnisvollen Monstrum Welt, sondern eventuell auch eine Möglichkeit, es der Welt heimzuzahlen (neben einer Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen und sich für die Nachwelt dauerhaft interessanter zu machen). Aus einem Mangel an organisiertem und robusten Selbst hat sich Kleist also (eventuell) erschossen, aus ausufernder Komplexität bei gleichzeitig fehlender innerer Zusammenhaltigkeit (wenngleich mir Kleist da möglicherweise durchaus was voraushat, und ich, wenn ich wüsste, wie Neid sich eigentlich anfühlen würde, eventuell auf Kleist sehr neidisch sein könnte, denn aufgrund meines starken Selbst, meinem extrem festen Haften an der Welt und meiner seelischen Verbindung mit dem Weltgeist, scheint es mir letztendlich dann nicht  möglich, Selbstmord dann auch tatsächlich auszuführen, weswegen ich mich dann immer der Perspektive der Qual eines weitgehend sinnlosen Lebens ausgesetzt sehe, ohne daran was ändern zu können). Kleist war einer der ultrakomplexen Menschen, aber er war nicht eben der Gescheiteste von ihnen. Hell yeah, die ultrakomplexen Menschen!

Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild eines Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d.h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.

Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?

Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.

H. v. K. (Über das Marionettentheater)

Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann.

Goethe, Maximen und Reflexionen

Vincent van Gogh and the Abyss of Art

Vincent van Gogh is one of the most incandescent minds of all time. While it is true that he did sell a single painting in his life, it is not true that he had come to be utterly unrecognised. Albert Aurier, the most profound art critic around at that time, would write an exalted article, praising Vincent van Gogh as a rare genius, able to see through the material hyle of shit while at the same time not transcending (or descending) into otherworldy or celestial depths. Rather, you would have an overabundance, a plethora of world, due to an intense perception of „a bubbling brain that would burst out his lava into all canyons of art;  a terrifying, half-mad genius, often sublime, sometimes grotesque, always slightly grazing the pathological“. It is true, in the art of Vincent van Gogh you have the otherwordliness of the world. You may say, you have a vision that refers to the peak of human perception and episteme, the Unitary Consciousness, in which all manifestations that lie within reality and that lie within the mind and in the spirit amalgamate into single, intense, elevated, transcendent perception of totality. In Vincent van Gogh´s paintings, everything has an extreme presence; nothing is hidden, reality seems to emerge out of itself, in ways that might be beautiful, frightening, dangerous or disgusting. Nature becomes of an expressive character; therein Vincent would become a forerunner of Expressionism, while his vision and, consequently, his impact on art would be more general and more profound. It is a true metaphysical reflection of the metaphysical structure of the world; while Vincent would reflect on some kind of embracive overtotality that lies inside (or beyond) nature, he was also aware that it is not necessarily protective; Artaud would say that in Vincent van Gogh´s vision you have laid bare „the hostile flesh of nature“; haha, art and the recognition of art lies in the eye of the beholder, and the depth of vision would also articulate itself in the many aspects it oversees; the more abysmal the depth, the higher and more glorious the vision until it gets consuming like the flame. The Burning World. „I love a nature that is nearly burning“, and: „Some men have great fire within their soul“. – While he had not been a child prodigy, but rather a problem child (although actually problematic (or „problematic“) he would eventually become later in his life), Vincent van Gogh had a capacity to get immersed into things, a pronounced and synthetic/synaesthetic intelligence and a passionate heart from early on. Art, as well as science and religion would have a great fascination on him from early on as well. To him, art had to rely to a considerable degree on (quasi-) scientific investigation of reality, of perception and of the means and methods of art; like religion it would refer to the divine, the otherworldly, the good and it would create a spiritual bond between men. Despite his ever-present interest, Vincent had decided to become a painter relatively late in life – since all other attempts to find accommodation in life had failed for him. It was a stunning quest, as it did not seem very promising as Vincent usually combined talents as well as considerable deficiencies in any domain he would approach, with the latters ultimately leading into tragic failure of his endeavours. Finally, when Vincent reached perfection, it was a triumphant victory of subjectivism that would define new objective standards. Vincent´s art is so idiosyncratic and, eventually, ungraspable that it cannot truly be explained or that it could have been foreseen. It is true that technically Vincent was not a master painter in many respects; he could not paint freehand, his line was nervous and imprecise and, above all, he could not achieve much similarity between the portrait and the portrayed. People and things are depicted roughly as well as bluntly, but they carry both more idiosyncracy as well as universality (not only as the person or the thing portrayed, but also more idiosyncracy and universality as you have it most other paintings) and, above all, they carry a pressing immediacy. In his greatest paintings and his most mature vision you would recognise that „everything“, and everything that can ever be said, simply and bluntly is there (a not very intellecutal sentence, but therein signifying that intellectualism comes to an end when approaching visions of the Absolute). While the most protean painter of the 20th century, Picasso, would invent a new style every once in a few years, Vincent van Gogh would (apparently) come up with a new style with any new painting he would do; respectively, Vincent would both transgress style as well as „anti-style“, as what he would do could be described as a permanent quest, a processive both searching and finding of expression as something both more primary as well as transcendent to style. Vincent´s „style“ (nevertheless) has a childish innocence, nativeness and immediateness as well as the intellectual sophistication of traditional Japanese art (which had a huge influence on Vincent) with its focus on purity and simplicity, respectively it combines both approaches; it is very virgin and very eternal, very young and very old, adequate therefore to depict a world that is both in bloom and in decay. Of course, this can be quite irritating and (like Franz Kafka) Vincent was dismissive of most of his works, considering them as „etudes“, and his true art and his true form and message as something still to come. Yet, when intelligence/creativity reaches its most upper extreme, it will likely not present itself via a „classicist“ form: instead, it will become inherently experimental and establish multiple points of view, it will become a sort of phase space of the intellect and of the soul (which may, of course, easily be confusing for the bearer of that soul and it will take some time to become familiar with it). Vincent van Gogh´s vision refer to a shifting, dynamic and also a bit elusive reality: and therefore has a firm grasp on reality as how it actually is. His style of painting makes the painting process visible, therefore reassuring that one is confronted both with reality, a vision of reality, a perception of reality and an artwork/a construction of reality; therein Vincent was a forerunner of process art and, more profoundly, of the self-referentiality of art and its metaphysical quest for its exploring own „epistemological“ possibilities and potentials. Avant-garde artists after van Gogh (and at his time) became very self-confident about the possibilities of art, also because of this self-referential quest for art within art; more recently of course art would lose such self-confidence and the self-referentiality become increasingly pointless. Obviously, it lacks the spiritual strengh of a Vincent van Gogh. Vincent´s quest within art (and within any endeavour he would approach) would be for „the true“.  According to Vincent, „the true“ is the force „that brings light into darkness“, that transforms suffering into solace, that consoles, that has the power to heal. It is „what encourages you and inspires you and is good nurture for the true life“. It refers to a kind of epiphany, and when Vincent would become aware of anything of that kind, he would say: Dat is het! „The true“ „can be found everywhere“ and in great numbers; „the world is filled with it“. In contrast to the pessimists and existentialists (and, seemingly, most people, notably intellectuals or art critics) I perfectly agree with Vincent on that; and for instance when people would ask me why, for instance, I often post harmlessly lascivious images of females with big tetas (or try to mock me whether I do it out of sexual frustration (or, as feminists would suspect, in order to exercise power over women via the „male gaze“, while it is actually them exercising power and impression over me)), I may simply respond: Because dat is het! Those are images/epiphanies that show that the world is good and life is worth living. „The true“ is the essence of things. Dat is het. „The true“ Vincent would also find in the portrayal of humble or everyday people, hitherto rather neglected by „high“ artists: peasants, craftsmen, maidens, more generally: in (the portrayal and investigation of) the idiosyncratic and the subjective (and he was especially fond of sentimental artworks, depicting children, melodramatic situations, girls in love, families living in harmony, Biedermeier-like art, like I am as well). Due to the evaporation of traditional and a stable metaphysical structure in which man would find himself embedded in modernity, the modern artist could not create a closed, consistent and total portrayal of (man within) the world any longer. Traditional iconography, allegories or metaphers had become obsolete by Vincent´s time. What is more, in the later 19th century moral foundations had become fundamentally shaken and modern man became confronted with the possibility of nihilism; most dramatically illustrated in the vision of Dostojevski, it would become the task of the individual to enliven morality and establish universal moral standards. The subjective had become prevalent. But how can you create a universal grammar out of something that is subjective, i.e. that is opaque and cannot (and should not) be generalised? Van Gogh however would note that it is precisely the subjective experiences and the individual idiosyncracies that are experienced by everyone all alike and may therefore become a basis for collective experience. An enlightened individual with a profound and empathetic vision of reality and of high personal integrity could serve as an exemplar of humanity and create universal grammars, a subjective vision that embodies/enlivens objective truths. Therein, the artist would become comparable to a saint. By the end of his life, Vincent van Gogh would consider himself to be an otherworldly, transcendent being (which is a correct perception), and art and religion he had always seen as intertwined (which, as both is based on worship, is also a correct notion). He would become godfather of modern art as a quest for subjective expression of objective truth, and a kind of guardian angel of what would become the difficult and demanding task for true artists for decades to come: finding new modes of expression anew – „We all started with van Gogh“, Picasso would say, in that respect. In the later 20th century such endeavours still were/are there but somehow have lost intellectual substance and rigor. Vincent van Gogh at his time was dismissive of the Impressionists, he found them to be „merely clever“ and resting on the foundation of a merely tricky idea, whereas true art would demand „extreme seriousness“ (nowadays, the tide has moved against the notion of Vincent once more, probably to an extend that would surprise him even more (although humor and irony usually are good, it is probably also good that Vincent to a considerable degree lacked humor and irony, i.e. basic principles of postmodernity)). Vincent van Gogh would notice Aurier´s essay of exited praise for him, but he reacted somehow indifferent and dismissive. He had a low self opinion as he had had to experience himself as a failure throughout his life, he saw that he could not reach the mastery of other, technically more profound painters, and he did not consider it possible that he was „a rare genius“. Also, while Aurier could see the polished surface of Vincent´s art, Vincent the artist himself knew about the (unelegant) difficulties and coincidences within the process of creating his art, therefore he was less ready to see it as results of a divine inspiration. While the article by Aurier and also a subsequent exhibition of some of Vincent´s works would attract attention, he still could not sell anything while at the same time Theo´s financial situation had become more problematic, terrifying the ashamed Vincent that he could not escape the situation of putting financial stress on his brother ever more. Irritated, Vincent fled to the countryside again, fully in bloom of his mastery he would create some of his greatest paintings; yet soon thereafter he would succumb to a fatal injury inflicted by a gunshot.

They say there is a thin line or a similarity between genius and madness. That is not actually true. Genius refers to an abnormal intensity of perception and of experiencing the world by getting immersed into it, as well as to great fluency in making unusual associations between (often remote) perceptions and concepts. Due to the unusualness of his ideas, the genius may become mistaken for crazy by others (and therefore become prone to identity crisis and feelings of estrangement himself), but he is, to an abnormal degree, rational in all his endeavours – whereas the madman is, profoundly, not. What makes Vincent van Gogh´s story so attractive/tragic is that he was both a genius and a madman. Rejected by his contemporaries, he is now considered pure and a saint, born to suffer in a world hostile or injudicious to purity, illustrating the tragedy of the genius; yet, apart from that, Vincent actually was a misfit on his own accounts and a challenge to most people he met, including those who were sympathetic of him. About the origins of Vincent´s irrationality there have been debates and scholars have tried to identify it as a bipolar disorder or some kind of schizophrenia. Epilepsy has also been suggested. Likely Vincent had a schizotypal personality disorder, maybe combined with other abnormalities. Schizotypy is a condition that involves unusual emotional and perceptual intensity, capacity to ruminate, associative and network-like thinking, anhedonia, introversion and impulsive nonconformity. Therein, it may be a condition that enables genuine creativity, personal autonomy or genius: Einstein, for example, appears as a perfect illustration of healthy schizotypy. A schizotypal personality disorder involves all those features but gives them a turn towards the unhealthy and the irrational. You may have odd perceptions and personal ideologies within the schizotypically disordered individual, magical thinking, irrational impulsiveness, getting overwhelmed by emotions and social isolation and withdrawal due to reduced capability of getting along with others and to intellectually empathise with them. In contrast to the schizoid individual, the schizotypal individual, who specifically knows both emotional intensity and may have a strong sense for „connectedness“ between people and things, may experience his social isolation as very painful, and that may generate considerable mental health problems and depressions that, in addition to the odd ways of thinking of the schizotypal in the first place, may degenerate into states that are near to psychosis, or into actual psychosis and schizophrenia. Theo van Gogh has experienced „two personalities“ within his brother, respectively a „Jackyll and Hyde“ personality within Vincent. Very strangely, Vincent was capable of extreme rationality and understanding as well as compassion and love for others, transgressing into self-sacrifice, as well as he easily was very subborn, argumentative, self-righteous, impossible to get along with different opinions and, therefore, with most people in general. He was both very fluent and considerably limited and inflexible. Clearly, there are problems for sensitive and intelligent or unusual individuals to get along within society, especially within childhood and youth, and that may lead to problems of adaption, but Vincent´s irrationality, in its stubbornness, cannot, however, actually get traced back to traumatic origins, but appears as something genuine, and in such a case a personality disorder or mental illness is very likely at play. Mental illness came to affect also other members of Vincent´s family; his brother Cor later commited suicide and his sister Wil went insane and spent nearly four decades of her life, until her death, in a nursing home. Theo´s tragic decline came from syphillis nevertheless; it is however possible that Vincent´s aggravated mental health problems later in life had the same origin, and one of the possible motives for his (apparent) suicide was the fear of plunging ever more into insanity. While failure to adapt to institutional logics (or get accepted by institutions in the first place) and an irregular, „trial and error“ biography may not be uncommon for uncommon people and for geniuses, Vincent van Gogh had failed in every aspect of life, be it professional or interpersonal or as a student (and the feelings of guilt and shame aggravated his depressions). In some ways, his failures actually had glorious and triumphant aspects, aspects of failure due to being „too high to function“, but, at the other end of the tail, they carried morbidity. The most heartbreaking story in his biography before he decided to become an artist was him wanting to become a preacher among mineworkers in Zundert who had to live in extremely miserable conditions, notorious not only in the whole country but even beyond its borders. The suffering of the proletarians in Zundert affected Vincent greatly and he went to measures of extreme self-sacrifice in order to help them personally: he spent his time with them, gave away practically all his money and things and, after a huge explosion had happened that left many dead and even more wounded, medically cared for the wounded to the extend of exhaustion. Unfortunately, his grotesque self-humiliation finally began to bear less resemblance to that of a strong-minded and highly rational saint, but more to religious mania and the behaviour of a fanatic and it became uncanny not only to his superiors but also to many of the mineworkers of Zundert. That, and his inability to take into consideration any advice from others finally led to his expulsion and another tragic failure in his life (the official reason for his dismissial however had been that, despite the eloquence that would become apparent in his letters, he could not actually preach and talk in front of crowds). Vincent was a man who lived in extremes, both in divine ways as well as in clearly unhealthy fashions. Self-sacrificial and saint-like to an extreme degree during his time as a preacher, he would ask his brother for more money with some sense of entitlement a while later (while, later again, feelings of guilt about stressing his brother´s financial resources ever further may have been, then, a motive for the (apparent) suicide). Despite his permanent condition of dire straits, he never learned how to live economically. During his lifetime, his appearance would range from dandy to bum, alienating the people around him. As a truly transcendent and saint-like individual, Vincent had high hopes concerning other people and he easily developed enormous passion and compassion for them, which, however, often were out of touch with reality, and he was specifically prone to idealise the misfortunate among human creatures (like the people of Zundert). Sien, a moody prostitute with whom he tried to establish a family for a while, he considered to be „an angel“, and in the eye of newborn children he would see „the infinite“ (one of the infants in whose eyes he had seen the infinite would later become associated with the fascists). With Gaugin at least he wanted to live his ideal of establishing an (everlasting) fraternic community of artists, of intellectual and emotional bonds unable to get broken, while alienating him with his argumentativeness. When Gaugin wanted to leave him to move to new territories, Vincent became so afraid that, in a dissociative state aggravated by alcohol abuse, he cut off his ear, in an apparent attempt to make a „sacrifice“ to Gaugin to make him stay (and, likely, as a mutilation due to self-loathing; like in the final hours of his life, deadly wounded, Vincent did not elaborate much about the natures of the incidents). Whether his death was the result of a sucide attempt or whether Vincent was (unintentionally) shot by rascals that used to follow and harrass the eccentric painter is something we do not know though: There are good reasons to take the former as well as the latter possibility into account. The dominant narrative of the suicide – that may, however, erode because of the reasoning about his death in the more recent monumental biography about Vincent van Gogh by Steven Naifeh and Gregory White Smith as well as in the film about van Gogh by Julian Schnabel – is at least the more meaningfully tragic one and carries more gravitas. A tragic tale of his life may „benefit“ a genius as it increases his personal sex appeal after his death and make his biography appear more meaningful. Vincent´s ascent to the heavens may be that, in its comprehensive, genuine as well as elusive and mysterious tragedy it is very well-rounded. After his death he became an archetype, an icon, a symbolic figure, seemingly a good spirit/angelic creature, watching over us.

Indeed, not long after his death, Vincent van Gogh became to be seen as archetypical modern painter and as a saint of art. He bears maximum charisma as he is actually a metaphysical figure. The multiple threads that concern art, and all human endeavour and all human quest seem to meet in his art and in his biography. He is a superknot of threads. It has been noted that van Gogh had ruminated more about art and also about the relation between art and world, also as concerns the practical aspects, than any other modern painter (and, for instance, his idea about the artist communities was not only an emotionally motivated utopia, but, first and foremost, a practical idea about how the socially brutally excluded painters of his time could create means and a practical way of living and become more independent from the cynical art market). There is a lot of confusion about what art could actually be or what it would mean to be nowadays (and, due to this confusion that goes over people´s heads, unfortunately also a profound indifference towards answers to such questions); conservative philosopher Roger Scruton fortunately says that the truth of art is spiritual truth. Spiritual truth means a deep connectedness to the world and usually has to be gained via suffering. Van Gogh is the epitome of  „suffering for art“. Vincent´s quest was one of extreme integrity and for authenticity, and humanity needs such stories in order to ensure the authenticity of itself, of the human condition and of the human experience. The genius in someone deeply introspective into the subjects of his investigative quests and therefore is able to unveil „hidden secrets“ of matter. Art is a quest for metaphysical localisation of man and finding modes of expression for that. Vincent van Gogh was extremely introspective into art, in a way that he fell through the metaphysical abyss of art. Because of this, you finally have the totality within his art, the plethora and overabundance of the things portrayed and that extreme degree of presence death to false metal (reminder: could Derrida´s notion about the impossibility of presence be countered via van Gogh? To be investigated!); as you have the ultimate explosiveness within a White Hole due to matter that is falling through a Black Hole and is channeled through a Wormhole – that´s how such a system works.  Gilles Deleuze and Felix Guattari say that a true work of art stands (erect) for itself. Even more than that, in the art of van Gogh you have the Absolute. The art of van Gogh (as well as the tragic conciseness of his biography) cannot be transgressed. The Absolute is an instance that is indifferent to all human relativity and therefore indifferent to all human opinion and to all human thinking. You may say, it is the sphere of absolute values. Van Gogh´s Starry Night or his Church of Auvers, or Beethoven´s Ninth or the General Theory of Relativity exercise a power over me that is infinitely higher than mine. They´re the Absolute. Talent´s quest may be for, respectively reaches its fulfillment in perfection. The genius finds its full realisation in reaching the Absolute. The strangeness of the Absolute is that it is the most universal of statements and that it is very immediate and intelligible as well as it is very different from anything else and not very intelligible, and the establishment of the Absolute is very different from any other endeavour, it´s (naturally) very different realms of being; in the terminology of Wittgenstein (another monad that was working on the Absolute), the language of the Absolute is a different language game from the language games that happen in time and in space. The people of the Absolute are radically different and distinguished from anyone else; they not only belong to groups radically different from the general run of people (the groups of artists, philosophers, druids et al), but are also radically different monads within those groups. And so, apparently, the circle closes. Vincent van Gogh had a passionate desire for brothership and community. He wanted to establish not only a true community of artists but, via art, a brotherly community within mankind. Therein, one may remember Gilles Deleuze´s essay on American literature and Herman Melville, Bartleby, Or, The Formula, in which he outlines that American literature is a call for brotherly unity and America is a utopia of brotherly unity, with this ideal of brotherly unity and authentic community nevertheless being contaminated and corrupted in and by reality. With reference to Melville, Deleuze touches on the problem of the „true originals“, truly original people, who, in a heroic, in a funny and/or in a tragic way stand outside of society and, due to their autonomy and originality, cannot be influenced or consumed (and also not corrupted) by society. They are outsiders of humanity as well as they are an embodiment of humanity and of the human individual in a metaphysical sense. They embody the struggle between the individual and society in a search for meaning and mutual pacification. The reconciliation between the original and society/humanity is the problem for establishing fraternity and authentic community within men, so Deleuze/Melville. Often, the reconciliation between the original and humanity will happen only after the original´s death, when the biographical original individual and the ouevre of the original has entered the autonomous sphere of true ideals (or, above that, of the Absolute) that help to give meaning to humanity. With the reconciliation between the original and humanity, fraternity and authenticity is, then, truly achieved – in an ideal and metaphysical but therein highly tangible sense. And so, the circle and the cycle closes, the dead original can truly rest in peace, as the circle and the cycle opens up for another original again, later in history.

P.S.: Goethe (?) says, only a genius is able to truly recognise a(nother) genius. A tragedy associated with van Gogh is that Albert Aurier, who recognised van Gogh so profoundly and wrote so flamboyantly about him (therein likely mirroring his own flamboyant, explosive mind) at a young age, at the beginning of his twenties, died soon thereafter. I guess Aurier´s early demise is a tragic loss for humanity.

Leonardo da Vinci, Apex Predator

Today, 500 years ago, Leonardo da Vinci died. After a rather bumpy ride through the ages as concerns his fame and reputation, he is, in our age, considered as probably the highest ranking genius and uomo universale in the history of mankind, as concerns creativity, intelligence, versatility, authenticity and clairvoyance. Bumpy as is the ride of history, future generations may think otherwise (yet unlikely very much otherwise); at any rate Leonardo´s mind and personality and ouevre may serve as an illustration of what may be expected to happen at the most upper extreme, if not the definitive apex of human intelligence, creativity and spirituality, and also what may be the ultimate vantage point, and vanishing point, of art and what art could ever be. Beyond the scope of an era-defining genius (like Goethe or Voltaire), Leonardo is a superstar of humanity. Hardly matched in his artistic ingeniousity, he is probably unmatched in the scope of his interests, mastery over various domains and probably also as concerns the complexity an artistic vision and a worldview ever can reach – despite being, in their complexity, very harmoniously balanced and, to some considerable degree, at peace with itself (indicating what is commonly referred to as „transcendence“ and a Satori-like vision). Such appears not only his intellect, but also, even more miracously, the man.

