Die Persönlichkeit von Karl Marx

Und dennoch zuweilen kann ich mich trauriger, ahnender, Furcht erregender Ideen nicht entschlagen, wenn sich wie ein Blitz der Gedanke einschleicht: Ob Dein Herz Deinem Kopfe, Deinen Anlagen entspricht? Ob es Raum hat für die irdischen, aber sanfteren Gefühle, die in diesem Jammertale dem fühlenden Menschen so wesentlich trostreich sind? Ob, da dasselbe offenbar durch einen nicht allen Menschen verliehenen Dämon beherrscht wird, dieser Dämon himmlischer oder faustischer Natur ist? Ob Du je – und das ist für mein Herz nicht der weniger peinigende Zweifel – je für wahrhaft menschliches – häusliches Glück – empfänglich sein wirst? (…) Offenherzig gesprochen, mein lieber Karl, ich liebe dies moderne Wort nicht, worin sich alle Schwächlinge hüllen, wenn sie mit der Welt hadern, dass sie nicht ohne alle Arbeit und Mühe wohl möblierte Paläste und Millionen von Equipagen besitzen. Diese Zerrissenheit ist mir ekelhaft, und von dir erwarte ich sie am allwenigsten.

Heinrich Marx an seinen Sohn Karl

Dr. Marx, so heißt mein Abgott, ist noch ein ganz junger Mann (etwa 24 Jahre höchstens alt), der der mittelalterlichen Religion und Politik den letzten Stoß versetzen wird; er verbindet mit dem tiefsten philosophischen Ernst den schneidendsten Witz; denke Dir Rousseau, Voltaire, Holbach, Lessing, Heine und Hegel in einer Person vereinigt, ich sage vereinigt, nicht zusammengeschmissen – so hast Du Dr. Marx.

Moses Hess

Marx ist äußerst eitel, eitel bis zum Schmutz und zur Tollheit … Marx ist persönlich bis zur Verrücktheit (…) Es ist durchaus möglich, dass Marx sich theoretisch zu einem noch rationaleren System der Freiheit als Proudhon aufschwingen könnte, doch der Instinkt der Freiheit fehlt ihm. Als Deutscher und als Jude ist er von Kopf bis Fuß ein Autoritärer.

Michail Bakunin

Behalten Sie mir den Mohr nicht zu lange (bei sich in Berlin, Anm.); ich gönne Ihnen alles Gute, nur den nicht, das ist der Punkt, wo ich habgierig und eigennützig und neidisch werde, da hört alle Humanität auf und der bare, bloße, eingefleischte Egoismus beginnt.

Jenny Marx an Ferdinand Lassalle

Karl Marx war ohne Zweifel einer der höchsten Intelligenzen, die je diese Erde bewohnt haben. Im charakteristischen Schreibstil seiner Texte scheinen sich die zahllosen Ideen beinahe gegenseitig zu beengen und den Platz wegzunehmen, da sie mit einer unerhörten Intensität und Frequenz artikuliert werden. Marxens Ideen- und Argumentationsketten schienen sich beinahe selber zu überschlagen. Selbstlos wollte er diese Intelligenz in den Dienst der Menschheit stellen. „Für die Menschheit arbeiten“, „der Menschheit dienen“, war von Anfang bis Ende Credo und Ethos seines Lebens. Ohne Rücksicht auf sich selbst – allerdings auch ohne große Rücksicht selbst auf seine engsten Angehörigen – weihte Karl Marx sein Dasein, der unterdrückten und leidenden Menschheit den Weg in ein Neues Jerusalem zu weisen. Seine Wegweisung, seine Lehre ist – analog zu den großen religiösen Systemen – wohl die umfassendste und universalste säkulare Heilslehre, die je formuliert wurde, und wahrscheinlich auch die umfassendste und universalste, die auf diesem Gebiet je möglich sein wird. Da die großen religiösen Systeme die Situation des Menschen im Ganzen erfassen, mögen sie zwar im Lauf der Zeit an Glaubwürdigkeit gewinnen oder verlieren, untergehen werden sie wohl nie. Das gilt sicherlich auch für die Lehre von Marx. Die Menschheit wird Karl Marx nicht mehr loswerden. Zeitgenossinnen und später Geborenen erschien er wie ein Zeus. Wer ihn besser kannte, dem konnte er ein lustiger Geselle und ein ausgelassener Zechbruder wie Dionysos sein. Trotzdem er seiner Familie gleichsam göttliche Plagen auferlegte, verehrte sie ihn wie ein höheres Wesen. Furchtlos und aufmüpfig wie er war, verbannten ihn die eingeschüchterten Herrschenden Europas schließlich in ein Exil; seine übermenschliche Kraft konnten sie ihm nicht rauben. Dort, auf seinen Spaziergängen durch London, steckte er armen Proletarierkindern, auch wenn er selber knapp bei Kasse war, gerne eine Münze zu und streichelte ihnen durchs Haar; denn dieser Übervater der Menschheit liebte die Kinder. Wer war also dieses Menschheitsgenie?

Auch sein eigener Vater, Heinrich Marx, liebte seinen Sohn, der schon früh durch eine enorme intellektuelle Begabung auffiel. Heinrich Marx selbst war ein sehr kluger und gebildeter Mann, er kam aus einer angesehenen Rabbinerfamilie, konvertierte aber zum Protestantismus und sicherte sich so eine erfolgreiche und einträgliche Karriere als Jurist. Dem erstgeborenen Sohn Karl musste so auffallen, dass er vielleicht nicht bloß innerhalb der Familie, sondern eventuell in viel größeren Dimensionen ein „Auserwählter“, ein (von Gott) „Berufener“ sein könnte. In seinem Abiturientenaufsatz zum Thema „Betrachtungen eines Jünglings zur Berufswahl“ schrieb er wenig über die Wahl des Berufs, dafür aber spektakulär über die (von Gott ausgehende) „Berufung“ des (dazu auserwählten) Menschen, sich selbst und „die Menschheit zu veredeln“, zu „vervollkommnen“, zu „vollenden“. Als einen solchen Auserwählten sah er offenbar sich selbst; die Vollendung seiner selbst und die Vollendung der Menschheit begriff er als eins: Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung. Man wähne nicht, diese beiden Interessen könnten sich feindselig bekämpfen …, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, dass er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für … das Wohl seiner Mitwelt wirkt. Wenn er nur für sich schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft großer Mensch sein. (vgl. Künzli S.81) Dabei berichtet der Jüngling auch von Zuständen des inneren Zweifels, ob diese grandiose Berufung, die er von oben empfangen, denn echt sei, oder ob er mit dieser Vorstellung bloß einem eitlen Wahn erliege, gleichsam kein Wohltäter der Menschheit, sondern ein Scharlatan sei, der darob schließlich an Selbstverachtung leiden müsse: … wenn wir in einen Stand gewählt, zu dem wir nicht die Talente besitzen … so werden wir bald beschämt unsere eigene Unfähigkeit erkennen. Die natürliche Folge ist dann Selbstverachtung, und welches Gefühl ist schmerzlicher…? Selbstverachtung ist eine Schlange, die ewig wühlend die Brust zernagt, das Lebensblut aus dem Herzen saugt und es mit dem Gift des Menschenhasses und der Verzweiflung vermischt. (ebenda S.92) Eine harte Überlegung. Ob man Wohltäter oder Scharlatan sei, können natürlich nur andere beurteilen. Dabei scheint nicht ganz klar: Braucht die Menschheit ihn, den Berufenen, als ein Instrument, um endlich Vollkommenheit zu erlangen – oder braucht der Berufene die Menschheit und ihre Vollendung als Instrument, um sich seiner eigenen Vollendetheit schließlich vergewissern zu können, und nicht in Selbstverachtung zu versinken? Eine bereits eigentümlich „dialektische“ Fragestellung.  Gleichzeitig stellt sich der Berufene im Abiturientenaufsatz bereits einigermaßen schroff über die Menschheit, die er veredeln will. „Bewundert“ soll er von ihr werden. Auch ist ihm auch die Tragik einer solch fernen Größe bewusst, in der jedoch auch großes Glück wohnt: Wenn wir in den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind, dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still und ewig wirkend fort und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen. (ebenda S.84) Man merkt, dieser „Berufene“ ist der Menschheit gleichzeitig nahe, aber auch fern.

Viele Menschen haben mit ihren Jugendideologien später in ihrem Leben nur mehr wenig gemein. Andere jedoch „bleiben sich selber treu“, oder, weniger euphemistisch gesagt, ändern sich nie. Karl Marx zählt sicher viel eher zur zweiten Kategorie Mensch. Hat man in diesem Abiturientenaufsatz bereits das psychologische Programm seines Lebens vollständig ausgeführt? Ist es die authentische Willensbekundung, zu der noch die adäquate Vorstellung fehlte (die vom Sozialismus, mit dem der junge Karl noch keineswegs vertraut war)? In seinen Jünglingsjahren versuchte sich Karl als Dichter; er musste sich schließlich aber eingestehen, dass ihm die entscheidende Begabung dafür fehlte. Vom Vater dazu angehalten, studierte er Rechtswissenschaften in Bonn, Berlin und Jena, nutze sein Studium aber, um tief in die Philosophie einzutauchen. Seine Dissertation war über ein philosophisches Thema. Die dünnen Hoffnungen auf eine Lehrstelle an der Universität zerschlugen sich allerdings. Stattdessen wurde Marx nach seinem Studium Journalist und schnell Redakteur bei der „Rheinischen Zeitung“. Ideologisch war Marx damals am Ehesten ein Linkshegelianer. Spätestens über die Arbeit bei diesem progressiven Blatt, über die Bekanntschaft mit progressiven, teilweise sogar revolutionär gesinnten Menschen wie Bruno Bauer, Moses Hess oder Arnold Ruge und schließlich auch Friedrich Engels, über die Lektüre von sozialistischen Denkern wie Charles Fourier oder Pierre-Joseph Proudhon und über seine Empörung über die krassen sozialen Missstände seiner Zeit begann Marx gleichsam eine Vorstellung zu seinem Willen, die Menschheit zu vollenden, zu finden: die von der Entwicklung des Wissenschaftlichen Sozialismus, der Bekämpfung von Kapitalismus und bourgeoiser Herrschaft und der Vorantreibung der Revolution, die in einen vollendeten Zustand der Menschheit schließlich führt, den Kommunismus. Der Rest im Leben von Marx wurde dann Geschichte.

In den Jahren zuvor aber spitzte sich der Konflikt zwischen Karl und seinem Vater und seiner Familie zu. Karls schroffe Distanziertheit, seine ständigen Bitten um Geld, das er offenbar freudig verpulverte, und sein undurchsichtiger, scheinbar planloser Lebenswandel, irritierten seine Familie. Über die Jahre hinweg musste Heinrich Marx beklemmende Charakterzüge an seinem Filius feststellen, mit denen er ihn zunehmend offen konfrontierte (wenngleich hauptsächlich über Briefe): eine abnormale „Zerrissenheit“, sprich Reizbarkeit und Irritierbarkeit, wenn etwas nicht seinen Wünschen entsprach; ein kühles Verhältnis zu seiner Familie und scheinbar zu Menschen allgemein; ein tyrannisches Verhalten gegenüber seinen jüngeren Geschwistern, selbst als Karl noch ein Kind war; sein scheinbar sogar aggressiv verantwortungsloser Umgang mit Geld und hinsichtlich seines Lebenswandels insgesamt. Am Unheimlichsten war dem Vater, wie bei Karl scheinbar ein übergroßer, gleichsam überzüchtet und überkultiviert erscheinender Intellekt einem offenbar primitiven und verödeten Gefühlsleben gegenüberstand. Trotz seiner bisweilen jovialen und ausgelassenen Art und der Vielfältigkeit seiner Persönlichkeit und seiner Interessen schien Karl Marx zeit seines Lebens kaum zu tiefen Beziehungen zu Menschen oder zu einer echten Freude und einem tiefen Genuss an Dingen imstande zu sein (weswegen er sich auch nicht zum Dichter eignete). Andauernde Freude fand er scheinbar nur in seinem wütenden Kampf gegen Unterdrückung, in seiner revolutionären „Arbeit für die Menschheit“.

In einem Fragebogen für das Poesiealbum seiner Tochter antwortete Marx im Jahr 1865 bei der Frage nach „Ihrer Auffassung von Glück“ mit „Zu kämpfen“, und auf „Ihre Auffassung von Unglück“ mit „Unterwerfung“ (Anm.: Im Original ist das gar nicht vorhanden, die Zeilen sind leer. Woher kommt das also?) Drei Jahre vor seinem Tod antwortete Karl Marx, vom Journalisten John Swinton nach dem „Gesetz des Seins“ gefragt, in einem tiefen und feierlichen Ton mit: „Kampf!“ (vgl. Musto 2018 S.12). Immer wieder nahm dieser „Kampf“ auch die Form von irrationalen Polemiken wie Die großen Männer des Exilsoder Herr Vogt an, für deren Verfassung Marx selbst seine theoretische Arbeit hintanstellte, so getrieben war er davon. Und auch seine theoretischen Schriften strotzen bekanntermaßen vor einer Aggressivität gegenüber ideologischen Gegnern, die unnötig erscheint. Angesichts dessen lässt sich fragen, wie tatsächlich rational auch die rationalen Formen seines Kampfes, also sein theoretisches Werk, dann eigentlich war und ist. Etwas „Dämonisches“ hatte bereits der Vater an Karl wahrgenommen, beziehungsweise, dass sein Sohn von „Dämonen“ getrieben zu sein scheint. Der ebenso triviale wie tragische Begriff von den „Dämonen“, die in einem stecken und mit denen man ringt, ist ein Ausdruck für übermächtige, aggressive Impulse, die bisweilen durch die individuelle Rationalität durchdringen und sie zu übermannen scheinen. Bei Marx scheinen diese Dämonen eine kämpferische Wut gegen Unterdrückung, gegen die Unterdrücktheit seines eigenen Gefühlslebens gewesen zu sein, die dieses schließlich so übermächtig beherrscht haben. Und die dämonisch genug war, um einerseits viele Menschen von ihm abzustoßen, gleichzeitig aber auch viele Menschen anzuziehen – und, so wie Marxens Frau, seine Töchter oder seinen Freund Engels, zusätzlich zu so vielen der nachgeborenen Marxistinnen bis auf den heutigen Tag – geradezu zu verschlingen. Inklusive ganzer Länder und Erdteile, in denen sich marxistisch inspirierte Regime etabliert haben.

Diese mangelnde Freude an gewöhnlichen Dingen, für wahrhaft menschliches Glück, wie es der Vater meinte, schien auch in Marxens geradezu selbstzerstörerischen Unwillen zu arbeiten zum Ausdruck zu kommen. So eigentümlich liebevoll und schwärmerisch er von der Versöhnung des Menschen mit seiner Arbeit im kommenden Sozialismus fabulierte, so „entfremdet“- abgestoßen schien er auch praktisch von Arbeit unter gegenwärtigen Umständen sich zu fühlen, wie er es auch als Theoretiker formuliert hat. Zeitweilig hat Marx als Journalist gearbeitet, obwohl er sich auch darum nicht übermäßig bemüht hat.  Zwar hat ein Genie tatsächlich etwas Besseres zu tun als einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Aber es bleibt in der Regel auch dann produktiv, wenn es sich dieser Notwendigkeit nicht entziehen kann. Das tägliche Managen seiner ärmlichen Lebensumstände muss Marx zudem so viel Zeit und Energie gekostet haben, dass er auch hätte arbeiten gehen können. Auch nicht alle Arbeit hätte für ihn „entfremdend“ sein müssen, es hätte auch Arbeiten gegeben, die ihn menschlich hätten erfüllen können. Er hätte Sprachlehrer werden können. Marx hatte ein großes Talent, Kinder zu unterhalten und ihnen Geschichten zu erzählen, das er hätte kapitalisieren können. Man stelle sich vor: Marx als gefeierter Kinderbuchautor oder als populärer Londoner Kinderclown „Uncle Carl“! Eine solche Arbeit hätte ihm Spaß machen müssen und ihn eventuell sogar wohlhabend werden lassen, ohne dass seine revolutionäre „Arbeit für die Menschheit“ darunter substanziell gelitten hätte. Aber es schien für ihn, im Grunde seines Herzens, eben nur die revolutionäre Arbeit zu geben. Hätte er für sich allein in großer Armut gelebt, wäre das seine Sache gewesen. Aber über seine ruinöse Lebensweise stürzte Marx auch seine Familie ins Unglück. Schuld und Reue empfand er deswegen wenig, stets wusste er „die Umstände“ dafür verantwortlich zu machen. Als „Berufener“ schien er sich aristokratisch- oder großbürgerlich-erhaben über Arbeit. Aristokratisch und großbürgerlich war er gleichzeitig in seinem verschwenderischen Umgang mit Geld, das er Zeit seines Lebens von anderen bezog. Marxens Briefe sind voll von Wehklagen über seine Situation, rasch gefolgt von (nur notdürftig „charmant“ oder witzig verpackten) Anklagen an den Adressaten, warum dessen Hilfe noch nicht da sei. Er brachte es sogar fertig, Engels mit solchen Anklagen und Wehklagen zu überhäufen, als der ihm von dem plötzlichen Tod seiner geliebten Lebensgefährtin Mary Burns berichtete. Die Alliance zwischen Engels und Mary Burns – einer einfachen irischen Arbeiterin – schien bei Marx und vor allem seiner Gattin Jenny aber grundsätzlich nie gut aufgenommen worden zu sein – diametral entgegen zu dem, was sie theoretisch vertraten (Anm.: Die Einstellung von Marx und vor allem seiner Frau gegenüber Mary Burns wird dabei von verschiedenen Biographen verschieden bewertet). Marx stammte aus dem Bürgertum und legte vieles am bürgerlichen Habitus und dessen Überlegenheitsdünkel zeit seines Lebens nicht ab; er schien stolz darauf gewesen zu sein, eine Aristokratin geheiratet zu haben, die trotz aller Wandlung zur Sozialistin ebenfalls ihre Herkunft nicht vergaß. Obwohl Marx das Leben der Bohème lebte, verachtete er die Bohème und verglich sie mit dem Lumpenproletariat. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass Karl und Jenny Marx und ihre Kinder an und für sich finanziell stabil hätten leben können, wenn sie bescheidener gelebt hätten. Ein Gutteil des Geldes zerrann ihnen unter den Fingern, weil sie ohne die entsprechenden Mittel die Fassade eines bourgeoisen Lebensstils aufrechterhalten wollten.

Am Sonderbarsten ist Marxens arbeits- und pflichtverweigernde Haltung aber auf seinem ureigensten Gebiet, dem des revolutionären Intellektuellen. Trotz seiner exzessiven Anfälle von Arbeitswut blieb er immer wieder darin blockiert, seine Arbeiten auch fertigzustellen, oder Arbeiten anzufangen eben unter dem expliziten Auftrag, sie fertigzustellen (wurde ein solcher Auftrag an ihn herangetragen, wurde er in der Regel krank). Nicht nur stellte er die letzten 16 Jahre seines Lebens die Folgebände des Kapital nicht fertig, obwohl sie als Manuskripte im Wesentlichen vorhanden waren; er kümmerte sich ebenso wenig um die Veröffentlichung oder Wiederveröffentlichung seiner früheren Schriften, die zu den bedeutendsten Dokumenten der Geistesgeschichte gehören und für das Gesamtverständnis von Marxens Denken unabdingbar sind. Von etlichen dieser unveröffentlichten Manuskripte wusste nicht einmal Engels. Schon Arnold Ruge stellte bei dem jungen Marx fest: Er liest sehr viel … aber er vollendet nichts … Er will immer das schreiben, was er zuletzt gelesen, liest dann aber immer weiter und macht neue Exzerpte… (vgl. Gerber 2018 S.82) Könnte man meinen, Marx habe vielleicht weniger „für die Menschheit“ gearbeitet, sondern eher, um seine ungezügelte Forschungsleidenschaft zu befriedigen?  Dieser Denker über Ökonomie scheint auf jeden Fall in seinem Arbeiten eigentümlich unökonomisch gewesen zu sein. Auffallend auch die Detailverliebtheit, mit der sich Marx in seine Arbeit – und stets erneut in ein Büchermeer – stürzte, um sein Wissen und seine Argumentationen wasserdicht zu machen: und dann aber gleichzeitig zahlreiche seiner Thesen ungeprüft und unhinterfragt stehen ließ, bei dem auch einem mäßig intelligenten Leser auffallen muss, dass sie zumindest zweifelhaft sind.  Man sagte und entschuldigte die Sache gerne von wegen Marx litte an einem Perfektionsdrang, der ihn nichts aus der Hand geben ließ, was nicht perfekt sei. Aber auch ein so exzessiver „Perfektionsdrang“ ist inwendig sicherlich morbid: Ausdruck einer inneren Unsicherheit, eventuell im Zusammenhang mit einem unmenschlichen Ideal, das man natürlich nicht erreichen kann (dann sollte man eben den Götzen dieses Ideals stürzen). Alles in Marxens Denken war Anklage: Anklage gegen den Kapitalismus und gegen die Bourgeoisie. Auch wenn er glaubte, den Kapitalismus und die Bourgeoisie intellektuell erledigen zu können, musste er doch zur Kenntnis nehmen, dass diese beiden Gegner weit mächtiger und widerstandsfähiger waren, als er in seiner übermütigen Rhetorik tat. Vor allem Das Kapital sollte die unumstößliche Anklageschrift gegen den Kapitalismus sein. Marx schien darauf bedacht, auch den letzten Anklagepunkt gegen den Kapitalismus ins Kapital aufnehmen zu können – und diesen immer wieder erneut zu suchen – bevor er die ultimative Anklageschrift dann auch triumphierend und siegesgewiss veröffentlichen wollte: Und so veröffentlichte er sie letztendlich nie.  Hatte Marx tief im Inneren damit zu kämpfen, dass er wusste, dass etliches an seinen Argumentationen nicht robust war; hat er gespürt, wie sehr seine Schriften aus einer subjektiven Wut kamen und nicht aus einem objektiven Forschungsinteresse; sind die Zweifel des Abiturienten lebendig geblieben, ob er nun tatsächlich ein Auserwählter und ein Veredler der Menschheit war, oder ein Scharlatan, der sich und andere betrog? War, psychologisch noch verworrener, Marxens immer wieder destruktiver Umgang mit seiner eigenen Konstruktivität ein Ausdruck passiver Aggressivität? Passive Aggressivität entsteht, wenn jemand angehalten ist, etwas zu erfüllen oder eine Rolle zu übernehmen, die er nicht will. Ein sehr komplexes Gemisch an Gefühlen mag entstehen. Teils aus Pflichtbewusstsein, teils aus Zwang, teils aus Naivität und innerer Unsicherheit, teils aus Liebe zu den Eltern, wird das Kind der Rollenanforderung zunächst entsprechen. Wenn es diese Rolle aber in Wahrheit für sich ablehnt, sich aber nicht offen dagegen auflehnen kann, wird es diese Rolle und diesen ihm zugedachten Auftrag schließlich sabotieren. Sich selbst und seinen eigenen Erfolg fortwährend zu sabotieren, um die egoistisch-einfordernden Eltern symbolisch damit zu bestrafen, kann dann das tragische Lebensschicksal werden; schließlich bestraft man sich selbst damit, vor allem, wenn ein ungelöster Konflikt zwischen dem eigenen Autonomiebestreben und dem Pflichtbewusstsein bestehen bleibt. Wollte Marx bei seiner selbst auferlegten, belastenden und persönlich ruinösen „Arbeit für die Menschheit“ mit seinem fortwährenden Verweigern, diese Arbeiten auch fertigzustellen und der Menschheit zu übergeben; wollte Marx damit der Menschheit – dieser so einfordernden und nach „Vollendung“ lechzenden Menschheit – signalisieren, dass sie ihn eigentlich auch am Arsch lecken kann?

Wenn auch Marx sich mit den meisten Menschen im Laufe seines Lebens schließlich überwarf, und er distanziert zu seiner Herkunftsfamilie blieb, bildete seine eigene Familie, bestehend aus Gattin Jenny und den drei Töchtern Jenny, Laura und Eleanor, sowie auch der Haushälterin Helene Demuth ein festes Band, einen eisernen Ring. Was aber, wenn dieser Ring auch etwas hatte, von dem sich die Eingeschlossenen nicht befreien konnten? Marx liebte seine Frau und seine Kinder aufrichtig. Und doch klafften selbst in diesen seinen engsten zwischenmenschlichen Verbindungen eigentümliche emotionale Löcher, der Unachtsamkeit und der Rücksichtslosigkeit. Zu den Dokumenten, die Marx als Menschen zeigen, gehört der Briefverkehr mit seinem Freund, dem meist in der deutschen Ferne lebenden Arzt Ludwig Kugelmann. In denen zum Beispiel erzählt er, neben sachlichen Dingen, ausführlich über seine körperlichen und finanziellen Leiden, über seine Familie berichtet er aber praktisch nie. Und wenn, dann derart: Die Kinder gehen gut voran, obgleich immer noch angegriffen. (Brief vom 11. Juli 1868). Oder: Meine Tochter Nr. II heiratet Ende dieses Monats. (Brief vom 6. März 1868) Oder: P.S. Es kommt noch hinan, dass während des August Lafargue und Gattin und Söhnchen nach London kommen. (Brief vom 30. Juli 1869) (gemeint damit sind Tochter Nr. II Laura und Marx` neugeborener Enkel Charles Étienne) (Umgekehrt richtet Marx zwar regel- und routinemäßig Grüße an Kugelmanns Gattin und Sohn aus, erkundigt sich aber weiter nicht nach ihnen.) Marx hätte für seine Familie sorgen müssen, durch seinen Unwillen zu arbeiten und einen unökonomischen Umgang mit Geld verdammte er sie stattdessen über viele Jahre hinweg in Verhältnisse, die man als solche extremer Armut bezeichnen kann; zu zermürbenden und ungesunden Verhältnissen. Von den sieben Kindern, die Karl und Jenny zeugten, starben vier frühzeitig oder kamen als Todgeburten zur Welt. Nach etlichen Jahren der Ehe war Jenny Marx schließlich eine physisch und psychisch zerrüttete Frau. Mit ihrer häufigen Unzufriedenheit und Reizbarkeit machte sie nicht nur Marx, sondern auch ihren Kindern das Leben schwer. So wie Marx litt auch sie immer wieder an schweren Krankheiten. Dennoch wurde und blieb diese Aristokratin unter dem Einfluss ihres „Mohr“, wie Marx aufgrund seines dunklen Teints von Familie und Freunden genannt wurde, nicht nur überzeugte Sozialistin und „Marxistin“, sie blieb lebenslänglich emotional an ihm haften. Und so war es auch umgekehrt. „Der Mohr ist mit ihr gestorben“, stellte Engels nach dem Tod von Jenny fest, die Marx nur kurz überlebte. Jenny, die hochintelligente und -kultivierte Tochter des gleichermaßen geistreichen und weltmännischen Baron von Westphalen, galt zudem als „das schönste Mädchen von Trier“ (sie war dabei um vier Jahre älter als Marx und fungierte daher eventuell auch als Ersatzmutter für ihn, der zu seiner Mutter ein schlechtes Verhältnis hatte – auch wenn das wahrscheinlich eine Überinterpretation ist). Karl war der Sohn eines angesehenen Juristen und zudem der Stoff, aus dem die intellektuellen Träume sind; einer der seltenen Menschen, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass man ihnen im Leben je begegnet. Wie sollten sich die beiden nicht magnetisch anziehen? Dennoch strapazierte Karl seine Jenny bereits durch die lange Verlobungszeit (aufgrund seines Bummelstudiums), und es mussten ihr andere Merkwürdigkeiten an ihrem Verlobten auffallen (auch wenn sie die Unruhe, die ihr Karl überall stiftete, genoss). Allerdings war möglicherweise auch Jenny nicht normal, sondern eine neurotische Persönlichkeit. Auch sie konnte mit Geld nicht umgehen und trug so zur stets schwierigen Lage der Familie bei. In ihrer inneren Unsicherheit war es vielleicht die scheinbar übermenschliche Willenskraft und Unbeugsamkeit von Karl Marx, die sie wie ein reißender Fluss mitriss – als Opfer seiner „Dämonen“ also. Letztendlich schienen sich Karl und Jenny auf einer archaischen Ebene zu begegnen: als Anima und Animus, daher in einem unauflöslichen Band. Auch die drei hochbegabten Töchter Jenny, Laura und Eleanor wurden zu überzeugten Sozialistinnen und Marxistinnen. Trotzdem sie bereits im Volksschulalter ganze Stellen von Shakespeare auswendig kannten, wurden sie von ihren Eltern – in ganz großbürgerlicher Manier – nur wenig auf das praktische Leben und auf das Berufsleben vorbereitet, und vor allem Eleanor, die in der Liebe kein Glück fand, führte ein unstetes Dasein. Die „Tragik“ von Marxens Frau und Kindern, oder auch von Engels, – falls man eine solche freilich unterstellen will –, war, dass sie einerseits hochbegabt genug waren, um einen Menschen wie Karl Marx endlos faszinierend zu finden, aber dann doch nicht begabt und willensstark genug, um einen wirkungsvollen Abstand zwischen sich und dieser Faszination errichten zu können – und so wandelte Marx gleichsam diese Personen seines engsten Kreises in kleine Abbilder seiner selbst um. Und so erschien dieser engste Kreis „harmonisch“. Was aber wäre geschehen, wenn sich ein begabtes Kind gegen Marx aufgelehnt hätte und eine „Revolution“ gegen ihn angezettelt? Mit Widerspruch oder der Infragestellung seines intellektuellen Primats konnte der Mohr schlecht umgehen. Jenny (Marxens Lieblingstochter) starb kurz vor dem Tod von Marx eines natürlichen Todes, doch die beiden anderen Töchter endeten später durch Selbstmord, ohne dass für Außenstehende ein tatsächlich hinreichender Grund für eine solche Verzweiflungstat ersichtlich gewesen wäre- Selbstmorde sind freilich immer wieder rätselhaft, und es mag respektlos sein, sich ein allzu definitives Urteil über eine solche Tat anzumaßen. Aber eventuell hat es sich spät gerächt, dass die Töchter von Karl und Jenny Marx keine robuste innere Struktur ausbilden konnten.

