Und dennoch zuweilen kann ich mich trauriger, ahnender, Furcht erregender Ideen nicht entschlagen, wenn sich wie ein Blitz der Gedanke einschleicht: Ob Dein Herz Deinem Kopfe, Deinen Anlagen entspricht? Ob es Raum hat für die irdischen, aber sanfteren Gefühle, die in diesem Jammertale dem fühlenden Menschen so wesentlich trostreich sind? Ob, da dasselbe offenbar durch einen nicht allen Menschen verliehenen Dämon beherrscht wird, dieser Dämon himmlischer oder faustischer Natur ist? Ob Du je – und das ist für mein Herz nicht der weniger peinigende Zweifel – je für wahrhaft menschliches – häusliches Glück – empfänglich sein wirst? (…) Offenherzig gesprochen, mein lieber Karl, ich liebe dies moderne Wort nicht, worin sich alle Schwächlinge hüllen, wenn sie mit der Welt hadern, dass sie nicht ohne alle Arbeit und Mühe wohl möblierte Paläste und Millionen von Equipagen besitzen. Diese Zerrissenheit ist mir ekelhaft, und von dir erwarte ich sie am allwenigsten.
Heinrich Marx an seinen Sohn Karl
Dr. Marx, so heißt mein Abgott, ist noch ein ganz junger Mann (etwa 24 Jahre höchstens alt), der der mittelalterlichen Religion und Politik den letzten Stoß versetzen wird; er verbindet mit dem tiefsten philosophischen Ernst den schneidendsten Witz; denke Dir Rousseau, Voltaire, Holbach, Lessing, Heine und Hegel in einer Person vereinigt, ich sage vereinigt, nicht zusammengeschmissen – so hast Du Dr. Marx.
Moses Hess
Marx ist äußerst eitel, eitel bis zum Schmutz und zur Tollheit … Marx ist persönlich bis zur Verrücktheit (…) Es ist durchaus möglich, dass Marx sich theoretisch zu einem noch rationaleren System der Freiheit als Proudhon aufschwingen könnte, doch der Instinkt der Freiheit fehlt ihm. Als Deutscher und als Jude ist er von Kopf bis Fuß ein Autoritärer.
Michail Bakunin
Behalten Sie mir den Mohr nicht zu lange (bei sich in Berlin, Anm.); ich gönne Ihnen alles Gute, nur den nicht, das ist der Punkt, wo ich habgierig und eigennützig und neidisch werde, da hört alle Humanität auf und der bare, bloße, eingefleischte Egoismus beginnt.
Jenny Marx an Ferdinand Lassalle
Karl Marx war ohne Zweifel einer der höchsten Intelligenzen, die je diese Erde bewohnt haben. Im charakteristischen Schreibstil seiner Texte scheinen sich die zahllosen Ideen beinahe gegenseitig zu beengen und den Platz wegzunehmen, da sie mit einer unerhörten Intensität und Frequenz artikuliert werden. Marxens Ideen- und Argumentationsketten schienen sich beinahe selber zu überschlagen. Selbstlos wollte er diese Intelligenz in den Dienst der Menschheit stellen. „Für die Menschheit arbeiten“, „der Menschheit dienen“, war von Anfang bis Ende Credo und Ethos seines Lebens. Ohne Rücksicht auf sich selbst – allerdings auch ohne große Rücksicht selbst auf seine engsten Angehörigen – weihte Karl Marx sein Dasein, der unterdrückten und leidenden Menschheit den Weg in ein Neues Jerusalem zu weisen. Seine Wegweisung, seine Lehre ist – analog zu den großen religiösen Systemen – wohl die umfassendste und universalste säkulare Heilslehre, die je formuliert wurde, und wahrscheinlich auch die umfassendste und universalste, die auf diesem Gebiet je möglich sein wird. Da die großen religiösen Systeme die Situation des Menschen im Ganzen erfassen, mögen sie zwar im Lauf der Zeit an Glaubwürdigkeit gewinnen oder verlieren, untergehen werden sie wohl nie. Das gilt sicherlich auch für die Lehre von Marx. Die Menschheit wird Karl Marx nicht mehr loswerden. Zeitgenossinnen und später Geborenen erschien er wie ein Zeus. Wer ihn besser kannte, dem konnte er ein lustiger Geselle und ein ausgelassener Zechbruder wie Dionysos sein. Trotzdem er seiner Familie gleichsam göttliche Plagen auferlegte, verehrte sie ihn wie ein höheres Wesen. Furchtlos und aufmüpfig wie er war, verbannten ihn die eingeschüchterten Herrschenden Europas schließlich in ein Exil; seine übermenschliche Kraft konnten sie ihm nicht rauben. Dort, auf seinen Spaziergängen durch London, steckte er armen Proletarierkindern, auch wenn er selber knapp bei Kasse war, gerne eine Münze zu und streichelte ihnen durchs Haar; denn dieser Übervater der Menschheit liebte die Kinder. Wer war also dieses Menschheitsgenie?
Auch sein eigener Vater, Heinrich Marx, liebte seinen Sohn, der schon früh durch eine enorme intellektuelle Begabung auffiel. Heinrich Marx selbst war ein sehr kluger und gebildeter Mann, er kam aus einer angesehenen Rabbinerfamilie, konvertierte aber zum Protestantismus und sicherte sich so eine erfolgreiche und einträgliche Karriere als Jurist. Dem erstgeborenen Sohn Karl musste so auffallen, dass er vielleicht nicht bloß innerhalb der Familie, sondern eventuell in viel größeren Dimensionen ein „Auserwählter“, ein (von Gott) „Berufener“ sein könnte. In seinem Abiturientenaufsatz zum Thema „Betrachtungen eines Jünglings zur Berufswahl“ schrieb er wenig über die Wahl des Berufs, dafür aber spektakulär über die (von Gott ausgehende) „Berufung“ des (dazu auserwählten) Menschen, sich selbst und „die Menschheit zu veredeln“, zu „vervollkommnen“, zu „vollenden“. Als einen solchen Auserwählten sah er offenbar sich selbst; die Vollendung seiner selbst und die Vollendung der Menschheit begriff er als eins: Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung. Man wähne nicht, diese beiden Interessen könnten sich feindselig bekämpfen …, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, dass er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für … das Wohl seiner Mitwelt wirkt. Wenn er nur für sich schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft großer Mensch sein. (vgl. Künzli S.81) Dabei berichtet der Jüngling auch von Zuständen des inneren Zweifels, ob diese grandiose Berufung, die er von oben empfangen, denn echt sei, oder ob er mit dieser Vorstellung bloß einem eitlen Wahn erliege, gleichsam kein Wohltäter der Menschheit, sondern ein Scharlatan sei, der darob schließlich an Selbstverachtung leiden müsse: … wenn wir in einen Stand gewählt, zu dem wir nicht die Talente besitzen … so werden wir bald beschämt unsere eigene Unfähigkeit erkennen. Die natürliche Folge ist dann Selbstverachtung, und welches Gefühl ist schmerzlicher…? Selbstverachtung ist eine Schlange, die ewig wühlend die Brust zernagt, das Lebensblut aus dem Herzen saugt und es mit dem Gift des Menschenhasses und der Verzweiflung vermischt. (ebenda S.92) Eine harte Überlegung. Ob man Wohltäter oder Scharlatan sei, können natürlich nur andere beurteilen. Dabei scheint nicht ganz klar: Braucht die Menschheit ihn, den Berufenen, als ein Instrument, um endlich Vollkommenheit zu erlangen – oder braucht der Berufene die Menschheit und ihre Vollendung als Instrument, um sich seiner eigenen Vollendetheit schließlich vergewissern zu können, und nicht in Selbstverachtung zu versinken? Eine bereits eigentümlich „dialektische“ Fragestellung. Gleichzeitig stellt sich der Berufene im Abiturientenaufsatz bereits einigermaßen schroff über die Menschheit, die er veredeln will. „Bewundert“ soll er von ihr werden. Auch ist ihm auch die Tragik einer solch fernen Größe bewusst, in der jedoch auch großes Glück wohnt: Wenn wir in den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können, dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind, dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still und ewig wirkend fort und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen. (ebenda S.84) Man merkt, dieser „Berufene“ ist der Menschheit gleichzeitig nahe, aber auch fern.
