Parerga und Paralipomena zu Schopenhauer

I am reading Schopenhauer. Everyone laughs at that. Beaufret & Alfy etc. But I am not reading philosophy, nor caring whether he is right or wrong or a good or a worthless metaphysician. An intellectual justification of unhappiness – the greatest that has ever been attempted – is worth the examination of one who is interested in Leopardi & Proust rather than in Carducci & Barrés … And it is a pleasure also to find a philosopher that can be read like a poet, with an entire indifference to the apriori forms of verifcation. Although it is a fact that judged by them his generalisations show fewer cracks than most generalisations.

Samuel Beckett

(Letters to Thomas McGreevy, 18 to 25 July 1930 and 21 Sept 1937)

Für August Strindberg war er „ein tiefsinniger Mann, vielleicht der tiefste von allen“. Leo Tolstoi war sich zu dem Zeitpunkt, als er Schopenhauer für sich entdeckt hat, noch nicht sicher, „ob ich nicht einmal meine Anschauung ändern werde, aber jetzt bin ich überzeugt, dass Schopenhauer der genialste Mensch ist“. In der Galerie der Philosophischen Temperamente der großen Philosophen von Peter Sloterdijk wird Schopenhauer am Kürzesten auf weniger als zwei Seiten abgehandelt und es wird im beschieden, dass er mit seiner Philosophie „gegen die Brandung“ gerufen habe. Bestenfalls Geistreiche wie Zeller und Vischer u.v.a.m. bescheiden ihm gönnerisch, dass er (immerhin) „geistreich“ sei und sein Werk voller „geistreicher“ Bemerkungen. – Ja, es ist unmöglich, mit Schopenhauer fertig zu werden! Schau, Günter, ein philosophisches Temperament, sitzt da und versucht, mit Schopenhauer fertig zu werden! Eine Art Rubikswürfel hat er da, er versucht ihn zu lösen, alles in eine finale Position zu bringen, dann hat er Schopenhauer gelöst und ist mit Schopenhauer fertig geworden; doch ach!, am Anfang waren seine Bewegungen schnell und voller Elan, und auch ein wenig jugendlichem Übermut und Arroganz, er hat geglaubt, mit Schopenhauer kann man leicht fertig werden, doch ach, die Welt wird enger mit jedem Tag; zuerst war sie so breit, dass er Angst hatte, er lief weiter und war glücklich, dass er endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass er schon im letzten Zimmer ist, und dort im Winkel steht schon die Falle, in die er läuft! Langsam und bedächtig und mit extrem grüblerischem und angespanntem Ausdruck sitzt Günter mittlerweile da, mit seinem Schopenhauer-Problemlösungswürfel, er sinnt immer noch: eine Umdrehung noch, und dann passt´s! Aber ach! Die Umdrehung gemacht – und alles viel zerstörter als je zuvor! Heillose Unordnung (das Dasein, wie Schopenhauer sagt, eben ein fortwährender Betrug)! Mit Schopenhauer fertig zu werden – das ist unmöglich! Dilthey schreibt davon, dass sich der Fortschritt der Philosophie, die sich mit den ewigen Formen und Problemen beschäftigt, mit dem Fortschritt der Geschichte verwirkliche – doch Schopenhauer steht ganz außerhalb der Geschichte! Uralte Weisheit der Veden und Upanishaden! Die an und für sich nicht wirklich notwendig sind für die Entwicklung der Philosophie von Schopenhauer; ebenso wenig, wie die Philosophie von Kant dafür notwendig ist. Auf die Philosophie von Schopenhauer kommt man zu aller Zeit und an allen Orten der Geschichte einfach nur durch korrektes anschauliches Denken und Empfinden und dem Ziehen von korrekten Konsequenzen daraus. Das ist alles, was man dafür benötigt, und vielleicht gibt es eben auch nur einen in der gesamten Menschheitsgeschichte, der das auch so kann – Schopenhauer! Es ist unmöglich, mit Schopenhauer fertig zu werden! Beckett schreibt an McGreevy, das einzige, was er während seiner Krankheit lesen kann, ist Schopenhauer, und in Alte Meister von Thomas Bernhard sagt Reger zu Wertheimer, dass er nach dem Tod seiner Frau allein Schopenhauer lesen konnte. Für Houellebecq ist Schopenhauer der zentrale Philosoph und er hat einen längeren Essay über ihn geschrieben, der allen, die Houellebcq für (bestenfalls) „geistreich“ halten, das Maul stopfen sollte. Houellebecq schreibt auch (implizit), mit Schopenhauer kann man nicht fertig werden. „Ich kaufte drei Bände von Die Welt als Wille und Vorstellung und habe seit mehr als 40 Jahren immer wieder darin gelesen“, gesteht Charlie Chaplin. Auf die (in etwa) zentrale philosophische Frage Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?, auf die Frage nach der urtümlichen demiurgischen Produktivität also, aus der alles stammt und die wir verehren und bewundern, gibt Schopenhauer die Antwort eines geistlosen, wesenlosen, arbiträren und areflexiven, daher tendenziell maliziösen Prinzips, des Willens. Damit entfällt das Problem der Theodizee, also der Frage nach dem Warum? bezüglich des Bösen. Vielmehr stellt sich eher die Frage nach einem Warum überhaupt? des Guten, die sich elegant in etwa so beantworten lässt: Weil ohne ein bisschen Gutes und gute Konstruktivität die Konstruktionen des Willen instantan in sich zusammenbrechen würden! und daher notwendig ist bzw. dass es das reine Gute an sich kaum gibt, vielmehr ist das Ding an sich hinter dem, was gut erscheint, dann halt auch wieder zumeist der Wille! Was will man dagegen einwenden? Dass das „geistreich“ sei (wie die Meisten das natürlich täten)? Nein, mit Schopenhauer kann man einfach nicht fertig werden! Es ist unmöglich, mit Schopenhauer fertig zu werden!

(Bis heute, dem Todestag Schopenhauers, ist die ganze, längere Arbeit über ihn nicht fertig geworden. Sie folgt hier aber in Kürze.)

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„Die Welt ist meine Vorstellung:  – dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt“ (WWV, Erster Teilband. S. 29) – Auch wenn hartnäckige Idealisten/Subjektivisten/Solipsisten es leugnen und hartnäckige Materialisten/Realisten/WiderspiegelungstheoretikerInnen es vom anderen Ende her abschneiden wollen, so ist die Welt etwas, was da ist, und jedes lebende und erkennende Wesen in diese Welt eingelassen ist. Gemäß der Möglichkeiten seiner Erkenntnis erkennt es die Welt, die zu einem guten Teil eben seine Welt ist. „Welt“ bezieht sich auf eine Totalität, die uns als solche nicht gegeben ist und als solche für uns nicht verfügbar ist (Markus Gabriel stellt zeitgenössisch zur Disposition, dass es „die Welt“gar nicht gibt (und eventuell kann man sogar (entlang in etwa der Idee im Zusammenhang mit dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz) argumentieren, dass eine solche Totalität wie „die (absolute) Welt“ logisch widersprüchlich ist), sondern nur (und zwar auch ontologisch gesehen) jeweilige „Welten“): das erzeugt in dem, nicht nur erkennenden sondern auch denkenden Wesen Frust und Unzufriedenheit, da es gerne wissen würde, was es denn mit „der Welt“ auf sich hat, und wie sie, ein ständig drohendes Ungetüm, denn intellektuell, spirituell, moralisch und auch praktisch denn beherrschbar wäre, wie man sie „in den Griff bekommen“ könnte. Die Möglichkeiten unserer Erkenntnis sind beschränkt, und die Welt wiederum ist (ontologisch) tief, und tiefer als der Tag gedacht: Man lotet sie nie aus, unermüdlich präsentiert sie uns Neues und sich selbst in frischer Geheimnishaftigkeit und Unberechenbarkeit, offensichtlich immer wieder von sich selber überrascht. Diese Tiefe und Geheimnishaftigkeit mag der Mensch mit der Religion erklär- und beherrschbar sich zu machen versuchen, oder auch mit Wissenschaft, Technik, Medizin, Philosophie, Musik, Tanz oder darstellender Kunst; Formen also, in denen sich der Mensch im Hinblick auf seine grundsätzlichen Möglichkeiten grundsätzlich betätigen kann. Begünstigt wie auch beschränkt werden lebende und erkennende Wesen durch die Möglichkeiten ihrer Denk- und Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeiten. Das bezeichnet die Epistemologie, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit beschäftigt. Die Ontologie versucht das Sein zu bestimmen, wie es denn eben an sich ist. Die kopernikanische Wende in der Philosophie durch Kant bedeutet, dass wir Ontologie, das Sein an sich, nur epistemologisch, also über unsere jeweiligen Erkenntnisformen, feststellen können. Das ist wahr. Das ist unumstößlich und unumgänglich. Die idealistische Position, die ein Übergewicht auf die Epistemologie legt (bis hin zu der Vorstellung, dass es eine Welt außerhalb unserer Wahrnehmung gar nicht gibt, oder sie unabhängig von unserer Wahrnehmung etwas völlig anderes, ungeordnetes wäre) erscheint als die eine bizarre philosophische Verzerrung dieses Wechselverhältnisses, der Realismus/Materialismus, wonach unsere Erkenntnisformen ein bloßes Epiphänomen der Materie und so gut wie keine Autonomie und Eigenständigkeit haben, als eine andere. Bei Kant selbst hat man eine zu starre Fassung des Wechselverhältnisses zwischen Epistemologie und Ontologie; ständig spricht er von (praktisch unveränderlichen) starren Formen, innerhalb derer sich unsere Erkenntnis vollziehe, und in denen sie dann notwendigerweise gefangen bleibe. Tatsächlich ist es so, dass sich die menschliche Erkenntnis, die menschliche Wahrnehmung und die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten im Lauf der menschlichen Geschichte massiv gewandelt haben; wir neuerdings, mithilfe raffinierter (und bald bereits wieder antiquiert erscheinenden) Apparaturen Elementarteilen und Gravitationswellen wahrnehmen können, die teilweise von Theorien lange vorher vorhergesagt wurden, genauso wie z.B. die Spurensuche im Teilchenzoo immer wieder von der Theorie vorhergesagte Objekte beim besten Willen nicht finden kann. Das ist einfach eine ganz andere Welt als eine archaische Welt, wo man sich Blitze als etwas vorstellt, das von Göttern auf die Erde geschleudert wird und man ansonsten Elektrizität (oder Radioaktivität etc.) kaum wahrnimmt oder weiß, dass es sie überhaupt gibt, geschweige denn sich erklären kann. Wenn der Mensch lernt, Blitzableiter zu bauen, wird die Welt verändert. Für den Fall, dass wir auf dem einzigen Planeten sind, auf dem es so intelligentes Leben gibt wie das unsere, ist es sogar ein massiver qualitativer Eingriff in das Universum! Usw. Kants kopernikanische Wende ist einerseits fundamental und (welt)erhellend, anderseits recht theoretisch und mit großem Potenzial, auf Abwege zu führen. (Kants Setzung z.B. auch von Raum und Zeit als Formen unserer Erkenntnis lässt auch außer Acht, dass es Raum und Zeit in der makrophysikalischen Realität eben gibt; gegenwärtig wird das gerne einmal mit Bezug auf die Quantenmechanik geleugnet (da es auf der Quantenebene Raum und Zeit (zumindest so, wie wir sie kennen) offensichtlich nicht gibt oder sie keine Rolle spielen); dabei wird irgendwie angenommen, dass die Quantenrealität die „eigentliche“ Realität sein solle (anstatt halt eine andere, noch nicht wirklich interpretierbare Realitätsebene), für eine solche Annahme gibt es aber eigentlich keinen Grund. Auch ist man (als Idealist) mit der Trennung zwischen Erscheinung und „Ding an sich“ fein raus, wenn die Erscheinung eben per se als (bloße) Erscheinung gefasst wird, und das Ding an sich per definitionem als unerkennbar: egal, wie viel erkannt wird und wie subatomar die Untersuchungsebene – man kann immer wieder von neuem behaupten: Ja, aber das Ding an sich ist das noch nicht!) Sein und Bewusstsein sind – so viel kann man wohl behaupten – interdependent, Erkenntnis und Welt, Epistemologie und Ontologie ein Wechselverhältnis oder, fatalistischer gefasst, eine Möbiusschleife. „Idealismus und Materialismus beziehen sich reziprok aufeinander und beide beziehen sich auf das Wirkliche oder sind mit ihm identisch – während sich das Wirkliche nicht auf sie bezieht oder sich absolut von ihnen unterscheidet.“ (Francois Laruelle: Das Reale gegen den Materialismus in Armen Avenessian (Hg.): Realismus Jetzt, S. 202) – damit könnte man die Metaphysik von Arthur Schopenhauer bezeichnen, die weder materialistisch noch idealistisch ist, sondern Erkenntnis und Welt gleichermaßen als real und interdependent auffasst, darüber hinaus als das Ding an sich, die Welt an sich, das Wirkliche als etwas fasst, was damit absolut identisch ist und sich nicht auf sie bezieht und sich absolut unterscheidet: den blinden Willen. Schopenhauer ist dabei ein großer Freund der Erkenntnis, da sie hilft, die elementare Finsternis des bloßen Daseins zurückzudrängen: „Die Dunkelheit, welche über unser Dasein verbreitet ist, … diese Dunkelheit, die eben daß Bedürfniß der Philosophie herbeiführt und deren sich die philosophischen Geister in einzelnen Augenblicken mit einer solchen Lebhaftigkeit bewußt werden, daß sie den anderen als beinahe wahnsinnig erscheinen können: diese Dunkelheit des Lebens also muß man sich nicht daraus zu erklären suchen, daß wir von irgend einem ursprünglichen Licht abgeschnitten wären, oder unser Gesichtskreis durch irgend ein äußeres Hindernis beschränkt wäre, oder die Kraft unseres Geistes der Größe des Objekts nicht angemessen wäre; durch welche Erklärung alle jene Dunkelheit nur relativ wäre, nur in Beziehung auf uns und unsere Erkenntnißweise vorhanden. Nein, sie ist absolut und ursprünglich: sie ist daraus erklärlich, daß das innre und ursprüngliche Wesen der Welt nicht Erkenntniß ist, sondern allein Wille, ein erkenntnißloses. Die Erkenntniß überhaupt ist sekundären Ursprungs, ist ein Accidentelles und Aeußeres: darum ist nicht jene Finsterniß ein zufällig beschatteter Fleck mitten in der Region des Lichtes; sondern die Erkenntniß ist ein Licht mitten in der grenzenlosen ursprünglichen Finsterniß, in welche sie sich verliert.“ (zitiert in Volker Spierling, Schopenhauer ABC, „Dunkelheit des Lebens“ S. 52f.) Das ist wichtig! Die Welt an sich ist dunkel! Die Welt ist konfus. Die Welt will eventuell etwas, weiß aber nicht genau, was sie will! – Durch Erkenntnis und Bewusstsein immerhin kann allerdings das Subjekt ein wenig seine Welt erhellen und gestaltend in sie eingreifen, daher gilt es, Erkenntnis und Bewusstsein zu erweitern und zu vertiefen. Bereits früh interessiert sich Schopenhauer für die Möglichkeit eines besseren Bewusstseins. Das normale, empirische Bewusstsein des Menschen, das die empirische Welt anschaut, die dem Satz vom Grunde unterworfen ist, erkennt einfachere oder weitläufigere, richtigere oder falschere (auch im Theoretischen) praktische Ursache-Wirkungszusammenhänge und findet sich so mehr oder weniger gut in der Welt zurecht. Sein Interesse ist vorwiegend praktisch und gilt dem praktischen Weltvollzug, damit steht es in einem Zusammenhang mit Egoismus und Rohheit des Willens. Ein besseres, transzendentes Bewusstsein bezieht sich auf die Überschreitung der Welt und des Subjekts, letztendlich sogar der Subjekt-Objekt-Dichotomie. Ein solches besseres Bewusstsein hat es zu aller Zeit und in allen Kulturen gegeben, und ist wohl hauptverantwortlich dafür, dass es Zeit (Geschichte) und Kultur überhaupt gibt. Es muss jedoch immer wieder neu erworben und formuliert werden, und Schopenhauers Philosophie ist eine Formulierung eines solchen besseren Bewusstseins. Das bessere Bewusstsein etabliert sich für Schopenhauer über reine, ichlose und willenlose Erkenntnis. Diese „Erkenntnis an sich“, die kein empirisches Interesse hat, sieht somit auch Ding an sich (oder bekommt zumindest eine deutlichere Vorstellung davon); indem es der willensgeleiteten Erkenntnis enthoben ist, triumphiert sie über den Willen, hat sich damit in ihrem eigenen Telos/Willen selbst ergriffen und bestätigt und genügt sich selbst. Darin ist die Erkenntnis selig. Selig wird die Erkenntnis, wenn sie empirisch erkennt, dann hat sie ihr Ziel erreicht und Meisterschaft gewonnen. Im besseren Bewusstsein ist die Erkenntnis jenseits des Empirischen, sie ist transzendent, sieht die Dinge an sich und die ewigen Formen, die „platonischen Ideen“, und ruht somit, siegreich vollendet, in ihrer eigenen Idee und Ewigkeit und ist eins mit ihrem eigenen Telos: sie hat sich selbst überwunden, indem sie sich selbst bestätigt hat. Ja, all das kenne ich (mittlerweile) sehr gut, denn auch ich habe das bessere Bewusstsein und das allsehende Auge und sehe in eine höhere Dimension gegenüber der empirischen Welt, die dem Satz vom Grunde unterworfen ist. Wollt ihr wissen, wie der Blick in die Ewigkeit aussieht? (Ja?? Echt??) Der Blick in die Ewigkeit zeigt ein einfaches quadratisches Raster inmitten von/über einem (annähernd) Weiß (einer Art Wolke), eine Art Karte und Koordinatensystem; es ist nicht starr und eisern, aber solide; ich denke, das Raster macht das Denken und das Erkennen auf einfachste Form gegenüber der reinen Undifferenziertheit des Weiß möglich, indem es grundsätzlichste, einfachste Formen ausschneidet, die dann weiter besetzt und belebt werden können, ansonsten kommuniziert es nicht und ist indifferent und eine Ordnung, die sich nicht um uns bekümmert (und das ist sehr gut so, denn ich mag diese beredte Schweigsamkeit der Objekthaftigkeit). Das ist die Ewigkeit! Dann gibt es gleichzeitig in diesem Bewusstsein eine Vision von einer ungeheuren Dynamik und Vernetztheit, extradimensionalen Durchgängen und hyperdynametischen Formen, die auftauchen und wieder verschwinden, inmitten des großen Potenzials, das in ihnen und außerhalb ihrer lebt. Es ist der Phasenraum des empirischen Bewusstseins, die Menge aller möglichen Zustände seines dynamischen Systems. Zugänglicher gesagt, sieht das bessere Bewusstsein Schönheit, Gesamtzusammenhang, Harmonie, Facetten, Möglichkeit und Potenzial, während Menschen des empirischen Bewusstseins dies in der Regel nicht tun, dabei aber dauernd irgendwas wollen, was sie also anfällig macht für Neurosen, Stress, Täuschung/Wahn, ideologischen Fanatismus, extremen Subjektivismus und einen destruktiven Lebensstil. Umgekehrt kann natürlich auch das bessere Bewusstsein destruktive Folgen (für dessen Träger) nach sich ziehen, wenn es an der Welt des empirischen Bewusstseins immer wieder zerschellt und ganz grundsätzlich in Frage gestellt wird, in der empirischen Welt als eine Absurdität erscheint. Schopenhauer spricht von einer ewigen Duplizität zwischen dem empirischen Bewusstsein, das die Welt, die dem Satz vom Grunde unterworfen ist, anschaut, und dem besseren Bewusstsein, das die ewigen Formen und Dynamiken anschaut. Tatsächlich ist es so, dass die beiden nicht so gut zusammengehen, und sie in ihrer möglichen Liebe zueinander so behindert sind wie Brauner Bär und Weiße Taube, die vom wilden Wasser getrennt sind. Ansehen und einander Küsse zusenden können sie zwar, sich aber nicht gut vereinigen. Das bessere Bewusstsein, das den großen Schaltplan sieht, das die große Karte ist, trifft in eben jener empirischen Welt auf ein begrenztes, kompartmentalisiertes Gebiet und kann sich diesen engen Schuh nicht anziehen und diesen engen Hut nicht aufsetzen und muss daher in ungenügenden Kleidern oder selbstgemachten Fetzen durch die empirische Welt streunen. Das empirische Bewusstsein verfügt gemeinhin gar nicht über die entsprechenden mentalen Repräsentationen, mithilfe derer es überhaupt auf die Idee kommen könnte, die Ewigkeit und die transzendenten Formen anschauen zu wollen. Und doch! Sind die Möglichkeiten und Anschauungsformen und Hoffnungen und Sehnsüchte des jeweils einen im jeweils anderen ja ganz und gar vorhanden! Praktisch jeder ist Philosoph (und religiöses Wesen), und gleichzeitig (mit der Ausnahme von evtl. Schopenhauer und zwei, drei anderen) praktisch niemand. Das empirische Bewusstsein ist analytisch („analytisch“) und sieht die Einteilungen; sein Problem ist, dass es sich in diesen Einteilungen zu gut einrichten mag und aus diesen Schrebergärten nicht mehr raus will, oder sehr verärgert werden kann, wenn einer versucht, das zu tun. Das (transzendent-synthetische) bessere Bewusstsein sieht nur ein seliges weites Feld, dabei besteht aber die Gefahr, dass es sich in diesen elysischen Feldern verliert und in die Welt von dort aus nicht mehr eingreift. Aus der Sicht des besseren Bewusstseins kann die gesamte Welt und ihr Verlauf genauso gut als eine Art Rausch oder Traum oder lustiges Farben- und Formenspiel erscheinen, was sie dann aber dann doch wieder, empirisch, nicht ist. Oder eben, aus der Sicht von Schopenhauer, als Anlass zum Pessimismus und zur Entsagung von jeglicher Politik. Oder eben, z.B. aus der Sicht der Religion oder der Esoterik, wo das bessere Bewusstsein überall Licht sieht, teilweise in narzisstischer und größenwahnsinniger Täuschung über sich selbst und seine eigenen Möglichkeiten, dass es die grundsätzliche Dunkelheit des Seins nicht anerkennt (und somit zum Phantasma wird). Es geht daher darum, das empirische Bewusstsein und das bessere Bewusstsein zusammenzudenken und zu vereinigen! Das bessere Bewusstsein erweitert die Grenzen des empirischen Bewusstseins und relativiert es positiv; das empirische Bewusstsein hilft dem besseren Bewusstsein, sinnvolle Grenzmarkierungen und interne, analytisch zugängliche Territorien zu errichten und so einen dauernden Weltbezug herzustellen. Nicht das bessere Bewusstsein ist das Absolute, sondern die Synthese von besserem Bewusstsein und empirischem Bewusstsein. Die Synthese von besserem Bewusstsein und empirischem Bewusstsein hat tatsächlich kein Außen mehr und auch kein inneres Loch mehr. Es sieht die Spiegelung von Ewigkeit und der empirischen Welt im unendlichen Saal von Spiegeln und die Unendlichkeit in der uns einzig zugänglichen Form: der fraktalen Geometrie der Selbstähnlichkeit, in die man sich beliebig rein- und rauszoomen kann. Die Welt, die über diese Synthese angesehen wird, wie das Subjekt, das sie ansieht, sind dann gleichermaßen solche fraktalen Geometrien. Das ist dann das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt. Und ICH werde es sein, der diese notwendige Synthese von empirischem Bewusstsein und besseren Bewusstsein dargetan hat! ICH, ICH, ICH, ICH, ICH! HAHAHAHAHAHA! Das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt (ihre fraktale Geometrie der Selbstähnlichkeit in Differenz und Wiederholung).

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„Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.“ (WWV, Zweiter Teilband, S. 9) – ach, dieser Auftakt zum zweiten Teilband der Welt als Wille und Vorstellung hat mich stilistisch immer begeistert! Die empirische Welt also, das Reale, das da ist: wieso gibt es das? Warum gibt es etwas, und nicht vielmehr nichts? Was ist die Große Produktivität, das lebensspendende Prinzip, dass wir alle so zu verehren geneigt sind? Auf diese zentrale philosophische/theologische Frage gibt Schopenhauer die Antwort eines blinden „Willens“ als produktiven Agens, als schöpferisches Urprinzip, das gleichzeitig in allen Manifestationen der realen Welt, den Erscheinungen, tätig und präsent ist – die Welt des Willens ist keine Hinterwelt, kein himmlisches Reich (oder kein höllisches), kein Jenseits, das vom Diesseits ontologisch geschieden wäre, sondern es ist eben die empirische Welt. Inwieweit nun der Wille, wie von Schopenhauer meistens behauptet, tatsächlich das „Ding an sich“ hinter den Erscheinungen ist, wird auch von Schopenhauer selbst hin und wieder kritisch kontempliert. Das „Ding an sich“ ist eben an sich unerkennbar, es teilt sich über die Erscheinungen mit, über die Zusammenhänge, in denen es erscheint und die es stiftet, über die Sinnhaftigkeiten, die es produziert u. dergl. mehr. Da es jenseits aller Erfahrung liegt, ist es allein hermeneutisch bestimmbar, nicht aber eben „an sich“; und im Rahmen der Schopenhauerschen Daseinshermeneutik erscheint es eben als „Wille“. Das schließt nun aber nicht aus, dass sich hinter dem, was als Wille erscheint, etwas letztendlich anderes verbirgt – und zwar möglicherweise gar kein Prinzip oder eben Ding an sich, sondern vielleicht eher ein Zusammenspiel von Kräften, das einigermaßen planlos und zufällig ist. – Als Wille erscheint das eventuelle Urprinzip in unserer Vorstellung durchaus, wenn wir die Welt der Lebewesen betrachten. Lebewesen regen sich und wollen irgendwas, zumindest ihr eigenes Überleben und ihre Fortpflanzung. Offenbar will sich dieses Leben dort und da weiterentwickeln, in Form von anderen/höheren Lebewesen, die im Rahmen der Evolution produziert und aussortiert werden. Der biologische, körperliche Leib ist bei Schopenhauer der unmittelbare Ausdruck des Willens (WWV, Erster Teilband, §18). Leben erscheint unmittelbar als der Wille zum Leben. Die Frage, was Leben ist, ist nun sehr tiefsinnig und schwierig. Leben, wie wir es kennen, hängt grundsätzlich ab von Informationsverarbeitung (die in der DNA codiert ist) und der Umwandlung von Energie. Zellen beinhalten den genetischen Code und wandeln permanent Energie um. Ohne dauernde Zufuhr von Energie über Sonnenlicht, Nahrung, Atmung, ihrer Umwandlung und die Ausscheidung von den entsprechenden Residuen (die dann wieder als Dünger für andere Lebensformen wirken können), wird auch der penetranteste Wille zum Leben schnell frustriert und muss aufgeben (die Frage, warum die Evolution offenbar anti-entropisch ist und dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu widersprechen scheint, indem sie von Zuständen niedriger Ordnung zu Zuständen höherer Ordnung übergeht, lässt sich so beantworten, dass für die Herstellung von Ordnung Energie notwendig ist, und die Sonne eben ein gewaltiger Energielieferant ist). Der Biochemiker Albert Szent-Györgyi bezeichnet Leben als „nichts weiter als ein Elektron, das einen Ruheplatz sucht“. Als das „Ding an sich“, das in erster und letzter Instanz hinter der Entwicklung des Lebens auf der Erde steht, hat man also tatsächlich eine blinde Produktivität: die Energie des Sonnenlichtes. Dafür, dass sich komplexes oder eben menschliches Leben entwickelt, sind dann aber sehr viele verschiedene – und gänzlich voneinander unabhängige – Faktoren und ihre Abstimmung untereinander notwendig (oder zumindest sehr hilfreich): Das Klima und die chemische Beschaffenheit (bzw. eben das Vorhandensein) der Atmosphäre (beides war zu den meisten Zeiten der Erdgeschichte recht verschieden von den derzeitigen Verhältnissen); die Ekliptik; plattentektonische Vorgänge; ein spezifisches Magnetfeld (das die kosmische Strahlung abschwächt); der Umstand, dass der Planet von allzu starkem oder häufigen Meteoriteneinschlägen verschont bleibt (wofür wir uns beim Jupiter, der mit seiner Gravitationskraft Asteroiden von uns ablenkt, bedanken können). Grundsätzlicher: Ein ausreichendes Vorhandensein von schwereren Elementen, die über Supernovae produziert und in den Weltraum geschleudert werden und die somit in jüngeren Stadien des Universums und in den weiter vom galaktischen Zentrum entfernten Regionen so nicht gegeben ist – näher beim galaktischen Zentrum wiederum wird die Strahlenbelastung hoch und (anzunehmenderweise generell) lebensfeindlich: 40 Milliarden erdähnliche Planeten soll es allein in der Milchstraße geben, die (anzunehmenderweise) habitable Zone der Galaxis ist dabei wohl deutlich kleiner. Dass auf solchen erdähnlichen Planeten vielfach Leben existiert, lässt sich annehmen: Allerdings nur im Falle von sehr einfachem, prokaryotischem Leben. Prokaryotisches Leben (auf unserem Planeten Bakterien und Archaeen) entwickelt sich evolutionär aber nicht: Bakterien und Archaeen haben sich im Laufe von Jahrmilliarden nicht weiter/höher entwickelt. Evolution ist die Domäne von Eukaryoten. Dass sich eine eukaryotische Zelle überhaupt bildet, scheint jedoch ein unerhörter und praktisch absoluter Zufall zu sein: Alles eukaryotische Leben geht offenbar auf einen Urahn zurück, eine einzige Zelle, die vor Jahrmilliarden, bereits einigermaßen komplex entwickelt und ohne offensichtliche evolutionäre Vorläufer, auf einmal da war – das ist die Urmutter allen komplexen Lebens und, darauf bezogen, das „Ding an sich“. Offensichtlich war sie die Verschmelzung eines Archaeons und eines Bakteriums, für die sich über die Kombination ihrer jeweiligen spezifischen Eigenschaften neue und flexiblere Lebensmöglichkeiten ergeben haben. Dass es zu einer solchen Verschmelzung, einer Endosymbiose, kommt, ist aber sehr, sehr unwahrscheinlich und offenbar ein wahrhaft verrückter Zufall. Insgesamt scheint die Evolution eine gewisse Folgerichtigkeit zu haben, ihr konkreter Verlauf ist aber wohl stark vom Zufall abhängig, und dass der Mensch so existiert, wohl auch nur ein völliger Zufall (die Urmutter und ihre Handvoll Nachkommen haben überlebt – wobei es allerdings nicht unwahrscheinlich ist, dass sich aus Sauriern oder Vögeln menschenähnliche Wesen entwickelt hätten: nur eben keine Affen-Menschen sondern Saurier- oder Vogel-Menschen). Trotzdem man seit Jahrzehnten den Himmel danach absucht, hat man bislang keine Anzeichen für eine andere höhere Zivilisation im Universum gefunden, obwohl sich eine solche doch wohl irgendwie (zumindest über Radiosignale) bemerkbar machen müsste. Das Fermi-Paradox: Wenn das Universum so groß ist und voller Leben sein müsste – wo sind dann die Außerirdischen? Wie man sieht, scheint es kaum ein substanzielles „Ding an sich“ hinter dem Leben auf der Erde zu geben: Außer der Zufuhr von Energie als speisender Quelle (darin dem „Willen“ tatsächlich nicht unähnlich), stößt man auf mannigfaltige Kombinationen von Qualitäten, die einander meist gar nichts angehen, und die zufällig und prekär ausreichend aufeinander abgestimmt sind, dass sie Leben in bestimmter Form ermöglichen. – Soweit zur Biologie. Was aber in der Biologie so ist, scheint in der Physik kaum anders zu sein, also der Domäne, die, grundsätzlicher, Materie untersucht, Kräfte und deren Felder und die Frage, warum es das Universum überhaupt gibt. Schopenhauer betrachtet auch die Materie und die Kräfte als Manifestationen des Willens. Der Ursprung des Universums wird heute im Urknall gesehen; was der Ursprung des Urknalls sein soll, weiß man nicht. Vielleicht eine grundsätzliche Manifestation des Willens (der sich selbst will). Man vermutet, dass der leere Raum über eine gewaltige Energie verfügt, die sich möglicherweise transformiert; so war der Urknall vielleicht eine Art chemische Reaktion, in der irgendwas zusammengekracht ist und eine Explosion verursacht hat (am Anfang und als Ding an sich also wiederum Energie). Roger Penrose (der Held meiner Kindheit) vermutet Energie-Entropie-Umwandlungszyklen, die immer wieder neue Urknalle produziert und somit ein zyklisches, sich regenerierendes Universum. Die zur Zeit anerkannteste Theorie dazu ist die der kosmischen Inflation, wo die Anwesenheit eines Quantenfeldes die Initialzündung zur kosmischen Expansion bildet. Dass das Universum überhaupt Leben oder, viel grundsätzlicher, Materie oder auch seine eigene Existenz ermöglicht, beruht auf einer unglaublich harmonischen Abstimmung der Kräfte und der Naturkonstanten untereinander, die ebenfalls extrem unwahrscheinlich ist. Irgendeine geringfügige Änderung, und das Universum würde entweder implodieren oder explodieren, stabile Materie wäre gar nicht möglich etc. Das Problem der Feinabgestimmtheit des Kosmos ist eines der großen Rätsel der Wissenschaft. Wie ein blinder Wille so was zusammenbringen sollte (und warum er sich überhaupt in den platonischen Ideen manifestieren sollte), scheint ganz unverständlich; eher noch wird da eine Brücke zum Theismus oder dem Intelligent Design gelegt. Ich nehme an, dieses Rätsel wird sich, wie die meisten anderen naturwissenschaftlichen Rätsel, schließlich in eine Banalität auflösen (dass wir auf die Lösung dieses Rätsels vielleicht noch 300 Jahre warten müssen und sie zwei Generationen darauf in der Schule als Allgemeinwissen gelehrt werden wird, ändert nichts daran). Die zur Zeit aussichtsreichste Theorie, mit denen man tiefer in die Geheimnisse der physikalischen Welt eindringen könnte, ist die Superstringtheorie. In der Superstringtheorie sind Teilchen, Kräfte, Naturkonstanten interessanterweise keine fixen Größen, sondern ergeben sich (in ihren Verhältnismäßigkeiten) als Lösungen der Gleichungen der Stringtheorie. In klassischem Verständnis werden Naturgesetze über Gleichungen ausgedrückt, und wie sich Objekte verhalten (wie groß z.B. die Gravitationskraft zwischen Körpern von bestimmter Masse und Entfernung ist), sind die jeweiligen Lösungen dieser Gleichungen; ihr Möglichkeitsraum ist unendlich. In der Stringtheorie sind jedoch die Naturgesetze Lösungen von Gleichungen und abhängig von den Dimensionen des mathematischen Raumes, in dem diese Lösungen gefunden werden können. Der mathematische Raum all dieser Lösungen in der Stringtheorie scheint von einer Komplexität, die jegliches Vorstellungsvermögen sprengt. Er wird „the landscape“ bezeichnet, obwohl er zumeist eine, aufgrund ihrer Komplexität, unbegehbare Wildnis, ein Dschungel ist, mit unserem feinabgestimmten Universum als einem kleinen, geordneten Außenposten. Unser Universum: Eine kleine Oase also inmitten einer unermesslichen Wildnis, die vielleicht nur als mathematischer Raum existiert, eine Lichtung des Seins. Ich muss schon sagen, „the landscape“ ist das Beste, was ich in den letzten Wochen gehört habe – vielleicht sogar das Ding des Jahres, das ich gehört habe! The landscape! Wo fast alles unter dicken Schichten von undurchdringlicher, offenbar sinnloser Komplexität begraben liegt, nur halt unser kleines Universum nicht. Das muss ich sehen! Da muss ich hin!

(Anm.: Für etliches dieser Ausführungen muss ich mich bedanken, bzw. verweise auch gerne auf: Der Funke des Lebens von Nick Lane, Cosmo Spaiens von John Hands und Die Physik des Unmöglichen von Michio Kaku.)