Marx wird immer wieder als dominant, autoritär und herrschsüchtig beschrieben. Er ist der erste und einzige von uns allen, dem ich das Zeug zutraue, zu herrschen. Aber ich habe die Überzeugung, dass der gefährliche persönliche Ehrgeiz in ihm alles Gute zerfressen hat. Trotz all seinen Versicherungen vom Gegenteil, vielleicht gerade durch sie, hab ich den Eindruck mitgenommen, dass seine persönliche Herrschaft der Zweck all seines Treibens ist, wunderte sich Leutnant Gustav Tschechow, ein Revolutionär von 1848, als er Marx später kennenlernte über diesen(vgl. Schwarzschild 1954 S.255). Der Sozialist und Armenarzt Doktor Gottschalk, ein anderer 1848er, warf ihm (und Engels) vor: Das Elend des Arbeiters, der Hunger der Armen hat für Sie nur ein wissenschaftliches, ein doktrinäres Interesse … Sie sind nicht ergriffen von dem, was die Herzen der Menschen bewegt. (vgl. Grawitz 1998 S.467) Zeugnisse dieser Art reichen bereits in Marxens Zeit als Redakteur der „Rheinischen Zeitung“ zurück, und selbst als Kind soll er seinen jüngeren Geschwistern als „Tyrann“ begegnet sein. War dieser zornige Theoretiker also so wütend auf die „herrschende Klasse“ und auf Herrschaft an sich, weil es nicht seine eigene war? Träumte er von der Revolution und vom Kommunismus, weil dann kein anderes Herrschaftsprinzip dem seinen noch Konkurrenz machen kann? Äußerst kompetitiv war Marx auch als Person, Anekdoten reichen ebenfalls in die Zeit der „Rheinischen Zeitung“ zurück, bis hin zu der, dass Marx auch später im Leben außerordentliche Wut packen konnte, wenn er im Schachspiel verlor. Hat Marx deshalb Konkurrenzkampf, Egoismus und Herrschaft als etwas dermaßen Gefährliches und Menschenfeindliches wahrgenommen – schließlich kommen sie ja auch in milderen oder harmlosen Gradabstufungen vor –, weil sie bei ihm selbst so furios ausgeprägt waren? Dennoch: Tatsächliche Herrschaft strebte Marx ja nicht an, weder als Theoretiker noch im praktischen Leben. Aber er wollte, intellektuell und moralisch, im Recht sein. Dann ist freilich aber auch ein tatsächliches Herrschenwollen und die Errichtung einer Diktatur nicht fern. Trotzdem hätte Marx ja auch eine Art Faschist werden können, oder ein elitärer Denker wie Nietzsche, der vor dem Proletariat eine panische Angst hatte. Der Kern des Marxschen Programms war eben „für die Menschheit zu arbeiten“. Auch wenn einem praktisch warmherzige Gefühle für andere abgehen, kann man theoretisch ein Menschenfreund oder Menschheitsumarmer sein. Oder aber, wenn Gefühle unterentwickelt sind, heißt das nicht, dass deren Basis und Grundimpulse nicht vorhanden sein müssen. Im Gegenteil: diese mögen sich dann umso stärker zu artikulieren und an die Oberfläche zu drängen versuchen, nur eben über andere – zum Beispiel intellektuelle – Kanäle. Was man Marx aber vorwerfen muss, ist dass seine Vorstellung von der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus, in der alle Herrschaft abgeschafft sein wird, doch hanebüchen ist. In den 1840er Jahren ist der junge Marx mit dem angesehenen Revolutionär und Arbeiter-Intellektuellen Wilhelm Weitling aneinandergeraten, weil dieser ob all seiner Aufrufe zu Aufstand und Revolution den Massen kein Programm anbieten konnte, was eigentlich danach passieren sollte. Nie noch hat die Unwissenheit jemand genutzt, hat Marx Weitling entgegengeschleudert, als der ihn als Stubengelehrten ohne Verbindung zur Praxis und zu den Arbeitern abqualifizieren wollte. Dann ist aber letztendlich auch Marx selbst der Menschheit eine genauer ausgearbeitete Vorstellung vom Sozialismus schuldig geblieben. Das hat immer wieder die Vermutung provoziert, Marx sei es in erster Linie darum gegangen, die Herrschaft der verhassten und beneideten Bourgeoisie in die Luft zu sprengen, als das Arbeiterparadies zu errichten. Auch was sein (kaum ausgearbeitetes) Konzept von der „Diktatur des Proletariats“ als Übergangsherrschaft und wohlwollende Erziehungsdiktatur anlangt, muss man ihm Naivität oder gefährliche Ignoranz vorwerfen, dass er sie gerade einmal als transitorisches Übergangsphänomen begriff. Bakunin fragte sich auf jeden Fall, wie es kommt, … dass Marx nicht sieht, dass die Errichtung einer universellen Diktatur, … allein genügen würde, um die Volksbewegung zu lähmen und vom Weg abzubringen … Klasse, Macht und Staat sind drei untrennbar miteinander verbundene Konzepte, von denen jedes sich über die beiden anderen erheben will, und die man schließlich in folgenden Begriffen zusammenfassen kann: politische Versklavung und ökonomische Ausbeutung der Massen. Die Proletarier werden nach einem kurzem Moment der Freiheit als Sklaven, als Spielball und Opfer neuer Ehrgeizlinge wiedererwachen … Der marxistische Staat wird umso despotischer sein, als er sich Volksstaat nennen wird. (vgl. Grawitz 1998 S.471)

Berüchtigt war auch Maxens Handschrift, die außer für ganze wenige Vertraute wie seine Frau oder Engels schlechterdings unleserlich war. Schrift dient eigentlich der zwischenmenschlichen Mitteilung, und die unleserliche Handschrift des großen sozialistischen Denkers hat gleichsam etwas Asoziales, Solipsistisches und Unfaires. Ein graphologisches Gutachten, von dem Biographen Friedrich Raddatz in Auftrag gegeben, bescheinigt dem Schreiber „rechthaberisch“, „verbohrt“ und „ein Kämpfer“ zu sein, der an Kämpfen im Inneren litt. Mit der Zeit dürften diese Kämpfe und Spannungen mehr und mehr aus dem inneren Persönlichkeitsbereich in die Umwelt herausprojiziert worden sein – ein innerer Bereinigungsprozess, der zugleich das Verhältnis zu großen Teilen der Umwelt belasten musste; im Lauf dieser Entwicklung dürfte sich mehr und mehr das Bild einer egozentrischen, eigensinnig-zynischen Persönlichkeit geformt haben, wozu die erwähnte Empfindlichkeit und sein temperament-bedingt reizbares Reagieren beigetragen haben dürften. (vgl. Raddatz 1975 S.27) Schließlich will das Gutachten eine „sadomasochistische Komponente mit Flucht ins Schmutzig-Unordentliche“ erkennen (ebenda S.353). Kämpfe, denen sich Marx so gerne widmete, haben freilich etwas sadomasochistisches. Und in einer so übergroßen Identifizierung mit dem menschlichen Leid, wie man es bei Marx hat (obwohl er kein warmherziger Mensch war), scheint auch ein gewisser Genuss am Leiden mitzuspielen. Oder zumindest: Ein Genuss, sich mit dem Leiden identifizieren zu können. Oder aber sich als Opfer inszenieren zu können, das, von anderen in seiner Karriere und seiner subjektiven Entfaltung behindert, dahingehend entlastet wird. Nicht zuletzt, was die eigene Aggression gegen den tatsächlichen oder vermeintlichen Verhinderer angeht: das sadistische Element. Bereits in seinen Jugendgedichten kommt immer wieder eine starke Zerstörungswut bei Marx zum Vorschein, und selbst als er als Großvater mit seinen Enkeln spielte, schien ihm das Zerstören eine kindische Freude zu bereiten. Und zerstören wollte er schließlich die gesamte bürgerliche Ordnung. Auch Marxens „Flucht ins Schmutzig-Unordentliche“ seines aggressiv verantwortungslosen Lebensstils, hat eine offensichtliche sadomasochistische Komponente: die einer offenbaren Selbstbestrafung und einer Bestrafung seiner Umwelt. Das Problem bei der sadomasochistischen Emotionalität ist, dass sie letztendlich zirkulär ist: eine (insgeheime) Freude am ewigen Austeilen und Einstecken, oder, heroischer formuliert, am „Kämpfen“. Wie aber soll man sich dann mit der Welt arrangieren? Emanuel Swedenborg begreift die Hölle als einen Ort der Gnade, in dem sich die streitsüchtigen Seelen treffen, um in alle Ewigkeit weiterstreiten zu können. Das himmlische Paradies würden sie gar nicht verstehen. Was wäre wohl das himmlische Paradies? Ein Ort der allein guten Beziehungen und der freundlichen Allverbundenheit, der ewigen Kommunion, unter der Ägide des Allvereinigers Jesus Christus. Also das, was Marx buchstäblich immer wieder als Zustand des Kommunismus beschrieben hat – der aber jenseitig zur diesseitigen (bürgerlich-kapitalistischen) Ordnung ist. Himmel und Hölle sind aber maximal getrennte Sphären. Streitsüchtige Machtmenschen mögen sehr dringlich das Bedürfnis nach einer solch himmlischen Erlösung verspüren. Aber wie sollen sie sie erreichen? Versöhnung und Vereinigung erreicht man nicht durch Streit, sondern indem man sich mit anderen arrangiert. Streitsüchtige Machtmenschen wollen allerdings ein Arrangement zu ihren Bedingungen. Sie wollen sich nicht mit dem Gegebenen arrangieren, weil das Gegebene nicht ihren Bedingungen entspricht. Eine Ordnung nach ihren Bedingungen oder Ideen (in Marxens Fall also der Kommunismus) erscheint ihnen dann als himmlisches Ideal. Sie bedenken nicht, oder interessieren sich nicht dafür, dass dieser Himmel für sie dann nur eine neue Hölle für andere sein könnte. Sie bedenken nicht, dass sie über die Errichtung ihres Himmels auch Höllen schaffen.

Inmitten solcher belastenden Lebensumstände war Marx zudem ein Gutteil der Zeit ein schwer kranker Mann, der zeit seines Erwachsenenlebens immer wieder von starken Krankheitsanfällen heimgesucht wurde. Migräne, Übelkeit, Furunkel, Karbunkel und andere Hautkrankheiten, Verdauungsbeschwerden, Leberprobleme und Reizhusten warfen ihn immer wieder nieder. Zudem lebte er ungesund: er rauchte viel, neigte zum Alkoholismus und aß ungesund (aufgrund von Appetitmangel bevorzugte er scharf gewürzte Speisen, die wiederum für die Verdauung nicht gut sind). Seine Arbeitswut, seine irregulären Schlafgewohnheiten, seine ärmlichen Lebensumstände und die ständigen psychischen Belastungen nicht nur für ihn selbst, sondern auch innerhalb seiner Familie, konnten auch kaum gesundheitsfördernd gewesen sein. Waren aber auch diese ständigen Krankheitsanfälle bei diesem an und für sich robust gebauten Mann Ausdruck eines kranken Gefühlslebens? Vor allem Haut- und Verdauungskrankheiten, an denen Marx hauptsächlich litt, haben oft eine starke psychosomatische Komponente. Auffällig ist, dass Marx immer dann krank wurde, wenn er ernsthafte Arbeiten zu erledigen hatte, denen er sich damit entweder entzog oder sie auf die lange Bank schieben konnte. Krank wurde er auch, wenn er Schuld auf sich geladen hatte, zum Beispiel als er mit seiner Haushälterin ein uneheliches Kind gezeugt hatte (das er weggab und wo er Engels überredete, sich als dessen Vater auszugeben). Schuld, Reue, Pflicht oder Verantwortung sind keine Kategorien im theoretischen Denken von Marx, beziehungsweise wird ausnahmslos die Bourgeoisie damit belastet, während das Proletariat von all dem freigesprochen wird. Auch als praktischer Mensch demonstrierte Marx diese Qualitäten kaum. Da er am Grunde seines Wesens dann aber doch kein gewissenloser Psychopath war, liegt es nahe, dass sich die Stimme seines Gewissens über andere Kanäle artikulierte: eben auf psychosomatischem Wege. Und wahrscheinlich waren es in Wirklichkeit starke Schuldgefühle, die in seinem Inneren rumorten. Zwar konnte er sich, wenn er sich, wie so häufig in seinem Leben, mit anderen Menschen überwarf, einreden, diese wären zu dumm, um ihn zu verstehen. Die Briefe seines Vaters aber zumindest musste er verstanden haben, auch wenn er dieses Verständnis nicht versprachlichen konnte (beziehungsweise tat er das, indem er von Zeit zu Zeit Briefe mit völlig überbordenden Gefühlsausdruck zurücksandte – oder auch an Jenny. Der Vater allerdings durchschaute die dahinterliegende Gefühlsarmut). So leidenschaftlich er politisch rebellierte und Revolution machen wollte, ging Marx derartigen emotionalen Konflikten aus dem Weg: Und dass sich der Konflikt mit seinem Vater nicht völlig zuspitzte, liegt wahrscheinlich daran, dass dieser frühzeitig gestorben ist – der Sohn kam nicht zum Begräbnis, trug allerdings lebenslänglich ein Porträt seines alten Herren mit sich. (Vielleicht hoffte Marx auch deswegen auf die erlösende Revolution, da er praktische Konflikte und Aussprachen nicht mochte.) Minderwertige und aggressive Gefühle, so wie sie in Marx vorherrschten, müssen Minderwertigkeitsgefühle provozieren, und solche von Schuld. Eventuell ist sein ganzes Theoriewerk ein Schuldentilgungsprogramm gegenüber sich selbst und gegenüber seinen Mitmenschen: das könnte der Kern von Marxens Anliegen gewesen sein. Eine sichere Diagnose über den Ursprung von Marxens rätselhaften Krankheiten ist, trotz solcher naheliegenden Vermutungen, dabei aber natürlich nicht möglich.

So kompliziert Marxens Umgang mit seinen Mitmenschen war, wird doch gerne seine auffällige Kinderliebe als Beleg dafür herangezogen, dass er im Grunde seines Herzens ein zutiefst humaner Mensch gewesen sein muss. Genies und Kinder können allerdings immer wieder gut miteinander, da sie sich in ihrem spontanen und verspielten Wesen ähnlich sind. Wenn Marx mit Kindern spielte, wurde er jedoch gleichsam selbst zum Kind, schien geradezu einen Regress durchzumachen. Eventuell lag der gute Draht, den Marx zu Kindern hatte, darin, dass er selber emotional auf einer infantilen Entwicklungsstufe steckengeblieben ist. Im Umgang mit Kindern konnte Marx seine unterdrückten (und primitiven) Gefühle authentisch ausleben; außerdem konnten Kinder keine Konkurrenten für ihn darstellen, welche er hinter jedweden Erwachsenen implizit vermutete und befürchtete. Kinder sind allerdings auch egoistisch, planlos und verantwortungslos. Sie können aus eigener Kraft ihr Leben nicht bemeistern. Und auch Marx konnte sein Leben nicht bemeistern; unfähig, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen; zu arbeiten; Geld zu verdienen oder damit auszukommen; unfähig selbst als Schriftsteller immer wieder, seine eigenen Schriften fertigzustellen. Marx blieb in einer infantilen, beinahe embryonalen Weise von anderen Menschen abhängig, die ihn durchs Leben brachten, und die er in unbarmherziger Weise, allerdings scheinbar ohne dezidiert boshafte Absicht oder Schuldgefühl, ausnutzte, gleichsam wie ein Säugling. Muss eine solche Abhängigkeit und ein so ausbeuterisches Verhalten aber nicht insgeheim Scham und „Selbstverachtung“ in einem auslösen? Speiste sich Marxens explosive Wut auf Macht, Herrschaft, Abhängigkeit, Ausbeutung, Arbeit oder Geld und sein Wunsch, all das aus der Welt zu schaffen und auf gleichsam magische Weise verschwinden zu lassen (zumindest zu einem guten Teil) aus einer derartigen Quelle? Marx verglich das Kapital mit einem Vampir, der also allein von der Arbeit anderer lebe (die Marx dementsprechend mit einem tatsächlichen Lebensblut und einer vollständigen inneren Substanz der Ausgebeuteten verglich), selber aber nichts arbeitete; mit einem Parasiten.  Aber wie ein solcher Parasit und Vampir, der auf Kosten von anderen lebt, verhielt sich zunächst einmal Marx selbst. Irritierend an seinem Theoriewerk ist, wie Marx immer wieder negiert, dass das Kapital (bzw. die Kapitalistin) „geistige“ Arbeit verrichtet (auch wenn er es hin und wieder einräumt). Während der Proletarier gleichsam die „körperliche“ Arbeit bei der Warenproduktion verrichtet, verrichtet das Kapital die „geistige“; organisiert die Produktion, schafft neue Absatzmärkte, erfindet Produkte und Produktionstechnologien usw. Marx selber lebte von der „körperlichen“ Arbeit anderer (vor allem von der des selbstlosen Engels), um seine „geistige“ Arbeit vollenden zu können. Vor allem der erfolglose Schriftsteller, wie Marx es insgesamt in seinem Leben geblieben ist, hat ein Problem: Woran bemisst sich der „Wert“ seines Tuns, wenn es auf keine große Nachfrage trifft und keine große Wirkung erzielt? Obwohl es offenbar „hochqualitativ“ ist, einen hohen intrinsischen Wert hat und damit auch einen hohen (virtuellen) Wert in Bezug auf eine potenzielle Wirkung und Nachfrage? Allgemein: Wie will man den „Wert“ von geistiger Arbeit bestimmen? Geistige Arbeit ist stets „konkrete“ Arbeit, sie kann nicht in „abstrakte Arbeit“ aufgelöst werden, die sich über „durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit“ bemisst. Der Wert, den ein geistiger Arbeiter in ein Produkt umwandelt, kann definitiv nicht mit der „Summe der Lebensmittel“, die er braucht, um sein Überleben zu sichern, gleichgesetzt werden. Ein geistiger Arbeiter – beziehungsweise ein Kapitalist – kann sowohl in Bezug auf den (hohen oder niedrigen) „intrinsischen“ Wert seiner Produkte, als auch aufgrund der Wirkung, die seine Produkte erzielen, verarmen oder superreich werden. Und Marx wurde diesbezüglich „reicher“ als jeder Kapitalist; mit seinen geistigen Produkten eroberte er im 20. Jahrhundert die halbe Welt und schien die andere Hälfte damit zu bedrohen (und, wie bei Kapitalisten üblich, verlor er das meiste davon auch wieder). Was aber war der „Wert“ der ganzen Sache? Unmöglich quantitativ und qualitativ zu bestimmen. In seiner erstaunlichen psychologischen Marx-Analyse vermutet es Günter Schulte als Marx` eigentliches Problem bezeichnet: das Problem, sich seines absoluten, singulären Wertes zu versichern, ohne sich einer vampiristischen Verwertung zu überlassen und zur bloßen Wertsache zu werden. (Schulte 1992 S.19)

Selbstwertstörungen bzw. Probleme, sich und anderen einen „Wert“ beizumessen (und diese Werte gegeneinander auszutarieren) und infantile Abhängigkeiten und Rebellionen, dazu ein distanziertes Verhältnis zu seiner Herkunftsfamilie: Inwieweit liegen die Wurzeln des Marxismus in traumatischen Erfahrungen von Marxens Kindheit? Von seinen Eltern wurde er doch liebevoll und mit Auszeichnung behandelt. Arnold Künzli, der mit seiner Marx-Biographie ein hochkompetentes 800 Seiten-Psychogramm seines Untersuchungsgegenstandes vorlegt, vermutet, dass Marx eben gerade deswegen ein „überbehütetes Kind“ gewesen sein könnte. „Überbehütete“ Kinder mögen zwar ein Trotz- und Rebellionsverhalten gegen die ständigen Umarmungsversuche der Eltern entwickeln, um sich ihre Autonomie zu bewahren; doch sollten sie normalerweise spüren, dass die Eltern vorwiegend eine „gute“ und liebevolle Macht sind, die man zwar beschränken, aber nicht gewaltsam stürzen sollte. Zwar kann sich hinter einer solchen Überbehütung das Bestreben der Eltern verbergen, das Kind nach ihrem Wunsch zu formen, aber es gibt keine Hinweise, dass Marxens Eltern das (übermäßig) taten. Der Versuch, die Gefühle des Kindes zu manipulieren, könnte bei dem dazu führen, dass es seine Gefühle zurückfährt und verkümmern lässt, wie es bei Marx der Fall war, offensichtlich aber nicht von Seiten seiner Eltern her geschehen ist. Marxens Verhältnis zu Geld bzw. sein Verständnis, dass die Welt ihn auszuhalten hätte (wie es im Kommunismus dann umfassend der Fall wäre), gleicht dem eines Säuglings zur Muttermilch, als etwas Selbstverständliches und Notwendiges, das auf Wunsch zu fließen hat. Zu seiner Mutter Henriette, einer recht durchschnittlichen Persönlichkeit, hatte Marx kein gutes Verhältnis, auch wenn insgesamt nicht klar ist, was ihn eigentlich an ihr störte (ihre mangelnde intellektuelle Begabung allein konnte es ja nicht gewesen sein). Künzli vermutet einen Vorfall in seiner frühen Kindheit, den er aber nicht identifizieren kann (Schulte zieht den frühen Tod von Marxens kleinem Bruder in seiner Kindheit als traumatischen Einschnitt in Betracht, seine Psycho-Analyse von Marx verläuft aber insgesamt ein wenig anders). Idealtypisch entspricht die Psychologie von Marx scheinbar tatsächlich der eines Kindes, das zu früh von der Mutterbrust entwöhnt wurde, dadurch eine entscheidende Deprivation erfahren hat, und deswegen in einer lebenslänglichen Wut nach dem verlorenen Paradies sucht, in dem Milch und Honig fließen. Zum einen gibt es aber keine Hinweise auf ein strukturell deprivierendes Verhalten von Henriette Marx gegenüber ihrem Sohn; zum anderen sind Aktionen das eine, Reaktionen das andere. Vielleicht wurde Karl „von der Brust seiner Mutter entwöhnt“, weil er ein zu einfordernder Säugling war, der seiner Mutter Schmerzen bereitete; sprich vielleicht lag die gestörte Balance nicht in einem Zuwenig-Geben der Eltern als einem Zuviel-Verlangen des Kindes, das sich nichtsdestotrotz deswegen „enteignet“ fühlt und emotional unzugänglich wird. Insgesamt gleicht die marxistische Hoffnung auf eine Revolution und den Kommunismus der nach einer ganz großen Symbiose von Elementen, die derweil noch unrechtmäßig voneinander getrennt sind oder in Konflikt miteinander liegen und die in Verhältnissen erscheinen, die „entfremdet“ und „verkehrt“ wirken. Die Arbeitsteilung und die „Trennung“ und Entfremdung des arbeitenden Menschen von seinem Produkt, die Marx und Engels gleichsam als Ursünde der Menschheit ausmachen. Das Privateigentum als abgegrenzter Besitzanspruch zwischen mir und dir, anstatt der ursprünglichen harmonischen „Symbiose“ mit der Mutter, in der sich Mutter und Kind „gemeinsames Eigentum“ sind. Der kapitalistische Austausch, wo sich Waren begegnen, anstatt von Menschen. Die entfremdete, von erhaben-lächerlichen Fetischen dominierte Welt, in der alles spukt und auf dem Kopf steht. Das Geld (die Muttermilch), das den Austausch beherrscht und gleichsam göttlich ist, sich als illusionäre Gottheit in die Menschenwelt einschmuggelt, anstatt dass sich die Menschen als ganz selbstständige Produzenten ihrer Arbeit „direkt“ begegnen. Der ständige Kampf zwischen Mein und Dein, der dann als „dialektisch“ erhöht wird, und nach einem (infantilen) ewigen Ausgleich, einer Synthese schreit. Die überbordende Macht der Mutter, aufgrund derer das Kind nach „Freiheit“ (und Rebellion) verlangt. Der arrogante Überlegenheitsdünkel und Selbstbehauptungstrieb des Kindes, der gleichzeitig mit Scham- und Schuldgefühlen einhergeht und mit einem Minderwertigkeitsgefühl, der als Kompromiss dann also „Gleichheit“ zwischen sich und den anderen sehen will. Das gestörte Verhältnis von Marx zu seinen Geschwistern, das nach „Brüderlichkeit“ lechzt.

Überhaupt: die Versöhnung des (egoistischen, pervertierten und asozialen) Einzelmenschen mit der „Gattung“, mit der „Menschheit“ an sich, die aber gleichsam als völlig einheitliche Substanz gesehen wird, und die Vision von einer geradezu strukturlosen kommunistischen Gesellschaft der Zukunft, die allein durch „Liebe“ und allseitige Konstruktivität und Sympathie zusammengehalten wird: So als ob die „Gattung“ oder die „Menschheit“ allein die prosozialen Anteile verkörpern, derer man selber ermangelt (genauso wie vornehmlich auch der Nebenmensch), die man sich aber, in der großen Symbiose mit der Menschheit (oder der Mutter) wieder aneignen kann. Gelingt diese große Symbiose, gelingt die Versöhnung dieser als so stachelig und dornenreich wahrgenommenen Konflikte, ist die „Vollendung“ endlich erreicht, die schon der junge Marx anstrebte – vielleicht nicht deswegen, weil dann überall „Liebe“ ist: Sondern weil man dann seine „Schuld“ getilgt hat, aufgrund derer man ständig von der „Schlange der Selbstverachtung“ bedroht bleibt. Der Berufene hat endlich der Menschheit/Mutter ihren „Wert“ und ihre Vollendung verliehen; die vollendete Menschheit verleiht, als sein Werk, dem Berufenen endlich also seinen „Wert“ und sichert seine Vollendung. Das so unbedingte, „naiv“ scheinende Festhalten von so kritischen Geistern wie Marx und Engels an der Utopie des Sozialismus hat seine letzte Wurzel vielleicht weniger in Gefühlen wie Hass, Neid, Liebe, Sympathie, Fortschrittsgeist, Freiheitswillen usw. – denn das sind diffuse Gefühle, die man an allem Möglichen festmachen kann – sondern an einem überbordenden Gefühl von Schuld, die ansonsten als nicht verhandelbar und als nicht eintauschbar empfunden wird. Dieses sowohl altruistische als auch egoistische Motiv verursacht dann gleichsam die gesamte moralische und intellektuelle Ambivalenz und Ambiguität des Marxismus. 

Und die Unfähigkeit speziell von Marx, Dinge (und sich selbst) emotional sinnvoll zu begrenzen und ihnen Wert zu verleihen, führt dann in die heillose Entgrenzung seiner kommunistischen Utopie, und, wenn man so will, in die Hybris der realsozialistischen Projekte. In die entgrenzte Phantasie vom „ganzen Menschen“, der das Korrelat zum Sozialismus ist. Marx scheint damit Spiegelfechterei betrieben zu haben; mit Defiziten und Überschüssen, Sympathien und Antipathien innerhalb seiner selbst. Wird er mit dem Imaginären versöhnt, das seinen Defiziten entspricht (seiner Gefühlskälte, Entfremdetheit, den Produkten seiner Arbeit u. dergl.) – und dieses Imaginäre kann er sich nur als entgrenzt und entgrenzend vorstellen – so wird er zum „ganzen Menschen“. Die Vision vom Sozialismus ist von lauter „ganzen Menschen“ bevölkert, die sich kaum voneinander unterscheiden; so dass man mitunter den Eindruck hat, der Sozialismus sei die Herrschaft von einem  „ganzen Menschen“: der superkompetent geworden ist; der völliger Besitzer seines Produktes ist, das kein Kapitalist ihm mehr wegnehmen kann; der keine Herrschaft und kein Regelwerk mehr über sich benötigt; der mit dem Plan Produktion und Versorgung regelt; der mit dem Plan selbst die Zukunft und das Schicksal beherrscht und die Götter vom Himmel stößt. Selbst ein Gott geworden, weilt er im sozialistischen Himmel und benötigt keine Validierung von außen mehr. Sein Wert ist dann tatsächlich rein intrinsisch. Vielleicht hat sich der junge Marx deswegen so intensiv und scheinbar nervös-getrieben mit Max Stirner beschäftigt, weil ihm halbbewusst aufgefallen ist, dass der Titel seines eigenen Projekts eigentlich ähnlich lauten musste: Der Einzige und sein Eigentum.

Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein wirklicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit. Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeiten des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht (…) Die Judenemanzipation ist in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. (Die Frühschriften S.268) Das sind Sätze aus Marxens berüchtigter Schrift Zur Judenfrage (die nichtsdestotrotz eine seiner bedeutendsten „humanistischen“ Schriften ist). Marx wird besser als andere gewusst haben, dass auch zu seiner Zeit die allermeisten Menschen mosaischen Glaubens ganz gewöhnlichen Berufen nachgingen; als Handwerker, Gastwirte, Ackerbauern, oder auch als Lehrer oder Ärzte. Überproportional vertreten (also in relativen Zahlen, nicht aber in absoluten) sind Juden in der Finanzwirtschaft, und die erfolgreichsten Könner auf diesem Gebiet, die dann als Aushängeschilder fungieren, sind tatsächlich oft Juden. Das geheimnisvolle und verschworene, dabei so machtvolle Tun der Finanzmagnaten oder tatsächlich gar Finanzalchemisten, von dem man nicht weiß, ob es gut ist oder maliziös (zumindest aber ist es primär eigennützlich) und das sich in so unüberschaubaren und internationalen sprich „heimatlosen“ Dimensionen bewegt; und der geheimnisvolle, fremde, nach außen hin abgeschottete, eingeschworene und daher auch verschworen wirkende Charakter des Judentums und dessen eigene Heimatlosigkeit, bilden dann zusammengenommen eine Grundlage für antisemitische Vorurteile. Die idiotische Gleichsetzung vom Judentum mit „dem Schacher“ – beziehungsweise, wie man meinen könnte, mit dem Kapitalismus – wirft die Frage auf, wie weit Marx von Antisemitismus und jüdischem Selbsthass getrieben war. Indem er das verhasste Judentum in den Kapitalismus projiziert, entledigt er sich mit der Revolution und dem Sozialismus eben desselben, und „emanzipiert sich und die Menschheit vom Judentum“. Laut dem Biographen Arnold Künzli hat dieser jüdische Selbsthass eine große und entscheidende Rolle bei Marx gespielt. Allerdings scheint Marx deutlich weniger antisemitisch als so viele seiner Zeitgenossen; eine hohe Meinung von Juden hatte er sicherlich nicht, aber er hatte auch keine hohe Meinung von diversen anderen Völkern, und wohl auch nicht vor Frauen (genauer gesagt, hatte er keine hohe Meinung von Menschen insgesamt). Er war kein Antisemit, Rassist oder Sexist, das hätte sich mit seiner Theorie (und damit auch seiner Persönlichkeit) nicht vertragen; seine Wut und sein Ingrimm richteten sich gegen abstrakte, strukturelle Zusammenhänge, und nicht gegen Menschen. Auch stellt sich die Frage, was in Marx einen solchen jüdischen Selbsthass provoziert haben möge, denn tatsächliche Zurücksetzungen durch sein Judentum erlebte er im Leben nicht, noch war ihm das Judentum oder Religion im Allgemeinen recht nahe. Allerdings reichten bei Marx auch schon kleine Zurücksetzungen aus, um ihn in Rage zu bringen. Und tatsächlich waren seine Kenntnisse von Judentum und Religion alles andere als oberflächlich (das gilt bei ihm allerdings für die Kenntnisse auf so vielen Gebieten), und selbst das Kapital ist durchaus angespickt mit Zitaten oder Verweisen aus den heiligen Schriften. Dazu kommt eben der quasi-religiöse und eschatologische Charakter seines gesamten Denkens und seiner Politik. Wenn Marx an jüdischem Selbsthass gelitten hat, dann weil er überhaupt an Selbsthass gelitten hat, und inmitten des allgemein komplizierten Gemengelages seines Gefühlslebens, das er hier wie dort reinprojizierte. Was aber, wenn Marx sich weniger im abstoßenden, sondern im anziehenden Sinne von Judentum und Religion inspiriert gefühlt hat; er sich viel buchstäblicher als „von Gott“ (was vulgo bloß heißen würde: als von seinem Talent oder „Genie“) Berufener gesehen hat, die Menschheit zu veredeln und zu vollenden? Eventuell sah sich Marx als eine Art Moses, der sein unterdrücktes Volk aus der fremden Herrschaft in ein neues Kanaan führt. Braucht er dazu nur eine zeitgenössische Fremdherrschaft (die der Bourgeoisie), und ein zeitgenössisches leidendes Volk (das Proletariat). Von Gott inspiriert verwaltet er das absolute Wissen und Recht, die Tafel der Zehn Gebote (des Wissenschaftlichen Sozialismus), mit der er Götzen des Wissens und Goldene Kälber, die sich neben ihm aufrichten könnten, zerschmettert. Die Bundeslade, die es Manna vom Himmel regnen lässt und die für die ständige (außerhalb aller Ökonomie liegende) Gratismahlzeit sorgt, ist die „Entwicklung der Produktivkräfte“. Wie Moses ist Marx zugleich höchst aristokratisch und von niederer Herkunft… und sind sich nicht auch äußerlich ähnlich, die beiden?

Die ad hominem Kritik am Marxismus, von wegen dessen Schöpfer sei ein Soziopath gewesen, wurde bereits von Marxens Zeitgenossen formuliert. Einem Menschen mit einem bourgeoisen Hintergrund mag so etwas unmittelbar beim Lesen seiner Schriften auffallen, während es hingegen Linken, oder Menschen, die sich zumindest irgendwie mit Marxens Anliegen identifizieren, lebenslang verborgen bleiben mag, was für eine Psychologie da dahinter zu stecken scheint. Es gibt nur wenige Arbeiten, die Marx von der Wurzel auf psychologisch zu erfassen suchen, so wie die Biographien von Arnold Künzli oder Friedrich Raddatz, oder die Studie von Günter Schulte. Gleichzeitig läuft ein solcher Ansatz in Gefahr, den Marxismus zu einer bloßen Phantasmagorie verkommen zu lassen. Er entwickelte sich natürlich nicht nur in der Reaktion auf innere Konflikte, sondern auch, und vor allem, auf äußere, gesellschaftlich reale. Wenn Marx neurotisch war, so war sein Zeitalter es auch – und sind es gesellschaftliche Verhältnisse immer wieder. Auch die Gesellschaft ist eine Arena von geradezu unlösbaren Konflikten und krachenden Zusammenstößen: und das kapitalistische Wirtschaftssystem ist es. Letztendlich ist auch nicht klar, wie neurotisch Marx tatsächlich war, oder wo bei ihm die Trennlinie zwischen Klarsicht und Täuschung, zwischen Genie und Wahnsinn verläuft. Es war Herr Vogt, der Marx mehrmals provozierte. Es waren die Ansichten und Doktrinen von Bakunin, Proudhon, Weitling oder Lassalle, die mit denjenigen von Marx letztendlich unvereinbar waren. Es waren Arnold Ruge oder Bruno Bauer, die sich nach anfänglichen Kollaborationen mit Marx in eine andere Richtung hin entwickelt haben. Aber es waren Marxens Reaktionen darauf, die stets Überreaktionen waren, die unnötig menschlich verletzend waren und die geradezu von einem Vernichtungswillen getrieben zu sein schienen (wobei eine allgemeine Wildwest-Gesprächskultur, so wie sie heute anhand des Internet oder der Sozialen Medien häufig beklagt wird, keine dementsprechend neue Erscheinung ist: Man hatte sie auch zu Marxens Zeit, und vor allem in politischen Zirkeln). Wenn er schon so neidisch und feindselig gegenüber anderen Sozialrevolutionären war, wie neidisch muss Marx dann erst auf tatsächlich Mächtige, wie das Großkapital gewesen sein? Aber zu einer antibourgeoisen Haltung und zu einer Begrenzung der Macht des Großkapitals gibt es auch gute rationale Gründe: Und Marx und sein Werk eignen sich dazu, bei der Verfechtung dieser Gründe zumindest affirmativ zitiert zu werden. Und doch auch wieder: Auch wenn Marx diverse Manifestationen von Macht kritisch analysiert einerseits, und es plausibel und rational erscheint, in wirtschaftlicher Macht eine besonders privilegierte Macht zu sehen, gleicht es doch einer paranoiden Projektion, in der wirtschaftlichen Macht das große Hauptübel zu sehen, aus dem sich all die anderen Übel ableiteten: Gleich einer verzerrenden Sicht auf die Hydra, als hätte sie ein Haupt allein, oder einen Hauptkopf, in dem das maliziöse Gehirn wohnt, den man abschlagen müsse, und dann sei das Tor zum universellen Glück offen. (Der Grund für den Paranoiker, die Wurzel allen Übels in einen genialen Hauptfeind zu projizieren, ist wohl, neben einer Vereinfachung seiner inneren Verwirrungen, das erhebende Gefühl, dass er mit sich mit dieser Identifikation als kongenial zu diesem Hauptfeind und als ähnlich mächtig erleben kann.)

Das Genie ist eine eigentümliche Art Mensch. Während Menschen im Allgemeinen vorwiegend subjektiven Lebensinteressen hinterherjagen, sucht das Genie überall nach objektiven Bedeutungen und will feststellen, wie sich etwas objektiv verhält. Es verobjektiviert sogar sich selbst und seine eigene Psychologie. Das Genie schafft es dann tatsächlich, diese „objektiven“ Zusammenhänge zu entdecken, oder objektive Bedeutungszusammenhänge zu stiften. Allerdings auch, indem es seine eigene, subjektive Psychologie zu einer Art kosmologischen Bedeutungszusammenhang aufbläht. So hat man in den bedeutungsschweren Dramen von Ibsen eine Projektion von dessen Schuldkomplexen in die Menschheit, oder, noch effektiver, in die bürgerliche Gesellschaft; „kafkaesk“ bedeutet in Wirklichkeit eine Weltwahrnehmung auf der Grundlage einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung; bei Kierkegaard hat man ein rationales System eines religiösen Wahns, der sich auch durch seine Familie gezogen hat; bei Nietzsche hat man ein paranoides, selbstunsicheres Aristokratentum; Wittgenstein übt mit der Zwanghaftigkeit seines Denkens eine hypnotische Wirkung auf intellektuelle Menschen aus. Und was ist die genial-verobjektivierte Bedeutung von Marxens Psychologie? Ein Symbolsystem für die Dialektik von (gesellschaftlich-materialistischer) Macht und Gegenmacht. Dafür, dass die Welt verwundet ist. Dafür, dass die Welt verwundet ist, weil sie eine Klassengesellschaft ist. Dafür, dass man die Welt nicht nur interpretieren, sondern auch ändern kann.

Marx war zudem ein politischer Mensch. Man sagt, die meisten politischen Karrieren enden im Versagen. Politik bedeutet, Menschen zu vereinigen. Politik bedeutet auch, Menschen zu teilen. Die Tragik des Politischen beginnt, wenn man Menschen teilen muss, um sie zu vereinigen. Vielleicht muss man, um Menschen zu vereinigen, sie immer wieder, und immer mikroskopischer in die Tiefe hinein teilen. Um die Reinheit einer Lehre zu verteidigen, muss man immer wieder neue Verteidigungsgefechte auskämpfen. Religiöse Figuren, so wie es Marx auch war, machen ihre Erlösungs- und Heilsversprechen dadurch plausibel, indem sie die Welt dämonisieren. So enden die großen politischen Vereiniger womöglich schließlich als einsame Menschen, als Solitärs. Als scheinbar „Unverstandene“. Ähnlich wie Karl Marx.