Apart from his intellectual and artistic abilities and his miraculous craftsmanship, Leonardo was described as a very attractive and elegant man, jovial, cheerful and eloquent; his reputation as a „dandy“ obviously drew upon the fact that he liked to dress well and in an individual manner. An Adonis in his younger days, he „successfully“ embodied the bearded, long haired sage and druid in his later days (and that he seemed to have aged prematurely is also a good fit into the whole story). „All man and all nature“ was said to be attracted to Leonardo, not only due to his natural goodness, but also because of his distinctive entertaining qualities which ranged from telling instant jokes and spreading words of wisdom to staging extravagant theater-like performances with which he baffled his audiences not only with his intelligence and imagination but also his craftsmanship. He was also said to be an extraordinary musician and that he could sing in a beautiful voice. Neither ascetic nor an distinctive hedonist, and in contrast to Michelangelo´s rather neurotic endeavours in that respect, money and fame mattered to Leonardo just as much as it enabled him to maintain his rather modest and self-sufficient way of living. What mattered most to him, is that he was able and free to sustain his permanent investigations into nature, art and technology. His homosexuality (or homophiliac bisexuality) may have helped him to grasp feminity in the stunning way he did – the Renaissance was not an overly patriarchic age and Renaissance women were relatively free, respected and liberated; in many of his paintings, Leonardo gave women an accentuated physiognomy and portrayed them with great sensibility (though his ultimate quest was for expressing the universal; also you have some scepticism in those portrayals; like the relatively blank physiognomy of the, nevertheless distinctive and intense, Lady with an Ermine, Cecilia Gallerani, in contrast to the very carefully painted ermine). Despite him being the intellectual apex predator, Leonardo had become a vegetarian early in his life. Friendly and gentle, usually in good humor, Leonardo was decent and generous towards humans and he was a nature and animal lover; especially attracted he was to horses and to birds – it would happen that at a mart, he would purchase birds just to release them from their cages and let them fly away. Despite that, he prided himself with being able to construct war machines and war technology of great destructive capacity, and despite being a republican by heart, he became affiliated with various noblemen and „war lords“ of his time, including Cesare Borgia (who, as a somehow transcendent phenomenon, however attracted also the curiosity not only of Machiavelli and, later, Nietzsche but also of many others ever since). As a general feature, Leonardo remained aloof over politics and contemporary affairs; one might even perceive an „icy“ disinterest in politics and the political struggles of his time and age. What distinguishes him from the opportunist and nihilist (not to speak of the careerist) is that politics (i.e., at least at that time, the management of the fragmentary and temporary) truly was below him and the (fatalistic) insight that, due to the nature of man and the multitude of human temperaments, politics and political engagement remains a bit of a fruitless passion and a dismal science, at least for someone that is able to touch, instead, the eternal and the heavens. Political affiliations within shifting balances of power made not only Dante´s life miserable – and that of many others ever since – and despite his indifferent attitude towards the powerful may have hindered him to become a huge success during his lifetime, Leonardo obviously managed to sail and navigate relatively well over the turbulent political waters of his time. That he was also a child of his time can be seen that he believed in stuff like astrology, the medical theories of Galen or accepted Aristotle as highest-ranking authority like the medieval scholasts did, notions that soon thereafter became more outdated among the educated. Despite being very insightful about geometry, Leonardo did not manage to calculate properly, neither he learned (or was able to learn) Latin, the lingua franca of the educated and the humanists at that time, which probably has aggravated to hostility between Leonardo and the humanists. Leonardo was fond of silly jokes and anecdotes and of the grotesque, and some of his drawings of grotesque characters became inspirational for the initial drawings to Alice in Wonderland. That does come as a surprise as the genius usually is childish, funny, off-the-wall and drawn to paradoxes, and the grotesque are transgressive epiphanies of what lies beyond the frontiers of human imagination. Leonardo´s grotesque drawings are both funny and sad, harmless and brutal, etc. referring to cosmic indifference towards what we, in general, perceive as the wonders of creation. Leonardo was, more or less, fully realised human potential. Concerning gender, he had distinct masculine as well as feminine characteristics; concerning age, he combined the playfulness of a child with the wisdom of an old sage. He was determined and knew what he want (though apparently erratic in his endeavours), but he seemed to have a soft ego. He experienced melancholy and joy. He knew about the abyss as well as about the celestial spheres. He was more human than man. Very rarely it appears that a man achieves true harmony within himself (among the 20th century painters probably only Mondrian and Duchamp). Leonardo likely was of that kind.

The Renaissance was the dawn of a new era, and of a great transformation concerning the ways man saw himself and interacted with the world. In all preceding periods you have man embedded (and occassionally crushed) within a cosmic whole (and a relatively static social order). If it had not been explicitly conceptualised or reflected (or, apparently, conceptualised loosely and somehow ironically like in the case of ancient Greece), man had implicitely lived and behaved in such a fasion. The loss of such an (embracive, but also terrifying) totality has been mourned ever since, since man obviously is unhappy when he has to live under conditions of scepticism, relativity, multiple viewpoints and temporary truths, i.e. conditions that you have in modernity (and if you are unhappy about that as well, just think about whether you would prefer to go back to the middle ages). In the Renaissance, the foundations of man as a competent individual that is able to emerge from a background had been laid (though they would again become oppressed in the Counterreformation). The genius is the most pronounced form of man doing away with established modes of thinking, epistemologies and ideologies when he is thinking and when he does create (despite being very knowledgeable about them and therefore able to transcend them). The Renaissance, therefore, apparently, was an era of genius, and Leonardo the climax of his era. Leonardo did not make an ideology (because, likely, he was too intelligent for that), but the foundation of his whole attitude and approach towards the world was relying on primary observation and experience and rationalising it to deduce knowledge as well as to test established knowledge by the same means – and sorting out established knowledge if it fails short of such a test. His most beloved sensory organ was the eye as it was – so he thought at that time – the organ with which the world could be most primarily, innocently and correctly experienced. Likewise, painting was the highest-ranking art to him, as via painting you are able to catch, view and express the world most directly and immediately; as a philosopher-painter he would become immersed in questions about how perception actually works and how the world can be most properly portrayed. He expressed distrust not only in scholastic knowledge, but, more fundamentally, in language, which he deemed dubious, amiguous and obscure and, moreover, man-made and probably „culture dominating over nature“ and not vice versa as you supposedly have it in the sensory perception of vision. Correspondigly, literature and poetry was an art inferior to painting to him („coincidentally“, Leonardo himself was not a writer or a poet; while his writing style was clear and precise, it considerably lacked the imaginative depth that was so characteristic for him as a painter and in many other respects). Leonardo´s curiosity stemmed to a considerable degree from painting and from his interest to excel in painting, like his interest in anatomy, in nature, in proportions and in how perception works; yet of course he would have also many other interests as interests per se (eventually, everything would become an interest per se for Leonardo). His interest in flying may have gone hand in hand with his passion for birds and ornithology, his interest in medicine and how the body works from his interest in anatomy; at any rate, however, his interest in technology and many other things was a matter in itself and stemmed from a curiosity in itself and a passion for gaining intellectual insight and mastery over things in itself. Because of this, you may even have difficulties in thinking of Leonardo as a man – as he rather appears as a fog or the Blob, an entity with open contours, that feeds and grows – or withdraws when it loses interest.

At the beginning of the 21st century we like to think of our time as one of rapid acceleration. Consider however, that such was also the time of Leonardo: From 1450 to 1550, Europe underwent a rapid transformation of a backward continent that, by the end of that timespan, had laid the foundations upon which it would leave the rest of the world behind for the centuries to come. Leonardo was, somehow, moving with the same – maybe too pronounced – speed. Leonardo´s famous „inability“ to complete many things and projects he started appears as a manifestation of a mind wandering at ultra-high speed and versatility, but also seems to borderline to an attention deficit disorder. – I find it sad that he never did a final portrait of Isabella d´Este, a magnificent and highly interesting female regent of the Renaissance (though it is also somehow „funny“ that the strong-willed and, likely, autocratic Isabella did not come very far when it came to impose her will on the eccentric Leonardo), yet however Leonardo´s (obvious) drawing of her is probably more articulate and charismatic than anything else could had ever been. Sometimes sketches, drawings, experiments and etudes can be more articulate and telling and grasping more of a (turbulent) reality than something that is finalised and „classic“. Likewise, some things are more pronouced when they are finally left unsaid, and some things are better left unsaid anyway. Likely, Leonardo also knew that many of his technological constructions and scientific ruminations were preliminary and tentative and therefore he may have refrained from wasting his time by finally and systematically elaborating on them apart from the, at any rate often staunchly elaborate, sketches in his notebooks. That being said, Leonardo´s frequent failure to finalise things may not be failures at all, but due to a deeper insight into stuff and bravery and independence of mind. To the things that mattered to him and to projects he began to really find something out or to move to new territories in science or in the arts, Leonardo could be stubbornly devoted. That, not least, applies to the Mona Lisa on which he had obviously been working for years with the obvious determination to create out of it what it had finally become: a perfect human portrait (he finally had kept to himself) – that probably does not show Lisa del Giocondo, as is the dominant narrative, but – Isabella d`Este. Again in contrast, Leonardo´s most notorious failure – the feeble material construction of The Last Supper (that began to fade only decades after its creation and had to be restored multiple times ever since, with probably only 20 percent of the original artwork remaining nowadays) – may have been an indication that Leonardo actually and paradoxically lacked insight and care for the preservation of the things he had put so much obsession into to create them (though also likely the execution of The Last Supper was a – correct – compromise between means and ends; by using other means he may have not been able to execute the painting in the same way at all). Leonardo also seemed to have had reduced insight in circumstance that scientific discovery is a cumulative and collaborative process and has to rely on publication and discussion of findings and theories (which he did not really foster for himself), despite the, somehow legitimate but also distorted, perception that the „scientific community“ of his time would not be intelligent enough to understand him anyway. Among the „mysteries“ about Leonardo questions remain whether his apparent shortcomings derive from his „super sanity“ and from the plethora of his inner life, or also from actual deficits or „insanities“ and frenzies. Leonardo, likely, would have found such ruminations about him, that involve modern medicine and psychology, quite amusing – and, of course, highly interesting.

The lasting effect of the Renaissance was the discovery of individuality. Art is about examinating and illustrating the essence of things; and whereas in medieval art you had portrayals of man as a stereotypical member in a hierarchical, feudalistic collective, idealised via attribution of ephemeral aspects of beauty in the contemporary period, you have individualised portrayals of man (and of the entire creation, including the divine creator) in the Renaissance era. Leonardo pioneered and transgressed that motive and attitude into psychological and narrative portrayal of man and nature: The conquest for capturing the (indivdual) „soul“ of a person in and via the means of an artwork has a distinct predecessor in Leonardo. Leonardo, however, was not actually interested in capturing the individuality of a person and a thing, but to express universality – via the expression of idiosyncratic and expressive individuality (an understanding that brought him into some conflict with Michelangelo, who rather relied on expressing idealised beauty and muscular men as an epitome of that). The Renaissance era also paved the way for a modern and rational understanding of man and of nature, thus enabling man´s mastery over nature via technology. While Galileo Galilei is considered the founding father of modern science that relies on unideological observation, deduction and induction and on the scientific experiment, Leonardo had followed the same approach a century before – and many of his observations and conclusions as well as his constructions proved to be (at least in principle) correct only most recently. Despite that, Leonardo nevertheless lived in a pre-scientific age and was operating in a no man´s land. Not least likely due to envy and being confronted with something they likely sensed to be meaningful but which they could not properly master and understand, the educated elite and the humanists of his time were dismissive of Leonardo´s ideas and his entire attitude, respectively hostile towards them, relying instead on the academic scholarship of ancient stars like Aristotle as the ne plus ultra (therein forgetting that Aristotle did not rely on sterile scholarship himself, but accumulated his wisdom – naturally – by the same means like Leonardo). That Leonardo did not speak Latin and, due to his rather modest beginnings, was not prestiguously educated furthered the aliention between Leonardo and the humanists. As a true avant-gardist, Leonardo was, to a considerable degree, an alien within his time. From the later period in his life one would find a (stunning) portrait of a bearded old man in his sketchbooks, seemingly introspective but also apparently desillusioned and melancholic: obviously a self-portrait or self-caricature. A reccurent motive in his sketchbooks, maybe (also) of self-caricature, is a toothless old man that obviously gets harrassed by youth or by grotesque figures: Powerful and nearly divine in his abilities as he was, Leonardo was also relatively powerless. The shadow appearane of his high-ranking and clairvoyant intellect was that he could exercise relatively little influence and persuasion among his contemporaries because he was too distinguished from them. Throughout his lifetime, Leonardo would achieve fame and be considered a wizard and a sage as well as he fundamentally also always remained an outsider and a misfit, deemed an eccentric and heretic, if not some kind of divine fool (note that how much weight is put on portraying Leonardo as an insider or an outsider considerably lies in the eye of the beholder, respectively in how much the respective biographer seems to be an insider or an outsider within academia herself (Stendhal, who did not achieve much fame in his life, would remark that the true message of The Last Supper is the expression of resignation in the face of Christ, i.e. of the high-standing individual within a base and treacherous humanity and his death less of a sacrifice than a „suicide by cop“ to escape from earth as his mission is bound to failure anyway)).

The genius is obsessed with creating order as he has both a distinct and pronounced insight into both order and chaos, the Apollonian and the Dionysian, the abstract and the idiosyncracy etc. Leonardo´s most famous epitome of his quest for unveiling the glorious and harmonious laws and proportions of and within nature is the Vitruvian Man. Yet, he was also able to portray grotesque creatures with great dedication. In general, Leonardo was attracted to and could get immersed into forms and patterns and especially the transformation of forms and patterns; maybe (also) because of that, he had an affinity for water. I also have an affinity for water, though rather for its peaceful and tranquil and steady appearances; one of Leonardo´s last famous works, in contrast, were the deluge drawings, of raging waters, of a raging – and seemingly mindlessly raging – nature, driven by blind forces, within which – unique and singular – patterns and wave formations emerge, but, after two or three moments, dissolve in order to, in their specifity, never to appear again but to get, at best, transformed into other (pseudo) entities that are all to temporal as well. I reiterate once again (and it goes a bit on my nerves not to come up with greater news, but that is, I guess, the price to be paid when one has reached final conclusions and gained insight into final truths), that the final vision of art is the vision into the Chaosmos, i.e. the interplay between movement and order, static and dynamic, stability and chance (and recently it has been proven by mathematics, that all dynamic systems are actually and interplay between order and chaos); and in Leonardo´s deluge drawings you have carefully executed vortexes, apparently hellish, but then also peaceful and mantra- and mandala-like: metaphysical peace you will find in an hypnotic image and perception of the mindless circle of natural creation and destruction, and that is the final word that can rationally be said about it. As a high genius and creator and a great empath towards the entirety of existence, Leonardo understood the divine, but, unlike the Americans, he did not trust in it. He is not known for having been a devout Christ (like Michelangelo). In the Adoration of the Magi (an early painting left unfinished), you seem to have an unbridgeable gap between the divine and a rather creature-like humanity that seems to be in reverence as well as in anguish and, in some similarity to the isolated figure of Mary, rather occupied with itself and its passions; a humanity that, on the whole, rather behaves as if it were under an epileptic shock rather than in religious enchantment, giving an impression that both the earthly and the heavenly may be powerless to some degree and, next to that, have a fundamental problem of establishing mutual communication and exchange. The orginal of his painting of Leda and the Swan is lost (and probably has never truly existed, only via sketches), but it refers to an antique mythology as an illustration of life and existence as a circle of violence and conflict within, also, a conquest for morality, truth, righteousness, love and (more egoistic) desire, within which not only humanity is revolving, rather helplessly, but also the gods. In Leonardo´s „metaphysics“, the cycles of „difference and repetition“ within which nature reproduces itself are the supreme instance; sometimes nature may be protective and a legitimate instance for glorious appraisal, sometimes a destructive force and just the opposite, as, in itself, it is blind and amoral. Leonardo´s most fundamental „metaphysical“ insight seemed to have been that man, life, maybe also gods, are finite, relatively powerless and engaged in a merciless struggle for individual survival. Only nature is infite and infinitely powerful.  And only via a better understanding of nature via observation and science and mastery over nature via technology based on science and rationality, man is able to improve his living conditions (also in his sketches for technological innovations and his notorious weapons and gigantic war machines man, nevertheless, seems little, irrelevant and rather carrying a resemblance to ants).

Art is about portraying the complexity of the world, the totality of the world, and the standing of the subjective individual in its relation to an objective world (therein, art is „the true metaphysical activity“). In Leonardo you have the complexity of the world, but you do not seem to have fascinating and immersive depths that make the visions of other geniuses usually so sexy and attractive. His art is complex, but somehow „flat“. Despite, or because of, his extreme devotion to the examination of nature and existence, you do not really have some „cosmic religiousness“ as you have it with Einstein (i.e. a quasi-religious devotion and feeling struck by the great mysteries of nature as a superior instance). Likely to his supreme command over any human endeavour, Leonardo´s vision and attitude rather appears as one of a dry wit, and that the world has ever since attributed endless abysmalness, depth and fascination to  Leonardo over a banality (Mona Lisa´s smile) may have brought the same smile to his face (that, from another perspective, isn´t any) ever since (the mysterious smile, as a recurrent motive, seems to refer to what Kierkegaard calls the „humoristic self-content“ of the genius). In contrast to his reputation as a mysterious druid and a mystic (which he liked to initiate himself as a means of self-promotion), he was actually a very rational person, his endeavours entirely logical and his personality transparent. Despite being (obviously) used to portray Plato in the School of Athens by Raphael, Leonardo had been a disciple of the more sober Aristotle (with Plato, nevertheless, being the more primary and comprehensive thinker and therein the attribution by Raphael more correct). The final mystery of the world, however, is also not likely to be so mysterious but, rather, logical, and not of unfathomable depth but transparent.

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In the Codex Madrid, manuscripts that have been recovered and published only half a century ago, Leonardo advises anyone who takes pleasure in reading him to study him carefully, „because in this world he will reincarnate only very rarely“. He is now regarded as a man that has foreseen the 21st century (probably also due to some narcissism and self-referentiality of the 21st century). What would ever happen if Leonardo reincarnated today? That is, of course, beyond imagination. It´s a transcendent phenomenon.

(Written April 22-28, 2019; unfortunately I mistook Leonardo´s death day for May 5, 1519, while it has been May 2, 1529. Obviously, I am not that kind of perfect expert.)

Picnic at Hanging Rock

They´re having a focus on Australian cinema these weeks at the Filmmuseum and so yesterday they did show Picnic at Hanging Rock. I have seen it multiple times but not on a large screen before. What makes my miserable life worth getting examined is that I am able to develop tremendous passions for many things and beauty greatly affects me, therefore I live in a state of bliss and enchantment, and Picnic at Hanging Rock again had a huge impact on me.

Sören Kierkegaard

Seht, wie exzentrisch Kierkegaard in die Welt hineinragt! Da, die Silhouette der Menschenmenge am Abend, vor der untergehenden Sonne, die Menschenskyline: mal so, mal so die Kontur, eine hagere, hochaufgeschossen schiefe Figur ragt heraus! Kierkegaard! Eine hagere, hochaufgeschossene Silhouette ragt aus der Menschenskyline heraus!  Eine hagere, hochaufgeschossene Silhouette ragt in die Welt hinein, penetriert das Universum, den Äther. Kierkegaard! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard in die Welt hineinragt! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard aus der Welt hinausragt! Seht, spürt, was für ein gewaltiger, unerklärlicher Reiz von Kierkegaard da ausgeht, was für eine gewaltige, sich schwer fassbar zu machende Sogwirkung! Eine mystische Figur! Ein zitternder, weißer, auratischer, flügelpaarähnlicher Fetzen hoch oben, gegen das Dach hin der schwarzen, existenziellen Halle! Das ist Kierkegaard! Das ist Kierkegaards Geist! Denn Kierkegaard – und darin besteht die mysteriöse Sogwirkung – ist Geist, und alles, was er tut, ist das Wirken von Geist: das hat scharfe Konturen, das hat dabei allerdings keine gewöhnlichen Konturen, das hat andersartige Konturen, die scharf sind, sich aber – scheinbar in eine höhere Dimension (oder aber/auch in des Geistes stumpfsinnige, unsinnige Tiefen?) – hinein verlieren und sich in einem unsichtbaren Feuer verzehren! Das unsichtbare Feuer der Aura! Oben, das Dach, ein geistiges Zelt, das alles aufspannt, alles das, und Kierkegaard, der uns seine Nachrichten zukommen lässt, vom Dach der Welt! Blaugrüne Erhebung im Wald, die silbernen Kugeln aus Atomen, die sich auf herballerlei Männlichkeit stürzen, beschützend der Tanz der klingenden Ionen, beschirmend mächtiger Fluten geistigen Wirkens, vor Jahrhunderten habe ich hier mein Haus gebaut und harre fortan zu jeder Stunde wässernder Mädchen Zier, mag man da nur mehr stammeln, da sich in diesen Regionen, denen Kierkegaards, die allerhand nützlichen Maximen und Reflexionen und Bauernregeln für des Lebens Weg verlieren sich; ein wirklich in die Tiefe gehendes Werk wird vom Künstler aus den entlegensten Tiefen seines Seins geschöpft; dort plätschert kein Bächlein, singt kein Vogel, raschelt kein Laub; Gotik und Romantik verschwinden; und an ihrem Platz erscheinen die Dimensionen, die Geraden, die Formen der Ewigkeit und des Unendlichen (so de Chirico), und so erscheinen bei Kierkegaard die Dimensionen, die Geraden, die Paradoxien und entfalten ihre enorme Sogkraft und ziehen uns in sie hinan. Kierkegaard ein absoluter Grenzgänger der Menschheit, der seine absolute Sogkraft und sein absolutes Charisma entfaltet: denn er zeigt uns das Absolute! Er so anziehend, weil es ein ernstes Spiel mit dem Paradoxen, dem Absoluten und dem Nichts ist, Höchstes und Elementarstes treffen sich, exzentrische Bahn, dahinter das völlig Unbekannte! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard in die Welt hineinragt! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard aus der Welt hinausragt! Da, die Silhouette der Menschenmenge am Abend, vor der untergehenden Sonne, die Menschenskyline: mal so, mal so die Kontur, eine hagere, hochaufgeschossen schiefe Figur ragt heraus! Kierkegaard!