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Die Physikerin Sabine Hossenfelder lehnt die Tendenz bei „den Philosophen“ ab, sich die Genese von Wissenschaft immer wieder so zu erklären, von wegen: weil ein Wissenschaftler auf einen anderen getroffen sei und dann was gesagt worden sei; sprich, die Genese von objektiven wissenschaftlichen Wahrheiten oder zumindest Theorien auf subjektive Einstellungen bei den Wissensproduzenten zurückzuführen. Dass Schopenhauer die Welt als Wille und Vorstellung erscheint (was eben durchaus eine gewisse – vielleicht sogar die letztendliche – objektive Gültigkeit hat), scheint aber natürlich auch damit im Zusammenhang zu stehen, dass Schopenhauer im abnormen Grade Vorstellungsvermögen war, als eben auch Wille. Ein genialer, vorstellender, alles umspannender, konnektiver und anti-egozentrischer Intellekt, der gute Zusammenhänge – ja, eben sogar den guten Zusammenhang – herstellen will – und dann ein ausgesprochen monadisches Individuum, das Träger dieses Intellektes ist! Dass Schopenhauer, wie Russell in seiner Philosophie des Abendlandes meint (S. 767), abgesehen von seiner Tierliebe, sich in allen Beziehungen sich als reiner Egoist erwiesen habe, ist womöglich übertrieben (wenngleich nicht von der Hand zu weisen); andere, die Schopenhauer gekannt hatten, haben hingegen gemeint, er sei einer der besten Menschen überhaupt gewesen, und, „so gering er auch von seinen Mitmenschen gedacht hat“, trotzdem „voller Mitleid“ für sie gewesen. Der Wille war nun aber bei Schopenhauer ebenso eine Gewalt, die über ihn hinausgegangen ist, wie der Intellekt. Einen starken, unbedingten Willen zur Selbstbehauptung hat man da, und ein reizbares, unkontrolliertes Temperament. Seine mieselsüchtige Philosophie hat, wie gesagt, angesichts der Mieselsüchtigkeit der Welt einigermaßen Berechtigung und objektive Gültigkeit. Andererseits steht sie doch in einem Zusammenhang mit einer bekanntermaßen mieselsüchtigen und grantigen Persönlichkeit. Eventuell hatte Schopenhauer eine paranoide Persönlichkeitsstörung, zumindest aber eine Persönlichkeit, die einer solchen Veranlagung nahe kommt. Das Hauptmerkmal einer paranoiden Persönlichkeitsstörung ist, neben krankhaftem Misstrauen, eine geringe Resilienz gegenüber echten oder eingebildeten Zurücksetzungen und Kränkungen. Wenn man sieht, welchen rasenden Groll Schopenhauer entfaltet auf Hegel et al., kann man früher oder später nicht umhin, darin etwas Krankhaftes wahrzunehmen. Seine Polemiken gegen die Universitätsphilosophie etc. haben zwar Berechtigung und verschaffen, auch ganz unabhängig davon, einen gewissen Lesegenuss, müssen letztendlich aber auch auf den sympathetischen Betrachter als zwanghaft und obsessiv anmuten – vor allen Dingen, wenn man sie auch in seinen privaten, nicht unmittelbar zur Veröffentlichung bestimmten Notizen antrifft, und außerdem bis zuletzt, als der Nil in Kairo angelangt war, und Schopenhauer seine Anerkennung erhalten hatte. Vielmehr kann man darin das Bestreben erkennen, seine „Gegner“ auch rückwirkend – sich nicht mehr gegen sie zu verteidigen, sondern – zu demütigen. Im Zentrum der Pathologie einer paranoiden Persönlichkeitsstörung scheint (zumindest bei gewissen Subtypen) ein ausgeprägtes Macht- und Dominanzstreben zu stehen (also eben ein pathologischer Wille), bei dem nicht immer klar sein mag, inwieweit es reaktiv oder aktiv ist (also ein reaktiver Egoismus als Echo auf erlebte Frustrationen, z.B. ungenügende mütterliche Zuwendung in der frühen Kindheit, oder eben ein tatsächlich aktiver, sich aus sich selbst heraus speisender Egoismus). Seine kaum zu bändigende Beleidigtheit über sein verkanntes Genie scheint ja auch in einem Zusammenhang zu stehen mit einem kaum zu bändigenden Geltungsbedürfnis (das aber freilich mit einem herkömmlichen Geltungsbedürfnis wenig zu tun hat). Schopenhauers ausladende Beschäftigung mit dem Genie ist zwar dem Umstand geschuldet, dass er ein solches in hohem Grade war und seine Erkenntnisse dazu von höchstem und realem Wert sind, von Überheblichkeit und Arroganz (oder zumindest mangelnder Bereitschaft zur Selbstironie) sind sie aber nicht frei. Zänkisch war Schopenhauer, streitlustig, „das Fremde, ihm Heterogene kann er nicht so einfach gelten lassen“ (Rüdiger Safranksi: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie, S. 145) und ein offenkundiges intellektuelles Dominanzstreben machte sich an ihm bemerkbar (einhergehend freilich mit guten und ursprünglichen intellektuellen Motiven, wie eben Neugierde und der Begierde, Dinge richtig zu sehen und falsche Ansichten zu korrigieren). Exzessiver Neid und exzessives Anspruchsdenken sind weitere Merkmale der paranoiden Persönlichkeit; speziell bei seinem ewigen Thema „Hegel“ ist Neid auf dessen Arriviertheit kaum zu übersehen (im Abschnitt Ueber Urtheil, Kritik, Beifall und Ruhm in den Parerga und Paralipomena ist der längste Paragraph – auch wenn so viel Wahres drinnen steht – der über Neid). Die Polemiken von Paranoiden sind immer wieder von schauderhafter verbaler Brutalität, und auch die literarische Eleganz, oder vielmehr noch, die Ursprünglichkeit seiner genialen Sprache, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich, wie sein Verleger Brockhaus, immer wieder fragen muss, ob man es bei Schopenhauer mit einem Philosophen oder einem Pferdekutscher zu tun hat (oder mit einem Waschweib, das von einem die Treppe runtergeworfen wird) (ein unzulänglicher Vergleich übrigens, da Pferdekutscher oder ein Waschweib zwar eine primitive, nicht aber notwendigerweise eine schmähende Sprache führen mögen). Sein Humor bleibt letztendlich grimmig, und verleiht nur seinem Geist Flügel, nicht aber seinem Temperament. Mit seinem Temperament stand Schopenhauer nicht über den Dingen, sondern blieb (einigermaßen) tief in die Dinge verstrickt. Nicht zuletzt in Schopenhauers tiefsinnigster und verstörendster Schrift – Ueber Lerm und Geräusch – scheint eine hohe generelle Irritierbarkeit bei Nichtigkeiten (inklusive dem fröhlichen Getriebe der Welt) zum Vorschein zu kommen. Schopenhauers Insistieren darauf, dass der individuelle Charakter zeit des Lebens unveränderlich sei, mag auch mit Inflexibilitäten und Beengtheiten seines eigenen Charakters zu tun gehabt haben (normalerweise würde man bei Menschen ein gewisses psychologisches Entwicklungspotenzial vermuten). Johanna Schopenhauer hatte charakterliche Mängel, die Gründe für das Zerwürfnis mit der Mutter sind aber natürlich auch bei Arthur selbst zu suchen, der seinerseits wenig für die Bedürfnisse der Mutter übrig hatte und offenkundig bestrebt war, Dominanz über sie auszuleben und nach dem Tod des Vaters dessen Platz einzunehmen und sie sich ihm unterzuordnen (so wie sich die Mutter, vor allen gegen Ende ihres Lebens die sanftmütigere und weniger widerspenstige Tochter Adele untergeordnet hat und wenig Rücksicht auf deren Bedürfnisse genommen hat – ob Schopenhauer ob all der Schwierigkeiten seines Charakters dabei in einer solchen, letztendlich charakterlosen Weise mit einer Frau, oder mit irgendjemandem, umgegangen wäre, ist aber fraglich und aus seinem Leben nicht bekannt). Dass Schopenhauer tatsächlich paranoid gewesen wäre, geht so aus seinen Lebensbeschreibungen bei all dem übrigens nicht hervor, sehr misstrauisch war er allerdings – vor allen Dingen aber hat seine exzessive Ängstlichkeit dann doch eine gewisse Nähe zur Paranoia (seine vehemente und ganz mitleidlose Opposition gegenüber der Revolution von 1848 scheint neben philosophischem Misstrauen gegenüber demokratischer „Pöbelherrschaft“ und dem  gewissen impliziten Konservatismus seiner Philosophie in erster Linie der Angst geschuldet gewesen zu sein, die „Kommunisten“ mögen an die Macht kommen und ihm sein Vermögen aus seiner Erbschaft wegnehmen). – Insgesamt hat man bei Paranoiden einen Mangel an konstruktiver Emotionalität. Sie sind grantig und mieselsüchtig, zornig und reizbar, und tun sich schwer, tragfähige Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, beziehungsweise überhaupt ein emotional erfülltes und reichhaltiges Leben zu führen. Emotionale Erfülltheit kommt bei Schopenhauer nicht vor, in seiner Philosophie schwingt das Pendel des Lebens berüchtigterweise zwischen Schmerz (bei ungedeckten Bedürfnissen) und Langeweile (bei gedeckten Bedürfnissen). Schopenhauer war sehr wohl in der Lage, Erfüllung zu finden und sich nicht zu langweilen, allerdings eher über seinen Intellekt, weniger über seine Emotionalität: Russell meint, Schopenhauer hätte keine Leidenschaften gehabt – da wirft er wieder etwas hin, was sich nicht leicht beantworten lässt (in jüngeren Jahren war Schopenhauer immerhin aber recht sportlich). Paranoide, und überhaupt alle Menschen mit Persönlichkeitsstörungen haben als Asset, dass sie gewisse Dinge und Aspekte des Lebens schärfer wahrnehmen, bestimmte Dinge besser antizipieren und sich in bestimmten Situationen besser zurechtfinden können – in den meisten anderen aber nicht: Eben in jenen, die ihrer verzerrten Persönlichkeit entsprechen, nicht aber in solchen, wo dies nicht der Fall ist, und schon gar nicht dort, wo ihre Persönlichkeit tatsächliche Mängel und Inkompetenzen aufweist. Wenn Menschen mit Persönlichkeitsstörungen genial sind, mögen sie über ihre Verzerrtheiten die Verzerrtheiten der Menschheit an sich klarer sehen. Eigenartig ist, wie Schopenhauer als Mensch wenig greifbar erscheint (was allerdings auch der Geschlossenheit und Berechenbarkeit seiner Philosophie zugutekommen mag). Wie hat man sich Schopenhauer vorzustellen? Im Englischen Hof soll er mit seinem Haarkranz, seiner Kleidung und seinem Gebaren eine barocke Erscheinung abgegeben haben, wie aus der Zeit gefallen. Herrlich! Vielleicht würde man sich den großen Philosophen und Weltweisen anders vorstellen als Schopenhauer. Allerdings, eine grantige, markige Figur, unnahbar, autoritär, eine höhere Macht und mit kantigen Urteilen – wie soll der große Philosoph, der Weltweise auch groß anders sein? „Sobald der große Philosoph die Sonn uffgeh sah, nahm er ehrerbietigst sein Hut ab und hat sich vor err verbeugt … Äämal, am e Januar-Morjen, stieg die Sonnenscheib blutigrot hinner Offebach hervor, wie es uns begegend is und in gewohnter Weis der Kenigin des Tags sei Reverenz gemacht hat. Die Resi, die jiingst von de drei Mädercher, hielt den Äägeblick for geeigend, emal sein Pudel liewevoll zu streichele. Kaum awwer hat des der Weltweise bemerkt, hat er ääch schon drohend sein Stock erhowe un gerufe: Riehre den Mensch (so rief er seinen Pudel) nicht an, elend Bruchstück der Natur!“ (Anekdote überliefert von Adolf Stoltze, Sohn des Frankfurter Mundartdichters Friedrich Stoltze, zitiert in Volker Spierling: Schopenhauer ABC, „Bruchstück der Natur“, S. 37) Stellt man sich so den Weltweisen vor? Nein, das würde man nicht unbedingt, aber die besten und treffendsten Sachen passieren oft ganz unvermutet. JA, freilich kann man sich den Weltweisen so vorstellen! Das ist sogar ganz treffend! Wie soll man sich den Weltweisen denn sonst vorstellen?!

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„Der Stil ist die Physiognomie des Geistes.“ (PP, Zweiter Teilband, S. 563) Ja, ich sage immer: Wer denken kann, kann auch schreiben! Und für Schopenhauer zeigt der Stil „die formelle Beschaffenheit aller Gedanken eines Menschen, welche sich stets gleich bleiben muß; was und worüber er auch denken möge“ (ebenda, S. 564). Schopenhauer war bekanntlich ein großer Stilist, dessen niedergeschriebene Rede eine großen Sogwirkung ausübt. „Wegen der Sprache allein muss man ihn unbedingt lesen“, urteilt ein anderer Sprachkünstler, Kafka. Lästerer behaupten, der klare und anschauliche Stil und die einfache Verständlichkeit der Schopenhauerschen Werke, auf welche er sich selbst so viel zugutegehalten hat, sei einfach der Simplizität der Gedanken und des Gedankengebäudes geschuldet (was würden sie dann aber im Fall von Kafka sagen?). Einfachheit ist nun aber die höchste Form der intellektuellen Vollendung (so sagte es der Klügste von allen, Leonardo da Vinci), und für Schopenhauer ist „Simplicität stets ein Merkmal nicht allein der Wahrheit, sondern auch des Genies gewesen. Der Stil enthält die Schönheit vom Gedanken; statt daß, bei jenen Scheindenkern, die Gedanken durch den Stil schön werden sollen. Ist doch der Stil der bloße Schattenriß des Gedankens: undeutlich, oder schlecht schreiben, heißt dumpf, oder konfus denken.“ (ebenda, S. 566) Die Philosophie ist ebenso wie die Sprache von Schopenhauer klar und simpel, weil sie (wesentlich) wahr ist. Ihre mysteriöse Sogwirkung, die sie ausübt (sowie die Unverständlichkeit, mit der sie auf Zeitgenossen gewirkt hat), scheint darin zu liegen, insofern sie höchst anschaulich ist. Warum gelingt es einer sehr selten auftretenden Lebensform, dem Genie, im Gegensatz zu den meisten Menschen, dahin zu gelangen, wo alles klar, simpel, anschaulich und wahr ist, während der Rest in Konfusion lebt? Was ist die rätselhafte zusätzliche Dimension, in die das Genie zu blicken scheint? Die interessante Antwort, die Schopenhauer darauf gibt: Weil das Genie anschaulich denkt! Intellektuelles Arbeiten geschieht herkömmlicherweise in Begriffen und Konzepten, mithilfe derer von Intellektuellen bessere oder schlechtere Operationen und Kombinationen durchgeführt werden. Das Genie lebt jedoch in der reinen Anschauung, und die reine Anschauung ist die eigentliche Quelle aller Erkenntnis. Begriffe und Konzepte werden ursprünglich aus Anschauungen gebildet und dienen dazu, Anschauungen zu erklären und zu systematisieren. Sie haben dabei aber etwas inhärent Statisches, Formales und Totes; eine entsprechende Intellektualität ohne lebendige Anschauung hat daher etwas Begriffsklauberisches und Steriles und mag sich als inkompetent erweisen, neuartige Anschauungen zu beschreiben (was dementsprechende Intellektuelle dann fuchsteufelswild machen kann, wenn solche neuartigen Anschauungen, wie sie das Genie eben liefert, dann eben auftreten). Das Genie bewegt sich primär in Anschauungen, deren Eindrücke in ihrer abnormen Intensität eine große Macht auf das Genie ausüben, (weswegen das Genie nicht allein Probleme haben mag, den Herausforderungen der praktischen Welt zu begegnen, sondern so oft abwesend und zerstreut wirkt – da es die meiste Zeit über in einer entsprechenden intellektuellen Trance lebt: Das Genie steht permanent unter Eindrücken, so Otto Weininger). Wenn es intellektuell oder künstlerisch begabt ist, schafft es aus diesen Anschauungen heraus neue Begriffe, Kategorien, Theorien oder Kunstwerke (dass der geniale Deleuze den Sinn der Philosophie in der Schaffung von Begriffen sieht, denen man, mit Schopenhauer, ein wenig skeptisch gegenüberstehen mag, macht schon Sinn, insofern Deleuze ja vom kreativen Schaffen von Begriffen spricht, die bei ihm ja auch immer eine höchst dynamische Qualität haben (weswegen sie das bei ihm haben, ist aber weniger klar; philosophisch verordnet er sich in genuin produktiven Kräften des Seins oder im „Werden“; in Wahrheit ist für die Dynamisierung von Begriffen aber eben der kreative Geist vonnöten, der Zugang zu reiner Anschauung hat, und diese begrifflich ins Lot bringt)). Über welche Ausdrucksform sich das Genie äußert, hängt von dessen Talent ab (und die meisten Talente hat es jeweils meistens nicht: Schopenhauer gibt ja auch zu, z.B. kein Dichter zu sein), bei genialen Talenten (und die wenigsten Talente sind dann eben auch tatsächlich genial) scheint allerdings irgendeine Qualität dahinterzuliegen, die den Intellekt und in erheblichen Teilen auch die Persönlichkeit insgesamt betreffen. Paradoxes Assoziationsvermögen scheint diese Qualität des Genies auszumachen – und/oder eben die Fähigkeit zu unmittelbarer, empathischer Anschauung (wie so was möglich ist und was die neurologische Grundlage dafür? Ja, das würde ich nur zu gerne wissen! (In der Welt als Wille und Vorstellung denkt Schopenhauer hierzu was an, das ich aber gar nicht kompetent beurteilen kann, vgl. WWV, Zweiter Teilband, S. 97)). Erlauchte Kollegen (wie Hans Bethe) wussten von dem genialen Physiker Richard Feynman zu berichten, er sei (wie allerdings auch Alpher, Bethe und Gamov et el.) sehr gescheit gewesen, allerdings in einer für andere nicht nachvollziehbaren oder nachahmbaren Weise; und: Er habe tiefere, intuitivere Einsichten gehabt, was sich hinter den Gleichungen verbirgt, die die Physik beschreiben; tiefere Einsichten in die Beschaffenheit der Natur selbst. Von Einstein, dessen gewaltiges Charisma darauf beruht, dass er nicht nur unsere Begriffe, sondern grundlegend unsere Anschauungen über die Natur transformiert hat, kann man dasselbe sagen. Ja, das mit der Genialität als Vermögen zur Anschauung: da hat Schopenhauer schon was herausgefunden! Ich meine, wenn man sich die hässlichen, verkrachten Urlaubsfotos der meisten Leute auf Facebook ansieht, muss man sich schon fragen, wie es um ihr lebendiges Anschauungsvermögen, ja überhaupt ihre Wahrnehmung eigentlich bestellt sein mag! (Man suche nun aber nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre – Goethe) Weiters begreift Schopenhauer das Genie als eine radikale Objektivität des Geistes. Genie ist „rein erkennendes Subjekt, klares Weltauge“ (WWV, Erster Teilband, S. 240). Insofern das Genie in abnormen Grade den Anschauungen ergeben ist, üben die veränderlichen objektiven Anschauungen ihre eigentliche Macht über das Genie aus. Das Genie ist ein vom Willen und unmittelbaren Nützlichkeitsdenken relativ befreiter Intellekt, der richtige Anschauungen über die Welt haben will: Das ist ja auch in etwa das, was ich sage und proklamiere; ich formuliere halt, dass das Ego verschwinden muss, damit Geist werden kann; denn mein Bestreben ist es, so viel Geist zu werden wie möglich (insofern könnte man vermuten, dass ja auch das Genie eine Perversion des Willens ist: denn sein radikaler Schaffens- und Erkenntnisdrang erscheint ja irgendwie als Wille, als vollständige Realisierung des Intellektes allerdings, nicht des bloßen Alltagswillens. Kann man natürlich auch sagen, hinter dem Intellekt verberge sich wohl der Wille zur Macht, oder die Libido, oder eben wieder das Ego und sein Herrschaftswillen; harmloser ausgedrückt halt vielleicht eine Freude daran, etwas zu beherrschen (was ja auch ganz unschuldig motiviert sein kann, und in Lebewesen (auch tierischen) gemeinhin auftritt). Ich würde aber eben eher mal sagen, dass der Erkenntnisdrang eine Konsequenz des Intellektes und der Intelligenz an sich ist und somit etwas sui generis). Das Genie ist ein vom Willen relativ emanzipierter Intellekt, denn „(d)er Wille, welcher die Wurzel des Intellekts ist, widersetzt sich jeder auf irgend etwas anderes Anderes als seine Zwecke gerichteten Thätigkeit desselben. Daher ist der Intellekt einer rein objektiven und tiefen Auffassung der Außenwelt nur dann fähig, wann er sich von dieser seiner Wurzel wenigstens einstweilen abgelöst hat. So lange er derselben noch verbunden bleibt, ist er aus eigenen Mitteln gar keiner Thätigkeit fähig, sondern schläft in Dumpfheit, so oft der Wille (das Interesse) ihn nicht weckt und in Bewegung setzt“ (WWV, Zweiter Teilband, S. 451); und „(d)er gewöhnliche Mensch … ist, wie gesagt, einer im jeden Sinn völlig uninteressierten Betrachtung, welches die eigentliche Beschaulichkeit ist, wenigstens durchaus nicht anhaltend fähig: er kann seine Aufmerksamkeit auf die Dinge nur richten, als sie irgend eine, wenn auch nur sehr mittelbare Beziehung auf seinen Willen haben. Da in dieser Hinsicht, welche immer nur die Erkenntniß der Relationen erfordert, der abstrakte Begriff des Dinges hinlänglich und meistens selbst tauglicher ist; so weilt der gewöhnliche Mensch nicht lange bei der bloßen Anschauung, heftet daher seinen Blick nicht lange auf einen Gegenstand; sondern sucht bei Allem, was sich ihm darbietet, nur schnell den Begriff, unter den es zu bringen ist, wie der Träge einen Stuhl sucht, und dann interessiert es ihn nicht weiter. Daher wird er so schnell mit Allem fertig, mit Kunstwerken, schönen Naturgegenständen und eigentlich überall bedeutsamen Anblick des Lebens in allen seinen Scenen“ (WWV, Erster Teilband, S. 242). Ja, das beobachte ich auch immer wieder, und kann mich bekanntermaßen nicht genug darüber wundern! Danke also, Schopenhauer, für diese Erklärung! Insofern das Genie Subjekt der reinen Erkenntnis über lebendige Anschauung ist, blickt es durch den Schleier der Maya hindurch, durch die Erscheinungen, und sieht (einigermaßen) das Ding an sich, das Ewige, das Überzeitliche, die platonischen Ideen; – was ich von den platonischen Ideen halten soll, weiß ich nicht (sie scheinen mir eine obskure Antwort auf eine obskure, allerdings notwendige Frage); tatsächlich aber nun ist das Genie jemand, der brillante, tiefsinnige, richtige Ideen hat, deren Charakter überzeitlich ist. Geniale Kunst ist für Schopenhauer Darstellung des Lebens und seiner Mysterien über diese Ideen, bzw. die Darstellung dieser Ideen über die Betrachtung des Lebens. Sie ist damit ewig und überzeitlich, und wirkt als ein Quietiv: über die Anschauung von Kunst wird das Subjekt der Welt des Willens, die dem Satz vom Grunde unterworfen ist (fernöstlich gesprochen: das Samsara) entledigt, und sieht die befreite Ewigkeit (fernöstlich gesprochen: das Nirwana); „dann werden wir, des leidigen Selbst entledigt, als reiner Subjekt des Erkennens mit jenen Objekten völlig Eins, und so fremd unsere Noth ihnen ist, so fremd ist sie, in solchen Augenblicken, uns selbst. Die Welt als Vorstellung ist dann allein noch übrig, und die Welt als Wille verschwunden.“ (ebenda, S. 255) Ja, diese (Über) Welt zu schauen ist ein großer Genuss, nach der unio mystica wohl der Größte, den es gibt! Ich weiß nicht genau, woran das liegt – und wahrscheinlich ist es etwas sui generis –, aber diesen Hinweisen von Schopenhauer bin ich schon wieder dankbar! Über Kunst und über Schauen der überzeitlichen Ideen ist man der Welt des Willens, die dem Satz vom Grund unterworfen ist, dem Samsara entrückt, und sieht nur noch die Ruhe, die Ebenmäßigkeit, die Ewigkeit; „Selige Öde auf wonniger Höh`“ (Wagner, Siegfried, Dritter Aufzug, Dritte Szene) – die Vision der Weißen Hütte! Das „bessere Bewusstsein“, das eben das bessere Bewusstsein ist. – Was für ein Genuss es ist, Schopenhauer zu lesen! Wie geborgen man sich in seiner Sprache, seinen Anschauungen, seinem Stil fühlt! Es ist die Ebenmäßigkeit seines Stils, die mir sehr zusagt! In ein warmes, angenehmes Braun blicke ich farblich, wenn ich Schopenhauer lese. Die explosive, ekstatische Farbenprächtigkeit des Nietzsche hat Schopenhauer nicht, was manche übrigens als ein Defizit von Nietzsche ansehen, was aber darin liegt, dass Nietzsche eben eine transzendente Gestalt war, der die materiale Hyle definitiv sprengt (anstatt ihr quietivistisch zu entsagen, wie Schopenhauer). Es ist aber gut, sich so viel Farbeindrücke wie möglich zu machen, und der farblichen Explosion von Nietzsche setze ich gerne das angenehme Braun des Schopenhauer in meinen Farbanschauungen dazu. Bei Schopenhauer hat man den Scheinwerfer des dunklen Lichtes des Dionysus Areopagita, der mit einem fremden dunklen Ton auf die Gegenstände und auf die Arena gerichtet wird, umkränzt wird das schalenförmig von einem Viertelrund aus Silber. Abgeschlossen, in sich abgeschlossen ist das alles (anders als die ständige Ekstase bei Nietzsche)! Das ist gut. „Wenige Denker haben in dem Maße und der unvergleichlichen Bestimmtheit empfunden, daß der Genius in ihnen webt“, so Nietzsche, bei dem Ähnliches der Fall werden sollte (Schopenhauer als Erzieher/Unzeitgemäße Betrachtungen, S. 206). Aber wenige haben auch das Dasein an sich je in die Tasche gesteckt, so wie eben Schopenhauer! Was den Vorwurf der Eitelkeit anlangt, dem man Schopenhauer, oder dem selbstbewussten Genie machen mag (meistens wohl, weil man sich in seiner eigenen Eitelkeit pikiert fühlt, ohne dass man ein Genie ist), so möchte ich wieder einmal sagen: Der Mensch neigt in den meisten Fällen zu Bescheidenheit und nicht tatsächlich dazu, sich als viel höher einzuschätzen als die anderen Menschen. Sich als viel höher einzuschätzen, ist ihm eher unangenehm (so auch mir). Wenn man jetzt aber tatsächlich etwas geschaffen hat, etwas von hohem Wert, so verändert man sich: Man ist, mit Houellebecq gesprochen, nunmehr im Reich der Werte und der Ideale angekommen. Ebenso verändert einem die Erleuchtung und das Satori (als die Transzendenzprinzip des ethischen Genies und des Genies der Selbstvervollkommnung). Mit der Erleuchtung, dem Erlangen des Satori, hat man diese Welt überwunden (nachdem man in der Regel größte Anstrengungen dafür unternommen hat). Man lebt also in solchen Fällen in einer höheren Welt. Schopenhauer hat intellektuell die Welt nicht nur umrundet, sondern sie auch überwunden. Sein Geist hat keine Erdenschwere mehr. Sein Wille ist vernichtet. Nur mehr sein Genie ist da – „und sein Genius verhieß im das Höchste – daß es keine tiefere Furche geben werde als die, welche seine Pflugschar in den Boden der neueren Menschheit reißt. So wußte er die eine Hälfte seines Wesens gesättigt und erfüllt, ohne Begierde, ihrer Kraft gewiß, so trug er mit Größe und Würde seinen Beruf als siegreich Vollendeter“ (Nietzsche, ebenda). Was sollen einen solchen noch die Meinungen und die Konventionen der anderen und der Welt bekümmern und ihm gelten?  „Wir bekennen es vielmehr frei: was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle Die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist Denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen – Nichts.“ (WWV, Erster Teilband, S. 508)

