Letztes Präludium zu einer Notiz über Kierkegaard

Da setze ich mich also hin, mit meinem gewaltigem Geist und meinem gewaltigen geistigen Hunger, um nunmehr den gesamten Kierkegaard zu verspeisen! So wie ich es mit dem gesamten Kafka gemacht habe und etlichen anderen, und wie ich es in weiterer Folge, was die richtig großen philosophischen Brocken anlangt, mit Nietzsche vorhabe und dann wohl mit Marx (irgendwann mittelfristig mit Goethe et al). Gewaltig ist mein geistiger Hunger, aber gewaltig ist auch mein Geist! Ich muss durch die Materie hindurch und alles abhandeln und ich muss mir den (gesamten) Kierkegaard vornehmen und ihn in mich aufnehmen, mir einverleiben, seinen Geist begreifen und mit meinem amalgamieren (und mit Nietzsche und mit Marx und mit Goethe et al auch). Ich muss die gesamte (Kierkegaard-) Materie zusammentun, in ein Paket verschnüren (das geschieht, indem ich möglichst vollständige Notizen über sie dann schreibe), und dann dieses Paket auf dem Meeresgrund meines Geistes versenken, wo es sicher ruht (und Ruhe gibt). Materie zusammentun, sie in ein Paket verschnüren und das dann sicher versenken und anketten, auf dem Grund meines Geistes! Das nicht aus Größenwahn oder Besitzdenken, nein, natürlich nicht!, sondern weil ich rastlos und getrieben bin. Rastlos, getrieben und unstet, aufgrund des pathologischen Dranges, intellektuelle Probleme lösen zu müssen. Das ist das Zentrum meiner Subjektivität. Eindrücke zu verarbeiten, die Welt zu scannen. Otto Weininger meint, das Genie steht dauernd unter Eindrücken, und das tue auch ich: alles übt einen gewaltigen Eindruck auf mich aus und diese Eindrücke besetzen mich, ich muss sie prozessieren, daher kann ich auch nicht viel sprechen. Aufgrund dieser Eindrücke lebe ich die meiste Zeit, und bevorzugt, in einer Art intellektuellen Trance. Das ist einerseits ein Ruhezustand und einer des Friedens, andererseits nicht, aufgrund der Rastlosigkeit und der Getriebenheit und der Unstetigkeit, mit der er urtümlich verbunden ist. Wie es scheint, gibt es mir eine gewisse Suspension von der Getriebenheit, wenn ich den Eindruck habe, ich kann Materie zusammentun, sie zu Paketen verschnüren und sie dann versenken, auf dem Meeresgrund meines Geistes. Mit Kafka oder Kierkegaard oder Bruegel werde ich mich in meinem Leben fürderhin nicht mehr grundsätzlich beschäftigen müssen, nachdem ich möglichst definitive Notizen über sie verfasst habe, nach eingehendem Studium: ich habe sie zu Paketen verschnürt und sie gelagert, auf dem Meeresgrund meines Geistes. Ich habe diese Massive bezwungen, ich habe das abgehakt, eine Station – die Kafka-Station, die Bruegel-Station und jetzt eben hoffentlich die Kierkegaard-Station – genommen und passiert – und das ist gut so (sogar sehr gut!). Das ist höchst notwendig, denn der Hochgeschwindigkeitszug meines Geistes keucht schon wieder vorwärts, rastlos und getrieben, und muss zu neuen Stationen. Daher mache ich das so! Es gibt mir eine gewisse kleine Sicherheit. Derweil muss ich vorrangig durch solche, den Geistes- und Humanwissenschaften zurechenbaren Materien hindurch – was mir ein gewisses Unbehagen bereitet, da ihr Nutzen für die Menschheit diffus und ungeklärt ist. Brücken sollte ich bauen oder Heilverfahren entwickeln! Ich bin ja rastlos und getrieben, für die Menschheit was zu tun, und weniger davon, mich selbst zu kultivieren. Für die Menschheit was zu tun, das ist mein eigentliches intellektuelles Problem, für das ich nach Lösungen suche! Und dann beschäftige ich mich mit Kafka und Kierkegaard und Goethe! Anstatt Brücken zu bauen oder Heilverfahren zu entwickeln! Aber gegen die temporäre Beschäftigung mit Kafka, Kierkegaard, Goethe gibt es ja keinen stichhaltigen Einwand, und derzeit bin ich halt davon besetzt, und mit diesen intellektuellen Problemen verschmolzen, mit ihnen verwachsen. Hänge an ihrem Firmament, wie in einer Larve, und kann mich nicht groß bewegen, bevor ich nicht, mittels eingehender Beschäftigung und dem Verschnüren und dem Versenken von Paketen, daraus ausbrechen kann und davonfliegen. Weiters ist humanwissenschaftliche Bildung gut, wenn man Brücken bauen will oder Heilverfahren entwickeln. Große Frage ist aber dabei auch, wie effektiv ich im Brückenbauen oder Heilverfahrenentwickeln eigentlich sein kann. In etlichen Belangen, wie zum Beispiel dem der statischen Berechnungen, dem Zeichnen oder dem Modellbau, bin ich nicht eben geschickt oder der Hellste. Medizin will grundlegend gelernt sein und ist vor allem eine empirische Wissenschaft, wo man als Theoretiker eher wenig ausrichten kann, wo der Theoretiker mit seinem wilden spekulativen Geist vielleicht sogar mehr Schaden anrichtet, als er Nutzen stiften kann! Wenn man sich in den Dienst der Menschheit und des Fortschrittes stellen will, soll man ja auch darauf achten, sich selbst zum bestmöglichen Nutzen und möglichst effizient einzusetzen. Wenn man einen singulären Geist hat, soll man sich auf den Gebieten bewegen, wo der Geist singuläre