Wer nun aber vermutet, hinter einer Lehre wie der von Marx müsse ein krankes Gemüt stecken, sieht sich sogleich damit konfrontiert, dass der andere – und, wie es hin und wieder heißt, der „eigentliche“ – Schöpfer des Marxismus eine robuste, lebenstüchtige, in fast allem, was er tat, erfolgreiche Frohnatur war: Friedrich Engels.

¡Esta humanidad!

¡Esta humanidad! Consiste de individuos como el presidente Milei por un lado, y Ludwig van Beethoven por otro. El filósofo John Locke dice que la humanidad no solo significa explotación y la infliccion de crueldad; a los seros humanos también le encanta reunirse pacíficamente a festividades organizadas con gran maestría artística (hace dos años estuvimos en una fiesta así, en el carnaval de Gualeguaychú). Parece que, con estos grandes esfuerzos y este amor por el detalle en su arte, los seres humanos quieren dotarse a sí mismos y a sus encuentros de un gran valor duradero. El filósofo infeliz Otto Weininger opinaba que, en realidad, lo que impulsa a los humanos es una «voluntad de valor» (y no una «voluntad de poder», como suponía Nietzsche). La música de Beethoven es sin duda la máxima expresión de esta destreza humana y su voluntad de crear valor. Se suele decir que Beethoven es severo y tiene una gran fuerza; yo creo que lo que realmente le caracteriza es su gran coherencia interna – seine große innere Folgerichtigkeit – , que se refleja en toda su música (con la excepción de su Sinfonía n.º 8, que por eso resulta tan extraña y que casi nadie entiende). Con la fuerza de esta coherencia interior, Beethoven forja la máxima expresión y finalidad del arte, el anillo de hierro que mantiene unida a la humanidad y la envuelve. La humanidad es, por supuesto, compleja, pero el gran genio artístico es aún más complejo; no es un anillo simple, sino un anillo de muchas dimensiones. «Este sordo ha oído la infinidad», dijo Víctor Hugo sobre Beethoven. En realidad, por supuesto, en lo pequeño siempre hay momentos, instantes y constelaciones en los que los seres humanos parecemos alcanzar lo universal, lo eterno, lo infinito, y experimentamos esos momentos y esa constelación con nosotros, ¿no es así?

Diese Menschheit! Sie besteht aus Individuen wie dem Präsidenten Milei auf der einen Seite, und Ludwig van Beethoven auf der anderen Seite. Der Philosoph John Locke meint: Menschheit bedeutet nicht nur Ausbeutung und das Ausüben von Grausamkeiten; Menschen haben auch die Eigenschaft, sich friedlich im Rahmen von kunstvoll arrangierten Festen zu treffen und ihre Existenz zu genießen (vor zwei Jahren waren wir auf einem solch kunstvoll arrangierten Fest, am Karneval von Gualeguaychu). Es scheint, mit diesen großen Anstrengungen und dieser Liebe zum Detail in ihrer Kunstfertigkeit wollen die Menschen sich selbst und ihren Zusammentreffen einen großen, dauernden Wert verleihen. Der unglückliche Philosoph Otto Weininger hat gemeint, tatsächlich sei es ein „Wille zum Wert“, der die Menschen antreibt (und nicht ein „Wille zur Macht“, so wie es Nietzsche vermutet). Einen höchsten Ausdruck dieser menschlichen Kunstfertigkeit und ihres Willens zum Wert hat man sicherlich in der Musik von Beethoven. Man sagt gemeinhin, Beethoven sei streng und habe große Kraft; ich denke, das, was ihn genau ausmacht, ist seine große innere Folgerichtigkeit, die in all seiner Musik zum Ausdruck kommt (mit Ausnahme von seiner Sinfonie Nummer Acht, die deshalb so befremdlich wirkt und mit der kaum jemand was anfangen kann). Mit der Kraft dieser inneren Folgerichtigkeit schmiedet Beethoven den höchsten Ausdruck und Zweck der Kunst, den eisernen Ring, der die Menschheit zusammenhält und der die Menschheit umfasst. Die Menschheit ist natürlich komplex, aber das große künstlerische Genie ist noch komplexer; es ist kein einfacher Ring, sondern ein Ring von sehr vielen Dimensionen. „Dieser Taube hat die Unendlichkeit gehört“, hat Victor Hugo über Beethoven gesagt. In Wahrheit gibt es natürlich im Kleinen immer wieder Momente und Augenblicke und Konstellationen, wo wir Menschen das Allgemeine, das Ewige, das Unendliche zu erreichen scheinen, und wir erleben solche Momente und eine so eine Konstellation mit uns, nicht wahr?

Enzo und der Ursprung der menschlichen Sprache

Schweine gelten als sehr intelligente Tiere. Soweit ich weiß, soll ein Schwein die Intelligenz eines dreijährigen Menschen haben. Auch Hunde sind intelligente Tiere. Damit ist die Hündin Bruna wohl intelligenter als der acht Monate alte Enzo. Aber Bruna lacht nicht. Tiere freuen sich offensichtlich, Bruna zum Beispiel, wenn man mit ihr apportiert. Das freut sie wahnsinnig.

Enzo aber lacht. In dem Fall, weil er etwas komisch, etwas humoresk findet. Er beobachtet etwas, was sich auf drollige und harmlose Weise nicht in die üblichen Abläufe einfügt. Es ist somit eine intellektuelle Freude; Humor ist eine intellektuelle Angelegenheit, und beruht auf einer intellektuellen Sicht auf die Welt. Die dann eben versprachlicht werden kann, und dann können drollige Harmlosigkeiten, die sich nicht in die üblichen Abläufe einfügen, als Witze erzählt werden.

Wie kommt es dazu, dass Menschen Sprache haben? Der jüngst wieder ins Gerede gekommene Noam Chomsky postuliert eine „Universalgrammatik“ als Anlage im menschlichen Hirn, über die der Mensch Sprache ausbildet. Soweit ich weiß, hat man über all die Jahrzehnte keine echten Hinweise auf eine solche Struktur gefunden. Andererseits ist es schwierig, ohne eine solche Fakultät die Sprachfähigkeit des Menschen zu erklären, die angesichts ihrer immensen Komplexität tatsächlich rätselhaft ist. Neuere Theorieansätze, die mich sehr interessieren, versuchen die Sprachfähigkeit des Menschen zu erklären damit, dass er zwar keine gleichsam geschlossene kognitive Struktur im Hirn hat wie eine Universalgrammatik, aber bestimmte kognitive Strukturen, als Grundelemente, über die sich dann Sprache herstellt; z.B. die Fähigkeit, Analogien zu bilden, aus denen dann sprachliche Analogien werden; die Fähigkeit, Dinge zu kategorisieren, aus denen dann Begriffe (oder zumindest Wörter) werden etc. Vielleicht ist ein derartiges kognitives Tool auch eine grundlegend intellektuelle Weltsicht, die im Menschen angelegt ist, und im Zusammenhang mit welcher der Mensch Humor hat, Tiere aber offensichtlich nicht. Was macht aber diese grundlegend intellektuelle Weltsicht aus? Die Fähigkeit, Abstraktionen zu bilden, aus denen dann Begriffe und Sprache werden?

Tiere haben keine (mit der unseren vergleichbaren) Sprache. Abgesehen davon, dass sie den entsprechenden Stimmapparat nicht haben, haben sie offenbar keine Begriffe. Vielleicht haben Tiere Schemata, über die sie Wahrnehmungen ordnen. Vielleicht haben Tiere gar keinen abstrakten Sinn, sondern ihre Wahrnehmungen und Erinnerungen sind stets konkret. Das würde mich auch sehr interessieren, wie das wohl wirklich ist.

Im Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken habe ich radikale literarische Experimente versucht, da ich im Yorick zuvor ja sonst schon alles gemacht habe. Wollte sozusagen an die Ursprünge allen Denkens, Sprechens, Schreibens heran und habe mich gefragt, wie könnte man es wohl ausdrücken und versprachlichen, was Tiere oder kleine Kinder denken? Es ist mir allerdings nicht gelungen, mich in den Kopf von Krähen oder von Säuglingen hineinzuversetzen, habe das dann aber auch als unnötig empfunden. Schade trotzdem. Wenn ich jetzt die zweieinhalbjährige Giovanna beobachte, sehe ich ja in etwa, was in ihrem Kopf vorgeht, über das was sie sagt. Zwar ist die Hälfte noch, von dem was sie spricht, Kauderwelsch, und ich frage mich, ob sie damit etwas sagen will (also eine Vorstellung hat, was sie sagen würde wollen, wenn sie es könnte) oder ob es Geplapper an sich ist. Was aber geht genau in ihrem Kopf vor, was sind die inneren Bilder dabei? Bestimmte Sprachphilosophen, oder auch die Behaviouristen argumentieren, dass das unwichtig und bestenfalls ein privates Traumbild wäre; wichtig und der eigentliche Inhalt sei, was an der Oberfläche eben über die Sprache und über das Verhalten sichtbar werden würde. Trotzdem würde ich gerne wissen, was in ihrem Kopf vorgeht und was ihre inneren Bilder sind. Das wäre unter anderem auch poetisch, wenn man das versprachlichen könnte. Sprachphilosophie und Behaviourismus sind hingegen sehr schroff unpoetisch. Aber tatsächliche Wahrheit und der Kern der Sache oder das Ding an sich sind eventuell eben unpoetisch.

Affen sind, neben Delfinen vielleicht, die intelligentesten Tiere und das Verhalten von Affen wird intensiv erforscht. So gibt es auch Versuche, Affen „sprachlich“ zu verstehen bzw. zu verstehen, was sie uns sagen würden wollen, wenn sie sprechen könnten. Die Fähigkeit, mit Tieren sprechen zu können, hätten viele Menschen gerne und fasziniert viele Menschen; vor allem die gefühlvollen kleinen Mädchen, die gerne mit ihren Ponies sprechen können würden. Man denke an den einen Witz, wo die gute Fee dem Mädchen die Fähigkeit verleiht, Ponies zu verstehen – sehr zu ihrer Frustration freilich, denn das Pony will dann über nichts anderes mit dem Mädchen sprechen und sie versuchen davon zu überzeugen, dass „nicht alles, was Hitler gemacht hat, schlecht war“. Ich frage mich, wie sich das bei Giovanna entwickeln wird; hier in Argentinien in der Nachbarschaft trifft man tatsächlich immer wieder auf Pferde. Sie sagt dann: „Hola caballo“. Demnächst bekommt sie eventuell ein Fahrrad. Gefragt, was für eine Farbe ihr am Liebsten wäre, antwortet sie mit „azul“. Das scheint ihre Lieblingsfarbe zu sein, und das ist vielversprechend, denn Blau ist im Allgemeinen eine Lieblingsfarbe von nachdenklichen, kontemplativen Menschen. Zurück aber zu den Affen. Die längste Sequenz, die man von dem kommunikativen Verhalten eines Schimpansen einmal versprachlicht hat, lautet: „Gib mir Orange, essen Orange, du mir geben Orange, essen Orange, Orange gib mir“. Naja, so anders als bei so manchen Menschen erscheint das ja auch wieder nicht. Man würde auch gerne die Gedanken von anderem Menschen lesen können, und Menschen sind fasziniert von der Möglichkeit, die Gedanken anderer Menschen lesen zu können. Aber auch dazu gibt es einen Witz: „I have always wondered what it would look like reading other people´s minds. Then I got a Facebook account, and now I´m over it.” Es ist aber gut, dass wir Menschen die Fähigkeit zum Humor haben, nicht wahr.

Liliana Medina

Enzo también es muy feliz y fuerte y aunque es muy pequeño,es inteligente , el sabe lo que le gusta comer y ama a su mamá ,eso por ahora basta

Liliana Medina

Ellas son muy felices , claro son niñas , aunque Bruna es una perra ella solo juega y es feliz cuando alguien juega con ella

Acts of the Unspeakable | philiphautmann.com

Addendum 22/3/26

Kurze Texte zum absoluten Denken von 2025

Ad hoc Bemerkung zu Heidegger und Derrida

Ich habe kein sonderliches Problem und keine morbide Faszination für die Sprache, so wie Heidegger oder Derrida, und ich halte sie nicht für sonderlich bedenklich. Allerdings ist meine Sprache auch authentischer und weniger artifiziell als die von Heidegger oder Derrida. Ich empfinde auch das Sein nicht als etwas, das sich mir dauernd entzieht oder als eine heillose Struktur von Differenzen, die jegliche Präsenz verunmöglichen. Das ist wahrscheinlich deswegen so, weil mein Gefühlsleben intakt ist und ich keine Probleme habe, mit den zahlreichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit in Kontakt zu treten; etwas, worin Menschen im Allgemeinen freilich tatsächlich nicht sehr gut sind und ziemlich gehemmt. Daher ist es vielleicht ratsamer, mich zu studieren als Heidegger oder Derrida, außer man will sich ständig an irgendwas abarbeiten und nie irgendwohin kommen. Denn da komme ich den Lösungen und der großen Integration einfach näher und ich kenne in dieser Hinsicht das Glück. Natürlich ist mir durchaus bewusst von wegen: „das Sein entzieht sich“ und „die Präsenz löst sich in Verweisungszusammenhänge auf“. Aber das erscheint mir nicht dramatisch oder als entscheidender Hinweis auf eine grundsätzliche Instabilität des Ontischen. Ich finde das nicht feindselig, zum Verzweifeln oder als einen grundsätzlichen Abgrund, der uns von etwas trennt. Um Trennungen zu überwinden, dazu ist ja die Möglichkeit des Kontakts da, und Abgründe werden verringert durch Kontakt. Wird die Kontaktmöglichkeit universal, tritt man sogar in Kontakt mit dem Absoluten, dem alle nachjagen, vor allem jemand wie Heidegger. Oder dem sich andere neurotisch verweigern wollen und diese neurotische Verweigerung dann verabsolutieren wollen, vor allem jemand wie Derrida. Natürlich ist der Begriff des Absoluten paradox und außerdem eine Halluzination. Man kann sich mit dem Absoluten mimetisch verbinden, wenn man selber das Paradox in sich einbaut und, neben aller Rationalität, paradox wird. Das passiert von selber, wenn man mit den zahlreichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit in Kontakt tritt. Die verhalten sich nämlich paradox zueinander; weswegen die Menschen einen solchen allzugroßen Kontakt mit den vielfachen Erscheinungsformen und Milieus der Wirklichkeit scheuen. Weil sie nicht mit dem Paradoxen umgehen können, und so können sie dann auch nicht mit dem Absoluten tatsächlich umgehen. So verbleiben sie in ihren paranoiden Hoffnungen auf das Absolute stecken oder in ihren ewigen neurotischen Differenzen. Die Philosophie ist aber dazu da, Auswege aus Sackgassen anzubieten und Chaos zu ordnen. Und ein Paradox verweist sowieso auf die Notwendigkeit der Etablierung einer Metaebene, von der aus betrachtet es dann möglicherweise kein Paradox mehr ist. Eine Metaebene etabliert man, indem man Dinge gleichzeitig ernst nimmt und gleichzeitig über sie hinauszudenken, ja sogar sie ständig zu verwinden versucht. Auf der Metaebene werden dann, mit diesem Trick, die statischen Inhalte, die unter Beobachtung sind, dynamisiert und die dynamischen Inhalte abgeschwächt und greifbar. Man hat es mit Beschleunigungen und Verlangsamungen dann also zu tun, die schließlich eine schöne gleichförmige Geschwindigkeit ergeben, wenn man auf die Wirklichkeit sieht, die dann also so ihre Schrecken und ihre Abgründe verliert und die sich einem nicht entzieht. Das alles wird sich gut anfühlen, so wie wenn man in ein Aquarium schaut. Niemand hält ein Aquarium für etwas, das sich dauernd entzieht oder für einen universellen, beunruhigenden Ort der différance, der Spur und der ewigen Dekonstruktion. Das Absolute, die absolute Wirklichkeit ist an sich sehr heterogen und differenziert und sie entzieht sich deswegen dauernd. Sie ist sogar paradox. Das heißt aber nicht, dass sie unlogisch oder inkompatibel ist. Und über den guten Kontakt wird die Wirklichkeit sogar ein wenig harmonisch, zumindest auf der Metaebene. Eine Fluchtlinie ziehen – das dynamische Element – ist gut, aber das allein führt in die Schizophrenie. Richtig betrachtet, hat auch der paranoide Pol, das statische Element, seine guten Seiten. Die Wirklichkeit selbst besteht aus einem paranoiden Pol und einem schizophrenen. Die Wirklichkeit ist ein Chaosmos. Man muss daher ein Kräftefeld zwischen dem paranoiden und dem schizophrenen Pol aufspannen. Wer das tut, sieht die Welt, wie sie ist.  Wenn man, anders gesagt, alles ernst nimmt, aber nichts absolut, erreicht man paradoxerweise das Absolute. Wahrscheinlich wird nach dem Absoluten und dem Authentischen so krampfhaft gesucht, weil es sich im Allgemeinen schwer erreichen lässt; aufgrund der Schwierigkeiten, die die Menschen mit dem Kontakt haben. Dass der Mensch ein soziales Tier sei und kontaktfreudig, lässt sich in Wirklichkeit immer wieder ja gar nicht beobachten. Dafür sind Menschen immer wieder zu verstockt. Man kann mit den meisten Menschen, inklusive der Intellektuellen, nicht leiwand saufen gehen oder einen durchziehen, und sich auch nicht authentisch mit ihnen unterhalten. Ich habe weiter oben vom Glück gesprochen. Aber Menschen sind im Allgemeinen nur eingeschränkt glücksfähig, und emotional dermaßen expansiv. Daher schlagen sie sich auf die Seite von unheilschwangeren Philosophien, die Straßensperren errichten gegen das Glück; in der Literatur delektieren sie sich an menschlichen Tragödien und am zwischenmenschlichen Versagen; und in der Kunst am Verfall. Darin sehen sie ihre neurotische Weltsicht bestätigt. Und das ist für sie dann das Maximum an Glück.

1.+2. Februar 2025

De-Sitter-Vakuum und Hyper-Chaos

Das Denken kann maximal ein Plateau (des Verstehens) über dem Abgrund (des Nichtverstehens) errichten, wenn es was durchdacht hat, ja; was aber nicht heißt, dass das Denken mit sich selbst nicht fertig wird. Wahrscheinlich ist es auch eine Frage der Persönlichkeit des Denkenden, ob er mit sich selbst fertig wird oder nicht; und Nietzsche oder Derrida – ganz zu schweigen von Adorno oder Marx – hatten da vielleicht ihre Probleme damit. Wahrscheinlich ist es besser, etwas Komplexeres und Weitreichenderes, weniger vulgäres zu werden, als es eine Persönlichkeit ist. Im Zen ist es eine subtilere Instanz als das abendländische Ego, das „denkt“, und es bedenkt die Manifestationen des Seins in einer subtileren Weise, als es für unser Denken herkömmlich ist. Innerhalb dieser ganzen schönen Subtilität entsteht dann der Geist. Während das Denken in die Irre gehen kann und nicht mit sich selbst fertig werden kann, irrt sich der Geist nie, und der Geist ist unzerstörbar. Dieser gereinigte Geist, der mit sich selbst identisch ist, gleicht dann dem „hochzeitlichen Ring der Ringe“, den Nietzsche gesucht hat (und ihn als „Ring der Wiederkunft“ begriffen hat, obwohl der Geist ja immer schon da war und sein wird). Ob das Denken mit sich selbst fertig werden kann, hängt auch von der Ontologie ab. Ist die Ontologie stabil, einladend, kann man mit ihr fertig werden usw., oder ist sie das alles nicht? Einstein (?) sagt, eine Grundentscheidung ist, ob man das Universum als einen freundlichen oder als einen feindseligen Ort begreift. Nietzsche et al. haben eher zum zweiten Paradigma geneigt. Man muss das aber nicht tun. Wenn man nicht nur ein Denker, sondern ein Mahatma und ein Bodhisattva sein will (also einer, der mit sich selbst und mit allem anderen fertig wird), ist man dazu eingeladen, generöse Maßstäbe an die Ontologie anzulegen. Vergegenwärtigen wir uns zu dem Behuf, dass das De-Sitter-Vakuum, das das Universum stabil hält, für die nächsten 10^{10^{10^50}}} Jahre aufrecht erhalten bleibt. Während in 10^{11} Jahren Leben auf organischer Grundlage in unserem Universum unmöglich werden dürfte, könnten andere komplexe adaptive Systeme entstehen. In einer sehr fernen Zukunft, in 10^{100} Jahren, nachdem auch supermassive Schwarze Löcher verdampft sein werden, oder in 10^{10^{70}} Jahren, wo auch Neutronensterne zu Schwarzen Löchern zerfallen, die wiederum über einen sehr langen Zeitraum hinweg verdampfen, wird das Universum nichts anderes mehr als ein großes Netzwerk von verschränkter Quanteninformation sein, das möglicherweise so etwas wie Bewusstsein entwickeln könnte. In einer derart fernen Zukunft ergibt sich auch die Möglichkeit von Boltzmann-Gehirnen und damit die Möglichkeit unserer ewigen Wiederauferstehung innerhalb der Phantasie von Boltzmann-Gehirnen (ein großes Gehirn, Elon Musk, delektiert sich bekanntermaßen an der Vorstellung, dass wir bereits jetzt in einer Simulation leben könnten; einer Vorstellung, die ähnlich ist zu der von den Boltzmann-Gehirnen). Auch wenn mir die Idee von den Boltzmann-Gehirnen als zu raffiniert erscheint, als dass ich tatsächlich an sie glauben könnte, bleibt aber eben trotzdem das De-Sitter-Vakuum, das das Universum grundsätzlich stabil hält, für 10^{10^{10^50}}} Jahre aufrecht. Das De-Sitter-Vakuum entspricht, so gesehen, in etwa dem Tao, jener fernöstlichen „Leere,“, die weniger ein Nichts ist, sondern eher ein ontisches Potenzial; aus dieser virtuellen Unendlichkeit entspringt das Denken im Zen und kehrt es in diese virtuelle Unendlichkeit wieder zurück: ein hochzeitlicher Ring der Ringe. Erst in aller-allerfernster Zukunft könnte das De-Sitter-Vakuum zerfallen, was dann einen tatsächlich handfesten Grund liefern würde für eine depressive Ontologie. Wenn das De-Sitter-Vakuum zerfällt, passiert in etwa das, was der französische Philosoph Quentin Meillassoux das „Hyper-Chaos“ nennt: dem absoluten Gegenteil zu jeder stabilen Ontologie. Eventuell kann man aber auch mit dem Hyper-Chaos fertig werden, wenn man das Denken so sehr radikalisiert, dass es selber dem Hyper-Chaos ähnlich wird. Das wird sich dann sicher gut anfühlen.

Februar 2025

Beckett

Was mich bekanntermaßen interessiert, ist die Möglichkeit des Sehr Tiefen Denkers und des Sehr Tiefen Schriftstellers. Der nicht nur sein Zeitalter erfasst und in seinem Status feststellt, sondern so penetrant ist, dass er damit auch alle Zeitalter erfasst und feststellt. Beckett hat so was gemacht. Ungeheuerliches Aufbieten an Tiefsinn! Der Tiefsinn muss vollständig werden, und, um in der Sprache der Dianetik zu sprechen, ein Clear des Geistes muss erreicht werden. Wenn der Geist immer tiefsinniger wird und das Clear ansteuert, ziehen das Wissen, die Ideologien, die Traditionen usw., die ihn ursprünglich geprägt haben vorbei und werden von ihm verdaut und verwunden. Wenn er im Tiefsinn ankommt, hat er Wissen, Ideologien, Traditionen usw. verwunden, der Geist, und gelangt schließlich zu reinen Anschauungen, über welche die er, im Zusammenhang mit einer großen Abstraktionsleistung über alles, was es da gibt, zu neuen, reinen Begrifflichkeiten kommt und mit denen dann neue Zeichen wirft. Alle, die da reisen aber fragen sich: Wie sieht der Urgrund aus, wenn der Geist das Clear erreicht hat, und man beim nicht mehr hintergehbaren Grund aller Dinge ankommt? Es ist eine graue Ebene, aus der aber fortwährend Frage-Antwort-Partikel aufsteigen, die der dann extrem rotierende und intensive Geist bearbeitet und dann wieder verwindet. Der letzte Grund von allem ist gleichzeitig klar, und er ist es nicht, ist verborgen, verliert sich in seiner Kontur weiter drüben. Aber das Problem sowohl der Bestimmbarkeit als auch der ewigen Unbestimmbarkeit der Existenz hat der Sehr Tiefe Denker eben verwunden, jetzt lebt er im Zustand einer meisterhaften Luzidität. Der Sehr Tiefe Denker haut nun seinen heroischen Speer, sein Artusschwert, in den Urgrund: seine jeweilige Antwort-Frage auf bzw. bezüglich des Wesens des Urgrundes und des Seins, das sich aus ihm heraus erstreckt, und mit der er die Antwort-Frage nach dem Urgrund verwunden hat: in seiner Luzidität. Dort bleibt es lange Äonen stecken und ruhen, bis ein neuer Sehr Tiefer Denker kommt, der mächtig genug ist, es herauszuziehen, und der dann wieder dasselbe macht. Im Urgrund ruht das Artusschwert, und wartet darauf, verwunden zu werden. Beckett hat gemeint: All seine Schriftstellerei sei nur um eine Frage gekreist, nämlich, das Dasein zu bestimmen. Er habe aber stets das Gefühl gehabt, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Das kann sein. Wenn Beckett zum Kern und zum Urgrund des Daseins vorstoßt, so findet er da: Nichts. Das ist schlau. Aber wenn ich auf den Grund des Daseins höre, so schallen da laute Töne, überwältigend, plötzlich aus der Stille und in der Einsamkeit empor; über Posaunen und allerhand anderer, vorwiegend Blechblasinstrumente erzeugt, und die blasen einen großen Lärm in die Welt. Es ist ein lebhafter akustischer Orkan, teilweise kakophonisch. Denn Leben und das Sein an sich beruht nicht auf dem Nichts, sondern auf Energie (und deren Umwandlung). Damit ist meine Metaphysik auch physikalisch (und evolutionsbiologisch) korrekt. Diese Energie kommt gleichsam aus dem Nichts. Das Nichts ist dann aber eben Energie, und damit ontisches Potenzial. Emily Dickinson hat gedichtet: Am Leben sein – gibt Kräfte – / Das schiere Dasein hat / Schon ohne andere Zwecke / Genügend Wucht und Macht. Emily Dickinson aber war eine Sehr Tiefe Schriftstellerin.

17./18.05.2025

Opernerlebnisse 2025

Der Parsifal ist musikalisch vergleichsweise arm und statisch, aber so ist das eben bei sakraler Musik. Trotzdem ist der Gesang der Blumenmädchen wohl die beste Annäherung an den unendlichen Gesang der Sirenen. Wagner hat sich mit dem Vorhaben getragen, als letztes eine Oper über Gautama Buddha zu schreiben (“Der Sieger”). Aber so ist es eben eine Oper über den Bodhisattva geworden. Einige halten die Parsifal Ouvertüre oder den Karfreitagszauber für das schönste Stück Musik, das es gibt. Naja, ich finde, wenn es so was schon gäbe, würden es die Cello Suiten von Bach sein. Nietzsche hat den Parsifal insgeheim für Wagners bestes Werk gehalten. Es ist wohl an der Zeit, das wieder einmal ein Bodhisattva in dieser Welt erscheint, wenn nicht gar ein Buddha. Und Kunst, die erlöst, anstatt einfältige Spompanadeln zu machen. Den heil’gen Speer, ich bring ihn euch zurück.

23. April 2025

Ich bin so gebildet, dass ich bisweilen die naheliegendsten Sachen nicht kenne. Jetzt war ich zum ersten Mal in der Zauberflöte. Wagner war so angestrengt bemüht, mit seinen Opern Erlösung zu bewirken, und er hat das natürlich recht gut gemacht. Aber die heiteren Opern von Mozart und Rossini (außerdem die Musik und vor allem der grandiose Charakter von Haydn) schaffen das ganz unmittelbar von allein. Das Leben ist schön.

28. April 2025

Tannhäuser behandelt die Dichotomie zwischen der sinnlichen Welt (Venusberg) und der übersinnlichen Welt (Rom). Dazwischen verhandelt die (moralisierende) Kunst (Wartburg). Ich bin für eine orgiastisch-sinnlich-intellektuelle, künstlerische Wahrnehmung, in der sinnliche und übersinnliche Welt ineinander verschmelzen; schließlich reichen sich ja auch so ineinander hinein. Man darf dafür halt keine Fehler machen und es sollten da nicht sein Dispositionen wie Angst, Stolz, Scham oder Reue, denn die organisieren antagonistische Grundhaltungen, sind also anti-integrativ; am erbärmlichsten von allem wenn sie auch noch narzisstisch besetzt werden! Das, was dann aber sein wird, wird sicher eine große Herrlichkeit sein. Wagner war ein chaotischer Charakter, der die Sphären nicht gut integrieren konnte, und der sich in eine gesellschaftliche Utopie geflüchtet hat, die vorgesellschaftlich ist usw. Schließlich nervt es auch, dass bei ihm dauernd eine Frau sterben muss, damit er sich „erlöst“ fühlen kann. Erst im Parsifal übernehmen die konstruktiven Ich-Anteile (Parsifal) Verantwortung und zeigen Mitgefühl (nicht nur mit sich selbst, sondern) mit anderen, und überwinden und entsühnen so die destruktiven, selbstverhassten Ich-Anteile (Kundry). Eine Art Vorstufe zum Parsifal ist aber der Tannhäuser; und das humoristische Gegenstück zum Tannhäuser sind die Meistersinger, wo es ausschließlich um die Kunst geht. Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst.

Die Neuinszenierung von Lydia Steier gefällt. Der Tannhäuser ist von den großen Wagneropern im Allgemeinen die am wenigsten beachtete, an mir ist er auch bislang ziemlich vorbeigegangen. Vielleicht weil es nicht so viele musikalische Nervenkitzel- und Gänsehaut-Momente gibt; dafür ist aber konstant auf einem hohen Niveau und kennt keine belastenden Längen wie der Lohengrin oder die Meistersinger. Die Geschichte ist nicht so charismatisch und suggestiv wie sonst, dafür ist die Dichtung gut. Ich will über den Tannhäuser nichts Negatives mehr sagen; ach was, vielmehr will ich den Tannhäuser fürderhin hochhalten und gegen seine Feinde verteidigen, ich solidarisiere mich sowieso am liebsten mit den Underdogs.

22. Mai 2025

Yo, der Urgroove, und weiawagawogeduwelle rappen die Bitches vom Rhine; der hässliche kleine Nigger kann keiner von den dreien Bitches den Schwanz ins Maul stecken also raubt er ihnen das Gold und versklavt all die anderen Nigger damit sie ihm noch mehr Gold scheffeln. Nigger haben es eben mit schweren Goldketten, yeah. Derweil bauen die beiden riesigen Nigger den Boss-Niggern eine Hood, werden verarscht, und dann rauben sie dem hässlichen kleinen Nigger all sein Gold um die riesigen Nigger bezahlen zu können und der eine riesige Nigger macht den anderen gleich kalt. Yeah zum Schluss der Einzug der Nigger in Walhall, in die Hood, geil; nur der eine schlaue Nigger, der Lo, sieht wie die Kacke jetzt erst recht am Dampfen ist, verhurt noch mal, aber hey interessiert uns mal nicht, jetzt werfen wir uns mal ein paar Drogen ein, unser schlauer Nigger wird sich schon was ausdenken und uns da wieder raushauen

28. Mai 2025

Während es im Rheingold um List und Tücke, Betrug, Ausbeutung und Täuschung geht, kollidieren in der Walküre stets die freien Willen der handelnden Individuen mit den Gesetzen und Geboten, die den Verkehr zwischen den Individuen regeln. „Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit. Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“ (Schiller, Wallensteins Tod) Am Ende, wenn in der Götterdämmerung (ursprünglich: Siegfrieds Tod) deswegen alles zusammenkracht, bleibt eine Vision von einem anarchistischen Neuanfang, einem politischen Clear der Menschheit. Man spürt einmal mehr, was für ein verzwickter Charakter Wagner gewesen sein muss. Aber die Vision vom ständigen Neuanfang! Blicke in dein Inneres. Sieh eine friedliche Weide, links ein Baum, leicht dunst- und nebelverhangen, ein wenig Morgentau, denn es ist Morgendämmerung. Der Möglichkeitsraum, was werden sich im Laufe des angehenden Tages wohl für allerhand schöne und interessante Dinge an dieser Lichtung des Seins ereignen, in dieser Zone der Begegnung? Und so wird es Tag und so wird es Abend und Nacht – aber das geht uns schon kaum mehr was an; denn bei uns ist es ewiger früher Morgen. Es ist gut, dass es neben dieser Primordialität und Offenheit auch ein paar Gesetze gibt, die dem Ganzen auch Stabilität und Dauer ermöglichen; Dinge, die älter sind als wir und Dinge, die uns überdauern: worin sollte sonst Geborgenheit zu finden sein? Erkennst du das an, so bist du im Clear.

Im Anschluss an die Aufführung wurde Andreas Schager in einer Zeremonie vom Bundesministerium der Titel eines österreichischen Kammersängers verliehen. Er hat an dem Abend einen hervorragenden Siegmund gemimt. Bei den noch ausstehenden Ring-Opern wird er auch der noch stärkere Siegfried sein.

Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie

2. Juni 2025

Richard Wagner hatte viele Anzeichen einer paranoiden Persönlichkeitsstörung, unter anderem auch seinen Antisemitismus. Paranoia bedeutet eine Aggression, die in einem selber ist, die aber nach außen projiziert wird, und einen Verfolgungswahn, der seine Wurzel in der eigenen Verfolgungswut gegenüber anderen hat. Der Paranoide hat einerseits ein schwaches, sich ständig von der Vernichtung bedroht sehendes Ego, träumt andererseits von „maßloser Macht“ (wie ihn der Ring des Nibelungen verheißt), findet keinen Ausgleich dazwischen und wird daher leicht aggressiv. Der Paranoide hat ungeliebte Ich-Anteile, die er vernichten will und von denen er „erlöst“ werden will (so wie Wagner andauernd „durch Untergang erlöst“ werden will). Seine bekannteste antisemitische Karikatur ist der Nibelung Mime. Klein, mit großem Kopf, laut und gellend redend, vor allem versessen auf Geld und Macht, ist er gleichzeitig eine Karikatur Wagners, der auch so war. Durch dessen Ideal-Ich Siegfried, den reinen, naiven Helden, wird Mime zwar vernichtet, doch auch Siegfried geht schließlich unter (wenn man so will, kann auch Siegfried seine engen Ich-Grenzen nicht sprengen und bleibt egoisch und naiv; der Überwinder – der das Ideale der Moral dann tatsächlich zu einer realen Möglichkeit werden lässt – wird dann schließlich der Parsifal).  In „Das Judentum in der Musik“ spricht Wagner Juden echtes tiefes Kunstempfinden und einen wahren Willen zur Kunst ab, Kunst sei für den Juden nur eine Camouflage für was anderes. In „Der Fall Wagner“ (und anderswo) dann die Retourkutsche; darin wird dann der Philosemit Nietzsche genüsslich versuchen, Wagner als unechten Künstler zu demaskieren, als effekthaschenden „Zauberer“ und „Theatermacher“. Nietzsche ist rätselhaft, weil er ebenfalls paranoid ist. Ein Mann mit starken femininen Charakterzügen, hasst und fürchtet obzwar Nietzsche alles, was „schwach“ ist und durch allzu große Nähe auch ihn „schwächen“ könnte: die unteren Schichten des Volkes, die Demokratie, den Sozialismus, das Christentum, das Mitleid, die so genannte „décadence“, oder eben den späten Wagner und den Parsifal (im Hinblick auf Frauen sind seine Kommentare zu unsystematisch, als dass man ihn eindeutig als misogyn charakterisieren könnte). Die Juden hingegen schätzt er, weil sie „vornehm“ seien, und das ist für ihn die edelste Währung. Der Paranoide sucht nach etwas Hartem, Beständigen, Fetischhaften, etwas dessen er sich vergewissern kann, weil sein Inneres unbeständig ist. Das hat dann auch bei Nietzsche, trotz seiner sehr coolen Anlagen, zu Verhärtungen des Denkens und fetischhaften Konstrukten geführt. Ich finde es gut, dass ich, in der Vorstellungswelt von Guattari und Deleuze, kein paranoider, sondern ein rein schizophrener Charakter sein muss, der nie lange irgendwo bleibt. „Schlagt keine Wurzeln, macht Rhizom“ usw; ich werfe mich dann also schon wieder auf eine Fluchtlinie.

25. Juni 2025

Otto Weininger meint, am Schluss von der Götterdämmerung steht ein Lächeln über all das, was vorher allgewaltig passiert ist, „denn das Lächeln ist wohl das Gefühl, dass sich nach dem Tode (d.h. im ewigen Leben) über das Leben (d.h. über allen Tod) am stärksten einstellt.“ Naja, er sollte ja bald darauf herausfinden, ob das denn tatsächlich so sei.

Am Ende der Götterdämmerung steht die Frage nach einem Neubeginn der Welt ohne Korruption, an der die alte schließlich gescheitert ist. Kann eine Welt ohne Korruption möglich sein? Natürlich nicht, denn menschliche Verhältnisse beruhen auf Transaktionalität und dem gegenseitigen Erweisen von Gefälligkeiten, und einige Menschen, und man selbst, sind einem näher als die meisten anderen Menschen, was allein schon einmal eine höhere Verantwortung für diesen kleineren Kreis gegenüber dem größeren bedeutet (dem man außerdem auch eher vertrauen kann). Korruption wird aber problematisch, wenn sie exzessiv wird. In einigen Teilen der Welt ist Korruption Teil des Systems. In anderen (und weiten) Teilen der Welt hingegen ist Korruption das System selbst. Dann gibt es, sozusagen, Mischformen; Länder, in denen die Bevölkerung zwar gut darin ist, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten, dabei aber auch alle auf gefährliche Weise in die eigene Tasche wirtschaften (zB China). Es gibt viele Arten und Regimes von Korruption, woher kommen die jeweils alle?; zu berücksichtigen sind dabei die Geographie eines politischen Gebildes, die Ressourcenausstattung, die Sozial- und Familienstrukturen, der Charakter von Staat/Herrschaft und Verwaltung, das Rechtsverständnis, Mentalitäten, Traditionen usw. Es würde mich sehr interessieren, auf eine umfangreiche und vergleichende Darstellung der verschiedenen Formen der Korruption und der Korruptions-Regimes in dieser Welt zu stoßen. Trotz der Brisanz dieses Themas scheint das noch zu fehlen.

Die Installierung von korrupten Regimes ist auch eine Herrschaftsstrategie. Den jeweils Herrschenden und den Reichen nutzt ein korruptes Regime natürlich eher als ein rechtsstaatliches und transparentes. Korrupte Funktionäre und Beamte sind auch loyaler und abhängiger von den oberen Instanzen als es nicht korrupte sind. Das hat auch Hugo Chavez in Venezuela begriffen, der unter dem Deckmantel eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ absichtlich ein korruptes und auf ihn persönlich zentriertes Regime geschaffen hat, das ihn immer noch überdauert.

Neben materieller Korruption gibt es auch noch eine ideelle Korruption, zB das Festhalten an Lebenslügen und an Ideologien, die sich längst als falsch erwiesen haben, weil sie einen egoistischen psychologischen Komfort bieten. Wo ideelle Korruption ist, wird dann auch die materielle Korruption nicht weit sein. Man sollte daher bei Idealisten aller Couleur vorsichtig sein und nicht glauben, die könnten nicht korrupt sein, weil sie scheinbar keine materiellen Interessen haben. Menschen können auch eine korrupte Psychologie haben, und daher auch korrupte Ideale. Was soll man überhaupt machen mit dieser Menschheit? Radikale Unbestechliche und unverfälschte Revolutionäre wie Robespierre, Thomas Sankara oder Che Guevara waren auf ihre Weise aggressiv und gefährlich, weltfremd und haben ein schlechtes Ende gefunden.

Es hat ein Regime gegeben, das die Korruption tatsächlich radikal ausrotten und das tatsächlich einen vollkommenen Wagnerschen Neuanfang (und außerdem eine extrem rassistische, „reinrassige“ Ordnung) setzen wollte, das war das von Pol Pot. Heute ist Kambodscha ein Hub für professionelle Online Scam-Aktivitäten und massive Geldwäscheoperationen im Darknet, hinter denen keine rein kriminellen Organisationen stecken, sondern ganz legale und offizielle Unternehmen, wie der größte Zahlungsdienstleister des Landes, Huione Pay, der dafür in seiner Zentrale eigene Abteilungen hat, die sich nur um so was kümmern. Diese kriminellen Aktivitäten machen, wie man vermutet, mittlerweile einen zu großen Anteil an der Wirtschaft des Landes aus und generieren zu viel Einkommen, als dass die Politik noch ernsthaft dagegen vorgehen möchte oder könnte (abgesehen davon, dass sie ja selber meistens darin involviert ist).

In der Philosophie von Schelling, die ich gerade studiere, kommt die Möglichkeit der Korruption bereits durch die Ur-theilung in die Welt, bzw. ist bereits im göttlichen Ungrund als Potenzial enthalten. Bei Schopenhauer ist das Weltprinzip überhaupt an sich korrupt. Schelling wollte „Identitätsphilosophie“ betreiben. Aber bei Schopenhauer ist seine Sprache identischer mit sich selbst als bei Schelling, finde ich.

28. Juni 2025

Tschaikowsky hat einen tiefen existenziellen Moment, in meinem Verständnis, wenn er am Anfang der 1812 Ouvertüre gleichsam die Menschheit in ihrer Dimension der Schutzbedürftigkeit ausdrückt. Ansonsten ist mir Tschaikowsky mal näher, mal ferner. Von großer Gravität ist auf jeden Fall die Pique Dame, von der er selbst gemeint hat, die Pique Dame müsse die Krönung seines Schaffens sein. Trotz ihrer grundsätzlichen Ernsthaftigkeit, sogar ihrer gewissen Morbidität, hat die Pique Dame viele lebenspralle und lebensbejahende Momente, und auch der russische Nationalismus erscheint geradezu unschuldig-treuherzig, vitalisierend und naiv, so wie die Kinder am Anfang, die Soldaten spielen. Ausgezeichnet, dass die Rolle der Lisa diesmal mit der Netrebko besetzt ist. Ich mag die Netrebko mit ihrem Joie de vivre, ihrem Modebewusstsein und ihrer Leidenschaft für das Kochen und Basteln. Sie singt und schauspielert auch gut. Leider ist die Lisa eine ein wenig passive Rolle, sodass sie diesbezüglich nicht ganz aufblühen konnte. Aber ihr Ex-Mann Yusif Eyvazov als Hermann hat sie im Hinblick auf Gesangsleistung sogar übertroffen, eigentlich.

30. Juni 2025

Solti, wenn ich mich recht erinnere, hat den Fliegenden Holländer für viel besser gehalten als die späten Wagneropern, wie den Parsifal. Während der Parsifal, so wie die meisten Wagneropern, eine jenseitige Oper ist, ist der Holländer auf jeden Fall – neben den Meistersingern – eine vergleichsweise diesseitige. Eigentlich ist Senta, die Entscheidungsmöglichkeiten hat, die Hauptfigur; und nicht der Holländer, der im Wesentlichen keine Entscheidungsmöglichkeiten hat. Senta entscheidet darüber, was sie ihrem Leben für einen Sinn gibt, und es ist ein gleichsam singulärer Sinn und eine anspruchsvolle Entscheidung, die sie trifft. Senta ist eine starke, unbändige Figur, in ihrer eigentümlichen todesnahen Romantik eine vitale Macht für sich, verkörpert eine Entscheidung, die das Leben trifft, aus sich selbst heraus; in der Verbindung mit dem Tödlichen affirmiert sich das Leben gleichsam selbst. Der untote Holländer ist vergleichsweise nur eine Folie. Vordergründig werden im Fliegenden Holländer die Lebensmächte besungen, in den ausdrucksstarken Volksgesängen, als unbändige Mächte, die, so wie Senta, den Urgewalten des Ozeans gleichen: Arbeit, Abenteuer, Liebe, Freude, Geschenke machen, Solidarität, Mannschaftsgeist, Jagd, Essen machen, Kleider machen, gegenseitige Unterstützung und Sorge der Geschlechter füreinander, feiern, singen, tanzen, Treue halten bis in den Tod. Eigentlich sind allein die Meistersinger von Nürnberg eine heitere Oper von Wagner, aber die Aktivität, beinahe Agitiertheit vom Fliegenden Holländer haben die Meistersinger nicht. Eigenartig. Die Tumultszene in den Meistersingern ist textlich besser als musikalisch; und was ist schon der Volksgesang zur Begrüßung des Johannistages gegen Steuermann, lass die Wacht? Die Inszenierung vom Fliegenden Holländer im Steinbruch St. Margarethen, die diese Woche ausläuft, ist sehr reizvoll und schön. Sie wurde gestern am Rathausplatz übertragen. Ich würde das gerne vor Ort sehen. Aus irgendeinem Grund muss ich beim Lied der spinnenden Mädchen immer an Gilles Deleuze denken.

18. August 2025

Claude Debussy mit seiner meerartigen, kontinuumsmäßigen Musik muss ich mir insgesamt näher zu Gemüte führen. Bei seinen butterweichen, fließenden Klangwelten ist es besonders wichtig, dass sie mit der nötigen Raffinesse dargeboten werden, und das gelingt an der Wiener Staatsoper insgesamt bei Pelléas et Mélisande hervorragend. Auch die Inszenierung und das Bühnenbild sind gut, obwohl ich da keine Vergleichsmöglichkeiten habe. Die musikalische Sprache von Debussy ist nicht aufgesetzt und artifiziell, sondern authentisch und eine sinnvolle Weiterentwicklung der Musik seiner Zeit. Das bemerkt jemand wie ich sofort. Anders als bei der präzisen Mikrotonalität, die man später bei Scelsi oder Ligeti hat, ist die Musik von Debussy eigentümlich unscharf und undefiniert, scheint an mehreren Orten gleichzeitig zu sein, und dann eben auch wieder nicht. So wie eine ständige Differentialrechnung bzw. ein Differentialkalkül, an das man sich ganz nah ranzoomt bzw. einer ständige Ineinanderspiegelung vom Stetigen und vom Diskreten bzw. dem Aufwerfen der Frage, was jetzt real ist: das Stetige oder das Diskrete? Damit rührt die Musik von Debussy an die grundlegendsten Fragen der Natur, der Struktur der Mathematik und der Physik und von Raum und Zeit. Die von Debussy ist also eine sehr metaphysische Musik und, wie Metaphysik es eben ist, ist sie eine sehr merkwürdige Musik, wo in der Welt, die dargestellt wird, noch eine andere Welt durchzuschimmern scheint. Beziehungsweise gilt die Musik von Debussy als impressionistische Musik, und der Impressionismus ist gleichzeitig kontinuierlich und pastos, flüchtig und fixiert. Ich muss versuchen, sein Kalkül zu durchschauen und seinen Code zu knacken. Das wird sich dann sicher gut anfühlen.

27. Oktober 2025

Falstaff habe ich schon vier- oder fünfmal gesehen, nie hat er mir gefallen, eine Verdi-Oper ohne musikalische Höhepunkte wie Otello oder Macbeth; denk ich mir trotzdem: irgendwas muss doch da sein, ich werde noch einmal versuchen, das herauszufinden. Und siehe da: Dieses Mal hat es endlich geklappt! Schön ist die Musik doch, wenngleich höhepunktlos, und alle sind so wohlklingend und geschmeidig an der Wiener Staatsoper. Wenn alle Weiber so lustig und so raffiniert wären wie die von Windsor – und nicht so fade, schattenhafte Gestalten wie sie es in der Wirklichkeit immer wieder sind – gäbe es ja kein Patriarchat, von dem derzeit so ununterbrochen geredet wird. Mit Falstaff hat Verdi ein großes Loch gefüllt und der musikalischen Komödie endlich wieder einen neuen Auftrieb gegeben, den sie damals Jahrzehnte lang nicht hatte. Auch das Originalstück von Shakespeare ist zwar zeitlos beliebt, von Kritikern wenig geschätzt. Die Komödie hat einen schwereren Stand unter den so genannten denkenden Menschen als die Tragödie, denn sie lässt uns keine betroffene Miene machen und so tun, als ob uns die Übel der Welt tief ergreifen würden und so füttert sie eventuell unseren moralischen Narzissmus nicht. Außerdem ist die Tragödie eine vorwiegend abstrakte Aussage, während die Komödie konkret erscheint. Vielleicht muss man aber doch nachdenklicher und melancholischer und besser mit der Welt und der Kreatur connected sein, um eine abstrakte Komödie zu schreiben, als eine reine Tragödie. „Falstaff war ein witziger Kerl. Dick, gutmütig und leutselig wie er war, war er überzeugt von der Originalität seines Wesens“ etc. Warum versuchen wir nicht, die Komödie als den großen abstrakten Lebenszusammenhang zu sehen, und das Tragische als bloße konkrete Ereignisse, die aber nicht die Hegemonie haben? „Alles auf Erden ist Scherz, der Mensch ist als Narr geboren“. (Das ist natürlich auch eine tragische Aussage. Wie aber überwindet man die tragi-komische Doppelgesichtigkeit der Welt? Indem man, so wie sie, gesichtslos wird. Bzw. sein subjektives Gesicht wahrt, über das einen die Ereignisse in der Welt was angehen, und außerdem eine gesichtslose transzendente Allgemeinheit wird, die überall und nirgends ist, und die konkrete Ereignisse nichts angehen, auch wenn sie sie allgemein wahrnimmt.)

17. November 2025

Alice, die humanste und transparenteste Figur der Weltliteratur, navigiert durch das Wunderland, weil das meiste Menschliche ihr fremd ist. Sie kennt nicht Stolz und Scham; hat kein Sensorium für Macht und daher auch keine Angst oder sogenannte innere Unsicherheiten/Insecurities; sie ist nicht ablehnend oder kennt Ekelgefühle; sie ist respektvoll, aber kippt nicht in haltlose Bewunderung; sie ist neugierig und begegnet den sonderbaren Bewohnern des unheimlichen Wunderlandes weder mit Unterwerfung noch Überlegenheitsdünkel, sondern unvoreingenommen und auf Augenhöhe. Sie verhält sich mimetisch zu den Charakteren und ihren sonderbaren Gepflogenheiten und versucht diese zu erlernen, hört allerdings auch damit auf und geht weiter, wenn sie die Sinnlosigkeit und das Unbequeme dieser Gepflogenheiten erkennt.

Das Wunderland ist wahrhaft wunderlich, da man gar nicht weiß, wie man es kategorisieren könnte. Es funktioniert als Parodie auf die Individualität, die Gesellschaft, die Arbeitsteilung unter den Individuen und die Stratifizierung über Machtverhältnisse. Die Figuren sind verschroben und folgen eigenen Logiken, die zwar begrenzt sind, aber doch Logiken, insgesamt gelten im Wunderland Gesetze der Logik, der Mathematik und der Physik, allerdings einer alternativen Logik, Mathematik und Physik (und Biologie). Zwischen den Charakteren des Wunderlandes gibt es Kontakt, aber auch ständige abrupte Kontaktabbrüche („Hier sind aber alle schnell beleidigt“, wundert sich Alice). Es gibt auch eine gemeinsame Essenz unter allen Bewohnern, ein Universal: Hier sind alle verrückt. Vielleicht ist das Wunderland also viel mehr die tatsächliche Welt, wie sie eben ist. Wobei man die Gesamtheit der Welt ja de facto nur sinnbildlich ausdrücken kann, als Metapher. Oder aber, das Wunderland ist das Fundamentalphantasma der Welt. Im Wunderland gibt es keine reale Macht, ist die Macht nur eine Illusion. In der realen Welt ist die Macht auch nur eine Illusion.

Das Wunderland ist paradox. Das Paradoxe ist eine Widersinnigkeit, die einen tieferen Sinn zu enthalten scheint – oder aber diesen tieferen Sinn nur vortäuscht. An den Grenzen des Seins wird man an Paradoxa und an Aporien stoßen. Es gibt an den Grenzen des Seins ein Sein das gleichzeitig ein Nichts und gleichzeitig ein Werden ist; eine Abwesenheit, die gleichzeitig eine Anwesenheit ist; ein Leben, das gleichzeitig Tod ist. Willkommen also im Tao! Es gibt ein Ontisches, das gleichzeitig nur ontisches Potenzial ist und wenig Aussagen über das ontisch Manifeste erlaubt. Wie geht man also mit dem Sein insgesamt um? Indem man mit dem Paradoxen lernt umzugehen. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten, bzw. sehr viele, da sie individuell sind. Die Geist-Seele muss eben weiter werden als das Paradoxe, oder das Paradoxe in sich einbauen. Paradox bedeutet übersetzt aber eigentlich nur: „neben der Meinung“ sein. Alice steht immer neben der Meinung. Sie ist zwar lernbereit und verhält sich mimetisch zu den Meinungen, die im Wunderland herrschen, übernimmt sie dann aber nie. So errichtet sie eine Superposition über das Wunderland. In einer Art Kollaps der Wellenfunktion, die aus einer Messung des Zustandes erfolgt, verschwindet dann das Wunderland mit seinen Unheimlichkeiten. Übrig bleiben der superpositionale Geist und die Phantasie von Alice. Mit dem Imaginationsvermögen und der Mimesis überwindet man das Paradox.

Györgi Ligeti hat lange versucht, aus Alice im Wunderland eine Oper zu machen. Mit Le Grand Macabre hat er eine wichtige Oper gemacht, aber wie wäre die, bzw. wie wäre die Tonsprache von Ligeti mit Alice in Verbindung gestanden? Le Grand Macabre ist ein idiotisches Stück. Und die große Leistung von Ligeti ist, meiner Meinung nach, dass er in Le Grand Macabre eine adäquate musikalische Sprache für das Idiotische gefunden hat. Der Alice/Lewis Caroll Stoff kennt das Idiotische zwar auch, aber er ist ja noch viel mehr als das – und man weiß letztendlich nicht, was er genau ist.

Unsuk Chin, die bei Ligeti studiert hat, hat 2007 ihre Oper von Alice im Wunderland präsentiert und die wurde jetzt am Theater an der Wien zum ersten Mal in Österreich aufgeführt. Vielleicht ist mir der tiefere Sinn noch entgangen, aber insgesamt erscheinen mir die Kompositionen von Unsuk Chin solide: so auch ihre Alice im Wunderland. Das bedeutet aber leider auch: ein wenig beliebig.

Wie kann man aus dem Alice-Stoff überhaupt eine Oper machen? Ligeti ist daran ja auch gescheitert. Um einen fundamental mit dem Stoff verwurzelten musikalischen Ausdruck zu generieren, müsste man einen musikalischen Ausdruck für das Paradoxe schaffen. Aber kann das gehen? Das Paradoxe artikuliert sich zwar in einer Semantik, benötigt aber ein zusätzliches Vermögen (oder gar eine Kombination von zusätzlichen Vermögen), damit man es als solches versteht. Musik ist eine Semantik, die viele Möglichkeiten hat, Bedeutungen zu generieren. Aber sie kann wohl nicht ein zusätzliches, von ihr verschiedenes Vermögen sein. So (und zugegebenermaßen recht rudimentär) betrachtet, scheint eine tatsächliche Oper von Alice im Wunderland auch theoretisch unmöglich. Vielleicht könnte ein Komponist wie Lutoslawski aber eine gute Annäherung dazu schaffen.

26. November 2025

Gedanken zur Skulptur/Fritz Wotruba

Die Skulptur steht in weniger hohen Ehren als Kunstform denn die Malerei. Die Metaphysik der Skulptur ist die einer bloßen Anwesenheit, Präsenz, Materialität, Existenz. Sie ist eine schweigende Metaphysik, sie gibt keine Antwort auf die Frage: Warum ist Seiendes, und nicht vielmehr Nichts? Sie zeigt nur: Es ist Seiendes (wenngleich auch das eine metaphysische Aussage ist).

Wisse denn, Schwester! Die Struktur des Seins, die Struktur der Welt ist: Ein Motiv erscheint vor/in einem Hintergrund. Das höchste Bewusstsein, das erleuchtete Bewusstsein, besteht darin, dass es ständig zwischen Motiv und Hintergrund switchen kann. Das ist die Tiefengestaffeltheit der Welt, man nimmt sie wahr als ein ständiges Flackern. Dieses ständige Flackern zwischen Motiv und Hintergrund hat man in der großen Malerei. Auch die Malerei schweigt letztendlich. Aber es ist ein beredtes Schweigen, während das Schweigen der Skulptur ein schweigendes Schweigen ist.

Bei der Skulptur hat man notgedrungenermaßen nur ein Motiv, aber keinen Hintergrund, keine Eingelassenheit des Motivs innerhalb eines Welt-Zusammenhangs. Die Metaphysik der Skulptur ist die der inneren Tiefengestaffeltheit, der inneren Ausdifferenzhiertheit und Dialektik des Motivs, bestenfalls. Natürlich kann die Welt da mit hineinspielen. Aber sie ist nicht konkret darüber auffangbar. Sie erscheint nur negativ, als Abdruck.

In ihrer abstrakten Struktur von Motiv und Hintergrund erscheint die Welt, beziehungsweise erscheint sie übersetzt in ihren metaphysischen Raum, gleichsam zweidimensional. Mit ihrer wuchernden, sinnlos sich ausbreitenden Dreidimensionalität versaut die Skulptur gleichsam den metaphysischen Raum. Sie gehört da nicht hin. Vielleicht sollte die Skulptur gar nicht ernst anfangen, echte Kunst sein zu wollen. Vielleicht sollte sie sich darauf beschränken, Gebrauchskunst zu sein.

Beim Gemälde symbolisiert die leere Leinwand die reine Imagination, über die im Schöpfungsakt was heraustritt, emporkommt. Damit scheint das Gemälde unmittelbar als eine geistige Schöpfung, als ein geistiges Ereignis. Die Skulptur entsteht aus der Bearbeitung von beliebigem Material (das normalerweise an und für sich ein Material für Gebrauchsgegenstände ist). Das Material ist rein physikalisch, nichts Metaphysisches und Ahnungsvolles wie die Leinwand. Seine Bearbeitung erscheint gleichsam wie ein roher, körperlicher Akt.

Dass das Gemälde als etwas vorwiegend „Geistiges“ erscheint und die Skulptur als etwas vorwiegend „Körperliches“, dünkt als etwas sehr Ungerechtes (da außerdem die Skulptur auf Skizzen beruht), aber es ist so, und dieser Eindruck, die Konnotation, lässt sich nicht ändern.

Dann aber scheint mir die Imaginationsleistung, die hinter einer tollen Skulptur steckt, eigentlich noch höher und anspruchsvoller, rätselhafter und schwerer zugänglich als die hinter einem tollen Gemälde. „Toll“ ist keine metaphysische Kategorie. Und zunächst einmal aber sollte Kunst toll sein. So wie die Kunst und die Skulpturen von Fritz Wotruba toll sind. So was könnte ich in einer Million Jahre nicht und ich würde da auch nicht draufkommen und ich weiß auch nicht, wie man sich das erarbeitet. Offenbar denkt jemand wie Fritz Wotruba in mehreren Dimensionen wie ich. Denke ich mir immer: „Ich sehe den Raum.“ Aber eigentlich sieht ja er den Raum.

Marina Abramovic and Performance Art

Your DNA is galactic. You have come to Earth from a distant galaxy for a specific purpose. Your purpose is to help people to overcome their pain and grievances.

Shamanic oracle Denise from Curitiba to Marina Abramovic

Otto Muehl derided performance art as something bourgeois and insipid. Otto Muehl was a bad person, but as an artist he displayed considerable boldness and intensity, therein he has some credibility. The Viennese Actionists championed performance art themselves, yet with a definitive anti-bourgeois thrust. Performance art is something quite diverse and a territory with fuzzy borders. Forerunners of performance art have been the works of artists as diverse as Alan Karpow, John Cage, Joseph Beuys or the Fluxus movement. As an art form, the Happening was the direct forerunner of performance art, often these Happenings originally would take place only in the inner circles of the artists themselves. They were some sort of experimentation and stemmed out from ad hoc ideas and they already took place in the 1950s. In the 1960s and 1970s there came structural transformations within and around the art domain. Painting seemed to have come to an end and exhausted in its inner possibilities; at least it would become ever more difficult to be highly original and avant-gardist as a painter. The separation between the lofty sphere of art and the “mundane world”, between Kunst and Kitsch, between high art and popular art became blurred. The political entered the domain, notably also the “voices of the oppressed”, art became open to “gender and diversity”, a move that was also directed against the notion that there could be a “master narrative” that dominates art, as has been exercised by the various avant-garde movements before. Also “low art”, popular art, became more sophisticated at this time and legitimately reached into the domain of high art, notably as concerns popular music (and popular musicians like Laurie Anderson or Glenn Branca would also be performance artists). Theater and dance moved to new terrains that would become osmotic with performance art (and vice versa). Alongside with questions of gender, identity and the hitherto oppressed, also the body entered the “spiritual” domain of art and would become a means of expression as well as an entity under investigation. Within this potpourri performance art emerged and solidified. Performance art is diverse. It violates borders between disciplines, genders, social stratifications, ethnicities, between the private and the public sphere (with both becoming more and more a sphere of staunch political articulation), between the intimate and the exposed, between private and public persona, between spirit and the body. In such a way, performance art is truly experimental and questioning. It does not give answers and solutions, it throws up things. It unsettles and discomforts. It is, in a way, also articulation and expression in itself: it does not present the result of an artistic articulation but the process and performance of articulation (which does not rule out that performances come with clear and distinct messages, yet usually the messages are ambiguous or there are no messages at all – which means that performance art does what art should do: open up the space for imagination). Performance art may be enigmatic; and art may be (and should be to some degree) enigmatic. Performance art also often is transgressive. I use to say that art should strive for transcendence. I.e. that, through immersion in itself, imagination should become so purified that the Geist finally meets the Geist itself. Out of this comes the magic touch that manifests as great art. Yet in the 1960s and 1970s the natural “line of flight” was not transcendence, but transgression. In the end, transgression is something weaker and more reduced than transcendence. And so, also performance art is not the strongest form of art, or the high point of art, as it results. There is good performance art, but performance art also establishes a domain where stupidiy and incompetence may flourish. It lowers the barrier for that which is considered as legitimate artistic expression and now we have resulted in living in an age of the low hanging fruit for wannabe artistic expression. Of course nobody would want to miss performance art though. It has expanded our horizon and our understandings and our means of expression. Despite performance art having become some kind of a formula long ago, performance artists may not qualify as sellout artists. Immaterial art does not sell well, and the rich people hardly invest in immaterial art. However, there is the problem that in contemporary art, art or an artwork has become some kind of mere installation or intervention. You place something in the corner what should not be there or would not be expected there. This is then considered to be an artwork. That will attract attention, however it may make little sense apart from that. Therein, the artwork is threatened by degenerating into some kind of empty peculiarity. This is a development that lies along the trajectory that also includes performance art. And may easily manifest in performance art itself. Mediate on this.

Marina Abramovic with the Austrian Decoration for Science and Art in 2012

Marina Abramovic, the Grand Dame of performance art, has no bourgeois roots at all. She comes from communist Yugoslavia, and both her mother and her father were staunch partisans; her father even was close to Tito (although he would later fall out with him). Her upbringing was harsh, especially her mother was brutal to her, and she hated the dullness and uniformity of Yugoslavian socialism. Yet the physical pain she endured and the risks she exposed herself to in her performances may be related to the hardening and inurement she experienced in her early days. In the 1970s and 1980s she would cooperate with her partner Ulay. They would make performances together where they hit each other, screamed at each other or mistreated each other up to the point of exhaustion. In her solo performances of that time, Marina Abramovic inflicted pain on her body and exposed herself to dangerous situations. In Rhythm 0 she would give anyone permission to treat her and carry out things on her as the person would like. While noting happened for a long time, the situation gained momentum after a while and finally nearly escalated as someone threatened to shoot her. These people would later regretfully claim that they never wanted to do such things to her and cannot tell what happened to them: yet it was a lesson in social mimesis, and the provocation Abramovics´s silent and enduring self-exposure would cause on others. Abramovic´s performances would – tacitly or openly – usually include the audience, which also means that their results were open and unclear. Ulay and Marina would also come into contact with people from very different cultures and their spiritualities. Notably, they spent a long time among Australian Aborigines and embraced much of their culture. In her artistic career Marina Abramovic would come into contact and spend time with buddhist monks, indigenous people from South America, Sufis, and she would meet the Dalai Lama. She made performances inspired by these cultural exchanges and also in favour and on behalf of these groups, to raise awareness for their issues and grievances. As a true artist, Marina Abramovic is a spiritual person and wants to use spiritual tactics and knowledge to come to a state of clear consciousness. Her art is also about what art should be about, namely situating man in the wider world and how he is connected to the wider world. Her art is about the problem of pain and overcoming pain through compassion and sympathy. After years of preparation and a politics of blockade by the Chinese government, Marina Abramovic and Ulay made their ultimate performance in 1988, where they walked in the direction of each other from the opposing ends of the Chinese Wall. Originally, when they would meet in the middle, they intented to marry, instead they ritualised their final separation, as they have become estranged over the years. After the separation from Ulay, Marina Abramovic´s work would become more object-orientated. She would create “transitory objects” with which the audience can operate. Yet primarily she would continue to do performances that would become mixed with other media. Balkan Baroque was a performance about the Balkan war, for which she received the Golden Lion at the Biennale in Venice in 1997; House with the Ocean View was a huge performance where she lived, visible for everyone, in an open house in a museum and made her daily routines. She would finally become a world figure with her performance The Artist is Present at MoMa in 2010, where she endured sitting motionless in a chair in front of individuals from the audience each day for 8 hours over the course of 3 months (which is extremely demanding for the body and she received training from NASA specialists who train astronauts for missions in space extensively before). They then would gaze at each other. The important lesson to be taken is that Marina Abramovic seemed to experience that most people do not look into themselves, try to shun their interior from consciousness. This would then become apparent when they try to concentrate on another person who kind of serves as a mirror for themselves. This would make them uncomfortable. Although they may be based on very simple or seemingly nonsensial ideas, Marina Abramovic´s performances hit the nail – even more, they hit a nail where you haven´t noticed a nail before. They are effective. They actually demonstrate that The Artist is Present. That may be a quality in itself, and a quality that cannot be effectively demonstrated by other or more traditional art forms. It has been criticized that the boldness and immediacy of performance art, and its obvious shock effects, may indeed be effective and make an impression on the viewer, but that true art opens up space for reflection afterwards. Which is what performance art, and the art of Marina Abramovic, does rather not and has little to offer in those respects. And indeed, that´s a problem. However, it may not be a fatal problem as other qualities of the artwork take over and make sense. You may say that beauty or the sublime may be what should be expressed in art. But art may also express intensity, immediacy, coolness, boldness, presence, materiality. Also these are qualities in this world, and art may do right in trying to express these qualities per se. It needs to be noted that Marina Abramovic is not only a performance artist with a limited range, but that she is actually more comprehensive. Her images, videos, photographs like The Kitchen, The Current, Four Crosses or Nude with Skeleton are tasty and well-arranged. She has a sense for aesthetics. And, in the end, some of her work, either material or non-material, has iconic qualities. If you sum up all of this, her art makes quite a lot. Finally, art should engrave itself in the universe, leave a trace in memory and existence. Or, as they say, art should “make a difference”. That is what Marina Abramovic has achieved with her art. I personally like the most her performance where she made a confession to a donkey and that one performance where she has masturbated audibly in a den beneath the floor of a museum. The performance took several hours and she came 8 times. In 2024, at the age of 77, Marina Abramovic made a performance at Glastonbury music festival in England where she managed a huge audience to remain silent and in a spirit of medidation for seven minutes. That seems no mean achievement, and maybe it was what she called it herself afterwards: a miracle. She has a commanding personality, but in a cool way. She said that she needed all her life experience to become like this, of course. But either way, Marina Abramovic is identical to herself. She is very real. Finally, there is goodness and compassion, self-assuredness and bravey inside her, and she radiates these qualities. They establish her charisma. Some say, or suspect, that Marina Abramovic is a vain egomaniac (though, at least, a likeable one and one whose self-exposure and exhibitionism should be excused for the sake of the purpose). I have read her autobiography and I have seen some interviews with her, and she appears to be a pleasant and humble person. I can recommend her autobiography. Unfortunately Marina Abramovic did not come to Vienna and so I could not cheer her up with regards to her nose.