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„Auch der Stil seines Philosophierens stempelt Schopenhauer zum Außenseiter. Allzu offensiv wird darin die Haltung des Selbstdenkertums hervorgekehrt. In der ersten Auflage des Hauptwerkes sind die polemischen Ausfälle gegen die zeitgenössische philosophische Zunft noch recht zahm. Das Schroffe und schon fast Feindselige aber liegt im Gestus des stolzen Ignorierens: Schopenhauer zitiert die Klassiker der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit bis Kant. Er schaltet sich in ein Gespräch über Jahrtausende hin ein und gibt dabei zu verstehen: Die philosophische Gegenwart kann man vergessen. Schopenhauer tritt in seinen Schriften als jemand auf, der, abseits des Gemurmels und der Handgemenge des Tages, alles von Grund auf und selbstständig noch einmal durchdacht hat: eine große Philosophie im Eigenbau und – da abseits des akademischen Betriebs – in Heimarbeit hergestellt. Dieser Philosophie fehlt, so gelehrt sie ich auch darbietet, der akademische Stallgeruch. Das Unvergrübelte, die Klarheit und Schönheit der Schopenhauerschen Sprache fallen deutlich aus dem Rahmen des professoralen Diskurses. Sogar etwas Naives, Unbekümmertes, fast Treuherziges haftet dieser Philosophie an. Man denke nur daran, wie Schopenhauer seine ersten Berliner Vorlesungen ankündigen läßt: >>Arthur Schopenhauer wird die gesamte Philosophie, d.i. die Lehre vom Wesen der Welt und dem menschlichen Geiste vortragen.<<“ (Rüdiger Safranski: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie, S. 390) Haha, ja das kenne ich! Wie Originalität und Lebendigkeit und Intelligenz immer wieder eingefordert wird, und doch „endlich wieder einmal“ passieren solle – und wie dann die Läden dicht gemacht werden, wenn ICH mit so was dann tatsächlich daher komme! Die Wissenschaft denkt nicht, mag man mit Heidegger sagen…. HA, bekomme ich gerade ein Interview mit meinem Philosophieprofessor Gerhard zu lesen, wo er zum Besten gibt: „Und er (Michel Serres, Anm.) sagt: Es gibt ganz wenige originäre Bücher, weil die meisten Leute nur von anderen Büchern abschreiben – das heißt nicht unbedingt plagiieren, aber zitieren und reflektieren und wiederkäuen. Der Großteil der Philosophie und ein Großteil der Kultur- und Sozialwissenschaften ist eigentlich ein Kuhbetrieb, ein Wiederkäuerbetrieb. Ich habe mir zahlreiche Habilitationen im Fach Philosophie angesehen – 350 Seiten darüber, was bisher in der (westlichen, europäischen) Geistesgeschichte darüber geschrieben wurde und zum Schluss kommt der „eigene Ansatz“ auf vier oder fünf Seiten.“ (Gerhard Fröhlich in Wie Michel Serres lesen, ohne zu verzweifeln? Fragen an Gerhard Fröhlich in Versorgerin 123, September 2019) Originalität ist also etwas, was in einem solchen Umfeld nicht eben gewünscht sein mag. „In der Gelehrten-Republik geht es, im Ganzen genommen, so her, wie in der Republik Mexiko, als in welcher Jeder bloß auf seinen Vortheil bedacht ist, Ansehn und Macht für sich suchend, ganz unbekümmert um das Ganze, welches darüber zu Grunde geht. Eben so sucht in der Gelehrten-Republik Jeder nur sich geltend zu machen, um Ansehn zu gewinnen: das Einzige, worin sie alle übereinstimmen, ist, einen wirklich eminenten Kopf, wenn er sich zeigen sollte, nicht aufkommen zu lassen; da er allen zugleich gefährlich wird. Wie das Ganze der Wissenschaften dabei fährt, ist leicht abzusehn.“ (PP, Zweiter Teilband, S. 529f.) Üppig wuchern bei Schopenhauer die Auslassungen über den akademischen Betrieb und ueber die Universitäts-Philosophie.Wissenschaft gilt, idealiter, der Wahrheitsfindung, und so würde man im Wissenschaftsbetrieb einen Ort und Hort der Wahrheit vermuten. Das Vordringen zum Ding an sich und zu den ewigen platonischen Ideen, so lehrt Schopenhauer, ist jedoch ein seltenes und prekäres Ereignis, und hängt, in letzter Instanz, vom lebendigen Anschauungsvermögen des Genies ab. Das Zentrum der Wissenschaft ist das idiosynkratische Genie, denn von dem kommen die grundlegenden Ideen. Das Verhältnis zwischen dem akademischen Betrieb und dem idiosynkratischen Genie ist aber immer wieder ein ebenso prekäres. Das idiosynkratische Genie ist ständig in seine Anschauungen vertieft und produziert und entwickelt ständig und ist daher in seiner Kommunikation und seiner Mitteilungsfähigkeit gestört, zu der der akademische Betrieb aber wesentlich da ist. Mehr noch ist es aber so, dass Betriebe niemand unbedingt haben wollen, der sie aus der Komfortzone reißt, und so will auch der akademische Betrieb das Genie nicht unbedingt, weil Systeme, wenn sie darin nicht blockiert werden, lieber selbstreferenziell werden als irgendetwas anderes. Das ist leichter und bequemer. „Ob auf dem Kunstmarkt oder in der intellektuellen Welt, in der Hauptsache gehe es darum, Netzwerke zu organisieren, Karrieren zu lancieren, Definitionsmacht zu gewinnen, Posten zu besetzen. Mit der Produktion von Ideen, Werken oder Theorien, die für sich selbst stehen, haben die entsprechenden Aktivitäten nichts zu tun“, so Julia Encke in ihrer Biographie über das zeitgenössische, an der zeitgenössischen Mittelmäßigkeit verzweifelnden Genie Michel Houellebecq. (Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq?, 2018,S. 182) Sabine Maria Schmidt bemerkt in ihrem Essay „Chronische Moderne“ im Periodikum Kunstforum: „Finanzökomonische Maßstäbe haben längst eine Definitionsmacht über die Kunst geschaffen, die die Befragung ihres ästhetischen, konzeptuellen und funktionellen Mehrwertes zunehmend überlagern. Was Kunst oder gar gute Kunst ist, im Sinne verkündeter Urteile unbestechlicher Autoritäten, ist kaum mehr von Interesse.“ (Kunstforum 252, S. 53) Natürlich ist es so, dass, vor allem in der heutigen Zeit, nur sehr wenige dazu in der Lage sind, unbestechlich autoritär zu urteilen, was Kunst ist. ICH bin das aber auf jeden Fall: meine Versuche, damit Anschluss zu finden an die Akademie sind aber bislang gescheitert, obwohl sie eigentlich die Erfüllung eines feuchten akademischen Traumes sein sollten – vielleicht existiert der in Wirklichkeit aber eben gar nicht. Meine gescheiterten Versuche müssen einstweilen noch nichts bedeuten, allgemein hat man hier aber Hinweise darauf, dass es dem akademischen wie dem Kunstmarkt nicht notwendigerweise darum gehen mag, Wahrheiten festzustellen (oder aber, unter Heranziehung postmoderner Weisheit, Wahrheitsansprüche überhaupt als was Gefährliches oder Reaktionäres abzutun, um es sich in der postmodernen Beliebigkeit bequem einzurichten: als selbstreferenzielles System freilich –„Hervorragende Kunstwerke zu machen ist für gewöhnlich eine beschwerliche Arbeit. Doch im Modernismus wurde nicht nur das Herstellen, sondern vor allem das Betrachten von Kunst noch anstrengender, musste man sich die Befriedigung und die Freude, die die beste neue Kunst vermitteln kann, mühsam erringen. In den letzten mehr als einhundertfünfunddreißig Jahren waren die beste neue Malerei und die beste neue Skulptur (und die beste neue Dichtung) zu ihrer Zeit für den Kunstliebhaber eine Herausforderung und eine Prüfung, wie sie es früher nicht gewesen waren. Doch gibt es den Drang sich auszuruhen, wie es ihn immer gegeben hat. Er ist eine permanente Bedrohung der Qualitätsmaßstäbe. Dass dieser Drang auszuruhen sich in immer anderer Weise ausdrückt, bezeugt nur seine Dauerhaftigkeit. Das Gerede von der „Postmoderne“ ist eine weitere Ausdrucksform dieses Dranges. Und es ist vor allem eine Art, sich dafür zu rechtfertigen, dass man weniger anspruchsvolle Kunst bevorzugt, ohne deswegen reaktionär oder zurückgeblieben genannt zu werden (was die schlimmste Befürchtung der neumodischen Philister der Avantgarde ist).“ (Clement Greenberg: Modern und Postmodern, 1980)). Nietzsche schreibt über diese Kraftlosigkeit und Wurstigkeit verzweifelt an Overbeck im Sommer 1886: „In dieser Universitätsluft entarten die Besten: Ich spüre fortwährend als Hintergrund und letzte Instanz, selbst bei solchen Naturen wie R.(ohde) eine verfluchte allgemeine Wurschtigkeit und den vollkommenen Mangel an Glauben zu ihrer Sache. Dafür, daß einer (wie ich) dio noctuque incubando von frühester Jugend an zwischen Problemen lebt und da allein seine Not und sein Glück hat, wer hätte dafür ein Mitgefühl! R. Wagner, wie gesagt, hatte es: und deshalb war mir Tribschen eine solche Erholung, während ich jetzt keinen Ort und keine Menschen mehr habe, die zu meiner Erholung taugten.“ – „Und in der schönen Literatur ist es nicht besser. Auch dort sind große Zwecke und echter Sinn für das Wahre und Tüchtige und dessen Verbreitung sehr seltene Erscheinungen. Einer hegt und trägt den anderen, weil er von ihm wieder gehegt und getragen wird, und das wahrhaft Große ist ihnen widerwärtig und sie möchten es gerne aus der Welt schaffen, damit sie selber nur etwas zu bedeuten hätten. So ist die Masse, und einzelne Hervorragende sind nicht viel besser“, spricht Goethe zu Eckermann (Goethe, Gespräche mit Eckermann, Mittwoch, den 12. Oktober 1825). Über die Gespräche zwischen Goethe und Schopenhauer ist leider kaum was bekannt, der aber sagt z.B.: „Denn darüber täusche man sich nicht, daß, zu allen Zeiten, auf dem ganzen Erdenrunde und in allen Verhältnissen, eine von der Natur selbst angezettelte Verschwörung aller mittelmäßigen, schlechten und dummen Köpfe gegen Geist und Verstand existiert. Gegen diese sind sie sämmtlich getreue und zahlreiche Bundesgenossen. Oder ist man etwa so treuherzig, zu glauben, daß sie vielmehr nur auf die Ueberlegenheit warten, um solche anzuerkennen, zu verehrten und zu verkündigen, um danach sich selbst so recht zu nichts herabgesetzt zu sehn? – Gehorsamer Diener! Sondern: tantum quisque laudat, quantum se posse sperat imitari (Jeder lobt nur so viel, als er selbst zu leisten hofft). (PP, Erster Teilband, S. 184). Ich frage mich auch immer wieder, wieso ich so voll des Lobes bin für schöne Sachen, und die anderen so wenig (zumindest dann nicht, wenn sie von mir kommen)! Warum ich so viel Respekt habe vor übergeordneten Instanzen, aber die oft keinen Respekt vor mir haben! Ich glaube, in denen ist so wenig Respekt, weil in ihnen so wenig Liebe drinnen ist! Weil in der Welt, allgemein, so wenig Liebe drin ist! Der einzige Mensch, den ich je in den Tiefen des weltweiten Internet getroffen habe, der möglicherweise gescheiter ist als ich (und der mittlerweile wieder verschwunden ist), der 23-jährige M. aus South Carolina, hat mir einst geflüstert, dass sich die Menschen eher einmal einen Scheißdreck um jemanden gruppieren würden, weil er recht hätte, oder aufgrund von intellektueller Schönheit; sie würden sich um Individuen gruppieren, von denen Status und Macht abfällt. Tom erzählt mir, wie, allem Anschein von der Emanzipation zum Trotz, sich die Professoren auf der FH nach wie vor wie die großen Zampanos gebärden, die die weiblichen Assistentinnen vor sich hertreiben und diese die Drecksarbeit machen lassen! G. erzählt mir, wie meine Alma Mater mittlerweile in den Händen von Professorinnen aus Deutschland sei, die frenetisch bestrebt sind, Machtstrukturen und Netzwerke zu etablieren, die keinem anderen als ihnen selbst nutzen und ihre eigenen Cuties aus Deutschland bei uns in Positionen zu hieven. Allgemein hieven Leute in irgendwelchen Machtpositionen dumme Leute in Assistenzpositionen, vor denen sie sich nicht fürchten müssen. Studenten, die ein wenig intelligenter sind als sie selbst, mögen auch durchaus Abgötter ihrer Professoren sein (da sie so ihre eigene Intelligenz wie über einen Vergrößerungsspiegel wahrnehmen können); ein so tiefsinniger Wanderer wie ich wurde, zwar nicht immer, aber doch immer wieder, dann und wann, eher einmal gehasst von ihnen (den Fehler bei mir zu suchen, deswegen habe ich ja auch den Yorick geschrieben; letztendlich bleiben es aber verschiedene Welten und Sinnsysteme, und „(k)eine Güte, keine Milde kann sie mit der Ueberlegenheit der Geisteskraft aussöhnen“ (PP, Erster Teilband, S. 184)). Professoren sind halt mal gerne Professoren, und Gelehrte belehren andere gerne. Das ist sehr frustrierend, weil man es selbst in die feinsten Verästelungen hinein in dieser Menschheit bemerken muss. Selbst R. erzählt mir, wie sie es hassen würde, wenn sie Professorin wäre und sie würde mir nichts beibringen können – denn als Professorin wäre es ja ihre natürliche Position, anderen was beizubringen! Dass man dem Genie nicht viel beibringen kann, die Funktion des Genies es ist, der Menschheit was beizubringen und es daher alle Unterstützung verdient, scheint ihr intuitiv ebenso wenig klar zu sein, wie dass man doch, bitteschön, nicht auf der Welt ist, um anderen was beizubringen und sich die anderen überzuordnen, als dass es der Sinn des Lebens ist, etwas zu lernen und sich den höheren Instanzen der Schönheit, Güte und Wahrheit unterzuordnen! Naja, es ist halt auch die Lernfähigkeit bei den meisten Menschen beschränkt. Daher flüchten sie dann lieber auf ausgetretenen Pfaden. In einem seiner letzten Bücher kann sich der amerikanische Philosoph John Searle die Fußnotenbemerkung nicht verkneifen: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die amerikanischen Universitätsangehörigen eine extrem konformistische soziale Gruppe bilden. Amerikanische Professoren werden schon als fortgeschrittene Studenten darauf gedrillt, eine bestimmte Menge von Hintergrundannahmen und -voraussetzungen zu akzeptieren. Diese Voraussetzungen betreffen Fragen wie diese: Welchen Geschmack sollte man haben? Mit welchen Freunden kann man sich sehen lassen? Welche politischen Anschauungen sind akzeptabel? Welche kulturellen Artefakte kann man bewundern? Und so weiter. Der Konformitätsdruck ist für viele unwiderstehlich, und Unabhängigkeit kommt selten vor. Eigentlich soll die Unkündbarkeit eines Professors dafür sorgen, dass er im Hinblick auf alle möglichen nonkonformistischen Gedanken und Verhaltensweisen intellektuelle Unabhängigkeit an den Tag legen kann. Doch wenn dem tatsächlich so ist, wird von dieser Unabhängigkeit nur selten Gebrauch gemacht.“ (John R. Searle: Wie wir die soziale Welt machen, Berlin, Suhrkamp 2012, S. 267f.) Das nonkonformistische Genie passt da natürlich nicht gut rein – „In welche Tradition fällt das denn rein?? In welcher Tradition steht das denn??“, fragen z.B. die Literaturwissenschaftler und Kritiker dauernd, und können scheinbar kaum damit umgehen, wenn etwas eben in keiner offensichtlichen oder herkömmlichen Tradition steht – es entwickelt aber das Material für die Konformismen des Disktinktionsbestrebens der Zukunft (Ahhhh… bei dieser Gelegenheit habe ich vor meinem inneren Auge eine extrem plastische und ausformulierte Vision, wie sich die amerikanischen Universitätsangehörigen in naher Zukunft, wenn ich als der Größte gelten werde, darin zu überbieten versuchen, wonach sie bereits die neue Platte von Abaddon Incarnate gehört haben und die von Splitter und vor allem die von Moriture; und den einen Kollegen aufs Abstellgleis schieben, weil er die neue Moriture noch nicht kennt (was ich in dem Fall sogar ein wenig gutheißen würde)). Mit Cheri sitze ich beim Mittagessen an der Cote d`Azur, da sagt sie mir, Leute aus der akademischen Welt habe sie bis in deren höchste Regionen hinauf kennengelernt. Es handelt sich dabei erstaunlich oft um erstaunlich einseitige Persönlichkeiten. Wie soll ich die den Großen Zusammenhang lehren? Interessieren sie sich für den überhaupt? Wissen sie, dass es den gibt? Dass wissenschaftliche, künstlerische, philosophische und ethische Positionen relative Gültigkeit haben, gewisse Teilaspekte der Realität widergeben, und der absolute Geist darin besteht, diese Relationen ins Verhältnis zu setzen? Nein, das wissen sie oftmals nicht; ahnen es zwar wahrscheinlich, schieben es dann aber gleich wieder aufs tote Gleis, da sie sich mit ihren jeweiligen Positionen dann ja nicht als die Kings vorkommen können! Vor allen Dingen Philosophen scheinen vom Konx Om Pax kaum was zu wissen und davon, dass das Ziel der Philosophie friedliche Vereinigung ist; eher mal sind sie zerstritten, dass einer Sau graust. In dem Satireartikel Honest Academic Job Postings steht (explizit) bei den Philosophen: „The Philosophy department is now hiring an assistant professor who can tolerate the toxic environment of our department. Special consideration given to candidates who will take Dr. Warren’s side in her 30-year-old dispute with Dr. Wyatt, that Foucauldian asshole.“ Ja, diese zerstrittenen, feindseligen Philosophen! In der Philosophie geht es um das Denken an sich, und wer beherrscht schon das Denken an sich? Und dann diese Kleinkariertheit in den Persönlichkeiten! Wenn ich mich mit P., B., K., L., X. oder U. unterhalte, frage ich mich, ob ich meine Zeit nicht weniger frustrierend verschwenden könnte, wenn ich mich statt mit professionellen Philosophen mit den Junkies am Praterstern unterhalten würde! Die Amanda verbringt jetzt viel Zeit im Tageszentrum der Caritas zweimal um die Ecke, und ich frage mich, ob es nicht weniger frustrierend sein könnte, mich (statt mit professionellen Philosophen) mit den Obdachlosen und Halb-Obdachlosen dort zu unterhalten! Die Lösung des philosophischen Problems besteht darin, östlichen (ganzheitlichen) mit westlichem (analytischem) Verstand zu vereinigen (was ICH tue und MEIN Betrag zur Philosophie sein wird (unter anderem)). Sloterdijk aber sagt zu Heinrichs, mit einem Bhagwan-Zitat würde man sich unter westlichen Philosophen lächerlich machen (obwohl Bhagwan so etwas wie der leibhaftige Zarathustra ist!). Naja. Es widert eigentlich mich an, Philosophie zu machen, und es widert mich an, Kunst und Literatur zu machen, wenn so etwas dann immer und immer wieder mit ihr passiert (und einem somit auch gar keine Vorstellung vergönnt ist, dass es so etwas wie einen geschichtlichen und zivilisatorischen Fortschritt gibt, zumindest nicht in diesen Bereichen). Ich muss in meinem vorigen Leben ungeheuerlich viel falsch gemacht haben, dass ich in diesem zu einer so einen Sisyphos-Arbeit verdammt bin! Ich sehe beständig die höchsten Werte und die höchsten Schönheiten vor mir – und dann auch wieder, wie wenig sie in dieser Welt bedeuten! Es widert mich an, Philosophie zu machen! Es widert mich an, Kunst zu machen! Es widert mich an, dazu verdammt zu sein, Wissenschaft zu machen! Am meisten widert es mich an, Religion zu machen und eine religiöse Gestalt zu sein. Wo, bitteschön, haben die Leute denn tatsächlich Ideale? Irgendwelche kleinen Scheißdreck- und Arschloch-Dinger sind das meistens, an denen sie ihr Ego aufhängen, sind das meistens, ihre sogenannten Ideale! Bevor ich mich mit Sufi-Scheichen und Zen-Meistern unterhalte, unterhalte ich mich lieber mit den Dealern auf der Josefstädter Straße (mit dem Unterschied, dass die Sufi-Scheiche und Zen-Meister umgekehrt genau dasselbe tun). „Ein weiterer der vielen Widersprüche (Bourdieu würde von einem zerrissenen Habitus sprechen) bei Michel Serres ist seine Kritik an Kritikern. Auch sie zählt er zu den Parasiten. Es gibt (äußerst selten) Originale, und dann kommen sie in Scharen und kritisieren daran herum.“ (Gerhard Fröhlich in Wie Michel Serres lesen, ohne zu verzweifeln? Fragen an Gerhard Fröhlich in Versorgerin 123, September 2019) Klar, die Welt verlangt nach kritischer Prüfung dessen, was produziert wird. Das tun dann die Apparate. Aber tun die das dann in etwa so?: „Der Ausschuß ist sich bewußt, daß ihm hier ein Film zur Beurteilung übergeben worden ist, auf den der herkömmliche Kanon der Filmästhetik nicht mehr anwendbar ist. „La Notte“ eröffnet bereits im Formalen Perspektiven, deren genaue Untersuchung von einem Ausschuß, dem nur begrenzte Zeit zur Verfügung steht, nicht geleistet werden kann. Der Bewertungsausschuß möchte die Vorläufigkeit seiner Feststellungen ausdrücklich betonen, die nichts anderes sein sollen als die gleichsam erste Reaktion auf ein filmisches Gebilde, für das ganz ohne Zweifel der Begriff „genial“ verfügbar ist. Die Äußerungen des Bewertungsausschusses zu dem Film „La Notte“ können nichts anderes sein als unvollkommene, fragmentarische Bemerkungen, die sich von irgendwelchen Interpretationskünsten fernhalten.“ So die Filmbewertungsstelle Wiesbaden über Michelangelo Antonionis „La Notte“ (die ihm dabei das Prädikat „Besonders Wertvoll“ verleiht). Warum kann man das bei mir nicht einfach auch so sagen?? So generös sind die bei mir nicht. (Naja gut, ich gebe zu, dass meine Sachen rätselhafter sind als die von Antonioni und der Joker in ihnen drin ist, der ihre Welt bedroht.)

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Gwinner gegenüber hat sich Schopenhauer anvertraut: an ihm selbst gefalle ihm wohl die intellektuelle Physiognomie, nicht aber die moralische (Karl Pisa: Schopenhauer, S. 375). Untersuchungen zufolge legen Professoren für Moralphilosophie kein großartig moralischeres Verhalten an den Tag als andere Menschen (eines der entsetzlichsten Untersuchungsergebnisse wohl überhaupt); Schopenhauers Mitleidsethik ist da aber zumindest, wie er insgesamt, eine schöne, üppig wuchernde Paradiesblume, eine lebendige Macht und ein Kraftfeld, im Gegensatz zu den immer wieder eiskalten akademischen moralphilosophischen Abhandlungen sonst. Was die Grundlage für Moral ist und warum sich der Mensch moralisch verhält, begegnet uns (einigermaßen) als Mysterium – „Dies aber ist ein Problem, dessen überschwängliche Schwierigkeit dadurch erzeugt wird, daß nicht nur die Philosophen aller Zeiten und Länder sich daran die Zähne stumpfgebissen haben, sondern sogar alle Götter des Orients und Okzidents demselben ihr Dasein verdanken. Wird es daher bei dieser Gelegenheit gelöst, so wird fürwahr die Königliche Sozietät ihr Gold nicht über angelegt haben“, leitet Schopenhauer seine Preisschrift über die Grundlage der Moral ein (Kleine Schriften, S. 633). Schopenhauer verwurzelt die Moral und die (wahre) moralische Anlage im Menschen (also die Bereitschaft zu moralischem/altruistischem Handeln jenseits von Kosten/Nutzen-Erwägungen, individueller Sympathie oder der Hoffnung auf Reziprozität) in seiner Fähigkeit zum Mitleiden mit der Kreatur. Im Mitleiden mit der fremden Kreatur erkennt er sein eigenes Leid, und das der Kreatur insgesamt; über Mitleid vernichtet er fremdes Leid, und damit letztendlich das Leid an sich. Mitleid ist eine spontan sich einstellende Empfindung: „Dieser Vorgang ist, ich wiederhole es, mysteriös: denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine unmittelbare Rechenschaft geben kann und dessen Gründe auf dem Wege der Erfahrung nicht auszumitteln sind. Und doch ist er alltäglich. Jeder hat ihn oft an sich selbst erlebt, sogar dem Hartherzigsten und Selbstsüchtigsten ist er nicht fremd geblieben.“ (ebenda, S. 763) Aus der Perspektive der Metaethik, welche sich damit befasst, aus welchen Grundlagen heraus moralisches Handeln und Urteilen überhaupt entsteht (also der Frage, auf welche die Preisschrift eben eine Antwort geben will), ist Schopenhauer gleichsam Non-Kognitivist: er verortet die Grundlage der Moral in (logisch, rational) nicht wahrheitsfähigen Einstellungen (Gefühlen, Dispositionen u. dergl.) In der Tat, Mitleid und Sympathie sind sehr primäre Motive für moralische Handlungen. Schopenhauer ist nun aber nicht bloß, in dem Sinn, Non-Kognitivist (solche Kategorien gab es zu seiner Zeit noch nicht) – und eine transzendente Verankerung der Moral (also z.B. als von Gott kommend) fällt ihm schon gar nicht ein. Bei Schopenhauer ist die Welt zwar Wille und Vorstellung, es gibt aber keine Unterteilung von Welt und Über/Hinterwelt. Alle Affären finden innerhalb der Welt statt und beziehen sich auf sie. Von der Vorstellung ist es abhängig, wie genau man die Affären der Welt und, letztendlich, ihren wahren Charakter erkennt, das bessere Bewusstsein erkennt, dass alle Wesen der Welt eins sind und Ausdruck desselben Willens. Über das Mitleid erkennt es fremdes Leid als eigenes, ja, letztendlich erkennt es im Willen selbst einen blinden, melancholischen Gott, der sich über seine Erscheinungen stets selbst durchkreuzt und ins eigene Fleisch schneidet. Im Zentrum von allen, ein irrer, blinder Azathoth! – „Wie muß es inzwischen unser Mitleid erregen, wenn wir betrachten, wie blutwenig dagegen diesem Herrn der Welt, in seiner individuellen Erscheinung, wird: meistens eben nur so viel, als hinreicht, den individuellen Lein zu erhalten. Daher sein tiefes Weh.“ (PP, Zweiter Teilband, S. 310) Schopenhauer ist durchaus auch, und vor allem, metaethischer Realist, der da behauptet, dass es moralische Tatsachen in der Welt, unabhängig von unserer subjektiven Einstellung dazu, objektiv gibt. Moralische Gehalte, so behauptet der Realismus, sind in der Welt real vorhanden. Das mag Gelächter beim postmodernen Geist erregen, oder auch beim analytischen und bei allen Geister, die sich berechtigterweise fragen mögen (ähnlich wie bei den platonischen Ideen), welche und welcherart Entitäten in dieser Welt diese moralischen Gehalte denn seien. Sind sie etwas zum Anfassen oder zum Essen? Schopenhauers Zorn regt sich da wieder kräftig: „Daß die Welt bloß eine physische, keine moralische, Bedeutung habe, ist der größte, der verderblichste, der fundamentalste Irrthum, die eigentliche Perversität der Gesinnung, und ist wohl im Grunde auch Das, was der Glaube als den Antichrist personificirt hat. Dennoch und allen Religionen zum Trotz, als welche sämmtlich das Gegentheil davon behaupten und solches in ihrer mystischen Weise zu begründen suchen, stirbt jener Grundirrthum nie ganz auf Erden aus, sondern erhebt immer, von Zeit zu Zeit, sein Haupt von Neuem, bis ihn die allgemeine Indignation abermals zwingt, sich zu verstecken.“ (PP, Zweiter Teilband, S. 219f.) Die moralische Gegebenheit in der Welt und der Welt liegt darin, dass sie Wille ist, der erlöst werden will, indem er letztendlich abgetötet wird. Im Rahmen einer Entsagungsethik trifft sich Schopenhauer mit östlicher Weisheit, und den entsagenden Buddha als den weltüberwindenden Heiligen, der ins Nirwana eingeht, und für den „unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen – Nichts“ mehr ist. (TATSÄCHLICH kann man nun wohl sagen, dass ethisches und moralisches Verhalten wohl nichts ist, was auf eine gemeinsame Wurzel zurückgeführt werden kann oder sollte (ja, es kann ja nicht einmal, weder normativ noch deskriptiv, einheitlich definiert werden). Es handelt sich um etwas letztendlich Unüberschaubares, das, mit dem späten Wittgenstein gesprochen, Familienähnlichkeiten zwischen seinen bestimmten Manifestationen aufweist, oder über diese verbunden erscheint. Das ist deswegen so, weil die Welt, auf die sich ethisches Handeln bezieht, auch so ist, und die Menschen und die Geschöpfe allgemein auch so sind. Ethische Dilemmata sind in der realen Welt unausweichlich. Moralisches Denken und moralisches Handeln sind nicht dasselbe. Dass moralisches Denken und moralisches Handeln nicht gleich sein muss, kann sogar recht gut sein. Es gibt, gleichermaßen, das Ideale und es gibt das Reale. Moralische Sehnsüchte und realistische Erwartungen. Etc. Mitleid ist, wie Schopenhauer meint, tatsächlich ein sehr starker (bzw. sogar der ausschlaggebendste) Motivator für moralisches Handeln. Das Unangenehme ist, dass Menschen primär Mitleid haben mit Wesen, die ihnen ähnlich sind, der eigenen Gruppe angehören. Ein ärmlich gekleidetes Mädchen, verloren wirkend auf einem öffentlichen Platz in einer reichen Gegend, erregt dort kaum Aufmerksamkeit. Erst wenn es besser angezogen und gekämmt u. dergl. ist, gehen die Erwachsenen dort auf es zu und wollen ihm spontan helfen. Über Mitleid wird Sympathie hergestellt, aber Sympathien steuern, mit wem man Mitleid hat. Wenn sich, auch bei Schopenhauer, der Mensch im Mitleid mit dem Nächsten in seinem eigenen Leiden erkennt, ist das Mitleid dann nicht durchaus auch egoistisch und selbstbezogen (und zwar ganz primär)? Fremdes Leid kann man freilich nur nachempfinden, wenn man es selber, an sich, empfunden hat. Das ist das eine. Das andere ist aber, wie Cavan (mit einem IQ von 195 derzeit der zweitintelligenteste Mensch der Welt) neulich festgestellt hat: was man auf den sozialen Medien beobachten kann, wie sich Menschen in Gruppen zusammenfinden, um sich gegenseitig selbst zu bemitleiden, von wegen, ihr sozialer Status sei nicht so hoch, ergo würden sie von den Politikern et al unterdrückt werden etc.; wenn sich Menschen gegenseitig unterstützen und aufmuntern lässt das mein Herz ja höher schlagen, realiter scheinen sich menschliche Gemeinschaften aber eher einmal als Solidargemeinschaften des kollektiven Selbstmitleides zusammenzufinden (die dann meistens auch einen Außenfeind brauchen). Nietzsches Attacken gegen das Mitleid bekommen letztendlich was Bizarres, sind aber wohl als Abgrenzung gegenüber Schopenhauer motiviert. Im Mitleiden etwas Egoistisches zu erblicken, dieser Möglichkeit sollte man sich wohl gewahr sein; es in ein derartiges Säurebad aufzulösen steht aber wohl nicht dafür. Weiters kann man den Realismus belasten, indem es moralische Tatsachen in der Welt offensichtlich gibt. Zivilisationen beruhen wohl überall im Universum darauf, dass sie sich erhalten und weiterentwickeln, dass sie also ethisch sind. Der einzelne Mensch ist sowohl ein Individuum ALS AUCH ein Gattungswesen, Mitglied einer Gesellschaft, einer Gruppe… Dies ist als Tatsache älter als der Mensch und ihm übergeordnet. Ethisches Verhalten, also das Austarieren von Einzel- und Gruppeninteressen, ist also etwas, das a priori vorhanden ist (und, bei aller Verschiedenheit der jeweiligen Wertmaßstäbe, ist gutes ethisches Verhalten immer das, wo die Rechte des Einzelnen als auch der Gruppe gewahrt werden). Die Welt ist von einer ethischen Betrachtung nicht zu lösen. (Noch etwas zum leidvollen Charakter der Existenz: Das Weltengenie leidet an der Welt, es ist mit dem leidenden Weltganzen verwoben. Schau dir dann aber mal an, worin das menschliche Leid so oft besteht und wie jämmerlich es oftmals ist! Andrea muss mir am Telefon erzählen, was sie heute alles erlitten habe und worüber sie sich so habe aufregen müssen. Bekomme ich dann also eine Geschichte zu hören von wegen, beim Arzt habe sie lange warten müssen und einer, der NACH IHR gekommen wäre, sei VOR IHR dran gekommen – und dann sei sie mit FALSCHEN NAMEN aufgerufen worden, und auf dem Weg dorthin habe die Ampel hämisch von Grün auf Rot geschaltet! Während ICH als Atlas das Weltenleid trage, ich unglücksel´ger Atlas, und unter dieser Last gefühltermaßen immer wieder zusammenzubrechen drohe, erzählt mir Andrea also, wie sehr sie darunter gelitten habe, vorher beim Arzt und wegen der Ampel etc.) – ich will bald eine längere Arbeit über Ethik und Metaethik verfassen, wo ich meinerseits genauer werden will über all das.) Schopenhauer hat sich selbst als einen „theoretischen Heiligen“ bezeichnet, und Nietzsche lobt an Schopenhauer, dass er „dem tiefen Bedürfnis des Genius nach Heiligkeit“ nicht nachgekommen sei (sondern wahrheitsliebender Philosoph (auch wenn die Wahrheit eben unangenehm ist)) (Schopenhauer als Erzieher/Unzeitgemäße Betrachtungen, S. 207). Ich frage mich ständig – und werde ganz von dieser Frage geplagt –: ist das Gute oder das Böse die weltbeherrschende Macht?! Der Geist oder der Ungeist?! Das deswegen, weil mein Geist die Welt locker überschreitet und es mit der ganzen Welt locker aufnehmen kann. Einfach so, ganz locker. Also muss er doch die weltbeherrschende Macht sein; aber genau das ist er (zumindest zur Zeit) eben NICHT (andererseits: wie soll der weltüberschreitende Geist denn auch die Welt beherrschen? Das sind verschiedene Sprachspiele). Für Goethe war das Böse eine vorhandene, das Gute balancierende Kraft innerhalb eines harmonischen, sich ausgleichenden Ganzen (so habe ich das tendenziell auch gesehen); bei Schopenhauer ist das Böse eine weltbeherrschende Macht: „Der Egoismus ist kolossal: er überragt die Welt“ (Preisschrift über die Grundlage der Moral/Kleine Schriften, S. 728) Naja, gut, dass aber eben auch der Geist die Welt überragt und in die Welt eingreift und die Welt formt – denn auch vom Geist kann man dasselbe sagen. „Dies ist Sansara, und Jegliches darin kündigt es an; mehr als Alles jedoch die Menschenwelt, als in welcher, moralisch, Schlechtigkeit und Niederträchtigkeit, intellektuell, Unfähigkeit und Dummheit in erschreckendem Maaße vorherrschen. Dennoch treten in ihr, wiewohl sehr sporadisch, aber doch stets von Neuem uns überraschend, Erscheinungen der Redlichkeit, der Güte, ja des Edelmuths, und eben so auch des großen Verstandes, des denkenden Geistes, ja, des Genies auf. Nie gehn diese ganz aus:  sie schimmern uns, wie einzelne glänzende Punkte, aus der großen dunklen Masse entgegen. Wir müssen sie als ein Unterpfand nehmen, daß ein gutes und erlösendes Princip in diesem Sansara steckt, welches zum Durchbruch kommen und das Ganze erfüllen und befreien kann.“ (PP, Zweiter Teilband, S. 238) – und bei mir steht, am Schluss vom uninterpetierbaren Traum:  „… Im Lauf der Zeit kam ich darauf, dass die Welt ja eigentlich und leider gar nicht so sensationell ist, wie ich mir das immer gedacht habe! Die höchste Intelligenz, die wir kennen, ist die des Menschen, soll heißen, in der Welt beziehungsweise unter Menschen geht es hauptsächlich um Geld und um persönliche Interessen. Dann kommt lange nichts, so scheint es. Rompf ist mir ganz einfach eine Verpersonifizierung dieses Seinsaspekts, der nicht über das Ego hinauslangenden menschlichen Trägheit. So einfach ist das! Lange Rede, kurzer Sinn! … UND DOCH! In dieser zersplitterten Welt, dieser Teile, die da auf dem Boden liegen, einige marschieren, andere kampieren, oftmals haben sie nichts miteinander zu tun, und dann – die seltsamen Verbindungen, die sich zwischen ihnen herstellen… gibt es doch Licht in der Welt, Sympathie! Höheres Streben, tieferes Ergreifen. Erhellung! Der Zauber der Welt oder zumindest der Weltwahrnehmung, der darin besteht, dass sie mit sich selbst nicht identisch ist und nicht abschließbar, sondern unendlich offen, dank unseres Geistes. Diese Offenheit, traumhaft und federleicht, anti-gravitationsmäßig, gilt es in sich aufzunehmen. Und das sind die eigentlichen Mächte, auch wenn sie oft stumm erscheinen, während das Reich des Rompf – des Geldes und der persönlichen Interessen – lärmt und schreit und scheinbar alles niedermacht bis alles kaputt ist und verdummt … Es kommt ganz einfach und zumindest in allem darauf an, es möglichst zu vermeiden, wie Rompf zu sein! Der Appell, nicht Rompf zu sein, ist die Grundlage jeder höheren Ethik, das was sich hinter dem Schleier der Maya für den Menschen nach seiner ewigen Frage nach dem Warum, Wieso und Wohin verbirgt. Und das ist es, was ich sagen wollte. Das ist die Kernaussage dieses Buches.“ – „Der Sarg dieses Mannes, der ein Menschenalter hindurch in unserer Mitte lebte und gleichwohl ein Fremdling unter uns blieb, fordert seltene Gefühle heraus … Welche von uns so glücklich waren, dem außerordentlichen Mann näherzustehen, ich meine zu der Zeit, da noch kein Tagblatt von ihm sprach und der „Narr“ in unserer Mitte noch nicht als der „Weise von Frankfurt“ in Geltung stand … Er hatte ein weiches, unendlich empfängliches, freilich auch unendlich empfindsames, reizbares Herz in seiner Brust … wie gering er von den Menschen auch dachte, er fühlte mit ihnen. Er war voll Mitleid.“ Das sagte Gwinner am Grab von Schopenhauer (zitiert in Karl Pisa: Schopenhauer, S. 386f.). Dr. Wilhelm Gwinner war einer der wenigen, die Schopenhauer in seinen späteren Jahren nahe standen, und er war dessen Testamentsvollstrecker. Nach Schopenhauers Tod schrieb er ein Buch über ihn. Schopenhauer wiederum einiges, was er erst nach seinem Tod veröffentlicht sehen wollte: So vor allem das Eis heautón, nach der Art von Marc Aurels Selbstbetrachtungen ein Sammelsurium von Beobachtungen, Einfällen, Notaten, ein persönliches „Geheimheft“. Das Eis heautón ist nach dem Tode Schopenhauers verloren gegangen, es besteht jedoch der Verdacht, dass Gwinner Passagen daraus für sein Schopenhauer-Buch verwendet hat (da sich entsprechende Stellen stark von Gwinners Stil unterscheiden und dem von Schopenhauer gleichen). So konnte das Eis heautón rekonstruiert werden (bei C.H. Beck unter „Die Kunst, sich selbst zu erkennen veröffentlicht“). Hat Gwinner, dem Schopenhauer vertraut hat, das Manuskript, an dessen posthumer Veröffentlichung Schopenhauer viel gelegen war, für seine eigenen Zwecke ausgeweidet und dann unabsichtlich – oder eben absichtlich – verloren oder vernichtet?? Das verliert sich im Geheimnis und im Dunkel der Vergangenheit. Wenn dem so ist, ist es freilich eine schmähliche, beklemmende Bestätigung der misstrauischen Philosophie des Meisters. Nicht einmal Gwinner kann man trauen! Lauter Arschlöcher in dieser unheimlichen Welt! „Ich habe die Geschichte von Rompf erzählt. Die Geschichte von Rompf hat sich entlang jener Linie, diesseits derer der Kosmos und jenseits derer das Chaos liegt, bewegt. Das Wichtigste, dass es zu verstehen gibt, ist, dass der Geist zunächst dem Raum selbst gleicht, das Ego hingegen einer Krümmung, einer Schwerkraft, unter der die Ausformungen des Geistes abgelenkt und nach innen gezogen werden, hin in das endliche Zentrum unseres pathologischen Verhaltens, einer kleinen, ständig auf- und zuschnappenden, hysterisch agitierten Falle, beziehungsweise, wenn ich näher rangehe, einem beständig klappernden, schnappenden und dabei insgesamt in einem leeren Raum hysterisch zitternden Gebiss, wie ich es mir bildhaft vorstelle: der Selbstreferenzialität. All das Leben ein Traum, uninterpretierbar.“

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„Wenn ich nun zu diesem Zwecke sage, die sogenannte Philosophie dieses Hegels sei eine kolossale Mystifikation, welche noch der Nachwelt das unerschöpfliche Thema des Spottes über unsere Zeit liefern wird, eine alle Geisteskräfte lähmende, alles wirkliche Denken erstickende und mittelst des frevelhaftesten Mißbrauchs der Sprache an dessen Stelle den hohlsten, sinnleersten, gedankenlosesten, mithin, wie der Erfolg bestätigt, verdummendesten Wortkram setzende Pseudophilosophie, welche mit einem aus der Luft gegriffenen und absurden Einfall zum Kern sowohl der Gründe als der Folgen entbehrt, d.h. durch nichts bewiesen wird noch irgend etwas beweist oder erklärt, dabei noch, der Originalität ermangelnd, eine bloße Parodie des scholastischen Realismus und zugleich des Spinozismus, welches Monstrum auch noch von der Kehrseite das Christentum vorstellen soll, also („Vorn ein Löwe, von hinten ein Drache und eine Ziege mittendrin, „Ilias“ 6, 181), so würde ich recht haben. Wenn ich ferner sagte…..“ – Ja, Schopenhauers „unintelligente Wut auf Hegel“ (Nietzsche) treibt bekanntlich die üppigsten, wucherndsten, hochaufschießendsten tropischen Blüten! Hegel habe ich fast nicht gelesen; als ich es einmal mit der Phänomenologie des Geistes (oder etwas Ähnlichem) probiert habe, ist mir dann doch – obwohl im philosophischen Jargon geschult und Schwierigkeiten liebend – nach einer Zeit die Luft ausgegangen (allerdings habe ich Kojéve gelesen!). In der Vorrede zur ersten Auflage von Die beiden Grundprobleme der Ethik folgt auf das da oben eine mehr als fünfzehnseitige Polemik gegen Hegel, die Universitätsphilosophie und gegen die Dänische Akademie der Wissenschaften, und im Gesamtwerk Schopenhauers (selbst, wie erwähnt, in den Nachlassschriften) finden sich noch viele Seiten dergleichen mehr. Ich kenne das ja auch, dass ich auf bestimmte Themen (wie z.B. der Verkanntheit (genauer gesagt: der Missachtung) meines Genies) rekurriere, zu einem guten Grund deshalb, weil es einfach viele stilistische Einfälle und allgemein Ideen und gute Witzchen dazu in mir hochspült, die ich niemandem vorenthalten will; zu einem guten Grund deshalb, weil sie mich tatsächlich neurotisch beschäftigen, da sie im Wesentlichen mein Leben und meine psychische und moralische Existenz bedrohen – bei Schopenhauer fällt halt auf, dass die zwanghafte Beschäftigung mit dem Rivalen Hegel praktisch immer nur Polemik bleibt, obwohl Hegel abseits von seiner dialektischen, idealistischen Philosophie ja auch viel andere Dinge, z.B. über Kunst zu sagen weiß, wie man auch allgemein seine dialektische idealistische Philosophie nicht so einfach vom Tisch wischen kann. (Natürlich, die zwanghafte Polemik mag auch leicht aus etwas, mit dem man intellektuell und seelisch nicht fertig wird, herrühren; etwas, das man sich nicht erklären kann; für das Genie mag es ohne Weiteres ein Rätsel sein: jenes Unverständnis, das ihm entgegen gebracht wird; als Adler umkreist es diesen Umstand, einigermaßen orientierungslos, und weiß nicht, wie es landen soll. „Ich weiß nicht, ob ich nicht einmal meine Anschauung ändern werde, aber jetzt bin ich überzeugt, dass Schopenhauer der genialste Mensch ist. Sie sagen er sei so-so, er habe einiges über Philosophie geschrieben. Was heißt einiges? Das ist die ganze Welt in einer unglaublich schönen und hellen Spiegelung … Beim Lesen begreife ich nicht, wie sein Name unbekannt bleiben konnte. Es gibt nur eine Erklärung, dieselbe, die er so häufig wiederholt, dass es fast nur Idioten in der Welt gibt“, meint dazu (der ebenfalls konfuse) Leo Tolstoi. Der große Geist begreift vieles, aber das Verhalten von Idioten begreift er notgedrungen nur schlecht. Das Verhalten von Idioten mag für den großen Geist ein endloses Faszinosum sein! Der Adler umkreist es, hilflos, kann aber nicht darauf landen.) Zwischen der Philosophie von Hegel und der von Schopenhauer gibt es natürlich wenig Berührungspunkte. Die Philosophie von Schopenhauer ist weder idealistisch noch materialistisch, und sie ist keine dialektische Philosophie, sondern eine Betrachtung der Ewigkeit. Der Philosophie von Schopenhauer mögen kühne Fortschrittsoptimisten vorwerfen, dass sie implizit handlungsunanleitend und reaktionär sei und den Gang der Geschichte verkenne; den Fortschrittlichen mag Schopenhauer entgegenhalten, dass ihre Philosophien sie zu unüberlegten Handlungen verleiten, und dass sie die Ewigkeit verkennen (und dass sie den Gang der Geschichte verkennen); speziell den Marxisten, dass sie einem „platten Optimismus“ frönen, der totalitäre Sowjetgesellschaften errichtet, die von einem manischen ideologischen Vorwärtsdrang erfüllt sind, der dann letztendlich implodiert, wenn sich das Ziel dieses ideologischen „Fortschritts“-Terrors als Chimäre erweist (und dann stattdessen korrupte, neoliberale Feudalregime auf deren vormaligem Boden errichtet werden – von denselben Leuten). Für Hegel war Napoleon der Weltgeist zu Pferde. Für Schopenhauer hat er „die ganze Bosheit des menschlichen Willens offenbart“ (Manuskripte, zitiert in Rüdiger Safranksi: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie, S. 311). Insgesamt war Napoleon aber beides. Safranski weist diesbezüglich darauf hin, dass Schopenhauers „besseres Bewusstsein“ undialektisch ist, und Schopenhauer an der Duplizität zwischen „besserem Bewusstsein“ und empirischen Bewusstsein festhält (ebenda). Damit rückt sie in die Nähe der Religion, die in ihrer Diesseitsabgewandtheit implizit reaktionär ist (allerdings nicht notwendigerweise explizit – „Optimismus des Willens, Pessimismus des Verstandes“: man kann ja auch ein melancholischer Weltverbesserer sein). Unabhängig von der philosophischen und der ganz praktischen Apotheose des (preußischen) Staates durch Hegel (worin sich Hegel durchaus als eher schmählicher Diener des preußischen Staates erwiesen hat) hat die Hegelsche Philosophie demgegenüber etwas implizit Totalitäres, insoweit es dem Individuum und dem Einzelwesen keinen eigentlichen Platz zuweist. Aus einem ursprünglich mystischen Zugang zum Universum heraus begreift Hegel allein „das Ganze“ als das eigentlich Reale – und das Einzelwesen lediglich als ein unbedeutendes Element innerhalb des Ganzen, dass nur dann „wahr“ wird, wenn es sich dem Geist des Ganzen unterordnet. Kierkegaard hat dagegen rebelliert, Schopenhauer, wenn man so will, auch (indem sie die Betrachtungsweise, wenn man so will, umgedreht haben). Weder die Philosophie Kierkegaards noch die Schopenhauers sind politische Philosophien – sehr zum Verdruss beispielsweise der Marxisten. Sie sind allerdings Philosophien der individuellen Vervollkommnung und betreffen Bezirke, aus denen sich das Politische doch tunlichst draußen halten sollte: Das Seelenheil und die Individualethik (bei Schopenhauer auch durchaus kollektiver gefasst als bei Kierkegaard). Wenn Sozialisten Schopenhauer vorwerfen, dass seine Philosophie „unsozialistisch“ sei, kann er zurückgeben, dass seine Philosophie den „besseren sozialistischen Menschen“ formuliere, und dass sie allgemein die Fortschrittsoptimisten zwar nicht widerlegen, aber doch deutlich nachdenklicher machen solle. „Mir aber war außerdem noch ein ungewöhnlicher Feind hinzugegeben: ein großer Theil Derer, welche in meinem Fach das Urtheil des Publikums zu leiten Beruf und Gelegenheit hatten, war angestellt und besoldet, das Allerschlechteste, die Hegelei, zu verbreiten, zu loben, in den Himmel zu erheben … Hieraus erkläre sich der spätere Leser die ihm sonst räthselhafte Thatsache, daß ich meinen eigentlichen Zeitgenossen so fremd geblieben bin, wie der Mann im Monde.“ (PP, Erster Teilband, S. 153) – ja, aus dem wird die „unintelligente Wut auf Hegel“ dann auch wieder ein wenig nachvollziehbarer. Zu Unrecht im Schatten eines anderen zu stehen, ist schon ärgerlich; wenn der andere dann aber auch noch ein Trottel ist, kann die Wut schon Blüten treiben, die von der reinen Intelligenz nicht mehr erfasst werden können. „Ein anderer großer Vortheil, den poetische Leistungen vor philosophischen haben, ist dieser, daß alle Dichterwerke, ohne sich zu hindern, neben einander bestehen, ja, sogar die heterogensten unter ihnen von einem und dem selben Geiste genossen und geschätzt werden können; während jedes philosophische System, kaum zur Welt gekommen, schon auf den Untergang aller seiner Brüder bedacht ist, gleich einem Asiatischen Sultan bei seinem Regierungsantritt. Denn, wie im Bienenstock nur eine Königin sein kann, so nur eine Philosophie an der Tagesordnung.“ (PP, Zweiter Teilband, S. 11) Ja, und daher bin ich auch immer mehr geneigt zu behaupten, dass Philosophie was für Schwule sei, oder vielleicht eher was für gewaltbereite Heterosexuelle (denn Schwule sind oft sanft-feminin, haben einen Sinn für Ästhetik und wissen, wie man Partys feiert). Philosophien beruhen zumeist auf einem unzulänglichen, vereinfachenden, egoistischen Blick auf die Totalität. Die Meta-Philosophen hingegen überschauen die Totalität und die philosophischen Systeme und sind nicht bestrebt (oder in der Lage), philosophische System zu errichten; ihnen geht es darum, ein Bewusstsein über die Totalität und über die Philosophie zu errichten („Jede solche Auffassung ist nämlich nur von einem bestimmten Standpunkt aus wahr; wie ein Bild die Gegend nur von einem Gesichtspunkte aus darstellt. Erhebt man sich über den Standpunkt eines solchen Systems hinaus; so erkennt man die Relativität seiner Wahrheit, d.h. seine Einseitigkeit. Nur der höchste, Alles übersehende und in Rechnung bringende Standpunkt kann absolute Wahrheit liefern.“ (ebenda, S. 19)). Schopenhauer war eine Mischung aus einem Meta-Philosophen und einem philosophischen Systembastler – und hat daher auch Hegel nicht radikal transzendendiert. Oh Mann, der transzendente Meta-Philosoph würde, um sich allenfalls über Hegel auszulassen und die, stets ein wenig heuchlerischen, Gepflogenheiten und politischen Korrektheiten von Akademien in Dänemark und anderswo zu konterkarieren und ihnen die Rute ins Fenster zu stellen, doch nicht zwanzig Seiten am Stück schreiben und dann außerdem auch noch immer wieder darauf zurückkommen; sondern – wenn ihm danach also wäre – ganz einfach grunzen, dass Hegel schwul sei oder ein Neger oder effeminiert und dann weiter seine eigene Bahn ziehen: „Das Genie hingegen trifft in seine Zeit, wie ein Komet in die Planetenbahnen, deren wohlgeregelter und übersehbarer Ordnung sein völlig excentrischer Lauf fremd ist. Demnach kann es nicht eingreifen in den vorgefundenen, regelmäßigen Bildungsgang der Zeit, sondern wirft seine Werke weit hinaus in die vorliegende Bahn (wie der sich dem Tode weihende Imperator seinen Speer unter die Feinde), auf welcher die Zeit solche erst einzuholen hat.“ (WWV, Zweiter Teilband, S. 463)