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Sei die zentrale Frage der Philosophie denn nicht – womöglich? –: Was sei der Sinn des Lebens?, und das nicht auch die Frage, wo sich Philosophie und Religion treffen, so hat man bei Kierkegaard als das wohl grundlegendste Motiv: Wie lässt sich das Leben begreifen, und wie lässt sich das Leben richtig leben? (Adressat dieser Frage ist naturgemäß der Einzelne). „Mein Verdienst in der Literatur bleibt immer, die entscheidenden Bestimmungen des ganzen Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist, und ich habe auch keine Bücher gehabt, um mir aus ihnen Rat zu holen“, so K. in seinem Tagebuch. Das Leben, die Existenz, der Einzelne, der in Leben und Existenz geworfen ist, lässt sich durch kein System feststellen, sondern ist zugleich weniger und mehr als der Umfang des philosophischen Systems. „Ein System des Daseins kann nicht gegeben werden … System und Abgeschlossenheit entsprechen einander, Dasein ist aber gerade das Entgegengesetzte.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 252) Blicken wir also in das Leben und die Existenz, so haben wir da zumindest aber ästhetische Sphäre, die ethische Sphäre, und die Sphäre des Religiösen. Die ästhetische Sphäre bezieht sich auf die Möglichkeiten des Menschen, sich – eventuell bis zur „Lebenskunst“ gesteigert – mit der Welt in Verbindung zu setzen und sinnliche und intellektuelle Sensationen zu erfahren, und sich so in seiner Individualität jeweils an- und abzureichern. Moralisch ist die ästhetische Sphäre indifferent; vor allem aber bedeutet die ästhetische Sphäre, auch wenn der Lebensvollzug des ästhetischen Menschen bis zur Lebenskunst gesteigert ist, letztendlich ein Übergewicht und eine Heteronomie der Gegenstände des Lebens gegenüber auch dem nonkonformistischen Genießer, den sie letztendlich unter sich begraben. Die ethische Sphäre bezieht sich darauf, dass der Mensch ursprünglich nicht allein Individuum ist, sondern Gattungswesen und in die Gattung und in die – tatsächlichen wie ideellen – Regeln des moralischen Zusammenlebens eingebettet. Die ethische Sphäre betrifft die Wahl zwischen Gut und Böse. Damit sind, letztendlich, Gut und Böse Heteronomien gegenüber dem Einzelnen, und begraben den Einzelnen, der sich für das eine oder das andere, oder einmal für das eine und dann wieder für das andere entscheidet, unter sich, und das Individuum ist auch hier davon bedroht, Gattungswesen zu bleiben. In der meta-ethischen religiösen Sphäre wählt der Einzelne aber die Wahl der Wahl zwischen Gut und Böse, wird dadurch autonom, indem er eben auch die Wahl der Wahl zwischen Autonomie und Heteronomie wählt. Diese – wahre – Autonomie bezieht sich nicht mehr unmittelbar auf die Gegenstände des Lebens oder das Gesellschaftliche als konkret greifbaren Entitäten, sondern begründet sich über einem Abgrund – einem Abgrund der Existenz an sich. Es ist der Abgrund der Freiheit, allerdings auch der existenziellen Unbestimmtheit des Individuums, das im Dasein letztendlich nicht ersichtlich geborgen ist – und so kreist das Werk Kierkegaards darum, dem Individuum Bestimmung zu verleihen. Entweder – Oder kreist darum, ethische Existenz zu ermöglichen und um den Appell des (ästhetisch) besonderen Individuums, gleichzeitig im (ethischen) Allgemeinen aufzugehen; für einen gelingenden Lebensvollzug also kein bloß cooler Hipster zu sein, sondern dabei gleichzeitig das allgemeine Gesetz in sich aufzunehmen und zu verkörpern: „Die Aufgabe, die das ethische Individuum sich setzt, besteht darin, sich selbst in das allgemeine Individuum zu verwandeln.“ (Entweder – Oder, S. 828) – Subjektivität zu transzendieren bedeutet, die Subjektivität so zu erweitern, dass sie objektiv bedeutsam wird; das Objektive zu erreichen bedeutet, es subjektiv zu leben: ja, das sage auch immer wieder bei Gelegenheit. „Wenn das Ethische richtig gelebt wird, macht es das Individuum unendlich sicher in sich selbst“ (ebenda, S. 821) Die Möglichkeiten und Grenzen ästhetischer und ethischer Existenz auszuleuchten, darum geht es in den fast 1000 Seiten Entweder – Oder – das mit dem Ultimatum beschließt einer Meditation über das Erbauliche, das in dem Gedanken liegt, dass wir gegen Gott immer unrecht haben: in dem sich also letztendlich der Abgrund des Theologischen auftut, mit dem der ethisch-ästhetisch realisierte Mensch dann konfrontiert ist. Furcht und Zittern dann eine Meditation darüber über den Menschen, der nicht allein, als ethische Existenz, das rationale, allgemeine, gesellschaftlich reflektierte und legitimierte Gesetz in sich aufnimmt, sondern mit dem irrationalen oder a-rationalen Gesetz Gottes konfrontiert wird und versucht, dieses zu verwirklichen und diesem zu gehorchen – was noch ungleich schwieriger ist, aber eine – eventuell (und profan gesagt) in Form von schwerwiegenden ethischen Dilemmata – auftretende Zumutung des Daseins an das Individuum. Das dann also der Moment, in dem das Individuum mit einem dunklen Abgrund konfrontiert ist, mit der Paradoxie, damit, dass es nicht weiß, welche Folgen das Handeln hat und wie man es also vernünftig planen könnte und wie sich das Individuum dann also, hinsichtlich der Folgen, ästhetisch wie auch ethisch realisiert. Angesichts dieses Abgrundes helfe nur mehr der Sprung – in den Glauben. Der Schwindel und die Angst des Individuums vor den Möglichkeiten des Abgrundes – auf dessen Grund Gott allein innerhalb des Glaubens wartet – und seiner jemeinigen Freiheit, den Abgrund zu durchfahren, werden meditiert in Der Begriff Angst. Die Krankheit zum Tode meditiert Möglichkeiten der gelingenden wie der nicht gelingenden Existenz (wobei deren zweiten durchaus zahlreicher sind). In der Krankheit zum Tode wird der Mensch als Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit begriffen, als etwas Endliches wie Unendliches u. dergl.; das ist so unmittelbar und selbst für den Dümmsten einsichtig, dass es eventuell einer Erklärung bedarf – die immer subjektiv ist bzw. eine subjektive Ausmalung und Erfahrung, allerdings auch immer, da es sich um ein objektives Existenzverhältnis des Menschen handelt, von objektiver Gültigkeit: Sage ich – das Ewige im Menschen und sein Selbst (als das Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält) ist das Selbst als Wert. Der Mensch lebt in der Ewigkeit und in der ewigen Seligkeit nicht in einem ewigen (und noch dazu wohl sehr schnell langweilig und abwechslungslos erscheinenden) Elysium, in dem die Zeit und der Verfall keine Macht mehr hat, sondern, indem er sich seines Selbst als eines ewigen Wertes bewusst ist. Der jeweils ewige Wert ist urtümlich in jedem Selbst angelegt, muss allerdings gleichzeitig realisiert werden, was nur in dem Bekenntnis zu einem ewigen, dynamischen Prozess letztendlich möglich ist. Das absolute Bekenntnis dazu ist dann, in etwa, das religiöse Stadium. Jedes Selbst, egal ob klein oder groß, ist aber dann doch nur ein kleiner und relativer Wert, der sich in einem chaotischen, irrationalen Abgrund des Daseins insgesamt verliert, oder eben zumindest relativiert. Der Große Wert ist dann der Abgrund des Daseins begriffen als Gott. In ihm bewahren sich die kleinen Selbste und Werte, in ihm, letztendlich realisieren sie sich. Das Höchste sei, dass der Mensch erkenne, dass er „von sich aus gar nichts vermag, gar nichts“, und der Mensch erkenne umso mehr und umso dringlicher, dass er eines Gottes bedarf, je „vollkommener“ er ist – so Kierkegaard in der Rede Gottes Bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit, als eine der Reden, die Kierkegaard selbst als den eigentlichen Schlüssel zu seinem Werk betrachtet hat (die allerdings zu Lebzeiten, wie auch darüber hinaus, eher unbeachtet liegen geblieben sind). (Aber auch im Hauptwerk steht: „(N)ur im Glauben hat man eigentlich die Gewissheit, dass man was ausrichtet“ (Entweder – Oder, S. 615).) Das Selbst kann nur göttlich und ewig werden, wenn es in einen göttlichen Abgrund eingelassen ist, der das Selbst bewahrt und in dem das Selbst sich ausdrückt. Gott ist indes nichts, was gewiss ist, und theologische Gottesbeweise lehnt Kierkegaard ab: Da, wenn Gewissheit über die Existenz Gottes herrschen würde, der Glaube ja keine heroische Angelegenheit mehr sein kann, innerhalb dessen sich das Individuum (in einem freiwilligen, a-rationalen und eben moralischen Akt) heroisch realisiere. „Durchsichtig“ gegenüber der Macht zu werden, die es gesetzt hat, „durchsichtig“ zu werden in Gott ist die heroische Realisierung des Individuums und der Sinn des Lebens. Gott ist, an und für sich, keineswegs durchsichtig, sondern ein Paradoxon, das jenseits der Grenzen unseres Verstandes liege (Meditation darüber in den Philosophischen Brocken); sich zu diesem Paradoxon reflektiert zu verhalten, es in sich einzubauen, sprengt die engen Begrenzungen des individuellen (wie auch kollektiven) Geistes und des Selbst und ermöglicht die Freisetzung seines jemeinigen ewigen Wertes. „Durchsichtig“ zu werden bedeutet, dass man über die Reflexion über die Reflexion auf den Grund seiner selbst komme. In ihrem Werk über die Achsenzeit schreibt Karen Armstrong, dass einige wenige, besonders begabte Yogi schließlich einen Zustand erreichen, der sich nur mehr durch „Paradoxien“ beschreiben ließe. Das deswegen, weil die letzten Dinge eben notwendigerweise paradox sind, und Kierkegaard, kann man sagen, war auch einer dieser Yogi.

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Seht, wie paradox Kierkegaard aus der Menge herausragt! Ein paradoxer, schiefer Mensch, der den ewigen Wert des Selbst höchstmöglich erreicht und realisiert hat, indem er „die entscheidenden Bestimmungen des ganzen Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist“. Kierkegaards Charisma besteht darin, dass er das Absolute zum Ausdruck bringt. Laut dem zeitgenössischen Philosophen Quentin Meillassoux sei das Absolute etwas, das „völlig unabhängig vom Denken und daher gleichgültig gegenüber dem Denken, das es denkt, ist“. Am Absoluten erreicht das Denken einen „Grenzpunkt“, der es „zwingt, anzuerkennen, dass eine Macht ausgeübt wird, die ihm gegenüber gleichgültig ist, die es ohne irgendeinen Grund auftauchen lässt oder zerstört, ohne dass ihr etwas entgegengesetzt werden könnte“. (Quentin Meillassoux: Trassierungen, S. 10) Die „entscheidenden Bestimmungen des Existenzumfanges“ sind eine solche Macht, und indem Kierkegaard diese „so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist“ ist er absolut, und sein Charisma ist absolut (Meillassoux hingegen meint in jenem Zusammenhang das „Hyper-Chaos“, als seine Vorstellung vom Existenzgrund). Würde es einem wohl gefallen, absolut geworden zu sein (sofern man das überhaupt anstrebt, gemeinhin strebt man höchstens „Vollkommenheit“ oder „Perfektion“ an, was aber eine subjektivistische Referenz ist und zeigt, dass man vom Absoluten gar nichts verstanden hat, es (zumindest noch) nicht gestreift hat). – Ich weiß allerdings nicht, ob ein Philosoph gerne so sein möchte wie Kierkegaard! Ein Schriftsteller so sein möchte wie Kafka! Ein Maler so sein möchte wie van Gogh! Ich denke, die würden eher so sein wie der 15jährige, aus der Levante zugereiste Achmed, der auf die Frage der Lehrerin an die Kinderchen, was sie denn später einmal werden wollen, lange irritiert in die Luft starrt und eventuell einer Fliege bei ihrem abenteuerlichen Flug zusieht, bis er sich endlich nach vorne wirft und niederschreibt: „Ich will Kapitalist werden und viele Frauen ficken!“. Naja, es hat offensichtlich auch erhebliche Nachteile, wie Kafka, Kierkegaard, Wittgenstein zu sein, nicht zuletzt, was das Kapitalist sein und das Ficken von Frauen anlangt (wobei aber, soweit ich sehen kann, und bei der Strafe des persönlichen Untergangs dieser Individuen, die Vorteile überwiegen). Die transzendenten Genies, wie Kierkegaard, durchstoßen die materielle Hyle und sehen das Universum. Das ist ein großer Genuss. Aber sie sind einfach zu fremdartig, als das man sich als normaler Mensch wohl irgendwie mit ihnen identifizieren könnte. Kafka, Kierkegaard et al. sind die Fremden. Originalität und Intelligenz ist was, das man anstrebt, gemeinhin. Aber bei den Transzendenten, wie Kierkegaard et al., wird die Originalität und die Materie durch sich selbst hindurchgeschossen – und das ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Kann man sich einen Freund der Philosophie vorstellen, der ausruft: „Mann! Ich möchte so sein wie Kierkegaard!“? Oder einen Maler, der schreit: „Mann, ich möchte so sein wie van Gogh! Wie van Gogh möchte ich sein, wie van Gogh!“? Oder einen dieser zumeist (ebenfalls) grenzenlos eingebildeten Schriftsteller, der heult: „Kafka sei ich! Kafk-„ etc. Nein, das kann man sich wohl eher nicht so gut. „In Zeitungen, in Büchern, auf Kanzeln, von den Kathedern her, in Versammlungen macht sich eine Feierlichkeit geltend, eine Wichtigkeit und aber eine Wichtigkeit, als drehte sich alles um Geist, um Wahrheit, um den Gedanken. Vielleicht tut es das auch, vielleicht. Vielleicht aber dreht sich auch alles um den Broterwerb, um Karriere, vielleicht. Ist es der Broterwerb, die Karriere, was den Kandidaten der Theologie begeistert oder ist es das Christentum? Man weiß es nicht. Er nimmt den Broterwerb, er versichert, das Christentum sei es. Ist es der Broterwerb, die Karriere, was den Kandidaten begeistert oder die Wissenschaft? Man weiß es nicht. Er nimmt den Broterwerb, er wird Professor, er versichert, die Wissenschaft sei es. Ist es die Abonnentenzahl, die den Zeitungsschreiber begeistert, oder ist es die Sache? Man weiß es nicht. Er sammelt die Abonnenten haufenweis auf, er versichert, die Sache sei es. Ist es Liebe zu den Vielen, was da einen bewegt, sich an die Spitze der Menge zu stellen? Man weiß es nicht. Er nützt den Vorteil, an der Spitze dieser Macht zu stehen, das sieht man, er versichert, es geschehe aus Liebe.“ (Urteilt selbst. Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen, S. 154) Naja, einmal ist es so, dann wieder so. Irgendwas muss der Mensch ja machen, seinen Leidenschaften folgen und seine Talente entwickeln, und dann hoffen, dass ihm das was einbringt. Und die Fremden müssen ihre Fremdartigkeit ausprägen und zu voller Reife bringen, und dann hoffen, dass es ihnen was einbringt. Kierkegaard, Nietzsche, van Gogh zu sein, müsste für jeden pathologischen Narzissten wohl die Hölle sein, da sie, ausnahmsweise, tatsächlich die höchsten Fähigkeiten in sich vereinigen, dafür aber, zumindest für lange Zeit, die niedrigstmögliche Anerkennung bekommen. Freilich, darunter haben die Genannten einigermaßen gelitten, nicht unbedingt aus Geltungssucht, sondern weil das Paradoxon dabei so unglaublich ist, und die Grenzen zwar weniger des Verstandes, wohl aber der Seele zu sprengen droht. „Kannst du das aushalten? (die frohe Botschaft zu verkünden und keiner interessiert sich dafür, Anm.) Kannst du das? Das ist unmöglich. Nur der Gottmensch kann das aushalten“ (Quelle? Leider vergessen. Lol) Kierkegaard wollte ja leiden und den Kreuzesweg gehen; was aber, wenn das was leiden macht, nicht so tragisch oder erhaben ist, sondern ganz einfach so nichtswürdig und dumm; kein raffinierter Satan der Gegenspieler, sondern ein irrationaler, völlig verblödeter Azathoth im Zentrum des Universums (von H.P. Lovecraft). „Kannst du das aushalten?“ – „Die Unangepassten sind das Salz der Erde, sind die Farbe des Lebens, sind ihr Unglück, aber unser Glück“, so Elias Canetti. Kierkegaard et al., die ultrakomplexen Menschen, die Übermenschen, sind aber weniger die Unangepassten, als eben die Fremden. Aberaberaber – die Fremden sind notwendig, damit die Menschen sich selbst besser verstehen können. Die Fremden sind so umfangreich, dass sie gleichzeitig im Zentrum des Daseins und der menschlichen Existenz beheimatet sind, wie auch in dessen äußersten Randregionen. Sowohl das Zentrum der menschlichen Existenz sind kaum bevölkerte Regionen; und wenn Kierkegaard seine Ehe und überhaupt die (theoretische) Möglichkeit seines weltliches Glückes fahren lässt, weil er sich als eines von zwei, drei jeweiligen Individuen einer jeweiligen Generation begreift, so ist eine solche Schätzung vielleicht nicht ganz falsch. Die Fremden sind deswegen fremd, weil sie das Andere, das Fremde, das Paradoxe, urtümlich in sich aufnehmen und introjizieren. Indem sie so fremd sind, dass nicht außerhalb der Gesellschaft oder außerhalb ihres Zeitalters stehen, sondern außerhalb der Menschheit, sind die Fremden in der Lage, ein Außen gegenüber der Menschheit anzugeben, das gegenüber aller Relativität des jeweils Gesellschaftlichen oder Zeitgeschichtlichen absolut ist. Sie zeigen etwas Menschenmögliches jenseits des Menschenmöglichen an, und erweitern dadurch die Grenzen des imaginär Menschenmöglichen. Kierkegaard, vor allem hinsichtlich seines entschlossenen Kampfes gegen die Kirche in seinen letzten Lebensjahren, hat man vorgeworfen, die Anforderungen des Christentums so sehr in die Höhe zu schrauben, dass es jenseits des Menschenmöglichen liege, ihnen jemals gerecht zu werden – aber genau das hat ja bereits Christus getan und ist die Grundlage des Christentums. Alles Ideal zeichnet sich dadurch aus, dass es jenseits des menschenmöglich Erreichbaren liegt, und eben gerade dadurch als Imperativ wirkt – als etwas, dem das Streben gilt und das Ziel im Streben aufgeht: „Das Ziel ist nichts, die Bewegung ist alles“. Trotzdem gibt es aber eben von Zeit zu Zeit Übermenschen, die diese Ideale eben auch tatsächlich begreifen und aufstellen und – wie man sagen kann – realisieren: die dann aber eben in aller Regel ihre Ideale als Imperative begreifen und verkünden und in ihnen eher hypothetische Möglichkeiten sehen. Indem die Fremden das Andere, das Paradoxe in sich aufnehmen, werden sie, von einem Hyperraum aus betrachtet, vollständig ebenmäßig und glatt, und zum Träger des Gesetzes. Sie werden sittlich autonom. In dieser vollkommenen Autonomie geben sie gegenüber der Heteronomie der Zeit, und aller Zeitlichkeit, ein Außen an. Von Zeit zu Zeit ist es immer wieder nötig, gegenüber der Dümmlichkeit der Gegenwart, und aller Gegenwart, ein Außen zu errichten. Ein solches Außen zu errichten, das ist die urtümliche Sache der Fremden.

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Eigentümlich und beklemmend fällt natürlich der starrsinnige religiöse Fimmel bei Kierkegaard auf. Es fällt einem schwer, so was für möglich zu halten – aber bei Kierkegaard – und das erhöht sein Charisma – ist eben nichts unmöglich. Das fest ineinander amalgamierte Beisammensein von einer scharfsinnigen Intelligenz und erdrückender, irrationaler, wahnähnlich ausgeprägter Religiosität ist ja ein Markenzeichen der Familie Kierkegaard; zumindest hat man das beim Vater wie auch beim Bruder. Sörens Intelligenz ist freilich noch viel höher, es ist eine absolut freigesetzte Intelligenz: Warum also ein kindisch bis primitiv wirkendes Glaubensbekenntnis, um das die ganze Intelligenz zu rotieren scheint? Wisse aber, so du selbst keine großen religiösen Empfindungen hast, kannst du ihnen natürlich wenig anders als eher mit Befremden gegenüberstehen. So dich diese Gnade eines religiösen Temperamentes nicht ereilt hat, kannst du den heiligen Tempel nur von außen betrachten, sein inneres Sanktum bleibt verschlossen. „Ein religiös entwickeltes Individuum ist ja gewohnt, alles auf Gott zu beziehen, jedes endliche Verhältnis mit dem Gottesgedanken zu durchdringen und zu durchsäuern und es damit zu heiligen und zu veredeln.“ (Entweder – Oder, S. 571) Einem nicht Religiösen Religion und Glauben erklären zu wollen, ist wie einem Farbenblinden Farben erklären zu wollen: umrisshaft geht das zwar, nicht aber von der eigentlichen Substanz her. Ich selbst empfinde eine Hinzugezogenheit zur Religion – dem „achtsamen Befolgen der Gebote“ – allerdings eher zu den Werten der Religion, wie Demut, intellektueller und moralischer Unterwerfung, Ernsthaftigkeit, Verbundenheit und tieferes Eindringen in den Seinszusammenhang, der Vorstellung von Harmonie und Ausgleich als Prinzipien des Universums, der großen moralischen Aussage und dem Appell zur Selbstvervollkommnung, und das sich Insverhältnissetzen zu einer höheren, überlegenen Instanz, die als advocatus dei wirkt; Religion selber kann ich dabei natürlich aber nicht ganz ernst nehmen („Na klar“, sagt R., „wer kann denn Religion heute noch ernstnehmen? Da muss man ja einen Schuss haben, wenn man das heute noch tatsächlich ernstnehmen kann!“). Also kann ich den großen K. möglicherweise auch nicht ganz ernst nehme und sollte ihn beiseite tun?? Das würde meinen Feinden und Neidern sicher so passen! Ich aber bin schon gescheit genug, um zu erkennen, dass ich mich hinsichtlich des religiösen Temperamentes Kierkegaard gegenüber eben nur wie ein einigermaßen Farbenblinder verhalten, und ich im Sinne der ganz wissenschaftlichen Sorgfalt die Klappe halten sollte, bis die zugrundeliegende Hypothese eben endgültig verifiziert oder falsifiziert ist. Oh ja, ich glaube, ich sollte mich einfach verpissen und die Klappe halten, also werde ich das jetzt ganz einfach tun, mich verpissen und ganz einfach die Klappe halten. – Im Werk von Kierkegaard tritt uns Gott immer wieder wie eine verhüllte, rätselhafte Macht gegenüber, beziehungsweise: nicht einmal als eine Macht, sondern als ein abstraktes Verhältnis oder Existenzial, oder eben als Ausdruck eines Paradoxons; und seine unter Pseudonymen veröffentlichten, heute als Hauptwerke geltenden Schriften kreisen um das Gelingen oder Scheitern verschiedener Existenzmöglichkeiten im Hinblick auf dieses Verhältnis. In den, unter eigenem Namen veröffentlichten und seinem Vater gewidmeten religiösen Reden und erbaulichen Schriften hingegen hat man persönliche Meditation und (Selbst)gespräche (allerdings weniger zu Gott als vor Gott) – Kierkegaard hat diese Reden oft als den „eigentlichen Schlüssel“ zu seinem Werk betrachtet, der allerdings unbeachtet geblieben sei (wie auch weiter unten nochmal erwähnt). Dort drinnen steht dann auch zum Beispiel: „… dass das Gute seinen Lohn in sich selbst hat, ja, das ist ewig gewiss, es gibt nichts, was so gewiss ist; dass es einen Gott gibt, ist nicht gewisser, denn das ist ein und dasselbe“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 45). Das kann man, wenn man so will, eigentlich auch als schwarzen Humor sehen, gleichzeitig ist es höchster Ernst (und, wie wir noch sehen werden, hat Kierkegaard ja herausgearbeitet dass der höchste religiöse Ernst ja mit Humor einhergeht und urtümlich mit ihm verwoben ist). – Kurz nach dem Tod seines Vaters, am 19. Mai 1838, notiert Kierkegaard in sein Tagebuch eine Epiphanie, in der er das gesamte Dasein in einer grenzenlosen Freude wahrnimmt. Eine religiöse Urerfahrung, ein Durchbruch zum Kosmischen Bewusstsein (wie von Richard Bucke in seinem höchst wichtigen Werk Kosmisches Bewusstsein. Zur Evolution des menschlichen Geistes systematisch beschrieben), eine Erleuchtung, die der angestrengte Wanderer endlich erlangt, ein Fingerzeig Gottes – oder eine Erleichterung, dass der Alpdruck des Vaters, gegen den der Sohn mit seinem Dandytum rebelliert hat, verschwunden ist? Auf jeden Fall, trotz der Intensität der Erfahrung, die Kierkegaard schließlich veranlasst, sein Leben auf Spur zu bringen und seinem religiösen Auftrag zu folgen, findet sie, oder irgendwas dergleichen, nach dieser kurzen Erwähnung keine weitere mehr. Mystiker wird er, genauso wie Klosterbrüder, später, ohne dass sie das so eigentlich verdient hätten, später als Ausdrücke eines unauthentischen Glaubensvollzuges beiseite tun und sich stattdessen in den Abgrund der dialektischen Ausleuchtung des religiösen Existenzverhältnisses stürzen. Aber jeder halt eben, wie er will und soll halt jeder nach seiner Fasson selig werden, und „das Ethische als das Innere lässt sich von jemand, der draußen steht, gar nicht betrachten, es lässt sich nur vom einzelnen Subjekt realisieren, das dann von dem wissen kann, was in ihm wohnt“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 483) – und so stürzt sich Kierkegaard in seine intellektuelle Realisierungsmanie der religiösen Idee und des religiösen Geistes (denn als Agent des Heiligen Geistes lässt sich Kierkegaard vortrefflich begreifen). Glaube ist ein geistiges und seelisches (oder emotionales) Verhältnis, in dem zu aller Zeit eine subjektive Leidenschaftlichkeit auf eine objektive Ungewissheit trifft, und darin ihren Glanz und ihr Elend hat. Kierkegaard, mit seiner Leidenschaft für das Paradoxe, affirmiert diese objektive Ungewissheit; Gottesbeweise lehnt er, wie gesagt, ab, da der Glaube, wenn er Gewissheit geworden wäre, kein Glaube mehr sei, und keine Leidenschaft (und kein Heroismus des Glaubensritters) mehr sei bzw. wenig Platz dafür übrig lasse. – Obwohl er diese vergleichsweise Leerstelle die ganze Zeit mit allerhand auffüllt, vor allem eben in den religiösen Reden, bleibt der Gegenstand des Glaubens, Gott, einigermaßen dunkel; wenn was beleuchtet wird, dann eher die Helle des religiösen Lebensvollzuges. Die Modernität und das zukunftsweisende Potenzial von Kierkegaard als religiösem Schriftsteller und, eben dann später, als Existenzphilosoph, liegt daran, dass Kierkegaard eine durchaus agnostische Religiosität formuliert, und sich damit, in Exzentrizität wieder ins Zentrum stellt: Was das Charisma von Kierkegaard ausmacht, ist dass er so eigenartig und merkwürdig bis eventuell verschroben auf einen einwirkt, dann aber auch wieder so klar und (in dieser Klarheit) „primitiv“, wie es eben nur sein kann bei Nachrichten, die vom Dach der Welt kommen. Sowohl der Theismus und der Atheismus beziehen sich auf nichts Gewisses und sind daher Glaubensbekenntnisse; der Agnostizismus ist, so gesehen, die einzig rational gerechtfertigte Position – mehr noch, geht Kierkegaards agnostische Religiosität geradezu in Richtung Ignostizismus bzw. positiv über ihn hinaus: also der Position, dass es nicht nur nicht wissbar ist, ob es einen Gott gibt, sondern auch, dass die Existenz oder Nichtexistenz Gottes, aufgrund ihrer Entrücktheit, gar keine Rolle für das persönliche Leben spielen würde – was wiederum eine subjektive Stellungnahme, ob die Existenz Gottes für einen wichtig ist oder nicht, nicht ausschließt, sondern sie in der Möglichkeit ihrer Subjektivität ja begründet: eine Wahl, die man treffen kann zwischen „Ist Gott wichtig für mich?“ und „Ist Gott unwichtig für mich?“ – und Kierkegaard hat eben so gewählt, dass sie „unendlich“ wichtig für ihn ist – gleichsam scheinbar berücksichtigend, dass er damit die Wahl der Wahl zwischen „Gut und Böse“ wählt. Wobei man dann eben wieder beim religiösen, meta-ethischen Stadium als dem höchsten menschenmöglichen Stadium ist. Das Leben und den Seinsgrund, gleichsam trotzig gegenüber dem Schweigen des deus absconditus als etwas Heiliges und sehr Ernsthaftes zu betrachten: das ist nicht nur gut, sondern es ist wahrhaftig die gute Sache. Vulgär all jene, die diesen tieferen Sinn der Religion nicht erkennen mögen. „Mich beschäftigen besonders zwei Dinge: 1. dass ich intellektuell im griechischen Sinn meiner Existenzidee treu bleibe, was es auch kostet, 2. dass es im religiösen Sinne so veredelnd wirke wie möglich“, schreibt er 1846 in sein Tagebuch, und 1850: „Was ich will, ist anzuspornen in der Richtung, ethischer Charakter zu werden. Wahrheitszeuge werden, leiden zu wollen für die Wahrheit, und weltlicher Klugheit entsagen zu wollen“. Es schadet nicht, Gott dafür um Hilfe anzurufen, und scheint auch wenig Basis für religiösen Fanatismus, Hartherzigkeit und intellektuelle Inflexibilität zu bilden. Die von Kierkegaard beschriebene Religiosität beschreibt ein zutiefst selbstermächtigtes Existenzverhältnis. Wie Adorno bemerkt, lassen es die letzten Gespräche des sterbenden Kierkegaard mit Emil Boesen offen, inwieweit Kierkegaard tatsächlich ein gläubiger Christ gewesen sei (Theodor Adorno: Kierkegaards Lehre von der Liebe, S. 269) (in einer höheren Dimension, von der wir, wiederum als gleichsam Farbenblinde, wieder nur den Abdruck sehen können, war er das aber natürlich, das ist ja ganz klar, und vor allen Dingen geht das ja zumindest aus den Tagebüchern hervor).