Wirksamkeit entfalten kann, sonst ist der Geist relativ vertan. Und vielleicht kann ich diesen Nutzen so nur stiften und mich nicht relativ vertun, wenn ich mich eben der Kunst und den Geistes- und Humanwissenschaften widme – obwohl ich eben auch anderes gerne täte und zum Beispiel die Materialwissenschaften recht interessant finde! Gute neue Materialien entwickeln – das wäre schon recht nützlich! Naja, vielleicht kann ich mich in der Zukunft solchen Sachen widmen. Einstweilen muss ich vorrangig durch Kunst und geistes- und humanwissenschaftliche Materie hindurch. Gott stehe mir dabei bei. Die Kunst/geistes/humanwissenschaftliche Materie besetzt mich sehr stark, hält mich in eisernem Griff und übt ihre Eindrücke auf mich aus. Intensität ist das Kennzeichen des Genius und es geht mir darum, die Intensität zu steigern: die Intensität des geistigen Arbeitens, die Intensität der Eindrücke! Bei aller Intensität, mit der ich wahrnehme, habe ich nämlich doch den Eindruck, dass alles eher schwach ist. Wenn ich aus dem Fenster sehe, übt das einen Eindruck auf mich aus, aber eher keinen starken. Wenn ich meine drei Uhren an der Wand betrachte, übt das einen Eindruck auf mich aus, aber eher keinen starken. Mein Geist und mein Wahrnehmungsvermögen sind sehr speziell. Leute werfen Drogen ein, um so was zu erreichen, und erreichen das aber dann wohl gar nicht. Umgekehrt scheinen Drogen keinen starken Eindruck auf mich zu machen, da mein Geist sowieso stärker ist als ihre Wirkung das jemals hervorrufen könnte. Eingehende Erfahrungen mit Drogen habe ich aber nicht, also kann ich da nicht viel sagen und habe da keine Autorität. Mit den Menschen spreche ich nicht viel – allerdings tun sie das untereinander ja auch nicht, und wenn, dann hauptsächlich zum Schein – aber ich nehme sie vergleichsweise stark wahr, und wenn ich mich durch die Menschen bewege, bewege ich mich durch eine Art Feld, über das ich mit den Menschen verbunden bin – irgendwie (bei den meisten anderen Menschen ist das, glaube ich, nicht so). Allerdings: verschmolzen oder so was in die Richtung fühle ich mich mit ihnen wieder nicht, obwohl ich das eventuell gerne wäre. Aber es ist halt wohl ganz einfach so, dass es eben Grenzen der Intensität gibt, naturgemäß. Die großen spirituellen Lehrer sprechen davon, wie verschmolzen sie seien mit den Menschen; das würde ich auch gerne erreichen, aber ich frage mich, inwieweit das nicht ganz einfach eine Übertreibung oder Irreführung oder narzisstischer Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten geschuldet sein mag beziehungsweise einem mangelnden intellektuellen Differenzierungsvermögen was die Durchsicht durch die eigenen Gefühle und das eigene Selbst anlangt. So ist das wahrscheinlich. Oder halt aber eben auch einer ehrlichen inneren Energie und einem gutmütigen Wesen und großer Liebe für andere! Ich würde gerne einmal einen wirklichen Erleuchteten treffen, um sehen zu können, wie das wirklich ist. Es enerviert mich auch ein bisschen, dass ich jetzt wieder – und insgesamt so viel – über mich schreibe! Der Eindruck könnte entstehen, ich sei größenwahnsinnig oder von mir selbst besessen. Aber nach eingehender Prüfung bin ich das auch nicht mehr als der durchschnittliche andere. Ich schreibe ja nicht über mich selbst, sondern ich untersuche meinen eigenen Geist. Ich schreibe das nieder, was ich in meinem eigenen Geist lese. Natürlich ist es auch, vielleicht sogar vor allen Dingen so, dass das mit Selbstgenuss in Verbindung steht, aber wenn er anderen nicht schadet, ist Selbstgenuss ja vollständig in Ordnung, vor allem ist Selbstgenuss eher einmal der wesentlichste Teil eines erfüllten Lebens – und ein erfülltes Leben zu führen vielleicht sogar wichtiger als in einer Welt zu leben, wo es eine ganze Menge Brücken und Heilverfahren gibt – ja, vielleicht kann der Wert meiner Arbeit auch darin liegen, dass sie ein Bild des Selbstgenusses gibt und somit auch für alle anderen ermöglicht. Groß ist dann mein Ruhm, wenn ich, in Verbindung mit dem Selbstgenuss, der damit in Verbindung steht, meinen Geist und die spontanen Prozesse meines Geistes eingehend beschreibe! Mein Geist ist es höchst wert, beschrieben zu werden, er ist wissenschaftlich und menschheitsgeschichtlich relevant, denn er ist der Große Geist. Die Biographen werden dereinst alles möglichst genau wissen werden, wie sich das mit meinem Geist verhält, also versuche ich es ihnen schon jetzt möglichst genau zu sagen. Außerdem und vor allem spiegeln sich in meinem Geist erhebliche Teile der ganzen Welt, die ich damit eben beschreibe. Pessoa beschreibt auch in erster Linie seinen – depersonalisierten – Geist. Im „Buch der Unruhe“. Denn Pessoa wusste, wie es ist, rastlos und getrieben zu sein. Über seine Pseudonyme hat er gewisse Betrachtungswinkel auf die Welt zusammengefasst und in Pakete verschnürt und auf dem Boden seiner Manuskriptekiste versenkt. Hier der Bogen endlich wieder zu Vigilius Haufniesis: der hatte es ja auch mit den Pseudonymen.