Anm. 29. September: Jetzt habe ich Fichte gelesen, Die Bestimmung des Menschen, den Schopenhauer auch nicht so schätzt; in der Tat, ein schwächerer Philosoph, überraschend auch die Langatmigkeit seines Stils, obwohl er (wie auch Schopenhauer anerkennt) doch ein großer Rhetoriker gewesen sein soll. Trotzdem ich Die Bestimmung des Menschen schon vor Jahren mal gelesen habe und sie eher verdrießlich gefunden habe (und jetzt also schon wieder), werde ich es mit Fichte aber wohl noch mal probieren – vor allem werde ich es aber mit Schelling probieren, da mir den seine Metaphysik sehr brauchbar erscheint. Der Grund, warum ich Fichte jetzt noch mal gelesen habe: um den Anfangsabschnitt hier (den, sozusagen, nach der Einleitung) über Epistemologie fertig stellen zu können und ich die Arbeit endlich abschließen und veröffentlichen kann, bevor ich nach Paris abhaue nächste Woche! Diesen anfänglichen Abschnitt habe ich also praktisch zum Schluss geschrieben! Diese Arbeit über Schopenhauer ist komplex und umfangreicher als sogar die über Kafka und Kierkegaard und die umfangreichste Arbeit, die ich seit meinen Büchern geschrieben habe. Ich habe sie recht eklektisch erstellt, oftmals über Textbausteine, ich hoffe, das sieht man ihr nicht so sehr an, dass es sehr störend wirkt. Jetzt muss ich nur noch die Textbausteine im (nachher folgenden) Abschnitt über die Weiber zusammenstellen, dann ist alles fertig. Eventuell fällt mir auch noch was zu Schopenhauers tiefstem und verstörendstem Text ein – Versuch über das Geistersehn und was damit zusammenhängt – und zwar, wie das eventuell der impliziten Ordnung und der möglichen Welt der Synchronizität zusammenhängen kann, aber das liefere ich dann, gegebenenfalls, nach.

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„Was uns fast unumgänglich zu lächerlichen Personen macht, ist der Ernst, mit dem wir die jeweilige Gegenwart behandeln, die einen nothwendigen Schein von Wichtigkeit an sich trägt. Wohl nur wenige große Geister sind darüber hinweggekommen, und aus lächerlichen zu lachenden Personen geworden.“ (Eintrag in Manuskriptbuch, zitiert in Rüdiger Safranksi: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie, S. 415)

Ach, armer Yorick!

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„Du, mein Arthur, must jetzt hinein ins ernste Leben, und wahrlich wird es Dir mehr als ernst, es wird Dir unerträglich vorkommen, wenn Du Dich schon so frühe gewöhnst, Deine Stunden alle mit der Kunst zu vertändeln. Du bist nun 15 Jahre alt, Du hast schon die besten Deutschen, Französischen und zum Theil auch Englischen Dichter gelesen und studiert, und noch außer denen Schulstunden, kein einziges Buch in Prosa, einige Romane ausgenommen, keine Geschichten nichts als was du lesen musstest um bey H. Runge zu bestehen.“ (Johanna Schopenhauer in einen Brief an den halbwüchsigen Arthur) Ach ja, immer diese neidischen Mütter! Ich bin nicht in einem Tiroler Bergbauerndorf aufgewachsen, sondern in urbanen Zentren, daher weiß ich bis heute nicht wirklich viel, wenn mich jemand fragt, was eigentlich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen seien, von denen alle Welt so viel und so gerne spricht, insbesondere die genderdekonstruktivistischen Feministinnen. Das hängt sicherlich mit der Reinheit meiner Wahrnehmung, meines Herzens und meines Verstandes zusammen, die mir möglicherweise immer wieder Streiche spielen, was das Begreifen der harten Wirklichkeit betrifft, es scheint mir aber auch, dass die Unterschiede oder jeweiligen Distinktionsmerkmale zwischen Männern und Frauen allgemein übertrieben werden und dass zu viel Aufhebens darum gemacht wird. Ich habe bis heute keine definitiven Erfahrungen gemacht und ich bin kein Ausbildner beim Militär, der dazu sicherlich viel mehr sagen könnte (sofern es bei diesem Militär auch Frauen gibt (allein, das Problem bei den meisten Menschen ist sowieso, dass sie, auch über ihre unmittelbare Umgebung, nicht sonderlich viel zu sagen wissen, sondern sich ihre Berichte in ein paar Sätzen meistens schon wieder erschöpft haben)); ich weiß es nicht so genau, was die Unterschiede zwischen Männer und Frauen sind, über die sich Schopenhauer öfter einmal, vor allem in seinem tiefsinnigsten und verstörendsten Beitrag, Ueber die Weiber, auslässt. Ich sehe ja auch weder Männer noch Frauen, ich sehe nur Buddhas. Die Menschen, die mir am Nächsten stehen, sind eigentlich allesamt Frauen (wenngleich keine „typischen“ Frauen), und ich nehme sowie alle als Individuen wahr und nicht als typologische Ausdrücke. Ich lebe in keinem verdammten mentalen Gefängnis, so wie die anderen! Ich lebe in der Desorientiertheit der mentalen Freiheit! Kreative Männer haben meist deutlich „weibliche“ Persönlichkeitsanteile (und kreative Frauen deutlich „männliche“), und ich selber bin ziemlich weiblich (was bei den Frauen im Übrigen im Wesentlichen nicht so gut ankommt). Unter meiner mürrischen, selbstversunkenen Fassade stelle ich fest, dass ich doch sehr warmherzig, mitfühlend, sozial und empathisch bin. Ebenso ist meine intuitive Intelligenz der (sowieso extrem überschätzten) „weiblichen Intuition“ bei Weitem überlegen. Zu den großen Tragödien meines Lebens zählt, dass sich das nun aber nicht sehr gut bei den Weibern bezahlt macht, und ich große Probleme habe, kongeniale Partnerinnen zu finden. Das ist sehr traurig, da in mir ja sehr viel Liebe drin ist und ich von der weiblichen Schönheit in meiner Wahrnehmung sehr überflutet werde (das Gute ist, dass ich allein über die Wahrnehmung dieser Schönheit permanent Orgasmen der Wahrnehmung und des Denkens empfinde, die die Intensität sexueller Orgasmen an Qualität bei Weitem übersteigen – ja, wie Dywiann sagt, ist meine Schreibe ein einziger Orgasmus für den sapiosexuellen Verstand). Sapiosexuelle Frauen, und allgemein Menschen, sollte ich eigentlich anziehen wie ein Magnet; zu den irritierendsten Erfahrungen meines Lebens zählt aber, dass ich sie vielmehr abzustoßen scheine wie ein Magnet! Ich bin den Sapiosexuellen unheimlich! Ich bin den Kreativen und den Originellen unheimlich, da ich unberechenbar bin! Ich bin unheimlich, weil meine Seele und mein Tiefsinn so groß sind! Oder halt vielleicht, und wahrscheinlich, weil ich (aufgrund meiner mürrischen, selbstversunkenen Fassade) keinen guten Primäreindruck mache, und nicht zu gefallen weiß – davon hängt ja das Meiste ab. Gefragt, wie er es schaffe, immer wieder Frauen abzuschleppen, meint der dauernd besoffene Michi: Man müsse nur an der Bar sitzen und grinsen, und schon fliegen sie einem um den Hals. Naja, was sollen denn die Frauen mit einer Trauerweide mit mir – aber wenn ich mich rege, kommen sie mit meinem Humor und meinem Geist auch wieder nicht zurecht.  Jaja, meine Sprache ist bisweilen hart und grob und analytisch. Aber das ist halt mal das, was Intelligenz zu einem guten Teil ausmacht. Sonderlich gut kommt das bei den Weibern nicht an, entweder zu Recht, oder halt wohl eher, weil sie nichts Kongeniales drauf zu sagen wissen, und weil sie sich allgemein (ähnlich wie die Männer) leicht (in ihrem Stolz oder eher in ihrer vermaldeiten Eitelkeit) pikiert fühlen. Zu den großen Nachteilen meines großen Geistes und meines komödiantischen Talents zählt halt mal, dass sie tatsächlich etwas Pikierendes und Vernichtendes haben, zumindest gegenüber Wesen, die innerlich schwach sind. Vor allem die Frauen glauben dann eventuell, ich sei negativ und aggressiv. Allerdings und vor allem pikiere und vernichte ich mich ja auch selbst – was dann die Frauen wieder als „mangelndes Selbstbewusstsein“ auslegen (das sie bei Männern hassen, offenbar eben, weil das ihre eigene Nemesis ist). Zu den großen Nachteilen meines singulären Geistes und meiner singulären Seele gehört, dass ich keine echte „Theory of Mind“ von meinem Gegenüber habe, und bei Frauen scheint sich das speziell zu rächen. Natürlich kann ich charmanter als jeder andere sein, was dann natürlich auch eben wieder nichts hilft; wenn ich eine mit „holde Prinzessin!“ anspreche (und sie so in die Flucht schlage), steht dem realiter ja auch tatsächlich entgegen, dass es sich ja meistens bei jener um keine holde Prinzessin handelt, sondern um ein ziemlich triviales und dummes und eigennütziges Ding. Die feministisch orientierte Christina hat einst, vor vielen Jahren, als wir noch jung waren, gemeint: Wenn sie mal einen Knaben zur Welt bringen sollte, würde sie ihn so erziehen, dass er in Schmerzsituationen durchaus auch weine (so wie die Mädchen)! Hört sich schön und gut an, warum dann aber auch nicht wieder umgekehrt? Was ist am Heulsusentum der Mädchen und ihrem ständigen Angst vor allem Haben und permanentem Schwanzeinziehen denn so toll? Vor allen Dingen eben im Sinne der Mädchenemanzipation und der Formierung eines kühnen und unerschrockenen Charakters und Forschergeistes, der die Gesellschaft weiterbringt?! Beim letzten Konzert (von Sumac) war der Frauenanteil im Publikum sogar bei über 5 Prozent (allerdings nicht bei über 10 Prozent!); allgemein ist das Männer:Frauen Verhältnis bei den Konzerten, denen ich gerne beiwohne – also bei Konzerten mit sehr harter, abstrakter Musik, und die tatsächlich außerhalb der Gesellschaft stattfinden und bei denen großer individualistischer Wagemut gefordert ist – meistens 13:1! Die harte, rationale Sprache der Wissenschaftlichkeit und der Technik, in der ich mich wesentlich ausdrücke, und in der sich meine Musik ausdrückt, scheint nicht wirklich das Element der Frauen zu sein. Ebenso wenig können sie gut mit Ambivalenz umgehen. Wo man sich auch mit den dümmsten unter den Männern in der harten Sprache der Rationalität und der Wissenschaftlichkeit und der Ambivalenz leicht unterhalten kann, da das ihre Substanz ist, scheint das auch bei den klügsten unter den Frauen immer wieder nur Akzidens und ein glücklicher Zufall (kann man jetzt (mit Schopenhauer) sogar noch dazusetzen: Weil Frauen eben wesentlich subjektiv sind, und Männer wesentlich objektiv! Schlecht, weil ja das Objektive das Kulturschaffende und Tätige ist; und bei Männern hat man die sachlich mitteilende Kommunikation, wo man bei den Weibern das Getratsche hat etc.!) Wenn die Frauen auf jeden Fall auf einen Mann treffen, den sie nicht beherrschen können, ist es vorbei mit aller Verliebtheit und aller „Sapiosexualität“ (und es würde mich nicht wundern, wenn das bei ihnen noch schlimmer ist, als bei den Männern (wie man ja heutzutage landläufig meint (evolutionsbiologisch betrachtet scheint es ja auch sinnvoll, wenn die Frau mehr Macht und bindende Gewalt über den Mann ausüben als er es über sie tut, da sie an ihm ja mehr zu verlieren hat))). Wenn ich nachfrage bei den Frauen, warum sie nichts von mir wollen, lachen sie meistens dümmlich und sagen, das wüssten sie nicht! Letztendlich glaube ich das sogar, und bekomme damit ja auch sogar bestätigt, dass ich in einer Welt, in der die Leute immer wieder kaum was wissen und auch keine psychologischen Einsichten haben, weder in sich selbst oder in andere, einfach ein Fremdkörper bin und sein muss. Was wollen Frauen eigentlich überhaupt? Das fragen sich die Männer andauernd, und sie selbst sagen dann: das wissen sie nicht! Sitze ich mit Tom an der Strandbar und Tom unterhält sich mit dem feschen Kellner kurz darüber, was Frauen eigentlich wollen würden, er müsse das doch wissen, aber: Das wisse er bis heute nicht, so der fesche Kellner, was Frauen eigentlich wollen würden. „Mehr“, antwortet dann Tom, worauf beide herzlich/verzweifelt lachen. Man hat dabei auch sofort gemerkt, dass zwischen uns und dem Kellner spontane Freundschaft möglich ist, etwas Tiefgreifendes und Ursprüngliches. Was die angeblich weit überlegenen sozialen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten der Frauen anlangt, so erinnere ich mich, wie mir meine (kommunistische) Oma einst gesagt hat: Philip, nichts geht über eine echte Männerfreundschaft! Es gibt nichts Schöneres und nichts Wertvolleres im Leben als eine echte Männerfreundschaft! Ein sehr lustiger Beitrag in dem Satiremagazin The Onion war einmal über eine Gruppe von Frauen, die sich so sehr mit (nicht notwendigerweise aufrichtigen) Komplimenten überhäufen, bis dass sie Lokalverbot bekommen. Männer überhäufen einander mit Beleidigungen, die sie nicht ernst meinen, Frauen überhäufen einander mit Komplimenten, die sie nicht ernst meinen. Falls jetzt eine meint, dieser Abschnitt wäre misogyn, sollte die dann mal hören, was Frauen erst über Frauen alles an allerhand Negativem zu berichten haben! Das schlägt männlich-misogynen Fässern immer wieder locker den Boden aus. Meine Freundin Dagmar klärt mich auf: Moralisches streben in der heutigen zeit ist ein sehr löbliches Ziel und du bust wahrscheinlich einer der wenigen menschen auf.diesem durchgeknallten planeten der es wohl schaffen könnte. Der rest der menschheit ist neidisch verschlagen link nur auf seinen vorteil bedacht prakmarisch materiell und wirtschaftlich ausgerichtet … Und zum.teil oft so dumm in seinen ansichten und oberflächlich ich bin.oft so froh wenn ich mich nicht damit auseinandersetzen muss … Und frauen sind mit abstand oft am ärgsten zueinander und das meist wegen einem.mann wie grotesk ist den das könnte bücher füllen mit geschichten darüber glg sent from mobile“ Meine geliebte Liliana, die, wie ich, ein großes Kind ist und die Eindrücke unmittelbar wahrnimmt, sagt, dass Frauen „mucho peor“ im Vergleich den Männern seien (jetzt, als sich nochmal frage, vertieft sie: Aber meine Liebe, was passiert, willst du genau wissen? Tu sabes que yo admiro al “HOMBRE“ la máxima y perfecta creación de DIOS ,y nosotras las mujeres somos una pequeña parte (una costilla , apenas) pero ,… pero tenemos algo que a los hombres les gusta, nuestra ponzoña ,la perdición y a veces ni es necesario que la toquen ,que la vean ni lla huelan ni la sientan , porque como la serpiente original ,tenemos el don de engañar engatusar y envenenar ,nuestra lengua y nuestro ego que para algunas es una bendición y para otras la perdicion; a veces me avergüenzo de mi condición de mujer ,pero cuando veo un cuerpo ,una cara hermosa se me pasa ,me encantan los hombres ,los amo). Ich habe mich hin und wieder gefragt, ob ich zumindest irgendwie heimlich und tendenziell auf Frauen herabblicke, da sie mir eventuell leichter (oder leichtgewichtiger) erscheinen. Eigentlich ist es aber eher so, dass ich die Frauen deswegen gerne „Schwester“ nenne, und in meinen Büchern primär die „Leserin“ anrede, da sie mir viel eher als die Männer als meine wahren Mitverschworenen und meine Brüder erscheinen: Sie erscheinen liebreizender, authentischer, schöner, unschuldiger, weniger erdenschwer und unverbrauchter und als die einstweilen noch nicht zur Reife gekommenen oder unterdrückten, insgesamt aber wahren Agenten, denen es obliegt, wahre und endgültige Brüderlichkeit unter der Schöpfung herzustellen. Deswegen ist die „Schwester“ mein eigentlicher Bruder. Leider sind meine Erfolge mit den „Schwestern“ diesbezüglich aber begrenzt. Es ist schade, dass diese schönen und liebreizenden Wesen einfach immer wieder so dumm sind! Wie es ihnen immer wieder an innerer Autonomie mangelt! Wieder einmal eine Gemeinheit der Natur, die uns täuscht. Wie eben Schopenhauer sagt, ist das Dasein ein fortwährender Betrug. –  Falls jetzt eine (oder einer, der sich bei den Weibern einschleimen will) daherkommt und schreit: Diese Ausführungen sind misogyn!, so möchte ich sagen, dass ich es bei nebulosen und relativierenden Harmlosigkeiten belassen habe und die eigentlichen Geschütze, die alles in Grund und Boden schießen könnten, nicht aufgefahren habe. Das habe ich unterlassen! Ich möchte auch dazu sagen, dass die Misogynie nicht auf meinem Mist gewachsen ist! Auch die Stärksten unterliegen offensichtlich kulturellen Normen, und wenn die kulturellen Normen misogyn sind, unterliegen sie diesen; aber soweit ich sehen kann, bin ich durch kulturelle Normen tatsächlich praktisch unbeeinflussbar, sondern lasse mich einfach durch mein reines und volles Herz leiten. Im alten, misogynen Griechenland waren die Akademien der großen Geister für Frauen nicht zugänglich – mit der Ausnahme des besonders radikalen und gleichzeitig harmoniesüchtigen Pythagoras (aus der die Hypatia hervorgegangen ist). Und ich bin der ewige Pythagoras! (Der ewige Pythagoras bin ich! Der ewige Pythagoras!) Die meisten Feministinnen werden in hundert Jahren nicht so feminin sein wie ich! Sie werden auch kein so großer Neger sein wie ich! Ich bin tendenziell auf der Seite des Underdog, und da ich in die Zukunft sehen kann, in das „goldene Matriarchat“, das in etwa so golden sein wird wie der Kommunismus und das sozialistische Arbeiterparadies, zu dem es aber gekommen sein mag, weil die Männer sich nicht mehr wehren können oder wollen, aus lauter „affenwürdiger Weiberveneration, von der ein noch vorhandener Rest, die Galanterie, mit wohlverdienter Weiberarroganz bezahlt wird und allen Asiaten dauernden Stoff zu einem Lachen giebt, in welches die Griechen miteingestimmt haben würden“ (PP, Zweiter Teilband, S. 386), oder zumindest, wenn ich mir die Vulgärfeministinnen anhöre, bin ich bei der Gelegenheit mal auf der Seite des Mannes, weil der ist mittlerweile der Underdog. Ja, all diese Ausführungen kommen eigentlich nur daher, weil mich die Vulgärfeministinnen mit ihrem spöttischen Hohn auf die Männer einerseits und ihrer zusammenfallenden Beleidigtheit auf die Männer andererseits – die niemals harmonisch aufgehen und höher synthetisieren (da sie ja die jeweils andere Seite der insgesamt unreinen, egoistischen Medaille sind) auf die Nerven gehen, da sie die heilige Idee des Feminismus beschmutzen, indem sie anstelle des Männeregoismus einfach nur einen Weiberegoismus setzen und legitimieren würden! (Anm. 8.9.2019: Beim gestrigen Familientreffen haben sich meine Tanten ausgelassen, wie sehr ihnen „diese #metoo-Weiber“ mittlerweile auf die Nerven gehen würden.) – „Das ist wohl etwas für Apotheker!“ (Johanna, als Arthur ihr seine Abhandlung Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde überreicht). Ach was, immer diese neidischen Mütter! Die Frauen sind das schöne Geschlecht, folglich sind sie auch das eitle und das eingebildete Geschlecht! Wenn man sie in ihrer Eitelkeit und in ihrer Eingebildetheit stört und sie auf den Boden der Tatsachen zurück befördert, spritzen sie Feuer und Tod und Gift und Galle. Ja, das ist epigenetisch für alle Zeiten so festgelegt und in Stein gemeißelt! So und nicht anders! (Ich gestatte mir diese kleine implizite Relativierung gerne, insofern wohl gerade die Vulgärfeministinnen, die immer so tun, als wie wenn sie den braven und fleißigen Männern haushoch überlegen wären, obwohl sie meistens doch gar nichts großartig geleistet haben, und die sich für unglaublich schlau halten, weil ihnen, im Gegensatz zum Bergbauern und der Resi auf der Alm, der Begriff „Gender“ bekannt ist, wohl am Wenigsten wissen, was „epigenetisch“ bedeutet.) (Der spätere) Nietzsche bemängelt an Schopenhauer, dass dessen gesamte Philosophie mehr oder weniger eigentlich nur ein Ausdruck seines spezifischen Temperamentes sei – und es kann schon, möglicherweise, eventuell, so sein, dass die wenig erbaulichen Erfahrungen, die der griesgrämige und auch nicht vollständig attraktive Schopenhauer mit den Frauen und mit seiner Mutter gemacht hat, zu seinen negativen Einschätzungen über sie beigetragen haben könnte, vielleicht. Kurz vor seinem Tod, und unter dem Eindruck der Bekanntschaft mit Elisabeth Ney, hat Schopenhauer dann plötzlich gemeint: Er müsse unbedingt seine Meinung ueber die Weiber revidieren! Sie erscheinen ihm nunmehr als der deutlich bessere und höherstehende Teil der Menschheit!, so wie er allgemein gemeint hat, er müsse noch mindestens neunzig Jahre alt werden: Er habe der Menschheit noch so viel zu sagen und seinen Parerga und Paralipomena noch wichtige Zusätze zu geben – unter anderem auch ueber die Weiber. Ach, dieser Schopenhauer! Immer von einem Extrem ins andere! Durch seinen plötzlichen Tod ist es nicht mehr dazu gekommen. Er hat geschwiegen, so ist er Philosoph geblieben.

Die Krüge von Nektar

Die Berge von Freuden,

Schatzkammern der Lust –

Wer schuf uns die Frauen?

Dem Lichte des Mondes gleichen schöne Frauen,

Mit Wonne aller Augen auf sie schauen,

Wie Wein berauschen sie jedweden Mann

Und ziehen wie ein Königsthron ihn an.

Von allen Edelsteinen ist die Frau der schönste Edelstein.

Wünscht man sich Geld, so wünscht man es um ihretwillen sich allein,

Gibt man sie auf, verliert man sie, kann Geld dann noch von Nutzen sein?

Etc.

(Glaube und Weisheit der Hindus, S. 167)

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Zur Farbenlehre Schopenhauers, wie zu der von Goethe, kann ich gar nichts sagen! Ich mache mich ganz klein und verstecke mich hinter dem Pinkelstein, und wage es kaum hinzusehen, wie diese beiden Titanen gegeneinander um die Deutungshoheit auf dem so schwierigen Gebiet der Farbenlehre ringen! Zwei riesige Krieger, in eiserner Rüstung und schwerster Ausrüstung, riesige Transformer-Roboter, stehen sie auf der Anhöhe der Menschheit und bewerfen einander mit schwerem Geschütz, die Sonne senkt sich über sie. Blitz! Krach! Donner! Einen Wolkenkratzer wirft der eine nach dem anderen; der reißt eine künstliche Halbinsel in Dubai aus und schleudert sie nach dem Gegner – wie der Bürgerkrieg im Q-Kontinuum, in dem die höchsten, gottähnlichen Geschöpfe des Universums miteinander Krieg führen; die zum Einsatz kommenden Energiemengen und Machtmitteln beschädigen ganze Sonnensysteme im engeren und weiteren Umkreis! So ringen Goethe und Schopenhauer um die Deutungshoheit über die Farbenlehre. Schnell also in Deckung! Schopenhauers Farbentheorie baut auf der Farbenlehre von Goethe auf – die mir nicht bekannt ist: Alles, was mir über die Goethesche Farbenlehre bekannt ist, ist, dass sie eine gigantische Leistung sein soll, und für Künstler des neunzehnten Jahrhunderts inspirierend, nur halt eben (angeblich) naturwissenschaftlich fehlgeleitet. Goethe hat seine Farbenlehre unbeirrbar für seine größte und authentischste Leistung gehalten, obwohl bereits zu seinen Lebzeiten eher wenig dafür gesprochen hat, und Eckermann wundert sich, warum Goethe, der gegenüber allerhand Beurteilungen seiner dichterischen Werke so lässlich wirkt, bei seiner Farbentheorie gar wenig sich für Widerrede empfänglich zeigt. Der meint dann eben zu Eckermann: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Es haben treffliche Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werde ihrer nach mir sein. Dass ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewusstsein der Superiorität über viele.“ Das also war des Pudels Kern! Der trefflichste aller Dichter ist Goethe nicht, und Nietzsche hat gemeint, Goethe sei eigentlich ein verhinderter Plastiker gewesen, der aber suchte sein Heil in der Farbenlehre. Jetzt wirft der Goethekrieger vor sinkender Sonne eine Raumstation, die er vom Himmel geholt hat, nach dem Schopenhauer, der sich höflich duckt und seinerseits dem Goethekrieger das Bein zu stellen versucht. Schopenhauer hat da ebenfalls zeit seines Lebens nicht locker gelassen, was die Richtigkeit seiner Farbenlehre anlangt. Seine Farbenlehre legt ihr Gewicht, gemäß seiner Philosophie im Allgemeinen, in die Farbwahrnehmungen als Vorstellung, die so also von unserem Wahrnehmungsapparat erst erzeugt werden. Goethe zeigte sich über diese Verbesserung wenig amüsiert. In Feindschaft sind Goethe und Schopenhauer nicht voneinander geschieden, aber die Distanz hat bald (von Seiten Goethes) überwogen. Wie gesagt, ich kann gar nichts dazu sagen, ich bin ganz klein und verstehe von der Farbenlehre fast gar nichts! Jetzt holt der Schopenhauerkrieger das Wrack der Titanic vom Meeresgrund und zieht dem Goethekrieger damit eins über. Der dreht ich dabei halb um sich und fällt auf dem Bauch, scheint aber darob erst recht wütend zu werden. Um zu zeigen, dass ich die Schopenhauerschrift über das Sehn und über die Farben aber wohl gelesen habe, möchte ich daraus zitieren: „Die der Blendung entgegengesetzte Verletzung des Auges ist die Anstrengung desselben in der Dämmerung. Bei der Blendung ist der Reiz von außen zu stark, bei der Anstrengung in der Dämmerung ist er zu schwach. Durch den mangelnden äußern Reiz des Lichtes ist nämlich die Tätigkeit der Retina intensiv geteilt, und nur ein kleiner Teil derselben ist wirklich aufgeregt. Dieser wird nun aber durch willkürliche Anstrengung, z. B. beim Lesen, vermehrt, also ein intensiver Teil der Tätigkeit wird ohne Reiz, ganz durch innere Anstrengung, aufgeregt. Um die Schädlichkeit hievon recht anschaulich zu machen, bietet sich mir kein anderer als ein obszöner Vergleich dar. Jenes schadet nämlich auf dieselbe Art wie Onanie; und überhaupt jede ohne Einwirkung des naturgemäßen Reizes von außen durch bloße Phantasie entstehende Aufreizung der Genitalien viel schwächender ist als die wirkliche natürliche Befriedigung des Geschlechtstriebes.“ (Kleine Schriften, S. 265) – „Kinderchen, laßt mir Den dort in Ruhe, der wächst uns allen noch einmal über den Kopf“, weist Goethe eine Gruppe von Mädchen in seinem Hause zurecht, die über den in sich gekehrten jungen Schopenhauer kichern und tuscheln (Karl Pisa: Schopenhauer, S. 257). Dass ihm Schopenhauer bald darauf auch in Bezug auf die Farbenlehre über den Kopf wachsen würde – hätte er sich das gedacht? Lol. Der Goethekrieger ist wieder aufgestanden und trommelt sich wütend an die Brust gegenüber dem Schopenhauer, die Abendsonne taucht die Sonne in ein sinkendes, sich langsam entziehendes, unerreichbares Gold. (Kennt man das? Bei falschen Anschauungen und Theorien können die Kämpfe innerhalb der von ihnen abgegrenzten Arenen endlos weitergehen, während die Karawane längst weitergezogen ist. Wenngleich ich damit gar nichts gesagt haben will, wäre es doch der Clou, wenn sich in Zukunft einmal die Goethesche Farbentheorie als die richtige erweisen würde, und nicht die von „Neuton“ – und der Clou vom Clou wäre es, wenn sich die von Schopenhauer dann auch noch als die ergänzende Krönung davon herausstellt.) Vor einiger Zeit bin ich mal in der Zeitschrift Sterne und Weltraum über ein neues Buch über die Entwicklung der Spektralanalyse gestolpert, das ich früher oder später mal lesen wollte, da mich die Frühgeschichte der Spektroskopie durchaus interessiert! (Jürgen Teichmann: Der Geheimcode der Sterne, Verlag Deutsches Museum 2017) Gut, dass ich da daran erinnert worden bin!

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„Denken wir uns das Auge des Philosophen auf dem Dasein ruhend:  er will dessen Wert neu festsetzen. Denn das ist die eigentümliche Arbeit aller großen Denker gewesen, Gesetzgeber für Maß, Münze und Gewicht der Dinge zu sein.  Wie muß es ihm hinderlich werden, wenn die Menschheit, die er zunächst sieht, gerade eine schwächliche und von Würmern zerfressene Frucht ist! Wie viel muß er, um gerecht gegen das Dasein überhaupt zu sein, zu dem Unwerte der gegenwärtigen Zeit hinzuaddieren! … Deshalb muß der Philosoph seine Zeit in ihrem Unterschiede gegen andre wohl abschätzen und, indem er für sich die Gegenwart überwindet, auch in seinem Bilde, das er vom Leben gibt, die Gegenwart überwinden… Dies ist eine schwere, ja kaum lösbare Aufgabe.“ (Nietzsche, Schopenhauer als Erzieher/Unzeitgemäße Betrachtungen, S. 209) Also tat Schopenhauer. Schopenhauer setzt sich hin, sagt sich: will ich mich nun zu Tisch setzen, diese Suppe auslöffeln, gewaltig ist mein Hunger – ach ja, bevor ich diese Anekdote vergesse:

„Aber der Herr Doktor essen ja heute wieder für zehn!“

„Ja freilich, ich denke ja auch für zehn.“

(Dialog zwischen dem oftmals gewaltige Portionen verschlingenden Schopenhauer und dem Personal im Englischen Hof)

— gewaltig also sein Hunger, setzt er sich also hin und versucht, den Wert des Daseins zu bestimmen, das Dasein in den Griff zu bekommen. Schwere und kaum lösbare Aufgabe. Aber: hat er es nicht recht gut gemacht? Das Dasein ist groß, und die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. So mag er immer wieder fragmentarisch wahrgenommen werden. Das scheint immer wieder zu passieren, besser gemeint oder auch schlechter. Man kann in ihm einen Vordenker dessen sehen, dass der Mensch nicht autonom ist, sondern größtenteils von einer fremden Macht (dem Willen) gesteuert, die ganz dumm ist und mit der man (bzw. der Intellekt) nicht wirklich kommunizieren kann; Freud sieht in ihm einen frühen Entdecker des Unbewussten. Einige halten Schopenhauer für einen „schwachen Denker“, wozu die ungeheure Leichtigkeit seiner Philosophie und seiner Sprache eventuell verleiten kann (man soll dann aber nicht dabei verharren). Geistreiche erkennen in ihm, wie erwähnt, einen „Geistreichen“. Marxisten u. dergl. sehen in ihm einen Vorbereiter des Irrationalismus, da sie keine korrekten Unterscheidungen zwischen Rationalität und Irrationalität treffen, noch, oftmals, zu treffen gewillt sind, da ihre eigene Philosophie zu einem guten Teil weniger von Erkenntnis, denn von Willen (Wunschdenken) gesteuert und motiviert ist (korrekterweise ist der Wille als sein Weltprinzip a-rational, und nichtsdestotrotz kann ihm korrekte Erkenntnis gegenübergestellt werden). Russell macht in seiner Philosophie des Abendlandes mangelnde Folgerichtigkeit und logischen Zusammenhang bei Schopenhauer ausfindig, indem seine Lehre von der Allmächtigkeit des Willens mit seinem Ethos des Verzichtes nicht gut zu harmonieren scheint (Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes, S. 769) – aber, hey!, die Welt ist halt mal nicht harmonisch und folgerichtig (davon schreibt Schopenhauer ja eben die ganze Zeit). Einige wiederum mokieren sich über die Vermeintlichkeit, dass er von fremder Weisheit abgeschrieben habe und von ihrem Fett zehre; Sloterdijk vermutet in seiner (irgendwie verschämt wirkenden) Darstellung in den Philosophischen Temperamenten, in der Introduktion asiatischer Weisheit in die westliche Philosophie könnte „auf lange Sicht seine wichtigste geistesgeschichtliche Wirkung liegen“ (ebenda, S. 94). Asiatische Weisheit allerdings:

Nicht gibt es eine Vielheit hier,

Der Denkende erkennt es klar.

