Ad hoc Bemerkung zu Heidegger und Derrida
Ich habe kein sonderliches Problem und keine morbide Faszination für die Sprache, so wie Heidegger oder Derrida, und ich halte sie nicht für sonderlich bedenklich. Allerdings ist meine Sprache auch authentischer und weniger artifiziell als die von Heidegger oder Derrida. Ich empfinde auch das Sein nicht als etwas, das sich mir dauernd entzieht oder als eine heillose Struktur von Differenzen, die jegliche Präsenz verunmöglichen. Das ist wahrscheinlich deswegen so, weil mein Gefühlsleben intakt ist und ich keine Probleme habe, mit den zahlreichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit in Kontakt zu treten; etwas, worin Menschen im Allgemeinen freilich tatsächlich nicht sehr gut sind und ziemlich gehemmt. Daher ist es vielleicht ratsamer, mich zu studieren als Heidegger oder Derrida, außer man will sich ständig an irgendwas abarbeiten und nie irgendwohin kommen. Denn da komme ich den Lösungen und der großen Integration einfach näher und ich kenne in dieser Hinsicht das Glück. Natürlich ist mir durchaus bewusst von wegen: „das Sein entzieht sich“ und „die Präsenz löst sich in Verweisungszusammenhänge auf“. Aber das erscheint mir nicht dramatisch oder als entscheidender Hinweis auf eine grundsätzliche Instabilität des Ontischen. Ich finde das nicht feindselig, zum Verzweifeln oder als einen grundsätzlichen Abgrund, der uns von etwas trennt. Um Trennungen zu überwinden, dazu ist ja die Möglichkeit des Kontakts da, und Abgründe werden verringert durch Kontakt. Wird die Kontaktmöglichkeit universal, tritt man sogar in Kontakt mit dem Absoluten, dem alle nachjagen, vor allem jemand wie Heidegger. Oder dem sich andere neurotisch verweigern wollen und diese neurotische Verweigerung dann verabsolutieren wollen, vor allem jemand wie Derrida. Natürlich ist der Begriff des Absoluten paradox und außerdem eine Halluzination. Man kann sich mit dem Absoluten mimetisch verbinden, wenn man selber das Paradox in sich einbaut und, neben aller Rationalität, paradox wird. Das passiert von selber, wenn man mit den zahlreichen Erscheinungsformen der Wirklichkeit in Kontakt tritt. Die verhalten sich nämlich paradox zueinander; weswegen die Menschen einen solchen allzugroßen Kontakt mit den vielfachen Erscheinungsformen und Milieus der Wirklichkeit scheuen. Weil sie nicht mit dem Paradoxen umgehen können, und so können sie dann auch nicht mit dem Absoluten tatsächlich umgehen. So verbleiben sie in ihren paranoiden Hoffnungen auf das Absolute stecken oder in ihren ewigen neurotischen Differenzen. Die Philosophie ist aber dazu da, Auswege aus Sackgassen anzubieten und Chaos zu ordnen. Und ein Paradox verweist sowieso auf die Notwendigkeit der Etablierung einer Metaebene, von der aus betrachtet es dann möglicherweise kein Paradox mehr ist. Eine Metaebene etabliert man, indem man Dinge gleichzeitig ernst nimmt und gleichzeitig über sie hinauszudenken, ja sogar sie ständig zu verwinden versucht. Auf der Metaebene werden dann, mit diesem Trick, die statischen Inhalte, die unter Beobachtung sind, dynamisiert und die dynamischen Inhalte abgeschwächt und greifbar. Man hat es mit Beschleunigungen und Verlangsamungen dann also zu tun, die schließlich eine schöne gleichförmige Geschwindigkeit ergeben, wenn man auf die Wirklichkeit sieht, die dann also so ihre Schrecken und ihre Abgründe verliert und die sich einem nicht entzieht. Das alles wird sich gut anfühlen, so wie wenn man in ein Aquarium schaut. Niemand hält ein Aquarium für etwas, das sich dauernd entzieht oder für einen universellen, beunruhigenden Ort der différance, der Spur und der ewigen Dekonstruktion. Das Absolute, die absolute Wirklichkeit ist an sich sehr heterogen und differenziert und sie entzieht sich deswegen dauernd. Sie ist sogar paradox. Das heißt aber nicht, dass sie unlogisch oder inkompatibel ist. Und über den guten Kontakt wird die Wirklichkeit sogar ein wenig harmonisch, zumindest auf der Metaebene. Eine Fluchtlinie ziehen – das dynamische Element – ist gut, aber das allein führt in die Schizophrenie. Richtig betrachtet, hat auch der paranoide Pol, das statische Element, seine guten Seiten. Die Wirklichkeit selbst besteht aus einem paranoiden Pol und einem schizophrenen. Die Wirklichkeit ist ein Chaosmos. Man muss daher ein Kräftefeld zwischen dem paranoiden und dem schizophrenen Pol aufspannen. Wer das tut, sieht die Welt, wie sie ist. Wenn man, anders gesagt, alles ernst nimmt, aber nichts absolut, erreicht man paradoxerweise das Absolute. Wahrscheinlich wird nach dem Absoluten und dem Authentischen so krampfhaft gesucht, weil es sich im Allgemeinen schwer erreichen lässt; aufgrund der Schwierigkeiten, die die Menschen mit dem Kontakt haben. Dass der Mensch ein soziales Tier sei und kontaktfreudig, lässt sich in Wirklichkeit immer wieder ja gar nicht beobachten. Dafür sind Menschen immer wieder zu verstockt. Man kann mit den meisten Menschen, inklusive der Intellektuellen, nicht leiwand saufen gehen oder einen durchziehen, und sich auch nicht authentisch mit ihnen unterhalten. Ich habe weiter oben vom Glück gesprochen. Aber Menschen sind im Allgemeinen nur eingeschränkt glücksfähig, und emotional dermaßen expansiv. Daher schlagen sie sich auf die Seite von unheilschwangeren Philosophien, die Straßensperren errichten gegen das Glück; in der Literatur delektieren sie sich an menschlichen Tragödien und am zwischenmenschlichen Versagen; und in der Kunst am Verfall. Darin sehen sie ihre neurotische Weltsicht bestätigt. Und das ist für sie dann das Maximum an Glück.