Michel Houellebecq und die Zeichen der Zeit

Ich verstehe die Zeichen der Zeit nicht mehr

die Zeichen der Zeit versteht niemand

Thomas Bernhard, Heldenplatz

 

Genie bezeichnet, wie man weiß, weniger das Höchstmaß an Intelligenz, wahrscheinlich auch gar nicht einmal das Höchstmaß an Kreativität, vielleicht sollte man eher sagen, es bezeichnet ein ungewöhnliches geistiges/kreatives/spirituelles Penetrationsvermögen; die Fähigkeit, in die Materie einzudringen, und vielleicht weniger, sie zu durchschauen (was letztendlich nicht möglich ist, da sie sich selbst nicht durchschaut), als zu ungewöhnlich tiefen, profunden und überraschenden – und genuinen und authentischen und richtigen und wichtigen Einsichten über sie zu gelangen (ein genialer Pianist wie Horowitz durchschaut die Möglichkeiten des Klaviers in dieser Hinsicht – er ist zutiefst introspektiv was die Möglichkeiten des Klavier anlangt). Das Genie, wie auch Thomas Bernhard eines war, versteht die Zeichen der Zeit – nicht vollständig, aber besser als andere (was wiederum nicht ausschließt, dass es von seinem Verständnis der Zeichen der Zeit überwältigt ist und sich seiner begrenzten Einsicht wie auch seiner begrenzten Konfusion bewusst). Heute ist es Michel Houellebecq, der die Zeichen der Zeit versteht, wie sonst niemand, und der sich mit seinen überraschenden Einsichten, in das, was eigentlich klar zutage liegt, sogar den Ruf des Propheten erworben hat – nicht zuletzt aufgrund des ominösen Umstandes, insofern das Erscheinen seiner Romane meistens mit einem Unglück oder einem böswilligen Akt in der realen Welt einhergeht, so wie es von jenem Roman scheinbar vorhergesehen wurde. In seinen Romanen und in der Behandlung seiner Figuren hat man eine große Zärtlichkeit und große Seele, ein Verständnis für Zärtlichkeit und für Seele zumindest. Er weiß, was Zärtlichkeit und was Seele ist, und ist in tiefer Trauer darüber, dass sie in dieser Welt prekäre und bedrohte Erscheinungen sind. Man hat eine sehr hohe Authentizität, alles an ihm und seinen Romanen und seinen Einsichten ist genuin. Aufgrund seines Genies kann er außerhalb von ideologischen Trampelpfaden denken und vor allen Dingen Sachen genuin durchdenken, die sich in kein bisher bekanntes intellektuelles oder weltanschauliches Schema einordnen lassen. Und aufgrund seines Genies kann er diese Sachen auch erfühlen. Das literarische Genie wirft einen zutiefst melancholischen Blick auf die Menschheit, wenngleich dieser Blick bisweilen sehr komisch sein kann. Zwischen Komik und Tragik, Zärtlichkeit und Verachtung, der Bernhardschen Frage „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“ herumpendelnd etc. scheint es bei aller inneren Harmonie zerrissen, das ist es aber nicht notwendigerweise, als Sensorium für die Welt widerspiegelt es eben die komplexe Doppelgesichtigkeit der Welt. Im Gegensatz zur reinen Intelligenz, die das Komplizierte durchschaut, durchschaut das Genie die Komplexität, welche aber letztendlich undurchschaubar ist und sich in ihrem Gemengelage ständig ändert. Aufgrund der Komplexität, die es verkörpert und die es lebt, wird das Genie nicht wirklich verstanden. Und heute macht sich Michel Houellebecq einen Spaß daraus, über alle Maße hinaus komplex zu sein und nicht wirklich fassbar. Bei aller offensichtlichen Eindeutigkeit seiner Positionen ist er in allen diesen Positionen transgressiv. Schlaumeier, die meinen, ihn in einen Sack stecken zu können, werden wohl eines Besseren belehrt (sofern sie überhaupt belehrbar sind; falls sie es nicht sind, bleibt ihnen aber wohl doch das vage Bewusstsein, dass sie mit ihren Zuschreibungen dann doch einfach zu kurz greifen).

 

(Ich sehe, ich habe mich jetzt einigermaßen ausgelassen, wieder einmal, über das (literarische) Genie! Leute, denen es an Verständnis fehlt, wären ja geneigt zu behaupten, damit würde man auf ein „überkommenes Verständnis“ aus dem 19. Jahrhundert rekurrieren, obwohl die Kategorie des Genies ja kaum so präsent ist, wie in der heutigen Literaturkritik, wo jeder Autor, der zumindest irgendwie überdurchschnittlich ist, zumindest irgendwo in der FAZ oder NZZ als „Genie“ gefeiert wird; der dickste Roman der jeweiligen Saison vom jeweiligen Verlag beworben wird in etwa: „Muss in Zukunft in eine Reihe gestellt werden mit Joyce und Faulkner!“ u. dergl.; während ein echtes Genie wie Houellebecq eher nicht als solches bezeichnet wird, und ein sehr tiefes Genie anzunehmenderweise überhaupt ignoriert wird etc.; diese Auslassungen dienen auch ursprünglich hier allein dazu, Dinge richtig einzuordnen und sie ihrem Wesen gemäß festzustellen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen etc.)

 