Von Tod zu neuem Tode geht,

Wer eine Vielheit noch nimmt wahr.

Als Einheit sei das All erschaut,

Als unerkennbar, anfangslos.

Jenseits des Raums west ewig rein

Der Atman unermesslich groß.

(Glaube und Weisheit der Hindus, S. 38)

Wenn ein Mensch auch beständig Kultakte vornimmt und sich hundertfach kasteit, so erlangt er doch nicht das Heil, solange er nicht das Wissen erreicht hat. Nur wer erkannt hat, dass die ganze Welt von Brahma bis zum Grashalm eine durch die Maya hervorgerufene Einbildung ist und dass das einzig Wahre das eine höchste Brahma (Absolute) ist, wird selig. Alle Vorstellungen von Name und Form gleichen nur dem Spiel von Kindern, nur wer dies alles aufgegeben hat und fest im Brahma verharrt, ist ein Erlöser, daran besteht kein Zweifel.

(Glaube und Weisheit der Hindus, S. 132)

Wer mit dem Andern sich als Eines dachte,

Wer Tag und Nacht in sich als gleich empfand,

Wer sich im Geist frei von der Zweiheit machte,

Der allein hat den höchsten Gott erkannt.

(Glaube und Weisheit der Hindus, S. 237)

– auf dererlei Weisheit kommt freilich jeder korrekt denkende und empfindende Mensch auch selber. Schopenhauer hat diese, eben auch in ihm schlummernde Weisheit der Brahmanen sofort verstanden, nachdem er darauf gestoßen ist, während man derleichen westlichen akademischen Philosophen eventuell hundertmal erklären kann und sie verstehen es nicht (oder weigern es sich anzuerkennen, da das ihre analytische Welt bedroht). „Im allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, das heißt die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegentheil, getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.“ (Aphorismen zur Lebensweisheit, S. 10) Nein, nein, Schopenhauer ist ganz und gar kein Epigon – und überhaupt mögen alle über ihn sagen, was sie wollen – „Wenn ich zu Zeiten mich unglücklich gefühlt, so ist dies mehr nur vermöge einer méprise, eines Irrthums in der Person geschehen, ich habe mich für einen Anderen gehalten, als ich bin, und nun dessen Jammer beklagt; z.B. für einen Privatdocenten, der nicht Professor wird und keine Zuhörer hat, oder für Einen, von dem dieser Philister schlecht redet und jene Kaffeeschwester klatscht, oder für den Beklagten in jenem Injurienprozesse, oder für einen Liebhaber, den jenes Mädchen, auf das er capriciert ist, nicht erhören will, oder für den Patienten, den seine Krankheit zu Hause hält, oder für andere ähnliche Personen, die an ähnlichen Miseren laboriren: das Alles bin ich nicht gewesen, das Alles ist fremder Stoff, aus dem höchstens der Rock gemacht gewesen ist, den ich eine Weile getragen und dann gegen einen andern abgelegt habe. Wer aber bin ich denn? Der, welcher die Welt als Wille und Vorstellung geschrieben hat und vom großen Problem des Daseins eine Lösung gegeben, welche vielleicht die bisherigen antiquiren, jedenfalls aber die Denker der kommenden Jahrhunderte beschäftigen wird. Der bin ich, und was könnte den anfechten in den Jahren, die er noch zu athmen hat?“ (Die Kunst, sich selbst zu erkennen, S. 36f.) Die Leistung von Schopenhauer besteht darin, dass er das Dasein insgesamt umrundet hat; eine Antwort über sein Wesen gegeben hat. Das ist, in der Philosophie, die größte aller möglichen Leistungen. Auf die (in etwa) zentrale philosophische Frage Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?, auf die Frage nach der urtümlichen demiurgischen Produktivität also, aus der alles stammt und die wir verehren und bewundern, gibt Schopenhauer die Antwort eines geistlosen, wesenlosen, arbiträren und areflexiven, daher tendenziell maliziösen Prinzips, des Willens. Damit entfällt das Problem der Theodizee, also der Frage nach dem Warum? bezüglich des Bösen. Vielmehr stellt sich eher die Frage nach einem Warum überhaupt? des Guten, die sich elegant in etwa so beantworten lässt: Weil ohne ein bisschen Gutes und gute Konstruktivität die Konstruktionen des Willen instantan in sich zusammenbrechen würden! und daher notwendig ist bzw. dass es das reine Gute an sich kaum gibt, vielmehr ist das Ding an sich hinter dem, was gut erscheint, dann halt auch wieder zumeist der Wille! Was will man dagegen einwenden? Dass das „geistreich“ sei (wie die Meisten das natürlich täten)? Nein, mit Schopenhauer kann man einfach nicht fertig werden! Es ist unmöglich, mit Schopenhauer fertig zu werden! – Beiläufig gibt Schopenhauer eine elegante Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, den er eben darin sieht, dass man im Lauf des Lebens lernt, es nicht zu wollen und darauf verzichten zu können (der frühreife Otto Weininger hat mir die Frage nach dem Sinn des Lebens am erwärmendsten beantwortet; der Sinn des Lebens liegt darin, Ethik und Logik gleichermaßen zu realisieren; eventuell liegt der rätselhafte Freitod von Otto darin, dass er auch jene Erkenntnis Schopenhauers für sich antizipiert hat…). Das Dasein ist eher nichts, was bergend ist, und die Menschen sind eher nichts, wo man sich viel erwarten sollte. Es ist, insgesamt, eine heillose Angelegenheit. Es wird vom Willen bestimmt, und der individuelle Wille wird meistens durchkreuzt; seine Pläne werden vereitelt. Eine schöne metaphysische Wahrheit und einen schönen Sinn gibt es nicht. ALLERDINGS kann es so sein, dass man davon auch gar nicht wirklich berührt wird. Dass das für das jeweilige Leben gar keine wirkliche Rolle spielen mag. Das kommt immer wieder vor! Tatsächlich überwiegen im Leben (wie im Traum) die als unlustvoll wahrgenommenen Momente, von den meisten Augenblicken würden wir nicht sagen: Verweile doch, du bist so schön! Wir würden eher wünschen, ihnen zu entkommen. Auch wenn die meisten auf die Frage, wie es ihnen geht, mit „gut!“ antworten, sind wir die meiste Zeit unseres Lebens nicht tatsächlich glücklich; obwohl Kinder das größte Glück im Leben seien, sind Kinderlose glücklicher als Eltern etc. (vgl. dazu etwa das bekannte Buch von Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel). Allerdings gibt es dann doch mannigfache Gelegenheiten, sich das Leben oder zumindest den Augenblick ganz gut einzurichten und sich darin zurechtzufinden, indem man gute Bezüge herstellt, deren Charakter individuell ist. Schopenhauer deckt diesen Teil mit seiner populärsten Schrift ab, die ihn endlich bekannt gemacht hat, indem sie den paradoxen Schlüssel zu seiner einerseits leicht, andererseits schwer nachvollziehbaren Philosophie liefert: die Eudämonologie seiner Aphorismen zur Lebensweisheit (Metzinger weist in seinem Ego-Tunnel darauf hin, dass Glück nicht alles ist, was im Leben Wert hat: auch Wahrheit oder Schönheit haben einen hohen Wert – möglicherweise einen höheren als stumpfe Zufriedenheit – und Schopenhauer tut ja kaum anderes, als sich sein Glück als Erkennender von der Seele zu schreiben). Ja, wohl mag die Rezeption und die Wirkung Schopenhauers in der abendländischen Philosophie die womöglich unlinearste von allen der großen Philosophen sein, da Schopenhauer mit seinem Werk auch irgendwie außerhalb der Philosophie steht, seiner Philosophie als Daseinshermeneutik (Rüdiger Safranski), die über alle sonstige Philosophie hinausschießt… Schopenhauer als „siegreich Vollendeter“ (Schopenhauer über Gautama Buddha) der Philosophie…. Und, eben, was für ein Schriftsteller! Mit seinem schönen, kompakten und abgerundeten Werk hat Schopenhauer an und für sich einen Roman des Daseins geschrieben. Schönes erdiges Dunkel im Kessel, von einem silbrig leuchtenden Halbrund dynamisch eingeschlossen. Schopenhauer hat eine große Lösung vom großen Rätsel des Daseins gegeben, der nicht mehr viel hinzugefügt werden kann – und jetzt steht er einfach da, in Ruhe und Bewegung, Anfechtend und wenig anfechtbar. Mein Freund Clemens singt davon, wie er in der leeren Halle steht, die er regiert. Und da sehe ich auch Schopenhauer in einer eher großen Halle, einem Saal, tiefblau und mit silbrig aufschießenden Wänden, eine kleine Figur da drin, überaufrecht und ein wenig angespannt dastehend, Hände hinten verschränkt, mit einer leicht nach oben blickenden Physiognomie von stolzem Trotz, ernstem Blick, gleichzeitig verwundert, anfechtend und zur Anfechtung bereit, wie ein Kind, das was gemacht hat und zeigt: Da! Da habe ich was gemacht! Das da habe ich gemacht! Was willst du jetzt dagegen tun? Man kann bei Schopenhauer nicht mehr viel tun, man kann ihn wenig ausbauen oder für andere philosophische Zwecke ausbeuten (wie z.B. Nietzsche), da er alles, im Wesentlichen, gesagt hat. Und ich habe vorhin gemeint, Schopenhauer sei als Person nicht eindeutig fassbar, vielleicht sogar ein wenig langweilig und reduziert. Heute Nacht beim Einschlafen ist mir aber die Vision der Möglichkeit gekommen, dass der pessimistische und mieselsüchtige Schopenhauer doch vielleicht die vitalste und unbeschwerteste Gestalt war und das Problem des Philosophen-Lebensvollzuges am Besten gelöst hat. Er sei früh gealtert, aber auch (bereits bevor er allgemeine Anerkennung gefunden hat und der „Nil in Kairo angelangt“ war früh zu einem „heiteren Greis“ geworden. Sich selbst hat er als einen „theoretischen Heiligen“ betrachtet. Das erscheint unvollständig, in der Gesamtheit des Daseins muss es aber so was auch geben. Das Heilige ist gemeint als kraftvolles Gegenexempel zum Unheiligen und Profanen. Darin ruht es in sich selbst und ist nicht anfechtbar. Es ist moralische Genialität, aber eher nicht wissenschaftliche oder philosophische Genialität, denn es analysiert das Unheilige und Profane nicht tatsächlich. Es überwindet es nur durch ethische Tat. Der Philosoph ist aber da, um zu analysieren und reflektieren. Schopenhauer schwärmt vom entsagenden Heiligen, der sich absichtlich demütigen lässt, um Mitleid in die Welt zu bringen und Willen abzutöten. Allerdings sind die Individuen, die demütigen, meistens eh zu abgefuckt, auf dass sie das tatsächlich verstehen würden und das großartig was bringen würde, sich endlos und fruchtlos um sie zu bemühen. Dass er mit den bipedes nichts gemein habe, davon schreibt Schopenhauer in sein Tagebuch, das Eis heautón. Das scheint ganz im Widerspruch zum tat twam asi zu stehen. Aber nur scheinbar, denn es ist eben so, dass es in der Welt dieses und jenes gibt, das eine und das andere, die eigene Vollkommenheit und die heillose Abgefucktheit des anderen und so vieler Mitmenschen. Ja, diese Vorstellung scheint von fast jedem beliebigen Standpunkt aus richtig. In seiner Heterogenität – das All, ein großes Ganzes. Als der Mönch den ehrwürdigen Shi-Lou fragte: „Ehrwürdens Fehler, worin bestehen die?“, antwortete Shi-Lou: „Meine Fehler bestehen in deinen Fehlern“. Der Mönch verbeugte sich in Verehrung vor Shi-Lou. Shi-Lou versetzte dem Mönch auf der Stelle einen Schlag. Das ist er, der große Spiegelsaal, in dem die transzendente Erkenntnis wohnt. Schopenhauer hätte das sofort verstanden!

Literatur:

Avenessian, Armen (Hg.): Realismus Jetzt. Spekulative Philosophie und Metaphysik für das 21. Jahrhundert, Berlin, Merve Verlag 2013

Nietzsche, Friedrich: Unzeitgemäße Betrachtungen, Frankfurt/Main, Insel 1981

Pisa, Karl: Schopenhauer. Philosoph des Pessimismus, München, Heyne 1988

Russell, Bertrand: Philosophie des Abendlandes, Wien/Zürich, Europa-Verlag 1988

Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie, München/Wien, Hanser 1987

Schopenhauer, Arthur: Aphorismen zur Lebensweisheit, Frankfurt/Main, Insel 2003

Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung (WWV), zwei Teilbände, Zürich, Diogenes 1977

Schopenhauer, Arthur: Die Kunst, sich selbst zu erkennen, München, C.H. Beck 2006

Schopenhauer, Arthur: Kleine Schriften, Frankfurt/Main, Suhrkamp 1986

Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena (PP), zwei Teilbände, Zürich, Diogenes 1977

Sloterdijk, Peter: Philosophische Temperamente, München, Diederichs 2009

Spierling, Volker: Schopenhauer ABC, Leipzig, Reclam 2003

Von Glasenkamp, Helmuth: Glaube und Weisheit der Hindus, Leipzig, Richter Edition seltener Bücher 2009

Präludium zu einer Notiz über den Poststrukturalismus

Wolken und Mond sind ein und dasselbe, Berge und Täler sind jeweils verschieden; in der Großen Leere gibt es keine Wolken – transzendentes Wissen geht über solche Dichotomien hinaus. Sekundäre Denker wie Foucault, die die Welt von einem Sechstausender aus betrachten und nicht von einem Achttausender aus, und die sich nicht sehr mächtig und radikal über ihr Zeitalter erheben, können nur den Abglanz einer Ahnung hiervon erhalten. Wenn ich mich recht erinnere, sprechen auch die Poststrukturalisten von einem Außen, aber es erscheint bei ihnen vornehmlich als Schatten, außerhalb ihres theoretischen und spirituellen Aktionsradius; vom Außen aus blickt man in die Ewigkeit und nicht in die typologischen Variationen der Episteme, oder anders gesagt, in das Samsara. Was Yorick damit sagen will? Ja das würde ich nur zu gern wissen; es ist ein großes Geheimnis, ein brütendes Ei; sein mächtiger Schatten legt sich alsbald auch über Foucault.

Sören Kierkegaard

Seht, wie exzentrisch Kierkegaard in die Welt hineinragt! Da, die Silhouette der Menschenmenge am Abend, vor der untergehenden Sonne, die Menschenskyline: mal so, mal so die Kontur, eine hagere, hochaufgeschossen schiefe Figur ragt heraus! Kierkegaard! Eine hagere, hochaufgeschossene Silhouette ragt aus der Menschenskyline heraus!  Eine hagere, hochaufgeschossene Silhouette ragt in die Welt hinein, penetriert das Universum, den Äther. Kierkegaard! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard in die Welt hineinragt! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard aus der Welt hinausragt! Seht, spürt, was für ein gewaltiger, unerklärlicher Reiz von Kierkegaard da ausgeht, was für eine gewaltige, sich schwer fassbar zu machende Sogwirkung! Eine mystische Figur! Ein zitternder, weißer, auratischer, flügelpaarähnlicher Fetzen hoch oben, gegen das Dach hin der schwarzen, existenziellen Halle! Das ist Kierkegaard! Das ist Kierkegaards Geist! Denn Kierkegaard – und darin besteht die mysteriöse Sogwirkung – ist Geist, und alles, was er tut, ist das Wirken von Geist: das hat scharfe Konturen, das hat dabei allerdings keine gewöhnlichen Konturen, das hat andersartige Konturen, die scharf sind, sich aber – scheinbar in eine höhere Dimension (oder aber/auch in des Geistes stumpfsinnige, unsinnige Tiefen?) – hinein verlieren und sich in einem unsichtbaren Feuer verzehren! Das unsichtbare Feuer der Aura! Oben, das Dach, ein geistiges Zelt, das alles aufspannt, alles das, und Kierkegaard, der uns seine Nachrichten zukommen lässt, vom Dach der Welt! Blaugrüne Erhebung im Wald, die silbernen Kugeln aus Atomen, die sich auf herballerlei Männlichkeit stürzen, beschützend der Tanz der klingenden Ionen, beschirmend mächtiger Fluten geistigen Wirkens, vor Jahrhunderten habe ich hier mein Haus gebaut und harre fortan zu jeder Stunde wässernder Mädchen Zier, mag man da nur mehr stammeln, da sich in diesen Regionen, denen Kierkegaards, die allerhand nützlichen Maximen und Reflexionen und Bauernregeln für des Lebens Weg verlieren sich; ein wirklich in die Tiefe gehendes Werk wird vom Künstler aus den entlegensten Tiefen seines Seins geschöpft; dort plätschert kein Bächlein, singt kein Vogel, raschelt kein Laub; Gotik und Romantik verschwinden; und an ihrem Platz erscheinen die Dimensionen, die Geraden, die Formen der Ewigkeit und des Unendlichen (so de Chirico), und so erscheinen bei Kierkegaard die Dimensionen, die Geraden, die Paradoxien und entfalten ihre enorme Sogkraft und ziehen uns in sie hinan. Kierkegaard ein absoluter Grenzgänger der Menschheit, der seine absolute Sogkraft und sein absolutes Charisma entfaltet: denn er zeigt uns das Absolute! Er so anziehend, weil es ein ernstes Spiel mit dem Paradoxen, dem Absoluten und dem Nichts ist, Höchstes und Elementarstes treffen sich, exzentrische Bahn, dahinter das völlig Unbekannte! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard in die Welt hineinragt! Seht, wie exzentrisch Kierkegaard aus der Welt hinausragt! Da, die Silhouette der Menschenmenge am Abend, vor der untergehenden Sonne, die Menschenskyline: mal so, mal so die Kontur, eine hagere, hochaufgeschossen schiefe Figur ragt heraus! Kierkegaard!

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Sei die zentrale Frage der Philosophie denn nicht – womöglich? –: Was sei der Sinn des Lebens?, und das nicht auch die Frage, wo sich Philosophie und Religion treffen, so hat man bei Kierkegaard als das wohl grundlegendste Motiv: Wie lässt sich das Leben begreifen, und wie lässt sich das Leben richtig leben? (Adressat dieser Frage ist naturgemäß der Einzelne). „Mein Verdienst in der Literatur bleibt immer, die entscheidenden Bestimmungen des ganzen Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist, und ich habe auch keine Bücher gehabt, um mir aus ihnen Rat zu holen“, so K. in seinem Tagebuch. Das Leben, die Existenz, der Einzelne, der in Leben und Existenz geworfen ist, lässt sich durch kein System feststellen, sondern ist zugleich weniger und mehr als der Umfang des philosophischen Systems. „Ein System des Daseins kann nicht gegeben werden … System und Abgeschlossenheit entsprechen einander, Dasein ist aber gerade das Entgegengesetzte.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 252) Blicken wir also in das Leben und die Existenz, so haben wir da zumindest aber ästhetische Sphäre, die ethische Sphäre, und die Sphäre des Religiösen. Die ästhetische Sphäre bezieht sich auf die Möglichkeiten des Menschen, sich – eventuell bis zur „Lebenskunst“ gesteigert – mit der Welt in Verbindung zu setzen und sinnliche und intellektuelle Sensationen zu erfahren, und sich so in seiner Individualität jeweils an- und abzureichern. Moralisch ist die ästhetische Sphäre indifferent; vor allem aber bedeutet die ästhetische Sphäre, auch wenn der Lebensvollzug des ästhetischen Menschen bis zur Lebenskunst gesteigert ist, letztendlich ein Übergewicht und eine Heteronomie der Gegenstände des Lebens gegenüber auch dem nonkonformistischen Genießer, den sie letztendlich unter sich begraben. Die ethische Sphäre bezieht sich darauf, dass der Mensch ursprünglich nicht allein Individuum ist, sondern Gattungswesen und in die Gattung und in die – tatsächlichen wie ideellen – Regeln des moralischen Zusammenlebens eingebettet. Die ethische Sphäre betrifft die Wahl zwischen Gut und Böse. Damit sind, letztendlich, Gut und Böse Heteronomien gegenüber dem Einzelnen, und begraben den Einzelnen, der sich für das eine oder das andere, oder einmal für das eine und dann wieder für das andere entscheidet, unter sich, und das Individuum ist auch hier davon bedroht, Gattungswesen zu bleiben. In der meta-ethischen religiösen Sphäre wählt der Einzelne aber die Wahl der Wahl zwischen Gut und Böse, wird dadurch autonom, indem er eben auch die Wahl der Wahl zwischen Autonomie und Heteronomie wählt. Diese – wahre – Autonomie bezieht sich nicht mehr unmittelbar auf die Gegenstände des Lebens oder das Gesellschaftliche als konkret greifbaren Entitäten, sondern begründet sich über einem Abgrund – einem Abgrund der Existenz an sich. Es ist der Abgrund der Freiheit, allerdings auch der existenziellen Unbestimmtheit des Individuums, das im Dasein letztendlich nicht ersichtlich geborgen ist – und so kreist das Werk Kierkegaards darum, dem Individuum Bestimmung zu verleihen. Entweder – Oder kreist darum, ethische Existenz zu ermöglichen und um den Appell des (ästhetisch) besonderen Individuums, gleichzeitig im (ethischen) Allgemeinen aufzugehen; für einen gelingenden Lebensvollzug also kein bloß cooler Hipster zu sein, sondern dabei gleichzeitig das allgemeine Gesetz in sich aufzunehmen und zu verkörpern: „Die Aufgabe, die das ethische Individuum sich setzt, besteht darin, sich selbst in das allgemeine Individuum zu verwandeln.“ (Entweder – Oder, S. 828) – Subjektivität zu transzendieren bedeutet, die Subjektivität so zu erweitern, dass sie objektiv bedeutsam wird; das Objektive zu erreichen bedeutet, es subjektiv zu leben: ja, das sage auch immer wieder bei Gelegenheit. „Wenn das Ethische richtig gelebt wird, macht es das Individuum unendlich sicher in sich selbst“ (ebenda, S. 821) Die Möglichkeiten und Grenzen ästhetischer und ethischer Existenz auszuleuchten, darum geht es in den fast 1000 Seiten Entweder – Oder – das mit dem Ultimatum beschließt einer Meditation über das Erbauliche, das in dem Gedanken liegt, dass wir gegen Gott immer unrecht haben: in dem sich also letztendlich der Abgrund des Theologischen auftut, mit dem der ethisch-ästhetisch realisierte Mensch dann konfrontiert ist. Furcht und Zittern dann eine Meditation darüber über den Menschen, der nicht allein, als ethische Existenz, das rationale, allgemeine, gesellschaftlich reflektierte und legitimierte Gesetz in sich aufnimmt, sondern mit dem irrationalen oder a-rationalen Gesetz Gottes konfrontiert wird und versucht, dieses zu verwirklichen und diesem zu gehorchen – was noch ungleich schwieriger ist, aber eine – eventuell (und profan gesagt) in Form von schwerwiegenden ethischen Dilemmata – auftretende Zumutung des Daseins an das Individuum. Das dann also der Moment, in dem das Individuum mit einem dunklen Abgrund konfrontiert ist, mit der Paradoxie, damit, dass es nicht weiß, welche Folgen das Handeln hat und wie man es also vernünftig planen könnte und wie sich das Individuum dann also, hinsichtlich der Folgen, ästhetisch wie auch ethisch realisiert. Angesichts dieses Abgrundes helfe nur mehr der Sprung – in den Glauben. Der Schwindel und die Angst des Individuums vor den Möglichkeiten des Abgrundes – auf dessen Grund Gott allein innerhalb des Glaubens wartet – und seiner jemeinigen Freiheit, den Abgrund zu durchfahren, werden meditiert in Der Begriff Angst. Die Krankheit zum Tode meditiert Möglichkeiten der gelingenden wie der nicht gelingenden Existenz (wobei deren zweiten durchaus zahlreicher sind). In der Krankheit zum Tode wird der Mensch als Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit begriffen, als etwas Endliches wie Unendliches u. dergl.; das ist so unmittelbar und selbst für den Dümmsten einsichtig, dass es eventuell einer Erklärung bedarf – die immer subjektiv ist bzw. eine subjektive Ausmalung und Erfahrung, allerdings auch immer, da es sich um ein objektives Existenzverhältnis des Menschen handelt, von objektiver Gültigkeit: Sage ich – das Ewige im Menschen und sein Selbst (als das Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält) ist das Selbst als Wert. Der Mensch lebt in der Ewigkeit und in der ewigen Seligkeit nicht in einem ewigen (und noch dazu wohl sehr schnell langweilig und abwechslungslos erscheinenden) Elysium, in dem die Zeit und der Verfall keine Macht mehr hat, sondern, indem er sich seines Selbst als eines ewigen Wertes bewusst ist. Der jeweils ewige Wert ist urtümlich in jedem Selbst angelegt, muss allerdings gleichzeitig realisiert werden, was nur in dem Bekenntnis zu einem ewigen, dynamischen Prozess letztendlich möglich ist. Das absolute Bekenntnis dazu ist dann, in etwa, das religiöse Stadium. Jedes Selbst, egal ob klein oder groß, ist aber dann doch nur ein kleiner und relativer Wert, der sich in einem chaotischen, irrationalen Abgrund des Daseins insgesamt verliert, oder eben zumindest relativiert. Der Große Wert ist dann der Abgrund des Daseins begriffen als Gott. In ihm bewahren sich die kleinen Selbste und Werte, in ihm, letztendlich realisieren sie sich. Das Höchste sei, dass der Mensch erkenne, dass er „von sich aus gar nichts vermag, gar nichts“, und der Mensch erkenne umso mehr und umso dringlicher, dass er eines Gottes bedarf, je „vollkommener“ er ist – so Kierkegaard in der Rede Gottes Bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit, als eine der Reden, die Kierkegaard selbst als den eigentlichen Schlüssel zu seinem Werk betrachtet hat (die allerdings zu Lebzeiten, wie auch darüber hinaus, eher unbeachtet liegen geblieben sind). (Aber auch im Hauptwerk steht: „(N)ur im Glauben hat man eigentlich die Gewissheit, dass man was ausrichtet“ (Entweder – Oder, S. 615).) Das Selbst kann nur göttlich und ewig werden, wenn es in einen göttlichen Abgrund eingelassen ist, der das Selbst bewahrt und in dem das Selbst sich ausdrückt. Gott ist indes nichts, was gewiss ist, und theologische Gottesbeweise lehnt Kierkegaard ab: Da, wenn Gewissheit über die Existenz Gottes herrschen würde, der Glaube ja keine heroische Angelegenheit mehr sein kann, innerhalb dessen sich das Individuum (in einem freiwilligen, a-rationalen und eben moralischen Akt) heroisch realisiere. „Durchsichtig“ gegenüber der Macht zu werden, die es gesetzt hat, „durchsichtig“ zu werden in Gott ist die heroische Realisierung des Individuums und der Sinn des Lebens. Gott ist, an und für sich, keineswegs durchsichtig, sondern ein Paradoxon, das jenseits der Grenzen unseres Verstandes liege (Meditation darüber in den Philosophischen Brocken); sich zu diesem Paradoxon reflektiert zu verhalten, es in sich einzubauen, sprengt die engen Begrenzungen des individuellen (wie auch kollektiven) Geistes und des Selbst und ermöglicht die Freisetzung seines jemeinigen ewigen Wertes. „Durchsichtig“ zu werden bedeutet, dass man über die Reflexion über die Reflexion auf den Grund seiner selbst komme. In ihrem Werk über die Achsenzeit schreibt Karen Armstrong, dass einige wenige, besonders begabte Yogi schließlich einen Zustand erreichen, der sich nur mehr durch „Paradoxien“ beschreiben ließe. Das deswegen, weil die letzten Dinge eben notwendigerweise paradox sind, und Kierkegaard, kann man sagen, war auch einer dieser Yogi.

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Seht, wie paradox Kierkegaard aus der Menge herausragt! Ein paradoxer, schiefer Mensch, der den ewigen Wert des Selbst höchstmöglich erreicht und realisiert hat, indem er „die entscheidenden Bestimmungen des ganzen Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist“. Kierkegaards Charisma besteht darin, dass er das Absolute zum Ausdruck bringt. Laut dem zeitgenössischen Philosophen Quentin Meillassoux sei das Absolute etwas, das „völlig unabhängig vom Denken und daher gleichgültig gegenüber dem Denken, das es denkt, ist“. Am Absoluten erreicht das Denken einen „Grenzpunkt“, der es „zwingt, anzuerkennen, dass eine Macht ausgeübt wird, die ihm gegenüber gleichgültig ist, die es ohne irgendeinen Grund auftauchen lässt oder zerstört, ohne dass ihr etwas entgegengesetzt werden könnte“. (Quentin Meillassoux: Trassierungen, S. 10) Die „entscheidenden Bestimmungen des Existenzumfanges“ sind eine solche Macht, und indem Kierkegaard diese „so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist“ ist er absolut, und sein Charisma ist absolut (Meillassoux hingegen meint in jenem Zusammenhang das „Hyper-Chaos“, als seine Vorstellung vom Existenzgrund). Würde es einem wohl gefallen, absolut geworden zu sein (sofern man das überhaupt anstrebt, gemeinhin strebt man höchstens „Vollkommenheit“ oder „Perfektion“ an, was aber eine subjektivistische Referenz ist und zeigt, dass man vom Absoluten gar nichts verstanden hat, es (zumindest noch) nicht gestreift hat). – Ich weiß allerdings nicht, ob ein Philosoph gerne so sein möchte wie Kierkegaard! Ein Schriftsteller so sein möchte wie Kafka! Ein Maler so sein möchte wie van Gogh! Ich denke, die würden eher so sein wie der 15jährige, aus der Levante zugereiste Achmed, der auf die Frage der Lehrerin an die Kinderchen, was sie denn später einmal werden wollen, lange irritiert in die Luft starrt und eventuell einer Fliege bei ihrem abenteuerlichen Flug zusieht, bis er sich endlich nach vorne wirft und niederschreibt: „Ich will Kapitalist werden und viele Frauen ficken!“. Naja, es hat offensichtlich auch erhebliche Nachteile, wie Kafka, Kierkegaard, Wittgenstein zu sein, nicht zuletzt, was das Kapitalist sein und das Ficken von Frauen anlangt (wobei aber, soweit ich sehen kann, und bei der Strafe des persönlichen Untergangs dieser Individuen, die Vorteile überwiegen). Die transzendenten Genies, wie Kierkegaard, durchstoßen die materielle Hyle und sehen das Universum. Das ist ein großer Genuss. Aber sie sind einfach zu fremdartig, als das man sich als normaler Mensch wohl irgendwie mit ihnen identifizieren könnte. Kafka, Kierkegaard et al. sind die Fremden. Originalität und Intelligenz ist was, das man anstrebt, gemeinhin. Aber bei den Transzendenten, wie Kierkegaard et al., wird die Originalität und die Materie durch sich selbst hindurchgeschossen – und das ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Kann man sich einen Freund der Philosophie vorstellen, der ausruft: „Mann! Ich möchte so sein wie Kierkegaard!“? Oder einen Maler, der schreit: „Mann, ich möchte so sein wie van Gogh! Wie van Gogh möchte ich sein, wie van Gogh!“? Oder einen dieser zumeist (ebenfalls) grenzenlos eingebildeten Schriftsteller, der heult: „Kafka sei ich! Kafk-„ etc. Nein, das kann man sich wohl eher nicht so gut. „In Zeitungen, in Büchern, auf Kanzeln, von den Kathedern her, in Versammlungen macht sich eine Feierlichkeit geltend, eine Wichtigkeit und aber eine Wichtigkeit, als drehte sich alles um Geist, um Wahrheit, um den Gedanken. Vielleicht tut es das auch, vielleicht. Vielleicht aber dreht sich auch alles um den Broterwerb, um Karriere, vielleicht. Ist es der Broterwerb, die Karriere, was den Kandidaten der Theologie begeistert oder ist es das Christentum? Man weiß es nicht. Er nimmt den Broterwerb, er versichert, das Christentum sei es. Ist es der Broterwerb, die Karriere, was den Kandidaten begeistert oder die Wissenschaft? Man weiß es nicht. Er nimmt den Broterwerb, er wird Professor, er versichert, die Wissenschaft sei es. Ist es die Abonnentenzahl, die den Zeitungsschreiber begeistert, oder ist es die Sache? Man weiß es nicht. Er sammelt die Abonnenten haufenweis auf, er versichert, die Sache sei es. Ist es Liebe zu den Vielen, was da einen bewegt, sich an die Spitze der Menge zu stellen? Man weiß es nicht. Er nützt den Vorteil, an der Spitze dieser Macht zu stehen, das sieht man, er versichert, es geschehe aus Liebe.“ (Urteilt selbst. Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen, S. 154) Naja, einmal ist es so, dann wieder so. Irgendwas muss der Mensch ja machen, seinen Leidenschaften folgen und seine Talente entwickeln, und dann hoffen, dass ihm das was einbringt. Und die Fremden müssen ihre Fremdartigkeit ausprägen und zu voller Reife bringen, und dann hoffen, dass es ihnen was einbringt. Kierkegaard, Nietzsche, van Gogh zu sein, müsste für jeden pathologischen Narzissten wohl die Hölle sein, da sie, ausnahmsweise, tatsächlich die höchsten Fähigkeiten in sich vereinigen, dafür aber, zumindest für lange Zeit, die niedrigstmögliche Anerkennung bekommen. Freilich, darunter haben die Genannten einigermaßen gelitten, nicht unbedingt aus Geltungssucht, sondern weil das Paradoxon dabei so unglaublich ist, und die Grenzen zwar weniger des Verstandes, wohl aber der Seele zu sprengen droht. „Kannst du das aushalten? (die frohe Botschaft zu verkünden und keiner interessiert sich dafür, Anm.) Kannst du das? Das ist unmöglich. Nur der Gottmensch kann das aushalten“ (Quelle? Leider vergessen. Lol) Kierkegaard wollte ja leiden und den Kreuzesweg gehen; was aber, wenn das was leiden macht, nicht so tragisch oder erhaben ist, sondern ganz einfach so nichtswürdig und dumm; kein raffinierter Satan der Gegenspieler, sondern ein irrationaler, völlig verblödeter Azathoth im Zentrum des Universums (von H.P. Lovecraft). „Kannst du das aushalten?“ – „Die Unangepassten sind das Salz der Erde, sind die Farbe des Lebens, sind ihr Unglück, aber unser Glück“, so Elias Canetti. Kierkegaard et al., die ultrakomplexen Menschen, die Übermenschen, sind aber weniger die Unangepassten, als eben die Fremden. Aberaberaber – die Fremden sind notwendig, damit die Menschen sich selbst besser verstehen können. Die Fremden sind so umfangreich, dass sie gleichzeitig im Zentrum des Daseins und der menschlichen Existenz beheimatet sind, wie auch in dessen äußersten Randregionen. Sowohl das Zentrum der menschlichen Existenz sind kaum bevölkerte Regionen; und wenn Kierkegaard seine Ehe und überhaupt die (theoretische) Möglichkeit seines weltliches Glückes fahren lässt, weil er sich als eines von zwei, drei jeweiligen Individuen einer jeweiligen Generation begreift, so ist eine solche Schätzung vielleicht nicht ganz falsch. Die Fremden sind deswegen fremd, weil sie das Andere, das Fremde, das Paradoxe, urtümlich in sich aufnehmen und introjizieren. Indem sie so fremd sind, dass nicht außerhalb der Gesellschaft oder außerhalb ihres Zeitalters stehen, sondern außerhalb der Menschheit, sind die Fremden in der Lage, ein Außen gegenüber der Menschheit anzugeben, das gegenüber aller Relativität des jeweils Gesellschaftlichen oder Zeitgeschichtlichen absolut ist. Sie zeigen etwas Menschenmögliches jenseits des Menschenmöglichen an, und erweitern dadurch die Grenzen des imaginär Menschenmöglichen. Kierkegaard, vor allem hinsichtlich seines entschlossenen Kampfes gegen die Kirche in seinen letzten Lebensjahren, hat man vorgeworfen, die Anforderungen des Christentums so sehr in die Höhe zu schrauben, dass es jenseits des Menschenmöglichen liege, ihnen jemals gerecht zu werden – aber genau das hat ja bereits Christus getan und ist die Grundlage des Christentums. Alles Ideal zeichnet sich dadurch aus, dass es jenseits des menschenmöglich Erreichbaren liegt, und eben gerade dadurch als Imperativ wirkt – als etwas, dem das Streben gilt und das Ziel im Streben aufgeht: „Das Ziel ist nichts, die Bewegung ist alles“. Trotzdem gibt es aber eben von Zeit zu Zeit Übermenschen, die diese Ideale eben auch tatsächlich begreifen und aufstellen und – wie man sagen kann – realisieren: die dann aber eben in aller Regel ihre Ideale als Imperative begreifen und verkünden und in ihnen eher hypothetische Möglichkeiten sehen. Indem die Fremden das Andere, das Paradoxe in sich aufnehmen, werden sie, von einem Hyperraum aus betrachtet, vollständig ebenmäßig und glatt, und zum Träger des Gesetzes. Sie werden sittlich autonom. In dieser vollkommenen Autonomie geben sie gegenüber der Heteronomie der Zeit, und aller Zeitlichkeit, ein Außen an. Von Zeit zu Zeit ist es immer wieder nötig, gegenüber der Dümmlichkeit der Gegenwart, und aller Gegenwart, ein Außen zu errichten. Ein solches Außen zu errichten, das ist die urtümliche Sache der Fremden.