1.+2. Februar 2025
De-Sitter-Vakuum und Hyper-Chaos
Das Denken kann maximal ein Plateau (des Verstehens) über dem Abgrund (des Nichtverstehens) errichten, wenn es was durchdacht hat, ja; was aber nicht heißt, dass das Denken mit sich selbst nicht fertig wird. Wahrscheinlich ist es auch eine Frage der Persönlichkeit des Denkenden, ob er mit sich selbst fertig wird oder nicht; und Nietzsche oder Derrida – ganz zu schweigen von Adorno oder Marx – hatten da vielleicht ihre Probleme damit. Wahrscheinlich ist es besser, etwas Komplexeres und Weitreichenderes, weniger vulgäres zu werden, als es eine Persönlichkeit ist. Im Zen ist es eine subtilere Instanz als das abendländische Ego, das „denkt“, und es bedenkt die Manifestationen des Seins in einer subtileren Weise, als es für unser Denken herkömmlich ist. Innerhalb dieser ganzen schönen Subtilität entsteht dann der Geist. Während das Denken in die Irre gehen kann und nicht mit sich selbst fertig werden kann, irrt sich der Geist nie, und der Geist ist unzerstörbar. Dieser gereinigte Geist, der mit sich selbst identisch ist, gleicht dann dem „hochzeitlichen Ring der Ringe“, den Nietzsche gesucht hat (und ihn als „Ring der Wiederkunft“ begriffen hat, obwohl der Geist ja immer schon da war und sein wird). Ob das Denken mit sich selbst fertig werden kann, hängt auch von der Ontologie ab. Ist die Ontologie stabil, einladend, kann man mit ihr fertig werden usw., oder ist sie das alles nicht? Einstein (?) sagt, eine Grundentscheidung ist, ob man das Universum als einen freundlichen oder als einen feindseligen Ort begreift. Nietzsche et al. haben eher zum zweiten Paradigma geneigt. Man muss das aber nicht tun. Wenn man nicht nur ein Denker, sondern ein Mahatma und ein Bodhisattva sein will (also einer, der mit sich selbst und mit allem anderen fertig wird), ist man dazu eingeladen, generöse Maßstäbe an die Ontologie anzulegen. Vergegenwärtigen wir uns zu dem Behuf, dass das De-Sitter-Vakuum, das das Universum stabil hält, für die nächsten 10^{10^{10^50}}} Jahre aufrecht erhalten bleibt. Während in 10^{11} Jahren Leben auf organischer Grundlage in unserem Universum unmöglich werden dürfte, könnten andere komplexe adaptive Systeme entstehen. In einer sehr fernen Zukunft, in 10^{100} Jahren, nachdem auch supermassive Schwarze Löcher verdampft sein werden, oder in 10^{10^{70}} Jahren, wo auch Neutronensterne zu Schwarzen Löchern zerfallen, die wiederum über einen sehr langen Zeitraum hinweg verdampfen, wird das Universum nichts anderes mehr als ein großes Netzwerk von verschränkter Quanteninformation sein, das möglicherweise so etwas wie Bewusstsein entwickeln könnte. In einer derart fernen Zukunft ergibt sich auch die Möglichkeit von Boltzmann-Gehirnen und damit die Möglichkeit unserer ewigen Wiederauferstehung innerhalb der Phantasie von Boltzmann-Gehirnen (ein großes Gehirn, Elon Musk, delektiert sich bekanntermaßen an der Vorstellung, dass wir bereits jetzt in einer Simulation leben könnten; einer Vorstellung, die ähnlich ist zu der von den Boltzmann-Gehirnen). Auch wenn mir die Idee von den Boltzmann-Gehirnen als zu raffiniert erscheint, als dass ich tatsächlich an sie glauben könnte, bleibt aber eben trotzdem das De-Sitter-Vakuum, das das Universum grundsätzlich stabil hält, für 10^{10^{10^50}}} Jahre aufrecht. Das De-Sitter-Vakuum entspricht, so gesehen, in etwa dem Tao, jener fernöstlichen „Leere,“, die weniger ein Nichts ist, sondern eher ein ontisches Potenzial; aus dieser virtuellen Unendlichkeit entspringt das Denken im Zen und kehrt es in diese virtuelle Unendlichkeit wieder zurück: ein hochzeitlicher Ring der Ringe. Erst in aller-allerfernster Zukunft könnte das De-Sitter-Vakuum zerfallen, was dann einen tatsächlich handfesten Grund liefern würde für eine depressive Ontologie. Wenn das De-Sitter-Vakuum zerfällt, passiert in etwa das, was der französische Philosoph Quentin Meillassoux das „Hyper-Chaos“ nennt: dem absoluten Gegenteil zu jeder stabilen Ontologie. Eventuell kann man aber auch mit dem Hyper-Chaos fertig werden, wenn man das Denken so sehr radikalisiert, dass es selber dem Hyper-Chaos ähnlich wird. Das wird sich dann sicher gut anfühlen.