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BONNNG!! – die 1850 erschienene, sehr schöne Schrift Einübung in das Christentum ist ein mächtiger Schlag an die machtvoll unbewegte, in sich selbst ruhende, nichts Böses erwartende Glocke oben im Kirchturm. Majestätisch sieht uns die Glocke an, mit schwer herabhängenden Lidern, da – BONNNG!! – bekommt sie einen Schlag versetzt, der dann in rebellenhafter Majestät über Hof und Dächer schallt. Ein Ereignis ist eingetreten! Ehrwürdiges trifft auf Ehrwürdiges, geistige Majestät auf geistige Majestät, auch wenn die Ehrwürdigkeit der einen und ihre geistige Majestät darin besteht, dass sie frühere Ehrwürdigkeit und frühere geistige Majestät bewahrt, vielleicht, wahrscheinlich, ein wenig steril und statisch, und in prachtvolle Roben gekleidet. Wie kann man, als Mensch der Ehrfurcht vor dem Heiligen hat, da anders als Ehrfurcht haben, auch wenn es sich um morsches, aber altehrwürdiges Gebäude und Gebälk handelt? Wie hatte Kierkegaard nicht vor dem ehrwürdigen Bischof Mynster Respekt? Ja, das kenne ich und kann ich nachempfinden! Denn Statik erfüllt uns durchaus, und womöglich mehr als Dynamik, mit Ehrfurcht! Aufschießende Halle! Ehrwürdige aufschießende Halle, etwas kalte Räumlichkeit! Der ehrwürdig wirkende ältere, ernsthafte, impenetrabel wirkende Herr, mit dem teilweisen Bart, setzt sich hin auf seinen Thron, hält sich mit den knochigen Fingern an den Armlehnen fest und blickt etwas nach unten – die ehrwürdigen Hallen der Gedankenlosigkeit! Die ehrwürdigen Hallen des geistigen Stillstandes! Der relativen Empfindungslosigkeit! Eine relative Ehrfurcht flößt mir ihr ehrwürdiger, eventuell bildungsbürgerlicher, relativ ästhetischer Anblick ein, ihre leichte Kälte weht mich an und wirkt ernsthaft und erschaudernd; aufschießende Halle im Palast, in den Katakomben! Einmal im Jahr bewegt sich der ältere, in der Übergangszeit zum tatsächlich hohen Alter sich befindende Herr, er bewegt sich leicht, kaum, er verkörpert die (eventuell bildungsbürgerlich garnierte) Geistes- und Gedankenleere! Ich aber habe vor diesen Ornamenten teilweise, aufgrund ihrer äußeren Schönheit, Ehrfurcht, und will nicht streng ins Gericht damit gehen, der Mensch, der Ehrfurcht vor dem Heiligen hat, wird zögern, das zu tun. Ich habe immer alles bewundert, sagte Goethe zu Eckermann, und so bewundere ich auch die triumphalen Hallen des geistigen Stillstandes, die den geistigen Stillstand symbolisieren, wenn sie ehrwürdig wirken, erhaben, größer als ich selbst (denn das ist ja relativ und auf jeden Fall der Fall). Der geistige Stillstand und die Geistlosigkeit sind durchaus Mächte und richten, in ihrer Statik, oder idiotischen Dynamik viel aus in der Welt, der alte, geistesleere Mann auf dem Thron in der Halle ist mir ein ehrwürdiger Gegner, dem ich allein schon aufgrund seiner Ewigkeit Respekt schulde. Mit der Einübung in das Christentum nun aber ein mächtiger Schlag an die ehrwürdige kirchliche Statik! All sein Schriftstellertum sei nur um das Thema „wie kann man Christ werden?“ gekreist, so Kierkegaard in seinen Bekenntnisschriften über seine Wirksamkeit als Schriftsteller. In der Einübung kommt der Christ, der Gottmensch daher, und ist der Welt notwendigerweise Ärgernis. In seiner intellektuellen und moralischen extremen Beweglichkeit, in seinem profunden Geist-sein steht der Christ/us und Gottmensch in einer gewissen Opposition zur Welt und zu ihren Routinen. „Selig wer sich nicht an mir ärgert“, so der Gottmensch, denn letztendlich ist der Gottmensch mächtiger als die Welt, als der Geist, der die Welt beseelt und ihr Substanz verleiht. Daher seine (beseelte) Ewigkeit, im Gegensatz zur anonymen Ewigkeit, deren Raum die ehrwürdigen Hallen des geistigen Stillstandes sind. In der Zeitlichkeit aber womöglich eine Verliererfigur (die, wie Milena Jesenská es in ihrem Nachruf auf Kafka aber geschrieben hat, „im Unterliegen den Sieger beschämen“), denn: „Der Verstand steht still vor dem Absoluten“. In der Unwissenschaftlichen Nachschrift beschreibt Kierkegaard wie er sich lange uneins war, was er im Leben anfangen könne und was er im Leben wohl tauge, bis ihm schließlich aufgegangen sei, dass seine Aufgabe allein darin liegen könne, „überall Schwierigkeiten zu machen“ (S. 326). Und der Christ als Geist und als moralischer Appell macht eben überall in der Welt Schwierigkeiten. „Das Höchste ist: indem man der Welt unbedingt ungleich ist, dadurch, dass man allein Gott dient“ (Urteilt selbst. Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen, S. 198). Die Seligkeit des Christen ist gleichsam paradox, da sie nicht in Ruhe, sondern in größtmöglicher Unruhe bestehe: „Das Christentum ist die intensivstärkste, die größtmögliche Unruhe, es lässt sich keine größere denken, es will (so wirkte ja Christi Leben) das Menschendasein beunruhigen von tiefstem Grund aus, alles sprengen, alles brechen … Wo einer Christ werden soll, da muss Unruhe sein; und wo einer Christ geworden ist, da ist Unruhe.“ (so Kierkegaard zu seinem Tagebuch 1854). Richtig nach Transzendenz und Nirwana und Seelenfrieden und Gelassenheit des Glaubens hört sich das unmittelbar nicht an – aber das hat man dann eben in der Ewigkeit; Leben hingegen bedeutet Unruhe und wandernden Geist und bewegliche Seele, somit liege die Möglichkeit der Steigerung des Lebens in der harmonischen Intensivierung der inneren Tätigkeit und Empfindungsfähigkeit. „Überhaupt erkennt man die unendliche Reflexion, in welcher erst die Subjektivität um ihre Seligkeit in Sorge kommen kann, sofort an Einem: dass sie überall die Dialektik mit sich führt. Es sei nun ein Wort, ein Satz, ein Buch, ein Mann, eine Gemeinschaft, es sei, was es wolle, sobald es in der Weise eine Grenze sein soll, dass die Grenze selbst nicht dialektisch ist, ist es Aberglaube und Beschränktheit. Im Menschen lebt immer ein solcher sowohl bequemer wie auch bekümmerter Hang nach etwas ganz Festem, das die Dialektik ausschließen könnte, aber das ist Feigheit und Betrug gegen die Gottheit. Selbst das Gewisseste von allem: eine Offenbarung, wird eo ipso, indem ich sie mir aneignen soll, dialektisch; selbst das Festeste vom allem, der unendliche negative Entschluss, der die unendliche Form der Individualität ist, die Gottes Sein in ihr annimmt, wird sofort dialektisch. Sobald ich das Dialektische wegnehme, bin ich abergläubisch und betrüge Gott um des Augenblicks angestrengtes Erwerben des einmal Erworbenen. Dagegen ist es weit bequemer, objektiv und abergläubisch zu sein und damit prahlend die Gedankenlosigkeit zu proklamieren.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 163) „Wer existiert, ist beständig im Werden“ (ebenda, S. 215) Ach ja: das Rebellentum! Das Werden! Die Einsamkeit des Rebellen! Das kennt jeder zweite auf dieser Welt sehr gut, genauso wie das, was die großen Weisen sagen jeder zweite auf der Welt sehr gut weiß. Der Unterschied liegt allerdings darin, wie „intensivstark“ all das gelebt und reflektiert wird und vorexerziert, und dafür braucht man das schon die großen Weisen und die Kierkegaards selbst, die im ruhenden Auge des Tornados hausen. Hören wir, weil es gut in den Zusammenhang passt, die Worte eines anderen Heiligen und Weisen, Bhagwans:

„…Es gibt Mondsüchtige, die immer nur nach dem Weitentferntem, dem Entlegenen suchen, und sie bewegen sich immer nur in der Einbildung. Große Dichter, einbildungsstarke Menschen – ihr ganzes Ego ist ins Werden verstrickt. Einer ist da, der Gott werden will – der Mystiker…

„Der Mensch ist ein Werden. Mit dem Entstehen des fünften Verstandes, des Buddhaverstandes, des Christusverstandes, wird der Mensch zu einem Sein. Dann ist der Mensch nicht mehr Mensch, da der Mensch nicht mehr Verstand ist. Dann ist der Mensch Gott. Und nur das kann erfüllend sein, sonst nichts. Und gib dich nicht zufrieden mit etwas Geringerem!“

„… Ein Buddha ist einer, der in die Erfahrungen des Lebens, ins Feuer des Lebens, in die Hölle des Lebens eingetaucht ist und sein Ego zu seiner höchsten Möglichkeit, zum äußersten Höchstmaß ausgereift hat. Und genau in dem Moment fällt das Ego und verschwindet.“

„Es gibt sieben Türen. Wenn das Ego vollkommen ist, sind all diese sieben Türen durchschritten worden. Danach fällt das reife Ego ganz von allein. Das Kind ist vor diesen sieben Egos, und der Buddha ist hinter diesen sieben Egos. Es ist ein vollendeter Kreis.“

„…Jenseits der vierten Stufe des universalen Verstandes gibt es noch die fünfte Stufe, die letzte, wenn du sogar über den universalen Verstand hinausgehst. Denn auch nur zu denken, dass es der universale Verstand ist, ist denken. Gewisse Ideen vom Individuum und vom Universum bleiben noch in dir zurück. Du bist dir noch bewusst, dass du bist eins bist mit dem Ganzen, aber du bist und du bist eins mit dem Ganzen. Die Einheit ist noch nicht total, sie ist nicht vollendet, sie ist nicht endgültig. Wenn die Einheit wirklich endgültig ist, dann gibt es nicht Individuelles, nichts Universales. Das ist der fünfte Verstand: Christusverstand … Du bist zum ersten Mal ein Sein, Werden gibt es nicht mehr. Der Mensch ist über sich hinausgegangen, die Brücke gibt es nicht mehr … Alles ist vergangen, der Alptraum ist zu Ende.“

Bhagwan, eine Art Zarathustra, von Peter Sloterdijk als ein „Wittgenstein der Religion“ verehrt. Und von Seiten Peter Sloterdijks moniert, dass man sich mit einem Bhagwan-Zitat in der Gemeinschaft der akademischen Philosophie lächerlich mache, so lägen die Dinge. Aber was kümmert uns religiöse Schriftsteller das? Das was Bhagwan da sagt und beschreibt, den Weg vom Werden zum endgültigen Sein, das kenne ich sehr gut. Kierkegaard würde das auch verstehen. Und das was ich vorher gesagt habe, dass es darum geht, ein Außen zu konstruieren, würden Kierkegaard und Bhagwan verstehen.

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„Christi nachzufolgen bedeutet, sich selbst zu verleugnen, und bedeutet also, den gleichen Weg zu gehen, den Christus in der geringen Gestalt eines Knechts ging. Not leidend, verlassen, verspottet, die Welt nicht liebend, und nicht von ihr geliebt. Und es bedeutet also, allein zu gehen.“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 235) Kierkegaard kann man in seinem Einsamkeitspathos und in seiner ausschließlichen Adressierung des Einzelnen schon vorwerfen, dass er nicht nur ein Sozialphilosoph gar nicht ist, sondern er überhaupt das Gesellschaftliche ganz vergisst. Während Marx und Engels 1848 das Manifest der kommunistischen Partei veröffentlichen, ist es bei Kierkegaard zwei Jahre später, und nach dem Eindruck der 1848er Revolution die Einübung in das Christentum. Das wurde von gewissen Seiten als eine gewisse Bizarrerie betrachtet, und schon zu seiner Zeit wurde ihm radikale Egozentrik vorgeworfen. „Ein religiöses Individuum dagegen ruht in sich selbst und verschmäht alle Kinderstreiche der Wirklichkeit.“ (Die Wiederholung, S. 83) Gehört Kierkegaard dieser Welt überhaupt an? Es gibt freilich keine Verpflichtung eines Denkers oder (religiösen) Schriftstellers, politisch zu sein; man macht sich halt als unpolitischer bzw. antipolitischer Denker bei den Politischen wohl nicht übermäßig beliebt – wenngleich deren Kritik auch ganz erhellend sein kann und auf tatsächliche Probleme des gesamten Denkgebäudes hinweisen kann. Seine Zurückweisung der Welt und Konzentration aufs Individuum und dessen „Innerlichkeit“ sei so extrem, das man bei Kierkegaard ein Kreisen um eine „objektlose Innerlichkeit“ habe, so Theodor Adorno in seiner Kierkegaardschrift: „Wächst Fichtes Idealismus aus dem Zentrum der subjektiven Spontaneität, so wird bei Kierkegaard das Ich von der Übermacht der Andersheit auf sich selbst zurückgeworfen. Weder ist er Identitätsphilosoph, noch erkennt er positives, bewusstseinstranszendentes Sein an. Weder ist ihm die Dingwelt subjekt-eigen noch subjekt-unabhängig. Vielmehr: sie fällt fort. Dem Subjekt bietet sie bloßen „Anlass“ zur Tat, bloßen Widerstand für den Akt des Glaubens. In sich selbst bleibt sie zufällig und unbestimmt. Anteil am „Sinn“ kommt ihr nicht zu. Es gibt bei Kierkegaard so wenig ein Subjekt-Objekt im Hegelschen Sinne wie seinshaltige Objekte; nur isoliert, von einer dunklen Andersheit eingeschlossene Subjektivität.“ (Theodor Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, S. 55) (Naja, als Farbenblinder sieht Adorno Gott nicht.) Und wie Kierkegaard mit dem Weltlichen aufräumt, z.B. „Das Weltliche ist nämlich seinem Wesen nach nicht Eines, da es das Unwesentliche ist; seine sogenannte Einheit ist nicht wesentlich, sondern ist eine Leere, welche sich unter dem Mannigfaltigen verbirgt … Nur das Gute ist seinem Wesen nach Eines und ist das gleiche in allen seinen Äußerungen“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 35) – Da kann man schon sagen, dass die Welt bei Kierkegaard gar nicht untersucht wird, sondern ganz einfach als eine grundsätzlich verworfene Welt – verworfen wird (Theodor Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, S. 72). Dass sein proklamiertes Gutes eben nicht in allen seinen Äußerungen gleich ist, da christliche Nächstenliebe mehr oder weniger sein kann als der Impetus, mit strukturellen sozialen Ungerechtigkeiten und Gewaltverhältnissen aufräumen zu wollen. Das eine ist die (konservative) Nächstenliebe, das andere die (progressive) sozial wirksame Tathaftigkeit. Letzteres hat Kierkegaard höchstens auf eine eigentümliche Art und Weise verwirklicht; „Moralisches Handeln gilt bei Kierkegaard allein dem „Nächsten“ (ebenda, S. 92). Der „Nächste“ ist aber keine politische Kategorie. Kierkegaard mag da kontern: „Indes wiewohl „unpraktisch“, dennoch, das Religiöse ist der Ewigkeit verklärte Wiedergabe des schönsten Traumes der Politik. Keine Politik hat es vermocht, keine Politik vermag, keine Weltlichkeit hat vermocht, keine Weltlichkeit vermag, bis in die letzte Folge hinein diesen Gedanken durchzudenken oder zu verwirklichen: dass Menschlichkeit Menschengleichheit ist. Vollkommene Gleichheit verwirklichen im Medium der Weltlichkeit, Weltgleichheit, d.h. in dem Medium, dessen Wesen Unterschiedlichkeit ist, und sie weltlich, weltgleich, d.h.: Unterschied schaffend verwirklichen, das ist ewig unmöglich, das kann man aus den Kategorien ersehen. Denn wollte man vollkommene Gleichheit erreichen, so müsste „Weltlichkeit“ rein fort, und wenn vollkommene Gleichheit erreicht ist, so hat „Weltlichkeit“ aufgehört; aber ist es dann nicht doch eine Art Besessenheit, dass „Weltlichkeit“ auf die Idee verfallen ist, vollkommene Gleichheit erzwingen zu wollen, und weltlich, weltgleich sie erzwingen zu wollen – in Weltlichkeit. Weltgleichheit! Nur das Religiöse kann vermöge der Hilfe des Ewigen bis ins Letzte Menschgleichheit, Menschlichkeit durchführen, die gottgemäße, die wesentliche, die nicht-weltliche, die wahre, die einzig mögliche Menschgleichheit, Menschlichkeit; und darum ist auch – es sei gesagt zu seiner Verherrlichung – das Religiöse die wahre Menschlichkeit.“ (Die Schriften über sich selbst, S. 97). Und weiter: „“Der Einzelne“ ist eine Kategorie des Geistes, der geistigen Erweckung, – der Politik so entgegengesetzt wie nur möglich. Irdischer Lohn, Macht, Ehre usf. Ist mit ihrer rechten Anwendung nicht verbunden; denn selbst wenn sie im Interesse des Bestehenden gebraucht wird, Innerlichkeit interessiert die Welt nicht, und wenn sie zur Erschütterung gebraucht wird, sie interessiert die Welt dennoch nicht, denn Opfer bringen, sich opfern lassen, was ja die Folge davon sein muss, dass man nicht darauf sieht, Macht im Sinnlichen zu werden, interessiert die Welt nicht.“ (ebenda, S. 115) Die Welt interessiert sich nicht für Kierkegaard, und Kierkegaard interessiert sich nicht für die Welt. Warum auch? Adorno wirft Kierkegaard vor, „alles wirkliche Außen hat sich zu einem Punkt zusammengezogen. Die gleiche Raumlosigkeit lässt sich an der Struktur seiner Philosophie erkennen. Sie ist nicht im Nacheinander entfaltet, sondern ein vollkommenes Zugleich aller Momente, die in einem Punkt, dem des „Existierens“, zusammenfallen … im Punkt aber vermag Wirklichkeit sich nicht zu erstrecken“ (Theodor Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, S. 82) Nun ja, wenn sich der Geist vollständig realisiert hat, fällt wohl tatsächlich die ganze Perspektive auf einen Punkt zusammen, von dem aus man, wie nahe an der zentralen Singularität eines astronomischen Schwarzen Lochs, die gesamte Geschichte des Universums sehen kann. Vollkommenes Zugleich aller Momente hat man vor dem Auge Gottes, und auch Teresa beschreibt die Gottesperspektive, wo sich alle weltlichen Vorgänge annähernd synchron wie in einem Juwel spiegeln. Was Adorno da beschreibt, ist eine Art Satori-Perspektive. Zur Satori-Perspektive gelangt man, wenn man eine unglaubliche Masse von Welt inklusive ihrer Paradoxien in sich aufgenommen hat und über synthetisierende Erleuchtung zu einem höheren Bewusstseinszustand gelangt, der, indem er jenseits weltlicher Dichotomien liegt, in seiner Essenz apolitisch sein wird. Unpolitisch und apolitisch ist nicht dasselbe, denn das Apolitische schließt das politische Engagement und die politische Stellungnahme, sogar die politische Leidenschaft nicht aus (Kierkegaard freilich erscheint nicht nur als apolitisch, sondern auch als unpolitisch, aber diesbezüglich ist man ja immer im Werden). Weiters bedeutet für Kierkegaard vollständig ausgeprägte Innerlichkeit eben nicht Objektlosigkeit oder punktförmige Perspektive, sondern: „Die Natur, die Totalität der Schöpfung ist Gottes Werk, und doch ist Gott nicht dort; aber im Inneren des einzelnen Menschen gibt es eine Möglichkeit (er ist nach seiner Möglichkeit Geist), die in der Innerlichkeit zu einem Gottesverhältnis erweckt wird, und dann ist es möglich, Gott überall zu sehen.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 395) – „Menge ist die Unwahrheit.“ (Die Schriften über sich selbst, S. 102-105) Es ist allerdings wahr, dass die Menge, einigermaßen, das Unwahre eben ist oder leicht sein kann: Individuum und Gesellschaft stehen auf jeden Fall in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander! Ein politischer Denker war Kierkegaard gar nicht, Politik beschäftigt sich aber mit der Menge und der menschlichen Vielheit und sie betrachtet den Menschen als soziales Wesen. Das ist der Mensch zwar, aber er ist eben auch ein individuales Wesen, und als solches hinsichtlich vieler Fragen seines Lebens allein, und hat auch ein Recht darauf, darin allein gelassen zu werden. Marx und Engels und andere sind sozialphilosophische und politische Denker, in ihrem Fall sogar in extremsten Ausmaß, die alle Individualität im Säurebad des Sozialen auflösen und die Innerlichkeit des Menschen, in etwa, zum „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ erklären. Der Weg in den das Individuum negierenden Totalitarismus ist innerhalb des Marxismus vorgezeichnet (und scheint, innerhalb des Denkrahmens, den er absteckt, auch nur schwer korrigierbar). Eine großartige Betrachtung und Reflexion des Individuums, des Einzelnen, des Menschen nicht als politischen sondern als psychologischem Wesen, hat man im Marxismus bekanntlich nicht. Inwieweit sich das bekanntermaßen tragisch bzw. verbrecherisch in der Geschichte ausgewirkt hat bzw. inwieweit man Marx und Engels dafür direkt zur Verantwortung ziehen kann, bleibt eine ewig offene Frage, von einer dementsprechenden Verantwortung freisprechen kann man sie aber nicht. Mehr noch, wohnt Vergemeinschaftungsutopien immer wieder, implizit oder gar explizit, ein totalisierendes Moment inne, und auch die Beschreibungen der glorreichen Campanellaschen Sonnenstaaten und Morusschen Utopien, sollen einem bei der Lektüre (die ich noch nicht geleistet habe, Anm.) diesbezüglich mulmig machen. Wenn (der damals junge) Adorno Kierkegaard übertriebenen Subjektivismus ankreidet, sei erinnert, dass gerade bei Adorno die (vorhandene) Gesellschaft in einem durchaus irgendwie übertriebenen Gestus als „verworfene“ erscheint bzw. auf ein System der „Herrschaft“ reduziert wird, angesichts dessen die Möglichkeit, sich von ihm zu emanzipieren, etwas kleinlaut, nur mehr in „negativer Dialektik“ liege. Ja, es gibt so etwas wie „Kulturindustrie“, hat es immer schon gegeben und wird es immer geben;  sie ist auch nicht so schlimm oder verwerflich, sondern reflektiert halt auf den Menschen, wie er ist, und auf die Bedürfnisse, Wünsche und Träume die er hat. Was die großen und fremdartigen Träumer anlangt, so gibt es auch sie immer wieder: Sie versuchen, neue Bereiche und Imaginarien zu schaffen, die von den Apparaten und der „Kulturindustrie“ nicht kolonialisiert werden können. Das sind dann die tatsächlichen Orte der Freiheit. Mit der Zeit kommt dann die Kulturindustrie und kommt die akademische Industrie usw. und es kommt zu einer freundlichen Übernahme. Was allerdings die Fremden anlangt: So kann man sie zwar akademisieren und kulturindustrialisieren – aber kolonialisieren kann man sie nicht. Das Existenzverhältnis, wie es Kierkegaard darlegt, den Übermenschen Nietzsches, das Tat Twam Asi Schopenhauers, den Geist van Goghs bzw. ganz allgemein die menschliche Imaginationskraft und eben das Außen als die Spitze der Imaginationskraft kann man nicht kolonialisieren. Kierkegaard beschreibt den Menschen mit sich allein und der Raum, in dem sein Denken darüber stattfindet, ist eben gerade einer, wo die Politik und das Soziale nichts zu suchen hat. Solche Räume gibt es, solche Räume soll es geben, und Kierkegaard hat uns einen sehr stabilen und wetterfesten diesbezüglichen Raum gegeben. Eine gute Gesellschaft ist die, wo die Gesellschaft Verantwortung für das Individuum übernimmt und das Individuum Verantwortung für die Gesellschaft und die jeweiligen Rechte, Pflichten und Freiheiten von Individuum wie Gesellschaft harmonisch ausgewogen sind: Und tatsächlich sind das Kommunistische Manifest und die Einübung in das Christentum keine Antipoden, sondern gegenseitige Ergänzungen: das eine beschreibt die Verantwortung der Gesellschaft, das andere die Verantwortung des Individuums. – Kierkegaard war ein Konservativer, in der Sprache der Progressiven ein Reaktionär und er stand, wie man heute weiß, und auch damals hätte wissen müssen, nicht eben auf der richtigen Seite der Geschichte. Der Konservatismus wurde Kierkegaard dabei aber in die Wiege gelegt; und vom späteren Kierkegaard gibt es durchaus Hinweise, dass er sozialen Fragen gegenüber hellhöriger wurde. Inwieweit das innerhalb seiner allgemeinen Radikalisierung und seinem allgemeinen Feldzug gegen eine „verworfene“ Kirche und Gesellschaft, also sozialphilosophisch gesehen undifferenziert stattgefunden hat, oder besser stattgefunden haben könnte, kann man nicht wissen: Seine kurze, tödliche Krankheit trat bekanntlich mit einem Schlag ein, als er auf dem Weg zur Bank war um sein letztes Geld abzuheben. Kierkegaard ist nicht nur mit 42 Jahren gestorben, sondern ist auch gestorben an einem entscheidenden Wendepunkt seiner äußeren Lebensumstände. Die Aussicht auf ein Leben in Armut hatte er offenbar in Kauf genommen, und das gibt ihm durchaus etwas Heldenhaftes und Heiliges, unterscheidet ihn vom parasitären Bourgeois und sollte allzu vorlauten Sozialrevolutionären in einer allzu allgemeinen Verurteilung Kierkegaards relativ das Maul stopfen. Was, wenn Kierkegaard 80 Jahre alt geworden wäre? Man muss sich vergegenwärtigen, dass Kierkegaard jung von uns gegangen ist und sein Werk an und für sich besser als Torso zu betrachten ist, und zu den großen Unfällen der Geistes- und Kulturgeschichte gehören die frühen Tode von Individuen wie Mozart, Schubert, Büchner, Weininger oder eben Kierkegaard und auch Nietzsche. Kierkegaard hat allen Anschein eines Frühvollendeten, aber auch ein anderer seines Jahrhunderts, hat im Alter von nur 30 Jahren mit seinem ersten größeren Werk einen umfassenden und genialen, ein gesamtes Denkgebäude umreißenden Wurf hingelegt (danach aber eine viel weniger manische, sondern deutlich ökonomischere Schreibtätigkeit entfaltet): Kurz vor seinem Tod im Alter von 72 Jahren ist Schopenhauer von sich selbst begeistert aufgesprungen und hat gemeint, er müsse noch mindestens 90 Jahre alt werden, gemessen an dem, was er der Welt noch zu sagen habe (dazu hätte zum Beispiel auch eine gewisse Revidierung seiner Meinungen über Frauen gehört). Kurz darauf lebte er nicht mehr. In seinen letzten Lebensjahren hochgeehrt, wohnten nur einige Menschen dem Begräbnis von Schopenhauer bei. Das Begräbnis von Kierkegaard, dem Verfemten, war eine Art Massenereignis. Gwinner sprach an Schopenhauers Sarg, dass „der Sarg dieses Mannes, der ein Menschenalter hindurch in unserer Mitte lebte und gleichwohl ein Fremdling unter uns blieb, seltene Gefühle“ herausfordere (Karl Pisa: Schopenhauer. Der Philosoph des Pessimismus, S. 386)