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Eigentümlich und beklemmend fällt natürlich der starrsinnige religiöse Fimmel bei Kierkegaard auf. Es fällt einem schwer, so was für möglich zu halten – aber bei Kierkegaard – und das erhöht sein Charisma – ist eben nichts unmöglich. Das fest ineinander amalgamierte Beisammensein von einer scharfsinnigen Intelligenz und erdrückender, irrationaler, wahnähnlich ausgeprägter Religiosität ist ja ein Markenzeichen der Familie Kierkegaard; zumindest hat man das beim Vater wie auch beim Bruder. Sörens Intelligenz ist freilich noch viel höher, es ist eine absolut freigesetzte Intelligenz: Warum also ein kindisch bis primitiv wirkendes Glaubensbekenntnis, um das die ganze Intelligenz zu rotieren scheint? Wisse aber, so du selbst keine großen religiösen Empfindungen hast, kannst du ihnen natürlich wenig anders als eher mit Befremden gegenüberstehen. So dich diese Gnade eines religiösen Temperamentes nicht ereilt hat, kannst du den heiligen Tempel nur von außen betrachten, sein inneres Sanktum bleibt verschlossen. „Ein religiös entwickeltes Individuum ist ja gewohnt, alles auf Gott zu beziehen, jedes endliche Verhältnis mit dem Gottesgedanken zu durchdringen und zu durchsäuern und es damit zu heiligen und zu veredeln.“ (Entweder – Oder, S. 571) Einem nicht Religiösen Religion und Glauben erklären zu wollen, ist wie einem Farbenblinden Farben erklären zu wollen: umrisshaft geht das zwar, nicht aber von der eigentlichen Substanz her. Ich selbst empfinde eine Hinzugezogenheit zur Religion – dem „achtsamen Befolgen der Gebote“ – allerdings eher zu den Werten der Religion, wie Demut, intellektueller und moralischer Unterwerfung, Ernsthaftigkeit, Verbundenheit und tieferes Eindringen in den Seinszusammenhang, der Vorstellung von Harmonie und Ausgleich als Prinzipien des Universums, der großen moralischen Aussage und dem Appell zur Selbstvervollkommnung, und das sich Insverhältnissetzen zu einer höheren, überlegenen Instanz, die als advocatus dei wirkt; Religion selber kann ich dabei natürlich aber nicht ganz ernst nehmen („Na klar“, sagt R., „wer kann denn Religion heute noch ernstnehmen? Da muss man ja einen Schuss haben, wenn man das heute noch tatsächlich ernstnehmen kann!“). Also kann ich den großen K. möglicherweise auch nicht ganz ernst nehme und sollte ihn beiseite tun?? Das würde meinen Feinden und Neidern sicher so passen! Ich aber bin schon gescheit genug, um zu erkennen, dass ich mich hinsichtlich des religiösen Temperamentes Kierkegaard gegenüber eben nur wie ein einigermaßen Farbenblinder verhalten, und ich im Sinne der ganz wissenschaftlichen Sorgfalt die Klappe halten sollte, bis die zugrundeliegende Hypothese eben endgültig verifiziert oder falsifiziert ist. Oh ja, ich glaube, ich sollte mich einfach verpissen und die Klappe halten, also werde ich das jetzt ganz einfach tun, mich verpissen und ganz einfach die Klappe halten. – Im Werk von Kierkegaard tritt uns Gott immer wieder wie eine verhüllte, rätselhafte Macht gegenüber, beziehungsweise: nicht einmal als eine Macht, sondern als ein abstraktes Verhältnis oder Existenzial, oder eben als Ausdruck eines Paradoxons; und seine unter Pseudonymen veröffentlichten, heute als Hauptwerke geltenden Schriften kreisen um das Gelingen oder Scheitern verschiedener Existenzmöglichkeiten im Hinblick auf dieses Verhältnis. In den, unter eigenem Namen veröffentlichten und seinem Vater gewidmeten religiösen Reden und erbaulichen Schriften hingegen hat man persönliche Meditation und (Selbst)gespräche (allerdings weniger zu Gott als vor Gott) – Kierkegaard hat diese Reden oft als den „eigentlichen Schlüssel“ zu seinem Werk betrachtet, der allerdings unbeachtet geblieben sei (wie auch weiter unten nochmal erwähnt). Dort drinnen steht dann auch zum Beispiel: „… dass das Gute seinen Lohn in sich selbst hat, ja, das ist ewig gewiss, es gibt nichts, was so gewiss ist; dass es einen Gott gibt, ist nicht gewisser, denn das ist ein und dasselbe“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 45). Das kann man, wenn man so will, eigentlich auch als schwarzen Humor sehen, gleichzeitig ist es höchster Ernst (und, wie wir noch sehen werden, hat Kierkegaard ja herausgearbeitet dass der höchste religiöse Ernst ja mit Humor einhergeht und urtümlich mit ihm verwoben ist). – Kurz nach dem Tod seines Vaters, am 19. Mai 1838, notiert Kierkegaard in sein Tagebuch eine Epiphanie, in der er das gesamte Dasein in einer grenzenlosen Freude wahrnimmt. Eine religiöse Urerfahrung, ein Durchbruch zum Kosmischen Bewusstsein (wie von Richard Bucke in seinem höchst wichtigen Werk Kosmisches Bewusstsein. Zur Evolution des menschlichen Geistes systematisch beschrieben), eine Erleuchtung, die der angestrengte Wanderer endlich erlangt, ein Fingerzeig Gottes – oder eine Erleichterung, dass der Alpdruck des Vaters, gegen den der Sohn mit seinem Dandytum rebelliert hat, verschwunden ist? Auf jeden Fall, trotz der Intensität der Erfahrung, die Kierkegaard schließlich veranlasst, sein Leben auf Spur zu bringen und seinem religiösen Auftrag zu folgen, findet sie, oder irgendwas dergleichen, nach dieser kurzen Erwähnung keine weitere mehr. Mystiker wird er, genauso wie Klosterbrüder, später, ohne dass sie das so eigentlich verdient hätten, später als Ausdrücke eines unauthentischen Glaubensvollzuges beiseite tun und sich stattdessen in den Abgrund der dialektischen Ausleuchtung des religiösen Existenzverhältnisses stürzen. Aber jeder halt eben, wie er will und soll halt jeder nach seiner Fasson selig werden, und „das Ethische als das Innere lässt sich von jemand, der draußen steht, gar nicht betrachten, es lässt sich nur vom einzelnen Subjekt realisieren, das dann von dem wissen kann, was in ihm wohnt“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 483) – und so stürzt sich Kierkegaard in seine intellektuelle Realisierungsmanie der religiösen Idee und des religiösen Geistes (denn als Agent des Heiligen Geistes lässt sich Kierkegaard vortrefflich begreifen). Glaube ist ein geistiges und seelisches (oder emotionales) Verhältnis, in dem zu aller Zeit eine subjektive Leidenschaftlichkeit auf eine objektive Ungewissheit trifft, und darin ihren Glanz und ihr Elend hat. Kierkegaard, mit seiner Leidenschaft für das Paradoxe, affirmiert diese objektive Ungewissheit; Gottesbeweise lehnt er, wie gesagt, ab, da der Glaube, wenn er Gewissheit geworden wäre, kein Glaube mehr sei, und keine Leidenschaft (und kein Heroismus des Glaubensritters) mehr sei bzw. wenig Platz dafür übrig lasse. – Obwohl er diese vergleichsweise Leerstelle die ganze Zeit mit allerhand auffüllt, vor allem eben in den religiösen Reden, bleibt der Gegenstand des Glaubens, Gott, einigermaßen dunkel; wenn was beleuchtet wird, dann eher die Helle des religiösen Lebensvollzuges. Die Modernität und das zukunftsweisende Potenzial von Kierkegaard als religiösem Schriftsteller und, eben dann später, als Existenzphilosoph, liegt daran, dass Kierkegaard eine durchaus agnostische Religiosität formuliert, und sich damit, in Exzentrizität wieder ins Zentrum stellt: Was das Charisma von Kierkegaard ausmacht, ist dass er so eigenartig und merkwürdig bis eventuell verschroben auf einen einwirkt, dann aber auch wieder so klar und (in dieser Klarheit) „primitiv“, wie es eben nur sein kann bei Nachrichten, die vom Dach der Welt kommen. Sowohl der Theismus und der Atheismus beziehen sich auf nichts Gewisses und sind daher Glaubensbekenntnisse; der Agnostizismus ist, so gesehen, die einzig rational gerechtfertigte Position – mehr noch, geht Kierkegaards agnostische Religiosität geradezu in Richtung Ignostizismus bzw. positiv über ihn hinaus: also der Position, dass es nicht nur nicht wissbar ist, ob es einen Gott gibt, sondern auch, dass die Existenz oder Nichtexistenz Gottes, aufgrund ihrer Entrücktheit, gar keine Rolle für das persönliche Leben spielen würde – was wiederum eine subjektive Stellungnahme, ob die Existenz Gottes für einen wichtig ist oder nicht, nicht ausschließt, sondern sie in der Möglichkeit ihrer Subjektivität ja begründet: eine Wahl, die man treffen kann zwischen „Ist Gott wichtig für mich?“ und „Ist Gott unwichtig für mich?“ – und Kierkegaard hat eben so gewählt, dass sie „unendlich“ wichtig für ihn ist – gleichsam scheinbar berücksichtigend, dass er damit die Wahl der Wahl zwischen „Gut und Böse“ wählt. Wobei man dann eben wieder beim religiösen, meta-ethischen Stadium als dem höchsten menschenmöglichen Stadium ist. Das Leben und den Seinsgrund, gleichsam trotzig gegenüber dem Schweigen des deus absconditus als etwas Heiliges und sehr Ernsthaftes zu betrachten: das ist nicht nur gut, sondern es ist wahrhaftig die gute Sache. Vulgär all jene, die diesen tieferen Sinn der Religion nicht erkennen mögen. „Mich beschäftigen besonders zwei Dinge: 1. dass ich intellektuell im griechischen Sinn meiner Existenzidee treu bleibe, was es auch kostet, 2. dass es im religiösen Sinne so veredelnd wirke wie möglich“, schreibt er 1846 in sein Tagebuch, und 1850: „Was ich will, ist anzuspornen in der Richtung, ethischer Charakter zu werden. Wahrheitszeuge werden, leiden zu wollen für die Wahrheit, und weltlicher Klugheit entsagen zu wollen“. Es schadet nicht, Gott dafür um Hilfe anzurufen, und scheint auch wenig Basis für religiösen Fanatismus, Hartherzigkeit und intellektuelle Inflexibilität zu bilden. Die von Kierkegaard beschriebene Religiosität beschreibt ein zutiefst selbstermächtigtes Existenzverhältnis. Wie Adorno bemerkt, lassen es die letzten Gespräche des sterbenden Kierkegaard mit Emil Boesen offen, inwieweit Kierkegaard tatsächlich ein gläubiger Christ gewesen sei (Theodor Adorno: Kierkegaards Lehre von der Liebe, S. 269) (in einer höheren Dimension, von der wir, wiederum als gleichsam Farbenblinde, wieder nur den Abdruck sehen können, war er das aber natürlich, das ist ja ganz klar, und vor allen Dingen geht das ja zumindest aus den Tagebüchern hervor).

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BONNNG!! – die 1850 erschienene, sehr schöne Schrift Einübung in das Christentum ist ein mächtiger Schlag an die machtvoll unbewegte, in sich selbst ruhende, nichts Böses erwartende Glocke oben im Kirchturm. Majestätisch sieht uns die Glocke an, mit schwer herabhängenden Lidern, da – BONNNG!! – bekommt sie einen Schlag versetzt, der dann in rebellenhafter Majestät über Hof und Dächer schallt. Ein Ereignis ist eingetreten! Ehrwürdiges trifft auf Ehrwürdiges, geistige Majestät auf geistige Majestät, auch wenn die Ehrwürdigkeit der einen und ihre geistige Majestät darin besteht, dass sie frühere Ehrwürdigkeit und frühere geistige Majestät bewahrt, vielleicht, wahrscheinlich, ein wenig steril und statisch, und in prachtvolle Roben gekleidet. Wie kann man, als Mensch der Ehrfurcht vor dem Heiligen hat, da anders als Ehrfurcht haben, auch wenn es sich um morsches, aber altehrwürdiges Gebäude und Gebälk handelt? Wie hatte Kierkegaard nicht vor dem ehrwürdigen Bischof Mynster Respekt? Ja, das kenne ich und kann ich nachempfinden! Denn Statik erfüllt uns durchaus, und womöglich mehr als Dynamik, mit Ehrfurcht! Aufschießende Halle! Ehrwürdige aufschießende Halle, etwas kalte Räumlichkeit! Der ehrwürdig wirkende ältere, ernsthafte, impenetrabel wirkende Herr, mit dem teilweisen Bart, setzt sich hin auf seinen Thron, hält sich mit den knochigen Fingern an den Armlehnen fest und blickt etwas nach unten – die ehrwürdigen Hallen der Gedankenlosigkeit! Die ehrwürdigen Hallen des geistigen Stillstandes! Der relativen Empfindungslosigkeit! Eine relative Ehrfurcht flößt mir ihr ehrwürdiger, eventuell bildungsbürgerlicher, relativ ästhetischer Anblick ein, ihre leichte Kälte weht mich an und wirkt ernsthaft und erschaudernd; aufschießende Halle im Palast, in den Katakomben! Einmal im Jahr bewegt sich der ältere, in der Übergangszeit zum tatsächlich hohen Alter sich befindende Herr, er bewegt sich leicht, kaum, er verkörpert die (eventuell bildungsbürgerlich garnierte) Geistes- und Gedankenleere! Ich aber habe vor diesen Ornamenten teilweise, aufgrund ihrer äußeren Schönheit, Ehrfurcht, und will nicht streng ins Gericht damit gehen, der Mensch, der Ehrfurcht vor dem Heiligen hat, wird zögern, das zu tun. Ich habe immer alles bewundert, sagte Goethe zu Eckermann, und so bewundere ich auch die triumphalen Hallen des geistigen Stillstandes, die den geistigen Stillstand symbolisieren, wenn sie ehrwürdig wirken, erhaben, größer als ich selbst (denn das ist ja relativ und auf jeden Fall der Fall). Der geistige Stillstand und die Geistlosigkeit sind durchaus Mächte und richten, in ihrer Statik, oder idiotischen Dynamik viel aus in der Welt, der alte, geistesleere Mann auf dem Thron in der Halle ist mir ein ehrwürdiger Gegner, dem ich allein schon aufgrund seiner Ewigkeit Respekt schulde. Mit der Einübung in das Christentum nun aber ein mächtiger Schlag an die ehrwürdige kirchliche Statik! All sein Schriftstellertum sei nur um das Thema „wie kann man Christ werden?“ gekreist, so Kierkegaard in seinen Bekenntnisschriften über seine Wirksamkeit als Schriftsteller. In der Einübung kommt der Christ, der Gottmensch daher, und ist der Welt notwendigerweise Ärgernis. In seiner intellektuellen und moralischen extremen Beweglichkeit, in seinem profunden Geist-sein steht der Christ/us und Gottmensch in einer gewissen Opposition zur Welt und zu ihren Routinen. „Selig wer sich nicht an mir ärgert“, so der Gottmensch, denn letztendlich ist der Gottmensch mächtiger als die Welt, als der Geist, der die Welt beseelt und ihr Substanz verleiht. Daher seine (beseelte) Ewigkeit, im Gegensatz zur anonymen Ewigkeit, deren Raum die ehrwürdigen Hallen des geistigen Stillstandes sind. In der Zeitlichkeit aber womöglich eine Verliererfigur (die, wie Milena Jesenská es in ihrem Nachruf auf Kafka aber geschrieben hat, „im Unterliegen den Sieger beschämen“), denn: „Der Verstand steht still vor dem Absoluten“. In der Unwissenschaftlichen Nachschrift beschreibt Kierkegaard wie er sich lange uneins war, was er im Leben anfangen könne und was er im Leben wohl tauge, bis ihm schließlich aufgegangen sei, dass seine Aufgabe allein darin liegen könne, „überall Schwierigkeiten zu machen“ (S. 326). Und der Christ als Geist und als moralischer Appell macht eben überall in der Welt Schwierigkeiten. „Das Höchste ist: indem man der Welt unbedingt ungleich ist, dadurch, dass man allein Gott dient“ (Urteilt selbst. Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen, S. 198). Die Seligkeit des Christen ist gleichsam paradox, da sie nicht in Ruhe, sondern in größtmöglicher Unruhe bestehe: „Das Christentum ist die intensivstärkste, die größtmögliche Unruhe, es lässt sich keine größere denken, es will (so wirkte ja Christi Leben) das Menschendasein beunruhigen von tiefstem Grund aus, alles sprengen, alles brechen … Wo einer Christ werden soll, da muss Unruhe sein; und wo einer Christ geworden ist, da ist Unruhe.“ (so Kierkegaard zu seinem Tagebuch 1854). Richtig nach Transzendenz und Nirwana und Seelenfrieden und Gelassenheit des Glaubens hört sich das unmittelbar nicht an – aber das hat man dann eben in der Ewigkeit; Leben hingegen bedeutet Unruhe und wandernden Geist und bewegliche Seele, somit liege die Möglichkeit der Steigerung des Lebens in der harmonischen Intensivierung der inneren Tätigkeit und Empfindungsfähigkeit. „Überhaupt erkennt man die unendliche Reflexion, in welcher erst die Subjektivität um ihre Seligkeit in Sorge kommen kann, sofort an Einem: dass sie überall die Dialektik mit sich führt. Es sei nun ein Wort, ein Satz, ein Buch, ein Mann, eine Gemeinschaft, es sei, was es wolle, sobald es in der Weise eine Grenze sein soll, dass die Grenze selbst nicht dialektisch ist, ist es Aberglaube und Beschränktheit. Im Menschen lebt immer ein solcher sowohl bequemer wie auch bekümmerter Hang nach etwas ganz Festem, das die Dialektik ausschließen könnte, aber das ist Feigheit und Betrug gegen die Gottheit. Selbst das Gewisseste von allem: eine Offenbarung, wird eo ipso, indem ich sie mir aneignen soll, dialektisch; selbst das Festeste vom allem, der unendliche negative Entschluss, der die unendliche Form der Individualität ist, die Gottes Sein in ihr annimmt, wird sofort dialektisch. Sobald ich das Dialektische wegnehme, bin ich abergläubisch und betrüge Gott um des Augenblicks angestrengtes Erwerben des einmal Erworbenen. Dagegen ist es weit bequemer, objektiv und abergläubisch zu sein und damit prahlend die Gedankenlosigkeit zu proklamieren.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 163) „Wer existiert, ist beständig im Werden“ (ebenda, S. 215) Ach ja: das Rebellentum! Das Werden! Die Einsamkeit des Rebellen! Das kennt jeder zweite auf dieser Welt sehr gut, genauso wie das, was die großen Weisen sagen jeder zweite auf der Welt sehr gut weiß. Der Unterschied liegt allerdings darin, wie „intensivstark“ all das gelebt und reflektiert wird und vorexerziert, und dafür braucht man das schon die großen Weisen und die Kierkegaards selbst, die im ruhenden Auge des Tornados hausen. Hören wir, weil es gut in den Zusammenhang passt, die Worte eines anderen Heiligen und Weisen, Bhagwans:

„…Es gibt Mondsüchtige, die immer nur nach dem Weitentferntem, dem Entlegenen suchen, und sie bewegen sich immer nur in der Einbildung. Große Dichter, einbildungsstarke Menschen – ihr ganzes Ego ist ins Werden verstrickt. Einer ist da, der Gott werden will – der Mystiker…

„Der Mensch ist ein Werden. Mit dem Entstehen des fünften Verstandes, des Buddhaverstandes, des Christusverstandes, wird der Mensch zu einem Sein. Dann ist der Mensch nicht mehr Mensch, da der Mensch nicht mehr Verstand ist. Dann ist der Mensch Gott. Und nur das kann erfüllend sein, sonst nichts. Und gib dich nicht zufrieden mit etwas Geringerem!“

„… Ein Buddha ist einer, der in die Erfahrungen des Lebens, ins Feuer des Lebens, in die Hölle des Lebens eingetaucht ist und sein Ego zu seiner höchsten Möglichkeit, zum äußersten Höchstmaß ausgereift hat. Und genau in dem Moment fällt das Ego und verschwindet.“

„Es gibt sieben Türen. Wenn das Ego vollkommen ist, sind all diese sieben Türen durchschritten worden. Danach fällt das reife Ego ganz von allein. Das Kind ist vor diesen sieben Egos, und der Buddha ist hinter diesen sieben Egos. Es ist ein vollendeter Kreis.“

„…Jenseits der vierten Stufe des universalen Verstandes gibt es noch die fünfte Stufe, die letzte, wenn du sogar über den universalen Verstand hinausgehst. Denn auch nur zu denken, dass es der universale Verstand ist, ist denken. Gewisse Ideen vom Individuum und vom Universum bleiben noch in dir zurück. Du bist dir noch bewusst, dass du bist eins bist mit dem Ganzen, aber du bist und du bist eins mit dem Ganzen. Die Einheit ist noch nicht total, sie ist nicht vollendet, sie ist nicht endgültig. Wenn die Einheit wirklich endgültig ist, dann gibt es nicht Individuelles, nichts Universales. Das ist der fünfte Verstand: Christusverstand … Du bist zum ersten Mal ein Sein, Werden gibt es nicht mehr. Der Mensch ist über sich hinausgegangen, die Brücke gibt es nicht mehr … Alles ist vergangen, der Alptraum ist zu Ende.“

Bhagwan, eine Art Zarathustra, von Peter Sloterdijk als ein „Wittgenstein der Religion“ verehrt. Und von Seiten Peter Sloterdijks moniert, dass man sich mit einem Bhagwan-Zitat in der Gemeinschaft der akademischen Philosophie lächerlich mache, so lägen die Dinge. Aber was kümmert uns religiöse Schriftsteller das? Das was Bhagwan da sagt und beschreibt, den Weg vom Werden zum endgültigen Sein, das kenne ich sehr gut. Kierkegaard würde das auch verstehen. Und das was ich vorher gesagt habe, dass es darum geht, ein Außen zu konstruieren, würden Kierkegaard und Bhagwan verstehen.

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„Christi nachzufolgen bedeutet, sich selbst zu verleugnen, und bedeutet also, den gleichen Weg zu gehen, den Christus in der geringen Gestalt eines Knechts ging. Not leidend, verlassen, verspottet, die Welt nicht liebend, und nicht von ihr geliebt. Und es bedeutet also, allein zu gehen.“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 235) Kierkegaard kann man in seinem Einsamkeitspathos und in seiner ausschließlichen Adressierung des Einzelnen schon vorwerfen, dass er nicht nur ein Sozialphilosoph gar nicht ist, sondern er überhaupt das Gesellschaftliche ganz vergisst. Während Marx und Engels 1848 das Manifest der kommunistischen Partei veröffentlichen, ist es bei Kierkegaard zwei Jahre später, und nach dem Eindruck der 1848er Revolution die Einübung in das Christentum. Das wurde von gewissen Seiten als eine gewisse Bizarrerie betrachtet, und schon zu seiner Zeit wurde ihm radikale Egozentrik vorgeworfen. „Ein religiöses Individuum dagegen ruht in sich selbst und verschmäht alle Kinderstreiche der Wirklichkeit.“ (Die Wiederholung, S. 83) Gehört Kierkegaard dieser Welt überhaupt an? Es gibt freilich keine Verpflichtung eines Denkers oder (religiösen) Schriftstellers, politisch zu sein; man macht sich halt als unpolitischer bzw. antipolitischer Denker bei den Politischen wohl nicht übermäßig beliebt – wenngleich deren Kritik auch ganz erhellend sein kann und auf tatsächliche Probleme des gesamten Denkgebäudes hinweisen kann. Seine Zurückweisung der Welt und Konzentration aufs Individuum und dessen „Innerlichkeit“ sei so extrem, das man bei Kierkegaard ein Kreisen um eine „objektlose Innerlichkeit“ habe, so Theodor Adorno in seiner Kierkegaardschrift: „Wächst Fichtes Idealismus aus dem Zentrum der subjektiven Spontaneität, so wird bei Kierkegaard das Ich von der Übermacht der Andersheit auf sich selbst zurückgeworfen. Weder ist er Identitätsphilosoph, noch erkennt er positives, bewusstseinstranszendentes Sein an. Weder ist ihm die Dingwelt subjekt-eigen noch subjekt-unabhängig. Vielmehr: sie fällt fort. Dem Subjekt bietet sie bloßen „Anlass“ zur Tat, bloßen Widerstand für den Akt des Glaubens. In sich selbst bleibt sie zufällig und unbestimmt. Anteil am „Sinn“ kommt ihr nicht zu. Es gibt bei Kierkegaard so wenig ein Subjekt-Objekt im Hegelschen Sinne wie seinshaltige Objekte; nur isoliert, von einer dunklen Andersheit eingeschlossene Subjektivität.“ (Theodor Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, S. 55) (Naja, als Farbenblinder sieht Adorno Gott nicht.) Und wie Kierkegaard mit dem Weltlichen aufräumt, z.B. „Das Weltliche ist nämlich seinem Wesen nach nicht Eines, da es das Unwesentliche ist; seine sogenannte Einheit ist nicht wesentlich, sondern ist eine Leere, welche sich unter dem Mannigfaltigen verbirgt … Nur das Gute ist seinem Wesen nach Eines und ist das gleiche in allen seinen Äußerungen“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 35) – Da kann man schon sagen, dass die Welt bei Kierkegaard gar nicht untersucht wird, sondern ganz einfach als eine grundsätzlich verworfene Welt – verworfen wird (Theodor Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, S. 72). Dass sein proklamiertes Gutes eben nicht in allen seinen Äußerungen gleich ist, da christliche Nächstenliebe mehr oder weniger sein kann als der Impetus, mit strukturellen sozialen Ungerechtigkeiten und Gewaltverhältnissen aufräumen zu wollen. Das eine ist die (konservative) Nächstenliebe, das andere die (progressive) sozial wirksame Tathaftigkeit. Letzteres hat Kierkegaard höchstens auf eine eigentümliche Art und Weise verwirklicht; „Moralisches Handeln gilt bei Kierkegaard allein dem „Nächsten“ (ebenda, S. 92). Der „Nächste“ ist aber keine politische Kategorie. Kierkegaard mag da kontern: „Indes wiewohl „unpraktisch“, dennoch, das Religiöse ist der Ewigkeit verklärte Wiedergabe des schönsten Traumes der Politik. Keine Politik hat es vermocht, keine Politik vermag, keine Weltlichkeit hat vermocht, keine Weltlichkeit vermag, bis in die letzte Folge hinein diesen Gedanken durchzudenken oder zu verwirklichen: dass Menschlichkeit Menschengleichheit ist. Vollkommene Gleichheit verwirklichen im Medium der Weltlichkeit, Weltgleichheit, d.h. in dem Medium, dessen Wesen Unterschiedlichkeit ist, und sie weltlich, weltgleich, d.h.: Unterschied schaffend verwirklichen, das ist ewig unmöglich, das kann man aus den Kategorien ersehen. Denn wollte man vollkommene Gleichheit erreichen, so müsste „Weltlichkeit“ rein fort, und wenn vollkommene Gleichheit erreicht ist, so hat „Weltlichkeit“ aufgehört; aber ist es dann nicht doch eine Art Besessenheit, dass „Weltlichkeit“ auf die Idee verfallen ist, vollkommene Gleichheit erzwingen zu wollen, und weltlich, weltgleich sie erzwingen zu wollen – in Weltlichkeit. Weltgleichheit! Nur das Religiöse kann vermöge der Hilfe des Ewigen bis ins Letzte Menschgleichheit, Menschlichkeit durchführen, die gottgemäße, die wesentliche, die nicht-weltliche, die wahre, die einzig mögliche Menschgleichheit, Menschlichkeit; und darum ist auch – es sei gesagt zu seiner Verherrlichung – das Religiöse die wahre Menschlichkeit.“ (Die Schriften über sich selbst, S. 97). Und weiter: „“Der Einzelne“ ist eine Kategorie des Geistes, der geistigen Erweckung, – der Politik so entgegengesetzt wie nur möglich. Irdischer Lohn, Macht, Ehre usf. Ist mit ihrer rechten Anwendung nicht verbunden; denn selbst wenn sie im Interesse des Bestehenden gebraucht wird, Innerlichkeit interessiert die Welt nicht, und wenn sie zur Erschütterung gebraucht wird, sie interessiert die Welt dennoch nicht, denn Opfer bringen, sich opfern lassen, was ja die Folge davon sein muss, dass man nicht darauf sieht, Macht im Sinnlichen zu werden, interessiert die Welt nicht.“ (ebenda, S. 115) Die Welt interessiert sich nicht für Kierkegaard, und Kierkegaard interessiert sich nicht für die Welt. Warum auch? Adorno wirft Kierkegaard vor, „alles wirkliche Außen hat sich zu einem Punkt zusammengezogen. Die gleiche Raumlosigkeit lässt sich an der Struktur seiner Philosophie erkennen. Sie ist nicht im Nacheinander entfaltet, sondern ein vollkommenes Zugleich aller Momente, die in einem Punkt, dem des „Existierens“, zusammenfallen … im Punkt aber vermag Wirklichkeit sich nicht zu erstrecken“ (Theodor Adorno: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, S. 82) Nun ja, wenn sich der Geist vollständig realisiert hat, fällt wohl tatsächlich die ganze Perspektive auf einen Punkt zusammen, von dem aus man, wie nahe an der zentralen Singularität eines astronomischen Schwarzen Lochs, die gesamte Geschichte des Universums sehen kann. Vollkommenes Zugleich aller Momente hat man vor dem Auge Gottes, und auch Teresa beschreibt die Gottesperspektive, wo sich alle weltlichen Vorgänge annähernd synchron wie in einem Juwel spiegeln. Was Adorno da beschreibt, ist eine Art Satori-Perspektive. Zur Satori-Perspektive gelangt man, wenn man eine unglaubliche Masse von Welt inklusive ihrer Paradoxien in sich aufgenommen hat und über synthetisierende Erleuchtung zu einem höheren Bewusstseinszustand gelangt, der, indem er jenseits weltlicher Dichotomien liegt, in seiner Essenz apolitisch sein wird. Unpolitisch und apolitisch ist nicht dasselbe, denn das Apolitische schließt das politische Engagement und die politische Stellungnahme, sogar die politische Leidenschaft nicht aus (Kierkegaard freilich erscheint nicht nur als apolitisch, sondern auch als unpolitisch, aber diesbezüglich ist man ja immer im Werden). Weiters bedeutet für Kierkegaard vollständig ausgeprägte Innerlichkeit eben nicht Objektlosigkeit oder punktförmige Perspektive, sondern: „Die Natur, die Totalität der Schöpfung ist Gottes Werk, und doch ist Gott nicht dort; aber im Inneren des einzelnen Menschen gibt es eine Möglichkeit (er ist nach seiner Möglichkeit Geist), die in der Innerlichkeit zu einem Gottesverhältnis erweckt wird, und dann ist es möglich, Gott überall zu sehen.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 395) – „Menge ist die Unwahrheit.“ (Die Schriften über sich selbst, S. 102-105) Es ist allerdings wahr, dass die Menge, einigermaßen, das Unwahre eben ist oder leicht sein kann: Individuum und Gesellschaft stehen auf jeden Fall in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander! Ein politischer Denker war Kierkegaard gar nicht, Politik beschäftigt sich aber mit der Menge und der menschlichen Vielheit und sie betrachtet den Menschen als soziales Wesen. Das ist der Mensch zwar, aber er ist eben auch ein individuales Wesen, und als solches hinsichtlich vieler Fragen seines Lebens allein, und hat auch ein Recht darauf, darin allein gelassen zu werden. Marx und Engels und andere sind sozialphilosophische und politische Denker, in ihrem Fall sogar in extremsten Ausmaß, die alle Individualität im Säurebad des Sozialen auflösen und die Innerlichkeit des Menschen, in etwa, zum „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ erklären. Der Weg in den das Individuum negierenden Totalitarismus ist innerhalb des Marxismus vorgezeichnet (und scheint, innerhalb des Denkrahmens, den er absteckt, auch nur schwer korrigierbar). Eine großartige Betrachtung und Reflexion des Individuums, des Einzelnen, des Menschen nicht als politischen sondern als psychologischem Wesen, hat man im Marxismus bekanntlich nicht. Inwieweit sich das bekanntermaßen tragisch bzw. verbrecherisch in der Geschichte ausgewirkt hat bzw. inwieweit man Marx und Engels dafür direkt zur Verantwortung ziehen kann, bleibt eine ewig offene Frage, von einer dementsprechenden Verantwortung freisprechen kann man sie aber nicht. Mehr noch, wohnt Vergemeinschaftungsutopien immer wieder, implizit oder gar explizit, ein totalisierendes Moment inne, und auch die Beschreibungen der glorreichen Campanellaschen Sonnenstaaten und Morusschen Utopien, sollen einem bei der Lektüre (die ich noch nicht geleistet habe, Anm.) diesbezüglich mulmig machen. Wenn (der damals junge) Adorno Kierkegaard übertriebenen Subjektivismus ankreidet, sei erinnert, dass gerade bei Adorno die (vorhandene) Gesellschaft in einem durchaus irgendwie übertriebenen Gestus als „verworfene“ erscheint bzw. auf ein System der „Herrschaft“ reduziert wird, angesichts dessen die Möglichkeit, sich von ihm zu emanzipieren, etwas kleinlaut, nur mehr in „negativer Dialektik“ liege. Ja, es gibt so etwas wie „Kulturindustrie“, hat es immer schon gegeben und wird es immer geben;  sie ist auch nicht so schlimm oder verwerflich, sondern reflektiert halt auf den Menschen, wie er ist, und auf die Bedürfnisse, Wünsche und Träume die er hat. Was die großen und fremdartigen Träumer anlangt, so gibt es auch sie immer wieder: Sie versuchen, neue Bereiche und Imaginarien zu schaffen, die von den Apparaten und der „Kulturindustrie“ nicht kolonialisiert werden können. Das sind dann die tatsächlichen Orte der Freiheit. Mit der Zeit kommt dann die Kulturindustrie und kommt die akademische Industrie usw. und es kommt zu einer freundlichen Übernahme. Was allerdings die Fremden anlangt: So kann man sie zwar akademisieren und kulturindustrialisieren – aber kolonialisieren kann man sie nicht. Das Existenzverhältnis, wie es Kierkegaard darlegt, den Übermenschen Nietzsches, das Tat Twam Asi Schopenhauers, den Geist van Goghs bzw. ganz allgemein die menschliche Imaginationskraft und eben das Außen als die Spitze der Imaginationskraft kann man nicht kolonialisieren. Kierkegaard beschreibt den Menschen mit sich allein und der Raum, in dem sein Denken darüber stattfindet, ist eben gerade einer, wo die Politik und das Soziale nichts zu suchen hat. Solche Räume gibt es, solche Räume soll es geben, und Kierkegaard hat uns einen sehr stabilen und wetterfesten diesbezüglichen Raum gegeben. Eine gute Gesellschaft ist die, wo die Gesellschaft Verantwortung für das Individuum übernimmt und das Individuum Verantwortung für die Gesellschaft und die jeweiligen Rechte, Pflichten und Freiheiten von Individuum wie Gesellschaft harmonisch ausgewogen sind: Und tatsächlich sind das Kommunistische Manifest und die Einübung in das Christentum keine Antipoden, sondern gegenseitige Ergänzungen: das eine beschreibt die Verantwortung der Gesellschaft, das andere die Verantwortung des Individuums. – Kierkegaard war ein Konservativer, in der Sprache der Progressiven ein Reaktionär und er stand, wie man heute weiß, und auch damals hätte wissen müssen, nicht eben auf der richtigen Seite der Geschichte. Der Konservatismus wurde Kierkegaard dabei aber in die Wiege gelegt; und vom späteren Kierkegaard gibt es durchaus Hinweise, dass er sozialen Fragen gegenüber hellhöriger wurde. Inwieweit das innerhalb seiner allgemeinen Radikalisierung und seinem allgemeinen Feldzug gegen eine „verworfene“ Kirche und Gesellschaft, also sozialphilosophisch gesehen undifferenziert stattgefunden hat, oder besser stattgefunden haben könnte, kann man nicht wissen: Seine kurze, tödliche Krankheit trat bekanntlich mit einem Schlag ein, als er auf dem Weg zur Bank war um sein letztes Geld abzuheben. Kierkegaard ist nicht nur mit 42 Jahren gestorben, sondern ist auch gestorben an einem entscheidenden Wendepunkt seiner äußeren Lebensumstände. Die Aussicht auf ein Leben in Armut hatte er offenbar in Kauf genommen, und das gibt ihm durchaus etwas Heldenhaftes und Heiliges, unterscheidet ihn vom parasitären Bourgeois und sollte allzu vorlauten Sozialrevolutionären in einer allzu allgemeinen Verurteilung Kierkegaards relativ das Maul stopfen. Was, wenn Kierkegaard 80 Jahre alt geworden wäre? Man muss sich vergegenwärtigen, dass Kierkegaard jung von uns gegangen ist und sein Werk an und für sich besser als Torso zu betrachten ist, und zu den großen Unfällen der Geistes- und Kulturgeschichte gehören die frühen Tode von Individuen wie Mozart, Schubert, Büchner, Weininger oder eben Kierkegaard und auch Nietzsche. Kierkegaard hat allen Anschein eines Frühvollendeten, aber auch ein anderer seines Jahrhunderts, hat im Alter von nur 30 Jahren mit seinem ersten größeren Werk einen umfassenden und genialen, ein gesamtes Denkgebäude umreißenden Wurf hingelegt (danach aber eine viel weniger manische, sondern deutlich ökonomischere Schreibtätigkeit entfaltet): Kurz vor seinem Tod im Alter von 72 Jahren ist Schopenhauer von sich selbst begeistert aufgesprungen und hat gemeint, er müsse noch mindestens 90 Jahre alt werden, gemessen an dem, was er der Welt noch zu sagen habe (dazu hätte zum Beispiel auch eine gewisse Revidierung seiner Meinungen über Frauen gehört). Kurz darauf lebte er nicht mehr. In seinen letzten Lebensjahren hochgeehrt, wohnten nur einige Menschen dem Begräbnis von Schopenhauer bei. Das Begräbnis von Kierkegaard, dem Verfemten, war eine Art Massenereignis. Gwinner sprach an Schopenhauers Sarg, dass „der Sarg dieses Mannes, der ein Menschenalter hindurch in unserer Mitte lebte und gleichwohl ein Fremdling unter uns blieb, seltene Gefühle“ herausfordere (Karl Pisa: Schopenhauer. Der Philosoph des Pessimismus, S. 386)