Man könnte meinen, bei aller Begabtheit als Schriftsteller – ein großer Intellektueller sei Michel Houellebecq dann nicht: wobei er das allerdings ohne Weiteres in seiner sympathischen Art von sich zugibt. Seine viel weniger gelesenen Essaybände sind aber in Wirklichkeit gar nicht so dumm oder derivativ. Man muss sie nur lesen. Dass ihnen die triumphale monolithische Geschlossenheit des großen philosophischen Systematikers oder intellektuellen Theoretikers abgeht, liegt daran, dass die Zeit der großen Erzählungen bzw. Systementwürfe vorbei ist und sie nicht mehr greifen – nicht nur, weil die Gesellschaft heute zu komplex scheint, sondern weil die großen Erzählungen und Systementwürfe der Vergangenheit auch in der Vergangenheit nie wirklich richtig waren. Weiters mag einen stören (und ihn selber stört es ja am Meisten), dass sowohl der Romancier als auch der Essaysist Houellebecq einigermaßen ausweglos erscheint und unengagiert. Wenn da jetzt ein Romancier und Essayist daherkommt, und die Malaisen der Gegenwart feststellt, sollte man doch meinen oder hoffen, dass sich daraus ein Aktivismus ableiten lässt; wenn ein großer Romancier und Essayist daherkommt und die Gegenwart als Malaise feststellt, sollte man meinen oder hoffen, dass er dann ein ganzes Großprogramm oder –projekt formuliert oder es aus seinen Einsichten ableitbar erscheint, wie man dieser Malaise den Garaus bereiten kann! Dass das bei Houellebecq nicht der Fall scheint, kann man ihm allerdings auch eher nicht anlasten, sondern dem Umstand, dass eine Schwarz-Weiß-Sicht auf die Gesellschaft und den Menschen heute nicht mehr möglich erscheint. Vielmehr präsentiert sich das menschliche Reich heute als eine Abstufung von Grautönen. Eine einfache Identifizierung von Problemen oder von eindeutigem Gut und Böse – das ist nicht mehr drin (und ist auch gut so, denn sich dieser Anforderung zu stellen und authentische mit ihr umzugehen, steigert das Differenzierungsvermögen und die geistige Tiefenschärfe). Wirklich große metaphysische Probleme, bei denen man in den unermesslichen Abgrund starrt, so wie man es bei Dostojewski (und, wie es scheint, zu der Zeit Dostojewskis) hatte, hat man im heutigen Reich des letzten Menschen nicht. Man hat da seelische und zwischenmenschliche Verarmung innerhalb der Wohlstandsgesellschaft, deren Wohlstand abbröckelt, Tristesse im Liberalismus u. dergl. – weil sich der Mensch in seiner Durchschnittlichkeit wiederfindet und sich das befreite menschliche Reich halt mal, scheinbar endgültig, nicht ganz so darstellt, wie von den Humanisten envisioniert (in Unterwerfung wird ein wenig darüber monologisiert, dass der Humanismus und die Errichtung von humanistischen Idealen eine Selbstbeschreibung der großen Humanisten war und weniger eine des durchschnittlichen Menschen). Veredelung des Menschen, als ein bzw. das letzthinnige Ziel der klassischen und humanistischen Kunst ist da nicht drin. So gute Dinge schienen möglich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts doch: „Die Welt neigt zum Verfall. Das Gute manifestiert sich von Zeit zu Zeit in einzelnen Personen oder in Ereignissen … doch insgesamt ist die Entwicklung negativ“, meinte einst Kurt Gödel. Jaspers meint auch, der geschichtliche Fortschritt sei zuerst ein Vorandringen einzelner Menschen: „Aber die Geschichte bleibt zugleich das bloße Geschehen, in dem es ständig wie ein vergebliches Rufen, ein Absacken und Nichtfolgen ist. Ein ungeheures Schwergewicht scheint alle Aufschwünge immer wieder zu lähmen. Die gewaltigen Massenkräfte mit ihren Durchschnittseigenschaften ersticken, was ihnen nicht entspricht.“ Houellebecq endlich selber: „Es zerrt allmählich an den Nerven, in einer Ära der Mittelmäßigen zu leben, umso mehr, wenn man sich selbst außerstande sieht, das Niveau wieder anzuheben. Ich werde gewiss keinen einzigen neuen philosophischen Gedanken hervorbringen; in meinem Alter hätte ich sonst wohl schon entsprechende Anzeichen zeigen müssen. Aber ich bin mir fast sicher, dass ich bessere Romane hervorbringen würde, wäre das geistige Klima um mich herum nur ein wenig fruchtbarer.“ (In Schopenhauers Gegenwart, 2017, S. 9). Als ein Thema, die sein ganzes Werk durchzieht, macht Houellebecq-Biographin Julia Encke „jene Mittelmäßigkeit“ aus, „die er als den Grundzug der Gegenwartskultur ausmacht“ und die „dem System der großflächigen Kultursteuerung und –verwertung immanent“ sei. „Ob auf dem Kunstmarkt oder in der intellektuellen Welt, in der Hauptsache gehe es darum, Netzwerke zu organisieren, Karrieren zu lancieren, Definitionsmacht zu gewinnen, Posten zu besetzen. Mit der Produktion von Ideen, Werken oder Theorien, die für sich selbst stehen, haben die entsprechenden Aktivitäten nichts zu tun.“ (Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq?, 2018, S. 182) Dementsprechend bemerkt auch Sabine Maria Schmidt in ihrem Essay „Chronische Moderne“ im Kunstforum: „Finanzökomonische Maßstäbe haben längst eine Definitionsmacht über die Kunst geschaffen, die die Befragung ihres ästhetischen, konzeptuellen und funktionellen Mehrwertes zunehmend überlagern. Was Kunst oder gar gute Kunst ist, im Sinne verkündeter Urteile unbestechlicher Autoritäten, ist kaum mehr von Interesse.“ (Kunstforum 252, S. 53) Wenn das so ist, wird es schwierig. Was soll die Kunst dann für Aussagen treffen angesichts einer quasi ontologisch verankerten Beliebigkeit? Wenn Mittelmäßigkeit oder Dummheit denselben Applaus bekommen wie Exzellenz, ist es ja kein Wunder, wenn das Niveau in den Arsch geht (schreibt auch gestern Kira auf Facebook). Man hätte damit das Zeitalter als Post-Truth festgestellt, und zwar nicht erst seit Kurzem, sondern schon seit längerem, und als quasi inhärente Qualität. Dazu sei allerdings gesagt, dass das meistens so ist und die wenigsten Zeiten transzendent sind, sondern vielmehr von ihrer eigenen Immanenz erheblich konsumiert werden. Die Unwahrheit ist letztendlich keine Macht, sondern etwas, das gegenüber der Wahrheit eher schwach ist. So lohnt es sich also, an der Wahrheit zu arbeiten. Und Houellebecq will ja gar keine aktivistische Literatur machen, für ihn sei Literatur dazu da, Gewissheiten ins Wanken zu bringen. Ja, das kann er. Und es ist auch schon berechtigt so. Bevor man die Welt verändern will, muss man nämlich erst mal lernen, sie korrekt zu interpretieren.

 

In seiner sympathischen Art stellt Houellebecq auch eine gewisse Mittelmäßigkeit an sich fest, die er aber eben in seine große Stärke als zeitdiagnostischer Prophet der Mittelmäßigkeit umzusetzen weiß (insofern das Genie ja auch jemand ist, der seine Minderwertigkeitsgefühle und Gefühle der Unzulänglichkeit maximal produktiv verwerten kann). Kann mich erinnern, wie ich vor Jahren in einer französischen Zeitschrift mal ein Interview gelesen habe, wo er sich über seine „Mediokrität“ beklagt: Er habe ja nicht einmal einen eigenen schriftstellerischen Stil! Ja, das wird ihm hin und wieder vorgeworfen, wenngleich von Leuten, denen man eine solche Rute ohne Weiteres selber ins Fenster stellen kann. Sein beiläufiger Erzählstil ist der mittelmäßigen Welt und der Beschreibung des Lebens als bestenfalls halbguter Roman ja ganz angemessen. Literarischen Stil – und zwar einen bestimmten, massenhaften literarischen Stil, der immer so daherkommt der Art „Achtung! Hier wird Literatur gemacht!“ – den hat man ja eh überall und es wird ja eh überall Literatur gemacht, wie erholsam also die Stillosigkeit von Houellebecq. Außerdem und vor allem, da es einen „Stil“ ja auch gar nicht gibt. Es gibt nur die Kraft der Gedanken und die Fähigkeit, diese darzustellen. Wo keine Gedanken, da aller Stil bestenfalls hohl. Wie kraftvoll also die Romane (meistens) von Houellebecq und was für emblematische Sätze und Stellen sich darin immer wieder finden! Ja, das hat schon Schwung und es hat Kraft, das! Zu den Gedichten von Houellebecq gelang es mir noch nicht so wirklich, durchzudringen, aber ich freue mich, wenn ich sehe, wie Houellebecq Dichtung und Kunst im Allgemeinen immer wieder zutiefst versteht, und zwar von der Wurzel auf und eine große, authentische Wärme für sie hat. Poesie gelingt aber eigentlich sowieso selten, denn dafür ist der Mensch einfach eine zu kraftlose und verschrumpelte Lebensform, wie es scheint. An der Poesie scheitert fast jeder. Eine Reflexion über Poesie beendet er mit der Offenbarung, dass er sein Werk in der Intention mache, um „folgende winzige Botschaft“ hinterlassen zu können: „Jemand hat in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts deutlich die Entstehung eines monströsen und globalen Mangels verspürt; außerstande, das Phänomen klar zu umreißen, hat er uns jedoch – als Zeugnis seiner Inkompetenz – einige Gedichte hinterlassen.“ (Brief an Lakis Proguidis, 1997; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 53)