Viele Menschen haben mit ihren Jugendideologien später in ihrem Leben nur mehr wenig gemein. Andere jedoch „bleiben sich selber treu“, oder, weniger euphemistisch gesagt, ändern sich nie. Karl Marx zählt sicher viel eher zur zweiten Kategorie Mensch. Hat man in diesem Abiturientenaufsatz bereits das psychologische Programm seines Lebens vollständig ausgeführt? Ist es die authentische Willensbekundung, zu der noch die adäquate Vorstellung fehlte (die vom Sozialismus, mit dem der junge Karl noch keineswegs vertraut war)? In seinen Jünglingsjahren versuchte sich Karl als Dichter; er musste sich schließlich aber eingestehen, dass ihm die entscheidende Begabung dafür fehlte. Vom Vater dazu angehalten, studierte er Rechtswissenschaften in Bonn, Berlin und Jena, nutze sein Studium aber, um tief in die Philosophie einzutauchen. Seine Dissertation war über ein philosophisches Thema. Die dünnen Hoffnungen auf eine Lehrstelle an der Universität zerschlugen sich allerdings. Stattdessen wurde Marx nach seinem Studium Journalist und schnell Redakteur bei der „Rheinischen Zeitung“. Ideologisch war Marx damals am Ehesten ein Linkshegelianer. Spätestens über die Arbeit bei diesem progressiven Blatt, über die Bekanntschaft mit progressiven, teilweise sogar revolutionär gesinnten Menschen wie Bruno Bauer, Moses Hess oder Arnold Ruge und schließlich auch Friedrich Engels, über die Lektüre von sozialistischen Denkern wie Charles Fourier oder Pierre-Joseph Proudhon und über seine Empörung über die krassen sozialen Missstände seiner Zeit begann Marx gleichsam eine Vorstellung zu seinem Willen, die Menschheit zu vollenden, zu finden: die von der Entwicklung des Wissenschaftlichen Sozialismus, der Bekämpfung von Kapitalismus und bourgeoiser Herrschaft und der Vorantreibung der Revolution, die in einen vollendeten Zustand der Menschheit schließlich führt, den Kommunismus. Der Rest im Leben von Marx wurde dann Geschichte.
In den Jahren zuvor aber spitzte sich der Konflikt zwischen Karl und seinem Vater und seiner Familie zu. Karls schroffe Distanziertheit, seine ständigen Bitten um Geld, das er offenbar freudig verpulverte, und sein undurchsichtiger, scheinbar planloser Lebenswandel, irritierten seine Familie. Über die Jahre hinweg musste Heinrich Marx beklemmende Charakterzüge an seinem Filius feststellen, mit denen er ihn zunehmend offen konfrontierte (wenngleich hauptsächlich über Briefe): eine abnormale „Zerrissenheit“, sprich Reizbarkeit und Irritierbarkeit, wenn etwas nicht seinen Wünschen entsprach; ein kühles Verhältnis zu seiner Familie und scheinbar zu Menschen allgemein; ein tyrannisches Verhalten gegenüber seinen jüngeren Geschwistern, selbst als Karl noch ein Kind war; sein scheinbar sogar aggressiv verantwortungsloser Umgang mit Geld und hinsichtlich seines Lebenswandels insgesamt. Am Unheimlichsten war dem Vater, wie bei Karl scheinbar ein übergroßer, gleichsam überzüchtet und überkultiviert erscheinender Intellekt einem offenbar primitiven und verödeten Gefühlsleben gegenüberstand. Trotz seiner bisweilen jovialen und ausgelassenen Art und der Vielfältigkeit seiner Persönlichkeit und seiner Interessen schien Karl Marx zeit seines Lebens kaum zu tiefen Beziehungen zu Menschen oder zu einer echten Freude und einem tiefen Genuss an Dingen imstande zu sein (weswegen er sich auch nicht zum Dichter eignete). Andauernde Freude fand er scheinbar nur in seinem wütenden Kampf gegen Unterdrückung, in seiner revolutionären „Arbeit für die Menschheit“.
In einem Fragebogen für das Poesiealbum seiner Tochter antwortete Marx im Jahr 1865 bei der Frage nach „Ihrer Auffassung von Glück“ mit „Zu kämpfen“, und auf „Ihre Auffassung von Unglück“ mit „Unterwerfung“ (Anm.: Im Original ist das gar nicht vorhanden, die Zeilen sind leer. Woher kommt das also?) Drei Jahre vor seinem Tod antwortete Karl Marx, vom Journalisten John Swinton nach dem „Gesetz des Seins“ gefragt, in einem tiefen und feierlichen Ton mit: „Kampf!“ (vgl. Musto 2018 S.12). Immer wieder nahm dieser „Kampf“ auch die Form von irrationalen Polemiken wie Die großen Männer des Exilsoder Herr Vogt an, für deren Verfassung Marx selbst seine theoretische Arbeit hintanstellte, so getrieben war er davon. Und auch seine theoretischen Schriften strotzen bekanntermaßen vor einer Aggressivität gegenüber ideologischen Gegnern, die unnötig erscheint. Angesichts dessen lässt sich fragen, wie tatsächlich rational auch die rationalen Formen seines Kampfes, also sein theoretisches Werk, dann eigentlich war und ist. Etwas „Dämonisches“ hatte bereits der Vater an Karl wahrgenommen, beziehungsweise, dass sein Sohn von „Dämonen“ getrieben zu sein scheint. Der ebenso triviale wie tragische Begriff von den „Dämonen“, die in einem stecken und mit denen man ringt, ist ein Ausdruck für übermächtige, aggressive Impulse, die bisweilen durch die individuelle Rationalität durchdringen und sie zu übermannen scheinen. Bei Marx scheinen diese Dämonen eine kämpferische Wut gegen Unterdrückung, gegen die Unterdrücktheit seines eigenen Gefühlslebens gewesen zu sein, die dieses schließlich so übermächtig beherrscht haben. Und die dämonisch genug war, um einerseits viele Menschen von ihm abzustoßen, gleichzeitig aber auch viele Menschen anzuziehen – und, so wie Marxens Frau, seine Töchter oder seinen Freund Engels, zusätzlich zu so vielen der nachgeborenen Marxistinnen bis auf den heutigen Tag – geradezu zu verschlingen. Inklusive ganzer Länder und Erdteile, in denen sich marxistisch inspirierte Regime etabliert haben.
Diese mangelnde Freude an gewöhnlichen Dingen, für wahrhaft menschliches Glück, wie es der Vater meinte, schien auch in Marxens geradezu selbstzerstörerischen Unwillen zu arbeiten zum Ausdruck zu kommen. So eigentümlich liebevoll und schwärmerisch er von der Versöhnung des Menschen mit seiner Arbeit im kommenden Sozialismus fabulierte, so „entfremdet“- abgestoßen schien er auch praktisch von Arbeit unter gegenwärtigen Umständen sich zu fühlen, wie er es auch als Theoretiker formuliert hat. Zeitweilig hat Marx als Journalist gearbeitet, obwohl er sich auch darum nicht übermäßig bemüht hat. Zwar hat ein Genie tatsächlich etwas Besseres zu tun als einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Aber es bleibt in der Regel auch dann produktiv, wenn es sich dieser Notwendigkeit nicht entziehen kann. Das tägliche Managen seiner ärmlichen Lebensumstände muss Marx zudem so viel Zeit und Energie gekostet haben, dass er auch hätte arbeiten gehen können. Auch nicht alle Arbeit hätte für ihn „entfremdend“ sein müssen, es hätte auch Arbeiten gegeben, die ihn menschlich hätten erfüllen können. Er hätte Sprachlehrer werden können. Marx hatte ein großes Talent, Kinder zu unterhalten und ihnen Geschichten zu erzählen, das er hätte kapitalisieren können. Man stelle sich vor: Marx als gefeierter Kinderbuchautor oder als populärer Londoner Kinderclown „Uncle Carl“! Eine solche Arbeit hätte ihm Spaß machen müssen und ihn eventuell sogar wohlhabend werden lassen, ohne dass seine revolutionäre „Arbeit für die Menschheit“ darunter substanziell gelitten hätte. Aber es schien für ihn, im Grunde seines Herzens, eben nur die revolutionäre Arbeit zu geben. Hätte er für sich allein in großer Armut gelebt, wäre das seine Sache gewesen. Aber über seine ruinöse Lebensweise stürzte Marx auch seine Familie ins Unglück. Schuld und Reue empfand er deswegen wenig, stets wusste er „die Umstände“ dafür verantwortlich zu machen. Als „Berufener“ schien er sich aristokratisch- oder großbürgerlich-erhaben über Arbeit. Aristokratisch und großbürgerlich war er gleichzeitig in seinem verschwenderischen Umgang mit Geld, das er Zeit seines Lebens von anderen bezog. Marxens Briefe sind voll von Wehklagen über seine Situation, rasch gefolgt von (nur notdürftig „charmant“ oder witzig verpackten) Anklagen an den Adressaten, warum dessen Hilfe noch nicht da sei. Er brachte es sogar fertig, Engels mit solchen Anklagen und Wehklagen zu überhäufen, als der ihm von dem plötzlichen Tod seiner geliebten Lebensgefährtin Mary Burns berichtete. Die Alliance zwischen Engels und Mary Burns – einer einfachen irischen Arbeiterin – schien bei Marx und vor allem seiner Gattin Jenny aber grundsätzlich nie gut aufgenommen worden zu sein – diametral entgegen zu dem, was sie theoretisch vertraten (Anm.: Die Einstellung von Marx und vor allem seiner Frau gegenüber Mary Burns wird dabei von verschiedenen Biographen verschieden bewertet). Marx stammte aus dem Bürgertum und legte vieles am bürgerlichen Habitus und dessen Überlegenheitsdünkel zeit seines Lebens nicht ab; er schien stolz darauf gewesen zu sein, eine Aristokratin geheiratet zu haben, die trotz aller Wandlung zur Sozialistin ebenfalls ihre Herkunft nicht vergaß. Obwohl Marx das Leben der Bohème lebte, verachtete er die Bohème und verglich sie mit dem Lumpenproletariat. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass Karl und Jenny Marx und ihre Kinder an und für sich finanziell stabil hätten leben können, wenn sie bescheidener gelebt hätten. Ein Gutteil des Geldes zerrann ihnen unter den Fingern, weil sie ohne die entsprechenden Mittel die Fassade eines bourgeoisen Lebensstils aufrechterhalten wollten.