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„Einen der höchsten Begriffe vom Menschen gibt mir die Person Kierkegaards. Ich empfehle seine Tagebücher“ – begeisterte ich mich mal vor Jahren. In der Tat aber: Wenn man sich einen bedeutenden Menschen des Geistes ansieht, sehe man sich auch seine Persönlichkeit an und evaluiere sie, denn sie ist meistens Teil seiner Gesamtaussage, seines Kunstwerks und der Moral von seiner Geschichte. Trotz all der Schwermut, die er ausgedrückt hat und die in seiner Familie ursprünglich präsent war, galt Kierkegaard als ein heiterer, gelassener Mann. Besonders gut sei er darin gewesen, andere zu trösten und ihnen, mittels seiner unerschütterlichen Heiterkeit und Lauterkeit und Lebensweisheit aus ihrer eigenen Schwermut zu helfen, so sie denn darin befangen gewesen seien. Einzelgänger, der nur einen einzigen Menschen seinen Freund nannte (Emil Boesen), führte er doch mit bis zu fünfzig Menschen an einem Tag Gespräche, während seiner Spaziergänge. Dass Schwermut und Heiterkeit in einem Menschen gleichzeitig bestehen können, ist nichts so Ungewöhnliches; beim ultrakomplexen Menschen, wie Kierkegaard einer war, ist das sogar die Regel. Wie genuin bei Kierkegaard seine Stimmungen und Haltungen gewesen seien, möge man sich fragen; inwieweit seine Anteilnahme an anderen nicht bloß der wissenschaftlichen Neugierde geschuldet war, wenn nicht des Voyeurismus des Schriftstellers auf der Suche nach Neuem u. dergl. mehr; ja, das mag man sich schon fragen, meistens aber gibt es ja ein Bündel von Motiven hinter eines jeden Menschen Handlung, und vor allem beim ultrakomplexen Menschen sind die inneren Zustände so durchreflektiert und ineinander gespiegelt, dass sie eben in ihrer gegenseitigen Spiegelung bereits urtümlich von ihm erlebt werden (das Innere des ultrakomplexen Menschen ist, wie gesagt, der unendliche Saal der Spiegel). Während aus Wunderkindern später im Leben oftmals „nichts wird“ oder sie hinter den Erwartungen zurückbleiben (insofern Genie ja weniger ein hohes Maß an Intelligenz bedeutet als ein hohes Maß an urtümlicher Kreativität, und das eine mit dem anderen meistens eben nicht einhergeht), war Kierkegaard, der von Wittgenstein als der „bei Weitem profundeste Denker seines Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, durchaus kein wirklich auffälliges Kind und kein auffällig guter Schüler. Auch im Aufsatz glänzte er nicht durch besondere Sprachgewandtheit, wenngleich seine Aufsätze auf ihre Weise ausformulierter waren als die seiner Altersgenossen. Idiosynkrasien machten sich bei ihm freilich immer bemerkbar, wie eine analytische Schärfe und eine scheinbare Gabe, hinter die Dinge zu sehen, was seinen Ausdruck oft in einem gewissen Rebellentum und in einer gewissen, teilweise höhnischen Frechheit fand – in seiner Familie wurde er ob seiner Fähigkeit, gleichsam Dinge intellektuell aufzuspießen, „die Gabel“ genannt: Eigenschaften, die auf Genie hinweisen können, oder eben auch auf nichts, was sich später im Leben als was so Besonderes erweisen könnte, gleichermaßen. „Ich war ungefähr zehn Jahre lang Student gewesen, war doch meine ganze Tätigkeit nur wie eine glänzende Untätigkeit, eine Art Beschäftigung, für die ich noch eine große Vorliebe und für welche ich vielleicht sogar ein bisschen Genialität besitze. Ich las viel, verbrachte die übrige Zeit des Tages mit Bummeln und Denken oder mit Denken und Bummeln, aber dabei blieb es auch; der produktive Keim in mir ging in seinem täglichen Gebrauch drauf, verzehrte sich in seinem ersten Grünen.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 325) Dergleichen Bummelei kann wiederum auf einen trägen Geist hinweisen, wie aber auch – was deutlich seltener ist – auf das hohe Genie, das seine Bestimmung und seine Form noch nicht gefunden hat und dessen universaler Geist sich, seiner selbst noch nicht unbedingt gewiss, in den institutionellen Formen der Welt nicht wiederfinden kann und der daher scheinbar ein wenig ziellos herumirrt: Irreguläre Lebensläufe und „Bummelei“ in der Jugend sind für Individuen wie Kierkegaard eher die Regel als die Ausnahme. Als sein Vater starb und er seine Epiphanie hatte, machte er schließlich ernst; schloss sein Studium mit seiner unglaublichen Magisterarbeit über Den Begriff der Ironie, mit ständiger Rücksicht auf Sokrates ab, in der sich eine scheinbar bereits 300jährige Lebenserfahrung und radikale Urtümlichkeit (als etwas noch Radikaleres als „Originalität“) des Denkens ausdrückt; machte sich daran, sich zu verehelichen, um sich in den menschlichen Gesamtzusammenhang einzuordnen; löste dann, als er in großer Ernsthaftigkeit erkannt hatte, dass das gar nicht sein Platz sein könne und er die brave Regine nur unglücklich machen würde, die Verlobung wieder auf; stürzte sich in eine manische Schreibarbeit, die in Art und Umfang selbst wohl bei anderen Koryphäen und Helden der Wissenschaft eine gewisse Beklemmung hervorrufen mag; führte, nach dem Erfolg von Entweder – Oder, der sein einziger relativer Publikumserfolg zu Lebzeiten geblieben war, einen einzelgängerischen Kampf mit Gesellschaft und Kirche um die Wahrheit und Reinheit des Glaubens und des Lebensvollzuges; wurde verspottet und gedemütigt, demütigte andere und spottete; trat im letzten Jahr seines Lebens dann mit seiner Zeitschrift Der Augenblick wieder ans Licht der Öffentlichkeit, im Rahmen eines Kreuzzuges, in der er die gegenwärtige Kirche und Gesellschaft insgesamt verwarf; starb schließlich nach kurzer Krankheit heiter und ohne ersichtliches Bedauern (seine Tagebücher, die mir ursprünglich einen so hohen Eindruck von ihm gegeben hatten, seien, laut Kierkegaard-Biograph Joakim Garff in den letzten Jahren voll „monotoner Misanthropie“ gewesen (was ich so nicht unbedingt bemerkt habe, aber ich habe auch nur eine Anthologie seiner Tagebücher gelesen)). Sein Begräbnis wurde zu einer Massenkundgebung, anschließend verschwand er wieder in den Hinterzimmern des öffentlichen Gedächtnisses, dem er erst Jahrzehnte später vollständig und triumphal entrissen wurde, als er endlich „entdeckt“ wurde. Ist das die Art und Weise, wie man leben soll? Ist das die Art und Weise, wie du leben willst? Wahrscheinlich nicht, aber, insofern Kierkegaards Werk, nach Eigenaussage, dem Thema „Wie kann man Christ werden?“ gewidmet war, war es auch Kierkegaards Lebensführung. Das Leiden nahm er bewusst in Kauf, trachtete sogar danach, es noch zu steigern, denn der Weg zu Gott führe eben über den Kreuzweg. Für den Einzelnen hat er geschrieben, und den Einzelnen hat er herausgearbeitet – mit der Konsequenz, dass er im Leben ein isolierter Einzelner geblieben ist. Almosen gegeben und die Armen unterstützt hat er, wie vermerkt wurde ohne den gönnerischen bis herablassenden Gestus den man bei den meisten anderen Bürgern hatte, wobei seine entsprechenden Gaben Kleinigkeiten geblieben sind. Den Luxus, den er sich leistete, erachtete er als unabdingbar, um sich, beispielsweise in geräumigen Wohnungen, angemessen auf seine schriftstellerische Tätigkeit konzentrieren zu können; zusammengebrochen ist er, als er auf dem Weg war, sein letztes Geld abzuheben: Ein Leben in Armut, um die Echtheit seines Lebensvollzuges zu bewahren, hatte er offensichtlich als Konsequenz in Kauf genommen. Eine seiner Nichten hatte er sehr gerne, bei einer anderen Verwandten musste er länger gebeten werden, zu ihr zu kommen und ihre neue Wohnung zu besichtigen, auf die sie sehr stolz war (um dann nachträglich die Durchschnittlichkeit der Wohnung zu monieren). Seinen erdrückenden, aber intelligenten Vater hielt er in Ehren und widmete ihm seine religiösen Reden, über seine einfache, aber (wie es heißt) heitere und umgängliche Mutter hat er nie auch nur irgendwas erwähnt. Inwieweit bei alldem Kierkegaard ein tatsächlicher, das heißt der Menschheit urtümlich zugewandter Heiliger war oder hauptsächlich der Konsequenz gefolgt ist, die in ihm eben angelegt war, ist vielleicht nicht ganz leicht zu sagen, leicht zu vermuten ist, dass Kierkegaard auch auf diese Frage sicher eine Antwort wüsste (der misanthropische Schopenhauer sprach von sich als „theoretischem Heiligen“, was Kierkegaard zumindest natürlich auch war, und, wie man unmittelbar an seinem Lebensvollzug sieht, auch noch deutlich mehr). Kierkegaard, der heitere, gelassene Heiler. Und Kierkegaard, der „in seinem Naturell einen Hang zum Tadeln, Niederreißen, Herabsetzen – etwas Mephisto-artiges“ gehabt habe. So allerdings sein Antipode Martensen (Nachwort zu Philosophische Brocken von Lieselotte Richter, S. 121). Über Martensen schreibt Kierkegaard-Biograph Joakim Garff: „Martensen, der Sohn eines Schiffers, und nicht Kierkegaard, der Sohn eines Krämers, entführte also die Heibergsche Siegespalme, und groß ist der Schmerz des Verlierers, in wahrhaft faustischem Sinn verzweifelt er beinahe daran. Vollends zu Verzweifeln, ja empörend war es, dass Martensen und alle anderen gebildeten Musterknaben, die Faust anbeteten, ja persönlich weder zweifelten noch verzweifelten an oder über besonders viele Dinge, sondern spekulierten und dozierten und ihre harmonisierten Gedanken in akademischen Abhandlungen niederlegten, die sie einander nur mit dem Ziel aushändigten, höhere Graduierungen zu erklimmen. Im Gegensatz zu Kierkegaard focht sie ihre fürchterliche faustische Einsicht existenziell gar nicht an, sie gingen nur umher da draußen in der Wohnung an der Brogade und übten sich in gutem Benehmen sich selbst und anderen gegenüber, so dass sie letztendlich ganz vergaßen, dass sie auch das waren: Natur, Trieb, Tod, Staub.“ Hach, immer diese Oberflächlichkeit! Was würde Menschheit ohne faustische Individuen wie Kierkegaard nur machen? Wie könnte sie sich ihrer selbst und ihrer faustischen Natur überhaupt bewusst werden? Wer aber will schon so leben wie Faust oder die faustischen Menschen? Nach seinem Tod werde er als Engel auf einer Wolke sitzen und beständig Hallelujah! Hallelujah! rufen, rief Kierkegaard am Sterbelager aus. Da er den Wert realisiert hat, hat er auch die Ewigkeit erreicht.

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„Kierkegaard, eigenartiger Schreiber, sage ich mir wieder als ich die „Philosophischen Brocken“ durchgehe; jeder andere hätte das nicht so geschrieben, wie er es schreibt, vielleicht liegt die „Ironie“ darin, denn dieser K. ist ja aber nicht jeder andere, sondern der Einzelne. Seltsame Mischung aus anziehendem und abstoßenden Stil – was hat er da eben geschrieben? Und ist es überhaupt wichtig? Ja und nein. Man wird leicht unaufmerksam bei der Lektüre, am schlimmsten bei der „Wiederholung“, aber das macht nichts, denn man kehrt immer wieder zu Kierkegaard zurück und liest ihn immer wieder (Ironie der „Wiederholung“). Vollständige Originalität und creatio ex nihilo bzw. aus sich selbst heraus, kaum referierend auf irgendwas anderes – wo hat man das schon? Man ist hier an den letzten und ersten Dingen. Wir sehen uns wieder im Kontinuum.“ So ich im Mai 2018 im ersten Präludium zu einer Notiz über Kierkegaard. Ja, das Lektüreerlebnis bei Kierkegaard gehört schon zu den eigenartigsten – und den verstörendsten der Welt. Kierkegaard ist nicht nur aufgrund seiner Gedanken, sondern auch in seiner Art, diese auszudrücken mitunter schwer verfolgbar. Eine weiträumige Umständlichkeit scheint man da immer wieder zu haben, wenn gleichzeitig Gedanken vom Dach der Welt ausgebreitet werden oder vom Dach der Welt zu uns herunter fallen. Hölle, ist das schwierig, diesem komischen Brei immer wieder zu folgen! Behindernd bei Lektüre aller Art ist es ja, dass man immer wieder abdriftet und mit den Augen liest, aber mit dem Geist abschweift, aufgrund des wandernden Geistes – aber bei Kierkegaard sind dererlei Versuchungen schlechterdings dämonisch! Ohne dass man zunächst sagen kann, warum; also versuchen wir das mal wie folgt zu betrachten: Wenn man sich den Satzfluss, das Satzflussbett bei Kierkegaard ansieht, merkt man eventuell, wie es aus kleinen, halbrunden/ovalen Einkerbungen besteht, oben und unten, die ein gewisses exzentrisches Mäandern möglich machen, aber eben auch begrenzen. Eher kleine Einkerbungen, die das Satzflussbett begrenzen, yeah! Sie begrenzen aber auch die Möglichkeiten der Explosion und der dimensionalen Erweiterung und die Möglichkeit, auf einen zuzuexplodieren; scheinen eher mal die Sprache in sich selbst zu treiben, allerdings auch begrenzt, dann fängt ein neues Mäandern an. Bei Nietzsche hat man, bekanntermaßen, die Explosion. Bei Schopenhauer hat man die großartige Ebenmäßigkeit der Sprache und die völlige Identhaftigkeit seiner Sache und seiner Sprache mit sich selbst. Kierkegaard kann nicht genau eingefangen werden, weil die Sprache und auch die Gedanken gleichzeitig mehr und weniger zu sein scheinen, als es den Eindruck hat. Oh ja! Ich glaube, so kann man sich das denken! Bei Schopenhauer hat man gar keine Farbe, sondern den Anschein einer dunklen, ernsthaften, würdigen, eventuell braunen Farbe, bei Nietzsche hat man einen Raum, in dem die Farbflecken, ein räumlich aufgeteilter Regenbogen schimmern – bei Kierkegaard hat man ständig ein dunkles Blau oder Violett als Untergrund, in den sich die Textfläche bzw. der Satzfluss einschreibt. Warum kann ich mich bei der Lektüre von Kierkegaard so schwer konzentrieren? Was ist sein Geheimnis? Nun ja, bei allem Respekt, den man gegenüber Kierkegaard dann lange nach seinem Tod hatte: Weil der Ausstoß an Gedanken oft so schwach ist! Weil es oft so unwichtig und kraftlos ist, was er zu Papier bringt! Bei allerdings – und jetzt kommt´s! – Reflexion auf dem höchsten Niveau der menschenmöglichen Abstraktion und Behandlung des gesamten Existenzumfanges von dieser Warte aus! So übt seine Rede eine enorme Sogwirkung aus, immer wieder, zieht in die Tiefe des Meeresgrabens, auch wenn da oftmals nur ein seichtes Bächlein lustig vor sich hin plätschert. Ja, das ergibt, in einer gewissen anderen Dimension betrachtet, tatsächlich eine „dialektische“ Spannung, die einen in ihren gnadenlosen Mechanismus hineinzieht. Die Exegeten sagen bei Kierkegaard: Welche Biegsamkeit der Sprache! Welche minutiöse Abhandlung von Themen und deren genauestmögliche Durchleuchtung! Aber, ah, „minutiöse Abhandlung von Themen“ und „genauestmögliche Durchleuchtung“ – der Großdenker wird sich doch nicht mit solchen Spompanadeln abgeben! Vielmehr ist zu erwarten, dass der Großdenker einen Fuß im Satz, oder zumindest Absatz, auf den europäischen Kontinent setzt und den anderen mindestens nach Amerika! „Minutiöse Abhandlung von Themen“ und „genauestmögliche Durchleuchtung“: darüber freuen sie sich – und wenn dann ein gewaltiges Genie wie ich daherkommt, dessen geistige (daher auch sprachliche) Intensität so wie die eines Atompilzes oder einer Supernova ist, tun sie so, als ob nichts gewesen wäre! Ja klar, die Dialektik! Das Sprunghafte! Das Paradoxe! Der Stilbruch! Alles Stilmittel, derer sich der Denker vom Schlage eines Kierkegaard bedient! Ja, all das kenne ich sogar sehr gut. Letztendlich hat man bei Kierkegaard eine Umständlichkeit, die wohl nur teilweise gewollt ist, in Wirklichkeit aber offensichtlich tiefer und in seinem Wesen angelegt ist. Dann die religiösen Reden von Kierkegaard! Wo man die lebendige, ganz persönliche Ansprache hat! Aber immer wieder kaum weiß, woran man ist. „Langeweile und Abstrusität“ habe man in ihnen, so Adorno (Theodor Adorno: Kierkegaards Lehre von der Liebe, S. 269). Natürlich zu „pädagogischen“ Zwecken; um darzustellen, dass der Weg des Christen kein einfacher sei; um den Leser gleichzeitig anzuziehen, in Richtung des Geheimnisses, gleichzeitig abzustoßen und davor zu warnen. Ja, das gelingt Kierkegaard recht gut, aber inwieweit es das aus Freiheit oder aus Zwang tut, weiß man nicht. Nichts aber ist furchtbarer als die Stadien auf des Lebens Weg! Habe ich mir doch beim Lesen der Stadien immer wieder gedacht: Zu den furchtbarsten Büchern, die je ein Intellektueller geschrieben hat, sind nicht nur der Ulysses und Glas von Jacques Derrida zu rechnen, sondern (eben) auch die Stadien auf des Lebens Weg! Ein sehr dickes Buch, in einer voluminösen Ausgabe, die ihre Sattheit nur so zum Ausdruck bringt – was für eine Verschwendung von Papier, denke ich mir! Im Original auf Dänisch – wer kann so eine Rede eigentlich übersetzen? Auf Seite 422 informiert er uns dann schelmisch, dass das fiktive Tagebuch, das sich eben über mehrere hundert Seite gezogen hat, von „nichts“ handle, und auf Seite 423 (von insgesamt 525) gratuliert uns sein Alter Ego Frater Taciturnus dafür, dass wir es bis hierher geschafft haben und zu den wenigen Lesern gehören, die nicht auf halbem Weg stecken geblieben wären, da die ganze Schrift so angelegt sei, dass die allermeisten „aus Langerweile nicht weiterlesen und das Buch fortwerfen werden“. Ich denke, irgendwann in der Zukunft muss ich es unbedingt noch einmal mit den Stadien auf des Lebens Weg probieren, einstweilen aber wirklich zurück in die Bibliothek damit. Die drei großen „Existenzphilosophen“ des 19. Jahrhunderts – Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche – waren, ihrer Unverwechselbarkeit und Singularität scheinbar zusätzlich Ausdruck verleihend, große Meister der Sprache, und Poeten. Sagen wir halt, um die ganzen Überlegungen hier, die zu keinem wirklichen Ergebnis führen können, abzuschließen, dass Kierkegaard der Schwächste und am wenigsten poetische von ihnen gewesen sei. Gestehen wir dabei zu, so wie Adorno gesagt hat, dass Schopenhauer mit seiner Philosophie jenen Grad der Einsamkeit und absoluten Vereinzelung wie Kierkegaard niemals erreicht hat, und er daher scheinbar auch leicht und mit sich selbst identisch reden hat, während bei Kierkegaard naturgemäß alles vertrackt zu sein hat. Gestehen wir ein, dass wir zu Kierkegaard immer wieder zurückkehren werden; seine Umständlichkeit, dialektisch verwoben mit der Paradoxie seines Geistes und seiner Dunkelheit, die uns Ahnen macht, legt sich eben wie eine Schlinge um uns und zieht uns hinan. Daher müssen wir immer wieder zurück zu Kierkegaard! Und jetzt, an einem neuen Tag, wirken dieselben Schriften von Kierkegaard schon wieder ganz anders, wo gestern Dunkelheit herrschte, da heute Klarheit (oder umgekehrt). Das man Texte mal so, mal so liest, ist nichts Ungewöhnliches, bei Kierkegaard ist das Changieren aber schon exzessiv, so dass es fast magisch wirkt. Vor Magie mag man in Ehrfurcht versinken, dann sich wieder übermäßig gewahr werden, dass dahinter ja nur ein billiger Trick stecke et cetera ad infinitum. „Selbst der weiseste Heide, der gelebt hat, hat doch, wieviel weiser als der geringste (christliche, Anm.) Gläubige er im Übrigen auch war, er hat doch im Vergleich mit ihm eine Dunkelheit in seinem Innern, weil es im letzten Grunde dem Heiden nicht ewig gewiss und klar werden konnte, ob der Fehler bei ihm liege, oder ob nicht der seltene Fall möglich wäre, dass der Fehler bei Gott liege, ob Hoffnungslosigkeit nicht doch ein Zustand sei, in den der Mensch ohne Schuld geraten kann, weil Gott selbst die Schuld trägt, indem er den Menschen ohne Aufgabe lässt. Und man kann den Heiden nur damit entschuldigen, dass dies so ist, weil sein Gott selbst dunkel ist.“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 293) Darüber mag man sich schon wundern, gelten doch weniger die Heiden als dunkel und unklar, sondern viel eher Kierkegaard! Ob hier unwillkürlich, unfreiwillig oder chiffriert das Zentrum das Zentrum des Kierkegaard-Problems artikuliert wird? Das bleibt dunkel.