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„Einen der höchsten Begriffe vom Menschen gibt mir die Person Kierkegaards. Ich empfehle seine Tagebücher“ – begeisterte ich mich mal vor Jahren. In der Tat aber: Wenn man sich einen bedeutenden Menschen des Geistes ansieht, sehe man sich auch seine Persönlichkeit an und evaluiere sie, denn sie ist meistens Teil seiner Gesamtaussage, seines Kunstwerks und der Moral von seiner Geschichte. Trotz all der Schwermut, die er ausgedrückt hat und die in seiner Familie ursprünglich präsent war, galt Kierkegaard als ein heiterer, gelassener Mann. Besonders gut sei er darin gewesen, andere zu trösten und ihnen, mittels seiner unerschütterlichen Heiterkeit und Lauterkeit und Lebensweisheit aus ihrer eigenen Schwermut zu helfen, so sie denn darin befangen gewesen seien. Einzelgänger, der nur einen einzigen Menschen seinen Freund nannte (Emil Boesen), führte er doch mit bis zu fünfzig Menschen an einem Tag Gespräche, während seiner Spaziergänge. Dass Schwermut und Heiterkeit in einem Menschen gleichzeitig bestehen können, ist nichts so Ungewöhnliches; beim ultrakomplexen Menschen, wie Kierkegaard einer war, ist das sogar die Regel. Wie genuin bei Kierkegaard seine Stimmungen und Haltungen gewesen seien, möge man sich fragen; inwieweit seine Anteilnahme an anderen nicht bloß der wissenschaftlichen Neugierde geschuldet war, wenn nicht des Voyeurismus des Schriftstellers auf der Suche nach Neuem u. dergl. mehr; ja, das mag man sich schon fragen, meistens aber gibt es ja ein Bündel von Motiven hinter eines jeden Menschen Handlung, und vor allem beim ultrakomplexen Menschen sind die inneren Zustände so durchreflektiert und ineinander gespiegelt, dass sie eben in ihrer gegenseitigen Spiegelung bereits urtümlich von ihm erlebt werden (das Innere des ultrakomplexen Menschen ist, wie gesagt, der unendliche Saal der Spiegel). Während aus Wunderkindern später im Leben oftmals „nichts wird“ oder sie hinter den Erwartungen zurückbleiben (insofern Genie ja weniger ein hohes Maß an Intelligenz bedeutet als ein hohes Maß an urtümlicher Kreativität, und das eine mit dem anderen meistens eben nicht einhergeht), war Kierkegaard, der von Wittgenstein als der „bei Weitem profundeste Denker seines Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, durchaus kein wirklich auffälliges Kind und kein auffällig guter Schüler. Auch im Aufsatz glänzte er nicht durch besondere Sprachgewandtheit, wenngleich seine Aufsätze auf ihre Weise ausformulierter waren als die seiner Altersgenossen. Idiosynkrasien machten sich bei ihm freilich immer bemerkbar, wie eine analytische Schärfe und eine scheinbare Gabe, hinter die Dinge zu sehen, was seinen Ausdruck oft in einem gewissen Rebellentum und in einer gewissen, teilweise höhnischen Frechheit fand – in seiner Familie wurde er ob seiner Fähigkeit, gleichsam Dinge intellektuell aufzuspießen, „die Gabel“ genannt: Eigenschaften, die auf Genie hinweisen können, oder eben auch auf nichts, was sich später im Leben als was so Besonderes erweisen könnte, gleichermaßen. „Ich war ungefähr zehn Jahre lang Student gewesen, war doch meine ganze Tätigkeit nur wie eine glänzende Untätigkeit, eine Art Beschäftigung, für die ich noch eine große Vorliebe und für welche ich vielleicht sogar ein bisschen Genialität besitze. Ich las viel, verbrachte die übrige Zeit des Tages mit Bummeln und Denken oder mit Denken und Bummeln, aber dabei blieb es auch; der produktive Keim in mir ging in seinem täglichen Gebrauch drauf, verzehrte sich in seinem ersten Grünen.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 325) Dergleichen Bummelei kann wiederum auf einen trägen Geist hinweisen, wie aber auch – was deutlich seltener ist – auf das hohe Genie, das seine Bestimmung und seine Form noch nicht gefunden hat und dessen universaler Geist sich, seiner selbst noch nicht unbedingt gewiss, in den institutionellen Formen der Welt nicht wiederfinden kann und der daher scheinbar ein wenig ziellos herumirrt: Irreguläre Lebensläufe und „Bummelei“ in der Jugend sind für Individuen wie Kierkegaard eher die Regel als die Ausnahme. Als sein Vater starb und er seine Epiphanie hatte, machte er schließlich ernst; schloss sein Studium mit seiner unglaublichen Magisterarbeit über Den Begriff der Ironie, mit ständiger Rücksicht auf Sokrates ab, in der sich eine scheinbar bereits 300jährige Lebenserfahrung und radikale Urtümlichkeit (als etwas noch Radikaleres als „Originalität“) des Denkens ausdrückt; machte sich daran, sich zu verehelichen, um sich in den menschlichen Gesamtzusammenhang einzuordnen; löste dann, als er in großer Ernsthaftigkeit erkannt hatte, dass das gar nicht sein Platz sein könne und er die brave Regine nur unglücklich machen würde, die Verlobung wieder auf; stürzte sich in eine manische Schreibarbeit, die in Art und Umfang selbst wohl bei anderen Koryphäen und Helden der Wissenschaft eine gewisse Beklemmung hervorrufen mag; führte, nach dem Erfolg von Entweder – Oder, der sein einziger relativer Publikumserfolg zu Lebzeiten geblieben war, einen einzelgängerischen Kampf mit Gesellschaft und Kirche um die Wahrheit und Reinheit des Glaubens und des Lebensvollzuges; wurde verspottet und gedemütigt, demütigte andere und spottete; trat im letzten Jahr seines Lebens dann mit seiner Zeitschrift Der Augenblick wieder ans Licht der Öffentlichkeit, im Rahmen eines Kreuzzuges, in der er die gegenwärtige Kirche und Gesellschaft insgesamt verwarf; starb schließlich nach kurzer Krankheit heiter und ohne ersichtliches Bedauern (seine Tagebücher, die mir ursprünglich einen so hohen Eindruck von ihm gegeben hatten, seien, laut Kierkegaard-Biograph Joakim Garff in den letzten Jahren voll „monotoner Misanthropie“ gewesen (was ich so nicht unbedingt bemerkt habe, aber ich habe auch nur eine Anthologie seiner Tagebücher gelesen)). Sein Begräbnis wurde zu einer Massenkundgebung, anschließend verschwand er wieder in den Hinterzimmern des öffentlichen Gedächtnisses, dem er erst Jahrzehnte später vollständig und triumphal entrissen wurde, als er endlich „entdeckt“ wurde. Ist das die Art und Weise, wie man leben soll? Ist das die Art und Weise, wie du leben willst? Wahrscheinlich nicht, aber, insofern Kierkegaards Werk, nach Eigenaussage, dem Thema „Wie kann man Christ werden?“ gewidmet war, war es auch Kierkegaards Lebensführung. Das Leiden nahm er bewusst in Kauf, trachtete sogar danach, es noch zu steigern, denn der Weg zu Gott führe eben über den Kreuzweg. Für den Einzelnen hat er geschrieben, und den Einzelnen hat er herausgearbeitet – mit der Konsequenz, dass er im Leben ein isolierter Einzelner geblieben ist. Almosen gegeben und die Armen unterstützt hat er, wie vermerkt wurde ohne den gönnerischen bis herablassenden Gestus den man bei den meisten anderen Bürgern hatte, wobei seine entsprechenden Gaben Kleinigkeiten geblieben sind. Den Luxus, den er sich leistete, erachtete er als unabdingbar, um sich, beispielsweise in geräumigen Wohnungen, angemessen auf seine schriftstellerische Tätigkeit konzentrieren zu können; zusammengebrochen ist er, als er auf dem Weg war, sein letztes Geld abzuheben: Ein Leben in Armut, um die Echtheit seines Lebensvollzuges zu bewahren, hatte er offensichtlich als Konsequenz in Kauf genommen. Eine seiner Nichten hatte er sehr gerne, bei einer anderen Verwandten musste er länger gebeten werden, zu ihr zu kommen und ihre neue Wohnung zu besichtigen, auf die sie sehr stolz war (um dann nachträglich die Durchschnittlichkeit der Wohnung zu monieren). Seinen erdrückenden, aber intelligenten Vater hielt er in Ehren und widmete ihm seine religiösen Reden, über seine einfache, aber (wie es heißt) heitere und umgängliche Mutter hat er nie auch nur irgendwas erwähnt. Inwieweit bei alldem Kierkegaard ein tatsächlicher, das heißt der Menschheit urtümlich zugewandter Heiliger war oder hauptsächlich der Konsequenz gefolgt ist, die in ihm eben angelegt war, ist vielleicht nicht ganz leicht zu sagen, leicht zu vermuten ist, dass Kierkegaard auch auf diese Frage sicher eine Antwort wüsste (der misanthropische Schopenhauer sprach von sich als „theoretischem Heiligen“, was Kierkegaard zumindest natürlich auch war, und, wie man unmittelbar an seinem Lebensvollzug sieht, auch noch deutlich mehr). Kierkegaard, der heitere, gelassene Heiler. Und Kierkegaard, der „in seinem Naturell einen Hang zum Tadeln, Niederreißen, Herabsetzen – etwas Mephisto-artiges“ gehabt habe. So allerdings sein Antipode Martensen (Nachwort zu Philosophische Brocken von Lieselotte Richter, S. 121). Über Martensen schreibt Kierkegaard-Biograph Joakim Garff: „Martensen, der Sohn eines Schiffers, und nicht Kierkegaard, der Sohn eines Krämers, entführte also die Heibergsche Siegespalme, und groß ist der Schmerz des Verlierers, in wahrhaft faustischem Sinn verzweifelt er beinahe daran. Vollends zu Verzweifeln, ja empörend war es, dass Martensen und alle anderen gebildeten Musterknaben, die Faust anbeteten, ja persönlich weder zweifelten noch verzweifelten an oder über besonders viele Dinge, sondern spekulierten und dozierten und ihre harmonisierten Gedanken in akademischen Abhandlungen niederlegten, die sie einander nur mit dem Ziel aushändigten, höhere Graduierungen zu erklimmen. Im Gegensatz zu Kierkegaard focht sie ihre fürchterliche faustische Einsicht existenziell gar nicht an, sie gingen nur umher da draußen in der Wohnung an der Brogade und übten sich in gutem Benehmen sich selbst und anderen gegenüber, so dass sie letztendlich ganz vergaßen, dass sie auch das waren: Natur, Trieb, Tod, Staub.“ Hach, immer diese Oberflächlichkeit! Was würde Menschheit ohne faustische Individuen wie Kierkegaard nur machen? Wie könnte sie sich ihrer selbst und ihrer faustischen Natur überhaupt bewusst werden? Wer aber will schon so leben wie Faust oder die faustischen Menschen? Nach seinem Tod werde er als Engel auf einer Wolke sitzen und beständig Hallelujah! Hallelujah! rufen, rief Kierkegaard am Sterbelager aus. Da er den Wert realisiert hat, hat er auch die Ewigkeit erreicht.

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„Kierkegaard, eigenartiger Schreiber, sage ich mir wieder als ich die „Philosophischen Brocken“ durchgehe; jeder andere hätte das nicht so geschrieben, wie er es schreibt, vielleicht liegt die „Ironie“ darin, denn dieser K. ist ja aber nicht jeder andere, sondern der Einzelne. Seltsame Mischung aus anziehendem und abstoßenden Stil – was hat er da eben geschrieben? Und ist es überhaupt wichtig? Ja und nein. Man wird leicht unaufmerksam bei der Lektüre, am schlimmsten bei der „Wiederholung“, aber das macht nichts, denn man kehrt immer wieder zu Kierkegaard zurück und liest ihn immer wieder (Ironie der „Wiederholung“). Vollständige Originalität und creatio ex nihilo bzw. aus sich selbst heraus, kaum referierend auf irgendwas anderes – wo hat man das schon? Man ist hier an den letzten und ersten Dingen. Wir sehen uns wieder im Kontinuum.“ So ich im Mai 2018 im ersten Präludium zu einer Notiz über Kierkegaard. Ja, das Lektüreerlebnis bei Kierkegaard gehört schon zu den eigenartigsten – und den verstörendsten der Welt. Kierkegaard ist nicht nur aufgrund seiner Gedanken, sondern auch in seiner Art, diese auszudrücken mitunter schwer verfolgbar. Eine weiträumige Umständlichkeit scheint man da immer wieder zu haben, wenn gleichzeitig Gedanken vom Dach der Welt ausgebreitet werden oder vom Dach der Welt zu uns herunter fallen. Hölle, ist das schwierig, diesem komischen Brei immer wieder zu folgen! Behindernd bei Lektüre aller Art ist es ja, dass man immer wieder abdriftet und mit den Augen liest, aber mit dem Geist abschweift, aufgrund des wandernden Geistes – aber bei Kierkegaard sind dererlei Versuchungen schlechterdings dämonisch! Ohne dass man zunächst sagen kann, warum; also versuchen wir das mal wie folgt zu betrachten: Wenn man sich den Satzfluss, das Satzflussbett bei Kierkegaard ansieht, merkt man eventuell, wie es aus kleinen, halbrunden/ovalen Einkerbungen besteht, oben und unten, die ein gewisses exzentrisches Mäandern möglich machen, aber eben auch begrenzen. Eher kleine Einkerbungen, die das Satzflussbett begrenzen, yeah! Sie begrenzen aber auch die Möglichkeiten der Explosion und der dimensionalen Erweiterung und die Möglichkeit, auf einen zuzuexplodieren; scheinen eher mal die Sprache in sich selbst zu treiben, allerdings auch begrenzt, dann fängt ein neues Mäandern an. Bei Nietzsche hat man, bekanntermaßen, die Explosion. Bei Schopenhauer hat man die großartige Ebenmäßigkeit der Sprache und die völlige Identhaftigkeit seiner Sache und seiner Sprache mit sich selbst. Kierkegaard kann nicht genau eingefangen werden, weil die Sprache und auch die Gedanken gleichzeitig mehr und weniger zu sein scheinen, als es den Eindruck hat. Oh ja! Ich glaube, so kann man sich das denken! Bei Schopenhauer hat man gar keine Farbe, sondern den Anschein einer dunklen, ernsthaften, würdigen, eventuell braunen Farbe, bei Nietzsche hat man einen Raum, in dem die Farbflecken, ein räumlich aufgeteilter Regenbogen schimmern – bei Kierkegaard hat man ständig ein dunkles Blau oder Violett als Untergrund, in den sich die Textfläche bzw. der Satzfluss einschreibt. Warum kann ich mich bei der Lektüre von Kierkegaard so schwer konzentrieren? Was ist sein Geheimnis? Nun ja, bei allem Respekt, den man gegenüber Kierkegaard dann lange nach seinem Tod hatte: Weil der Ausstoß an Gedanken oft so schwach ist! Weil es oft so unwichtig und kraftlos ist, was er zu Papier bringt! Bei allerdings – und jetzt kommt´s! – Reflexion auf dem höchsten Niveau der menschenmöglichen Abstraktion und Behandlung des gesamten Existenzumfanges von dieser Warte aus! So übt seine Rede eine enorme Sogwirkung aus, immer wieder, zieht in die Tiefe des Meeresgrabens, auch wenn da oftmals nur ein seichtes Bächlein lustig vor sich hin plätschert. Ja, das ergibt, in einer gewissen anderen Dimension betrachtet, tatsächlich eine „dialektische“ Spannung, die einen in ihren gnadenlosen Mechanismus hineinzieht. Die Exegeten sagen bei Kierkegaard: Welche Biegsamkeit der Sprache! Welche minutiöse Abhandlung von Themen und deren genauestmögliche Durchleuchtung! Aber, ah, „minutiöse Abhandlung von Themen“ und „genauestmögliche Durchleuchtung“ – der Großdenker wird sich doch nicht mit solchen Spompanadeln abgeben! Vielmehr ist zu erwarten, dass der Großdenker einen Fuß im Satz, oder zumindest Absatz, auf den europäischen Kontinent setzt und den anderen mindestens nach Amerika! „Minutiöse Abhandlung von Themen“ und „genauestmögliche Durchleuchtung“: darüber freuen sie sich – und wenn dann ein gewaltiges Genie wie ich daherkommt, dessen geistige (daher auch sprachliche) Intensität so wie die eines Atompilzes oder einer Supernova ist, tun sie so, als ob nichts gewesen wäre! Ja klar, die Dialektik! Das Sprunghafte! Das Paradoxe! Der Stilbruch! Alles Stilmittel, derer sich der Denker vom Schlage eines Kierkegaard bedient! Ja, all das kenne ich sogar sehr gut. Letztendlich hat man bei Kierkegaard eine Umständlichkeit, die wohl nur teilweise gewollt ist, in Wirklichkeit aber offensichtlich tiefer und in seinem Wesen angelegt ist. Dann die religiösen Reden von Kierkegaard! Wo man die lebendige, ganz persönliche Ansprache hat! Aber immer wieder kaum weiß, woran man ist. „Langeweile und Abstrusität“ habe man in ihnen, so Adorno (Theodor Adorno: Kierkegaards Lehre von der Liebe, S. 269). Natürlich zu „pädagogischen“ Zwecken; um darzustellen, dass der Weg des Christen kein einfacher sei; um den Leser gleichzeitig anzuziehen, in Richtung des Geheimnisses, gleichzeitig abzustoßen und davor zu warnen. Ja, das gelingt Kierkegaard recht gut, aber inwieweit es das aus Freiheit oder aus Zwang tut, weiß man nicht. Nichts aber ist furchtbarer als die Stadien auf des Lebens Weg! Habe ich mir doch beim Lesen der Stadien immer wieder gedacht: Zu den furchtbarsten Büchern, die je ein Intellektueller geschrieben hat, sind nicht nur der Ulysses und Glas von Jacques Derrida zu rechnen, sondern (eben) auch die Stadien auf des Lebens Weg! Ein sehr dickes Buch, in einer voluminösen Ausgabe, die ihre Sattheit nur so zum Ausdruck bringt – was für eine Verschwendung von Papier, denke ich mir! Im Original auf Dänisch – wer kann so eine Rede eigentlich übersetzen? Auf Seite 422 informiert er uns dann schelmisch, dass das fiktive Tagebuch, das sich eben über mehrere hundert Seite gezogen hat, von „nichts“ handle, und auf Seite 423 (von insgesamt 525) gratuliert uns sein Alter Ego Frater Taciturnus dafür, dass wir es bis hierher geschafft haben und zu den wenigen Lesern gehören, die nicht auf halbem Weg stecken geblieben wären, da die ganze Schrift so angelegt sei, dass die allermeisten „aus Langerweile nicht weiterlesen und das Buch fortwerfen werden“. Ich denke, irgendwann in der Zukunft muss ich es unbedingt noch einmal mit den Stadien auf des Lebens Weg probieren, einstweilen aber wirklich zurück in die Bibliothek damit. Die drei großen „Existenzphilosophen“ des 19. Jahrhunderts – Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche – waren, ihrer Unverwechselbarkeit und Singularität scheinbar zusätzlich Ausdruck verleihend, große Meister der Sprache, und Poeten. Sagen wir halt, um die ganzen Überlegungen hier, die zu keinem wirklichen Ergebnis führen können, abzuschließen, dass Kierkegaard der Schwächste und am wenigsten poetische von ihnen gewesen sei. Gestehen wir dabei zu, so wie Adorno gesagt hat, dass Schopenhauer mit seiner Philosophie jenen Grad der Einsamkeit und absoluten Vereinzelung wie Kierkegaard niemals erreicht hat, und er daher scheinbar auch leicht und mit sich selbst identisch reden hat, während bei Kierkegaard naturgemäß alles vertrackt zu sein hat. Gestehen wir ein, dass wir zu Kierkegaard immer wieder zurückkehren werden; seine Umständlichkeit, dialektisch verwoben mit der Paradoxie seines Geistes und seiner Dunkelheit, die uns Ahnen macht, legt sich eben wie eine Schlinge um uns und zieht uns hinan. Daher müssen wir immer wieder zurück zu Kierkegaard! Und jetzt, an einem neuen Tag, wirken dieselben Schriften von Kierkegaard schon wieder ganz anders, wo gestern Dunkelheit herrschte, da heute Klarheit (oder umgekehrt). Das man Texte mal so, mal so liest, ist nichts Ungewöhnliches, bei Kierkegaard ist das Changieren aber schon exzessiv, so dass es fast magisch wirkt. Vor Magie mag man in Ehrfurcht versinken, dann sich wieder übermäßig gewahr werden, dass dahinter ja nur ein billiger Trick stecke et cetera ad infinitum. „Selbst der weiseste Heide, der gelebt hat, hat doch, wieviel weiser als der geringste (christliche, Anm.) Gläubige er im Übrigen auch war, er hat doch im Vergleich mit ihm eine Dunkelheit in seinem Innern, weil es im letzten Grunde dem Heiden nicht ewig gewiss und klar werden konnte, ob der Fehler bei ihm liege, oder ob nicht der seltene Fall möglich wäre, dass der Fehler bei Gott liege, ob Hoffnungslosigkeit nicht doch ein Zustand sei, in den der Mensch ohne Schuld geraten kann, weil Gott selbst die Schuld trägt, indem er den Menschen ohne Aufgabe lässt. Und man kann den Heiden nur damit entschuldigen, dass dies so ist, weil sein Gott selbst dunkel ist.“ (Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, S. 293) Darüber mag man sich schon wundern, gelten doch weniger die Heiden als dunkel und unklar, sondern viel eher Kierkegaard! Ob hier unwillkürlich, unfreiwillig oder chiffriert das Zentrum das Zentrum des Kierkegaard-Problems artikuliert wird? Das bleibt dunkel.

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Poet oder religiöser Schriftsteller oder Philosoph? Kierkegaard selbst hat an sich bemerkt, und andere haben das landläufig wiederholt, welch eine offenbare Übermacht der Reflexionszwang bei ihm hatte; er hat gemeint, und es wurde von anderen landläufig wiederholt, dass dieser Reflexionszwang ihn vom (so genannten) „Leben“ getrennt habe. Das Jugend- und Erstlingswerk Entweder – Oder fängt damit an, dass einer seine unendlich alte, überalterte, scheinbar morsche und übermüdete Seele baumeln lässt. „Ich habe keine Unmittelbarkeit gehabt, habe daher, schlecht und recht menschlich verstanden, nicht gelebt; ich habe alsogleich mit Reflexion begonnen, habe nicht erst in späteren Jahren ein bisschen Reflexion gesammelt, sondern bin eigentlich Reflexion von Anfang bis zum Ende.“ (Der Gesichtspunkt für meine Wirksamkeit als Schriftsteller, S. 79) Könnte man zunächst sagen: Wahres und erfülltes Leben liegt ja in der Reflexion! Lebensfülle wird ja durch Reflexion hergestellt! Schau dir Bürger an, wie sie durch den Park driften und nicht reflektieren auf ihre Umgebung: Leben die denn? Mehr noch: Die Vollendung des Lebens liegt darin, dass man in der Reflexion über die Reflexion die materiale Hyle sprengt und so frei wird, gleichzeitig von der Reflexion wie der Unmittelbarkeit und der immediacy der Erscheinung. Kierkegaard hat das getan und so sein eigenes unendliches Reich errichtet. Aber, ja, schon: inwieweit war es ein Reich auch der Sinne (also nicht bloß des Ästhetischen sondern der unmittelbaren Sinnlichkeit und Sinnesempfindung und Sym- und Empathie)? Bei seinen Spaziergängen zum Frederiksberger Park pflegte Kierkegaard die Gewohnheit, beim Eingang stehenzubleiben, den Duft der Blumen einzuatmen – und wieder umzukehren. Kann man als symbolisch sehen für den gesamten Lebensvollzug bei Kierkegaard, der sich mit dem Abbild von den Gegenständen des Lebens zufriedengibt bzw. stets bei ihnen verharrt, aber nie zu den Gegenständen des Lebens selbst kommt, oder absichtlich von ihnen zurückweicht – oder eben zurückweicht aufgrund von Angst vor impotenter Schwäche in Bezug auf einen authentischen Umgang mit den unmittelbaren Gegenständen des Lebens? Freilich auch von übermenschlicher Stärke: kommt das sinnliche Genie daher, tut bloß ein paar Atemzüge wozu wir ganze Streifzüge durch den Frederiksberger Park benötigen, um ihn zu erfahren, und kehrt auch schon wieder um. So ein Teufelskerl aber auch! So ein Poet! Allerdings scheint in Kierkegaards Poesie und seinem mannigfachen Beschreibungsreichtum und seinen weitläufigen Reflexionen über die ästhetische Sphäre es, wieder einmal, nicht leicht auszumachen, inwieweit ein konkreter sinnlicher Bezug zu den beschriebenen Gegenständen vorhanden sei. Es scheint bei aller Konturierung der beschriebenen Gegenstände die tatsächliche Plastizität irgendwo weit hinten im Zimmer, in einer stillen Ecke ihr Dasein zu fristen. Die Gegenstände springen nicht an, fließen nicht wie prachtvoller roter Wein wie bei Rumi – freilich ist das in Wirklichkeit selten, auch und nicht zuletzt in der hohen Poesie der Fall, dass man die Welt als prachtvoll fließenden roten Wein und Farbenzauber hat wie bei Rumi, und ich weiß nicht, wie intensiv die Leute und die Poeten die Umgebung überhaupt wahrnehmen, aber sich diesbezüglich in Kierkegaard hineinzuversetzen, sich seine Wahrnehmung und Empfindung vorzustellen, scheint, wieder einmal, als ein verdammtes Rätsel, wo alle Eindrücke, die man sich machen kann, sofort wieder verschwimmen und sich auflösen. Wie hat Kierkegaard eigentlich tatsächlich die Welt wahrgenommen und empfunden? Da scheint man es, wieder einmal, mit einem Paradoxon zu tun haben, das, wieder einmal, eine gewaltige Sogwirkung ins Innere/in ein möglicherweise leeres Inneres generiert. Reißender Strudel Kierkegaard! Ein weiteres Paradoxon! Von der Leidenschaft spricht Kierkegaard, als dem Kern des Religiösen, aber wo bei ihm konkret die Leidenschaft? Kann er natürlich aufspringen und rufen: Da, du Depp! Fünfzehntausend Seiten in fünfzehn Jahren geschrieben – das ist doch Leidenschaft! Ist das denn nicht Leidenschaft?! Ja, schon. Oder eben auch, aber vor allem, Reflexion und Reflexionszwang. Mehrere, teilweise fette Bücher geschrieben, tausende von Seiten, nur der Regine halber! Das sei doch Leidenschaft! Wenn das nicht Leidenschaft sei?! Das Eigenartige ist halt, dass man bei all dem kaum was über Regine erfährt, nicht einmal, wie Kierkegaard sie wahrgenommen hat, man erfährt, wie literarische Alter Egos über andere literarische Alter Egos in dieser Sache – reflektieren. Überhaupt: Regine! Warum die Auflösung der Verlobung, und dann das vieltausendseitige Schwelgen über die, an und für sich, gar nicht so bedeutende Affäre? Weil jedes Ereignis gewaltige Schlagseiten in das Leben Kierkegaards geworfen habe! So ist eben der Genius! So sagen es die einen. Weil er emotional unreif war!, so, etwas respektloser, Colin Wilson. Weiters Kierkegaards ausschweifende, fröhlich selbstanklagende Referenzen auf sein angeblich ausschweifendes Lotterleben als Student. Kierkegaard-Biograph Harald von Mendelssohn vermutet, dass er sich dabei die Syphilis zugezogen habe, deswegen auch die Verlobung aufgelöst habe, und schließlich am Rand des exzentrischen Irrsinns, ähnlich wie Nietzsche, gestorben sei. Der gewissenhaftere Biograph Joakim Garff findet bei Kierkegaard keine echten Hinweise auf ein jugendliches Lotterleben; Kierkegaards spätere Selbstanklagen seien eher wehmütige Angeberei auf etwas, dass er kaum genossen habe. Selber stellt Kierkegaard als seine Tragik das Missverhältnis eines monströsen Geistes bei gleichzeitig schwachem und gebrechlichem Leibe fest. Vielleicht war da also sexuelle Unzulänglichkeit? In der Wechselwirtschaft, dem Versuch einer sozialen Klugheitslehre, lässt er sich, bzw. sein literarisches Alter Ego darüber aus, wie langweilig das Leben sei, alle Handlungen in ihren Konsequenzen schließlich abgeschmackt: Allein die ständige bewusste Wahrnehmung von zufällig sich aufdrängenden Eindrücken, die „das Genie in seiner Ubiquität mit Leichtigkeit entdeckt“ (Entweder – Oder, S. 349) und die von keiner Theorie in ein System gefasst werden könne, sei nicht langweilig. Die „Ursprünglichkeit“ von Kindern, welche bewirkt, dass „alle abstrakten Prinzipien und Maximen mehr oder weniger (an ihr, Anm.) scheitern“, sei etwas, weshalb man „viel von Kindern lernt“ (ebenda, S. 610). Der „Reichtum einer Individualität“ bestehe in „ihrer Kraft in fragmentarischer Verschwendung“ und dem „Erzeugen und Genießen einer blitzenden Flüchtigkeit“ (ebenda, S. 180). Trotzdem: Wenn ich versuche, die Welt wie Kierkegaard zu sehen, sehe ich immer etwas Viereckiges, oder Vieleckiges, irgendetwas, das Begrenzung und schematische Begrenzung andeutet, oder so. Humor wird von Kierkegaard als ganz, ganz wichtig erachtet für das Verständnis von Religion. In seinem Buch über Latour reflektiert Graham Harman darüber, dass es ein originäres, zentrales Latour-Erlebnis wohl gar nicht geben könne. Man hoffe darauf, und glaube: Wenn man einem Philosophen persönlich begegne, sei man im Zentrum (in diesem Fall) des Latour-Erlebnisses, innerhalb der Erfüllung, Latour überhaupt erleben und erfahren zu können – aber das müsse gar nicht unbedingt der Fall sein. Vielleicht verlaufe die Begegnung mit Latour langweilig oder fragmentarisch, und man lerne aus seinen Schriften, oder aus Bemerkungen von anderen über Latour mehr. Kierkegaard selber hat das ja über die Begegnung zum Beispiel mit Schelling so empfunden. Von sich selber berichtet Kierkegaard in jungen Jahren: „Ich komme jetzt eben aus einer Gesellschaft, wo ich die Seele war, die Witze strömten aus meinem Munde, alle lachten, alle bewunderten mich ( – aber ich, ja, der Gedankenstrich müsste genau so lang sein wie die Radien der Erde)“. Yorick war ein witziger Kerl. Wie aber, fragt man sich, kann es da wohl um den Humor von Kierkegaard bestellt sein? Kierkegaard galt als heiter und gelassen, und das strahlen seine Schriften auch aus – aber wenn ich mir Kierkegaard jetzt mit seinem Humor vorstelle?? Es ist womöglich nicht so schlimm, wie der Humor von M., der sich nichtsdestotrotz immer für recht witzig gehalten hat. Aber, soweit ich sehen kann: so gut wie die meinen Scherze sind die von Kierkegaard wohl lange nicht! (Der B. hat auch immer gemeint, seine Scherze wären die besten von allen und an seine Scherze käme nichts und niemand ran (obwohl sie meistens davon handeln, dass wir alle, im Gegensatz zum ihm, „schwul“ wären, obwohl ich zugeben muss, dass er das oft immer wieder ganz gut darzustellen wusste etc.)). Und eben und vor allem Gott ist nicht so wirklich erfahrbar kein Kierkegaard, obwohl es bekanntermaßen um nichts anderes geht bei Kierkegaard als um Gott. Im berüchtigten Abschnitt VI seiner Kierkegaard-Schrift meint Adorno, die Lösung des Kierkegaardschen Existenzproblems wäre in der Versöhnung mit den stummen, sprechenden Mächten der urtümlichen Natur gelegen, anstatt in den abstrakten Abgrund des Gottes und der objektlosen Innerlichkeit zu stürzen. Dafür habe Kierkegaard dann aber doch kein Sensorium gehabt, könnte man meinen; und trotz mehrmaligem Lesen bin ich auch nicht vollkommen klar auf den Grund gestoßen was Adorno genau meint und in einem gleichsam schamvoll kurzen Klimax intellektuell beschließt. Jaja, Adorno war ja auch ziemlich abstrakt. Wie der die Natur wahrgenommen haben könnte, weiß ich auch nicht.