Am Sonderbarsten ist Marxens arbeits- und pflichtverweigernde Haltung aber auf seinem ureigensten Gebiet, dem des revolutionären Intellektuellen. Trotz seiner exzessiven Anfälle von Arbeitswut blieb er immer wieder darin blockiert, seine Arbeiten auch fertigzustellen, oder Arbeiten anzufangen eben unter dem expliziten Auftrag, sie fertigzustellen (wurde ein solcher Auftrag an ihn herangetragen, wurde er in der Regel krank). Nicht nur stellte er die letzten 16 Jahre seines Lebens die Folgebände des Kapital nicht fertig, obwohl sie als Manuskripte im Wesentlichen vorhanden waren; er kümmerte sich ebenso wenig um die Veröffentlichung oder Wiederveröffentlichung seiner früheren Schriften, die zu den bedeutendsten Dokumenten der Geistesgeschichte gehören und für das Gesamtverständnis von Marxens Denken unabdingbar sind. Von etlichen dieser unveröffentlichten Manuskripte wusste nicht einmal Engels. Schon Arnold Ruge stellte bei dem jungen Marx fest: Er liest sehr viel … aber er vollendet nichts … Er will immer das schreiben, was er zuletzt gelesen, liest dann aber immer weiter und macht neue Exzerpte… (vgl. Gerber 2018 S.82) Könnte man meinen, Marx habe vielleicht weniger „für die Menschheit“ gearbeitet, sondern eher, um seine ungezügelte Forschungsleidenschaft zu befriedigen? Dieser Denker über Ökonomie scheint auf jeden Fall in seinem Arbeiten eigentümlich unökonomisch gewesen zu sein. Auffallend auch die Detailverliebtheit, mit der sich Marx in seine Arbeit – und stets erneut in ein Büchermeer – stürzte, um sein Wissen und seine Argumentationen wasserdicht zu machen: und dann aber gleichzeitig zahlreiche seiner Thesen ungeprüft und unhinterfragt stehen ließ, bei dem auch einem mäßig intelligenten Leser auffallen muss, dass sie zumindest zweifelhaft sind. Man sagte und entschuldigte die Sache gerne von wegen Marx litte an einem Perfektionsdrang, der ihn nichts aus der Hand geben ließ, was nicht perfekt sei. Aber auch ein so exzessiver „Perfektionsdrang“ ist inwendig sicherlich morbid: Ausdruck einer inneren Unsicherheit, eventuell im Zusammenhang mit einem unmenschlichen Ideal, das man natürlich nicht erreichen kann (dann sollte man eben den Götzen dieses Ideals stürzen). Alles in Marxens Denken war Anklage: Anklage gegen den Kapitalismus und gegen die Bourgeoisie. Auch wenn er glaubte, den Kapitalismus und die Bourgeoisie intellektuell erledigen zu können, musste er doch zur Kenntnis nehmen, dass diese beiden Gegner weit mächtiger und widerstandsfähiger waren, als er in seiner übermütigen Rhetorik tat. Vor allem Das Kapital sollte die unumstößliche Anklageschrift gegen den Kapitalismus sein. Marx schien darauf bedacht, auch den letzten Anklagepunkt gegen den Kapitalismus ins Kapital aufnehmen zu können – und diesen immer wieder erneut zu suchen – bevor er die ultimative Anklageschrift dann auch triumphierend und siegesgewiss veröffentlichen wollte: Und so veröffentlichte er sie letztendlich nie. Hatte Marx tief im Inneren damit zu kämpfen, dass er wusste, dass etliches an seinen Argumentationen nicht robust war; hat er gespürt, wie sehr seine Schriften aus einer subjektiven Wut kamen und nicht aus einem objektiven Forschungsinteresse; sind die Zweifel des Abiturienten lebendig geblieben, ob er nun tatsächlich ein Auserwählter und ein Veredler der Menschheit war, oder ein Scharlatan, der sich und andere betrog? War, psychologisch noch verworrener, Marxens immer wieder destruktiver Umgang mit seiner eigenen Konstruktivität ein Ausdruck passiver Aggressivität? Passive Aggressivität entsteht, wenn jemand angehalten ist, etwas zu erfüllen oder eine Rolle zu übernehmen, die er nicht will. Ein sehr komplexes Gemisch an Gefühlen mag entstehen. Teils aus Pflichtbewusstsein, teils aus Zwang, teils aus Naivität und innerer Unsicherheit, teils aus Liebe zu den Eltern, wird das Kind der Rollenanforderung zunächst entsprechen. Wenn es diese Rolle aber in Wahrheit für sich ablehnt, sich aber nicht offen dagegen auflehnen kann, wird es diese Rolle und diesen ihm zugedachten Auftrag schließlich sabotieren. Sich selbst und seinen eigenen Erfolg fortwährend zu sabotieren, um die egoistisch-einfordernden Eltern symbolisch damit zu bestrafen, kann dann das tragische Lebensschicksal werden; schließlich bestraft man sich selbst damit, vor allem, wenn ein ungelöster Konflikt zwischen dem eigenen Autonomiebestreben und dem Pflichtbewusstsein bestehen bleibt. Wollte Marx bei seiner selbst auferlegten, belastenden und persönlich ruinösen „Arbeit für die Menschheit“ mit seinem fortwährenden Verweigern, diese Arbeiten auch fertigzustellen und der Menschheit zu übergeben; wollte Marx damit der Menschheit – dieser so einfordernden und nach „Vollendung“ lechzenden Menschheit – signalisieren, dass sie ihn eigentlich auch am Arsch lecken kann?
Wenn auch Marx sich mit den meisten Menschen im Laufe seines Lebens schließlich überwarf, und er distanziert zu seiner Herkunftsfamilie blieb, bildete seine eigene Familie, bestehend aus Gattin Jenny und den drei Töchtern Jenny, Laura und Eleanor, sowie auch der Haushälterin Helene Demuth ein festes Band, einen eisernen Ring. Was aber, wenn dieser Ring auch etwas hatte, von dem sich die Eingeschlossenen nicht befreien konnten? Marx liebte seine Frau und seine Kinder aufrichtig. Und doch klafften selbst in diesen seinen engsten zwischenmenschlichen Verbindungen eigentümliche emotionale Löcher, der Unachtsamkeit und der Rücksichtslosigkeit. Zu den Dokumenten, die Marx als Menschen zeigen, gehört der Briefverkehr mit seinem Freund, dem meist in der deutschen Ferne lebenden Arzt Ludwig Kugelmann. In denen zum Beispiel erzählt er, neben sachlichen Dingen, ausführlich über seine körperlichen und finanziellen Leiden, über seine Familie berichtet er aber praktisch nie. Und wenn, dann derart: Die Kinder gehen gut voran, obgleich immer noch angegriffen. (Brief vom 11. Juli 1868). Oder: Meine Tochter Nr. II heiratet Ende dieses Monats. (Brief vom 6. März 1868) Oder: P.S. Es kommt noch hinan, dass während des August Lafargue und Gattin und Söhnchen nach London kommen. (Brief vom 30. Juli 1869) (gemeint damit sind Tochter Nr. II Laura und Marx` neugeborener Enkel Charles Étienne) (Umgekehrt richtet Marx zwar regel- und routinemäßig Grüße an Kugelmanns Gattin und Sohn aus, erkundigt sich aber weiter nicht nach ihnen.) Marx hätte für seine Familie sorgen müssen, durch seinen Unwillen zu arbeiten und einen unökonomischen Umgang mit Geld verdammte er sie stattdessen über viele Jahre hinweg in Verhältnisse, die man als solche extremer Armut bezeichnen kann; zu zermürbenden und ungesunden Verhältnissen. Von den sieben Kindern, die Karl und Jenny zeugten, starben vier frühzeitig oder kamen als Todgeburten zur Welt. Nach etlichen Jahren der Ehe war Jenny Marx schließlich eine physisch und psychisch zerrüttete Frau. Mit ihrer häufigen Unzufriedenheit und Reizbarkeit machte sie nicht nur Marx, sondern auch ihren Kindern das Leben schwer. So wie Marx litt auch sie immer wieder an schweren Krankheiten. Dennoch wurde und blieb diese Aristokratin unter dem Einfluss ihres „Mohr“, wie Marx aufgrund seines dunklen Teints von Familie und Freunden genannt wurde, nicht nur überzeugte Sozialistin und „Marxistin“, sie blieb lebenslänglich emotional an ihm haften. Und so war es auch umgekehrt. „Der Mohr ist mit ihr gestorben“, stellte Engels nach dem Tod von Jenny fest, die Marx nur kurz überlebte. Jenny, die hochintelligente und -kultivierte Tochter des gleichermaßen geistreichen und weltmännischen Baron von Westphalen, galt zudem als „das schönste Mädchen von Trier“ (sie war dabei um vier Jahre älter als Marx und fungierte daher eventuell auch als Ersatzmutter für ihn, der zu seiner Mutter ein schlechtes Verhältnis hatte – auch wenn das wahrscheinlich eine Überinterpretation ist). Karl war der Sohn eines angesehenen Juristen und zudem der Stoff, aus dem die intellektuellen Träume sind; einer der seltenen Menschen, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass man ihnen im Leben je begegnet. Wie sollten sich die beiden nicht magnetisch anziehen? Dennoch strapazierte Karl seine Jenny bereits durch die lange Verlobungszeit (aufgrund seines Bummelstudiums), und es mussten ihr andere Merkwürdigkeiten an ihrem Verlobten auffallen (auch wenn sie die Unruhe, die ihr Karl überall stiftete, genoss). Allerdings war möglicherweise auch Jenny nicht normal, sondern eine neurotische Persönlichkeit. Auch sie konnte mit Geld nicht umgehen und trug so zur stets schwierigen Lage der Familie bei. In ihrer inneren Unsicherheit war es vielleicht die scheinbar übermenschliche Willenskraft und Unbeugsamkeit von Karl Marx, die sie wie ein reißender Fluss mitriss – als Opfer seiner „Dämonen“ also. Letztendlich schienen sich Karl und Jenny auf einer archaischen Ebene zu begegnen: als Anima und Animus, daher in einem unauflöslichen Band. Auch die drei hochbegabten Töchter Jenny, Laura und Eleanor wurden zu überzeugten Sozialistinnen und Marxistinnen. Trotzdem sie bereits im Volksschulalter ganze Stellen von Shakespeare auswendig kannten, wurden sie von ihren Eltern – in ganz großbürgerlicher Manier – nur wenig auf das praktische Leben und auf das Berufsleben vorbereitet, und vor allem Eleanor, die in der Liebe kein Glück fand, führte ein unstetes Dasein. Die „Tragik“ von Marxens Frau und Kindern, oder auch von Engels, – falls man eine solche freilich unterstellen will –, war, dass sie einerseits hochbegabt genug waren, um einen Menschen wie Karl Marx endlos faszinierend zu finden, aber dann doch nicht begabt und willensstark genug, um einen wirkungsvollen Abstand zwischen sich und dieser Faszination errichten zu können – und so wandelte Marx gleichsam diese Personen seines engsten Kreises in kleine Abbilder seiner selbst um. Und so erschien dieser engste Kreis „harmonisch“. Was aber wäre geschehen, wenn sich ein begabtes Kind gegen Marx aufgelehnt hätte und eine „Revolution“ gegen ihn angezettelt? Mit Widerspruch oder der Infragestellung seines intellektuellen Primats konnte der Mohr schlecht umgehen. Jenny (Marxens Lieblingstochter) starb kurz vor dem Tod von Marx eines natürlichen Todes, doch die beiden anderen Töchter endeten später durch Selbstmord, ohne dass für Außenstehende ein tatsächlich hinreichender Grund für eine solche Verzweiflungstat ersichtlich gewesen wäre- Selbstmorde sind freilich immer wieder rätselhaft, und es mag respektlos sein, sich ein allzu definitives Urteil über eine solche Tat anzumaßen. Aber eventuell hat es sich spät gerächt, dass die Töchter von Karl und Jenny Marx keine robuste innere Struktur ausbilden konnten.
Marx wird immer wieder als dominant, autoritär und herrschsüchtig beschrieben. Er ist der erste und einzige von uns allen, dem ich das Zeug zutraue, zu herrschen. Aber ich habe die Überzeugung, dass der gefährliche persönliche Ehrgeiz in ihm alles Gute zerfressen hat. Trotz all seinen Versicherungen vom Gegenteil, vielleicht gerade durch sie, hab ich den Eindruck mitgenommen, dass seine persönliche Herrschaft der Zweck all seines Treibens ist, wunderte sich Leutnant Gustav Tschechow, ein Revolutionär von 1848, als er Marx später kennenlernte über diesen(vgl. Schwarzschild 1954 S.255). Der Sozialist und Armenarzt Doktor Gottschalk, ein anderer 1848er, warf ihm (und Engels) vor: Das Elend des Arbeiters, der Hunger der Armen hat für Sie nur ein wissenschaftliches, ein doktrinäres Interesse … Sie sind nicht ergriffen von dem, was die Herzen der Menschen bewegt. (vgl. Grawitz 1998 S.467) Zeugnisse dieser Art reichen bereits in Marxens Zeit als Redakteur der „Rheinischen Zeitung“ zurück, und selbst als Kind soll er seinen jüngeren Geschwistern als „Tyrann“ begegnet sein. War dieser zornige Theoretiker also so wütend auf die „herrschende Klasse“ und auf Herrschaft an sich, weil es nicht seine eigene war? Träumte er von der Revolution und vom Kommunismus, weil dann kein anderes Herrschaftsprinzip dem seinen noch Konkurrenz machen kann? Äußerst kompetitiv war Marx auch als Person, Anekdoten reichen ebenfalls in die Zeit der „Rheinischen Zeitung“ zurück, bis hin zu der, dass Marx auch später im Leben außerordentliche Wut packen konnte, wenn er im Schachspiel verlor. Hat Marx deshalb Konkurrenzkampf, Egoismus und Herrschaft als etwas dermaßen Gefährliches und Menschenfeindliches wahrgenommen – schließlich kommen sie ja auch in milderen oder harmlosen Gradabstufungen vor –, weil sie bei ihm selbst so furios ausgeprägt waren? Dennoch: Tatsächliche Herrschaft strebte Marx ja nicht an, weder als Theoretiker noch im praktischen Leben. Aber er wollte, intellektuell und moralisch, im Recht sein. Dann ist freilich aber auch ein tatsächliches Herrschenwollen und die Errichtung einer Diktatur nicht fern. Trotzdem hätte Marx ja auch eine Art Faschist werden können, oder ein elitärer Denker wie Nietzsche, der vor dem Proletariat eine panische Angst hatte. Der Kern des Marxschen Programms war eben „für die Menschheit zu arbeiten“. Auch wenn einem praktisch warmherzige Gefühle für andere abgehen, kann man theoretisch ein Menschenfreund oder Menschheitsumarmer sein. Oder aber, wenn Gefühle unterentwickelt sind, heißt das nicht, dass deren Basis und Grundimpulse nicht vorhanden sein müssen. Im Gegenteil: diese mögen sich dann umso stärker zu artikulieren und an die Oberfläche zu drängen versuchen, nur eben über andere – zum Beispiel intellektuelle – Kanäle. Was man Marx aber vorwerfen muss, ist dass seine Vorstellung von der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus, in der alle Herrschaft abgeschafft sein wird, doch hanebüchen ist. In den 1840er Jahren ist der junge Marx mit dem angesehenen Revolutionär und Arbeiter-Intellektuellen Wilhelm Weitling aneinandergeraten, weil dieser ob all seiner Aufrufe zu Aufstand und Revolution den Massen kein Programm anbieten konnte, was eigentlich danach passieren sollte. Nie noch hat die Unwissenheit jemand genutzt, hat Marx Weitling entgegengeschleudert, als der ihn als Stubengelehrten ohne Verbindung zur Praxis und zu den Arbeitern abqualifizieren wollte. Dann ist aber letztendlich auch Marx selbst der Menschheit eine genauer ausgearbeitete Vorstellung vom Sozialismus schuldig geblieben. Das hat immer wieder die Vermutung provoziert, Marx sei es in erster Linie darum gegangen, die Herrschaft der verhassten und beneideten Bourgeoisie in die Luft zu sprengen, als das Arbeiterparadies zu errichten. Auch was sein (kaum ausgearbeitetes) Konzept von der „Diktatur des Proletariats“ als Übergangsherrschaft und wohlwollende Erziehungsdiktatur anlangt, muss man ihm Naivität oder gefährliche Ignoranz vorwerfen, dass er sie gerade einmal als transitorisches Übergangsphänomen begriff. Bakunin fragte sich auf jeden Fall, wie es kommt, … dass Marx nicht sieht, dass die Errichtung einer universellen Diktatur, … allein genügen würde, um die Volksbewegung zu lähmen und vom Weg abzubringen … Klasse, Macht und Staat sind drei untrennbar miteinander verbundene Konzepte, von denen jedes sich über die beiden anderen erheben will, und die man schließlich in folgenden Begriffen zusammenfassen kann: politische Versklavung und ökonomische Ausbeutung der Massen. Die Proletarier werden nach einem kurzem Moment der Freiheit als Sklaven, als Spielball und Opfer neuer Ehrgeizlinge wiedererwachen … Der marxistische Staat wird umso despotischer sein, als er sich Volksstaat nennen wird. (vgl. Grawitz 1998 S.471)
Berüchtigt war auch Maxens Handschrift, die außer für ganze wenige Vertraute wie seine Frau oder Engels schlechterdings unleserlich war. Schrift dient eigentlich der zwischenmenschlichen Mitteilung, und die unleserliche Handschrift des großen sozialistischen Denkers hat gleichsam etwas Asoziales, Solipsistisches und Unfaires. Ein graphologisches Gutachten, von dem Biographen Friedrich Raddatz in Auftrag gegeben, bescheinigt dem Schreiber „rechthaberisch“, „verbohrt“ und „ein Kämpfer“ zu sein, der an Kämpfen im Inneren litt. Mit der Zeit dürften diese Kämpfe und Spannungen mehr und mehr aus dem inneren Persönlichkeitsbereich in die Umwelt herausprojiziert worden sein – ein innerer Bereinigungsprozess, der zugleich das Verhältnis zu großen Teilen der Umwelt belasten musste; im Lauf dieser Entwicklung dürfte sich mehr und mehr das Bild einer egozentrischen, eigensinnig-zynischen Persönlichkeit geformt haben, wozu die erwähnte Empfindlichkeit und sein temperament-bedingt reizbares Reagieren beigetragen haben dürften. (vgl. Raddatz 1975 S.27) Schließlich will das Gutachten eine „sadomasochistische Komponente mit Flucht ins Schmutzig-Unordentliche“ erkennen (ebenda S.353). Kämpfe, denen sich Marx so gerne widmete, haben freilich etwas sadomasochistisches. Und in einer so übergroßen Identifizierung mit dem menschlichen Leid, wie man es bei Marx hat (obwohl er kein warmherziger Mensch war), scheint auch ein gewisser Genuss am Leiden mitzuspielen. Oder zumindest: Ein Genuss, sich mit dem Leiden identifizieren zu können. Oder aber sich als Opfer inszenieren zu können, das, von anderen in seiner Karriere und seiner subjektiven Entfaltung behindert, dahingehend entlastet wird. Nicht zuletzt, was die eigene Aggression gegen den tatsächlichen oder vermeintlichen Verhinderer angeht: das sadistische Element. Bereits in seinen Jugendgedichten kommt immer wieder eine starke Zerstörungswut bei Marx zum Vorschein, und selbst als er als Großvater mit seinen Enkeln spielte, schien ihm das Zerstören eine kindische Freude zu bereiten. Und zerstören wollte er schließlich die gesamte bürgerliche Ordnung. Auch Marxens „Flucht ins Schmutzig-Unordentliche“ seines aggressiv verantwortungslosen Lebensstils, hat eine offensichtliche sadomasochistische Komponente: die einer offenbaren Selbstbestrafung und einer Bestrafung seiner Umwelt. Das Problem bei der sadomasochistischen Emotionalität ist, dass sie letztendlich zirkulär ist: eine (insgeheime) Freude am ewigen Austeilen und Einstecken, oder, heroischer formuliert, am „Kämpfen“. Wie aber soll man sich dann mit der Welt arrangieren? Emanuel Swedenborg begreift die Hölle als einen Ort der Gnade, in dem sich die streitsüchtigen Seelen treffen, um in alle Ewigkeit weiterstreiten zu können. Das himmlische Paradies würden sie gar nicht verstehen. Was wäre wohl das himmlische Paradies? Ein Ort der allein guten Beziehungen und der freundlichen Allverbundenheit, der ewigen Kommunion, unter der Ägide des Allvereinigers Jesus Christus. Also das, was Marx buchstäblich immer wieder als Zustand des Kommunismus beschrieben hat – der aber jenseitig zur diesseitigen (bürgerlich-kapitalistischen) Ordnung ist. Himmel und Hölle sind aber maximal getrennte Sphären. Streitsüchtige Machtmenschen mögen sehr dringlich das Bedürfnis nach einer solch himmlischen Erlösung verspüren. Aber wie sollen sie sie erreichen? Versöhnung und Vereinigung erreicht man nicht durch Streit, sondern indem man sich mit anderen arrangiert. Streitsüchtige Machtmenschen wollen allerdings ein Arrangement zu ihren Bedingungen. Sie wollen sich nicht mit dem Gegebenen arrangieren, weil das Gegebene nicht ihren Bedingungen entspricht. Eine Ordnung nach ihren Bedingungen oder Ideen (in Marxens Fall also der Kommunismus) erscheint ihnen dann als himmlisches Ideal. Sie bedenken nicht, oder interessieren sich nicht dafür, dass dieser Himmel für sie dann nur eine neue Hölle für andere sein könnte. Sie bedenken nicht, dass sie über die Errichtung ihres Himmels auch Höllen schaffen.
Inmitten solcher belastenden Lebensumstände war Marx zudem ein Gutteil der Zeit ein schwer kranker Mann, der zeit seines Erwachsenenlebens immer wieder von starken Krankheitsanfällen heimgesucht wurde. Migräne, Übelkeit, Furunkel, Karbunkel und andere Hautkrankheiten, Verdauungsbeschwerden, Leberprobleme und Reizhusten warfen ihn immer wieder nieder. Zudem lebte er ungesund: er rauchte viel, neigte zum Alkoholismus und aß ungesund (aufgrund von Appetitmangel bevorzugte er scharf gewürzte Speisen, die wiederum für die Verdauung nicht gut sind). Seine Arbeitswut, seine irregulären Schlafgewohnheiten, seine ärmlichen Lebensumstände und die ständigen psychischen Belastungen nicht nur für ihn selbst, sondern auch innerhalb seiner Familie, konnten auch kaum gesundheitsfördernd gewesen sein. Waren aber auch diese ständigen Krankheitsanfälle bei diesem an und für sich robust gebauten Mann Ausdruck eines kranken Gefühlslebens? Vor allem Haut- und Verdauungskrankheiten, an denen Marx hauptsächlich litt, haben oft eine starke psychosomatische Komponente. Auffällig ist, dass Marx immer dann krank wurde, wenn er ernsthafte Arbeiten zu erledigen hatte, denen er sich damit entweder entzog oder sie auf die lange Bank schieben konnte. Krank wurde er auch, wenn er Schuld auf sich geladen hatte, zum Beispiel als er mit seiner Haushälterin ein uneheliches Kind gezeugt hatte (das er weggab und wo er Engels überredete, sich als dessen Vater auszugeben). Schuld, Reue, Pflicht oder Verantwortung sind keine Kategorien im theoretischen Denken von Marx, beziehungsweise wird ausnahmslos die Bourgeoisie damit belastet, während das Proletariat von all dem freigesprochen wird. Auch als praktischer Mensch demonstrierte Marx diese Qualitäten kaum. Da er am Grunde seines Wesens dann aber doch kein gewissenloser Psychopath war, liegt es nahe, dass sich die Stimme seines Gewissens über andere Kanäle artikulierte: eben auf psychosomatischem Wege. Und wahrscheinlich waren es in Wirklichkeit starke Schuldgefühle, die in seinem Inneren rumorten. Zwar konnte er sich, wenn er sich, wie so häufig in seinem Leben, mit anderen Menschen überwarf, einreden, diese wären zu dumm, um ihn zu verstehen. Die Briefe seines Vaters aber zumindest musste er verstanden haben, auch wenn er dieses Verständnis nicht versprachlichen konnte (beziehungsweise tat er das, indem er von Zeit zu Zeit Briefe mit völlig überbordenden Gefühlsausdruck zurücksandte – oder auch an Jenny. Der Vater allerdings durchschaute die dahinterliegende Gefühlsarmut). So leidenschaftlich er politisch rebellierte und Revolution machen wollte, ging Marx derartigen emotionalen Konflikten aus dem Weg: Und dass sich der Konflikt mit seinem Vater nicht völlig zuspitzte, liegt wahrscheinlich daran, dass dieser frühzeitig gestorben ist – der Sohn kam nicht zum Begräbnis, trug allerdings lebenslänglich ein Porträt seines alten Herren mit sich. (Vielleicht hoffte Marx auch deswegen auf die erlösende Revolution, da er praktische Konflikte und Aussprachen nicht mochte.) Minderwertige und aggressive Gefühle, so wie sie in Marx vorherrschten, müssen Minderwertigkeitsgefühle provozieren, und solche von Schuld. Eventuell ist sein ganzes Theoriewerk ein Schuldentilgungsprogramm gegenüber sich selbst und gegenüber seinen Mitmenschen: das könnte der Kern von Marxens Anliegen gewesen sein. Eine sichere Diagnose über den Ursprung von Marxens rätselhaften Krankheiten ist, trotz solcher naheliegenden Vermutungen, dabei aber natürlich nicht möglich.
So kompliziert Marxens Umgang mit seinen Mitmenschen war, wird doch gerne seine auffällige Kinderliebe als Beleg dafür herangezogen, dass er im Grunde seines Herzens ein zutiefst humaner Mensch gewesen sein muss. Genies und Kinder können allerdings immer wieder gut miteinander, da sie sich in ihrem spontanen und verspielten Wesen ähnlich sind. Wenn Marx mit Kindern spielte, wurde er jedoch gleichsam selbst zum Kind, schien geradezu einen Regress durchzumachen. Eventuell lag der gute Draht, den Marx zu Kindern hatte, darin, dass er selber emotional auf einer infantilen Entwicklungsstufe steckengeblieben ist. Im Umgang mit Kindern konnte Marx seine unterdrückten (und primitiven) Gefühle authentisch ausleben; außerdem konnten Kinder keine Konkurrenten für ihn darstellen, welche er hinter jedweden Erwachsenen implizit vermutete und befürchtete. Kinder sind allerdings auch egoistisch, planlos und verantwortungslos. Sie können aus eigener Kraft ihr Leben nicht bemeistern. Und auch Marx konnte sein Leben nicht bemeistern; unfähig, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen; zu arbeiten; Geld zu verdienen oder damit auszukommen; unfähig selbst als Schriftsteller immer wieder, seine eigenen Schriften fertigzustellen. Marx blieb in einer infantilen, beinahe embryonalen Weise von anderen Menschen abhängig, die ihn durchs Leben brachten, und die er in unbarmherziger Weise, allerdings scheinbar ohne dezidiert boshafte Absicht oder Schuldgefühl, ausnutzte, gleichsam wie ein Säugling. Muss eine solche Abhängigkeit und ein so ausbeuterisches Verhalten aber nicht insgeheim Scham und „Selbstverachtung“ in einem auslösen? Speiste sich Marxens explosive Wut auf Macht, Herrschaft, Abhängigkeit, Ausbeutung, Arbeit oder Geld und sein Wunsch, all das aus der Welt zu schaffen und auf gleichsam magische Weise verschwinden zu lassen (zumindest zu einem guten Teil) aus einer derartigen Quelle? Marx verglich das Kapital mit einem Vampir, der also allein von der Arbeit anderer lebe (die Marx dementsprechend mit einem tatsächlichen Lebensblut und einer vollständigen inneren Substanz der Ausgebeuteten verglich), selber aber nichts arbeitete; mit einem Parasiten. Aber wie ein solcher Parasit und Vampir, der auf Kosten von anderen lebt, verhielt sich zunächst einmal Marx selbst. Irritierend an seinem Theoriewerk ist, wie Marx immer wieder negiert, dass das Kapital (bzw. die Kapitalistin) „geistige“ Arbeit verrichtet (auch wenn er es hin und wieder einräumt). Während der Proletarier gleichsam die „körperliche“ Arbeit bei der Warenproduktion verrichtet, verrichtet das Kapital die „geistige“; organisiert die Produktion, schafft neue Absatzmärkte, erfindet Produkte und Produktionstechnologien usw. Marx selber lebte von der „körperlichen“ Arbeit anderer (vor allem von der des selbstlosen Engels), um seine „geistige“ Arbeit vollenden zu können. Vor allem der erfolglose Schriftsteller, wie Marx es insgesamt in seinem Leben geblieben ist, hat ein Problem: Woran bemisst sich der „Wert“ seines Tuns, wenn es auf keine große Nachfrage trifft und keine große Wirkung erzielt? Obwohl es offenbar „hochqualitativ“ ist, einen hohen intrinsischen Wert hat und damit auch einen hohen (virtuellen) Wert in Bezug auf eine potenzielle Wirkung und Nachfrage? Allgemein: Wie will man den „Wert“ von geistiger Arbeit bestimmen? Geistige Arbeit ist stets „konkrete“ Arbeit, sie kann nicht in „abstrakte Arbeit“ aufgelöst werden, die sich über „durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit“ bemisst. Der Wert, den ein geistiger Arbeiter in ein Produkt umwandelt, kann definitiv nicht mit der „Summe der Lebensmittel“, die er braucht, um sein Überleben zu sichern, gleichgesetzt werden. Ein geistiger Arbeiter – beziehungsweise ein Kapitalist – kann sowohl in Bezug auf den (hohen oder niedrigen) „intrinsischen“ Wert seiner Produkte, als auch aufgrund der Wirkung, die seine Produkte erzielen, verarmen oder superreich werden. Und Marx wurde diesbezüglich „reicher“ als jeder Kapitalist; mit seinen geistigen Produkten eroberte er im 20. Jahrhundert die halbe Welt und schien die andere Hälfte damit zu bedrohen (und, wie bei Kapitalisten üblich, verlor er das meiste davon auch wieder). Was aber war der „Wert“ der ganzen Sache? Unmöglich quantitativ und qualitativ zu bestimmen. In seiner erstaunlichen psychologischen Marx-Analyse vermutet es Günter Schulte als Marx` eigentliches Problem bezeichnet: das Problem, sich seines absoluten, singulären Wertes zu versichern, ohne sich einer vampiristischen Verwertung zu überlassen und zur bloßen Wertsache zu werden. (Schulte 1992 S.19)
Selbstwertstörungen bzw. Probleme, sich und anderen einen „Wert“ beizumessen (und diese Werte gegeneinander auszutarieren) und infantile Abhängigkeiten und Rebellionen, dazu ein distanziertes Verhältnis zu seiner Herkunftsfamilie: Inwieweit liegen die Wurzeln des Marxismus in traumatischen Erfahrungen von Marxens Kindheit? Von seinen Eltern wurde er doch liebevoll und mit Auszeichnung behandelt. Arnold Künzli, der mit seiner Marx-Biographie ein hochkompetentes 800 Seiten-Psychogramm seines Untersuchungsgegenstandes vorlegt, vermutet, dass Marx eben gerade deswegen ein „überbehütetes Kind“ gewesen sein könnte. „Überbehütete“ Kinder mögen zwar ein Trotz- und Rebellionsverhalten gegen die ständigen Umarmungsversuche der Eltern entwickeln, um sich ihre Autonomie zu bewahren; doch sollten sie normalerweise spüren, dass die Eltern vorwiegend eine „gute“ und liebevolle Macht sind, die man zwar beschränken, aber nicht gewaltsam stürzen sollte. Zwar kann sich hinter einer solchen Überbehütung das Bestreben der Eltern verbergen, das Kind nach ihrem Wunsch zu formen, aber es gibt keine Hinweise, dass Marxens Eltern das (übermäßig) taten. Der Versuch, die Gefühle des Kindes zu manipulieren, könnte bei dem dazu führen, dass es seine Gefühle zurückfährt und verkümmern lässt, wie es bei Marx der Fall war, offensichtlich aber nicht von Seiten seiner Eltern her geschehen ist. Marxens Verhältnis zu Geld bzw. sein Verständnis, dass die Welt ihn auszuhalten hätte (wie es im Kommunismus dann umfassend der Fall wäre), gleicht dem eines Säuglings zur Muttermilch, als etwas Selbstverständliches und Notwendiges, das auf Wunsch zu fließen hat. Zu seiner Mutter Henriette, einer recht durchschnittlichen Persönlichkeit, hatte Marx kein gutes Verhältnis, auch wenn insgesamt nicht klar ist, was ihn eigentlich an ihr störte (ihre mangelnde intellektuelle Begabung allein konnte es ja nicht gewesen sein). Künzli vermutet einen Vorfall in seiner frühen Kindheit, den er aber nicht identifizieren kann (Schulte zieht den frühen Tod von Marxens kleinem Bruder in seiner Kindheit als traumatischen Einschnitt in Betracht, seine Psycho-Analyse von Marx verläuft aber insgesamt ein wenig anders). Idealtypisch entspricht die Psychologie von Marx scheinbar tatsächlich der eines Kindes, das zu früh von der Mutterbrust entwöhnt wurde, dadurch eine entscheidende Deprivation erfahren hat, und deswegen in einer lebenslänglichen Wut nach dem verlorenen Paradies sucht, in dem Milch und Honig fließen. Zum einen gibt es aber keine Hinweise auf ein strukturell deprivierendes Verhalten von Henriette Marx gegenüber ihrem Sohn; zum anderen sind Aktionen das eine, Reaktionen das andere. Vielleicht wurde Karl „von der Brust seiner Mutter entwöhnt“, weil er ein zu einfordernder Säugling war, der seiner Mutter Schmerzen bereitete; sprich vielleicht lag die gestörte Balance nicht in einem Zuwenig-Geben der Eltern als einem Zuviel-Verlangen des Kindes, das sich nichtsdestotrotz deswegen „enteignet“ fühlt und emotional unzugänglich wird. Insgesamt gleicht die marxistische Hoffnung auf eine Revolution und den Kommunismus der nach einer ganz großen Symbiose von Elementen, die derweil noch unrechtmäßig voneinander getrennt sind oder in Konflikt miteinander liegen und die in Verhältnissen erscheinen, die „entfremdet“ und „verkehrt“ wirken. Die Arbeitsteilung und die „Trennung“ und Entfremdung des arbeitenden Menschen von seinem Produkt, die Marx und Engels gleichsam als Ursünde der Menschheit ausmachen. Das Privateigentum als abgegrenzter Besitzanspruch zwischen mir und dir, anstatt der ursprünglichen harmonischen „Symbiose“ mit der Mutter, in der sich Mutter und Kind „gemeinsames Eigentum“ sind. Der kapitalistische Austausch, wo sich Waren begegnen, anstatt von Menschen. Die entfremdete, von erhaben-lächerlichen Fetischen dominierte Welt, in der alles spukt und auf dem Kopf steht. Das Geld (die Muttermilch), das den Austausch beherrscht und gleichsam göttlich ist, sich als illusionäre Gottheit in die Menschenwelt einschmuggelt, anstatt dass sich die Menschen als ganz selbstständige Produzenten ihrer Arbeit „direkt“ begegnen. Der ständige Kampf zwischen Mein und Dein, der dann als „dialektisch“ erhöht wird, und nach einem (infantilen) ewigen Ausgleich, einer Synthese schreit. Die überbordende Macht der Mutter, aufgrund derer das Kind nach „Freiheit“ (und Rebellion) verlangt. Der arrogante Überlegenheitsdünkel und Selbstbehauptungstrieb des Kindes, der gleichzeitig mit Scham- und Schuldgefühlen einhergeht und mit einem Minderwertigkeitsgefühl, der als Kompromiss dann also „Gleichheit“ zwischen sich und den anderen sehen will. Das gestörte Verhältnis von Marx zu seinen Geschwistern, das nach „Brüderlichkeit“ lechzt.
Überhaupt: die Versöhnung des (egoistischen, pervertierten und asozialen) Einzelmenschen mit der „Gattung“, mit der „Menschheit“ an sich, die aber gleichsam als völlig einheitliche Substanz gesehen wird, und die Vision von einer geradezu strukturlosen kommunistischen Gesellschaft der Zukunft, die allein durch „Liebe“ und allseitige Konstruktivität und Sympathie zusammengehalten wird: So als ob die „Gattung“ oder die „Menschheit“ allein die prosozialen Anteile verkörpern, derer man selber ermangelt (genauso wie vornehmlich auch der Nebenmensch), die man sich aber, in der großen Symbiose mit der Menschheit (oder der Mutter) wieder aneignen kann. Gelingt diese große Symbiose, gelingt die Versöhnung dieser als so stachelig und dornenreich wahrgenommenen Konflikte, ist die „Vollendung“ endlich erreicht, die schon der junge Marx anstrebte – vielleicht nicht deswegen, weil dann überall „Liebe“ ist: Sondern weil man dann seine „Schuld“ getilgt hat, aufgrund derer man ständig von der „Schlange der Selbstverachtung“ bedroht bleibt. Der Berufene hat endlich der Menschheit/Mutter ihren „Wert“ und ihre Vollendung verliehen; die vollendete Menschheit verleiht, als sein Werk, dem Berufenen endlich also seinen „Wert“ und sichert seine Vollendung. Das so unbedingte, „naiv“ scheinende Festhalten von so kritischen Geistern wie Marx und Engels an der Utopie des Sozialismus hat seine letzte Wurzel vielleicht weniger in Gefühlen wie Hass, Neid, Liebe, Sympathie, Fortschrittsgeist, Freiheitswillen usw. – denn das sind diffuse Gefühle, die man an allem Möglichen festmachen kann – sondern an einem überbordenden Gefühl von Schuld, die ansonsten als nicht verhandelbar und als nicht eintauschbar empfunden wird. Dieses sowohl altruistische als auch egoistische Motiv verursacht dann gleichsam die gesamte moralische und intellektuelle Ambivalenz und Ambiguität des Marxismus.
Und die Unfähigkeit speziell von Marx, Dinge (und sich selbst) emotional sinnvoll zu begrenzen und ihnen Wert zu verleihen, führt dann in die heillose Entgrenzung seiner kommunistischen Utopie, und, wenn man so will, in die Hybris der realsozialistischen Projekte. In die entgrenzte Phantasie vom „ganzen Menschen“, der das Korrelat zum Sozialismus ist. Marx scheint damit Spiegelfechterei betrieben zu haben; mit Defiziten und Überschüssen, Sympathien und Antipathien innerhalb seiner selbst. Wird er mit dem Imaginären versöhnt, das seinen Defiziten entspricht (seiner Gefühlskälte, Entfremdetheit, den Produkten seiner Arbeit u. dergl.) – und dieses Imaginäre kann er sich nur als entgrenzt und entgrenzend vorstellen – so wird er zum „ganzen Menschen“. Die Vision vom Sozialismus ist von lauter „ganzen Menschen“ bevölkert, die sich kaum voneinander unterscheiden; so dass man mitunter den Eindruck hat, der Sozialismus sei die Herrschaft von einem „ganzen Menschen“: der superkompetent geworden ist; der völliger Besitzer seines Produktes ist, das kein Kapitalist ihm mehr wegnehmen kann; der keine Herrschaft und kein Regelwerk mehr über sich benötigt; der mit dem Plan Produktion und Versorgung regelt; der mit dem Plan selbst die Zukunft und das Schicksal beherrscht und die Götter vom Himmel stößt. Selbst ein Gott geworden, weilt er im sozialistischen Himmel und benötigt keine Validierung von außen mehr. Sein Wert ist dann tatsächlich rein intrinsisch. Vielleicht hat sich der junge Marx deswegen so intensiv und scheinbar nervös-getrieben mit Max Stirner beschäftigt, weil ihm halbbewusst aufgefallen ist, dass der Titel seines eigenen Projekts eigentlich ähnlich lauten musste: Der Einzige und sein Eigentum.
Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein wirklicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit. Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeiten des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht (…) Die Judenemanzipation ist in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. (Die Frühschriften S.268) Das sind Sätze aus Marxens berüchtigter Schrift Zur Judenfrage (die nichtsdestotrotz eine seiner bedeutendsten „humanistischen“ Schriften ist). Marx wird besser als andere gewusst haben, dass auch zu seiner Zeit die allermeisten Menschen mosaischen Glaubens ganz gewöhnlichen Berufen nachgingen; als Handwerker, Gastwirte, Ackerbauern, oder auch als Lehrer oder Ärzte. Überproportional vertreten (also in relativen Zahlen, nicht aber in absoluten) sind Juden in der Finanzwirtschaft, und die erfolgreichsten Könner auf diesem Gebiet, die dann als Aushängeschilder fungieren, sind tatsächlich oft Juden. Das geheimnisvolle und verschworene, dabei so machtvolle Tun der Finanzmagnaten oder tatsächlich gar Finanzalchemisten, von dem man nicht weiß, ob es gut ist oder maliziös (zumindest aber ist es primär eigennützlich) und das sich in so unüberschaubaren und internationalen sprich „heimatlosen“ Dimensionen bewegt; und der geheimnisvolle, fremde, nach außen hin abgeschottete, eingeschworene und daher auch verschworen wirkende Charakter des Judentums und dessen eigene Heimatlosigkeit, bilden dann zusammengenommen eine Grundlage für antisemitische Vorurteile. Die idiotische Gleichsetzung vom Judentum mit „dem Schacher“ – beziehungsweise, wie man meinen könnte, mit dem Kapitalismus – wirft die Frage auf, wie weit Marx von Antisemitismus und jüdischem Selbsthass getrieben war. Indem er das verhasste Judentum in den Kapitalismus projiziert, entledigt er sich mit der Revolution und dem Sozialismus eben desselben, und „emanzipiert sich und die Menschheit vom Judentum“. Laut dem Biographen Arnold Künzli hat dieser jüdische Selbsthass eine große und entscheidende Rolle bei Marx gespielt. Allerdings scheint Marx deutlich weniger antisemitisch als so viele seiner Zeitgenossen; eine hohe Meinung von Juden hatte er sicherlich nicht, aber er hatte auch keine hohe Meinung von diversen anderen Völkern, und wohl auch nicht vor Frauen (genauer gesagt, hatte er keine hohe Meinung von Menschen insgesamt). Er war kein Antisemit, Rassist oder Sexist, das hätte sich mit seiner Theorie (und damit auch seiner Persönlichkeit) nicht vertragen; seine Wut und sein Ingrimm richteten sich gegen abstrakte, strukturelle Zusammenhänge, und nicht gegen Menschen. Auch stellt sich die Frage, was in Marx einen solchen jüdischen Selbsthass provoziert haben möge, denn tatsächliche Zurücksetzungen durch sein Judentum erlebte er im Leben nicht, noch war ihm das Judentum oder Religion im Allgemeinen recht nahe. Allerdings reichten bei Marx auch schon kleine Zurücksetzungen aus, um ihn in Rage zu bringen. Und tatsächlich waren seine Kenntnisse von Judentum und Religion alles andere als oberflächlich (das gilt bei ihm allerdings für die Kenntnisse auf so vielen Gebieten), und selbst das Kapital ist durchaus angespickt mit Zitaten oder Verweisen aus den heiligen Schriften. Dazu kommt eben der quasi-religiöse und eschatologische Charakter seines gesamten Denkens und seiner Politik. Wenn Marx an jüdischem Selbsthass gelitten hat, dann weil er überhaupt an Selbsthass gelitten hat, und inmitten des allgemein komplizierten Gemengelages seines Gefühlslebens, das er hier wie dort reinprojizierte. Was aber, wenn Marx sich weniger im abstoßenden, sondern im anziehenden Sinne von Judentum und Religion inspiriert gefühlt hat; er sich viel buchstäblicher als „von Gott“ (was vulgo bloß heißen würde: als von seinem Talent oder „Genie“) Berufener gesehen hat, die Menschheit zu veredeln und zu vollenden? Eventuell sah sich Marx als eine Art Moses, der sein unterdrücktes Volk aus der fremden Herrschaft in ein neues Kanaan führt. Braucht er dazu nur eine zeitgenössische Fremdherrschaft (die der Bourgeoisie), und ein zeitgenössisches leidendes Volk (das Proletariat). Von Gott inspiriert verwaltet er das absolute Wissen und Recht, die Tafel der Zehn Gebote (des Wissenschaftlichen Sozialismus), mit der er Götzen des Wissens und Goldene Kälber, die sich neben ihm aufrichten könnten, zerschmettert. Die Bundeslade, die es Manna vom Himmel regnen lässt und die für die ständige (außerhalb aller Ökonomie liegende) Gratismahlzeit sorgt, ist die „Entwicklung der Produktivkräfte“. Wie Moses ist Marx zugleich höchst aristokratisch und von niederer Herkunft… und sind sich nicht auch äußerlich ähnlich, die beiden?
Die ad hominem Kritik am Marxismus, von wegen dessen Schöpfer sei ein Soziopath gewesen, wurde bereits von Marxens Zeitgenossen formuliert. Einem Menschen mit einem bourgeoisen Hintergrund mag so etwas unmittelbar beim Lesen seiner Schriften auffallen, während es hingegen Linken, oder Menschen, die sich zumindest irgendwie mit Marxens Anliegen identifizieren, lebenslang verborgen bleiben mag, was für eine Psychologie da dahinter zu stecken scheint. Es gibt nur wenige Arbeiten, die Marx von der Wurzel auf psychologisch zu erfassen suchen, so wie die Biographien von Arnold Künzli oder Friedrich Raddatz, oder die Studie von Günter Schulte. Gleichzeitig läuft ein solcher Ansatz in Gefahr, den Marxismus zu einer bloßen Phantasmagorie verkommen zu lassen. Er entwickelte sich natürlich nicht nur in der Reaktion auf innere Konflikte, sondern auch, und vor allem, auf äußere, gesellschaftlich reale. Wenn Marx neurotisch war, so war sein Zeitalter es auch – und sind es gesellschaftliche Verhältnisse immer wieder. Auch die Gesellschaft ist eine Arena von geradezu unlösbaren Konflikten und krachenden Zusammenstößen: und das kapitalistische Wirtschaftssystem ist es. Letztendlich ist auch nicht klar, wie neurotisch Marx tatsächlich war, oder wo bei ihm die Trennlinie zwischen Klarsicht und Täuschung, zwischen Genie und Wahnsinn verläuft. Es war Herr Vogt, der Marx mehrmals provozierte. Es waren die Ansichten und Doktrinen von Bakunin, Proudhon, Weitling oder Lassalle, die mit denjenigen von Marx letztendlich unvereinbar waren. Es waren Arnold Ruge oder Bruno Bauer, die sich nach anfänglichen Kollaborationen mit Marx in eine andere Richtung hin entwickelt haben. Aber es waren Marxens Reaktionen darauf, die stets Überreaktionen waren, die unnötig menschlich verletzend waren und die geradezu von einem Vernichtungswillen getrieben zu sein schienen (wobei eine allgemeine Wildwest-Gesprächskultur, so wie sie heute anhand des Internet oder der Sozialen Medien häufig beklagt wird, keine dementsprechend neue Erscheinung ist: Man hatte sie auch zu Marxens Zeit, und vor allem in politischen Zirkeln). Wenn er schon so neidisch und feindselig gegenüber anderen Sozialrevolutionären war, wie neidisch muss Marx dann erst auf tatsächlich Mächtige, wie das Großkapital gewesen sein? Aber zu einer antibourgeoisen Haltung und zu einer Begrenzung der Macht des Großkapitals gibt es auch gute rationale Gründe: Und Marx und sein Werk eignen sich dazu, bei der Verfechtung dieser Gründe zumindest affirmativ zitiert zu werden. Und doch auch wieder: Auch wenn Marx diverse Manifestationen von Macht kritisch analysiert einerseits, und es plausibel und rational erscheint, in wirtschaftlicher Macht eine besonders privilegierte Macht zu sehen, gleicht es doch einer paranoiden Projektion, in der wirtschaftlichen Macht das große Hauptübel zu sehen, aus dem sich all die anderen Übel ableiteten: Gleich einer verzerrenden Sicht auf die Hydra, als hätte sie ein Haupt allein, oder einen Hauptkopf, in dem das maliziöse Gehirn wohnt, den man abschlagen müsse, und dann sei das Tor zum universellen Glück offen. (Der Grund für den Paranoiker, die Wurzel allen Übels in einen genialen Hauptfeind zu projizieren, ist wohl, neben einer Vereinfachung seiner inneren Verwirrungen, das erhebende Gefühl, dass er mit sich mit dieser Identifikation als kongenial zu diesem Hauptfeind und als ähnlich mächtig erleben kann.)
Das Genie ist eine eigentümliche Art Mensch. Während Menschen im Allgemeinen vorwiegend subjektiven Lebensinteressen hinterherjagen, sucht das Genie überall nach objektiven Bedeutungen und will feststellen, wie sich etwas objektiv verhält. Es verobjektiviert sogar sich selbst und seine eigene Psychologie. Das Genie schafft es dann tatsächlich, diese „objektiven“ Zusammenhänge zu entdecken, oder objektive Bedeutungszusammenhänge zu stiften. Allerdings auch, indem es seine eigene, subjektive Psychologie zu einer Art kosmologischen Bedeutungszusammenhang aufbläht. So hat man in den bedeutungsschweren Dramen von Ibsen eine Projektion von dessen Schuldkomplexen in die Menschheit, oder, noch effektiver, in die bürgerliche Gesellschaft; „kafkaesk“ bedeutet in Wirklichkeit eine Weltwahrnehmung auf der Grundlage einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung; bei Kierkegaard hat man ein rationales System eines religiösen Wahns, der sich auch durch seine Familie gezogen hat; bei Nietzsche hat man ein paranoides, selbstunsicheres Aristokratentum; Wittgenstein übt mit der Zwanghaftigkeit seines Denkens eine hypnotische Wirkung auf intellektuelle Menschen aus. Und was ist die genial-verobjektivierte Bedeutung von Marxens Psychologie? Ein Symbolsystem für die Dialektik von (gesellschaftlich-materialistischer) Macht und Gegenmacht. Dafür, dass die Welt verwundet ist. Dafür, dass die Welt verwundet ist, weil sie eine Klassengesellschaft ist. Dafür, dass man die Welt nicht nur interpretieren, sondern auch ändern kann.
Marx war zudem ein politischer Mensch. Man sagt, die meisten politischen Karrieren enden im Versagen. Politik bedeutet, Menschen zu vereinigen. Politik bedeutet auch, Menschen zu teilen. Die Tragik des Politischen beginnt, wenn man Menschen teilen muss, um sie zu vereinigen. Vielleicht muss man, um Menschen zu vereinigen, sie immer wieder, und immer mikroskopischer in die Tiefe hinein teilen. Um die Reinheit einer Lehre zu verteidigen, muss man immer wieder neue Verteidigungsgefechte auskämpfen. Religiöse Figuren, so wie es Marx auch war, machen ihre Erlösungs- und Heilsversprechen dadurch plausibel, indem sie die Welt dämonisieren. So enden die großen politischen Vereiniger womöglich schließlich als einsame Menschen, als Solitärs. Als scheinbar „Unverstandene“. Ähnlich wie Karl Marx.
Wer nun aber vermutet, hinter einer Lehre wie der von Marx müsse ein krankes Gemüt stecken, sieht sich sogleich damit konfrontiert, dass der andere – und, wie es hin und wieder heißt, der „eigentliche“ – Schöpfer des Marxismus eine robuste, lebenstüchtige, in fast allem, was er tat, erfolgreiche Frohnatur war: Friedrich Engels.