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Poet oder religiöser Schriftsteller oder Philosoph? Kierkegaard selbst hat an sich bemerkt, und andere haben das landläufig wiederholt, welch eine offenbare Übermacht der Reflexionszwang bei ihm hatte; er hat gemeint, und es wurde von anderen landläufig wiederholt, dass dieser Reflexionszwang ihn vom (so genannten) „Leben“ getrennt habe. Das Jugend- und Erstlingswerk Entweder – Oder fängt damit an, dass einer seine unendlich alte, überalterte, scheinbar morsche und übermüdete Seele baumeln lässt. „Ich habe keine Unmittelbarkeit gehabt, habe daher, schlecht und recht menschlich verstanden, nicht gelebt; ich habe alsogleich mit Reflexion begonnen, habe nicht erst in späteren Jahren ein bisschen Reflexion gesammelt, sondern bin eigentlich Reflexion von Anfang bis zum Ende.“ (Der Gesichtspunkt für meine Wirksamkeit als Schriftsteller, S. 79) Könnte man zunächst sagen: Wahres und erfülltes Leben liegt ja in der Reflexion! Lebensfülle wird ja durch Reflexion hergestellt! Schau dir Bürger an, wie sie durch den Park driften und nicht reflektieren auf ihre Umgebung: Leben die denn? Mehr noch: Die Vollendung des Lebens liegt darin, dass man in der Reflexion über die Reflexion die materiale Hyle sprengt und so frei wird, gleichzeitig von der Reflexion wie der Unmittelbarkeit und der immediacy der Erscheinung. Kierkegaard hat das getan und so sein eigenes unendliches Reich errichtet. Aber, ja, schon: inwieweit war es ein Reich auch der Sinne (also nicht bloß des Ästhetischen sondern der unmittelbaren Sinnlichkeit und Sinnesempfindung und Sym- und Empathie)? Bei seinen Spaziergängen zum Frederiksberger Park pflegte Kierkegaard die Gewohnheit, beim Eingang stehenzubleiben, den Duft der Blumen einzuatmen – und wieder umzukehren. Kann man als symbolisch sehen für den gesamten Lebensvollzug bei Kierkegaard, der sich mit dem Abbild von den Gegenständen des Lebens zufriedengibt bzw. stets bei ihnen verharrt, aber nie zu den Gegenständen des Lebens selbst kommt, oder absichtlich von ihnen zurückweicht – oder eben zurückweicht aufgrund von Angst vor impotenter Schwäche in Bezug auf einen authentischen Umgang mit den unmittelbaren Gegenständen des Lebens? Freilich auch von übermenschlicher Stärke: kommt das sinnliche Genie daher, tut bloß ein paar Atemzüge wozu wir ganze Streifzüge durch den Frederiksberger Park benötigen, um ihn zu erfahren, und kehrt auch schon wieder um. So ein Teufelskerl aber auch! So ein Poet! Allerdings scheint in Kierkegaards Poesie und seinem mannigfachen Beschreibungsreichtum und seinen weitläufigen Reflexionen über die ästhetische Sphäre es, wieder einmal, nicht leicht auszumachen, inwieweit ein konkreter sinnlicher Bezug zu den beschriebenen Gegenständen vorhanden sei. Es scheint bei aller Konturierung der beschriebenen Gegenstände die tatsächliche Plastizität irgendwo weit hinten im Zimmer, in einer stillen Ecke ihr Dasein zu fristen. Die Gegenstände springen nicht an, fließen nicht wie prachtvoller roter Wein wie bei Rumi – freilich ist das in Wirklichkeit selten, auch und nicht zuletzt in der hohen Poesie der Fall, dass man die Welt als prachtvoll fließenden roten Wein und Farbenzauber hat wie bei Rumi, und ich weiß nicht, wie intensiv die Leute und die Poeten die Umgebung überhaupt wahrnehmen, aber sich diesbezüglich in Kierkegaard hineinzuversetzen, sich seine Wahrnehmung und Empfindung vorzustellen, scheint, wieder einmal, als ein verdammtes Rätsel, wo alle Eindrücke, die man sich machen kann, sofort wieder verschwimmen und sich auflösen. Wie hat Kierkegaard eigentlich tatsächlich die Welt wahrgenommen und empfunden? Da scheint man es, wieder einmal, mit einem Paradoxon zu tun haben, das, wieder einmal, eine gewaltige Sogwirkung ins Innere/in ein möglicherweise leeres Inneres generiert. Reißender Strudel Kierkegaard! Ein weiteres Paradoxon! Von der Leidenschaft spricht Kierkegaard, als dem Kern des Religiösen, aber wo bei ihm konkret die Leidenschaft? Kann er natürlich aufspringen und rufen: Da, du Depp! Fünfzehntausend Seiten in fünfzehn Jahren geschrieben – das ist doch Leidenschaft! Ist das denn nicht Leidenschaft?! Ja, schon. Oder eben auch, aber vor allem, Reflexion und Reflexionszwang. Mehrere, teilweise fette Bücher geschrieben, tausende von Seiten, nur der Regine halber! Das sei doch Leidenschaft! Wenn das nicht Leidenschaft sei?! Das Eigenartige ist halt, dass man bei all dem kaum was über Regine erfährt, nicht einmal, wie Kierkegaard sie wahrgenommen hat, man erfährt, wie literarische Alter Egos über andere literarische Alter Egos in dieser Sache – reflektieren. Überhaupt: Regine! Warum die Auflösung der Verlobung, und dann das vieltausendseitige Schwelgen über die, an und für sich, gar nicht so bedeutende Affäre? Weil jedes Ereignis gewaltige Schlagseiten in das Leben Kierkegaards geworfen habe! So ist eben der Genius! So sagen es die einen. Weil er emotional unreif war!, so, etwas respektloser, Colin Wilson. Weiters Kierkegaards ausschweifende, fröhlich selbstanklagende Referenzen auf sein angeblich ausschweifendes Lotterleben als Student. Kierkegaard-Biograph Harald von Mendelssohn vermutet, dass er sich dabei die Syphilis zugezogen habe, deswegen auch die Verlobung aufgelöst habe, und schließlich am Rand des exzentrischen Irrsinns, ähnlich wie Nietzsche, gestorben sei. Der gewissenhaftere Biograph Joakim Garff findet bei Kierkegaard keine echten Hinweise auf ein jugendliches Lotterleben; Kierkegaards spätere Selbstanklagen seien eher wehmütige Angeberei auf etwas, dass er kaum genossen habe. Selber stellt Kierkegaard als seine Tragik das Missverhältnis eines monströsen Geistes bei gleichzeitig schwachem und gebrechlichem Leibe fest. Vielleicht war da also sexuelle Unzulänglichkeit? In der Wechselwirtschaft, dem Versuch einer sozialen Klugheitslehre, lässt er sich, bzw. sein literarisches Alter Ego darüber aus, wie langweilig das Leben sei, alle Handlungen in ihren Konsequenzen schließlich abgeschmackt: Allein die ständige bewusste Wahrnehmung von zufällig sich aufdrängenden Eindrücken, die „das Genie in seiner Ubiquität mit Leichtigkeit entdeckt“ (Entweder – Oder, S. 349) und die von keiner Theorie in ein System gefasst werden könne, sei nicht langweilig. Die „Ursprünglichkeit“ von Kindern, welche bewirkt, dass „alle abstrakten Prinzipien und Maximen mehr oder weniger (an ihr, Anm.) scheitern“, sei etwas, weshalb man „viel von Kindern lernt“ (ebenda, S. 610). Der „Reichtum einer Individualität“ bestehe in „ihrer Kraft in fragmentarischer Verschwendung“ und dem „Erzeugen und Genießen einer blitzenden Flüchtigkeit“ (ebenda, S. 180). Trotzdem: Wenn ich versuche, die Welt wie Kierkegaard zu sehen, sehe ich immer etwas Viereckiges, oder Vieleckiges, irgendetwas, das Begrenzung und schematische Begrenzung andeutet, oder so. Humor wird von Kierkegaard als ganz, ganz wichtig erachtet für das Verständnis von Religion. In seinem Buch über Latour reflektiert Graham Harman darüber, dass es ein originäres, zentrales Latour-Erlebnis wohl gar nicht geben könne. Man hoffe darauf, und glaube: Wenn man einem Philosophen persönlich begegne, sei man im Zentrum (in diesem Fall) des Latour-Erlebnisses, innerhalb der Erfüllung, Latour überhaupt erleben und erfahren zu können – aber das müsse gar nicht unbedingt der Fall sein. Vielleicht verlaufe die Begegnung mit Latour langweilig oder fragmentarisch, und man lerne aus seinen Schriften, oder aus Bemerkungen von anderen über Latour mehr. Kierkegaard selber hat das ja über die Begegnung zum Beispiel mit Schelling so empfunden. Von sich selber berichtet Kierkegaard in jungen Jahren: „Ich komme jetzt eben aus einer Gesellschaft, wo ich die Seele war, die Witze strömten aus meinem Munde, alle lachten, alle bewunderten mich ( – aber ich, ja, der Gedankenstrich müsste genau so lang sein wie die Radien der Erde)“. Yorick war ein witziger Kerl. Wie aber, fragt man sich, kann es da wohl um den Humor von Kierkegaard bestellt sein? Kierkegaard galt als heiter und gelassen, und das strahlen seine Schriften auch aus – aber wenn ich mir Kierkegaard jetzt mit seinem Humor vorstelle?? Es ist womöglich nicht so schlimm, wie der Humor von M., der sich nichtsdestotrotz immer für recht witzig gehalten hat. Aber, soweit ich sehen kann: so gut wie die meinen Scherze sind die von Kierkegaard wohl lange nicht! (Der B. hat auch immer gemeint, seine Scherze wären die besten von allen und an seine Scherze käme nichts und niemand ran (obwohl sie meistens davon handeln, dass wir alle, im Gegensatz zum ihm, „schwul“ wären, obwohl ich zugeben muss, dass er das oft immer wieder ganz gut darzustellen wusste etc.)). Und eben und vor allem Gott ist nicht so wirklich erfahrbar kein Kierkegaard, obwohl es bekanntermaßen um nichts anderes geht bei Kierkegaard als um Gott. Im berüchtigten Abschnitt VI seiner Kierkegaard-Schrift meint Adorno, die Lösung des Kierkegaardschen Existenzproblems wäre in der Versöhnung mit den stummen, sprechenden Mächten der urtümlichen Natur gelegen, anstatt in den abstrakten Abgrund des Gottes und der objektlosen Innerlichkeit zu stürzen. Dafür habe Kierkegaard dann aber doch kein Sensorium gehabt, könnte man meinen; und trotz mehrmaligem Lesen bin ich auch nicht vollkommen klar auf den Grund gestoßen was Adorno genau meint und in einem gleichsam schamvoll kurzen Klimax intellektuell beschließt. Jaja, Adorno war ja auch ziemlich abstrakt. Wie der die Natur wahrgenommen haben könnte, weiß ich auch nicht.

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„Mein Verdienst in der Literatur bleibt immer, die entscheidenden Bestimmungen des ganzen Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist, und ich habe auch keine Bücher gehabt, um mir aus ihnen Rat zu holen.“ Indem er das getan hat, ist Kierkegaard ein absoluter Grenzgänger des Lebens und entfaltet als solcher sein absolutes, enigmatisches Charisma. Grenzgänger des Lebens, bleibt er in seiner Vereinzelung unverstanden und entfaltet gleichzeitig sein kaum zu überbietendes Charisma, indem er so allgemein ist – und so absolut. Kierkegaard verschmäht (nicht nur die „Kinderstreiche der Wirklichkeit“ sondern auch) philosophische/intellektuelle Systematisierung und Schematik und lehrt uns ein Eintauchen ins konkrete Leben, und das lohnt sich, immer wieder wiederholt zu werden und uns hinsichtlich der Stadien auf des Lebens Weg mitgegeben zu werden – insofern er „die Bestimmungen des Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt“ hat, hat er Schematiken entwickelt, die auch für schlaue Menschen zumeist rätselhaft sind und von ihnen nur schemenhaft wahrgenommen werden können. In Auslöschung (wenn ich mich recht erinnere) spricht Thomas Bernhard ehrfurchtsvoll von der Unmöglichkeit, Kierkegaard zu verstehen. Liessmann sagt, bei Kierkegaard bewege man sich entlang der Grenzen des Denkens. Kierkegaard selber sagt, finden wir uns denn ins Leben geworfen, so sind „(d)ie Unendlichkeit und das Ewige … das einzig Gewisse“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 210), und Aufgabe des endlichen Subjekts (das, solipsistisch betrachtet, ebenfalls das einzig Gewisse ist) ist es, sich mit dem Unendlichen und Ewigen ins Verhältnis zu setzen. Das Absolute (Gott) wird bei Kierkegaard gleichzeitig positiv wie negativ gefasst – entsprechend der Einsicht, dass das Absolute gleichsam positiv und negativ ist, vollkommen klar und paradox zugleich. In seiner lebendigen und ekstatischen religiösen Anrede ist Kierkegaard religiöser Schriftsteller und religiöser Prophet, in seinem dunklen Agnostizismus ist er Prophet der Existenzphilosophie, des Existenzialismus, sogar, wenn man will, des Nihilismus. Gott, das Absolute, ist bei Kierkegaard „nichts Äußeres“ (Die Krankheit zum Tode, S. 76), sondern eben eine Verhältnisbestimmung des Menschen; „das Selbst wird potenziert im Verhältnis zum Maßstab für das Selbst und wird unendlich potenziert, wenn Gott der Maßstab ist. Je mehr Gottesvorstellung, desto mehr Selbst; je mehr Selbst, desto mehr Gottesvorstellung. Erst wenn ein Selbst als dieses bestimmte Einzelne sich bewusst ist, vor Gott dazusein, erst dann ist es das unendliche Selbst; und dieses Selbst sündigt dann vor Gott. Das Selbstische des Heidentums ist deshalb trotz allem, was darüber gesagt werden kann, doch nicht annähernd so qualifiziert wie das des Christentums, sofern auch hier Selbstsucht ist; denn der Heide hatte nicht sein Selbst gerade Gott gegenüber. Der Heide und der natürliche Mensch hat bloß das menschliche Selbst zum Maßstab. Man kann deshalb wohl recht haben, wenn man von einem höheren Gesichtspunkt aus das Heidentum als in Sünden liegend ansieht, aber die Sünde des Heidentums war eigentlich das verzweifelte Nicht-von-Gott-Wissen, die Unwissenheit darüber, vor Gott dazusein; sie ist: „ohne Gott in der Welt sein“. (ebenda) Ein solcherartiges Neuheidentum begegnet man dann im Existenzialismus, wo man nur das Sein und das Nichts hat, und der mir bereits als Kind irgendwie kraftlos vorgekommen ist. Da hat man das Pathos des auf sich selbst zurückgeworfenen, und sich daher selbst entwerfend zu habenden Individuums, der mir schon damals irgendwie schal erschienen ist, der vielleicht temporär mal anwendbar war, aber der im heutigen Konsumenten oder Selbstoptimierer wohl nichts Geheimnisvolles anklingen lässt. Kierkegaard ist eben viel allgemeiner und universeller, da das Selbst und das Sein nicht mit dem Nichts ins Verhältnis setzt, sondern mit dem ins Absolute potenzierten paradoxen Anderen. Der Appell zu dieser Insverhältnissetzung des Subjekts zum Absoluten ist viel kraftvoller und enigmatischer als der zur Insverhältnissetzung des Subjekts zum Nichts. Auch bei Leibniz und Whitehead hat man als unbestreitbare Ausgangsbasis für ihre Metaphysik die Einzelwesen, und bei beiden hat man als Telos des Lebens weniger eine Erreichung einer göttlichen Hinterwelt oder eines existenzialistischen Nichts, sondern die Anreicherung des Subjektes durch Aufnahme von möglichst viel Welt und seine Selbstvervollkommnung durch Selbsttranszendierung über seine Insverhältnissetzung zu dem, was über das Subjekt hinausgeht und zum Absoluten. Bei Kierkegaard lautet das Ziel: durchsichtig werden in Gott. „Glaube ist: dass das Selbst, indem es es selbst ist und es selbst sein will, durchsichtig in Gott gründet.“ (ebenda, S. 78) Über diese „Durchsichtigkeit“ des Subjektes ist viel philosophiert werden, da es gerade als das Dunkelste und Unklarste erscheint, was sie sein soll. Jaspers sagt: „Kierkegaard und Nietzsche (…) gehen nicht gegen die Reflexion an, um sie zu vernichten, sondern um sie zu überwinden dadurch, dass sie sie selbst grenzenlos vollziehen und beherrschen. Der Mensch kann nicht, ohne sich selbst zu verlieren, zurückgehen in eine reflexionslose Unmittelbarkeit, sondern er kann den Weg nur zu Ende gehen, um, statt der Reflexion zu verfallen, vielmehr in ihrem Medium auf den Grund seiner Selbst zu kommen.“ (zitiert in: Annemarie Pieper: Sören Kierkegaard, S. 141) Das bedeutet: der Grund, den man über die Durchsichtigkeit erreicht, wird eben subjektiv wahrgenommen, und wer Durchsichtigkeit nicht erreicht hat, sieht die Durchsichtigkeit dementsprechend auch einigermaßen mit den Augen eines Farbenblinden an. Und bei Heinrich von Kleist hat man: „Nun, mein vortrefflicher Freund, sagte Herr C…, so sind Sie im Besitz von allem, was nötig ist, um mich zu begreifen. Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. – Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punktes, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der anderen Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein, so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewusstsein hat, d.h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott. – Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müssten wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? – Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“ (Über das Marionettentheater in: Heinrich von Kleist: Das große Lesebuch, S. 320) „So ihr nicht werdet wie die Kinder…“ könnte man meinen; der transzendente Mensch fühlt sich mit dem Kind in aller Regel hochgradig verwandt, und Kierkegaard („Ich rede am liebsten mit Kindern; denn von ihnen darf man doch hoffen, dass sie einmal Vernunft-Wesen werden; die aber, die es geworden sind – herrjemine!“ (Entweder – Oder, S. 29)) meint: „In jedem Kind ist etwas Ursprüngliches, welches bewirkt, dass alle abstrakten Prinzipien und Maximen mehr oder weniger daran scheitern.“ (ebenda, S. 610) – das Kind als der reine Mensch, an dem das System der Hegelschen Dialektik scheitert, und der Zustand der reinen Anschauung, zu dem man kommt, wenn man durch alle Hegelsche Dialektik und Theorie durch ist („Auch ich habe wohl zu früh in den Kessel geguckt, in den Kessel des Lebens und der geschichtlichen Entwicklung, und bringe es wohl nie zu mehr als ein Kind zu werden“, (ebenda, S. 36)): „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott“, so Werner Heisenberg. Auf dem Grund schlägt man ja realiter nicht auf, und, allgemein: indem der Mensch eine Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit ist, von Selbst und Nicht-Selbst etc. kann er nicht „harmonisiert“ werden. Auch die großen Mystikerinnen Teresa von Avila und Marguerite Porete berichten beide davon, dass man, hinsichtlich der unio mystica, das göttliche weiße Licht tatsächlich nur einmal oder ein paar Mal im Leben sehe, dann falle man wieder in seinen, freilich hohen und erleuchteten, aber eben auch relativ zeitlichen Bewusstseinszustand wieder zurück – totale unio mystica könne es erst nach dem Tod, mit dem Eingehen in das himmlische Paradies geben. Fernöstliche „Mystik“ setzt auf Bedürfnislosigkeit, in der sich, so sie erreicht werden kann, das Einswerden mit sich selber verwirklichen kann. Der Zen-Buddhismus konfrontiert uns mittels des Koan mit rein verstandesmäßig nicht auflösbaren Paradoxien um intuitives Verstehen von Welt und Selbst vollständig zu ermöglichen und einen absolut fluiden und gereinigten Geist zu erzeugen. Ich selber sage, man muss versuchen, das Andere in sich aufzunehmen, um seine Begrenzungen zu erweitern und sie schließlich zu transzendieren. All das setzt aber auch, und vor allem, große Anstrengungen und ein Durchwälzen von enormen Wissensmassen voraus. Irgendwas scheint bei der annähernden Erreichung des Absoluten immer zu fehlen, und Kierkegaards religiöser Mensch scheint weder der diesseitigen noch der jenseitigen Welt tatsächlich anzugehören, sondern irgendwie in der Luft zu hängen. Andererseits, und vor allem aber, realisiert sich die Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit vollständig ja nur in der stetigen dialektischen Auseinandersetzung von Zeitlichkeit und Ewigkeit, von Absolutem und Relativen, von Selbst und Anderem etc. Das ergibt dann die Unruhe bzw. eben das pulsierende Herz und die großen Ebenmäßigkeit und Ausgeglichenheit im Hyperraum, in einer höheren Dimension, zu der das Tor Menschen wie Kierkegaard eben aufstoßen. Der transzendente Mensch gehört selbstverständlich nicht allein der höheren Dimension an, er bewegt sich genauso durch die üblichen zeitlichen und räumlichen Dimensionen wie auch durch die spirituelle Dimension und erlangt von dieser Warte aus ein viel intensiveres, und akkurateres, Bild von den räumlichen und zeitlichen bzw. den weltlichen Dimensionen als die rein weltlichen Menschen. Transzendenz ist, wenn man so will, in sich gebrochen, da sie nur in der Reflexion auf die Immanenz verwirklichbar ist, die ebenfalls in sich gebrochen ist, ergebend dann eine Art Möbiusschleife, wo sich Harmonie und Verdammnis, Samsara und Nirwana, Zeitlichkeit und Ewigkeit in ihrem ewigen gegenseitigen Fluss treffen. In der zeitlichen Dimension mag, mit der Weisheit des Alters, immer mehr Ruhe und Weisheit eintreten. Humor ist das, was den religiösen Menschen auszeichne, so Kierkegaard. Indem der Mensch eine (unauflösbare) Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit ist, ist er auch in einer Aporie gefangen, einer Aporie von Zeitlichkeit und Ewigkeit. Ironie reflektiert auf das Paradoxe, Humor hingegen auf die Aporie. „Humor ist wenn man trotzdem lacht“: Und der religiöse Mensch nimmt seine letztendliche Gefangenheit in der Aporie „mit Humor“. Auch ein anderer genialer Mensch und Weiser, Lemmy von Motörhead, soll gesagt haben: „Das Wichtigste im Leben? Ein Sinn für Humor! Wenn du den Humor verlierst, bist du erledigt. Dann kannst du dir genauso gut eine Kugel durch den Kopf jagen.“ Das ist das tiefste Geheimnis, und das Geheimnis des Gottmenschen. „Das Christentum ist die Lehre vom Gott-Menschen, von der Verwandtschaft zwischen Gott und Mensch“ (Die Krankheit zum Tode, S. 119), und der Gott-Mensch nimmt die Zumutungen Gottes eben mit Humor, und bewahrt bzw. bestätigt dadurch seine innere Freiheit und Lebendigkeit. „Geistesbildung im Verhältnis der Absolutheit und Kindlichkeit zusammengesetzt ergeben Humor.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift. S. 743) Der wahre Tyrann ist erst dann zufrieden, wenn er die innere Freiheit des Menschen, den er drangsaliert, vernichtet hat; wenn der drangsalierte Mensch dem Tyrann gegenüber seine innere Freiheit und Lauterkeit, sein persönliches Zentrum, seinen Humor bewahrt, hat man wieder den Sieger oder eben den Verlierer, der „im Unterliegen den Sieger beschämt“. Kierkegaard zeigt auf, wie dieses innere Zentrum bewahrt bzw. überhaupt erst geschaffen werden kann. Als Lemmy Kilmister gestorben ist, gab es wenig Zweifel daran, dass ein Gott gestorben sei. Und Kierkegaard war ein Prophet Gottes.