PRELUDE TO A NOTE ABOUT MARINA ABRAMOVIC July 27 2025

Naturally I was thinking that Damien Hirst must be an airhead, and that is what you seem to get again at the current exhibition in Vienna. In the olden days, art was an enterprise that involved great intellectual depth. Nowadays, it is mostly some smart superficiality. In autumn at least we shall have an exhibition celebrating Marina Abramovic. That´s why I am reading her autobiography right now. She seems to be a likeable person. In her autobiography she occasionally reveals that she feels embarrassed by her formidable nose. But that is how women usually are, unless maybe they have reached some state of ultimate, transcendent perfection in an aspect (or not even then…). I, by contrast, find her nose somehow cute. Maybe Marina Abramovic will come in person later this year. I will then tell her that her nose is cute and nothing to worry about. Most likely, she will flat out deny that. Because that´s how women usually are. I will then try to cheer her up, tell her that her nose is charismatic and therefore makes her more beautiful. To which she will most likely respond somehow like “Eek, no”, … and so on. This will then be my conversation with Marina Abramovic, a conversation between two of the most important living artists today.

The Passion of Simone Weil

I´m suffering in ecstasy

Slowly dying inside my body

Locked away with no escape

Finding pleasure within the pain

Six Feet Under, Suffering in Ecstasy

The Lausiac History, written by Palladius, Bishop of Helenopolis, in 419 – 420 AD, gives worthwhile testimony of the peculiar lives of monks, hermits and holy (wo)men in early Christianity. Particularly it offers reports and biographies of the Desert Fathers and Mothers of Egypt and Palestine, a specific culture of religious hermetism of that time and in that place. About Adolius for instance it says that he chose a way of life alien to ours. His asceticism was beyond human limits, so that even demons were afraid of his austereness and did not dare to approach him. Because of his refusal to sleep one could have considered him a ghost himself. The Lausiac History also reports about a woman named Alexandra who chose to live inside a tomb as she was afraid that her beauty could upset men and despiritualise them. When asked how she could stand the boredom of such a life she responded: In the morning until 9 I pray every hour and I spin linen, afterwards all my thoughts are dedicated to the holy prophets, patriarchs, apostles and martyrs. When I have eaten my bread I rest and think about my own end. Centuries later Islam developed a mystic strain, Sufism. Sufism developed its own particular culture and it produced mystics, holy men, poets, scholars and sages of the highest order. It is a very intelligent and sublime religion. Schopenhauer called Sufism “something very beautiful”. Ibn Arabi (died 1240) was a towering figure of Sufism. In his writings he also reports about the Sufi eccentrics of his time. About Abu Ali Hasan al-Sakkaz for instance he writes: He had a supreme intellect, a pure heart and he did not hold grudges against anyone. He did not understand humans very well and he could not imagine that there could be anyone in this world disobedient to God. And about Abu Abd Allah al-Hayyat he tells us: He wept easily and often, he remained silent for a long time and was always filled with sadness, he ruminated a lot and he would utter sighs at any time. I have never seen anyone more humble … He bantered with nobody and he socialized with no one. He was free from hypocrisy and he would offer good advices. He did not flatter anyone and he did not quarrel … I have never seen that he approached anyone, and when someone approached him, he would only respond in case of absolute necessity … Of all the men I have seen I never wished more dearly to be like anyone than I wished to be like him. As it may seem, in ancient, primitive times there were more uncommon personalities around than in our today´s sophisticated “individualistic” age. Of course we do not know how much in these reports are exaggerations, since they likely not only want to offer testimony but also want to make propaganda for their religion. The point is to illustrate that there are cultures that produce life models and personality types very unfamiliar to those we are used to today and that they may produce radical social outcasts that are nevertheless part of the culture, ingrained in the greater cultural context, and revered and respected by the common population. In our contemporary spirit of (pseudo) acclamation of diversity, we might still be astonished of how diverse and different from us humans may actually get.

All men are peculiar. Some men are more peculiar. Simone Weil was among the most peculiar of men. Was she a genius or an oddball? A saint or an egocentric? A philosopher or did she not care for systematic philosophy? Was she deep-rooted or did she try to erroneously align herself to phantasmas? Did she hunger for salvation and liberation or did she indulge in suffering and pain? She was a wanderer between worlds, a “nomadic thinker”, yet in a much more radical and practical sense than in the Deleuzian sense, who would appear, like most of the other radical intellectuals of France like Sartre, Foucault, Baudrillard or Derrida, like a saturated, ponderous university professor when compared to Simone Weil. Simone Weil did not fit into any kind of society. Due to her radical intelligence, or due to some kind of sophisticated, morbid stupidity and obstinateness that was inside her despite her intelligence? She died early, at 34. That could have been different, of course, but also seems somehow logical and consequential to her impossible lifestyle – and even some sort of grace coming down on the tortured soul. By the time of her death, she was, as a quasi-mystic, already enraptured and taken away by the “supernatural” and the otherworldly, yet at the same time she wrote her (unfinished) main oeuvre The Need for Roots: which is about living the correct life in this world. Heck, we do not even know whether her body of work has to be considered a torso at best or a philosophy that has, in its basic premises at least, managed to more or less fully mature, so that everything that would have followed would have been Parerga and Paralipomena. Was Simone Weil not convoluted at all but, in its plain simplicity, a true messenger of the absolute? She remains an enigma. The absolute is enigmatic as well. Well, that coincidence should make you think for a moment. But now, let´s go.

Simone Weil was born in 1909 in Paris into a sophisticated, secular, liberal Jewish family. Her elder brother, André, would later become one of the most important mathematicians of the century (and died many decades later, in 1998). At some point in her youth, she desperately envied the talents of André, considering him one of the very few of men able to enter that transcendent kingdom where ultimate truth resides; a kingdom of ideals that she considered inaccessible to herself and most other men at that time (although later she would relax and consider the realm of ideals accessible to anyone who strives for access). Yet her own intellect was sophisticated as well. Her IQ was likely above 170, creating that rare intelligence that is actually free-floating and more or less detached from anything else. She and her brother became well-educated, and educated themselves, in literature and science early on. Her relationship with her family was actually close and warm-hearted, but there were also conflicting tendencies on her own behalf, and she ultimately lived and died mostly alone. As a prodigious student, she got educated by Emile Chartier aka “Alain”, one of the most charismatic intellectual figures in France at that time (Alain was very fond of her and (respectfully) considered her a “woman from Mars”). Like Sartre a generation after him, Alain was dedicated to the full liberation of man from the obstructions of society. Simone Weil would follow him, yet what she rather aimed at was liberating man from suffering and injustice. At first, she despised the colonial system – and any kind of nationalism all along. She would then become attracted to anarcho-syndicalism. Yet although the French anarcho-syndicalists were surprisingly educated and sophisticated people, their understanding of society was inadequate, and their economic base, a national economy being dominated by small scale business, finally eroded away. Big capital went in. So Simone Weil became attracted to Marxism. At that time she was a teacher for students at the Lycée, but increasingly came into trouble due to her pronounced nonconformism and her political radicalism. She would then give up her position and go to work in factories, to get to know the true living conditions of the working class at first hand. In the factories she would encounter an inhuman, mind-destroying environment (later she would also work as an agricultural worker in the countryside and make similar experiences). When the civil war broke out in Spain, she volunteered and joined the republican forces. There she would make traumatic experiences as well, as she witnessed how the republican left, supposedly fighting for the good, degenerated into exercising violence and cruelty all the same. Her observations on how such degenerative behaviour can spread like a disease, and how people mimic other people in general, are important observations on social mimesis. They would later be hugely influential for the philosophy of her compatriot René Girard. On these occasions Simone Weil would lose faith in humanity. Those who seemingly, or actually, fight for the good and for liberation, might degenerate into something sinister, power-hungry and evil; the workers she encountered in the factories she described as surprisingly nice and friendly, but they were no revolutionaries or idealists, in a way, they were just mundane egoists of their own kind. Moreover, the great experiment in the liberation of a people, the Soviet revolution, had long turned into a nightmare and into one the most brutal dictatorships in history. When she personally encountered Leo Trotsky in her parent´s apartment in Paris, she confronted him with her criticism, something that the intellectually intimidating and rhetorically brilliant Trotsky would not experience very often in personal encounters. But Simone stood her ground (to her luck, she did not actually live in the Soviet Union at that time, as she surely would have openly criticized and challenged Stalin as well). She also became critical of the great structural, theoretical approach of human liberation, Marxism. She sorted out that many of the claims Marxism makes and claims to be scientific are in fact ideologically motivated expressions of wishful thinking at best.

Yet at the same time Simone Weil made very different, opposing experiences: she would encounter the beauty of the world, which she would soon acknowledge as something divine. When she made journeys to Italy she was struck by the beauty of nature and culture, notably when associated with religion. She went to Rome, Florence or Assisi; as manifestation of pure beauty she found Umbria. Contrary to what she seemed to experience all her life long – that the empirical world and the human realm was “irrepairably” broken – it seemed to come as a relief to her that the world – at least from a transcendent perspective – was indeed not broken, but in harmony. Enthusiastically as ever, when she encountered something new and promising, she equated beauty to truth: We love the beauty of the world, because in beauty we sense the presence of something that is close to truth, which we want to possess to satisfy our need for the good. Substantiated in this way, beauty and truth almost naturally become something sacred: What beauty is for things, sacredness is for the soul. The sacred and the divine is otherworldly, and soon Simone Weil concludes that the beauty in this world refers to the existence of an absolute good, which is, nevertheless, outside of this world. There is a truth that is transcendent to this world, transcendent to space and time, transcendent to the intellectual world of man, transcendent to the realm of human capabilities. This truth equates in the innermost heart of humans the demand and requirement for the absolute good, which lives in the human heart, but never finds its destination in the human realm. Without actually being a mystic, Simone Weil became something close to a mystic, and without being religious, she came close to religion. She began communicating and sharing her thoughts with men from the church, notably with the intellectually outstanding Padre Perrin, who became her intellectual and spiritual man of confidence in her later years. Yet at the same time her turbulent life became shaken in the ultimate way: when World War II broke out and France got defeated quickly. Simone Weil had been in Germany already in 1932 when she wanted to witness the uprise of the Nazi party with her own eyes. As a Jew, she now had to flee to the unoccupied part of France in the South. After a while this deemed too insecure as well, and so she settled for London, where she joined the France Combattantes, a kind of Resistance in exile. Her strong desire became leaping from the sky with a parachute and joining the Resistance or the fighting French soldiers on the front as a front nurse or as a clandestine wireless operator. Yet she was dismissed, General de Gaulle, who oversaw the operations, considered her a “lunatic”. When the commanders finally became more open towards her, her health declined. She suffered from tuberculosis. As her condition went downhill, she refused to eat more than the daily dose granted to the people in war, which aggravated her situation once again. In August 1943 she died in a hospital in London.

She published little during her lifetime and remained unknown. Most of her writing was written for the purpose of reflection and she kept it to herself. After her death her work became gradually published. Her influence rose and she even became fashionable and trendy. While she was ultimately on her own and belonging to a social group that solely consisted of herself during her lifetime, she radiated in multiple directions posthumously. She was a philosopher – or at least a philosophical writer – and an intellectual, and specifically in the post-war era there was a desire for intellectuals. She was inspiring for religious people, even for Pope Paul VI, who considered Simone Weil as one his three greatest influences. She was a tragic genius, and the more tragic and solidary the life of a genius, the more charismatic and interesting he usually becomes in the afterlife to the public. She was extreme, and that naturally attracts attention and curiosity. She was an existential figure, she had truly lived and experienced the horrors of her especially turbulent lifetime – and deliberately exposed herself to them. There is also a fascination for the dark, the morbid, the insane, and she radiated into these directions as well. She is a somehow gothic figure. A social revolutionary, even an heroic one. She was not a mere theorist but deeply dived into the muddy waters of practice. She was brave, strong and uncompromising. While some intellectuals, like Susan Sontag or Jean Amery, were dismissive of her, others, like Heinrich Böll, had such a high respect and felt intimidated by her even after her death, that they barely dared to write about her. Others, like Gabriel Marcel, (respectfully) admit that the more you dive into her work and biography, the more she seems to withdraw into mystery. That naturally exercises an undertow that attracts and sucks in (although, because of this, she might also eventually frustrate). After all however, Simone Weil has remained a matter for specialists up to that day. She has not achieved the status of a major female intellectual like Hannah Arendt (yet also her work is more dispersed and fragmentary). But more than Hannah Arendt, Simone Weil continues to haunt as an overall enigma.

I feel that it is necessary for me, that it is imposed on me, to remain solitary, a stranger and an outcast to any kind of human society and milieu, she confessed.Indeed, this is the most defining and most undisputed characteristic of Simone Weil. Her radical intelligence set her apart from almost anyone else. But her equally intelligent brother became a well-established academic and he led a long happy marriage. He died at age 92. Simone Weil was a radical nonconformist already as a child and in her youth. Yet not only in a flamboyant way. Despite her great admiration for beauty at least later in her life, she dressed herself distinctly unfashionable and it seemed that she even wanted to make herself look unattractive. At least in her youth she wanted to be masculine, and maybe therefore developed the habit of chain-smoking. She also wanted to play Rugby (which did not work out, as she was far too petite for that). Smoking was however the only luxury and vice she granted to herself. All her life she lived a spartanic life. She did not even eat very much and was borderline anorectic. An explanation for anorexia claims that refusing to eat is rooted in the desire to become independent from the parents, notably from the mothers that feeds (especially if they claim too much space in one way or the other in their offspring´s life). Simone had a good relationship with her mother, but her mother could also be dominant, although in a sweet and caring way. Would it be an overreaction to develop anorexia because of this? On the other hand, her “anorexia” might just have been a thing in itself. Maybe she did not have great appetite and she did not enjoy to eat: and that was that, with no further substance beneath the surface. In general, one is prone to ask whether her lifestyle – and her altruism – stemmed from self-negation: and that self-negation from self-hatred? The old story of the ascetic person that is driven not by love, but by ressentiment? Self-negating Simone Weil truly was, but there are no signs that she despised herself. When she was 3 years old, she refused to take a ring as a gift from a cousin with the explanation: Luxury is something I don´t like. So obviously this self-negation, or (maybe better) retraction of herself and modesty was deeply rooted in herself and some kind of basic hardware in the wiring of her brain. While Simone Weil made grand gestures to embrace humanity, she remained dismissive about her own group, the Jewish people. In line with antisemitic verdicts she considered them vulgar and materialistic, qualities she naturally abhorred. One of the more astonishing, actually outrageous elements of her writings and biography is how she remained accusatory against the Jews when the persecution of the Jewish people in Nazi Germany was already in full bloom. Simone Weil was a frail and not a very healthy person. From the days of her youth she suffered from a chronic headache. To Padre Perrin she confessed: It is my innermost wish not only to lose any will but any sort of egoity. This, and the desire to become “objective” (and, therefore, “true”), is part of the intense intellectual, spiritual or artistic experience. You need to be the right person to come to eccentric ideas like this though.

The astounding feature of Simone Weil is her deliberate exposure to pain and suffering. In her school days, when she heard the news of an earthquake hitting in China, she broke out into tears. That is a very unusual behaviour. But it obviously is for real. All men are, more or less, empathetic. Some are more empathetic (it says 2 percent of humans are super empaths). Simone Weil likely was very on top of empaths in this world. Her empathy would also explain best why she actively sought to share the same experiences like workers, combatants in war, victims of war and all kinds of the oppressed and the unfortunate. Some intellectuals like Susan Sontag suspect a pronounced masochism in Simone Weil. And indeed, there seems to be something morbid in her strong self-exposure to human suffering. Lust and pain form a pair that is inseparable, Simone Weil herself once noticed. However, this does not mean that Simone Weil was a masochist, or that masochism was at the core of her respective behaviour and sensation-seeking (she also obviously was not a sadist, which is a characteristic that masochists usually also possess (although, upon reflection, her persistent negative remarks on humanity might have been some kind of intellectual sadism)). At best, her “masochism” was an emergent quality. Indeed, she seemed to enjoy her hardship and her self-inflicted suffering. But she did so because that brought her in line with the unfortunate and it gave meaning to her existence. It fed her empathy for them. And it fed her natural desire for self-negation/retraction, in order to give space and room to the other. Empathy however is not the same thing as sympathy (and Nietzsche, for instance, wanted to do away with his pronounced disposition for empathy and compassion, because, in a way, he did not have so much sympathy for humans). Some observers doubt how much altruism and sympathy there was actually behind and a strong motive behind Simone Weil´s apparently selfless behaviour. To some it seems that the mysticism of her later years was egocentric. When she became frustrated that she could not “save” mankind, she withdrew from the human realm and wanted to save her own soul. And, to think this further: that might just have been the way it always had been with her and her altruistic engagements. However, this negates that the Simone Weil turned mystic was a also Simone Weil desiring to go to the ground and fight in the World War until she did her last breath (yet maybe: this might also have been only, or mostly, a quest for giving her own life meaning…). A central concept to her moral philosophy and practice is that of “attention” (Attention/Awareness/Achtsamkeit happens to be quite a popular concept today). Attention is the faculty with which we can truly connect to others and actually listen to others and develop an understanding for them (without making them a projection of our own moral fantasies). She thinks highly and, in a way, elitist of it: The ability to show attention to a sufferer is something very rare and very difficult; it is almost a miracle; it is a miracle. Almost all of those who think they possess this faculty do indeed not possess it. The warmth of the emotion, the readiness of the heart, compassion do not suffice. Attention however is quite the same as empathy; and as super-super empath it would appear somehow natural to her that practically no one in this world can rival her in this domain. However, is attention/empathy actually (or always) what it seems to be? Only attention is required from me, an attention that is so consuming that the ego disappears. This is what empaths like to think and how they tend to flatter themselves with their “egolessness”. But what if empathy is also some kind of sensation-seeking to feed specific needs of the ego – and therefore an instrumentalization of others Simone Weil so carefully tries to avoid? We cannot tell – and how much empathy is egoistic or altruistic will vary from person to person of course. Yet empathy and trying to truly listen to others does not require that you like the other. Empathy might not be the universal and all-encompassing moral faculty (if such a thing even exists, since moral and ethics eventually seem to require a bundle of faculties, and not just a singular categorial imperative or anything of that sort). Simone Weil at least was only partially fond of other people. Your qualities might indeed isolate you and set you apart from others. But it is finally you yourself who chooses to be a loner, as was the case with Simone Weil. With her family she was both close and distant. Her proximity to figures like Alain or Padre Perrin mainly was based on intellectual resonance. There have not been serious romantic involvements in her life. Apparently she did not even have friends. She did not consider herself likeable and reacted with astonishment when somebody happened to like her. She spoke in a monotonous voice and tried to drag anyone she would conversate with into merciless intellectual discussions. (Also her writing style is of that monotony. Therefore it is sometimes difficult to follow her with attention. Her writing style is not exactly that of a genius.) She obviously was not a funny or a casual person to be with. However, when she was a teacher at the Lycée she was remembered as a teacher who took great care of her students and who managed to bring the contents of instruction to life. For this however, empathy is needed (not necessarily sympathy).

Since my childhood I sympathized with those who tried to help the oppressed and the despised in the hierarchy of a society, until I had to acknowledge that their behaviour was as such as to destroy all my sympathies for them. Extremely sensitive to oppression and injustice, Simone Weil would dedicate her life fighting oppression and injustice and try to create a world free from it. Yet the many left-wing political movements she flirted with she finally found to be grossly inadequate to achieve such ends. She has a point in there, and more than just one. Revolutions produce horrors of revolutions, and horrors of a new order that might be just equal or even worse than that of what they intended to overcome. Already in theory (and in practice) many revolutionaries´ attempts might not be the liberation of “mankind” (although they might think so, deluded by their feelings of grandiosity), yet just the exchange of one power principle (e.g. the bourgeoisie) with another (the proletariat). Yet beyond that Simone Weil did never show a great understanding for social and political realities. Somehow you have to organise a collective and try to conduct and align people´s behaviour. The bigger and more heterogeneous the collective gets, the less fine-tuned to individual needs, the more oppressive the organisation against the individual will likely become. This would also, and specifically, go for a “completely new society”, starting from scratch. This is the dream of any revolutionary. Yet in their dreamy state it rarely occurs to them that the less (well-established, experienced, socially accepted) institutions there are, the higher is the need for installing new ones (that might easily lack any of these qualities). And so, the higher the attempts of actual revolutionaries were to start a new society from scratch or via cultural revolutions, the greater were usually the horrors they inflicted on the population (with the bottom of it all being the Khmer Rouge regime in Cambodia). In a way however, Simone Weil saw this well. In her ruminations on Marxism and on the nature of oppression she refuted a basic Marxist idea (or sentiment): that the further the advances in science, technology and “productive forces” will get, i.e. the more liberated man will get from the oppression through nature, the more liberated and transparent society will become. Instead, she argued, the more liberated man will become from nature, the greater will be the need for organisation and institutions that will be oppressive and alienating in other ways (the Marxist idea that the development of the “productive forces” will smash or transform capitalism into socialism she considered unscientific). These other ways also include that technology and the need for organisation will become such a big thing that no one will be able to oversee, understand and control it: another insight where she proved ahead of her time (Marxists would argue that in socialism technology will be in the hands of the workers and not only of the capitalists, and therefore technology will become transparent and a mere tool to humanity). It is astonishing to see how detailed and insightful she dived into new developments in society and industry, in the world of labour and work, and how, in a way, she anticipated and pre-empted the cultural, sociological and civilisational criticism of the Frankfurt School and critical theory more broadly that would only surface in later decades. However, she anticipated also the Frankfurt School´s own hermetic totalitarianism of the perspective: by refuting practically everything that exists, and organisation per se, as “oppressive” and “alienating”. When man liberates himself from nature, he will do so via culture. And like the Frankfurt School Simone Weil becomes prone to see culture predominantly as an oppressive and alienating force (so at least you have it in some chapters of the Dialectic of Enlightenment). In The Need for Roots she outlines her approach via illustrating the oppressive nature of the historical expansion and deepening of the French state over the centuries. Due to its vast territory, the century-long creation of the French state was indeed cruel and oppressive (like in many other places as well). Local traditions, in which people were (supposedly happily) “rooted” often had to be eradicated. People got uprooted and alienated – or got extinct. Or at least their culture and cultural breathing space got extinct. Though not in a universal and one-dimensional manner, yet overally Simone Weil mourns these developments, and sees a somehow anthropological crime in them (yet also a crime rooted in anthropology). She is not equally open to the notion that such an expansion of culture, institution and organisation is also enriching, empowering and productive – or will produce new possibilities for roots. In a way she shares the specific arrogance of Adorno et al. in all too easily condemning the living conditions of ordinary people as dull and oppressive and being guided by “false consciousness”. She also advocates that the only progress by overcoming oppression and alienation will be when organisation allows for greater individual space, for greater space for manoeuvre for the individual. What we know in advance is that life will be less inhuman the greater the capability for individual action and thinking will become. Yes. But this also is the desire of the competent individual, of the intellectual individual. (Further) Emancipation is the usual desire of those who already reside securely and safely on a higher plane and social stratum than that of mere mediocrity or inferiority. Those less fortunate and well-equipped will rather desire security, stability and predictability. This is something left-wing intellectuals use to struggle a lot to understand up to that day. In The Need for Roots, one might say so, Simone Weil however actually understood that very well. But she missed the point on other occasions. One of her later political ideas was to do away with political parties, as they are alienating and prone to corruption as well. However the political process and collective decision-making will always require for parties, for the organization of political wills into collective parties. Implicitly Simone Weil politically turned into an anarchist (and actually has been one all her life long). It was her quasi-dichotomous perspective on the world between a pole of “oppression” and one of “liberation” that made her somehow blind that in reality there are many nuances and that there is a continuum between these two qualities, an interplay and dialectics between them, so as that at times both may become virtually indistinguishable. Simone Weil was a very political person, but she did not see the world from a political perspective, but from a (lofty) moral one. Because of her frustration with politics, as it might be assumed, she tried to find refuge in the realm of “pure” morals, and, therein, in some kind of religion. The more of a theist she became as a person, the more she became a political atheist.

Life never had any other meaning for me than the expectation and the prospect for truth (…) I always carried the fear in me not to miss the mark of my life but to miss the mark of my death… Indeed, Simone Weil cared a lot for truth. Yet even more she cared for virtue and moral. Her personal tragedy was that she could not stand the truth that the world was not a moral phenomenon. So she became otherworldly, as it appears. She discovered the absolute truth of the Cross. „Give me a fulcrum on which to stand and I shall move the world.” This fulcrum is the Cross. There cannot be any other. The standing point needs to be where the world and where that what is not the world, intersect. This standing point is the Cross. The Cross is where the natural world and the supernatural world meet. As she could not find the absolute good in the empirical world, Simone Weil transferred to locus of the absolute good in a supernatural world and in a transcendent sphere. She even insisted that the absolute good solely resides there, beyond the reach of man, and that it actually also does not interact with man and the empirical world. In substance, this must be all true. Since the “absolute good” is not an empirical but a theoretical and eschatological term, and therefore solely inhabitates the realm of ideals. Simone Weil however, like many other melancholic or depressed idealists, shunned herself from the notion that the ideal sphere of morals is not impotent in the empirical world but massively penetrates into the empirical world. In the empirical world we are quite obsessed with morality and making moral claims and judgements. In fact, it is the empirical world where moral alone is situated. The supernatural quality of morals is a hoax. However, as true morals constantly seeks transcendence over itself at any given state, it is not a meaningless hoax, but something that makes “true” moral reside above the mundane world and mundane humanity. True morality IS an ideal, an imperative that exercises a calling. And as such a calling it is also understood by Simone Weil. The only mediation through which the Good can step down to the human world are those humans whose attention and love are firmly directed to this transcendent reality. Although the supreme good cannot be reached by any faculty of man, man has the power to dedicate his attention and his love to it. Again, it is “attention” (empathy) that makes man fit for receiving the calling of the absolute good. In this way it should be apparent that the absolute good is merely a projection of empathy and the desire for moral. Simone Weil understood this as well, nevertheless she was more interested in and enthusiastic about substantiating the absolute good as something real, and as something divine. She equated the absolute good with God and finally took God as something that exists. Either way, be it a projection or be it something that exists for real as a transcendent force, she understood the Cross as a symbol and bearer of (moral and existential) truth, respectively truthfulness in man. The only source of illumination bright enough to shed light upon human misery is the Cross of Christ. Regardless of era, regardless of place and country, anywhere where there is misery, the Cross of Christ is the truth to misery. Any human who loves the truth to such an extent that he does not try to find refuge against misery in lies, takes part in the truth of the Cross, regardless of religious confession. As such, it is an ethics of devotion (to the Cross) and of virtue she proclaims. With our moral judgments and expectations we may, time and again, and despite our best intentions, be in error (as she experienced it herself). Only devotion to the Cross will ensure at least moral and existential truthfulness (with devotion to the Cross however being a somehow open and elusive concept all the same…). (This resonates with my own idea of why it makes sense to “always be in the wrong against God”: to think of an instance vastly superior to you, against which you can only always be in the wrong, but to which you have to morally and intellectually compare yourself nevertheless.) Simone Weil also makes some observations on the qualities of good and evil that I like to share (as they resonate with mine): The good is something inherently different to evil. Evil is diverse and split up; the good is One; whereas evil is obvious, the good is mysterious (…) Evil, as we like to think, is romantic, phantastic, multi-faceted; yet in reality evil is miserable, colourless, drab, boring. The good, as one likes to think, is boring, yet in reality is always new and fresh, wonderful, addictive … Why did Simone Weil, a sober philosophical mind, become religiously enchanted? It is easy to think it happened because she had become disillusioned by man and the empirical world: therefore she tried to find refuge in a transcendent world. Yes, of course. But if it was that easy she would have been some sort of superficial idiot as well who makes ideological U-turns with ease. This was obviously not the case with her. Some observers suggest that her turn towards mysticism and religion was motivated by disillusionment and resentment. As she could not help and save people in the empirical world (or they refused her help), she would turn inwards and be furthermore only concerned with her own salvation. And maybe this is how it always had been with her altruistic engagement? Well, altruism and egoism can go along, and altruism and taking care for others does not rule out that you take care of yourself as well. And the case of Simone Weil, first and foremost, does not appear much different to that. And it isn´t that astonishing after all. In fact, Simone Weil was a „religious“ figure all along, given her extreme sensitivity to human suffering and her need for the overall concealment and protection of all humans. For a person like her, who is diving that deep into the human experience and into the riddles of existence, it will easily come along the way to become religious, either in an abstract way (via embracing the values of religion) or in the most concrete fashion (via becoming a follower of a religion and a true believer in the supernatural). In her religiosity Simone Weil would operate on both of these planes. Embracing religion in an abstract way would still mean employing critical thinking and a philosophical stance towards religion; being religious in a concrete way would mean devotion, affirmation and uncritical acceptance. Yet this oxymoronic union between enthusiastic blindness and sober super penetrative insightfulness had always been present in Simone Weil. I can tell you that never in my life, not at any moment, I have searched for God; she would confess to Padre Perrin. Instead, it was God, who “found her” (and she was “struck” that he had found her). Obviously Simone Weil did encounter intense religious experiences when she was in Italy. Such experiences are mysterious and can be powerful enough to rewire even confident and firm-standing minds. Yet after all, Simone Weil´s personal religiousness remained to a considerable degree abstract. Like most religious people, she was not enraptured by the idea of a personal god. Her God is equal to truth, to beauty, to the absolute good, and her God manifests in truth, in beauty, in the absolute good. All of these are transcendent qualities, but they radiate into the empirical world. By becoming immersed in them, man becomes finally aware of God. So her God becomes quite indistinguishable from a man-made god, from a hallucination or a projection of capabilities inside man to deal with realities that are found outside man, in the living world. Truth, Beauty, Absolute Good are abstract qualities and theoretical terms; they refer to ideals, and so the God of Simone Weil becomes a conclusion of ideals. Nothing that exists is necessarily loveable. But we must love that which does not exist. It is a religion of voluntarism for ideals Simone Weil proposes. It is about trying to become one with those ideals (since, in a way, you cannot become one with ideals, you might think of God as a mediator). Indeed, Simone´s God is virtually silent. He does not directly reveal himself (only indirectly via truth, beauty, the good). He is silently waiting to be discovered by man. God solely is the good. Therefore he stands in silence and in wait. Anyone who enters a domain or who speaks uses a little bit of violence. The good, that is nothing less than the good, can only exist.

Simone Weil was a Christian who never got baptised and became member of the church (she thought the truth of an ideology can only be found and lived outside of institutions created by this ideology); a theist who never searched for God; a Marxist who did not believe in the revolution and in the working class; an anarchist who was deeply aware of the human Need for Roots; a philosopher who refrained from systematisation and abstract theories; an eager combatant in war who was physically unfit for any combat; a woman who undermined her feminity; an appreciator of beauty who lived a spartanic life and who did not like luxury and extravagance already as a three-year-old; a nonconformist who claimed to have been very prone to social mimesis (If they put twenty young Germans in front of me singing their Nazi songs, I know that a part of my soul would get infected by Nazism as well… she claimed in her observations on herd behaviour and social mimesis – however this might have been due to her pronounced empathy, and not due to mimesis); she was a Jew who did not like Jews; the somehow morbid child of a medical doctor; the sister of a sober, happily married mathematician who outlived her for many decades. Finally she was an adherent of the Absolute although she had to experience herself how often, despite our best intentions, we are in error and our judgements are erroneous and relative. She was both mentally very flexible and very obstinate and apodictic. A protean personality that nevertheless seemed to move in certain repetitive circles. How can you come to be like Simone Weil? Let us assume that an enormous sensibility and empathy, a capacity to feel with others is needed in the first place. This is a priceless gift. The downside of it is that you might become overly sensitive to grief, pain and suffering in this world and for the instability in this world. Our flesh is fragile, any piece of matter in motion can run through it, tear it, grind it or forever disrupt one of its inner elements and bring it out of tune. Our soul is vulnerable, subject to meaningless sorrows, in pathetic dependency of things that are themselves frail and unstable. Our social existence, which is responsible for practically all our experience of our existence, is exposed to chance and misfortune all the time. In addition, because of your super empathy there will come a sense for duty and responsibility (for which, to a good deal, nobody ever asked for). You feel responsible for others, you finally feel responsible for mankind. Not much will happen in this world and not much of your sense of duty will be rewarded though. You will get seriously miserable and depressed and plunge into crisis. You might think that you are yourself to blame, as you cannot live up to what you think is your duty in life. The fear to remain an unusable fig tree for Christ tears my heart. You will also – and accurately – sense that practically all people around you are not as empathetic and attentive as you are. You will then condemn them and think they are no good (which might be true and might be not: it is just that they are not like you; but your empathy is not the only technique of how to be moral and virtuous, or at least ok). You might then drown and indulge into a negative worldview at all. History is a web of visciousness and cruelties, in which, from time to time, some sparks of purity happen to shine through. This is so because there is little purity among humans, and additionally the greatest part of the few who are pure remains unknown. It is actually also unknown whether Simone Weil went a lot into depression when she experienced that her lofty ideals are not of this world. She seemed relatively quick in moving on and dismissing a certain cause she had initially fought for when she found the cause to be inadequate. Some observers even think that it came as a sort of relief to her when she witnessed something bad coming along the way: as if it confirmed her miserable notions on the world. At any rate she quite deliberately fell prey to her dystopian worldviews and they seemed to come easy to her. Grandiose were her hopes and plans for “saving” the world and she was thinking in huge dimensions; and grandiosely the pendulum swung into the other direction when these hopes failed to unfold. In a way she seemed to step into the trap of the philosopher who is thinking and who understands the world in (quasi) eschatological terms and thinks they apply for practical reasons or within practical perspectives. However, where the philosopher will be able to correct his mistakes and switch to a more appropriate and sober perspective, Simone Weil did not. Since the Christians witness how central sorrow and misfortune is to their faith, they should sense that misfortune and sorrow are the true essence of all creation. Being a creature does not necessarily bring about misfortune, but it means becoming exposed to it. Solely things that have not been created are indestructible. If you ask God why he does not prevent misfortune and sorrow, you can equally ask him why he has created. And so, in a way, Simone Weil tried to evade the empirical world, the world of creation all the like, and ascend to the heavenly realm of indestructible truths; searching for ABSOLUTE good, ABSOLUTE truth, ABSOLUTE beauty. Not that she was deluded and simple-minded about the absolute. In fact, she deliberately struggled for perfection and voluntarily asked for nothing less than perfection. Why should she meddle with the muddy empirical world when she could also ascend to the ideal? If there are geniuses of such purity that it equates to ultimate sacredness, why losing one´s time with the admiration of others? One can make use of the others, extract knowledge and enjoyment out of them, but why should we love them? Why dedicate the heart to anything less than the Good? It was a lifelong characteristic of Simone Weil though that she always went to the ultimate and the “absolute” within any undertaking or chain of argumentation. Being an “absolutist” and a maximalist obviously was how her brain was basically wired, a thing in itself about her. Although she did not become truly irrational on these accounts – all her endeavours were in fact logical – she became prone to evading the mediation process of a rational discussion. Time and again she would defend her views and decisions and stick to them up to the point of delusion and infatuation. She had a poor understanding of mediation between concepts, and so she had a poor understanding of society and politics and even of the connection between mind and body, the interplay of the psychosomatic (naturally she favored mind and spirit as something pure and detached from the mundane body, which is maybe why she neglected her body so much or actively mistreated it: her deliberate exposure to pain and hardship might also have been directed against the body). Time and again she employed Manichean and dichotomic heuristics. And then again – and maybe because of this – she had numerous lucid insights into exactly those interplays (concerning politics or concerning the human condition and psyche) that were original and ahead of her time. It was just that she did not like such interplays and meddlings between pure concepts very much, as it seems. If we had to nail the core of the strangeness of Simone Weil then it likely was that she was a very subversive thinker and personality who underwent numerous metamorphoses on the one hand, while being apodictic, obstinate and overly consequential in her argumentations and judgements on the other hand, leaving little room for maneuver and for flexibility of the mind and for heart and soul. Within this limited space she came to dead ends – which she then had to blow up in a spectacular fashion and set up new concepts, argumentations and strivings which, in character, were alike. In always driving her thinking and feeling to the unmediated extreme, it seems apparent that she had to end up becoming entangled in phantasy products like the Absolute or the Supreme Good.