 

F. erzählt mir, was für eine unmögliche Erscheinung M. sei, den sie einmal getroffen habe. Von sich selbst absorbiert und grauenhaft aussehend, so als wie wenn er es darauf anlegen würde, so grauenhaft, ungesund und abstoßend auszusehen wie nur möglich. Nun ja, bei Menschen mit neurotisch niedrigem Selbstwertgefühl oder einen neurotischen Bedürfnis, andere vor den Kopf zu stoßen, kann das schon sein. Wie exakt die Beschreibung des M. durch F. ist, den sie ja gar nicht kennt, weiß ich dabei aber nicht; ich kenne ja auch die F. kaum. Zumindest aber finde ich, dass M. mit seinen längeren Haaren, wie er sie seit einiger Zeit so trägt, ganz gut aussieht, zwar einerseits wie ein Clochard, aber auch wie ein schriftstellerischer Charakterkopf. Allgemein ist bekannt, er redet nicht viel, ist schüchtern und zurückhaltend, ringt nach Worten, zwischen seinen Hervorbringungen oft längere Pausen. Bravo, gut gespielt! Beckett war ja auch so (ähnlich). Das in seine eigenen Geistestiefen versunkene Genie, das außerdem sein Ego in seiner Kompaktheit nicht ganz zu finden scheint. Dem rassistischen Gentleman und radikalen Outsider HP Lovecraft, der das Leben als grundsätzlich negativ, ja, als dämonisch empfunden hat, hat er ein ganzes Buch gewidmet (und Schopenhauer ein anderes). Lovecraft, der, wie er schreibt, voller Verachtung für das Leben und die Menschheit war, aber gleichzeitig von ausgesuchter Liebenswürdigkeit gegenüber dem einzelnen Menschen; der zwischen (angeblichem) Hochmut und einer geradezu masochistischen Zurückhaltung herumgependelt ist. Der Ausländer gehasst hat, weil er sie für sein persönliches Scheitern als Gentleman alter Schule in der Gesellschaft Fuß zu fassen, verantwortlich gemacht hat, so wie Houellebecq seinen Hass auf seine Mutter in ein Ressentiment gegenüber den 68ern kanalisiert. Wie viel er davon (auch berechtigerweise) ernst meint, ist eine offene Frage, dass er es mit seinem Ressentiment gegenüber den 68ern ernst meint, ist keine Frage. Seine Biographin Julia Encke enthüllt, wie er sich nach eingehenderer Beobachtung „wehmütig und wider Willen“ als ein „großer Menschenfreund“ zeigt (ohne aber leider ausführlich zu werden, wie sich diese Menschenfreundlichkeit bei ihm denn äußert). Die Biographie von Julia Encke trägt dabei den Titel „Wer ist Michel Houellebecq?“ – und man kann trotzdem sagen, dass er ein gewisses Mysterium bleibt. „Ich mag mich nicht. Ich empfinde nur wenig Sympathie, geschweige denn Wertschätzung für mich. Obendrein interessiere ich mich nicht besonders für mich“, so M. in „Technischer Trost“ aus 2002 (Ich habe einen Traum. Neue Interventionen, 2010, S. 45). Ja, wenn das so ist, kann es schon sein, dass die Eindeutigkeit der Erscheinung möglicherweise darunter leidet. Ich finde es aber gut, wenn sich einer nicht so besonders für sich interessiert. Inwieweit M. seine Kohle auf philanthropische Zwecke verwendet, weiß ich nicht. Wär aber schon eine Schande, täte er´s nicht. „Unversöhnt mit sich selbst“ sei Houellebecq – oder zumindest der Autor der Gedichtanthologie „Non réconcilié“. Stellt Julia Ecke fest. Deswegen kann er auch die Zeichen der Zeit so gut feststellen.

 