Verwendete Literatur:

Adorno, Theodor: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. Mit einer Beilage: Kierkegaards Lehre von der Liebe, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1962

Garff, Joakim: Kierkegaard. Biographie, München/Wien, Hanser 2004

Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode, Hamburg, Europäische Verlagsanstalt 1984

Kierkegaard, Sören: Die Schriften über sich selbst / Über meine Wirksamkeit als Schriftsteller, Gesammelte Werke, dreiunddreißigste Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1951

Kierkegaard, Sören: Die Wiederholung. Die Krise, Hamburg, Europäische Verlagsanstalt 1984

Kierkegaard, Sören: Entweder – Oder, München, DTV 1975

Kierkegaard, Sören: Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, Gesammelte Werke, 18. Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1964

Kierkegaard, Sören: Erbauliche Reden 1850/51 / Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen / Urteilt selbst Gesammelte Werke, 27., 28. Und 29. Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1953

Kierkegaard, Sören: Philosophische Brocken, Hamburg, Europäische Verlagsanstalt 1984

Kierkegaard, Sören: Philosophische Brosamen und Unwissenschaftliche Nachschrift, München, DTV 1976

Kierkegaard, Sören: Stadien auf des Lebens Weg, Gesammelte Werke, 15. Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1958

Kleist, Heinrich von: Das große Lesebuch, Frankfurt am Main, Fischer 2011

Liessmann, Konrad Paul: Kierkegaard. Eine Einführung, Hamburg, Junius 1993

Meillassoux, Quentin: Trassierungen, Leipzig, Merve 2017

Pieper, Annemarie: Sören Kierkegaard, München, Beck 2000

Pisa, Karl: Schopenhauer. Der Philosoph des Pessimismus, München, Heyne 1988

Wesche, Tilo: Kierkegaard. Eine philosophische Einführung, Stuttgart, Reclam 2003

NAUGHTY NUNS: VINTAGE NUN PORN FROM THE CLASSIC TALE ‘THE NUN’ & MORE (NSFW OR CHURCH)

Letztes Präludium zu einer Notiz über Kierkegaard

Da setze ich mich also hin, mit meinem gewaltigem Geist und meinem gewaltigen geistigen Hunger, um nunmehr den gesamten Kierkegaard zu verspeisen! So wie ich es mit dem gesamten Kafka gemacht habe und etlichen anderen, und wie ich es in weiterer Folge, was die richtig großen philosophischen Brocken anlangt, mit Nietzsche vorhabe und dann wohl mit Marx (irgendwann mittelfristig mit Goethe et al). Gewaltig ist mein geistiger Hunger, aber gewaltig ist auch mein Geist! Ich muss durch die Materie hindurch und alles abhandeln und ich muss mir den (gesamten) Kierkegaard vornehmen und ihn in mich aufnehmen, mir einverleiben, seinen Geist begreifen und mit meinem amalgamieren (und mit Nietzsche und mit Marx und mit Goethe et al auch). Ich muss die gesamte (Kierkegaard-) Materie zusammentun, in ein Paket verschnüren (das geschieht, indem ich möglichst vollständige Notizen über sie dann schreibe), und dann dieses Paket auf dem Meeresgrund meines Geistes versenken, wo es sicher ruht (und Ruhe gibt). Materie zusammentun, sie in ein Paket verschnüren und das dann sicher versenken und anketten, auf dem Grund meines Geistes! Das nicht aus Größenwahn oder Besitzdenken, nein, natürlich nicht!, sondern weil ich rastlos und getrieben bin. Rastlos, getrieben und unstet, aufgrund des pathologischen Dranges, intellektuelle Probleme lösen zu müssen. Das ist das Zentrum meiner Subjektivität. Eindrücke zu verarbeiten, die Welt zu scannen. Otto Weininger meint, das Genie steht dauernd unter Eindrücken, und das tue auch ich: alles übt einen gewaltigen Eindruck auf mich aus und diese Eindrücke besetzen mich, ich muss sie prozessieren, daher kann ich auch nicht viel sprechen. Aufgrund dieser Eindrücke lebe ich die meiste Zeit, und bevorzugt, in einer Art intellektuellen Trance. Das ist einerseits ein Ruhezustand und einer des Friedens, andererseits nicht, aufgrund der Rastlosigkeit und der Getriebenheit und der Unstetigkeit, mit der er urtümlich verbunden ist. Wie es scheint, gibt es mir eine gewisse Suspension von der Getriebenheit, wenn ich den Eindruck habe, ich kann Materie zusammentun, sie zu Paketen verschnüren und sie dann versenken, auf dem Meeresgrund meines Geistes. Mit Kafka oder Kierkegaard oder Bruegel werde ich mich in meinem Leben fürderhin nicht mehr grundsätzlich beschäftigen müssen, nachdem ich möglichst definitive Notizen über sie verfasst habe, nach eingehendem Studium: ich habe sie zu Paketen verschnürt und sie gelagert, auf dem Meeresgrund meines Geistes. Ich habe diese Massive bezwungen, ich habe das abgehakt, eine Station – die Kafka-Station, die Bruegel-Station und jetzt eben hoffentlich die Kierkegaard-Station – genommen und passiert – und das ist gut so (sogar sehr gut!). Das ist höchst notwendig, denn der Hochgeschwindigkeitszug meines Geistes keucht schon wieder vorwärts, rastlos und getrieben, und muss zu neuen Stationen. Daher mache ich das so! Es gibt mir eine gewisse kleine Sicherheit. Derweil muss ich vorrangig durch solche, den Geistes- und Humanwissenschaften zurechenbaren Materien hindurch – was mir ein gewisses Unbehagen bereitet, da ihr Nutzen für die Menschheit diffus und ungeklärt ist. Brücken sollte ich bauen oder Heilverfahren entwickeln! Ich bin ja rastlos und getrieben, für die Menschheit was zu tun, und weniger davon, mich selbst zu kultivieren. Für die Menschheit was zu tun, das ist mein eigentliches intellektuelles Problem, für das ich nach Lösungen suche! Und dann beschäftige ich mich mit Kafka und Kierkegaard und Goethe! Anstatt Brücken zu bauen oder Heilverfahren zu entwickeln! Aber gegen die temporäre Beschäftigung mit Kafka, Kierkegaard, Goethe gibt es ja keinen stichhaltigen Einwand, und derzeit bin ich halt davon besetzt, und mit diesen intellektuellen Problemen verschmolzen, mit ihnen verwachsen. Hänge an ihrem Firmament, wie in einer Larve, und kann mich nicht groß bewegen, bevor ich nicht, mittels eingehender Beschäftigung und dem Verschnüren und dem Versenken von Paketen, daraus ausbrechen kann und davonfliegen. Weiters ist humanwissenschaftliche Bildung gut, wenn man Brücken bauen will oder Heilverfahren entwickeln. Große Frage ist aber dabei auch, wie effektiv ich im Brückenbauen oder Heilverfahrenentwickeln eigentlich sein kann. In etlichen Belangen, wie zum Beispiel dem der statischen Berechnungen, dem Zeichnen oder dem Modellbau, bin ich nicht eben geschickt oder der Hellste. Medizin will grundlegend gelernt sein und ist vor allem eine empirische Wissenschaft, wo man als Theoretiker eher wenig ausrichten kann, wo der Theoretiker mit seinem wilden spekulativen Geist vielleicht sogar mehr Schaden anrichtet, als er Nutzen stiften kann! Wenn man sich in den Dienst der Menschheit und des Fortschrittes stellen will, soll man ja auch darauf achten, sich selbst zum bestmöglichen Nutzen und möglichst effizient einzusetzen. Wenn man einen singulären Geist hat, soll man sich auf den Gebieten bewegen, wo der Geist singuläre Wirksamkeit entfalten kann, sonst ist der Geist relativ vertan. Und vielleicht kann ich diesen Nutzen so nur stiften und mich nicht relativ vertun, wenn ich mich eben der Kunst und den Geistes- und Humanwissenschaften widme – obwohl ich eben auch anderes gerne täte und zum Beispiel die Materialwissenschaften recht interessant finde! Gute neue Materialien entwickeln – das wäre schon recht nützlich! Naja, vielleicht kann ich mich in der Zukunft solchen Sachen widmen. Einstweilen muss ich vorrangig durch Kunst und geistes- und humanwissenschaftliche Materie hindurch. Gott stehe mir dabei bei. Die Kunst/geistes/humanwissenschaftliche Materie besetzt mich sehr stark, hält mich in eisernem Griff und übt ihre Eindrücke auf mich aus. Intensität ist das Kennzeichen des Genius und es geht mir darum, die Intensität zu steigern: die Intensität des geistigen Arbeitens, die Intensität der Eindrücke! Bei aller Intensität, mit der ich wahrnehme, habe ich nämlich doch den Eindruck, dass alles eher schwach ist. Wenn ich aus dem Fenster sehe, übt das einen Eindruck auf mich aus, aber eher keinen starken. Wenn ich meine drei Uhren an der Wand betrachte, übt das einen Eindruck auf mich aus, aber eher keinen starken. Mein Geist und mein Wahrnehmungsvermögen sind sehr speziell. Leute werfen Drogen ein, um so was zu erreichen, und erreichen das aber dann wohl gar nicht. Umgekehrt scheinen Drogen keinen starken Eindruck auf mich zu machen, da mein Geist sowieso stärker ist als ihre Wirkung das jemals hervorrufen könnte. Eingehende Erfahrungen mit Drogen habe ich aber nicht, also kann ich da nicht viel sagen und habe da keine Autorität. Mit den Menschen spreche ich nicht viel – allerdings tun sie das untereinander ja auch nicht, und wenn, dann hauptsächlich zum Schein – aber ich nehme sie vergleichsweise stark wahr, und wenn ich mich durch die Menschen bewege, bewege ich mich durch eine Art Feld, über das ich mit den Menschen verbunden bin – irgendwie (bei den meisten anderen Menschen ist das, glaube ich, nicht so). Allerdings: verschmolzen oder so was in die Richtung fühle ich mich mit ihnen wieder nicht, obwohl ich das eventuell gerne wäre. Aber es ist halt wohl ganz einfach so, dass es eben Grenzen der Intensität gibt, naturgemäß. Die großen spirituellen Lehrer sprechen davon, wie verschmolzen sie seien mit den Menschen; das würde ich auch gerne erreichen, aber ich frage mich, inwieweit das nicht ganz einfach eine Übertreibung oder Irreführung oder narzisstischer Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten geschuldet sein mag beziehungsweise einem mangelnden intellektuellen Differenzierungsvermögen was die Durchsicht durch die eigenen Gefühle und das eigene Selbst anlangt. So ist das wahrscheinlich. Oder halt aber eben auch einer ehrlichen inneren Energie und einem gutmütigen Wesen und großer Liebe für andere! Ich würde gerne einmal einen wirklichen Erleuchteten treffen, um sehen zu können, wie das wirklich ist. Es enerviert mich auch ein bisschen, dass ich jetzt wieder – und insgesamt so viel – über mich schreibe! Der Eindruck könnte entstehen, ich sei größenwahnsinnig oder von mir selbst besessen. Aber nach eingehender Prüfung bin ich das auch nicht mehr als der durchschnittliche andere. Ich schreibe ja nicht über mich selbst, sondern ich untersuche meinen eigenen Geist. Ich schreibe das nieder, was ich in meinem eigenen Geist lese. Natürlich ist es auch, vielleicht sogar vor allen Dingen so, dass das mit Selbstgenuss in Verbindung steht, aber wenn er anderen nicht schadet, ist Selbstgenuss ja vollständig in Ordnung, vor allem ist Selbstgenuss eher einmal der wesentlichste Teil eines erfüllten Lebens – und ein erfülltes Leben zu führen vielleicht sogar wichtiger als in einer Welt zu leben, wo es eine ganze Menge Brücken und Heilverfahren gibt – ja, vielleicht kann der Wert meiner Arbeit auch darin liegen, dass sie ein Bild des Selbstgenusses gibt und somit auch für alle anderen ermöglicht. Groß ist dann mein Ruhm, wenn ich, in Verbindung mit dem Selbstgenuss, der damit in Verbindung steht, meinen Geist und die spontanen Prozesse meines Geistes eingehend beschreibe! Mein Geist ist es höchst wert, beschrieben zu werden, er ist wissenschaftlich und menschheitsgeschichtlich relevant, denn er ist der Große Geist. Die Biographen werden dereinst alles möglichst genau wissen werden, wie sich das mit meinem Geist verhält, also versuche ich es ihnen schon jetzt möglichst genau zu sagen. Außerdem und vor allem spiegeln sich in meinem Geist erhebliche Teile der ganzen Welt, die ich damit eben beschreibe. Pessoa beschreibt auch in erster Linie seinen – depersonalisierten – Geist. Im „Buch der Unruhe“. Denn Pessoa wusste, wie es ist, rastlos und getrieben zu sein. Über seine Pseudonyme hat er gewisse Betrachtungswinkel auf die Welt zusammengefasst und in Pakete verschnürt und auf dem Boden seiner Manuskriptekiste versenkt. Hier der Bogen endlich wieder zu Vigilius Haufniesis: der hatte es ja auch mit den Pseudonymen.

Michel Houellebecq und die Zeichen der Zeit

Ich verstehe die Zeichen der Zeit nicht mehr

die Zeichen der Zeit versteht niemand

Thomas Bernhard, Heldenplatz

 

Genie bezeichnet, wie man weiß, weniger das Höchstmaß an Intelligenz, wahrscheinlich auch gar nicht einmal das Höchstmaß an Kreativität, vielleicht sollte man eher sagen, es bezeichnet ein ungewöhnliches geistiges/kreatives/spirituelles Penetrationsvermögen; die Fähigkeit, in die Materie einzudringen, und vielleicht weniger, sie zu durchschauen (was letztendlich nicht möglich ist, da sie sich selbst nicht durchschaut), als zu ungewöhnlich tiefen, profunden und überraschenden – und genuinen und authentischen und richtigen und wichtigen Einsichten über sie zu gelangen (ein genialer Pianist wie Horowitz durchschaut die Möglichkeiten des Klaviers in dieser Hinsicht – er ist zutiefst introspektiv was die Möglichkeiten des Klavier anlangt). Das Genie, wie auch Thomas Bernhard eines war, versteht die Zeichen der Zeit – nicht vollständig, aber besser als andere (was wiederum nicht ausschließt, dass es von seinem Verständnis der Zeichen der Zeit überwältigt ist und sich seiner begrenzten Einsicht wie auch seiner begrenzten Konfusion bewusst). Heute ist es Michel Houellebecq, der die Zeichen der Zeit versteht, wie sonst niemand, und der sich mit seinen überraschenden Einsichten, in das, was eigentlich klar zutage liegt, sogar den Ruf des Propheten erworben hat – nicht zuletzt aufgrund des ominösen Umstandes, insofern das Erscheinen seiner Romane meistens mit einem Unglück oder einem böswilligen Akt in der realen Welt einhergeht, so wie es von jenem Roman scheinbar vorhergesehen wurde. In seinen Romanen und in der Behandlung seiner Figuren hat man eine große Zärtlichkeit und große Seele, ein Verständnis für Zärtlichkeit und für Seele zumindest. Er weiß, was Zärtlichkeit und was Seele ist, und ist in tiefer Trauer darüber, dass sie in dieser Welt prekäre und bedrohte Erscheinungen sind. Man hat eine sehr hohe Authentizität, alles an ihm und seinen Romanen und seinen Einsichten ist genuin. Aufgrund seines Genies kann er außerhalb von ideologischen Trampelpfaden denken und vor allen Dingen Sachen genuin durchdenken, die sich in kein bisher bekanntes intellektuelles oder weltanschauliches Schema einordnen lassen. Und aufgrund seines Genies kann er diese Sachen auch erfühlen. Das literarische Genie wirft einen zutiefst melancholischen Blick auf die Menschheit, wenngleich dieser Blick bisweilen sehr komisch sein kann. Zwischen Komik und Tragik, Zärtlichkeit und Verachtung, der Bernhardschen Frage „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“ herumpendelnd etc. scheint es bei aller inneren Harmonie zerrissen, das ist es aber nicht notwendigerweise, als Sensorium für die Welt widerspiegelt es eben die komplexe Doppelgesichtigkeit der Welt. Im Gegensatz zur reinen Intelligenz, die das Komplizierte durchschaut, durchschaut das Genie die Komplexität, welche aber letztendlich undurchschaubar ist und sich in ihrem Gemengelage ständig ändert. Aufgrund der Komplexität, die es verkörpert und die es lebt, wird das Genie nicht wirklich verstanden. Und heute macht sich Michel Houellebecq einen Spaß daraus, über alle Maße hinaus komplex zu sein und nicht wirklich fassbar. Bei aller offensichtlichen Eindeutigkeit seiner Positionen ist er in allen diesen Positionen transgressiv. Schlaumeier, die meinen, ihn in einen Sack stecken zu können, werden wohl eines Besseren belehrt (sofern sie überhaupt belehrbar sind; falls sie es nicht sind, bleibt ihnen aber wohl doch das vage Bewusstsein, dass sie mit ihren Zuschreibungen dann doch einfach zu kurz greifen).

 

(Ich sehe, ich habe mich jetzt einigermaßen ausgelassen, wieder einmal, über das (literarische) Genie! Leute, denen es an Verständnis fehlt, wären ja geneigt zu behaupten, damit würde man auf ein „überkommenes Verständnis“ aus dem 19. Jahrhundert rekurrieren, obwohl die Kategorie des Genies ja kaum so präsent ist, wie in der heutigen Literaturkritik, wo jeder Autor, der zumindest irgendwie überdurchschnittlich ist, zumindest irgendwo in der FAZ oder NZZ als „Genie“ gefeiert wird; der dickste Roman der jeweiligen Saison vom jeweiligen Verlag beworben wird in etwa: „Muss in Zukunft in eine Reihe gestellt werden mit Joyce und Faulkner!“ u. dergl.; während ein echtes Genie wie Houellebecq eher nicht als solches bezeichnet wird, und ein sehr tiefes Genie anzunehmenderweise überhaupt ignoriert wird etc.; diese Auslassungen dienen auch ursprünglich hier allein dazu, Dinge richtig einzuordnen und sie ihrem Wesen gemäß festzustellen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen etc.)

 

Man könnte meinen, bei aller Begabtheit als Schriftsteller – ein großer Intellektueller sei Michel Houellebecq dann nicht: wobei er das allerdings ohne Weiteres in seiner sympathischen Art von sich zugibt. Seine viel weniger gelesenen Essaybände sind aber in Wirklichkeit gar nicht so dumm oder derivativ. Man muss sie nur lesen. Dass ihnen die triumphale monolithische Geschlossenheit des großen philosophischen Systematikers oder intellektuellen Theoretikers abgeht, liegt daran, dass die Zeit der großen Erzählungen bzw. Systementwürfe vorbei ist und sie nicht mehr greifen – nicht nur, weil die Gesellschaft heute zu komplex scheint, sondern weil die großen Erzählungen und Systementwürfe der Vergangenheit auch in der Vergangenheit nie wirklich richtig waren. Weiters mag einen stören (und ihn selber stört es ja am Meisten), dass sowohl der Romancier als auch der Essaysist Houellebecq einigermaßen ausweglos erscheint und unengagiert. Wenn da jetzt ein Romancier und Essayist daherkommt, und die Malaisen der Gegenwart feststellt, sollte man doch meinen oder hoffen, dass sich daraus ein Aktivismus ableiten lässt; wenn ein großer Romancier und Essayist daherkommt und die Gegenwart als Malaise feststellt, sollte man meinen oder hoffen, dass er dann ein ganzes Großprogramm oder –projekt formuliert oder es aus seinen Einsichten ableitbar erscheint, wie man dieser Malaise den Garaus bereiten kann! Dass das bei Houellebecq nicht der Fall scheint, kann man ihm allerdings auch eher nicht anlasten, sondern dem Umstand, dass eine Schwarz-Weiß-Sicht auf die Gesellschaft und den Menschen heute nicht mehr möglich erscheint. Vielmehr präsentiert sich das menschliche Reich heute als eine Abstufung von Grautönen. Eine einfache Identifizierung von Problemen oder von eindeutigem Gut und Böse – das ist nicht mehr drin (und ist auch gut so, denn sich dieser Anforderung zu stellen und authentische mit ihr umzugehen, steigert das Differenzierungsvermögen und die geistige Tiefenschärfe). Wirklich große metaphysische Probleme, bei denen man in den unermesslichen Abgrund starrt, so wie man es bei Dostojewski (und, wie es scheint, zu der Zeit Dostojewskis) hatte, hat man im heutigen Reich des letzten Menschen nicht. Man hat da seelische und zwischenmenschliche Verarmung innerhalb der Wohlstandsgesellschaft, deren Wohlstand abbröckelt, Tristesse im Liberalismus u. dergl. – weil sich der Mensch in seiner Durchschnittlichkeit wiederfindet und sich das befreite menschliche Reich halt mal, scheinbar endgültig, nicht ganz so darstellt, wie von den Humanisten envisioniert (in Unterwerfung wird ein wenig darüber monologisiert, dass der Humanismus und die Errichtung von humanistischen Idealen eine Selbstbeschreibung der großen Humanisten war und weniger eine des durchschnittlichen Menschen). Veredelung des Menschen, als ein bzw. das letzthinnige Ziel der klassischen und humanistischen Kunst ist da nicht drin. So gute Dinge schienen möglich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts doch: „Die Welt neigt zum Verfall. Das Gute manifestiert sich von Zeit zu Zeit in einzelnen Personen oder in Ereignissen … doch insgesamt ist die Entwicklung negativ“, meinte einst Kurt Gödel. Jaspers meint auch, der geschichtliche Fortschritt sei zuerst ein Vorandringen einzelner Menschen: „Aber die Geschichte bleibt zugleich das bloße Geschehen, in dem es ständig wie ein vergebliches Rufen, ein Absacken und Nichtfolgen ist. Ein ungeheures Schwergewicht scheint alle Aufschwünge immer wieder zu lähmen. Die gewaltigen Massenkräfte mit ihren Durchschnittseigenschaften ersticken, was ihnen nicht entspricht.“ Houellebecq endlich selber: „Es zerrt allmählich an den Nerven, in einer Ära der Mittelmäßigen zu leben, umso mehr, wenn man sich selbst außerstande sieht, das Niveau wieder anzuheben. Ich werde gewiss keinen einzigen neuen philosophischen Gedanken hervorbringen; in meinem Alter hätte ich sonst wohl schon entsprechende Anzeichen zeigen müssen. Aber ich bin mir fast sicher, dass ich bessere Romane hervorbringen würde, wäre das geistige Klima um mich herum nur ein wenig fruchtbarer.“ (In Schopenhauers Gegenwart, 2017, S. 9). Als ein Thema, die sein ganzes Werk durchzieht, macht Houellebecq-Biographin Julia Encke „jene Mittelmäßigkeit“ aus, „die er als den Grundzug der Gegenwartskultur ausmacht“ und die „dem System der großflächigen Kultursteuerung und –verwertung immanent“ sei. „Ob auf dem Kunstmarkt oder in der intellektuellen Welt, in der Hauptsache gehe es darum, Netzwerke zu organisieren, Karrieren zu lancieren, Definitionsmacht zu gewinnen, Posten zu besetzen. Mit der Produktion von Ideen, Werken oder Theorien, die für sich selbst stehen, haben die entsprechenden Aktivitäten nichts zu tun.“ (Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq?, 2018, S. 182) Dementsprechend bemerkt auch Sabine Maria Schmidt in ihrem Essay „Chronische Moderne“ im Kunstforum: „Finanzökomonische Maßstäbe haben längst eine Definitionsmacht über die Kunst geschaffen, die die Befragung ihres ästhetischen, konzeptuellen und funktionellen Mehrwertes zunehmend überlagern. Was Kunst oder gar gute Kunst ist, im Sinne verkündeter Urteile unbestechlicher Autoritäten, ist kaum mehr von Interesse.“ (Kunstforum 252, S. 53) Wenn das so ist, wird es schwierig. Was soll die Kunst dann für Aussagen treffen angesichts einer quasi ontologisch verankerten Beliebigkeit? Wenn Mittelmäßigkeit oder Dummheit denselben Applaus bekommen wie Exzellenz, ist es ja kein Wunder, wenn das Niveau in den Arsch geht (schreibt auch gestern Kira auf Facebook). Man hätte damit das Zeitalter als Post-Truth festgestellt, und zwar nicht erst seit Kurzem, sondern schon seit längerem, und als quasi inhärente Qualität. Dazu sei allerdings gesagt, dass das meistens so ist und die wenigsten Zeiten transzendent sind, sondern vielmehr von ihrer eigenen Immanenz erheblich konsumiert werden. Die Unwahrheit ist letztendlich keine Macht, sondern etwas, das gegenüber der Wahrheit eher schwach ist. So lohnt es sich also, an der Wahrheit zu arbeiten. Und Houellebecq will ja gar keine aktivistische Literatur machen, für ihn sei Literatur dazu da, Gewissheiten ins Wanken zu bringen. Ja, das kann er. Und es ist auch schon berechtigt so. Bevor man die Welt verändern will, muss man nämlich erst mal lernen, sie korrekt zu interpretieren.

 

In seiner sympathischen Art stellt Houellebecq auch eine gewisse Mittelmäßigkeit an sich fest, die er aber eben in seine große Stärke als zeitdiagnostischer Prophet der Mittelmäßigkeit umzusetzen weiß (insofern das Genie ja auch jemand ist, der seine Minderwertigkeitsgefühle und Gefühle der Unzulänglichkeit maximal produktiv verwerten kann). Kann mich erinnern, wie ich vor Jahren in einer französischen Zeitschrift mal ein Interview gelesen habe, wo er sich über seine „Mediokrität“ beklagt: Er habe ja nicht einmal einen eigenen schriftstellerischen Stil! Ja, das wird ihm hin und wieder vorgeworfen, wenngleich von Leuten, denen man eine solche Rute ohne Weiteres selber ins Fenster stellen kann. Sein beiläufiger Erzählstil ist der mittelmäßigen Welt und der Beschreibung des Lebens als bestenfalls halbguter Roman ja ganz angemessen. Literarischen Stil – und zwar einen bestimmten, massenhaften literarischen Stil, der immer so daherkommt der Art „Achtung! Hier wird Literatur gemacht!“ – den hat man ja eh überall und es wird ja eh überall Literatur gemacht, wie erholsam also die Stillosigkeit von Houellebecq. Außerdem und vor allem, da es einen „Stil“ ja auch gar nicht gibt. Es gibt nur die Kraft der Gedanken und die Fähigkeit, diese darzustellen. Wo keine Gedanken, da aller Stil bestenfalls hohl. Wie kraftvoll also die Romane (meistens) von Houellebecq und was für emblematische Sätze und Stellen sich darin immer wieder finden! Ja, das hat schon Schwung und es hat Kraft, das! Zu den Gedichten von Houellebecq gelang es mir noch nicht so wirklich, durchzudringen, aber ich freue mich, wenn ich sehe, wie Houellebecq Dichtung und Kunst im Allgemeinen immer wieder zutiefst versteht, und zwar von der Wurzel auf und eine große, authentische Wärme für sie hat. Poesie gelingt aber eigentlich sowieso selten, denn dafür ist der Mensch einfach eine zu kraftlose und verschrumpelte Lebensform, wie es scheint. An der Poesie scheitert fast jeder. Eine Reflexion über Poesie beendet er mit der Offenbarung, dass er sein Werk in der Intention mache, um „folgende winzige Botschaft“ hinterlassen zu können: „Jemand hat in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts deutlich die Entstehung eines monströsen und globalen Mangels verspürt; außerstande, das Phänomen klar zu umreißen, hat er uns jedoch – als Zeugnis seiner Inkompetenz – einige Gedichte hinterlassen.“ (Brief an Lakis Proguidis, 1997; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 53)

 

F. erzählt mir, was für eine unmögliche Erscheinung M. sei, den sie einmal getroffen habe. Von sich selbst absorbiert und grauenhaft aussehend, so als wie wenn er es darauf anlegen würde, so grauenhaft, ungesund und abstoßend auszusehen wie nur möglich. Nun ja, bei Menschen mit neurotisch niedrigem Selbstwertgefühl oder einen neurotischen Bedürfnis, andere vor den Kopf zu stoßen, kann das schon sein. Wie exakt die Beschreibung des M. durch F. ist, den sie ja gar nicht kennt, weiß ich dabei aber nicht; ich kenne ja auch die F. kaum. Zumindest aber finde ich, dass M. mit seinen längeren Haaren, wie er sie seit einiger Zeit so trägt, ganz gut aussieht, zwar einerseits wie ein Clochard, aber auch wie ein schriftstellerischer Charakterkopf. Allgemein ist bekannt, er redet nicht viel, ist schüchtern und zurückhaltend, ringt nach Worten, zwischen seinen Hervorbringungen oft längere Pausen. Bravo, gut gespielt! Beckett war ja auch so (ähnlich). Das in seine eigenen Geistestiefen versunkene Genie, das außerdem sein Ego in seiner Kompaktheit nicht ganz zu finden scheint. Dem rassistischen Gentleman und radikalen Outsider HP Lovecraft, der das Leben als grundsätzlich negativ, ja, als dämonisch empfunden hat, hat er ein ganzes Buch gewidmet (und Schopenhauer ein anderes). Lovecraft, der, wie er schreibt, voller Verachtung für das Leben und die Menschheit war, aber gleichzeitig von ausgesuchter Liebenswürdigkeit gegenüber dem einzelnen Menschen; der zwischen (angeblichem) Hochmut und einer geradezu masochistischen Zurückhaltung herumgependelt ist. Der Ausländer gehasst hat, weil er sie für sein persönliches Scheitern als Gentleman alter Schule in der Gesellschaft Fuß zu fassen, verantwortlich gemacht hat, so wie Houellebecq seinen Hass auf seine Mutter in ein Ressentiment gegenüber den 68ern kanalisiert. Wie viel er davon (auch berechtigerweise) ernst meint, ist eine offene Frage, dass er es mit seinem Ressentiment gegenüber den 68ern ernst meint, ist keine Frage. Seine Biographin Julia Encke enthüllt, wie er sich nach eingehenderer Beobachtung „wehmütig und wider Willen“ als ein „großer Menschenfreund“ zeigt (ohne aber leider ausführlich zu werden, wie sich diese Menschenfreundlichkeit bei ihm denn äußert). Die Biographie von Julia Encke trägt dabei den Titel „Wer ist Michel Houellebecq?“ – und man kann trotzdem sagen, dass er ein gewisses Mysterium bleibt. „Ich mag mich nicht. Ich empfinde nur wenig Sympathie, geschweige denn Wertschätzung für mich. Obendrein interessiere ich mich nicht besonders für mich“, so M. in „Technischer Trost“ aus 2002 (Ich habe einen Traum. Neue Interventionen, 2010, S. 45). Ja, wenn das so ist, kann es schon sein, dass die Eindeutigkeit der Erscheinung möglicherweise darunter leidet. Ich finde es aber gut, wenn sich einer nicht so besonders für sich interessiert. Inwieweit M. seine Kohle auf philanthropische Zwecke verwendet, weiß ich nicht. Wär aber schon eine Schande, täte er´s nicht. „Unversöhnt mit sich selbst“ sei Houellebecq – oder zumindest der Autor der Gedichtanthologie „Non réconcilié“. Stellt Julia Ecke fest. Deswegen kann er auch die Zeichen der Zeit so gut feststellen.

 

In einer Welt, die (zumindest in den modernen Industriegesellschaften) scheinbar zu sich selbst gekommen ist, beschreibt Houellebecq einen gewissen Widerstand der Welt gegen Verklärung und romantische oder aktivistische Vereinnahmung. Er beschreibt: Multikulturelle Gesellschaften funktionieren doch nicht so glatt, wie man sich das gedacht hätte. Sexueller Liberalismus produziert, wie der Wirtschaftsliberalismus, einige wenige große Gewinner, einen prekären Mittelstand und etliche Verlierer. Befreite Liebe wird schon mal als Instrument narzisstischer Selbstbespiegelung und Machtausübung genutzt. Ausrichtung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik auf Produktivitätssteigerung und Effizienz ist weniger eine kapitalistische oder politische Verschwörung, sondern, wie Houellebecq einsieht, die Zerstörung und Erosion von traditionellen Lebensformen und Selbstverständnissen und Heimaten zugunsten der Steigerung von Effizienz und Produktivität hat ihren Grund darin, da die Steigerung von Produktivität und Effizienz eben das letzte Wort hat (insofern Wirtschaften die möglichst effiziente Umwandlung von Ressourcen bedeutet, um so Kapazitäten für die Umwandlung von anderen Ressourcen zu schaffen, was das Leben fortgesetzt diversifiziert und in seinen Möglichkeiten und Verfügungsgewalten bereichert). Länger anhaltender Wohlstand und demokratische politische Freiheiten mögen dazu führen, dass man ihren Wert ein wenig vergisst. Wenn die Menschenrechte längere Zeit als selbstverständlich genossen werden, kann es passieren, dass die Menschen schon mal den Sinn der Menschenrechte in Frage zu stellen geneigt sind oder meinen, dass man bei den Menschenrechten mal „ausmisten“ sollte etc. Houellebecq hat jetzt nicht die Stringenz eines Sartre (den er, im Gegensatz zu Camus, allerdings sowieso für einen „Clown“ hält) und Essays wie Betrachtungen zur Judenfrage gelingen ihm vielleicht nicht ganz. In etlichen Punkten hat sich Sartre aber geirrt, unter anderem auch darin, wenn er immer wieder meint, die Einsicht in die existenzialistische Einsamkeit und die Notwendigkeit, sein eigenes gottloses Projekt zu machen wirke als Terror – obwohl sie für den Konsumtrottel überhaupt nicht terrorisierend wirkt und gar nicht irgendwie anstrengend. Ich weiß nicht, ob die mit dem Schluss von den Fliegen überhaupt irgendwas anfangen können. „Als er France-Inter einschaltete, stieß er auf eine Sendung, in der die kulturellen Ereignisse der Woche zerpflückt wurden. Die kommentierenden Kritiker prusteten los, ihr dummes Geschwätz und ihr lautes Gelächter waren unglaublich ordinär. France-Musique sendete eine italienische Oper, deren hochtrabende, gekünstelte Brillanz ihm sehr bald auf die Nerven ging. Er fragte sich flüchtig, was ihn dazu veranlasst hatte, sich auf eine künstlerische Darstellung der Welt einzulassen oder zu glauben, dass eine künstlerische Darstellung der Welt überhaupt möglich sei; die Welt war alles andere als ein Gegenstand künstlerischer Emotionen, die Welt stellte sich eindeutig als ein rationaler Bezugsrahmen ohne jede Magie und ohne besonderes Interesse dar“ (so die Einsicht, die Karte und Gebiet beschließt). Das ist eigentlich was viel Schlimmeres als jeder mögliche existenzialistische Ekel. Es formuliert einen handfesten Grund für den künstlerischen und philosophischen Welterheller, sich von vornherein eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Houellebecq beschreibt eine einigermaßen lieblose Welt. Das Problem ist dabei, dass in dieser Welt aber eben gar nicht so viel Liebe vorhanden ist. Authentische Künstler wie van Gogh haben die Welt und die Dinge geliebt. Kunsthändler lieben van Gogh in erster Linie dann, wenn sie ihn verkaufen können; Kunstkritiker, wenn sie wichtigtuerische Kunstkritiken über van Gogh schreiben können, nachdem man ihnen erklärt hat, worum es bei van Gogh eigentlich geht etc. Houellebecq liebt, wie man sieht, die Dinge, die Welt liebt er nicht: Also passt er gut in die heutige Welt, und kann sinnvolle Aussagen über sie machen, und die Zeichen der Zeit so gut feststellen. Es ist in der Tat eine ein wenig lieblose Welt. „Ich weiß, was man tun muss, um als nett zu gelten, ich bin nicht blöd. Aber ich habe keine Lust darauf. Ich habe viel zur heutigen Gesellschaft gesagt, und im Grunde habe ich die Nase voll von ihr.“ (Gespräch mit Gilles Martin-Chauffier und Jérome Béglé, Ich habe einen Traum. Neue Interventionen, 2010, S. 87) Ja, das hat schon was für sich, von der heutigen Gesellschaft die Nase voll zu haben. Aber scheiß drauf, noch ein paar Zitate:

„Ich persönlich bin allerdings von Grund auf a-religiös, obwohl ich mir der Notwendigkeit einer religiösen Dimension schmerzlich bewusst bin. Das Problem ist, dass sich keine der heutigen Religionen mit dem allgemeinen Erkenntnisstand verträgt. Was wir bräuchten, ist geradezu eine neue Ontologie. Diese Probleme mögen übertrieben intellektuell erscheinen. Ich glaube jedoch, dass sie in zunehmendem Maße außerordentlich konkrete Auswirkungen haben werden. Wenn in dieser Hinsicht nichts passiert, hat die westliche Kultur meiner Meinung nach keine Chance.“

(Gespräch mit Valère Staraselksi, 1996; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 89)

„Wenn es heute jemandem gelingen sollte, einen sowohl ehrlichen als auch positiven Diskurs zu entwickeln, wird er den Lauf der Welt verändern.“

(Gespräch mit Sabine Audrerie, 1997; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 83)

Und, aber siehe da! Wenn wir uns das mal so überlegen wollen und so betrachten, und alle Mieselsüchtigkeit, vor allem jene, die in den Romanen Houellebecqs vorkommt, mal beseitelassen wollen, so werden wir uns plötzlich sehr schnell klar, dass wir ja eh die ganze Zeit über schon in herrlichen, aufregenden Zeiten leben! Auch wenn die Kunst möglicherweise gerade keine so gute Phase durchmacht, explodiert das Wissen und es explodieren die (Sozial)wissenschaften und unsere Kenntnis und unsere Einsichtsfähigkeit in die Welt. Vielleicht zum ersten Mal erscheint ein globales Verständnis möglich und ein globaler Intellekt, und ein globalisiertes Empfindungsvermögen! Da gab es also die Moderne mit ihren großen Erzählungen, dann die Subversion der großen Erzählungen durch die bunte, gescheckte, verspielte, ironische Postmoderne, die auf der Rückseite ihrer Medaille eventuell eine kraftlose Uneindeutigkeit und mangelnde Originalität und (Willen zur) schöpferischen Kraft trägt, sich ihres Ablaufdatums aber implizit gewiss: Dann sollten wir da haben, die Ersetzung der großen modernen Erzählungen und ihrer ironischen postmodernen Subversion durch die Schaffung des Großen Bewusstseins! Bewusstsein entsteht durch die empathische Einsicht in die Vielfältigkeit und in die möglichen verborgenen Dimensionen einer Sache. Die Vielfältigkeit liegt klar zutage, das Gemengelage an Theorien außerdem: Lasst und also fortwährend lernen, es zu beherrschen durch Bewusstsein, also einer nicht starren, sondern flexiblen, fluiden und komplexen Intelligenz! Der Absolute Geist in seiner absoluten Form wird keine Philosophie mehr sein, sondern ein Bewusstsein über alle Philosophien etc. Als Ontologie nehmen wir den Chaosmos an und – aber hier bricht der Text einstweilen ab. Die Dialektik von thetischer Moderne und antithetischer Postmoderne soll ihre Synthese finden in dem äußert kraftvollen, die Dinge ergreifenden Großen Bewusstsein! Das sei der Geist des 21. Jahrhunderts. Das Große Bewusstsein! Das Große Bewusstsein! Das Gro-

 

— und die Welt ist sowieso offen, sehr offen; und ihre Wunden sind offen, sehr offen; dann gibt es die Permanenz des Klassenkampfes, die Refeudalisierung der Welt etc. Dagegen kann man sich schon sinnvoll einbringen; und der deutsche Industrieländer Weidner, der ein neues kosmopolitisches Denken fordert, berichtet von seinem Kulturschock bzgl. seiner arabischen Dichterfreunde, für die „die Aura das Dichtertums so groß war, dass jede wirtschaftliche Vernunft an ihr zunichte wurde. Sie verschuldeten sich, halfen einander, beherbergten sich wechselseitig, liehen sich Geld und bildeten eine Art poetischen Bettelorden. Anders hätten sie kaum überleben können. Als namenlose arabische Dichter wären sie ohne ihren fanatischen Glauben an die Literatur nichts gewesen. Der aber gab ihnen, was ich in meinem Umfeld vermisste: die Überzeugung, noch etwas Relevantes zu tun zu haben, sagen zu können, sagen zu müssen. Sie hatten noch echte Anliegen, und von der seltsamen Übersättigung, die meiner Generation so oft den Wind aus den Segeln genommen hatte, war bei ihnen nichts zu spüren. Während hierzulande selbst widerspenstige Intellektuelle und Schriftsteller bald vom System vereinnahmt und integriert werden, war in der Heimat meiner arabischen Freunde jede Kritik ein sinnvoller, oft unfreiwillig provokanter Akt. Das gab ihrem Tun einen Wert. Man musste sich fragen, ob der Westen nach Gott und allem sonstigen Glauben am Ende auch den an Kunst und Literatur, wenn nicht an die intellektuelle Betätigung insgesamt entwertet und in die Isolierstation eines selbstgenügsamen Kultur- und Universitätsbetriebes abgeschoben hatte.“ (Stefan Weidner: Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken, 2018, S. 16f.) Siehe da, von den Arabern und Persern (von denen, ausnahmsweise, seit Jahrhunderten wirklich gute und fundamentale Poesie kommt) gehen möglicherweise die entscheidenden Impulse für die neue geistige Weltordnung aus! Von den von Houellebecq so sträflich vernachlässigten Morgenländern! Hahahaha!

Am Ende habe ich mich verrechnet

wahrscheinlich im eigenen Größenwahn verrechnet hat er gesagt

ich verstehe die Zeichen der Zeit nicht mehr

die Zeichen der Zeit versteht niemand

Thomas Bernhard, Heldenplatz

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Was mich anlangt, bin ich ein intellektuell/kreativ/spirituell sehr hochstehendes Genie, im Gegensatz zu Michel Houellebecq sind aber fast alle meine Sachen komplette Misserfolge; was für mich aber verkraftbar ist und kein Grund, den Laden dichtzumachen, da es sich bei fast allen meinen Sachen um bedeutende Schöpfungen handelt und ich daher – mit Michel Houellebecq, wie er es in Unterwerfung formuliert hat, gesprochen – zumindest teilweise in der Sphäre der Ideale lebe, der Invarianten und des Absoluten. Mit dem Unterleib wandle ich freilich durch diese Zeit, mit dem darüber, also der der Geistigkeit zugerechneten Leiblichkeit, bin ich aber bereits im Kontinuum und dort ficht mich nichts mehr an. Das ergibt dann einen Bodhisattva. Also sollte es von Interesse sein, wie meine Wenigkeit wohl die Zeichen der Zeit feststellt. Tatsächlich ist eine Frage, die mich bekanntermaßen permanent beschäftigt, wie man wohl diese Zeit – und alle Zeiten – feststellen kann; außerdem, wie heute Kunst möglich sein kann und wie Kunst heute aussehen kann. Meine künstlerischen Erzeugnisse sind ja immer von der Frage geleitet, wie Kunst heute möglich sein kann und wie eine solche Kunst aussehen könnte. Was meinen Geist anlangt, so steht er, soweit ich feststellen kann, an der Spitze des gegenwärtigen Wissens (soweit ich feststellen kann, sogar an der absoluten Spitze des gegenwärtigen Wissens und der menschenmöglichen geistigen Flexibilität und Einsichtsfähigkeit). Was stelle ich also hinsichtlich der Zeichen der Zeit fest? – Leider ist es so, dass von einer solchen Aussichtsplattform aus die Manifestationen des Gesellschaftlichen vor lauter analytischer Fähigkeit scheinbar in lauter sinnlose Einzelphänomene zerfallen, die ich obendrein, aufgrund ihrer Beschränktheit, sowieso nicht so ganz ernstnehmen kann (obwohl ich sie gleichzeitig extrem ernst nehme). Darüber hinaus ist mir bewusst, dass aufgrund der Tiefe der Welt und der verschlossenen Türen, hinter denen beschlossen wird, mein Wissen in den derzeitigen Gang der Welt beschränkt ist, und sollte auch nur ein Mosaikstein in der Gesamtansicht fehlen, kann es ohne Weiteres so sein, dass man sich in Spekulationen ergeht, die zwar interessant und raffiniert sein mögen, aber fehlgeleitet. Welche Abstraktionen und Synthesen soll man also bilden, was soll man als neuralgische Punkte ausfindig machen, wie Houellebecq das so gut kann? Wie die Arena begrenzten, wenn das begrenzende Rund der Abstraktion und der Synthese, der Ebene, des Plateaus, vor meinem inneren Auge eine geschwungene Kurve ist, die aus dem Unbestimmten kommt und sich ins Unbestimmte verliert? Ja, das ist schon eine verdammt gute Frage! In meinem Kopf finden ungeheure Dinge statt und findet (im Gegensatz eben zur gesellschaftlichen Wirklichkeit) die permanente Revolution statt und vor meinem geistigen Auge sehe ich Universen entstehen und vergehen – das nicht, weil ich das notwendigerweise (in dieser Form) so angestrebt habe, sondern weil es eben mittlerweile so ist. Da ich milde und allesverstehend und ohne ausgeprägtes Selbst bin und keine Komplexe oder Neurosen habe, fühle ich mich allen gesellschaftlichen Manifestationen und Problemen gleich verwandt und mich gleichermaßen von ihnen verschieden. So gesehen ist es vielleicht gar nicht meine Aufgabe, konkrete neuralgische Punkte der Gegenwart zu benennen, sondern die Möglichkeit eines vollständig klaren und geordneten Geistes anzuzeigen, mit dem man Probleme bestmöglich lösen kann. Das Problem meiner Romane war das der menschlichen Ipseität und der Gefängnishaftigkeit der menschlichen Subjektivität und der Möglichkeit ihrer Überwindung durch die Öffnung hin in Geist, Seele und Moral. Damit habe ich, soweit ich feststellen kann, in einer, zwei genialen Gesten das tiefste Problem behandelt, was man mittels des Romans überhaupt behandeln kann (mit der eigenartigen Nebenwirkung, dass meine Tätigkeiten und Möglichkeiten als Romancier damit schon wieder, zumindest für längere Sicht, beendet sind, bevor sie überhaupt erst richtig angefangen haben). Das mit dem Bodhisattva ist nicht schlecht – es ist sogar sehr gut, zumindest für andere – und es ist letztendlich Schicksal. Die Spitze des gegenwärtigen Wissens und der menschenmöglichen geistigen Flexibilität und Einsichtsfähigkeit bedeutet: die Möglichkeit eines absoluten Außens gegenüber den relativen oder zeitbezogenen Phänomenen anzeigen zu können. Davon soll in den folgenden Betrachtungen zu Kierkegaard noch eingehender die Rede sein, gemeint ist damit die Aufzeigung des Menschenmöglichen jenseits des Menschenmöglichen. Dazu noch mehr. Das Gute an der Herstellung des Außen ist, dass es (über den avantgardistischen Sinn noch hinaus) Herstellung von Bereichen und Bezirken meint, die von den Apparaten nicht kolonialisiert werden können. Das weniger Angenehme ist, dass ein Dialog mit der Gegenwart von Seiten der Gegenwart nicht wirklich stattfinden wird, da es sich in keine gegenwärtigen Diskurse einordnet. Ein Buch, das nicht erfolgreich ist, gibt einem keine Sicherheit, gesteht Krishnamurti. Mein ganzes Werk, und welchen Sinn er überhaupt hat oder haben kann, ist kaum festgestellt, und gibt mir daher auch nur eine teilweise Sicherheit. Aufgabe der Kunst, so Kandinsky (vor einem Jahrhundert), ist spirituelle Erneuerung. Das hört sich heute möglicherweise sehr abgeschmackt und unglaubwürdig an, aber im Alter hat der allmächtige David Bowie, der das Leben so umfangreich durchmessen hat, Bilanz gezogen und gemeint: Wenn er nochmal von vorne beginnen könnte, würde er ein spirituelleres Leben versuchen zu leben (ein Mönch werden, der allerdings Gitarre spielt). Spiritualität ist das intensive Eindringen in die Materie mit Geist, Körper und Seele, und ein intensiverer, intuitiverer Bezug zu den Dingen. Hale sagt auch, die Aufgabe des literarischen Genies ist spirituelle Erneuerung. Aufgrund seines extremen Individualismus sei das literarische Genie in der Lage, zu authentischen menschlichen Werten vorzudringen, was allerdings wiederum damit im Zusammenhang steht, dass das literarische Genie im Wesentlichen ein Einzelgänger bleibt. „Das Leben eines Einzelgängers ist voller Schrecken“, so Agnes Martin. Der schreckliche Einzelgänger Bayer hat zwar melden lassen, die Kunst/Wissenschaft/Philosophie/Religion etc. pp sei ein Scheißdreck, er hat aber nicht erwähnt, der Absolute Geist in seiner absoluten Form (dessen Herstellung ich anstrebe) sei ein Scheißdreck. Davon hat er nichts gewusst und das war seinem Zeitalter noch deutlich zu hoch. Aber die Zeit des Absoluten Geistes in seiner absoluten Form wird und muss kommen. Meine Bücher und Schriften und mein Geist sind noch kaum festgestellt und bringen mir zur Zeit in erster Linie Unglück im Leben. Jetzt sehe ich aber schon wieder herrliche Formen und aufschießende Ekstasen vor mir, wenn ich mir z. B. den uninterpretierbaren Traum zu vergegenwärtigen suche, eine Art aufschießenden, dynamischen spirituellen Kelch formend. Dominika hat in ihrer Besprechung zum uninterpretierbaren Traum gemeint: „Gut möglich, dass diese blitzgescheite Manie dem Mysterium des Seins am ehesten gerecht wird.“ Sollte ich also tatsächlich eine Kunst geschaffen haben, die dem Mysterium des Seins am ehesten gerecht wird, ist mir der ewige Ruhm natürlich sicher (außer viel intelligentere Roboter übernehmen noch in diesem Jahrhundert die Macht (wie von Houellebecq ja bereits im letzten Jahrhundert in seiner unnachahmlichen Weise vorausschauend angedeutet); dann ist das natürlich hinfällig, oder das, worum ich mich so intensiv bemüht habe und wofür ich so stark gelitten habe und so viel einstecken musste, für die Roboter der nahen Zukunft mit einem IQ von 400 bestenfalls eine interessante Kuriosität).

 

(13. – 17. Februar 2019; im Übrigen habe ich die Aufgabe, das Material vollkommen elegant anzuordnen, nicht ganz gelöst, aber Sprunghaftigkeit bildet ja auch Denken und Welt ab, mag man sich also beruhigen)