Simone Weil, as it appears on the surface, was both a strong thinker and a strong feeler. And it seems that her strong emotions caused her otherwise perfectly sober thinking to lead into deluded ends (or quasi-deluded ends, since they usually did not lack internal consistency; their external consistency and relatedness to the wider world was often shaky). One would like to know whether, behind this surface, there is a “deep structure” that would offer revelation to the enigma of her personality. Simone Weil surely was a proud (maybe even arrogant?) nonconformist. Did pride/arrogance cause hubris in her, and therefore her bizarre and over-the-top claims and behaviour? We do not know whether Simone Weil was proud and arrogant per se, or her pride was but a (harmless) epiphenomenon of her undisbutable achievements. Rather the latter seems to be the adequate guess. Her modesty and proneness for self-negation was the most obvious that was real about her, manifesting itself very early on in her, as a basic, archaic trait in her that is not the result of anything else but that will be formative principle for her further character development. She also loved truth, up to the level of greatest purity. The aspiration of the scientist is the coalescence of his mind with the mysterious wisdom that is forever ingrained in the universe. That will produce a rational and ethically considerate personality, however striving too much for purity might blur the perspective that truth, and ethics, often is not “pure” but something more differentiated, diverse and situational and being of a more complicated texture already in its composition. Simone Weil also loved beauty, and it was the observation of exceptional beauty (during her journey to Italy) that made her receptive to the otherworldly and the divine. Very few scientists penetrate that deep into their science that their heart will be enraptured by the science´s inner beauty. An arrogant claim (that might be correct nevertheless). To pay no attention to beauty probably is the most enormous crime of ingratitude, it deserves the punishment of unhappiness. Of course, it does not always follow in such a way, yet then the punishment is a mediocre life; and in what way a mediocre life would be more preferable than unhappiness? Yet in her own life Simone Weil did not surround herself with beauty and she rather desired making herself ugly. So, as we might wonder, what would Simone Weil ever would have to teach others about beauty? Yet also Beethoven would compose his sublime music in filthy and stinky pigsty apartments (just as well as other “paradoxical” examples could come to mind). It is however legitimate to ask how Simone Weil did personally experience beauty (and other things)? This is, of course, a finally unsolvable question that refers to the problems of qualia. How do others truly and personally experience something, what is the distinct quality of their experience, and how is that actually comparable to our own inner experiences when we use the same words to describe a feeling? This is something we can ultimately never know. Private inner experiences of others are only accessible to us through signs, i.e. expressions of qualias but not the qualias themselves. Beauty can have many aspects, and maybe Simone Weil was primarily receptive for intellectual beauty. In general, Simone Weil refused to do systematic philosophy because she thought that overly relying on theoretical abstractions would not do justice to the phenomena. Yet to what degree Simone Weil was able to experience “pure” phenomena? In fact she was quite handy and quick in translating her experiences into something theoretical and abstract. That is, of course, what intellectual people use to do and how their mind and their information processing works. Yet Simone Weil may have had a particular short fuse on this account (as she acknowledged however, her permanent thinking helped to ease her chronic headache, so she would naturally rely on it). And so, maybe, she did come up with theoretical abstractions that seem premature and not adequately thought through. It was however also her enthusiasm for these concepts that prevented to work out on them in a more critical fashion. Highly gifted people are usually very receptive, intense and restless. But emotional intelligence would also include that you are able to relax, lay back and enjoy things; open up space for other things. Simone Weil was, as it seems, very open to let the world in and minimise herself. But maybe she actually was not, and she was not very good at actually enjoying things and leave them be. She was overly restless and maybe therefore longed for emotions that are stronger than the positive emotions associated with beauty, love, enjoyment: and those are the negative emotions revolving around pain, which is so prominent in her work and worldview.

All men are inconclusive in their overall personality. A personality is the result of countless wirings and circuits in the brain and of a psychosomatic entirety. These wirings are adaptions to certain problems and they do not need to be in harmony with each other. Moreover, these wirings interact, and specific interactions may create new wirings. You finally are a (lose) combination of spheres. Some men are however more inconclusive than others. And Simone Weil appears as strikingly inconclusive. What appears as inconclusive to our maybe limited perspective might however be just a harmony when viewed from a higher dimension (or another dimension: when regarding what a person wants to be for herself, and not for others, and unrespective of what kind of “meaning” the person wants to make in the world). I used to speak of “ultracomplex people” when characterising the likes like Nietzsche, Wittgenstein, Beethoven or Kleist. But I have not used this heuristic in recent years. Maybe one´s “ultracomplexity” is based on quite a simple inner conflict. Simone Weil would qualify as an ultracomplex person. Yet with an ultracomplex person I was originally thinking of a person whose ultracomplexity makes sense and the person is actually well-rounded and in control of herself and her complexities. I do not know how much this has been the case with Simone Weil. She rather seemed haunted by her complexities. But she died early, and we do not know what would have happened to her had she grown older. While some people (stubbornly and frustratingly) remain the same all their life, other people change considerably over the years. Simone Weil was both a protean personality as she seemed to be stuck in certain mechanisms. What would have triumphed over the other finally? She also seemed simply too young to elegantly integrate all the countless spheres she inhabitated and all the experiences she made. She was a vaster personality and exposed herself to vaster experiences than most other men (including philosophers) do, and dare to do. How should you digest all of this in time? This article may have the shortcoming that it overly investigates Simone Weil as a rational philosopher (and, therefore, how she somehow failed to live up to this life model respectively failed to accommodate her with the living world). Yet you may also consider Simone Weil as a religious figure, or an existential figure. As such, she might seem considerably more conclusive and consequential. Maybe we are just too stupid to understand her, as she might have been a true messenger of the Absolute. And who ever understands the Absolute? As she lay dying, she wrote to her parents that she feels convinced to carry a treasure of pure gold inside me … Yet my experience and observations of my contemporaries suggest that there is nobody there to welcome and receive this treasure. Yet that would not be pitiful as the writings of our time would vanish anyway rather sooner than later. The goldmine however is exhaustible. Obviously she thought of herself as being one of the few sparkles of the good that appear in the human world from time to time, yet mostly remain unknown. Most of her works were not published at that time and were not even designed to become published. Obviously she did not anticipate the fame and recognition that she would receive soon after her death, nor desire for it. Also in her final days she would discover the Shakespearean fools – and identify with them. The fools are the only individuals who tell the truth (…) In this world only those of men who have reached the ultimate degree of humiliation, beneath the status of beggars, who not only are deprived of social reputation but also of the faculty admired by all, the faculty of reason, only such individuals can speak the truth. All the others lie (…) The priest is a guardian of the absolute, serving the cult of that which is ultimate and definitive and of the evidences rooted in tradition. The fool casts doubt on everything… Alas, poor Yorick. Or, as we might say: Alas, poor Simone.

Listen to this, asshole. Complexities are difficult to decipher and you should refrain from thinking you can do such a thing all to easily. They are like a mosaic, and when one piece only is missing, you might come up with interesting thoughts about it; but the final piece that illuminates it all and will finally give sense to the entity may still be missing. Therefore what you might consider as the conclusion is still only premature. Maybe this final piece is but a single sentence somewhere in the oeuvre of Simone Weil you did not read or where, so far, you have missed the point. Maybe it stands in those parts of the oeuvre that have not yet been published or translated into your language. Maybe this sentence would have come in the future, had Simone Weil lived longer – and therefore only exists as some odd virtuality. Simone Weil is a very inviting figure to analyse her and trying to discover her “secret”, i.e. to probe your intellect and maybe show the world how clever you are. But we should also remain at some respectful distance to her and leave her be.

The Happy Universalism of Goat

Come sit down

By my side

Play the drum

Share my bread

Taste my food

Try my robe

Sing a song

Come along

All night long

Sit down and rest

Goat, Try My Robe

There are three great bands that derive from Sweden: Marduk, ABBA, and Goat. Goat present themselves as a mythical collective, and as the myth goes, they originate from a commune from the high north of Sweden that practices a voodoo cult. Although they leave it open to debate whether this could be true or only a legend. The band members remain anonymous and prefer to hide behind masks and extravagant costumes. They claim that they are only a fraction of a vaster collective that predominantly resides in the far north and that there have been numerous incarnations of the band over the last decades. To the larger world at least they surfaced with their debut album in 2012 and have been an international success within the alternative music scene ever since then. Goat play psychedelic fusion with heavy ingredients from afrobeat, funk, psychedelia, krautrock or middle eastern sonorities. They claim to play World Music, as is the title of their debut album. Goat seem to strive for the highest endeavour in art: universalism, and creating a universalist notion and culture.

How can you achieve universalism? You will need to be able to grasp the abstract as well as the individual, the idiosyncratic, the detail; the abstract and the concrete are the poles at the end of the great spectrum. And truly, the music of Goat is quite abstract and, seemingly, theoretical. But it is also very idiosyncratic and peculiar. For the more practical purpose, universalism requires openness and mutuality. Out of their community spirit, the Goat collective is fond of sharing things, inviting people and practicing a politics of open doors. A politics of open doors and dismantled borders they also display in their eclectic, explorative and experimental approach to music. According to the band´s spokesperson, Goatman, Goat are a reflection that the world has become more intertwined and more mixed up. Also musical styles become ever more mixed up, finally amalgamating into a “world music”. Big mainstream artists like Beyoncé come up with such a sophisticated mix of styles. However, and as particularly the case of Beyoncé seems to illuminate, this mix of styles can also appear very calculated, sterile and pretentious. Nothing that Beyoncé ever does seems to truly be fluent and come out of fluidity. Goat, on the other hand, do not actually create a pretentious mix out of everything, involving half a dozen of professional composers on each song, as does Beyoncé. Goat rather dwell in recombination and juxtaposition. And, what is crucial: in friendly recombination and juxtaposition. Although Goat are quite handy with their instruments and with what they are doing in general and appear quite meticulous in their craftsmanship, they do not at all radiate the annoying, sterile professionalism that you have in most of today´s mainstream music. Goat appear amateurish, ill-designed, incremental and improvised. That makes them likeable. If you´re likeable, you have won over people. If you are universally liked, you have become universal. Reason, as they say, is universal. But reason is not necessarily likeable. You have to become both reasonable and likeable to become universal. Goat are very likeable. And there is also some reason behind their enterprise.

In western philosophy, reason (and concepts like human rights, that is to say mostly concepts that stem out from enlightenment) is thought as universal (before the enlightenment age many philosophers considered Christianity to be universal and what should be inflicted on the entire humanity). But, to say the least, also the existence of countless cultural peculiarities is universal. The existence of individuality and idiosyncracy is universal. The norm may be universal (in its appeal). But derivation from the norm is a universal occurrence all the like. Therefore, if you want to be universal, you likely should be reasonable – because reason is indeed the most universal and transparent medium and method to sort out problems –, but you should also be a bit irrational, divergent and peculiar: because this is what makes you human, and what makes you human, respectively humanity, is the common denominator, i.e. the universal. If you want to get in touch with a stranger, you also need to debase yourself a little bit; by shaking hands you demonstrate that you do not hold weapons in them. Therefore, also universalism needs a bit of such a friendly self-debasement and demonstration of harmlessness to get in touch with each other. Universalism needs some sacrifice. Goat also debase their individualities through their anonymity. According to them, this anonymity is a sacrifice the individual member of the collective has to make for the common good, for the possibility of the shared experience within the collective. The sacrifice you make for the universal will rewarded infinitely however. Nevertheless, what is also needed when getting in contact with others is that you can stand your ground and that you are firm. Goat are, at first glance, clumsy and obviously harmless. Goat appear as clowns and as fools. Yet as we know from Shakespeare, only fools tell the truth. Only fools are sane. Only fools dare to stand up against the king. Only fools can be trusted. Humour is universal, and the humour of the fools is universal, and may function as a universal glue. In being clownish and apparently fools, Goat serve as perfect messenger for the highest of truths.

Goat are surreal. The surreal is good. Grasping and understanding, being able to mimic the surreal should get you into a firmer touch with reality. Reality, as they say, is, to a good deal, surreal; be it in the annoying and trivial sense, as a stubborn resistance to progress or mutual understanding, or in the lofty sense, insofar as reality also serves as an extension of itself, is a realm where possibilities and opportunities pop up, where that what is considered impossible time and again becomes reality. To the surreal you primarily connect yourself via imagination. Goat are not only very imaginative. They truly represent imagination. When you look at a Goat performance, you seem to gaze into the pure realm of imagination itself. Goat are truly creatures from the spheres and seem to reside there. Imagination is creative, and with seemingly representing imagination itself, Goat´s outlook on life is simple: There is only one true meaning of life and that is to be a positive force in the constant creation of evolution – as they proclaim on their second album, Commune. Not the final product, not the artwork, is what truly represents imagination, but the ever ongoing process of creation, the potential to create, creation ever being in flux. It is the eternal openness that goes in hand with radical imagination. And openness goes also hand in hand with the universal. It is a prerequisite for achieving the universal. Goat exhibit an extreme openness and they seem to be in a state of constant flux and transformation.

Creation means dislocation and getting you to another place. True imagination means starting from another place than which you are currently in in the first step. Philosopher Gilles Deleuze claims that all the good books and true undertakings in literature are written “in some kind of foreign language”. He also advocates literature and art that identifies with a “minority” position and expresses itself in a language that derives from a “minority”. This does not mean that one should simply apply the language of a collective that happens to be a minority. Being a minority is nothing particular in quality; and a minority collective in some place can be the majority in another. What Deleuze refers to is discovering some subversive potential within a language that may become the language “of a coming people that yet does not exist”: a utopian people. Deleuze is fond of “Becoming”, of an evolution of positive qualities. Goat, with their mythical, almost indigenous origins in Korpilompolo in the isolated far north of Sweden, embody that spirit of eternal evolution and openness – of joyfully “becoming minor” and expressing themselves “in some kind of foreign language”. They refer to themselves as a minority in their own culture, dispersed and difficult to catch, seemingly on a “line of flight” (another Deleuzian term) forever, a reminder for Swedish mainstream culture that the cultural “other” resides in the own mainstream culture itself, as a breeding ground for something new and yet ancient, for a new territory that is home nevertheless, for a fresh sense of place. In the wider context, Goat´s music and overall performance seems to be addressed at a people yet to come – a utopian people. The true artist, according to Deleuze, “calls for another earth”. With their world music, Goat apparently also call for another earth.

Speaking of Goat, I absolutely need to address that I am super fond of the delightful dancing and chanting girls that front the band. I could marry them on the spot. Swedish women usually are very beautiful, but the Goat girls hide their beauty behind the obligatory masks. Beauty nevertheless is also a vibrating subjectivity, and that is what the anonymous Goat girls radiate to the fullest. The identification mark of subjectivity is, however, not beauty (since beauty highly refers to objective criteria), but grace (Anmut) and dignity. If you want to portray subjectivity in an idealised way, it will be by the means of grace. Grace does not refer to objective criteria, as beauty highly does, but remains subjective, magical, perfect from deviance of (clinical standards of) perfection, perfectly fitting in somewhere because it does not seem to fit by pure objective criteria or expectations. With their amateurish dance moves the Goat girls achieve maximum grace (whereas the many professional dance collectives accompanying superstars may astonish and enchant, but hardly ever achieve grace). Their equally amateurish chanting in unison seems to be the voice of the ultimate calling that the band seemingly wants to achieve. Despite its slight eeriness there is warmth and appeal in it; despite its somehow distant and forlorn Gone with the Wind character it is energizing and activating. The Goat girls give me one of the highest notions of the divine power of the feminine I have ever encountered. Unfortunately, the Goat girls did not joyfully wave and wag their motley flags and accessories this time in Vienna. But they played with pipes. I need to see them again. I will then marry them on the spot.

The happy universalism of Goat stems out from the 2010s. But the world seems to have become a darker place again. Dreams of ever ongoing globalisation and cultural amalgamation, into a world culture and a world music, have suffered a backlash. Nationalism, mental retreat and a sense that particular cultures, or aspects within cultures, can truly, and in essence, be antithetical and antagonistic to each other (i.e. nothing that can be mediated away by means of reason or a happy come together) and therefore should be left segregated from each other have risen again. Like a sinister little brother of Goat, the remarkable Swedish film Midsommar from 2019 – as well as its ideological forefather The Wicker Man (from England 1973) – seem to illustrate that indigenous cults and native stuff are not necessarily something positive and likeable, but also something irrational, stupid and outrightly dangerous, that should better be ended (which, however, would likely necessitate the use of force, which may not be anything better than that against which it is directed against). Yet, on the other hand, just these examples illustrate how important universalism, intellectually and emotionally outgrowing the limitations of one´s own culture is, just like a friendly attitude to strangers and outsiders to one´s own culture, instead of sacrificing them in obscure ancient rituals.

Another thing that has risen is a sensibility for “cultural appropriation”. Could one accuse Goat of cultural appropriation and blackfacing? Well, cultural appropriation would mean to steal from the other to make it yours. But Goat´s otherness is so extreme that it surely would confuse any other that tries to rest on a solid identity. There are some artists (like M.I.A. or Clyfford Still) that want to make art for the “other”. And their own otherness, and the otherness of their art and thinking, is nothing of any usual sort. It is distinct, it needs to be sorted out and explained for that purpose. In general, there is Me, and there is the Other. That makes, in a nutshell, the world. When you befriend the other, or marry the other, you form a union, you feel like you are “a world”, a duad that expresses the world, or that is a world in itself. If you remain mutually hostile to the other, you remain the Other. Even when you try to overemphasize the I over the Other, be racist against it or try to eradicate it, behind this narcissism likely will remain some depression: Because you cannot relate to the other, and therefore you remain incomplete. Most people like to see themselves in the other, or align with others that are like them. This creates stratifications and milieus, and is directed against the universal. Happy are the people who like to get to know what is different to them, what is truly other to them. By uniting with the other, their own boundaries become larger and more elusive. That will feel good. People are hindered by borders, and they are hindered by borders inside them: commonly referred to as neuroses. Goat want to eliminate borders and establish a global state of anti-neurosis. In their radical otherness, they seem to express a positive otherness, not a negative one. They express the otherness that lies within any entity, either in itself or via mutuality, that any I is necessarily an Other for any other person. The essence of Goat´s otherness is eternal openness to Otherness. And this is the essence of being superhuman. Via eternal openness to the Other you become the Overman. And the Overman is, according to Zarathustra, the meaning of the Earth. The meaning of the Earth will necessarily be universal. The radical Other, the positive Other, will, like the Overman, be overflowing. It will naturally try to share its goods and make universal connections via sharing. He we are again with the basic idea of Goat: Establishing a collective that is based on sharing.

The universal might not be very popular, because people think the universal will be very strict and demanding. Of course the universal will need to rely on some rules and regulations. But it will also inherently need to remain somehow loose. The universal deals with the cosmos, with the All, and the All is uncountable, non-denumerable. Therefore, if the universal was strict and little else, it would need a non-denumerable number of rules and regulations. And that is impossible. But the true universal is loose anyway. There are some qualities in any entity that are universal of some sort, and others that are not. Therefore the universal only refers to that limited number of qualities (the universal however also reflects on the non-universal qualities, whereas they, in turn, not necessarily truly reflect on the universal but may remain self-saturated). And the universal is loose because it is eternally open. Borders can be closed, but the universal is borderless. It needs to embody openness, like Goat. That sounds complicated. But it is actually very simple. Being universal means: that you are able to take everything serious, and take you take nothing completely serious. As is most obvious, this is also what Goat are doing. In the end, it is likely a minority programme. It will also likely suffer from inner contradictions, like everything else, and any other approach. This happy universalism likely only applies for cool people with a soft spot. But most people are hard and unforgiving. We can, however, say, that this is not a problem of universalism, since they are not likely to enter its celestial realm. They will remain nationalists of one sort or another. We, the happy universalists, will, at any rate, kill them with kindness. We will put flowers on them and equip them with masks to leave their stubbornly egocentric personalities behind when they should dare to enter our realm, the universal realm of the Goat.

Impaled Nazarene is a black metal band from Finland who is also very serious and widely exaggeratory at the same time, and you cannot exactly tell either where one of these qualities begins and the other of the two ends. Since they are satanists, one of their trademarks is to have a song with “Goat” in its title on every album. These are their “goat songs”. Band leader Mika Luttinen says about them:  The thing is that when you are doing a goat song, the song is called “Goat Sodomy”, you can be sure that it’s not going to be deep social commentary of our problems. The goat songs will have Satan, the goat songs with have goats, the goat songs will have bleeding rectums, they will have blood, shit, all things that we all love and like. On their landmark album Suomi Finland Perkele they sing I have sworn the Oath of the Goat. Well, I have also sworn the Oath of the Goat.

Schelling und der dunkle Grund des Systems

(Fichtes) direkter Nachfolger Schelling (1775 – 1854) war liebenswerter, doch nicht weniger subjektiv. Er stand den deutschen Romantikern sehr nahe; philosophisch ist er unbedeutend, obwohl er zu seiner Zeit berühmt war.

 Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes

Ich denke es zu der größten Klarheit zu bringen, dass der Schellingsche Weltschöpfer von Ewigkeit zu Ewigkeit nichts anderes erschafft, als die Zeit … Es gibt nur eine Qualität, und das ist das Leben als solches … Der Mensch hat mehr davon als der Mistkäfer, hat aber in sich nichts Besseres oder Höheres. Alles, was lebt, lebt nur eines und dasselbe Leben. Die Totalität aber, das All, die Natur, käuet, wie ein altes Weib, von Ewigkeit zu Ewigkeit nur mit leerem Maule, macht und vertreibt sich die Zeit. Dies zu erkennen ist das reine Gold der Wahrheit und des Lebens, die Herrlichkeit des Menschen.

Jacobi an Fries über Schelling

STARKE EPIPHANIE Yorick drängt es plötzlich, er fasst einen Plan, er sucht die öffentlichen Waschräume am Hessenplatz auf, denn er hat dort etwas vor. Dort angekommen fällt sein Blick offenbar für einen Moment zu lange in die bauchige Wölbung der Pissoirschüssel, da überkommt ihn plötzlich eine Vision. In seinem Geist kriecht er durch eine unglaublich enge Öffnung in der Erde, kaum dass er mit den Schultern durchgelangt, und erreicht schließlich nach erheblichen Mühen eine schwach ausgeleuchtete Höhle. Dort in der Mitte, auf einer kegelförmig ausgerichteten Ansammlung von Stäben, befindet sich ein Kopf. Es ist der Kopf eines alten Mannes, der scheinbar in Schwierigkeiten steckt. Und es ist der Kopf, von dem das schwache Licht ausgeht, das die Wölbung erhellt. Es handelt sich, wie Yorick bemerkt, um das Antlitz Gottes. Das Antlitz Gottes blickt ihn unendlich traurig an.                    

Von alldem verstand Yorick natürlich nichts.

Das Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken

Die Philosophie von Immanuel Kant war die große Kopernikanische Wende, die alle philosophische Welt in Aufruhr versetzte. Allerdings war Kant tatsächlich auch ein „Alleszermalmer“, insofern er zwar tradierte scheinbare Gewissheiten zerstörte, gleichzeitig aber neue Ungewissheiten in die Welt setzte. Die Kantische Philosophie leidet nicht nur an inneren Widersprüchen (was kein so großes Problem wäre, denn das tun die meisten anderen Philosophien auch), sie scheint vielmehr in Wirklichkeit gleich als eine Ruine in die Welt gekommen zu sein, wie irgendjemand es formuliert hat. Die Kantische Philosophie gilt der Ausarbeitung eines Vernunftsystems und verlegt den (absoluten) Schwerpunkt in das Subjekt, dem die Welt ausschließlich über seine subjektive Vernunft und seine subjektiven Anschauungsformen zugänglich ist. Zwar leugnet Kant die Außenwelt nicht, doch bleibt sie als „Ding an sich“ eben an sich unzugänglich und unerkennbar. Unsere Vernunft und unsere Anschauungsformen helfen bei der Anschauung der Außenwelt, sind gleichzeitig aber auch ein Gefängnis: Indem sie unsere Erkenntnismöglichkeiten auf das, was in ihnen selbst liegt, ultimativ beschränken. Jetzt hantiert die Philosophie – auch die Kantische Philosophie – mit Begriffen und Ideen wie Welt, Mensch oder Gott, und versucht zu einem ultimativen Wissen über Welt, Mensch und Gott zu kommen. Dabei kann die Philosophie Kants aber an und für sich nicht erklären, wo diese Begriffe eigentlich herkommen: Denn über das Ding an sich kann man ja nichts wissen. Wenn das Subjekt und die Subjektivität so zentral werden, dass die materielle Welt hinter einem Schleier verschwindet, wie begründet man dann Ideen, die offensichtlich aus der Außenwelt stammen? Damit ist der Grund der Kantischen Philosophie, bzw. der idealistischen Philosophie, eigentlich ein unbekannter, den die Philosophie nicht erklären kann. Der Grund der Ideen und ihrer Einheit, d.h. der Grund des Systems ist dunkel. Der Weg zum System ist nicht gesichert. Die Wahrheit des Systems ist fraglich. Und doch – die Forderung des Systems ist unumgänglich – schreibt Heidegger in seinem Schellingbuch (Schellings Abhandlung Über das Wesen der menschlichen Freiheit). Welt, Mensch, Gott u. dergl. sind zwar innerhalb des Kantschen Systems als Leitbegriffe und Leitideen (die in der Vernunft selbst liegen) gedacht, sie sind gleichsam regulative Ideen, die unsere Vernunft leiten. Gleichzeitig sind es aber inhaltlich so bestimmende Ideen, dass nur aufgrund ihrer ein eigentliches Wissen möglich ist, das alle Philosophie ja anstrebt. Kants Nachfolger, die gemeinsam mit ihm den Deutschen Idealismus begründet haben, haben diese Problem auf jeweils ihre Weise versucht zu lösen. Fichte versucht, eine ganze Wissenschaftslehre zu entwickeln, die allein von einem („absoluten“) Ich ausgeht: Sie verlagert das Zentrum im Kampf zwischen Ich und Außenwelt rein ins Ich. Das ist aus naheliegenden Gründen kaum befriedigend – aber Fichte war in seinem Freiheitsstreben so impulsiv, dass er die Idee einer Außenwelt mit aufoktroyierenden Gesetzmäßigkeiten kaum akzeptieren wollte. Hegel geht von einer dialektischen Interaktion zwischen Ich und Welt aus – genau gesagt einer dialektischen Arbeit an der Entwicklung von dynamischen Begriffen (die zuvor in der Philosophie, und auch bei Kant, im Wesentlichen als etwas Statisches und Unveränderliches gedacht wurden) – die schließlich in einer glorreichen Selbstdurchdringung des „absoluten Geistes“ münden, und, korrespondierend dazu, in einem irgendwie perfekten, vollständig in Ordnung gebrachten Zustand der Welt. Karl Marx hat dann den Aufklärungsgedanken von einer progressiven Vernunftentwicklung ins Materialistische gewendet. Und der junge Engels hat – als Hörer des alten Schelling in Berlin – gegrübelt, dass dessen System bzw. seine Spätphilosophie eigentlich in einem Materialismus münden müsse: Keine andere Konsequenz ließe der Idealismus also eigentlich zu. Friedrich Schelling ist der noch Fehlende im Bunde der Deutschen Idealisten. Schelling versucht, das Ich und die Außenwelt als ein Ganzes zu bedenken – er landet damit also beim Absoluten. Auch er wird ein gewaltiges System aufstellen. So etwas ist schon lange verpönt und wird in seiner Intention – freilich ein wenig im Gelächter der Idioten – verlacht, oder aber verärgert als Ausdruck eines (phallokratischen) „Willens zur Macht“, als der Versuch, innerhalb des Denkens Herrschaft zu etablieren, gesehen. Allerdings kommt diese Aufforderung zum System bei den Deutschen Idealisten nicht von daher, sondern weil Philosophie in der damaligen Tradition, und auch in der zermalmten Verfassung, in der Kant sie hinterlassen hat, tatsächlich nach einem allumfassenden System verlangt: Sonst kann sie kein Wissen sein (auch bei dem großen Anti-Systematiker Nietzsche hat man das Problem, dass das Wissen bei ihm im Wesentlichen anekdotisch wird – und so (oder aus anderen Gründen) versucht er seinem Wissen dann ja eine systematische Basis („ewige Wiederkehr des Gleichen“, „Wille zur Macht“ u. dergl.) zu geben). Natürlich kann kein philosophisches System totales Wissen sein – da die Philosophie dazu immer wieder Wissenszufuhr von außen benötigt (v.a. der Wissenschaften – oder zu früherer Zeit eben überwiegend der Religion). Aber sie tut eben zu gegebener Zeit immer, was sie kann. Richtig ist jedoch, dass die spekulativen Systeme der Vergangenheit nie der Wirklichkeit entsprachen. Stets erlagen sie der Gefahr, das Vielschichtige zu sehr zu vereinfachen und das Verschiedenartige auf gewaltsame Weise zu vereinheitlichen. Hinzu kommt, dass sie Versprechen sicherer Beweisführung gaben, die sie nie einhalten konnten. Vermutlich war es von Anfang an falsch, diese Versprechen zu geben, wie es überhaupt ein Fehler ist, hinsichtlich der letzten Fragen Anspruch auf absolute Schlüssigkeit und apodiktische Gewissheit zu erheben. Wie alle Systemphilosophen widerstand auch Schelling diesen Versuchungen nicht. Äußert sich Franz Josef Wetz in seiner Junius-Einführung zu Schelling. Schelling wirkt dabei gleichsam als der unkonturierteste unter den Systematikern des Deutschen Idealismus. Seine Systemgrenzen scheinen nicht ganz klar, es scheint erhebliche Lücken in den Grenzen zu geben, die sein Territorium einfassen. Ist es also vielleicht kein klares, systematisch eingegrenztes Territorium? Das liegt aber auch daran, dass Schelling kein reiner Systemdenker war. Schelling war auch Problemdenker. Ein Systemdenker hat einen Leitgedanken – oder überhaupt nur einen einzigen Gedanken – um den herum er ein System konstruiert. Ein Problemdenker erkennt ein Problem und denkt darüber nach – zentriert also auf das jeweilige Problem. Schelling war, wie Franz Josef Wetz es zumindest versteht, beides. Und so hat er im Lauf seines überaus langen Lebens sein System immer wieder angepasst und anders gefasst. Ich meinerseits kann nicht behaupten, dass ich von Schelling und seinen (halboffenen) Systemen einen allzu systematischen Eindruck gewinnen konnte. Bei anderen Philosophen scheint mir das besser zu gelingen. Ein dunkler Grund scheint da zu sein, wie es ja auch Schelling selbst behauptet, wenn man sich das alles fassbar machen will. Schelling hat sehr viel geschrieben, und vieles habe ich nicht gelesen, allerdings ist die Redundanz des Inhalts (in den Schriften, die ich von ihm gelesen habe) bei kaum einem Philosophen derartig, wie bei Schelling. Schelling wiederholt sich wirklich sehr penetrant! Habe ich von dieser wechselseitigen Durchdringung aller Einheiten nicht aufs Klarste geschrieben, so liegt die Ursache hiervon großenteils in dem Gegenstand selbst, dessen labyrinthische und fast undurchdringliche Verwicklungen nur mit Mühe bezeichnet werden können. (Fernere Darstellungen aus dem System der Philosophie) Vielleicht stimmt das, und der Fehler liegt bei mir. Vielleicht liegt er aber auch bei Schelling. Vielleicht liegt er sogar bei Schelling im System oder hat System! Dem späten Schelling wird vorgeworfen, all seine Gedanken habe schon Hegel formuliert, nur besser und stringenter. Andere sehen in ihm einen reinen Neuplatoniker. Oder als jemand, der sich bei der Formulierung seiner Gottesvorstellung offenbar heftig bei dem mittelalterlichen Großtheologen Cusanus und dessen Konzeption vom Ineinsfallen der Gegensätze in Gott bedient hat. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens hat Schelling, der als beispielloser junger Shootingstar die intellektuelle Bühne ursprünglich betreten hatte, nichts mehr veröffentlicht. Ein ausgebranntes, früh verglühtes Genie hat man bei ihm vermutet. In Wirklichkeit hat er nach wie vor Unmengen an Texten geschrieben. Aber kaum was davon fertiggestellt, oder eben: systematisiert. Die wesentlichen Manuskripte zu seinem geplanten Hauptwerk Die Weltalter sind unwiederbringlich verloren gegangen: Bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg, also gut hundert Jahre danach. Maulwurfsgänge schien Schelling unternommen zu haben. Wurde ihm klar, dass die Vernunft doch die Welt nicht abschließend und systematisch erfassen kann? Dass, gleichsam, der dunkle Grund der Schöpfung auch die Vernunft in seine Tiefen hinein abbiegt? Dass die Unvernunft auch Gegenstand der Philosophie sein müsse, und das Unbewusste, Triebhafte u. dergl. Teil des Menschenbildes – wie es von der Romantik künstlerisch vorbereitet und von Freud und der Psychoanalyse dann systematisiert wird? Auch wenn die Philosophie viel selbstkritischer und vernunftkritischer geworden ist: Gibt es eigentlich eine Philosophie bzw. eine philosophische Kontemplation des reinen Verhängnisses, des rein Verhängnisvollen – wenn nicht des Bösen –, so wie sie Schelling mit seiner Vorstellung vom dunklen Grund anstößt? Natürlich hat man das doch schon seit langem zumindest bei Schopenhauer und Nietzsche: Doch weder bei Schopenhauer, Nietzsche noch bei irgendwem anderen scheint man das Dämonische dieser Art von Qualitäten so anschaulich herausgearbeitet zu haben, wie bei Schelling. Schließlich ist aber die Philosophie Schellings bzw. sind seine späten philosophischen Untersuchungen vielleicht weniger depressiv im Hinblick auf die Möglichkeiten, die in der Vernunft liegen, als es die meiste Philosophie seit dem 20. Jahrhundert scheint. Kann die Schellingsche Philosophie vielmehr eine Ekstase der Vernunft anstoßen? Kann Schelling ein früher Prophet einer planetarischen Vernunft sein, die in der Anschauung des Absoluten besteht, damit aber eben auch eine Spannweite gewinnt, um eine mittlerweile sehr weit und breit gewordene empirische Welt zu bewältigen? Auch die akribischsten Schelling-Exegeten sind sich uneins, worin eigentlich die Wirkung Schellings besteht und seine dauerhaften Beiträge. Nehmen wir also an, dieser Wirkung könnte sich erst in Zukunft entfalten, wenn die Menschheit endlich zu einer vernünftigen Anschauung des Absoluten vorgedrungen ist, oder eben: zu einer absoluten Vernünftigkeit. Das wird sich sicher gut anfühlen. Aber der Reihe nach.