In einer Welt, die (zumindest in den modernen Industriegesellschaften) scheinbar zu sich selbst gekommen ist, beschreibt Houellebecq einen gewissen Widerstand der Welt gegen Verklärung und romantische oder aktivistische Vereinnahmung. Er beschreibt: Multikulturelle Gesellschaften funktionieren doch nicht so glatt, wie man sich das gedacht hätte. Sexueller Liberalismus produziert, wie der Wirtschaftsliberalismus, einige wenige große Gewinner, einen prekären Mittelstand und etliche Verlierer. Befreite Liebe wird schon mal als Instrument narzisstischer Selbstbespiegelung und Machtausübung genutzt. Ausrichtung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik auf Produktivitätssteigerung und Effizienz ist weniger eine kapitalistische oder politische Verschwörung, sondern, wie Houellebecq einsieht, die Zerstörung und Erosion von traditionellen Lebensformen und Selbstverständnissen und Heimaten zugunsten der Steigerung von Effizienz und Produktivität hat ihren Grund darin, da die Steigerung von Produktivität und Effizienz eben das letzte Wort hat (insofern Wirtschaften die möglichst effiziente Umwandlung von Ressourcen bedeutet, um so Kapazitäten für die Umwandlung von anderen Ressourcen zu schaffen, was das Leben fortgesetzt diversifiziert und in seinen Möglichkeiten und Verfügungsgewalten bereichert). Länger anhaltender Wohlstand und demokratische politische Freiheiten mögen dazu führen, dass man ihren Wert ein wenig vergisst. Wenn die Menschenrechte längere Zeit als selbstverständlich genossen werden, kann es passieren, dass die Menschen schon mal den Sinn der Menschenrechte in Frage zu stellen geneigt sind oder meinen, dass man bei den Menschenrechten mal „ausmisten“ sollte etc. Houellebecq hat jetzt nicht die Stringenz eines Sartre (den er, im Gegensatz zu Camus, allerdings sowieso für einen „Clown“ hält) und Essays wie Betrachtungen zur Judenfrage gelingen ihm vielleicht nicht ganz. In etlichen Punkten hat sich Sartre aber geirrt, unter anderem auch darin, wenn er immer wieder meint, die Einsicht in die existenzialistische Einsamkeit und die Notwendigkeit, sein eigenes gottloses Projekt zu machen wirke als Terror – obwohl sie für den Konsumtrottel überhaupt nicht terrorisierend wirkt und gar nicht irgendwie anstrengend. Ich weiß nicht, ob die mit dem Schluss von den Fliegen überhaupt irgendwas anfangen können. „Als er France-Inter einschaltete, stieß er auf eine Sendung, in der die kulturellen Ereignisse der Woche zerpflückt wurden. Die kommentierenden Kritiker prusteten los, ihr dummes Geschwätz und ihr lautes Gelächter waren unglaublich ordinär. France-Musique sendete eine italienische Oper, deren hochtrabende, gekünstelte Brillanz ihm sehr bald auf die Nerven ging. Er fragte sich flüchtig, was ihn dazu veranlasst hatte, sich auf eine künstlerische Darstellung der Welt einzulassen oder zu glauben, dass eine künstlerische Darstellung der Welt überhaupt möglich sei; die Welt war alles andere als ein Gegenstand künstlerischer Emotionen, die Welt stellte sich eindeutig als ein rationaler Bezugsrahmen ohne jede Magie und ohne besonderes Interesse dar“ (so die Einsicht, die Karte und Gebiet beschließt). Das ist eigentlich was viel Schlimmeres als jeder mögliche existenzialistische Ekel. Es formuliert einen handfesten Grund für den künstlerischen und philosophischen Welterheller, sich von vornherein eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Houellebecq beschreibt eine einigermaßen lieblose Welt. Das Problem ist dabei, dass in dieser Welt aber eben gar nicht so viel Liebe vorhanden ist. Authentische Künstler wie van Gogh haben die Welt und die Dinge geliebt. Kunsthändler lieben van Gogh in erster Linie dann, wenn sie ihn verkaufen können; Kunstkritiker, wenn sie wichtigtuerische Kunstkritiken über van Gogh schreiben können, nachdem man ihnen erklärt hat, worum es bei van Gogh eigentlich geht etc. Houellebecq liebt, wie man sieht, die Dinge, die Welt liebt er nicht: Also passt er gut in die heutige Welt, und kann sinnvolle Aussagen über sie machen, und die Zeichen der Zeit so gut feststellen. Es ist in der Tat eine ein wenig lieblose Welt. „Ich weiß, was man tun muss, um als nett zu gelten, ich bin nicht blöd. Aber ich habe keine Lust darauf. Ich habe viel zur heutigen Gesellschaft gesagt, und im Grunde habe ich die Nase voll von ihr.“ (Gespräch mit Gilles Martin-Chauffier und Jérome Béglé, Ich habe einen Traum. Neue Interventionen, 2010, S. 87) Ja, das hat schon was für sich, von der heutigen Gesellschaft die Nase voll zu haben. Aber scheiß drauf, noch ein paar Zitate:

„Ich persönlich bin allerdings von Grund auf a-religiös, obwohl ich mir der Notwendigkeit einer religiösen Dimension schmerzlich bewusst bin. Das Problem ist, dass sich keine der heutigen Religionen mit dem allgemeinen Erkenntnisstand verträgt. Was wir bräuchten, ist geradezu eine neue Ontologie. Diese Probleme mögen übertrieben intellektuell erscheinen. Ich glaube jedoch, dass sie in zunehmendem Maße außerordentlich konkrete Auswirkungen haben werden. Wenn in dieser Hinsicht nichts passiert, hat die westliche Kultur meiner Meinung nach keine Chance.“

(Gespräch mit Valère Staraselksi, 1996; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 89)

„Wenn es heute jemandem gelingen sollte, einen sowohl ehrlichen als auch positiven Diskurs zu entwickeln, wird er den Lauf der Welt verändern.“

(Gespräch mit Sabine Audrerie, 1997; Die Welt als Supermarkt, 2001, S. 83)

Und, aber siehe da! Wenn wir uns das mal so überlegen wollen und so betrachten, und alle Mieselsüchtigkeit, vor allem jene, die in den Romanen Houellebecqs vorkommt, mal beseitelassen wollen, so werden wir uns plötzlich sehr schnell klar, dass wir ja eh die ganze Zeit über schon in herrlichen, aufregenden Zeiten leben! Auch wenn die Kunst möglicherweise gerade keine so gute Phase durchmacht, explodiert das Wissen und es explodieren die (Sozial)wissenschaften und unsere Kenntnis und unsere Einsichtsfähigkeit in die Welt. Vielleicht zum ersten Mal erscheint ein globales Verständnis möglich und ein globaler Intellekt, und ein globalisiertes Empfindungsvermögen! Da gab es also die Moderne mit ihren großen Erzählungen, dann die Subversion der großen Erzählungen durch die bunte, gescheckte, verspielte, ironische Postmoderne, die auf der Rückseite ihrer Medaille eventuell eine kraftlose Uneindeutigkeit und mangelnde Originalität und (Willen zur) schöpferischen Kraft trägt, sich ihres Ablaufdatums aber implizit gewiss: Dann sollten wir da haben, die Ersetzung der großen modernen Erzählungen und ihrer ironischen postmodernen Subversion durch die Schaffung des Großen Bewusstseins! Bewusstsein entsteht durch die empathische Einsicht in die Vielfältigkeit und in die möglichen verborgenen Dimensionen einer Sache. Die Vielfältigkeit liegt klar zutage, das Gemengelage an Theorien außerdem: Lasst und also fortwährend lernen, es zu beherrschen durch Bewusstsein, also einer nicht starren, sondern flexiblen, fluiden und komplexen Intelligenz! Der Absolute Geist in seiner absoluten Form wird keine Philosophie mehr sein, sondern ein Bewusstsein über alle Philosophien etc. Als Ontologie nehmen wir den Chaosmos an und – aber hier bricht der Text einstweilen ab. Die Dialektik von thetischer Moderne und antithetischer Postmoderne soll ihre Synthese finden in dem äußert kraftvollen, die Dinge ergreifenden Großen Bewusstsein! Das sei der Geist des 21. Jahrhunderts. Das Große Bewusstsein! Das Große Bewusstsein! Das Gro-

 