Februar 2025
Beckett
Was mich bekanntermaßen interessiert, ist die Möglichkeit des Sehr Tiefen Denkers und des Sehr Tiefen Schriftstellers. Der nicht nur sein Zeitalter erfasst und in seinem Status feststellt, sondern so penetrant ist, dass er damit auch alle Zeitalter erfasst und feststellt. Beckett hat so was gemacht. Ungeheuerliches Aufbieten an Tiefsinn! Der Tiefsinn muss vollständig werden, und, um in der Sprache der Dianetik zu sprechen, ein Clear des Geistes muss erreicht werden. Wenn der Geist immer tiefsinniger wird und das Clear ansteuert, ziehen das Wissen, die Ideologien, die Traditionen usw., die ihn ursprünglich geprägt haben vorbei und werden von ihm verdaut und verwunden. Wenn er im Tiefsinn ankommt, hat er Wissen, Ideologien, Traditionen usw. verwunden, der Geist, und gelangt schließlich zu reinen Anschauungen, über welche die er, im Zusammenhang mit einer großen Abstraktionsleistung über alles, was es da gibt, zu neuen, reinen Begrifflichkeiten kommt und mit denen dann neue Zeichen wirft. Alle, die da reisen aber fragen sich: Wie sieht der Urgrund aus, wenn der Geist das Clear erreicht hat, und man beim nicht mehr hintergehbaren Grund aller Dinge ankommt? Es ist eine graue Ebene, aus der aber fortwährend Frage-Antwort-Partikel aufsteigen, die der dann extrem rotierende und intensive Geist bearbeitet und dann wieder verwindet. Der letzte Grund von allem ist gleichzeitig klar, und er ist es nicht, ist verborgen, verliert sich in seiner Kontur weiter drüben. Aber das Problem sowohl der Bestimmbarkeit als auch der ewigen Unbestimmbarkeit der Existenz hat der Sehr Tiefe Denker eben verwunden, jetzt lebt er im Zustand einer meisterhaften Luzidität. Der Sehr Tiefe Denker haut nun seinen heroischen Speer, sein Artusschwert, in den Urgrund: seine jeweilige Antwort-Frage auf bzw. bezüglich des Wesens des Urgrundes und des Seins, das sich aus ihm heraus erstreckt, und mit der er die Antwort-Frage nach dem Urgrund verwunden hat: in seiner Luzidität. Dort bleibt es lange Äonen stecken und ruhen, bis ein neuer Sehr Tiefer Denker kommt, der mächtig genug ist, es herauszuziehen, und der dann wieder dasselbe macht. Im Urgrund ruht das Artusschwert, und wartet darauf, verwunden zu werden. Beckett hat gemeint: All seine Schriftstellerei sei nur um eine Frage gekreist, nämlich, das Dasein zu bestimmen. Er habe aber stets das Gefühl gehabt, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Das kann sein. Wenn Beckett zum Kern und zum Urgrund des Daseins vorstoßt, so findet er da: Nichts. Das ist schlau. Aber wenn ich auf den Grund des Daseins höre, so schallen da laute Töne, überwältigend, plötzlich aus der Stille und in der Einsamkeit empor; über Posaunen und allerhand anderer, vorwiegend Blechblasinstrumente erzeugt, und die blasen einen großen Lärm in die Welt. Es ist ein lebhafter akustischer Orkan, teilweise kakophonisch. Denn Leben und das Sein an sich beruht nicht auf dem Nichts, sondern auf Energie (und deren Umwandlung). Damit ist meine Metaphysik auch physikalisch (und evolutionsbiologisch) korrekt. Diese Energie kommt gleichsam aus dem Nichts. Das Nichts ist dann aber eben Energie, und damit ontisches Potenzial. Emily Dickinson hat gedichtet: Am Leben sein – gibt Kräfte – / Das schiere Dasein hat / Schon ohne andere Zwecke / Genügend Wucht und Macht. Emily Dickinson aber war eine Sehr Tiefe Schriftstellerin.
17./18.05.2025