Soll das zu findende ein Weltsystem sein, so muss es 1) als Welt-system ein Prinzip haben, das sich selbst trägt, das in sich und durch sich selbst besteht, das sich selbst in jedem Teil des Ganzen reproduziert; 2) darf es nichts ausschließen (z.B. die Natur), nichts einseitig unterordnen oder gar unterdrücken; 3) muss es eine Methode der Entwicklung und des Fortschreitens haben, bei der man versichert sein kann, dass kein wesentliches Mittelglied übersprungen werden kann. (Stuttgarter Privatvorlesungen) Schelling will ein intern wie extern konsistentes philosophisches System vorlegen; das Ausgangsproblem, das sich mit Kant stellt, ist: Wenn das Subjekt, das Ich, das Objekt setzt; wie kommt dann das Subjekt objektiv in die Welt? Wie bedingen sich beide gegenseitig? Auch bei Schelling ist das Ich, das Denken, das Subjekt der Ausgangspunkt – allerdings ein Subjekt, das bar aller Subjektivität ist. Bei Schelling fällt, wenn er in den Urgrund blickt, Subjekt und Objekt zusammen. Und dieses Subjekt-Objekt ist das Absolute, das denkt. Erkennen und Sein ist dasselbe. Die notwendige und ewige, dem Absoluten selbst gleiche Form ist das absolute Erkennen. (Fernere Darstellungen aus dem System der Philosophie) Damit wird die Welt selbst zu einer Entität, die denkt, und die selbstreflexiv ist. Damit wiederum wird sie gleich mit Gott. Damit wird wiederum Schellings Philosophie pantheistisch, so wie die von Spinoza. Während Spinoza aber eben vom Sein ausgegangen ist, geht Schelling vom Denken aus. Damit wird Sein eine Art Entfaltung des Denkens. Da Denken und Sein aber sehr unterschiedliche Qualitäten sind, wie kommt es dazu? Man betrachte zunächst den einheitlichen Urgrund, das Subjekt-Objekt, das denkt, den brütenden Gott. Gleichsam insofern nichts anderes da ist, er die Totalität ist, das Absolute, bejaht sich dieser Gott. Ein solches, welches sich selbst absolut affirmiert, und also von sich selbst das Affirmierte ist, ist nur das Absolute oder Gott … Gott ist die absolute Affirmation von sich selbst, dies ist die einzig wahre Idee Gottes… (System der gesamten Philosophie und der Naturphilosophie insbesondere) Man könnte meinen, in dieser und durch diese freudige Affirmation seiner selbst, wird Gott dazu veranlasst, die Formen der Welt zu schaffen, die Schöpfung einzuleiten. Schelling spricht von überschießenden Kräften und Potenzen, die in der Natur selbst liegen, die Formen schaffen, oder er spricht von einer „Kraft“, die sozusagen irgendwas raushaut, und einer „Beschränkung“ dieser Kraft, die dieses roh Geschaffenen sinnvoll in eine Form bringt. Schelling geht auf jeden Fall über eine mechanistische Sichtweise der Welt und der Natur, die bis dahin – ausgehend von Descartes – in der Philosophie durchaus vorherrschend war, hinaus und sieht die Natur selbst als produktive Kraft. Er kommt in die Nähe dessen, was heute als „Gaia“-Hypothese die Welt bzw. den Planeten Erde als eine Art Lebewesen ansieht, oder zumindest als ein einziges, sich selbst regulierendes komplexes System. Damit entfernt sich Schelling aber auch gleichsam wieder mit dem, was heute wissenschaftlicher Standard ist, und er selbst hat das Problem, zu erklären, woher diese produktiven Kräfte denn kommen, wie sie wirken – und warum sie wirken: Könnte sich Gott in seiner ursprünglichen „absoluten Affirmation“ selbst genug sein. Tatsächlich: Gott erkennt sich selbst. Nun ist aber nach §7 Gott selbst nichts anderes als die unendliche Affirmation, also auch das unendliche Erkennen von sich selbst. Gott erkennt sich selbst, heißt daher: Gott erkennt sich selbst auf unendliche Art als das Erkennende von sich selbst und als das Erkannte. Er ist also als das eine und als das andere gleich unendlich, gleich absolut … Aller Regressus ins Unendliche hört hier auf. (ebenda) In dem Zusammenhang bringt Schelling einen anderen Erklärungsversuch ins Spiel, warum es die Schöpfung überhaupt gibt. Die Schöpfung ist ein „Abfall“ von Gott. Um sich selbst zu erkennen und zu affirmieren, müsse das Absolute ein Bild von sich schaffen, in dem und über das es sich selbst erkennt. Dieses Bild vom Absoluten ist ebenfalls ein Absolutes. In seiner Freiheit und Selbstständigkeit macht es sich aber autonom und fällt ab von Gott – wird also Schöpfung, wird also Welt. Natürlich ist auch diese Erklärung irgendwie unbefriedigend. Ausgehend von der ursprünglichen, selbstaffirmativen Einheit des Subjekt-Objekt im Absoluten entwickelt Schelling schließlich eine „Identitätsphilosophie“, innerhalb derer im Absoluten alle Formen und Gegensätze in eins fallen: Subjekt und Objekt, Freiheit und Notwendigkeit, Realität und Idealität usw. (Das All) enthält alle (Formen), aber als absolute, unteilbare Einheit, als schlechthin einfache Position, und es enthält sie nicht, eben deshalb, weil es sie nur als Einheit, alle absolut aufgelöst enthält. (ebenda) Diese absolute Einheit von allen ist das All, Gott, Absolutes aus einer bestimmten Sichtweise heraus. Aus einem anderen Blickwinkel erscheint sie als mannigfache, differenzierte Schöpfung. Schelling benutzt immer wieder die Metapher (?) vom Sehen: Gott sieht sich selbst, in sich selbst, durch sich selbst durch, so wie er eben der sich selbst durchdringende Verstand, das absolute Denken ist. „Sehen“ tut man aber nicht als immaterielle Instanz durch sich selbst hindurch, sondern mit einem Auge, das eine Wahrnehmung außerhalb seiner selbst wahrnimmt. Ebenso ist es mit dem Denken. Sowohl Sehen und Denken sind gerichtet – aber wie soll ein solches absolutes Sehen und Denken „in sich selbst“ gerichtet sein? Schelling kann also kaum erklären, wie ein solches absolutes „Sehen“ und „Denken“ vor sich gehen soll. Warum ein solch selbstgenügsamer Urzustand eine Schöpfung produzieren sollte – und wie, mit welchen Mitteln – kann er auch nicht erklären. Er rechnet es einer Kontingenz zu: Als etwas, das vom Absoluten angestoßen wurde, mehr oder weniger zufällig, für das aber keine eigentliche Notwendigkeit besteht. Schließlich wird Schelling von einer Geteiltheit des Urgrundes selbst ausgehen, einer Art Konflikt, der die Schöpfung anstößt; der Urgrund ist nicht mehr identisch mit sich selbst, sondern beinhaltet selbst, nebst seiner Vernunft, ein „dunkles“, unergründliches Prinzip. Dazu später. Außerdem besteht Schellings philosophisches System eigentlich aus zwei Philosophien: der Naturphilosophie, die die Entwicklung der Welt bis zum bewussten Ich nachzeichnet, und die Transzendentalphilosophie, die erklärt, wie das Ich zur Erkenntnis der Welt gelangt. Beide sollten sich gegenseitig ergänzen. Tatsächlich aber stehen sie auch isoliert voneinander. Die Naturphilosophie ist eigentlich materialistisch. Schon Friedrich Engels hat als junger Hörer von Schelling ruminiert, dass die Schellingsche Philosophie eigentlich keine strikt idealistische mehr ist, sondern in den Materialismus münden müsse. Umso mehr, indem Schelling nicht erklären kann, wie durch eine „denkende“ Natur ebendiese hervorgehen würde: Die Kräfte, die das möglich machen, kann er ja trotzdem nicht benennen. Es könnten daher genauso gut auch materialistische Kräfte sein, also Kräfte, die in der Materie selbst liegen, oder in der Wechselwirkung von Materie entstehen oder aber diese Wechselwirkung ermöglichen. Das eine scheint die Vernunft, das andere scheint die Welt, und genau die philosophischen Kniffe und Kunststücke des Deutschen Idealismus scheinen diese Getrenntheit voneinander zu bestätigen. Wie verhält sich nun aber die Philosophie Schellings mit dem anderen großen System, in dem die Vernunft zur Welt kommt: dem Hegelschen?

Schelling war der Jüngste im Triumvirat Hölderlin – Hegel – Schelling, im Tübinger Stift. Er hat sich zunächst auch als der hoffnungsvollste Überflieger erwiesen. Ein Zwanzigjähriger als Star am philosophischen Himmel ist selbst historisch eine geradezu einmalige Erscheinung. Schelling publizierte viel und arbeitete an der Verfeinerung seines Systems. 1807 aber legte der bis dahin nicht so produktive Hegel nicht nur ein gewaltiges, einschüchterndes Werk, sondern scheinbar auch ein besseres System vor: das des dialektischen Vernunft- und Weltprozesses der Phänomenologie des Geistes. Schelling hingegen hörte ein paar Jahre darauf auf, zu publizieren (auch wenn er nach wie vor sehr viel schrieb, aber nichts mehr zur Veröffentlichung brachte). Mit seinem Hauptwerk Wissenschaft der Logik legte Hegel auch eine Logik vor, was Schelling nie tat. So vielseitig Schelling intellektuell auch war, erschien Hegel als der enzyklopädischere Denker und der universalere Geist. Somit wurde Hegel also zur Koryphäe und zum charismatischsten Denker seiner Zeit. Schelling sollte Hegel allerdings um mehr als zwei Jahrzehnte überleben. In den 1840er Jahren, also über zehn Jahre nach Hegels Tod, betrat Schelling mit seinen Berliner Vorlesungen über seine Spätphilosophie, der Philosophie der Offenbarung, noch einmal die Bühne. Triumphal, wie es zunächst schien: Leute wie Kierkegaard, Bakunin, Engels, Ruge und viele andere, die später Geister in ihrem eigenen Recht wurden, oder gar intellektuelle Welterschütterer, strömten in seine Vorlesung. Und waren anfänglich annähernd religiös verzückt davon. Schnell allerdings nahm die Begeisterung bei den meisten ab und die meisten verließen schließlich die Vorlesung. Kierkegaard reiste enttäuscht zurück nach Kopenhagen. Viele warfen Schelling Ideenklau bei Hegel vor (ungeachtet dessen, dass Hegel, Hölderlin und Schelling ihre Gedanken ja ursprünglich gemeinsam entwickelt haben und im Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus noch zu Tübinger Zeit zu skizzieren versuchten). Schelling gestand in seinen späten Ausführungen Hegel zu, dass dieser tatsächlich das umfassende und gleichsam letztgültige System entworfen habe – allerdings des reinen Denkens, und nicht der realen Prozesse in der Welt. Um nichts Wirkliches kann es dieser Philosophie (von Hegel Anm.) zu tun sein, sondern um den eingeborenen absoluten Inhalt der Vernunft (…) Die Logik macht keinen Anspruch darauf, in sich etwas Wirkliches zu enthalten. Sie will bloß subjektives Denken sein. Das Denken ist mit sich allein, so dass es nicht einmal die Welt, sondern nur sich selbst zum Inhalt hat. Der Reichtum der konkreten Welt, sagt Hegel, ist noch außer ihm. (Philosophie der Offenbarung) Schellings Spätphilosophie hingegen soll eine sein, die das totale Sein umfasst. Der Hegelschen Weltsicht wird immer wieder vorgeworfen, dass sie gleichsam teleologisch – wenn nicht gleichsam mechanistisch – ist, und eine bestimmte Entwicklungslinie vorzeichne (oder versuche, den tatsächlichen Weltprozess unter ein bestimmtes Diktat – das der Hegelschen, Hegel zugänglichen Vernunft – zu subsumieren). Wie entscheidend stellt sich in der realen Welt doch aber auch immer der Zufall heraus! Der den gewichtigsten Dingen eine plötzliche Wendung zu geben vermag und entweder für glückliche Fügungen sorgen mag oder für namenloses Unheil. Schelling baut den Zufall in seine Philosophie ein (wie es ein philosophisches oder ein Vernunftsystem vor ihm noch selten getan hat). Ich habe mich bemüht, das Zufällige in der Natur des ersten Existierens darzutun; denn allein auf diesem Zufälligen beruht die Möglichkeit eines Fortschritts, den das starre Sein versagt. Mit dieser Zufälligkeit ist die Möglichkeit einer jenes unvordenkliche Sein aufhebenden Potenz gesetzt. (ebenda) Hegel will das Sein anreichern, Schelling auch. Während Hegel allerdings auf einen dialektischen Prozess setzt, drängt es Schelling gleichsam zu einer eruptiven, vulkanischen Freisetzung von Potenzialen. Es verlangt dies das höchste Gesetz alles Seins, welches will, dass nichts unversucht, Alles offen, klar und entschieden sei. (ebenda) Er entwickelt eine „negative Philosophie“ bzw. eine Philosophie nicht mehr des Seins, sondern des Seinkönnens. Hier kehren sich die Begriffe um; das blinde Sein zeigt sich nunmehr als das Impotente, Negative, das Seinkönnende, dem jenes Sein vorausging, als das Positive. In diesem Seinkönnen ist die Stärke Gottes … Damit fängt seine Gottheit an. In seinem Seinkönnen ist er schon das Überseiende, schon Gott. Das principium divinitatis ist das Seinkönnen. Ein Wesen, das in seinem Ursein, worin es von selbst ist, beharren müsste, könnte nur starr und unbeweglich, tot und unfrei sein. Selbst der Mensch muss von seinem Sein sich losreißen, um ein freies Sein anzufangen. Je höher die Macht dieser Selbstentschlagung und Entäußerung … desto produktiver, unabhängiger, göttlicher erscheint der Mensch. Sich von sich selbst zu befreien, ist die Aufgabe aller Bildung. Die Menschen, welche nicht von sich hinwegkommen, bleiben unvermögend. (ebenda) Das hört sich gut an – allerdings auch sehr rauschhaft. Auch wenn es Sinn macht, dem philosophischen Wirklichkeitssinn auch einen poetischen Möglichkeitssinn hinzuzutun, um das Sein tiefer zu erfassen, stellt sich die Frage, was ein orgiastisch gewordener Möglichkeitssinn eigentlich produzieren sollte. Was hat das dann eben noch mit der Wirklichkeit zu tun, um die es ja eigentlich geht? Wenn man so will, hat das Leben Aspekte von einem Traum, aber es ist kein Traum. Was sollte also der Wirkungskreis einer „Philosophie des Seinkönnens“ sein? (Freilich könnte man Schelling als philosophischen Propheten des Multiversums ansehen, einer zeitgenössischen Weltanschauung in der Physik, die auf einer bestimmten (nicht notwendigerweise korrekten) Interpretation der Quantenmechanik beruht.) Hegel wiederum hat sich zu Lebzeiten despektierlich über die Schellingsche Identitätsphilosophie geäußert. Dessen selbstidentisches Absolutes sei eine Nacht … worin, wie man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz sind. Hegel hingegen war ja der Denker des dialektischen Scheidens und Differenzierens – bei dem beginne eigentlich die Welt. Schelling wird für Hegel zu gar keinem eigentlichen Denker mehr, er erkennt bei Schelling nur mehr roheste Empirie (und) Formalismus von Stoffen und Polen, verbrämt mit vernunftlosen Analogien und besoffenen Gedankenblitzen. Zwar ist nicht alle Welt dialektisch. Aber die Dialektik ist ein probates Verfahren, um Wahrheiten herauszufinden und -filtern, sich der Wahrheit anzunähern, ein stufenweises, progressives Verfahren. Schelling kann kein eigentlich progressives Verfahren angeben, auf dem die Entwicklung der Dinge doch beruhen muss. Opposition und Kampf gibt es tatsächlich in der Welt. Und für dergleichen ist die Dialektik eine angemessenere Methode, sie zu fassen. Schellings Welt erscheint zwar friedlicher und weniger totalitär als die Hegels, weil es in ihr keine dialektische Opposition gibt (deswegen hat sie auch immer wieder ihre Konjunkturen). Aber sie erscheint auch chaotischer, formloser und richtungsloser – und auch das kann feindselig sein. Schelling gilt als Vordenker der (nicht unbedingt dialektischen) Selbstorganisationsprozesse. In der Natur gibt es viele Selbstorganisationsprozesse – die aber sind sehr verschieden voneinander und gehorchen keinem einheitlichen Muster. Und offenbar auch keiner, ihnen inhärenten Intelligenz. Sie benötigen auch kein Absolutes, aus dem sie stammen, sondern vielmehr konkrete endliche Settings mit bestimmten Parametern: Und wenn diese nicht vorhanden sind, kommen diese Selbstorganisationsprozesse nicht in Gang. Bei Schelling wird, im Gegensatz zu Hegel und seiner Dialektik, versucht, das Besondere im Allgemeinen zu erblicken und so zu Bestimmungen zu geraten, deswegen werden bei ihm im Absoluten auch ideelle Bestimmungen (Urbilder, Ideen) konstruiert, als Ermöglichungsgrund von Einzeldingen. Er ist damit ein Platoniker. Wie Platon kann Schelling aber nicht erklären, was die Urbilder und Ideen eigentlich tatsächlich sind und woher sie kommen. Er geht auch in seiner Kunstphilosophie aus, dass wahre Kunst und ihr Agent, das Genie, eben diese Urbilder der Dinge darzustellen vermögen. Das Absolute ist bei Schelling nichts, was tatsächlich gedacht werden kann. Es ermöglicht sich nur eine Anschauung des Absoluten: in der (genialen) Kunst. Bei Hegel hingegen hat man kein Absolutes am Anfang – sondern es steht am Ende eines Selbstdurchdringungsprozesses der Vernunft, die sich, absoluter Geist geworden, selbst endlich durchleuchtet und ausleuchtet. Also so ähnlich, wie Schelling meint, dass Gott und das Absolute sich selbst anschauen und durch sich selbst durchsehen würden. Was eben eine unglückliche Analogie erscheint. Denn woher soll diese Fähigkeit kommen? Eine Selbstdurchdringung des Geistes und dessen Mimesis gegenüber dem Absoluten, wie Hegel es vorschlägt: Das hingegen sollte schon möglich sein.

Das Absolute ist Gegenstand großer Begehrlichkeiten. Jeder will, in diesem relativen Leben, zum Absoluten. Jene ewigen Urbilder aber der Dinge sind gleichsam die unmittelbaren Kinder und Söhne Gottes, daher auch in einer heiligen Schrift gesagt wird, dass die Kreatur sich sehne und verlange nach der Herrlichkeit der Kinder Gottes, welche die Vortrefflichkeit jener ewigen Urbilder ist. (Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge) Dabei ist das Absolute kein Gegenstand, der klar ist. Er scheint vielleicht überhaupt nur eine sprachliche Fiktion zu sein. Er scheint etwas zu bezeichnen, was sowieso zu abgehoben ist, als dass man es erreichen könnte oder verstehen. Vielleicht ist das Absolute nur das Transzendental zum ewigen Mehr-Habenwollen des Menschen. Im Deutschen Idealismus ergibt sich die Forderung nach der Anschauung des Absoluten aus der zentralen Setzung des Subjekts und seiner Anschauungsformen. Was aber ist dann die gegenständliche Welt, bzw. was ist das Subjekt in der gegenständlichen Welt? Die Totalität des Subjekts und der Außenwelt ist also das Absolute. Die Grundauffassung dieser Denker (des deutschen Idealismus) lässt sich in angemessener Entsprechung in folgender Bestimmung ausdrücken: Philosophie ist die intellektuelle Anschauung des Absoluten, schreibt Heidegger in seiner Abhandlung zu Schelling. Die absolute, totale Erkenntnis der Wirklichkeit war natürlich immer Ziel der Philosophie. In der platonischen Tradition sind es die „Ideen“, die die Transzendentalien der Wirklichkeit sind, in denen sich die schattenhaft und konfus erscheinende Wirklichkeit in Reinform darstellt. Das Reich der Ideen wäre da also wohl das Absolute. In der Religion ist es Gott; in der Mystik ist das Absolute, das der Mensch erreichen kann, die unio mystica mit Gott. Im Buddhismus liegt das Absolute in der Erkenntnis, dass Nirwana und Samsara nicht voneinander geschieden sind (wobei das Absolute hier weniger in diesem Sachverhalt besteht, sondern in der Erkenntnis dessen. Und diese Erkenntnis ist eine triviale, wie absolut raffinierte zugleich). Das Absolute bedeutet lateinisch „das Losgelöste“. Also etwas, welches von allen Bedingungen unabhängig ist. Das kann dann auch bedeuten: Das, wovon alles abhängig ist (das aber selbst von nichts abhängt). Absolut kann bedeuten: das Nicht-Kontingente, das sein muss. Unter „absolut“ versteht man auch das vollständige Vorhandensein einer Qualität, in einem Maße, das es nicht mehr überschreitbar ist (also „Vollendung“). „Absolut gültig“ bedeutet, dass etwas jenseits aller Verhandlung und Verhandlungsmächtigkeit gültig ist (außer vielleicht der eines divinatorischen Absoluten). Wenn man den Begriff des Absoluten sehr ernst nimmt, weiß man nicht, ob man jeweils etwas tatsächlich Absolutes in der Welt gesehen hat, oder ob es immer nur sprachliche Annäherungen sind. Freilich konnotiert der Begriff des Absoluten ja auch, dass es nicht innerhalb der Welt zu finden sei, sondern wohl eher außerhalb (oder innerhalb dieser Welt, dem profanen Blick aber trotzdem verborgen). Dieses Außerhalb kann sich innerhalb der Welt eventuell durch seine Zeichen mitteilen. Aber das Problem ist, dass wir von einem solchen Außerhalb nur ein bestenfalls relatives Wissen haben können, absolut bleibt es für uns unzugänglich. Absolut würde auch bedeuten: die letzte Erkenntnis der Welt. Aber man kann nie wissen, wann man tatsächlich endlich bei so was angelangt ist. Das sind also die Verwirrungen, die das Absolute mit sich bringt. Dennoch liegen im Erreichen oder sich Annähern an das Absolute unsere unschuldigen Hoffnungen. Mit dem Absoluten verbindet man wohl „die sinnvolle Verbindung vom allem“. Die ungeheure Spannkraft des religiösen Existenzialismus von Kierkegaard rührt daher, dass er das Individuum gleichsam am Absoluten aufspannt, und nicht am „Nichts“, so wie es der profane Existenzialismus á la Sartre tut. Damit stellt sich auch die Frage, ob man das Absolute überhaupt bewältigen kann. Vielleicht ist das Absolute ja nichts Großartiges aber Neutrales, sondern etwas, das strenge Forderungen erhebt. Mein persönliches Streben geht hin auf die möglichst vollständige und objektiv richtige Erkenntnis der Welt. Die verlangt einerseits nach sorgfältiger Analyse, wie aber auch nach dem Verstehen von zunehmend komplexeren Zusammenhängen und deren intellektueller Analyse und Integration in eine Art zusammenhängender Weltanschauung (die jedoch möglichst dynamisch bleiben sollte). Wenn man so will, verlangt es nach einer Transzendenz und Öffnung des Intellekts: Denn mit dem Alltagsverstand (auch mit dem wissenschaftlichen Alltagsverstand) lassen sich die entsprechenden Herausforderungen zunehmend nicht mehr bewältigen. Glücklich aber ist der Geist, der zu einem solchen Wachstum, zu einer solchen Transzendenz fähig ist. Nimm an, dein Glück ist wirklich sehr groß (oder aber vielleicht auch deine Illusion und Täuschung): Und du gelangst schließlich beim Transzendentalen an, dem Letztgültigen, was keine Transzendenz mehr überschreiten kann. Dann siehst du, sozusagen, das absolut Gültige: in der Tiefe. Wenn du jetzt gleichsam in die Breite gehst, siehst du zunehmend auch die virtuelle Totalität aller Gegenstände und Verhältnisse (natürlich nicht die tatsächliche Totalität aller Gegenstände, denn die ist ja – und das wahrscheinlich für jede vernünftige Instanz in der Welt – überabzählbar). Die virtuelle Totalität aller Gegenstände, die sich vor dir aufbaut, gleicht dann dem Absoluten. Wenn der Geist auf einer solchen Ebene denkt, wird er mit dem relativen, zerstückelten, partiellen Verstand, als welcher ihm der Alltagsverstand erscheinen muss, nicht mehr viel gemein haben. Nehmen wir an, der Geist hat auf einem solchen Niveau und in einer solchen Menge nicht allein Gegenstände angedacht, sondern durchdacht, sich poetisch an sie angenähert und sie poetisch intellektuell vernichtet und wieder neu geschaffen: Was wird ein solcher Geist dann tatsächlich mit anderem Geist noch gemein haben? Ein solcher Geist wird dann ein virtuell absoluter Geist sein, der eine solche Menge an Gegenständen betrachtet – und sie in der Betrachtung umschafft –, dass er sich gleichsam abnabeln wird vom Geist, der allgemein vorhanden ist, und von den ständigen Streitereien, die die relativen Geister anzetteln. Zu diesen relativen Geistern verglichen wird es ein absoluter Geist sein. Ein absoluter Geist, ein absoluter Geist! Alles betrachtend, und alles ständig frisch betrachtend und umbetrachtend, wird er in einem Zustand der permanenten Erleuchtung leben. Denn jener König und Vater aller Dinge lebt in ewiger Seligkeit außer allem Widerstreit, sicher unerreichbar in seiner Einheit, wie in einer unzugänglichen Burg. (Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge) Es kann freilich sein, dass ein solcher absoluter Geist – ein zum Absoluten mimetisch sich verhaltender Geist, ein virtuell absoluter Geist (denn anders kann er nicht sein) – viel zu selten erreicht wird und daher wirkungslos bleibt. Die Menschen mögen das Absolute. Aber in Wahrheit ist ihnen doch das Relative, und ihr Eigensinn, der nach nichts anderem strebt, als nach sich selbst, viel lieber. In seiner berühmtesten (und verstörendsten) Abhandlung, der über das Wesen der menschlichen Freiheit, hat Schelling darüber nachgedacht.

Schelling behauptet nicht, dass das Absolute dem Denken tatsächlich zugänglich wäre. Der Mensch kann sich aber eine Anschauung vom Absoluten bilden: über die Kunst! Das Endliche nur aufgelöst im Unendlichen zu sehen, ist der Geist der Wissenschaft in ihrer Absonderung: das Unendliche in der ganzen Begreiflichkeit des Endlichen in diesem zu schauen ist der Geist der Kunst. (Aphorismen über die Naturphilosophie) Was ist das Unendliche, im Endlichen ausgedrückt? Wahrscheinlich das vollkommene Sein. Was ist die Anschauung vom vollkommenen Sein? Das ist wohl die Schönheit. Wie sollte aber etwas außer dem Wahren wirklich sein können, und was ist Schönheit, wenn sie nicht das volle mangellose Sein ist? Welche höhere Absicht könnte demnach auch die Kunst haben, als das in der Natur in der Tat Seiende darzustellen? oder wie sich vornehmen, die sogenannte wirkliche Natur zu übertreffen, da sie doch stets unter dieser zurückbleiben müsste? (Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur) Wahrheit ist, wenn etwas zur Deckung kommt mit dem, wie es sein muss; Schönheit, wenn etwas zur Deckung kommt, so wie man es ästhetisch gerne hätte. Wahrheit und Schönheit bezeichnen also eine Annäherung an das Maximale, an das Ideal, an das Absolute. Wie für die Philosophie das Absolute das Urbild der Wahrheit – so für die Kunst das Urbild der Schönheit. (Philosophie der Kunst) Im System der gesamten Philosophie und der Naturphilosophie insbesondere haut Schelling die Schlussfolgerungen nur so raus: §321. Die absolute Identität des Unendlichen mit dem Endlichen, objektiv und gegenwärtig angeschaut, ist Schönheit. §322. Absolute Wahrheit und absolute Schönheit sind eins und dasselbe. §323. Die höchste Schönheit wird angeschaut in der Idee Gottes. Denn in Gott sind alle Dinge auf eine ewige Weise, oder in Gott sind nur die ewigen Begriffe aller Dinge … Die Urbilder aller Schönheit sind daher in Gott, und die objektive Schönheit selbst wird angeschaut in der Idee Gottes. §324. Die höchste Seligkeit aller Menschen liegt in der intellektuellen Anschauung der ursprünglichen Schönheit. Aus irgendeinem Grund geht Schelling davon aus, dass es, wie schon Platon vermutet hat, Urbilder und Ideen gäbe, die im göttlichen Absoluten schlummern, und von denen wir nur unvollkommene Abbilder wahrnehmen können. Die große und wahre Kunst jedoch schafft es, zu diesen Urbildern vorzudringen, und die reale Welt über diese Urbilder auszudrücken. Auch die Kunst schaut das Urschöne nur in Ideen als besonderen Formen an, deren jede aber für sich göttlich und absolut ist, und anstatt dass die Philosophie die Ideen wie sich an sich sind, anschaut, schaut sie die Kunst real an. (Philosophie der Kunst) Damit enthebt die Kunst die durch sie dargestellten Gegenstände ihrer Zeitlichkeit und ihrer Kontingenz und stellt sie auf eine Weise dar, dass sie überzeitliche Bedeutung und Sinn erlangen – das Kunstwerk erlangt dadurch ebenfalls Ewigkeitswert. Die Kunst, indem sie das Wesen in jenem Augenblick darstellt, hebt es aus der Zeit heraus; sie lässt es in seinem reinen Sein, in der Ewigkeit seines Lebens erscheinen. (Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur) Wenn wir das Überdauernde anschauen, fragen wir uns nicht mehr nach der Stellung des Menschen in der Welt: Sondern nach seiner Stellung im Universum. Jede echte Kunst will zum dermaßen Universalen und zu der Antwort auf die Frage nach seiner Bedeutung im Universum gelangen. Die Kunst konstruieren heißt, ihre Stellung im Universum bestimmen. Die Bestimmung dieser Stelle ist die einzige Erklärung, die es von ihr gibt. (Philosophie der Kunst) Das Universum ist die Gesamtheit der Dinge, und der Gesetze, nach denen sich die Dinge anordnen. Es ist damit eine Vorstufe zum Absoluten, oder das notwendige Material, um sich eine Vorstellung vom Absoluten zu bilden. Durch die Frage nach der Stellung von etwas zum oder im Universum aber stellen wir gleichsam die Frage nach dem Absoluten. Und darum geht es Schelling ja: Kunst als Ausdruck des Absoluten und Kunst als absolutes Verhältnis zum Absoluten. Jetzt könnte man meinen: Urbilder und Ideen sind aber etwas Statisches. Eine sehr klassische Kunst, könnte man vermuten, würde ein so statisches, statuarisches Ideal anvisieren. Kunst aber soll eben eine Anschauung der realen Welt bieten, und die reale Welt ist etwas hoch Dynamisches, was sich in zahlreichen, annähernd unendlichen, überabzählbaren subjektiven Formen manifestiert. Dementsprechend ist je gerade die Subjektivität und deren Dynamik Gegenstand der Kunst. Die Darstellung der wilden Subjektivität, bzw. die enthemmte Subjektivität in der künstlerischen Darstellung, ist dann der romantische Pol der Kunst. Und, trotz seiner scheinbar statuarisch-idealen Auffassung von Kunst war Schelling ein bestimmender Philosoph für die Romantik seiner Zeit. Was ist die Wahrheit von Kunst? Die Kunst wirkt ja umso wahrer, je subjektiver der Ausdruck ist und je besser der Ausdruck eines Individuums gelingt (so würden zumindest wir das heute sehen: für die Kunst aller Zeiten und Kulturen gilt das so nicht notwendigerweise). Seine (unverwechselbare) Subjektivität ist ja die höchste Wahrheit des Menschen. So stellt sich die Frage: Was ist das Urbild der Subjektivität, durch welche Idee wird die Subjektivität zu einer überzeitlichen Bedeutung erhoben? Durch ihre Schönheit nicht, die ist zwar individuell, aber auch objektiv bestimmt. Vor allen Dingen eben bedeutet Schönheit mangelloses, makelloses, vollkommenes Sein. Subjektivität ist in aller Regel aber eben nicht vollkommen. Sagen wir, das Ideal der Subjektivität liegt in der Anmut. Während Schönheit stark nach objektiven Kriterien funktioniert bzw. auf solche ausgerichtet ist, bleibt Anmut individuell, magisch und geheimnisvoll. Anmut ist damit das Magische, das in der Subjektivität liegt, und es ist die ultimative Würde der Subjektivität. Schelling bringt Anmut mit dem Seelenvollen in Verbindung: Leib ist die Form, Anmut ist die Seele, obgleich nicht Seele an sich, sondern die Seele der Form, oder die Naturseele. (Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur) Anmut ist das ideale Urbild der Subjektivität in der ästhetischen Anschauung, Seele ist die ideale Erhöhung der Subjektivität in ihrer mannigfachen Substanz, könnte man sagen. Die Seele ist also im Menschen nicht das Prinzip der Individualität, sondern das, wodurch er sich über alle Selbstheit erhebt, wodurch er der Aufopferung seiner selbst, uneigennütziger Liebe, und, was das Höchste ist, der Betrachtung und Erkenntnis des Wesens der Dinge, eben damit der Kunst fähig wird. Sie ist nicht mehr mit der Materie beschäftigt, noch verkehrt sie unmittelbar mit ihr, sondern nur mit dem Geist, als dem Leben der Dinge. (ebenda) So gesehen, ist die Seele – als Trägerin der Subjektivität und ihrer Wertigkeit –  eben ewig. Und wohnen tut die Seele bekanntlich bei Gott, im Absoluten. Es ist also Gott, inwiefern er sich durch eine Idee oder einen ewigen Begriff auf den Menschen bezieht, d.h. es ist der ewige Begriff des Menschen selbst, der in Gott ist, wodurch das Kunstwerk hervorgebracht wird. Die Idee des Menschen ist aber nichts anderes als das Wesen oder das An-sich des Menschen selbst, welches in der Seele und im Leib objektiv wird, und demnach der Seele unmittelbar vereinigt ist. (Philosophie der Kunst) Damit ist man also wieder beim Starren, beim Unveränderlichen, beim Ewigen angelangt. Wer aber schafft es, dieses Ewige und Unveränderliche und das Flüchtige, flatterhaft Subjektive und sein Entstehen und Vergehen in beengter Zeit so zusammenzudenken oder zu einer Anschauung zu bringen, dass beide zur Deckung kommen? Diese Instanz ist laut Schelling das Genie. Das Genie ist bei Schelling recht mysteriös; oder weniger mysteriös als gleichsam anonym und unpersönlich (warum auch nicht: sieht es ja schließlich das Objektive und Ewige. Das Höchste in allen Werken auch der Kunst und Wissenschaft entsteht eben dadurch, dass das Unpersönliche in ihnen wirkt. (Stuttgarter Privatvorlesungen)) Bei Schelling wird das Genie gleichsam zu einer Kraft der Natur selbst, einem Agenten des Absoluten, indem es die Urbilder schaut und sein Werk gleichsam aus einer Notwendigkeit daraus ableitet. Das Genie unterscheidet sich von allem, was bloß Talent, dadurch, dass dieses eine bloß empirische Notwendigkeit, die selbst wieder Zufälligkeit ist, hat, jenes absolute Notwendigkeit. Jedes wahre Kunstwerk ist ein absolut notwendiges, ein solches, das gleichermaßen sein und nicht sein konnte, verdient diesen Namen nicht … Für das Genie gibt es keine Wahl, weil es nur das Notwendige kennt und nur dieses will. (Philosophie der Kunst) Auf der anderen Seite kann das Genie gar nicht unpersönlich sein, stellt es doch die höchste Subjektivität dar, und die höchste Kompetenz, Subjektivität auszudrücken. Abgesehen davon ist Schellings Auffassung vom Genie eben reichlich mythisch. Was aber steckt hinter dem Genie tatsächlich? Das Genie funktioniert aus einer Begeisterung heraus. Die Kunst entspringt nur der lebhaftesten Bewegung der innersten Gemüts- und Geisteskräfte, die wir Begeisterung nennen. Alles, was von schweren und kleinen Anfängen zu großer Macht und Höhe herangewachsen, ist durch Begeisterung groß geworden. (Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur) Begeistert ist man gemeinhin von einer Sache, von der man meint, dass sie besonderen Wert und Dauer hat: Also einen objektiven Aspekt und einen Ewigkeitsaspekt. Das Genie lebt nun in einem Zustand ständiger Begeisterung, weil es alles unter diesem objektiven und Ewigkeitsaspekt sieht. Das Genie ist so auffällig subjektiv, weil es seine subjektiven Regungen mit dermaßen objektiver – außer ihm unmittelbar liegender – Bedeutung anreichert und seine Gedanken auf eine derartige Abstraktionsebene bringt, dass seine subjektiven Ausdrücke objektiv bedeutsam werden. Das ist deswegen so, weil das Genie unmittelbar so denkt und so empfindet. In ihm ist das Subjektive und das Objektive immer schon urwüchsig miteinander verbunden. Vielleicht wird man irgendwann einmal irgendwelche Hirnareale bzw. Verdrahtungsmuster im Gehirn ausfindig machen, die für eine solche Art zu denken und zu empfinden verantwortlich sind. Wahrscheinlich wird das alles nicht mysteriös sein. Mysteriös ist nur, warum ein solches Denken und Empfinden unter Menschen so selten ist. Eine weitere Bewegung, die das Genie vollzieht, ist dass es gleichzeitig rational wie auch scheinbar irrational denkt (in Wirklichkeit denkt es meta-rational). Deswegen meint man dann auch: Das Genie arbeitet mit dem Unbewussten, oder hat einen privilegierten Zugang zum Unbewussten. Tatsächlich war Schelling derjenige, der die Philosophie für das (sogenannte) Unbewusste geöffnet hat.