— und die Welt ist sowieso offen, sehr offen; und ihre Wunden sind offen, sehr offen; dann gibt es die Permanenz des Klassenkampfes, die Refeudalisierung der Welt etc. Dagegen kann man sich schon sinnvoll einbringen; und der deutsche Industrieländer Weidner, der ein neues kosmopolitisches Denken fordert, berichtet von seinem Kulturschock bzgl. seiner arabischen Dichterfreunde, für die „die Aura das Dichtertums so groß war, dass jede wirtschaftliche Vernunft an ihr zunichte wurde. Sie verschuldeten sich, halfen einander, beherbergten sich wechselseitig, liehen sich Geld und bildeten eine Art poetischen Bettelorden. Anders hätten sie kaum überleben können. Als namenlose arabische Dichter wären sie ohne ihren fanatischen Glauben an die Literatur nichts gewesen. Der aber gab ihnen, was ich in meinem Umfeld vermisste: die Überzeugung, noch etwas Relevantes zu tun zu haben, sagen zu können, sagen zu müssen. Sie hatten noch echte Anliegen, und von der seltsamen Übersättigung, die meiner Generation so oft den Wind aus den Segeln genommen hatte, war bei ihnen nichts zu spüren. Während hierzulande selbst widerspenstige Intellektuelle und Schriftsteller bald vom System vereinnahmt und integriert werden, war in der Heimat meiner arabischen Freunde jede Kritik ein sinnvoller, oft unfreiwillig provokanter Akt. Das gab ihrem Tun einen Wert. Man musste sich fragen, ob der Westen nach Gott und allem sonstigen Glauben am Ende auch den an Kunst und Literatur, wenn nicht an die intellektuelle Betätigung insgesamt entwertet und in die Isolierstation eines selbstgenügsamen Kultur- und Universitätsbetriebes abgeschoben hatte.“ (Stefan Weidner: Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken, 2018, S. 16f.) Siehe da, von den Arabern und Persern (von denen, ausnahmsweise, seit Jahrhunderten wirklich gute und fundamentale Poesie kommt) gehen möglicherweise die entscheidenden Impulse für die neue geistige Weltordnung aus! Von den von Houellebecq so sträflich vernachlässigten Morgenländern! Hahahaha!

Am Ende habe ich mich verrechnet

wahrscheinlich im eigenen Größenwahn verrechnet hat er gesagt

ich verstehe die Zeichen der Zeit nicht mehr

die Zeichen der Zeit versteht niemand

Thomas Bernhard, Heldenplatz

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Was mich anlangt, bin ich ein intellektuell/kreativ/spirituell sehr hochstehendes Genie, im Gegensatz zu Michel Houellebecq sind aber fast alle meine Sachen komplette Misserfolge; was für mich aber verkraftbar ist und kein Grund, den Laden dichtzumachen, da es sich bei fast allen meinen Sachen um bedeutende Schöpfungen handelt und ich daher – mit Michel Houellebecq, wie er es in Unterwerfung formuliert hat, gesprochen – zumindest teilweise in der Sphäre der Ideale lebe, der Invarianten und des Absoluten. Mit dem Unterleib wandle ich freilich durch diese Zeit, mit dem darüber, also der der Geistigkeit zugerechneten Leiblichkeit, bin ich aber bereits im Kontinuum und dort ficht mich nichts mehr an. Das ergibt dann einen Bodhisattva. Also sollte es von Interesse sein, wie meine Wenigkeit wohl die Zeichen der Zeit feststellt. Tatsächlich ist eine Frage, die mich bekanntermaßen permanent beschäftigt, wie man wohl diese Zeit – und alle Zeiten – feststellen kann; außerdem, wie heute Kunst möglich sein kann und wie Kunst heute aussehen kann. Meine künstlerischen Erzeugnisse sind ja immer von der Frage geleitet, wie Kunst heute möglich sein kann und wie eine solche Kunst aussehen könnte. Was meinen Geist anlangt, so steht er, soweit ich feststellen kann, an der Spitze des gegenwärtigen Wissens (soweit ich feststellen kann, sogar an der absoluten Spitze des gegenwärtigen Wissens und der menschenmöglichen geistigen Flexibilität und Einsichtsfähigkeit). Was stelle ich also hinsichtlich der Zeichen der Zeit fest? – Leider ist es so, dass von einer solchen Aussichtsplattform aus die Manifestationen des Gesellschaftlichen vor lauter analytischer Fähigkeit scheinbar in lauter sinnlose Einzelphänomene zerfallen, die ich obendrein, aufgrund ihrer Beschränktheit, sowieso nicht so ganz ernstnehmen kann (obwohl ich sie gleichzeitig extrem ernst nehme). Darüber hinaus ist mir bewusst, dass aufgrund der Tiefe der Welt und der verschlossenen Türen, hinter denen beschlossen wird, mein Wissen in den derzeitigen Gang der Welt beschränkt ist, und sollte auch nur ein Mosaikstein in der Gesamtansicht fehlen, kann es ohne Weiteres so sein, dass man sich in Spekulationen ergeht, die zwar interessant und raffiniert sein mögen, aber fehlgeleitet. Welche Abstraktionen und Synthesen soll man also bilden, was soll man als neuralgische Punkte ausfindig machen, wie Houellebecq das so gut kann? Wie die Arena begrenzten, wenn das begrenzende Rund der Abstraktion und der Synthese, der Ebene, des Plateaus, vor meinem inneren Auge eine geschwungene Kurve ist, die aus dem Unbestimmten kommt und sich ins Unbestimmte verliert? Ja, das ist schon eine verdammt gute Frage! In meinem Kopf finden ungeheure Dinge statt und findet (im Gegensatz eben zur gesellschaftlichen Wirklichkeit) die permanente Revolution statt und vor meinem geistigen Auge sehe ich Universen entstehen und vergehen – das nicht, weil ich das notwendigerweise (in dieser Form) so angestrebt habe, sondern weil es eben mittlerweile so ist. Da ich milde und allesverstehend und ohne ausgeprägtes Selbst bin und keine Komplexe oder Neurosen habe, fühle ich mich allen gesellschaftlichen Manifestationen und Problemen gleich verwandt und mich gleichermaßen von ihnen verschieden. So gesehen ist es vielleicht gar nicht meine Aufgabe, konkrete neuralgische Punkte der Gegenwart zu benennen, sondern die Möglichkeit eines vollständig klaren und geordneten Geistes anzuzeigen, mit dem man Probleme bestmöglich lösen kann. Das Problem meiner Romane war das der menschlichen Ipseität und der Gefängnishaftigkeit der menschlichen Subjektivität und der Möglichkeit ihrer Überwindung durch die Öffnung hin in Geist, Seele und Moral. Damit habe ich, soweit ich feststellen kann, in einer, zwei genialen Gesten das tiefste Problem behandelt, was man mittels des Romans überhaupt behandeln kann (mit der eigenartigen Nebenwirkung, dass meine Tätigkeiten und Möglichkeiten als Romancier damit schon wieder, zumindest für längere Sicht, beendet sind, bevor sie überhaupt erst richtig angefangen haben). Das mit dem Bodhisattva ist nicht schlecht – es ist sogar sehr gut, zumindest für andere – und es ist letztendlich Schicksal. Die Spitze des gegenwärtigen Wissens und der menschenmöglichen geistigen Flexibilität und Einsichtsfähigkeit bedeutet: die Möglichkeit eines absoluten Außens gegenüber den relativen oder zeitbezogenen Phänomenen anzeigen zu können. Davon soll in den folgenden Betrachtungen zu Kierkegaard noch eingehender die Rede sein, gemeint ist damit die Aufzeigung des Menschenmöglichen jenseits des Menschenmöglichen. Dazu noch mehr. Das Gute an der Herstellung des Außen ist, dass es (über den avantgardistischen Sinn noch hinaus) Herstellung von Bereichen und Bezirken meint, die von den Apparaten nicht kolonialisiert werden können. Das weniger Angenehme ist, dass ein Dialog mit der Gegenwart von Seiten der Gegenwart nicht wirklich stattfinden wird, da es sich in keine gegenwärtigen Diskurse einordnet. Ein Buch, das nicht erfolgreich ist, gibt einem keine Sicherheit, gesteht Krishnamurti. Mein ganzes Werk, und welchen Sinn er überhaupt hat oder haben kann, ist kaum festgestellt, und gibt mir daher auch nur eine teilweise Sicherheit. Aufgabe der Kunst, so Kandinsky (vor einem Jahrhundert), ist spirituelle Erneuerung. Das hört sich heute möglicherweise sehr abgeschmackt und unglaubwürdig an, aber im Alter hat der allmächtige David Bowie, der das Leben so umfangreich durchmessen hat, Bilanz gezogen und gemeint: Wenn er nochmal von vorne beginnen könnte, würde er ein spirituelleres Leben versuchen zu leben (ein Mönch werden, der allerdings Gitarre spielt). Spiritualität ist das intensive Eindringen in die Materie mit Geist, Körper und Seele, und ein intensiverer, intuitiverer Bezug zu den Dingen. Hale sagt auch, die Aufgabe des literarischen Genies ist spirituelle Erneuerung. Aufgrund seines extremen Individualismus sei das literarische Genie in der Lage, zu authentischen menschlichen Werten vorzudringen, was allerdings wiederum damit im Zusammenhang steht, dass das literarische Genie im Wesentlichen ein Einzelgänger bleibt. „Das Leben eines Einzelgängers ist voller Schrecken“, so Agnes Martin. Der schreckliche Einzelgänger Bayer hat zwar melden lassen, die Kunst/Wissenschaft/Philosophie/Religion etc. pp sei ein Scheißdreck, er hat aber nicht erwähnt, der Absolute Geist in seiner absoluten Form (dessen Herstellung ich anstrebe) sei ein Scheißdreck. Davon hat er nichts gewusst und das war seinem Zeitalter noch deutlich zu hoch. Aber die Zeit des Absoluten Geistes in seiner absoluten Form wird und muss kommen. Meine Bücher und Schriften und mein Geist sind noch kaum festgestellt und bringen mir zur Zeit in erster Linie Unglück im Leben. Jetzt sehe ich aber schon wieder herrliche Formen und aufschießende Ekstasen vor mir, wenn ich mir z. B. den uninterpretierbaren Traum zu vergegenwärtigen suche, eine Art aufschießenden, dynamischen spirituellen Kelch formend. Dominika hat in ihrer Besprechung zum uninterpretierbaren Traum gemeint: „Gut möglich, dass diese blitzgescheite Manie dem Mysterium des Seins am ehesten gerecht wird.“ Sollte ich also tatsächlich eine Kunst geschaffen haben, die dem Mysterium des Seins am ehesten gerecht wird, ist mir der ewige Ruhm natürlich sicher (außer viel intelligentere Roboter übernehmen noch in diesem Jahrhundert die Macht (wie von Houellebecq ja bereits im letzten Jahrhundert in seiner unnachahmlichen Weise vorausschauend angedeutet); dann ist das natürlich hinfällig, oder das, worum ich mich so intensiv bemüht habe und wofür ich so stark gelitten habe und so viel einstecken musste, für die Roboter der nahen Zukunft mit einem IQ von 400 bestenfalls eine interessante Kuriosität).

 

(13. – 17. Februar 2019; im Übrigen habe ich die Aufgabe, das Material vollkommen elegant anzuordnen, nicht ganz gelöst, aber Sprunghaftigkeit bildet ja auch Denken und Welt ab, mag man sich also beruhigen)

Michel Houellebecq and Arthur Schopenhauer and the True Artist

In his pequeno pero valiente book/essay about why Schopenhauer means so much to him, Michel Houellebecq refers to the Sage of Frankfurt as concerns the true center of art and the true center of artistic intuition. The true center of art and of artistic intuition is the individual that is able to observe and to contemplate the world and the various manifestations of the world as something per se and irrespective of the gravitational pull that is exercised via the subjective will – or, as we may say today, via the ego. The true artist is someone that has kept up the ability of a genuine, naive and innocent and direct observation and contemplation, that, apart from that, „only occurs in childhood, in madness and within dreams“. Contrary to others that may primarily strive for art as a strive for money, power or self-expression or self-expression of their innate talent and desire to enter worldly systems of circulation, the genuine artist´s primary concern would not even be to create art, but to be left in his intellectual-sensual trance and his dream-like and otherworldly immersion into the world (as it gets mirrored via his mind). Such an ability, a capacity of otherworldly immersion into the world, is, more or less, innate and does not occur often. By contrast, people of this world aren´t prone to establish connections between things per se via contemplation; when they observe something, they´re eager to subordinate it to their subjective will, or, if they´re intellectuals, to subordinate it to their existing concepts. They strive for subordinating observations to their concepts like a tired man strives for a chair, and when they aren´t able to subordinate an observation to their existing concepts, they lose interest in the observation. This explains, says Houellebecq, why good art criticism is a rare as good art: because, says Schopenhauer, almost all people want something, and because of this they already want too much; the one that will truly win the victory in the end will be the (apparently) unmotivated loser that is primarily motivated in cultivating his strange and unproductive ways of thinking. Mediate about that (and never underestimate Michel Houellebecq and his capacity for genuine and unexpected insights).