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„Mein Verdienst in der Literatur bleibt immer, die entscheidenden Bestimmungen des ganzen Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt zu haben, wie es zum mindesten meines Wissens in keiner anderen Literatur geschehen ist, und ich habe auch keine Bücher gehabt, um mir aus ihnen Rat zu holen.“ Indem er das getan hat, ist Kierkegaard ein absoluter Grenzgänger des Lebens und entfaltet als solcher sein absolutes, enigmatisches Charisma. Grenzgänger des Lebens, bleibt er in seiner Vereinzelung unverstanden und entfaltet gleichzeitig sein kaum zu überbietendes Charisma, indem er so allgemein ist – und so absolut. Kierkegaard verschmäht (nicht nur die „Kinderstreiche der Wirklichkeit“ sondern auch) philosophische/intellektuelle Systematisierung und Schematik und lehrt uns ein Eintauchen ins konkrete Leben, und das lohnt sich, immer wieder wiederholt zu werden und uns hinsichtlich der Stadien auf des Lebens Weg mitgegeben zu werden – insofern er „die Bestimmungen des Existenzumfanges so dialektisch scharf und so primitiv dargelegt“ hat, hat er Schematiken entwickelt, die auch für schlaue Menschen zumeist rätselhaft sind und von ihnen nur schemenhaft wahrgenommen werden können. In Auslöschung (wenn ich mich recht erinnere) spricht Thomas Bernhard ehrfurchtsvoll von der Unmöglichkeit, Kierkegaard zu verstehen. Liessmann sagt, bei Kierkegaard bewege man sich entlang der Grenzen des Denkens. Kierkegaard selber sagt, finden wir uns denn ins Leben geworfen, so sind „(d)ie Unendlichkeit und das Ewige … das einzig Gewisse“ (Unwissenschaftliche Nachschrift, S. 210), und Aufgabe des endlichen Subjekts (das, solipsistisch betrachtet, ebenfalls das einzig Gewisse ist) ist es, sich mit dem Unendlichen und Ewigen ins Verhältnis zu setzen. Das Absolute (Gott) wird bei Kierkegaard gleichzeitig positiv wie negativ gefasst – entsprechend der Einsicht, dass das Absolute gleichsam positiv und negativ ist, vollkommen klar und paradox zugleich. In seiner lebendigen und ekstatischen religiösen Anrede ist Kierkegaard religiöser Schriftsteller und religiöser Prophet, in seinem dunklen Agnostizismus ist er Prophet der Existenzphilosophie, des Existenzialismus, sogar, wenn man will, des Nihilismus. Gott, das Absolute, ist bei Kierkegaard „nichts Äußeres“ (Die Krankheit zum Tode, S. 76), sondern eben eine Verhältnisbestimmung des Menschen; „das Selbst wird potenziert im Verhältnis zum Maßstab für das Selbst und wird unendlich potenziert, wenn Gott der Maßstab ist. Je mehr Gottesvorstellung, desto mehr Selbst; je mehr Selbst, desto mehr Gottesvorstellung. Erst wenn ein Selbst als dieses bestimmte Einzelne sich bewusst ist, vor Gott dazusein, erst dann ist es das unendliche Selbst; und dieses Selbst sündigt dann vor Gott. Das Selbstische des Heidentums ist deshalb trotz allem, was darüber gesagt werden kann, doch nicht annähernd so qualifiziert wie das des Christentums, sofern auch hier Selbstsucht ist; denn der Heide hatte nicht sein Selbst gerade Gott gegenüber. Der Heide und der natürliche Mensch hat bloß das menschliche Selbst zum Maßstab. Man kann deshalb wohl recht haben, wenn man von einem höheren Gesichtspunkt aus das Heidentum als in Sünden liegend ansieht, aber die Sünde des Heidentums war eigentlich das verzweifelte Nicht-von-Gott-Wissen, die Unwissenheit darüber, vor Gott dazusein; sie ist: „ohne Gott in der Welt sein“. (ebenda) Ein solcherartiges Neuheidentum begegnet man dann im Existenzialismus, wo man nur das Sein und das Nichts hat, und der mir bereits als Kind irgendwie kraftlos vorgekommen ist. Da hat man das Pathos des auf sich selbst zurückgeworfenen, und sich daher selbst entwerfend zu habenden Individuums, der mir schon damals irgendwie schal erschienen ist, der vielleicht temporär mal anwendbar war, aber der im heutigen Konsumenten oder Selbstoptimierer wohl nichts Geheimnisvolles anklingen lässt. Kierkegaard ist eben viel allgemeiner und universeller, da das Selbst und das Sein nicht mit dem Nichts ins Verhältnis setzt, sondern mit dem ins Absolute potenzierten paradoxen Anderen. Der Appell zu dieser Insverhältnissetzung des Subjekts zum Absoluten ist viel kraftvoller und enigmatischer als der zur Insverhältnissetzung des Subjekts zum Nichts. Auch bei Leibniz und Whitehead hat man als unbestreitbare Ausgangsbasis für ihre Metaphysik die Einzelwesen, und bei beiden hat man als Telos des Lebens weniger eine Erreichung einer göttlichen Hinterwelt oder eines existenzialistischen Nichts, sondern die Anreicherung des Subjektes durch Aufnahme von möglichst viel Welt und seine Selbstvervollkommnung durch Selbsttranszendierung über seine Insverhältnissetzung zu dem, was über das Subjekt hinausgeht und zum Absoluten. Bei Kierkegaard lautet das Ziel: durchsichtig werden in Gott. „Glaube ist: dass das Selbst, indem es es selbst ist und es selbst sein will, durchsichtig in Gott gründet.“ (ebenda, S. 78) Über diese „Durchsichtigkeit“ des Subjektes ist viel philosophiert werden, da es gerade als das Dunkelste und Unklarste erscheint, was sie sein soll. Jaspers sagt: „Kierkegaard und Nietzsche (…) gehen nicht gegen die Reflexion an, um sie zu vernichten, sondern um sie zu überwinden dadurch, dass sie sie selbst grenzenlos vollziehen und beherrschen. Der Mensch kann nicht, ohne sich selbst zu verlieren, zurückgehen in eine reflexionslose Unmittelbarkeit, sondern er kann den Weg nur zu Ende gehen, um, statt der Reflexion zu verfallen, vielmehr in ihrem Medium auf den Grund seiner Selbst zu kommen.“ (zitiert in: Annemarie Pieper: Sören Kierkegaard, S. 141) Das bedeutet: der Grund, den man über die Durchsichtigkeit erreicht, wird eben subjektiv wahrgenommen, und wer Durchsichtigkeit nicht erreicht hat, sieht die Durchsichtigkeit dementsprechend auch einigermaßen mit den Augen eines Farbenblinden an. Und bei Heinrich von Kleist hat man: „Nun, mein vortrefflicher Freund, sagte Herr C…, so sind Sie im Besitz von allem, was nötig ist, um mich zu begreifen. Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. – Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punktes, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der anderen Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein, so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewusstsein hat, d.h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott. – Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müssten wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? – Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“ (Über das Marionettentheater in: Heinrich von Kleist: Das große Lesebuch, S. 320) „So ihr nicht werdet wie die Kinder…“ könnte man meinen; der transzendente Mensch fühlt sich mit dem Kind in aller Regel hochgradig verwandt, und Kierkegaard („Ich rede am liebsten mit Kindern; denn von ihnen darf man doch hoffen, dass sie einmal Vernunft-Wesen werden; die aber, die es geworden sind – herrjemine!“ (Entweder – Oder, S. 29)) meint: „In jedem Kind ist etwas Ursprüngliches, welches bewirkt, dass alle abstrakten Prinzipien und Maximen mehr oder weniger daran scheitern.“ (ebenda, S. 610) – das Kind als der reine Mensch, an dem das System der Hegelschen Dialektik scheitert, und der Zustand der reinen Anschauung, zu dem man kommt, wenn man durch alle Hegelsche Dialektik und Theorie durch ist („Auch ich habe wohl zu früh in den Kessel geguckt, in den Kessel des Lebens und der geschichtlichen Entwicklung, und bringe es wohl nie zu mehr als ein Kind zu werden“, (ebenda, S. 36)): „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott“, so Werner Heisenberg. Auf dem Grund schlägt man ja realiter nicht auf, und, allgemein: indem der Mensch eine Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit ist, von Selbst und Nicht-Selbst etc. kann er nicht „harmonisiert“ werden. Auch die großen Mystikerinnen Teresa von Avila und Marguerite Porete berichten beide davon, dass man, hinsichtlich der unio mystica, das göttliche weiße Licht tatsächlich nur einmal oder ein paar Mal im Leben sehe, dann falle man wieder in seinen, freilich hohen und erleuchteten, aber eben auch relativ zeitlichen Bewusstseinszustand wieder zurück – totale unio mystica könne es erst nach dem Tod, mit dem Eingehen in das himmlische Paradies geben. Fernöstliche „Mystik“ setzt auf Bedürfnislosigkeit, in der sich, so sie erreicht werden kann, das Einswerden mit sich selber verwirklichen kann. Der Zen-Buddhismus konfrontiert uns mittels des Koan mit rein verstandesmäßig nicht auflösbaren Paradoxien um intuitives Verstehen von Welt und Selbst vollständig zu ermöglichen und einen absolut fluiden und gereinigten Geist zu erzeugen. Ich selber sage, man muss versuchen, das Andere in sich aufzunehmen, um seine Begrenzungen zu erweitern und sie schließlich zu transzendieren. All das setzt aber auch, und vor allem, große Anstrengungen und ein Durchwälzen von enormen Wissensmassen voraus. Irgendwas scheint bei der annähernden Erreichung des Absoluten immer zu fehlen, und Kierkegaards religiöser Mensch scheint weder der diesseitigen noch der jenseitigen Welt tatsächlich anzugehören, sondern irgendwie in der Luft zu hängen. Andererseits, und vor allem aber, realisiert sich die Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit vollständig ja nur in der stetigen dialektischen Auseinandersetzung von Zeitlichkeit und Ewigkeit, von Absolutem und Relativen, von Selbst und Anderem etc. Das ergibt dann die Unruhe bzw. eben das pulsierende Herz und die großen Ebenmäßigkeit und Ausgeglichenheit im Hyperraum, in einer höheren Dimension, zu der das Tor Menschen wie Kierkegaard eben aufstoßen. Der transzendente Mensch gehört selbstverständlich nicht allein der höheren Dimension an, er bewegt sich genauso durch die üblichen zeitlichen und räumlichen Dimensionen wie auch durch die spirituelle Dimension und erlangt von dieser Warte aus ein viel intensiveres, und akkurateres, Bild von den räumlichen und zeitlichen bzw. den weltlichen Dimensionen als die rein weltlichen Menschen. Transzendenz ist, wenn man so will, in sich gebrochen, da sie nur in der Reflexion auf die Immanenz verwirklichbar ist, die ebenfalls in sich gebrochen ist, ergebend dann eine Art Möbiusschleife, wo sich Harmonie und Verdammnis, Samsara und Nirwana, Zeitlichkeit und Ewigkeit in ihrem ewigen gegenseitigen Fluss treffen. In der zeitlichen Dimension mag, mit der Weisheit des Alters, immer mehr Ruhe und Weisheit eintreten. Humor ist das, was den religiösen Menschen auszeichne, so Kierkegaard. Indem der Mensch eine (unauflösbare) Synthese von Zeitlichkeit und Ewigkeit ist, ist er auch in einer Aporie gefangen, einer Aporie von Zeitlichkeit und Ewigkeit. Ironie reflektiert auf das Paradoxe, Humor hingegen auf die Aporie. „Humor ist wenn man trotzdem lacht“: Und der religiöse Mensch nimmt seine letztendliche Gefangenheit in der Aporie „mit Humor“. Auch ein anderer genialer Mensch und Weiser, Lemmy von Motörhead, soll gesagt haben: „Das Wichtigste im Leben? Ein Sinn für Humor! Wenn du den Humor verlierst, bist du erledigt. Dann kannst du dir genauso gut eine Kugel durch den Kopf jagen.“ Das ist das tiefste Geheimnis, und das Geheimnis des Gottmenschen. „Das Christentum ist die Lehre vom Gott-Menschen, von der Verwandtschaft zwischen Gott und Mensch“ (Die Krankheit zum Tode, S. 119), und der Gott-Mensch nimmt die Zumutungen Gottes eben mit Humor, und bewahrt bzw. bestätigt dadurch seine innere Freiheit und Lebendigkeit. „Geistesbildung im Verhältnis der Absolutheit und Kindlichkeit zusammengesetzt ergeben Humor.“ (Unwissenschaftliche Nachschrift. S. 743) Der wahre Tyrann ist erst dann zufrieden, wenn er die innere Freiheit des Menschen, den er drangsaliert, vernichtet hat; wenn der drangsalierte Mensch dem Tyrann gegenüber seine innere Freiheit und Lauterkeit, sein persönliches Zentrum, seinen Humor bewahrt, hat man wieder den Sieger oder eben den Verlierer, der „im Unterliegen den Sieger beschämt“. Kierkegaard zeigt auf, wie dieses innere Zentrum bewahrt bzw. überhaupt erst geschaffen werden kann. Als Lemmy Kilmister gestorben ist, gab es wenig Zweifel daran, dass ein Gott gestorben sei. Und Kierkegaard war ein Prophet Gottes.

Verwendete Literatur:

Adorno, Theodor: Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. Mit einer Beilage: Kierkegaards Lehre von der Liebe, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1962

Garff, Joakim: Kierkegaard. Biographie, München/Wien, Hanser 2004

Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode, Hamburg, Europäische Verlagsanstalt 1984

Kierkegaard, Sören: Die Schriften über sich selbst / Über meine Wirksamkeit als Schriftsteller, Gesammelte Werke, dreiunddreißigste Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1951

Kierkegaard, Sören: Die Wiederholung. Die Krise, Hamburg, Europäische Verlagsanstalt 1984

Kierkegaard, Sören: Entweder – Oder, München, DTV 1975

Kierkegaard, Sören: Erbauliche Reden in verschiedenem Geist, Gesammelte Werke, 18. Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1964

Kierkegaard, Sören: Erbauliche Reden 1850/51 / Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen / Urteilt selbst Gesammelte Werke, 27., 28. Und 29. Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1953

Kierkegaard, Sören: Philosophische Brocken, Hamburg, Europäische Verlagsanstalt 1984

Kierkegaard, Sören: Philosophische Brosamen und Unwissenschaftliche Nachschrift, München, DTV 1976

Kierkegaard, Sören: Stadien auf des Lebens Weg, Gesammelte Werke, 15. Abteilung, Düsseldorf/Köln, Eugen Diederichs Verlag 1958

Kleist, Heinrich von: Das große Lesebuch, Frankfurt am Main, Fischer 2011

Liessmann, Konrad Paul: Kierkegaard. Eine Einführung, Hamburg, Junius 1993

Meillassoux, Quentin: Trassierungen, Leipzig, Merve 2017

Pieper, Annemarie: Sören Kierkegaard, München, Beck 2000

Pisa, Karl: Schopenhauer. Der Philosoph des Pessimismus, München, Heyne 1988

Wesche, Tilo: Kierkegaard. Eine philosophische Einführung, Stuttgart, Reclam 2003

NAUGHTY NUNS: VINTAGE NUN PORN FROM THE CLASSIC TALE ‘THE NUN’ & MORE (NSFW OR CHURCH)

Letztes Präludium zu einer Notiz über Kierkegaard

Da setze ich mich also hin, mit meinem gewaltigem Geist und meinem gewaltigen geistigen Hunger, um nunmehr den gesamten Kierkegaard zu verspeisen! So wie ich es mit dem gesamten Kafka gemacht habe und etlichen anderen, und wie ich es in weiterer Folge, was die richtig großen philosophischen Brocken anlangt, mit Nietzsche vorhabe und dann wohl mit Marx (irgendwann mittelfristig mit Goethe et al). Gewaltig ist mein geistiger Hunger, aber gewaltig ist auch mein Geist! Ich muss durch die Materie hindurch und alles abhandeln und ich muss mir den (gesamten) Kierkegaard vornehmen und ihn in mich aufnehmen, mir einverleiben, seinen Geist begreifen und mit meinem amalgamieren (und mit Nietzsche und mit Marx und mit Goethe et al auch). Ich muss die gesamte (Kierkegaard-) Materie zusammentun, in ein Paket verschnüren (das geschieht, indem ich möglichst vollständige Notizen über sie dann schreibe), und dann dieses Paket auf dem Meeresgrund meines Geistes versenken, wo es sicher ruht (und Ruhe gibt). Materie zusammentun, sie in ein Paket verschnüren und das dann sicher versenken und anketten, auf dem Grund meines Geistes! Das nicht aus Größenwahn oder Besitzdenken, nein, natürlich nicht!, sondern weil ich rastlos und getrieben bin. Rastlos, getrieben und unstet, aufgrund des pathologischen Dranges, intellektuelle Probleme lösen zu müssen. Das ist das Zentrum meiner Subjektivität. Eindrücke zu verarbeiten, die Welt zu scannen. Otto Weininger meint, das Genie steht dauernd unter Eindrücken, und das tue auch ich: alles übt einen gewaltigen Eindruck auf mich aus und diese Eindrücke besetzen mich, ich muss sie prozessieren, daher kann ich auch nicht viel sprechen. Aufgrund dieser Eindrücke lebe ich die meiste Zeit, und bevorzugt, in einer Art intellektuellen Trance. Das ist einerseits ein Ruhezustand und einer des Friedens, andererseits nicht, aufgrund der Rastlosigkeit und der Getriebenheit und der Unstetigkeit, mit der er urtümlich verbunden ist. Wie es scheint, gibt es mir eine gewisse Suspension von der Getriebenheit, wenn ich den Eindruck habe, ich kann Materie zusammentun, sie zu Paketen verschnüren und sie dann versenken, auf dem Meeresgrund meines Geistes. Mit Kafka oder Kierkegaard oder Bruegel werde ich mich in meinem Leben fürderhin nicht mehr grundsätzlich beschäftigen müssen, nachdem ich möglichst definitive Notizen über sie verfasst habe, nach eingehendem Studium: ich habe sie zu Paketen verschnürt und sie gelagert, auf dem Meeresgrund meines Geistes. Ich habe diese Massive bezwungen, ich habe das abgehakt, eine Station – die Kafka-Station, die Bruegel-Station und jetzt eben hoffentlich die Kierkegaard-Station – genommen und passiert – und das ist gut so (sogar sehr gut!). Das ist höchst notwendig, denn der Hochgeschwindigkeitszug meines Geistes keucht schon wieder vorwärts, rastlos und getrieben, und muss zu neuen Stationen. Daher mache ich das so! Es gibt mir eine gewisse kleine Sicherheit. Derweil muss ich vorrangig durch solche, den Geistes- und Humanwissenschaften zurechenbaren Materien hindurch – was mir ein gewisses Unbehagen bereitet, da ihr Nutzen für die Menschheit diffus und ungeklärt ist. Brücken sollte ich bauen oder Heilverfahren entwickeln! Ich bin ja rastlos und getrieben, für die Menschheit was zu tun, und weniger davon, mich selbst zu kultivieren. Für die Menschheit was zu tun, das ist mein eigentliches intellektuelles Problem, für das ich nach Lösungen suche! Und dann beschäftige ich mich mit Kafka und Kierkegaard und Goethe! Anstatt Brücken zu bauen oder Heilverfahren zu entwickeln! Aber gegen die temporäre Beschäftigung mit Kafka, Kierkegaard, Goethe gibt es ja keinen stichhaltigen Einwand, und derzeit bin ich halt davon besetzt, und mit diesen intellektuellen Problemen verschmolzen, mit ihnen verwachsen. Hänge an ihrem Firmament, wie in einer Larve, und kann mich nicht groß bewegen, bevor ich nicht, mittels eingehender Beschäftigung und dem Verschnüren und dem Versenken von Paketen, daraus ausbrechen kann und davonfliegen. Weiters ist humanwissenschaftliche Bildung gut, wenn man Brücken bauen will oder Heilverfahren entwickeln. Große Frage ist aber dabei auch, wie effektiv ich im Brückenbauen oder Heilverfahrenentwickeln eigentlich sein kann. In etlichen Belangen, wie zum Beispiel dem der statischen Berechnungen, dem Zeichnen oder dem Modellbau, bin ich nicht eben geschickt oder der Hellste. Medizin will grundlegend gelernt sein und ist vor allem eine empirische Wissenschaft, wo man als Theoretiker eher wenig ausrichten kann, wo der Theoretiker mit seinem wilden spekulativen Geist vielleicht sogar mehr Schaden anrichtet, als er Nutzen stiften kann! Wenn man sich in den Dienst der Menschheit und des Fortschrittes stellen will, soll man ja auch darauf achten, sich selbst zum bestmöglichen Nutzen und möglichst effizient einzusetzen. Wenn man einen singulären Geist hat, soll man sich auf den Gebieten bewegen, wo der Geist singuläre Wirksamkeit entfalten kann, sonst ist der Geist relativ vertan. Und vielleicht kann ich diesen Nutzen so nur stiften und mich nicht relativ vertun, wenn ich mich eben der Kunst und den Geistes- und Humanwissenschaften widme – obwohl ich eben auch anderes gerne täte und zum Beispiel die Materialwissenschaften recht interessant finde! Gute neue Materialien entwickeln – das wäre schon recht nützlich! Naja, vielleicht kann ich mich in der Zukunft solchen Sachen widmen. Einstweilen muss ich vorrangig durch Kunst und geistes- und humanwissenschaftliche Materie hindurch. Gott stehe mir dabei bei. Die Kunst/geistes/humanwissenschaftliche Materie besetzt mich sehr stark, hält mich in eisernem Griff und übt ihre Eindrücke auf mich aus. Intensität ist das Kennzeichen des Genius und es geht mir darum, die Intensität zu steigern: die Intensität des geistigen Arbeitens, die Intensität der Eindrücke! Bei aller Intensität, mit der ich wahrnehme, habe ich nämlich doch den Eindruck, dass alles eher schwach ist. Wenn ich aus dem Fenster sehe, übt das einen Eindruck auf mich aus, aber eher keinen starken. Wenn ich meine drei Uhren an der Wand betrachte, übt das einen Eindruck auf mich aus, aber eher keinen starken. Mein Geist und mein Wahrnehmungsvermögen sind sehr speziell. Leute werfen Drogen ein, um so was zu erreichen, und erreichen das aber dann wohl gar nicht. Umgekehrt scheinen Drogen keinen starken Eindruck auf mich zu machen, da mein Geist sowieso stärker ist als ihre Wirkung das jemals hervorrufen könnte. Eingehende Erfahrungen mit Drogen habe ich aber nicht, also kann ich da nicht viel sagen und habe da keine Autorität. Mit den Menschen spreche ich nicht viel – allerdings tun sie das untereinander ja auch nicht, und wenn, dann hauptsächlich zum Schein – aber ich nehme sie vergleichsweise stark wahr, und wenn ich mich durch die Menschen bewege, bewege ich mich durch eine Art Feld, über das ich mit den Menschen verbunden bin – irgendwie (bei den meisten anderen Menschen ist das, glaube ich, nicht so). Allerdings: verschmolzen oder so was in die Richtung fühle ich mich mit ihnen wieder nicht, obwohl ich das eventuell gerne wäre. Aber es ist halt wohl ganz einfach so, dass es eben Grenzen der Intensität gibt, naturgemäß. Die großen spirituellen Lehrer sprechen davon, wie verschmolzen sie seien mit den Menschen; das würde ich auch gerne erreichen, aber ich frage mich, inwieweit das nicht ganz einfach eine Übertreibung oder Irreführung oder narzisstischer Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten geschuldet sein mag beziehungsweise einem mangelnden intellektuellen Differenzierungsvermögen was die Durchsicht durch die eigenen Gefühle und das eigene Selbst anlangt. So ist das wahrscheinlich. Oder halt aber eben auch einer ehrlichen inneren Energie und einem gutmütigen Wesen und großer Liebe für andere! Ich würde gerne einmal einen wirklichen Erleuchteten treffen, um sehen zu können, wie das wirklich ist. Es enerviert mich auch ein bisschen, dass ich jetzt wieder – und insgesamt so viel – über mich schreibe! Der Eindruck könnte entstehen, ich sei größenwahnsinnig oder von mir selbst besessen. Aber nach eingehender Prüfung bin ich das auch nicht mehr als der durchschnittliche andere. Ich schreibe ja nicht über mich selbst, sondern ich untersuche meinen eigenen Geist. Ich schreibe das nieder, was ich in meinem eigenen Geist lese. Natürlich ist es auch, vielleicht sogar vor allen Dingen so, dass das mit Selbstgenuss in Verbindung steht, aber wenn er anderen nicht schadet, ist Selbstgenuss ja vollständig in Ordnung, vor allem ist Selbstgenuss eher einmal der wesentlichste Teil eines erfüllten Lebens – und ein erfülltes Leben zu führen vielleicht sogar wichtiger als in einer Welt zu leben, wo es eine ganze Menge Brücken und Heilverfahren gibt – ja, vielleicht kann der Wert meiner Arbeit auch darin liegen, dass sie ein Bild des Selbstgenusses gibt und somit auch für alle anderen ermöglicht. Groß ist dann mein Ruhm, wenn ich, in Verbindung mit dem Selbstgenuss, der damit in Verbindung steht, meinen Geist und die spontanen Prozesse meines Geistes eingehend beschreibe! Mein Geist ist es höchst wert, beschrieben zu werden, er ist wissenschaftlich und menschheitsgeschichtlich relevant, denn er ist der Große Geist. Die Biographen werden dereinst alles möglichst genau wissen werden, wie sich das mit meinem Geist verhält, also versuche ich es ihnen schon jetzt möglichst genau zu sagen. Außerdem und vor allem spiegeln sich in meinem Geist erhebliche Teile der ganzen Welt, die ich damit eben beschreibe. Pessoa beschreibt auch in erster Linie seinen – depersonalisierten – Geist. Im „Buch der Unruhe“. Denn Pessoa wusste, wie es ist, rastlos und getrieben zu sein. Über seine Pseudonyme hat er gewisse Betrachtungswinkel auf die Welt zusammengefasst und in Pakete verschnürt und auf dem Boden seiner Manuskriptekiste versenkt. Hier der Bogen endlich wieder zu Vigilius Haufniesis: der hatte es ja auch mit den Pseudonymen.

Out of Touch with Reality / Prelude to Note about the Unitary Consciousness

I am not out of touch with reality. It is just that reality is often quite stupid whereas philosophy is often quite interesting.

However, there is a level of consciousness that is above the level of most philosophers, and that is Unitary Consciousness/Einheits-Bewusstsein. In the Unitary Consciousness, all manifestations of (inner and outer) reality merge into one, “all forms of life are seen as manifestations of the same cosmic being, the boundary between internal and external world becomes permeable, the self is mirrored in all manifestations of the world“, “reality and fiction do not exist anymore; space, time, dream and waking state amalgamate into an all-embracive experience”, etc. It is fluid and homogenous and enables careful selectiveness as it means permanently processing the universe anew (commonly referred to as „seeing the Matrix“). It operates at the level of analysis and integration above the disciplinary segregation of the Hegelian Absolute Spirit (which expresses itself in Science, Art, Philosophy and Religion) and embraces them all and amalgamates them into one (which, practically, means that it oscillates in all them dimensions). Armstrong notices that a very tiny minority of yogis are able reach a level of perception where that which is perceived can only be described via paradoxes any longer, as they encounter a presence that is also absence, abundance that is also emptiness, life that is also death and vice versa, etc. The Unitary Consciouness is a fluid, compeletely even space, that can only be channeled through the non-counterintuitive non-irr/rational (meta) paradoxon illustrated, for instance, in the Koan in Zen-Buddhism. It can also be described as the recognition of the Tao or the space that gets opened via Satori in Zen-Buddhism getting combined with the Western analytical and learned mind. I shall elaborate on the Unitary Consciousness somewhere in time.

Why Good Philosophers Are Out of Touch with Reality

Unitary Consciousness

Anderes Präludium zu einer Notiz über Kiekegaard

Ach ja.

(Joakim Garff: Sören Kierkegaard. Biographie)

Philip Hautmann So finde ich ja auch nicht den Faust als das eigentliche Menschheitsdrama, sondern den Peer Gynt (von Ibsen als eine „bizarre Satire“ auf den Faust geschrieben (wobei mein Rompf wiederum eine bizarre Satire auf den Peer Gynt ist und daher wahrscheinlich einen noch höheren Grad an Realität aufweist ☺️)).
Philip Hautmann Faust, Peer Gynt, Ishmael, K., Malone oder Yorick der Narr sind literarische Figuren, in denen sich die Menschheit individualisiert. Faust erscheint als die übergreifendste und dramatischste, aber beim besten Willen auch als die bizarrste und inadäquateste, auch Nietzsche denkt laut nach, was vom Faust eigentlich überbleibt und was er letztendlich sein soll als halt die Entartung des nach Erkenntnis strebenden Menschen. Die radikale Transzendenzbestrebung des Faust hat man im Allgemeinen ja nicht unter Menschen, die radikale narzisstische Immanenz, die über nichts hinausweisen will als sich selbst, dann schon eher, oder zumindest hin und wieder. Der Faust hat aber Substanz, ist vielfältig verwend- und interpretierbar und macht uns ahnen, während der Peer Gynt keine große Substanz aufweist und uns nicht ahnen macht. 

Meta-Philosophen

Die Intelligenz von Meta-Philosophen wie Sokrates, Nietzsche, Kierkegaard, Wittgenstein oder Otto Weininger ist so hoch (oder zumindest so radikal), dass sie auch die der großen philosophischen Systematiker wie Hegel, Heidegger oder Marx übersteigt – weswegen es eben keine Philosophie mehr ist, was sie machen, sondern Meta-Philosophie. Ihr Denken findet auf einem höheren Level der Analyse und Integration statt, der Abstraktion sowie der Fähigkeit, Individualitäten und Aberrationen wahrzunehmen (und durch sie beunruhigt zu werden); es bewegt sich entlang einer Fluchtlinie, die negativ gekrümmt ins Unendliche und Unbekannte verläuft; das Erstellen von (notwendigerweise beschränkten) Systematiken ist nicht mehr möglich oder findet nicht mehr statt, und wenn, dann nur um gleich wieder subvertiert zu werden. Hegelsch gesprochen hat man da die Realisierung des Absoluten Geistes, allerdings in seiner absoluten Form. Die Realisierung des Absoluten Geistes in seiner absoluten Form wird keine Philosophie mehr sein, sondern ein Bewusstsein über alle Philosophien. (Ob sich die Realisierung des Absoluten Geistes in seiner absoluten Form für dessen Träger im Leben auszahlt, ist freilich eine andere Frage.) Jemand, der sowohl Kafka als auch Otto Weininger gekannt hat, hat gemeint, beide wären „verrückt“ gewesen: Beide hätten einen Satz bereits durchgestrichen, bevor sie ihn überhaupt erst niedergeschrieben hätten. Rimbaud hat gemeint, sein Zeitalter sei zu dornig gewesen für seinen großen Charakter und seine Weisheit werde „ebenso verachtet wie das Chaos“. Hell yeah!

The enduring brilliance of Ludwig Wittgenstein

Remarks on the Relentless Honesty of Ludwig Wittgenstein

Additional Remarks on the Relentless Honesty of Ludwig Wittgenstein

Präludium zu einer Notiz über Kierkegaard

Kierkegaard, eigenartiger Schreiber, sage ich mir wieder als ich die „Philosophischen Brocken“ durchgehe; jeder andere hätte das nicht so geschrieben, wie er es schreibt, vielleicht liegt die „Ironie“ darin, denn dieser K. ist ja aber nicht jeder andere, sondern der Einzelne. Seltsame Mischung aus anziehendem und abstoßenden Stil – was hat er da eben geschrieben? Und ist es überhaupt wichtig? Ja und nein. Man wird leicht unaufmerksam bei der Lektüre, am schlimmsten bei der „Wiederholung“, aber das macht nichts, denn man kehrt immer wieder zu Kierkegaard zurück und liest ihn immer wieder (Ironie der „Wiederholung“). Vollständige Originalität und creatio ex nihilo bzw. aus sich selbst heraus, kaum referierend auf irgendwas anderes – wo hat man das schon? Man ist hier an den letzten und ersten Dingen. Wir sehen uns wieder im Kontinuum.

 

http://mentalfloss.com/article/535132/facts-about-soren-kierkegaard 

https://aeon.co/essays/happy-birthday-kierkegaard-we-need-you-now

 

Quentin Meillassoux, Lee Smolin and Rick Rosner (and the Problem of the Finetunedness of the Cosmos)

Quentin Meillassoux is an interesting and original contemporary philosopher from France; since new philosophy is probably the slowest thing to diffuse and penetrate the minds of the more educated population, not very much is known about him at present in the German-speaking world (although, taking the usual standards into consideration, he may actually already be quite popular). I got me an anthology of him, Trassierungen, and read an article by him in Realismus Jetzt – Spekulative Philosophie und Metaphysik für das 21. Jahrhundert (with many of the other contributions in this volume referring to Meillassoux), both published by Merve. Meillassoux argues that since all attempts to ground our fragile existence in a (metaphysical) necessity (e.g. God) have failed time and again, our existence is necessarily a contingency, with the only thing being absolute being a Hyper-Chaos as a grundloser Grund from which that what is factual derives. From the Hyper-Chaos all things and the (natural) laws that govern things emerge without specific reason, and could also be changed without specific reason. This sheds a new light on an number of philosophical problems, i.e. Hume´s problem of induction/causality, the question whether the „Copernican revolution“ in philosophy by Kant wasn´t actually a mistake, the problem of the event as well as problems of religion, the existence of God, the afterlife, and ethics. The existence of God, for instance, is rather ruled out by Meillassoux, since, upon reflection, God is obviously a perverse God (i.e. via the problem of theodicy) – which, however, does not rule out that God, heaven, the afterlife may come into being in the future, due to Hyper-Chaos (and there is still, if you want, a reason to be a believer (respectively, it is not much different from what many religions propose, e.g. via the Last Judgement, resurrection of the dead, the hidden Iman, etc.)). Likewise, as he does not rule out that natural laws may change, there is an indication that natural laws have changed or evolved in the past. One of the biggest mystery in physics is indeed the finetunedness of the universe, the fact that natural laws, constants, forces, dimensions are so incredibly finetuned that such a finetunedness, enabling life, a stable cosmos and stable matter is actually very, very unlikely – giving an indication that our universe may have well been made by some sort of „intelligent design“.

(Reading Meillassoux is somehow pacifying and comes in as some fresh air, I like to follow along the trajectory of his thinking, and he also says other things I like, for instance about the necessity to do away with ideology in order to progressively achieve clarity in order to gain wider competence (which I, on a more extreme level call the White Lodge). He also talks about the coming into being of the divine human being due to the partly divine nature of man (which I, on a more extreme level, call the overman). And he speaks about the virtual in existence which opens the possibility of introducing something really new and qualitatively different (which relates to genius, respectively the Chaosmos).

Lee Smolin is an eminent physicist, with his most well-known contribution to physics is being a pioneer in the development of „loop quantum gravity“, an approach to quantum gravity rivalling string theory (according to which the universe can be described as a network of abstract quantum states, indicating that spacetime itself is not a continuum but discreet and made of „atoms“ of Planck length and Planck time). There´s also a popular science book by him, Time Reborn. From the Crisis in Physics to the Future of the Universe which is also about the problem of the finetunedness of the cosmos and in which he argues that time is an actual entity: From Galilei to Newton to Einstein an understanding of physics has solidified that physical processes can be described by mathematical equations in which time does not play a specific role, indicating that time is not „truly“ out there in this world – of course, we experience time via the presence of clocks i.e. the earth revolving around itself, the moon revolving around the earth, the earth revolving around the sun or our bodies that are born and die away serving as clocks – which nevertheless does not mean that time is also „there“ when clocks are completely absent (I also recently read a book about Einstein and Gödel by philosopher Palle Yourgrau which mentions that Gödel found a proof that time travel (into the past) is possible – by looking at a somehow eccentric universe (which can, nevertheless be translated into our universe) time travel into the past is possible by moving across space with high velocity: (since that might violate causality, as we could manipulate the past then) indicating that time itself does not exist. Yourgrau mourns that Gödel´s proof has hitherto been largely ignored by both physicists and philosophers (and, indeed, it is not mentioned in Lee Smolin´s book)). Smolin argues that time is a true category (challenging our common understanding the other way round for instance as he suggests that space is not a true entity, but something emergent from a network of relations), and that natural laws may have evolved in time, hence have become ever more finetuned: unfortunately he does not give much indication how such a „meta law“ that governs the evolution of natural laws can come into being, but he says that in the 21st century cosmology will revolve to a good deal about that question. Concerning the mysteries cosmology proposes I at any rate happen to see an article about a new approach every once in a week on Facebook, and in that fashion I just happen to ran into this and that (where another pioneer of loop quantum gravity, Carlo Rovelli, proposes the opposite to Smolin, i.e. that time does not „objectively“ exist). (Concerning loop quantum gravity I read an article in Sterne und Weltraum some years ago about how experiments – measurements of signals of very distant gamma ray bursts which would be refracted if spacetime consisted of „atoms“ – nevertheless failed to indicate that spacetime is granular – despite also failing to explicitely rule out that possibility.)

Rick Rosner is an American known for having achieved some of the most astounding results in the history of high range IQ tests. With an IQ that is probably 192 he is often considered to be the „second smartest man in the world“ (after Evangelos Katsioulis who probably has an IQ of 198). In the recent issues of Noesis – The Journal of the Mega Society (an IQ society for which you need an IQ above 175 to get into, where only one person out of a million can be expected to be this intelligent) there is an ongoing extensive interview with him (which unfortunately has not been printed in its entirety yet). In his eccentricity Rick Rosner occasionally has been calling himself „physics genius – or deluded about everything“, and as such he presents his theories on cosmology in the interview. According to his „informational cosmology“ the universe is information sharing and processing – to an extent that it is probably a conscious entity (though with a consciousness that is likely vastly different from our own). He says that the Big Bang did not actually happen but that the universe recycles itself in „ultra deep time“ around an „active center“ of active galaxies as opposed to the „outskirts“ of the universe where died out galaxies and matter reside, and where the current 14 or so billion years since the „Big Bang“ are more or less only a step in information processing of a universe gradually optimising itself. Protons that enter the active center and „light up“ new galaxies may have been formed from neutrons in collapsed matter or come from an „unstructured primordial matter“ from T=0 (i.e. the center of the „active center“ of the universe, mistaken as the Big Bang), therein forming „new information“, while collapsed galaxies gradually become re-ignited via particle exchange. The universe, Rosner says, has three dimensions because information is generally limited to holding open three dimensions; space seems organised so as to minimize the total distance traversed by particle interactions; time seems oranised to maximize the number of interactions per unit of time. Cosmic Background Radiation is „noise/uncertainty“, and that its temperature is 3 degree Kelvin means that for the universe it is much easier to organise itself than if it would be a higher temperatures. Dark matter is, in essence, collapsed matter, and collapsed matter is what stores information, is the „memory“ of the universe. Irrespective of that, up to now, Rosner did not say much about how the finetunedness of the universe came into being (which is obviously there irrespective of the universe existing in „ultra deep time“), however he says that there are (kind of) economical reasons for it, respectively reasons of consistency. I am, at any rate curious about the remaining parts of the interview to be published in the future.

William James Sidis (1898 – 1944) likely was even more intelligent than Rick Rosner. He was a star as the greatest child prodigy America has ever known but descended into oblivion later in life, which unfortunately also accounts for probably a lot of his work, and making it difficult to distinguish between myth and reality concernig many aspects of his biography. There are, nevertheless, indications that his cognitive abilities were so high above even the most intelligent people on earth that his IQ was suspected to have been between 250 and 300, and already at age 11 (when he gave lectures about mathematics to them) he had been hardly comprehensible even for the finest minds of his time (which likely explains his descent into privacy and opting out of academia, since there was practically no one able to „translate“ his thoughts to a more general audience and serve as a bridge). At the beginning of his twenties he published a book about cosmology, The Animate and the Inanimate, which failed to gain recognition. In this book, he argues that the universe is infinite and eternal and consistent of „positive“ and „negative sections“ which gradually turn into their opposite in ever repeating cycles. Unfortunately, most of Sidis´ writings can hardly be retrieved anymore. Some day, when I will be grown up, I want to write a note about Sidis, titled „The Transbodhidharma“.

In general, there is something brooding in me about those issues, which is, however, so embryonic that I cannot explicitely tell. Maybe I also refrain from sharing some thoughts in order not to possibly embarrass me, though I do not think this is the case since I am Yorick, the Fool and I can say whatever I like. I wanted to find an article about how supposedly improbable patters often arise since they aren´t improbable at all (due to some kind of path-dependency or so), but I cannot find it right now (fuck!).