Schellings vielleicht bekannteste Arbeit ist die Philosophische Untersuchung über das Wesen der menschlichen Freiheit. Es ist eine ein wenig beklemmende, eigentlich sogar ziemlich verstörende Arbeit. Obwohl sie innerlich klar ist, scheint sie dunkel und wirft Schatten. Sie scheint mehr zu sein als sie selbst, mehr zu implizieren als sich selbst, eine virtuelle Ewigkeit und Unendlichkeit. So sollen große Werke und Texte der Metaphysik ja auch sein (und mein Problem mit Schelling ist, dass ich dieses Charisma im Wesentlichen auch nur in seiner Freiheitsschrift aufleuchten sehen kann – ansonsten scheint mir seine Metaphysik, auch in ihrem Stil, einfallslos, wenig zwingend und platt. Vielleicht ist sie zu wenig akzentuiert? Oder sind mir die Gedanken zu schwach und zu willkürlich; außerdem wenig überzeugend und vor allem zu wenig originär? Was weiß ich. Vielleicht bin ich auch noch nicht reif genug für Schelling). Sie behandelt ultimativ das Verhältnis zwischen dem Absoluten und der (dazu relativen) Schöpfung: das zu formulieren Schelling stets erhebliche Schwierigkeiten bereitet hat. Warum teilt sich das Absolute (oder was auch immer es dabei tut) in eine Schöpfung auf, wo es doch auch zufrieden in sich ruhen könnte? Warum, vor allem, ist die Schöpfung nicht perfekt? Warum gibt es das Böse, das Unvernünftige, das Ziellos-Triebhafte, das Unklare und Unbewusste in der Schöpfung? Das Problem der Theodizee, das noch niemand glaubhaft zu lösen vermochte. Schelling verneint, dass Unvernünftiges aus Vernünftigem entstanden sein könnte, und Böses aus Gutem, Dunkelheit aus Licht. Und wo kommt die Freiheit der Geschöpfe her, inklusive der Freiheit Gottes? Auch sie widerspricht an und für sich Idee der Zielgerichtetheit des Systems und der Vernunft (deswegen kann sich Spinozas pantheistischer Gott auch nur mit einer eisernen Notwendigkeit und aus einer solchen heraus entwickeln). All das – schlussfolgert Schelling endlich, und in einer Weise, in der es niemand vor ihm gewagt hat – könne nur dadurch entstanden und in die Welt gekommen sein, weil im göttlichen Urgrund selbst eine entsprechende Potenz vorhanden sei. Neben einer Vernunftnatur, neben einer Art Logos, und einer lichten Seite, hat der Urgrund selbst eine dunkle Seite, eine regellose Triebnatur, einen blinden Willen … und nirgends scheint es, als wären Ordnung und Form das Ursprüngliche, sondern als wäre ein anfänglich Regelloses zur Ordnung gebracht worden. Dieses ist an den Dingen die unergreifliche Basis der Realität, der nie aufgehende Rest, das was sich mit der größten Anstrengung nicht in Verstand auflösen lässt, sondern ewig im Grunde bleibt. Aus diesem Verstandlosen ist im eigentlichen Sinn der Verstand geboren. Ohne dieses vorausgehende Dunkel gibt es keine Realität der Kreatur; Finsternis ist ihr notwendiges Erbteil. Gott allein – Er selbst der Existierende – wohnt im reinen Licht, denn er allein ist von sich selbst. (Philosophische Untersuchung über das Wesen der menschlichen Freiheit) Gott hat also eine Doppelnatur: eine lichte und eine dunkle Seite. Mit seiner lichten Seite, der des Logos, erhebt sich Gott aus dem differenzlosen Ungrund – nun die Bezeichnung für das Indifferente, das allem vorangeht. Im Ungrund sind die lichte und die dunkle Seite – oder auch, wenn man so will, Geist/Vernunft und Materie/Trieb – nicht voneinander geschieden. Das anfängliche Grundwesen kann nie an sich böse sein, da in ihm keine Zweiheit der Prinzipien ist und ohne Indifferenz, ohne einen Ungrund, gäbe es keine Zweiheit der Prinzipien. (ebenda) Die Dualität beginnt, wenn Gott seine lichte Seite entwickelt, in Form einer Schöpfung, die sich immer mehr vergeistigt. Denn trotz all ihrer Inspiriertheit ist die Schöpfung bzw. ihr Regelwerk vom Regellosen, vom Chaotischen und vom Verfall bedroht. Gleichzeitig kann man den dunklen Grund auch als Eigenwillen der Kreatur ansehen, ihrem Drang, sich zu individuieren und zu entfalten (weswegen Gott eben die Schöpfung anstößt: um sich zu entfalten. Denn auch Gott hat diesen Eigenwillen als dunklen Grund). Das Prinzip, sofern es aus dem Grunde stammt und dunkel ist, ist der Eigenwille der Kreatur, der aber, sofern er noch nicht zur vollkommenen Einheit mit dem Licht (als Prinzip des Verstandes) erhoben ist (es nicht fasst), bloße Sucht oder Begierde, d.h. blinder Wille ist. (ebenda) Bei Gott allerdings ist die lichte, die objektiv-konstruktive Seite und die Einsicht in deren Vernunft so stark, dass er – über dennoch dunklem Grund – in reinem Licht lebt. Das Problem des Menschen ist, dass seine Vernunft und Einsicht nicht der göttlichen gleicht. Deswegen ist der Mensch eigensinnig. Der Eigenwille und Eigensinn allein ist an und für sich nichts Böses. Auch Tiere haben einen Eigenwillen, sie sind aber nicht böse (dass sie aber zumindest offensichtlich, und mit Lust, boshaft sein können, weiß jeder, der Tiere hält). Aber das Tier ist kein geistiges Wesen und kann daher, anders als der Mensch, keine Einsicht in die lichte Vernunft, in die Vernünftigkeit des Universalwillens haben. Denn das lichte Prinzip hat nur im Sinn, alles seinem objektiven Sinn nach und zu einem objektiv richtigen Zweck zu ordnen und zu gebrauchen, während das dunkle Prinzip eben der Eigenwille, die Selbsterhaltung und -entfaltung ist. Gottes Willen ist, alles zu universalisieren, zur Einheit mit dem Licht zu erheben, oder darin zu erhalten; der Wille des Grundes aber, alles zu partikularisieren oder kreatürlich zu machen. Er will die Ungleichheit allein, damit die Gleichheit sich und ihm selbst empfindlich werde. (ebenda) Selbsterhaltung und -entfaltung ist nichts Böses – es sei denn, sie gehen übermäßig auf Kosten anderer, und verletzten damit den Universalwillen. Das Böse kommt nun in die Welt, wenn der Eigenwille übermächtig wird, und den Universalwillen ignoriert oder ihm sogar bewusst dem Krieg erklärt. Das ist dann eben eine bewusste Entscheidung über den Gebrauch des Eigenwillens, der Energie des dunklen Grundes, die der vernunftbegabte Mensch selbst trifft – in seiner Freiheit. Gerade indem der Mensch vergeistigter und freier als das Tier ist, hat er umso mehr die Wahl zum Bösen. Im Menschen ist die ganze Macht des finsteren Prinzips und in ebendemselben die ganze Kraft des Lichts (…) Dieser allgemeinen Notwendigkeit ohnerachtet bleibt das Böse immer die eigene Wahl des Menschen; das Böse, als solches, kann der Grund nicht machen, und jede Kreatur fällt durch ihre eigene Schuld. (ebenda) In seiner Freiheit hat der Mensch also die Fähigkeit, das Böse bewusst zu wählen. Wie bei keinem anderen Philosophen zuvor wird bei Schelling das Böse erstmals nicht zu einem negativen Schattenbild oder bleibt eine Art Wurmfortsatz: Sondern es wird zu einer positiven Qualität, einer bewussten Entscheidung, einer eigenen, durch sich selbst gespeisten Energie, die aus ihrer eigenen Quelle kommt, möglicherweise zu einer Leidenschaft. Aus einer Perversion des Eigenwillens kommt das Böse in die Welt. Durch den dunklen Grund aber kommt etwas Allgemeineres in die Welt als das Böse: das Negative, das Unzusammenhängende, das Trennende, das Schlechte. Der Verfall. Das Böse kommt durch eigene Entscheidung des Menschen in die Welt. Das göttliche Licht, der Universalwille, sollte ihn davon abhalten. Doch der dunkle Grund selbst garantiert nicht für eine solche Entscheidung. Der dunkle Grund ist indifferent dagegen, ob Vernunft und Moral in der Welt herrschen, oder nicht. Der dunkle Grund reißt Löcher in das Gewebe der Welt. O nicht jene Trümmer uralter menschlicher Herrlichkeit, wegen welcher der Neugierige die Wüsten Persiens und Indiens Einöden aufsucht, sind die eigentlichen Ruinen; die ganze Erde ist eine große Ruine, worin Tiere als Gespenster, Menschen als Geister hausen, und worin viele verborgene Kräfte und Schätze wie durch unsichtbare Mächte und wie durch den Bann eines Zauberers festgehalten sind. (Clara. Über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt) So könnte man aufheulen. Momente des Aufblitzens eines göttlichen Funkens sind rar, und selbst die Freiheit, aus der der Mensch das Gute oder das Böse erwählt, scheint eigentlich nur kurz und hin und wieder aus dem Dunkel zu treten (ansonsten sind es ja meistens Routinen, die das Handeln des Menschen bestimmen, und nicht die Freiheit). Auch zur Freiheit muss der Mensch erst erwachsen, auch sie erhebt sich in dieser Welt aus dem Dunkel der Notwendigkeit, und bricht nur mit ihrer letzten Erscheinung hervor als unerklärbar, göttlich, als ein Blitz der Ewigkeit, der die Finsternis dieser Welt zerteilt, aber auch in seiner Wirkung gleich wieder von ihr verschlungen wird. (ebenda) Ich rufe dir also zu aus Ruinen, Bruder – doch scheinen nicht Raum und Zeit selbst boshaft zu sein, ein dunkler Grund, die uns vom Vernünftigen, vom uns Wohltuenden trennen, zwischen uns Abgründe aufreißen? Verwandte Seelen werden hier durch Jahrhunderte oder durch weite Räume oder durch die Verwicklungen der Welt getrennt. Das Würdigste wird in eine unwürdige Umgebung gestellt, wie Gold mit schlechtem Kupfer oder Blei auf einer Lagerstätte bricht. Ein Herz voll Adel findet oft eine verwilderte und erniedrigte Welt um sich, die selbst das himmlisch Reine und Schöne zum Hässlichen und Gemeinen herabzieht. (ebenda) Die eigentliche Negativität von allem ist, dass kein Geschöpf den dunklen Grund, aus dem es kommt, letztendlich bezwingen kann. Das ist der Grund für die Melancholie, die in aller Schöpfung waltet, und von der selbst der höchste Schöpfer nicht frei ist. Der Zug von Schwermut, der sich auf Christi Antlitz malt, wenn er sich so nennt, widerspricht jener Erklärung, die in dem Namen eine Hoheit sieht. (Philosophie der Offenbarung) Da auch in Gott dieser dunkle Grund ist, ist auch in Gott Melancholie (und wahrscheinlich mehr, als Schelling es zugeben will). Dies ist die allem endlichen Leben anklebende Traurigkeit, und wenn auch in Gott eine wenigstens beziehungsweise unabhängige Bedingung ist, so ist in ihm selber ein Quell der Traurigkeit, der aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient. Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörliche Melancholie alles Lebens. Freude muss Leid haben, Leid in Freude verklärt werden. (Philosophische Untersuchung über das Wesen der menschlichen Freiheit) Man könnte es auch als Fluch der Natur sehen: Um das Unendliche im Endlichen wiederzugeben, muss sie ständig zerstören, um erneut produzieren zu können. Mit dieser philosophischen Legitimation der Melancholie traf Schelling einen Nerv in der Romantik. Sie hat leider auch einen Nerv bei Schelling selbst getroffen: Den frühen Verlust der Frau seines Lebens, Caroline, hat er nie verwinden können. Mit seiner Introduktion eines dunklen, willenhaften Grundes als Weltprinzip scheint er Schopenhauer zu antizipieren in einem Ausmaß, dass Slavoj Zizek die Metaphysik Schopenhauers einmal als eine popularisierte Ausgabe der Metaphysik Schellings bezeichnete (Schopenhauer selbst hatte eine despektierliche Meinung von Schelling). Das Unbewusste, die Triebe, mit ihrer Dunkelheit und ihrer lauernden Gefährlichkeit: Nimmt Schelling damit nicht Freud und das Menschenbild der Psychoanalyse vorweg? Die dunkle Kunst, die dunkle Poesie, die die Nachtseite der Welt und der Seele beleuchtet, wie die von Baudelaire, Rimbaud – und von denen ausgehend die moderne Dichtung insgesamt – mag sie ihre philosophische Grundlage nicht auch in Schelling finden? Und meine kleine Idee und Metaphysik vom Chaosmos als Weltprinzip: Hat die, so betrachtet, nicht Schelling auch schon gehabt? Was aber wird aus dem, von dem der ganze Deutsche Idealismus eigentlich ausgeht: aus der Vernunft und dem durch Vernunft begründbaren Sittengesetz? Der Kantschen Vernunftmoral? Wenn die Vernunft nur mehr eine Seite in einem dualen Schöpfungsprinzip ist, dessen andere die Unvernunft ist, die nicht besiegt werden kann? Die Vernunft kann also nicht mehr das erlösende Prinzip sein. Tatsächlich scheint Schelling in seiner philosophischen Verortung von der Bahn der Aufklärung wieder abzuweichen und sich wieder der Religion anzunähern. Geborgenheit sei, wonach alle Kreatur strebe. Und diese Geborgenheit finde die Kreatur nicht in der Vernunft, sondern nur in Gott und in Jesus Christus. Wird Schelling vom Philosophen also wieder zum religiösen Obskuranten? Oder kann man ihn vielleicht als einen Fürsprecher einer höheren Vernunft, einer göttlichen Vernunft, einer Hyper-Vernunft begreifen?

Religion bedeutet auf lateinisch: Gewissenhafte Berücksichtigung von Regeln. Praktisch mag das letztendlich hinauslaufen auf: Blinden Gehorsam gegenüber einem (nicht vernunftmäßig abgeleiteten, sondern) offenbarten Willen, der von einer jenseitigen Instanz kommt. Das bedeutet eine Verminderung der Kompetenz des Menschen, wenngleich im Austausch gegen Gefühle der Geborgenheit durch die transzendente Instanz und der Hoffnung auf absolute Erlösung durch diese. Philosophie will hingegen die absolute Erhöhung der Eigenkompetenz des Menschen und strebt eine vollständige Durchdringung der Welt vermöge des rationalen Denkens an. Die Philosophie nun tritt in ihrer vollkommenen Erscheinung nur in der Totalität aller Potenzen hervor. Denn sie soll ein getreues Bild des Universums sein, dieses aber dem Absoluten, dargestellt in der Totalität aller ideellen Bestimmungen. Gott und das Universum sind eins, aber nur verschiedene Ansichten eines und desselben. Gott ist das Universum von der Seite der Identität betrachtet, er ist Alles, weil er das allein Reale, außer ihm alles nichts ist, das Universum ist Gott von Seiten der Totalität aufgefasst … Die vollkommene Erscheinung der Philosophie, sage ich, tritt nur in der Totalität aller Potenzen hervor. (Philosophie der Kunst) Ursprünglich, im Rahmen seiner Transzendentalphilosophie, war für Schelling die Kunst die höchste menschliche Fakultät gewesen, denn nur die ermögliche eine Anschauung des Absoluten. Im Rahmen seiner (ein wenig) später entwickelten Identitätsphilosophie hingegen wird es die Philosophie: Denn nur die ermögliche ein Verständnis der Kunst, ein Verständnis davon, dass die Kunst das Absolute ausdrücke. Während die Kunst (ahnungsvoll, halb unbewusst, in genialer Intuition) ein Abbild des Absoluten liefere, beschäftige sich die Philosophie mit dem „Urbild“ des Absoluten, das eine verstandesmäßige Anschauung bzw. versprachlicht ist, ein (nicht literarischer, sondern logischer) Text. Das Universum ist im Absoluten als das vollkommene organische Wesen und als das vollkommene Kunstwerk gebildet: für die Vernunft, die es in ihm erkennt, in absoluter Wahrheit, für die Einbildungskraft, die es in ihm darstellt, in absoluter Schönheit. Jedes von diesen drückt nur dieselbe Einheit von verschiedenen Seiten aus, und beide fallen in den absoluten Indifferenzpunkt, in dessen Erkenntnis zugleich der Anfang und das Ziel der Wissenschaft ist. (Fernere Darstellungen aus dem System der Philosophie) Das Universum, so die philosophische Erkenntnis, gleiche also einem Kunstwerk. Im Absoluten aber fällt sowieso alles zusammen, und es ist nur eine Frage des Blickwinkels, unter welchem Aspekt einem das Absolute gerade erscheine. Absolut gesehen erscheint das Universum als göttlich: Das ist dann die geoffenbarte Wahrheit, die sich allerdings auf dem Wege und mittels der absoluten philosophischen Vernunft offenbart. Es gibt keine höhere Offenbarung weder in Wissenschaft, noch in Religion oder Kunst, als die Göttlichkeit des All: ja von dieser Offenbarung fangen jene erst an und haben Bedeutung nur durch sie. (Aphorismen über die Naturphilosophie) So eine Intuition von der Göttlichkeit des Universums mag einen schon befallen, das Universum mag einem schon einen Schauer des Absoluten über den Rücken jagen. Dieses so bekannte Gefühl aber kündigt nur an, was der rechtens philosophisch ausgeprägte Verstand mit seinen Mitteln zu fassen weiß. Heute, mit der Säkularisierung, traut sich keiner mehr zu fordern, dass die Vernunft das Göttliche und das Absolute schauen und fassen sollte, und ihm gleich werden sollte. Daher ist die Philosophie heute sehr unsicher und depressiv geworden – still melancholisch, so wie es ja auch Schelling für alle Lebewesen in der Zeit konstatiert, die dem Wesen der Zeit und dem dunklen Grund unterworfen. Daran ist die Philosophie und die Säkularisierung mit ihrer Kleinmütigkeit und intellektuellen Kleinteiligkeit selbst schuld. So wie Heidegger von der Seinsvergessenheit in der abendländischen Philosophie spricht und sie beklagt, könnte man auch das Aufgeben der Philosophie beklagen, ihr Potenzial auszuschöpfen, das Absolute zu erkennen und zum Absoluten und zum absoluten Verstand vorzustoßen. Die Philosophie von heute erteilt dem Vorstoß ins Metaphysische eine Absage und will sich lieber darauf beschränken, Streitigkeiten im Hier und Jetzt zu ordnen. Mit dem absoluten Verstand, dem Verstand, der in Richtung Absolutes schaut, verlieren Streitigkeiten im Hier und Jetzt aber ihren absoluten Stellenwert und werden relativ. Gleichzeitig wird dem Verstand, der das Absolute schaut, klar, dass auch Streitigkeiten absolut sind und in die Textur der Welt eingeschrieben: Aufgrund des dunklen Grundes, der in ihr waltet. Leute, deren Verstand das Absolute nicht schaut, glauben, ihre Streitigkeiten im Hier und Jetzt gälten der Lösung aller Probleme und Dinge, hin in eine lichte Zukunft, die der Ewigkeit gleicht. Der Verstand, der das Absolute schaut hingegen sieht, dass es keine ultimative Auflösung aller Streitigkeiten geben wird, denn Streitigkeiten werden in Ewigkeit fortdauern. Streitigkeiten und Uneinigkeiten sind ein Transzendental (das man jetzt, wie Schelling als „dunklen Grund“ bezeichnen mag oder sonstwie). Indem er das aber ersieht, ist er von den relativen Streitigkeiten der Zeit schon einmal entrückt und etabliert sich eine Distanz zu ihnen. Auch wenn die Streitigkeiten ewig sein werden, ist es schon allein einmal die Sicht auf die Ewigkeit, die den Streitigkeiten im Hier und Jetzt ihren Stachel nimmt. Das Absolute anschauen und sich seiner Ewigkeit gewahr werden, ist aber identisch: … diejenigen aber, welche schon in diesem Leben von dem Bleibenden, dem Ewigen und Göttlichen erfüllt gewesen, werden auch mit dem größten Teil ihres Wesens ewig sein. Die Ewigkeit fängt also hier schon an, und für den, der Zeit ewig ist, ist die Ewigkeit gegenwärtig, so wie sie dem, der in der Zeit nur zeitlich ist, notwendig nur zukünftig und zugleich der Gegenstand eines zweifelhaften Glaubens oder der Furcht ist. (System der gesamten Philosophie und der Naturphilosophie insbesondere) Ewig werden bedeutet aber: Göttlich werden. Das Ziel für das menschliche Leben ist laut dem Identitätsphilosophen Schelling göttlich werden, mit dem Göttlichen identisch zu werden. Das höchste Ziel für alle Vernunftwesen ist die Identität mit Gott. – Denn das höchste Ziel alles wahren Handelns ist: Identität der Freiheit und der Notwendigkeit, und da diese nur in Gott ist, Gott durch sein Handeln auszudrücken, d.h. mit Gott identisch zu sein. (ebenda) Natürlich ist es keiner Kreatur möglich, mit Gott identisch zu werden. Doch durch die philosophische Anschauung des Absoluten, und eingedenk, dass man Teil des Absoluten sei, und von der Wurzel her gleich, ist eine Mimesis mit dem Göttlichen möglich, oder, wie man sagt, eine Aktivierung des göttlichen Funkens, der innerhalb der Kreatur wohnt. Ein göttliches Leben ist eben nur dadurch möglich, dass jener Begriff unseres Wesens in Gott … das An-sich der Seele und die wirkliche werde … Für den, dessen Seele selbst vom Göttlichen ergriffen ist, ist Gott kein Außer-ihm, noch eine Aufgabe in unendlicher Ferne, Gott ist in ihm und er ist Gott. (ebenda) Die philosophische Vernunft, die das Absolute sieht und auf ebenjener Ebene der intellektuellen Analyse und Integration arbeitet, wird dann ähnlich der göttlichen Vernunft. Sie hat dadurch Einsicht in den Universalwillen und kann den Partikularwillen, der aus dem dunklen Grund kommt, relativ (bzw. innerhalb der trotz allen beschränkten Möglichkeiten der menschlichen Vernunft gesehen sogar „absolut“) überwinden. Die göttliche Vernunft ist einfach eine höhere Vernunft, in deren Raum Gegenstände von allen möglichen Seiten betrachtet werden und in der Gegensätzlichkeiten ineinander gespiegelt werden bzw., auf einer Metaebene zumindest, vereint werden. Die absolute Vernunft triumphiert also über die Paradoxien und Gegensätze, die in der empirischen Welt vorhanden sind. Aus dieser gleichzeitig zusammenhängenden und amalgamierenden wie auch trennscharf-luziden Sichtweise ergibt sich dann eine Art „Weltfrömmigkeit“ und Achtsamkeit gegenüber den Gegenständen in der Welt. Nichts, überall nichts, ist daher an sich unvollkommen, sondern Alles was ist gehört, inwiefern es ist, zum Seyn der unendlichen Substanz, aus deren Natur es allen gehört, dass sie sey. Diess ist die Heiligkeit aller Dinge. Das Kleinste ist heilig wie das Grösste, sowohl durch die innere Unendlichkeit, als dadurch, dass es seinem ewigen Grund und Seyn im All nach nicht vernichtet werden könnte, ohne dass das unendliche Ganze selbst vernichtet würde. (Stuttgarter Privatvorlesungen) Gegenüber der bloßen Vernunftphilosophie und – wenn man so will – Vernunftreligion bei Kant und Fichte, und dem kategorischen Imperativ als dem transzendentalen moralischen Gesetz in mir, welches Kant und jene, die ihm folgen, mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfüllen, hat man es bei der Vernunft, die das Schellingsche Absolute anschaut, mit einer höherdimensionalen, mit einer im Vergleich dazu ekstatischen Vernunft zu tun: Die nicht bloß in einen (irgendwie indifferenten und unbeseelten) bestirnten Himmel eingelassen ist bzw. unter diesem stattfindet, sondern eingelassen ist in das Absolute einer sittlichen Totalität. Und Philosophie … ist das, was Plato das ?? (griechisch, für mich unleserlich Anm.) nennt, das Leben mit und in einer sittlichen Totalität. (System der gesamten Philosophie und der Naturphilosophie insbesondere) Man ist nicht gleichsam einsam mit seinen moralischen Entscheidungen unter sorgfältiger, Sorgen machender Berücksichtigung, wie sie sich wohl mit dem kategorischen Imperativ vertragen, unter nächtlichem Himmel, von dem, von ganz weit weg, ein paar Sterne funkeln, sondern eingelassen in eine schwingende Totalität des Absoluten. Wie oben erwähnt, ist das höchste, göttliche Ziel alles wahren Handelns „Identität der Freiheit und der Notwendigkeit“. Im Absoluten fallen beide, ohne größeres Überlegen, zusammen. Die Handlungen und Schicksale aller Menschen sind, aufs Absolute bezogen, weder frei noch notwendig, sondern Erscheinungen der absoluten Identität von Freiheit und Notwendigkeit. (ebenda) Kant spricht immer wieder von einem „guten Willen“ als höchstem sittlichen Motiv. Doch wenn eine wirklich gute Tat getan wurde, bekommt man als Antwort auf die Frage nach dem Warum sie getan ward: Weil es sich so gehört. Daran erkennt man einwandfrei (durch nichts anderes kontaminierte) gute Taten. Die betreffende Person tut sie aus dem Bewusstsein heraus, weil es sich so gehört. Das ist, platt empirisch betrachtet, jenes rätselhaft scheinende Zusammenfallen von Freiheit und Notwendigkeit. Und Handeln innerhalb einer sittlichen Totalität, und aus einer sittlichen Totalität heraus. Dieses Gefühl für die sittliche Totalität, in die wir eingelassen seien, ist nicht nur im raffinierten philosophischen Verstand vorhanden, sondern weitverbreitet. Das Absolute reicht eben tief in das rein Empirische hinein. Versuchen wir aber, dieses rein Empirische unter uns zu lassen und uns dem Absoluten anzunähern und mit unserer Vernunft das Absolute zu schauen. Jeder macht so seine Vorschläge, was man im Leben tun soll oder wie man das Leben leben soll, und, gemeinsam mit Schelling, mache diesen kleinen, bescheidenen Vorschlag halt ich. Du wirst also diese Enge, in der du dich zuvor festgehalten, indem du die höchste Einheit auf das Bewusstsein eingeschränkt hattest, verlassen, und dich mit mir in den freien Ozean des Absoluten begeben, wo wir uns sowohl lebendiger bewegen, als die unendliche Tiefe und Höhe der Vernunft unmittelbar erkennen werden. (Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge) Enthebe dich der Enge des Empirischen und gelange, durch die Meditation des Empirischen zur höchsten Anschauung, der des Absoluten! Überwinde eben selbst den Gegensatz zwischen Freiheit und Notwendigkeit, da diese im Absoluten in eins fallen, und verwinde selbst das Bedürfnis nach Freiheit oder, umgekehrt, nach Regeln, da du in die sittliche Totalität dann eingelassen dich findest. Ist das eine Ekstase? Oder ist es ein tiefer Frieden? Oder ist es beides, was so eine Sichtweise endlich beinhaltet? Die wahre Welt ist aber nicht die, welche das Einzelne im Reflex sich bildet, und wovon es die Idee aus dem nimmt, was über ihm ist, sondern der unbewegliche und harmonische Feuerhimmel, der über allen schwebt und alle umschließt. (ebenda) Der Feuerhimmel mag darauf referieren, wie van Gogh die Welt gesehen hat; ein hochstehender Künstler, der überall den Durchbruch des Absoluten in die sichtbare Welt wahrgenommen hat. Das ist ein sehr hoher Geisteszustand, das ist eine sehr gute Wahrnehmung. Aber van Gogh war auch übererregt. Deswegen ist eben von einem harmonischen Feuerhimmel die Rede, von dem es letztendlich noch besser ist, wenn man ihn sehen kann. Denn gleichwie der Blitz ausgehet von der finsteren Nacht und hervorbricht durch eigene Kraft, also auch die unendliche Selbstbejahung von Gott. Gott ist die gleich ewige Nacht und der gleich ewige Tag der Dinge, die ewige Einheit und die ewige Schöpfung ohne Handlung oder Bewegung, sondern als ein stetes ruhiges Wetterleuchten aus unendlicher Fülle. (Stuttgarter Privatvorlesungen) Das eine ist (der unbekannte) Gott, das andere sind wir. Enthebt uns die absolute Vernunft, die ästhetische, moralische und vernunftmäßige Anschauung des Absoluten unserer Endlichkeit und Kreatürlichkeit? Nein, natürlich nicht, in dem Aspekt bleiben wir so klein und schwach und so groß und stark wie immer. Die Möglichkeit aber, dass die empirische Welt, und wir mit ihr, auch als ein Absolutes angeschaut werden kann, sollte uns aber bekannt sein. Je mehr man in dieser Möglichkeit wohnt, desto besser ist es wahrscheinlich. Je mehr man in diesem Licht wohnt, desto mehr entfernt man sich vom dunklen Grund der Melancholie. Das, was dann hauptsächlich zählt, ist ein Blick auf die reine Konstruktivität. Vor allem: Die Welt ist mittlerweile sehr weit und breit geworden, und multikulturell. Die Möglichkeiten der Vernetzung nehmen also zu, wie aber auch die der Missverständnisse zwischen einzelnen Inseln in der Welt. Zweiteres sollte man vermeiden. Denn das entspricht nicht dem Geist der Konstruktivität. Im Absoluten fallen alle diese Weiten und Breiten und Kulturen zusammen; im Absoluten sind sie enthalten. Hegel ist der Philosoph der Ausprägung einer Weltvernunft. Doch Hegel ist, in seinem Vernunftverständnis, diktatorisch und totalitär. Vielleicht ist also Schelling mit seiner Intuition vom Absoluten der Prophet einer Weltvernunft in einem globalisierten Zeitalter. Probieren wir es aus. Was haben wir dabei schon zu verlieren, als das Absolute? Vor allem aber werden unsere Augen auf die oberen Götter gerichtet sein, und jenes seligen Seins Teilnahme durch Anschauung erlangend, werden wir wahrhaft, wie die Alten sich ausdrückten, vollendet werden, indem wir, nicht nur der Sterblichkeit Entflohene, sondern als solche, die die Weihe unsterblicher Güter empfangen haben, in dem herrlichen Kreise leben. Jedoch, o Freunde, schon mahnt uns die sinkende Nacht und das Licht einsam funkelnder Sterne. Lasset uns also von hinnen gehen. (Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge)