Betrachtungen zu Franz Kafka

Man meint, das Werk und die Person Franz Kafkas seien „ein ewiges Rätsel“, enigmatisch. Aber ich erinnere mich, eine, die Kafka persönlich gut gekannt hat, hat sinngemäß gemeint, Kafka wäre der einzige Mensch gewesen, der so gedacht habe, wie ein Mensch denken soll, und der so empfunden habe, wie ein Mensch empfinden soll. Wenn man jetzt der einzige Mensch ist, der so denkt, wie ein Mensch denken soll und der so empfindet, wie ein Mensch empfinden soll, was dann? Was bietet sich für eine Vision an, wenn man in die Welt blickt? Na, eine ins Alptraumhafte verschobene Welt, in der nie was am richtigen Platz ist und in der nichts so funktioniert, wie es funktionieren soll; wahrscheinlich auch ohne dass man zu einem guten Teil weiß oder es sich erklären kann, warum. Also in etwa die Vision der Welt, wie man sie bei Franz Kafka hat.

Man meint, dass Kafka hochgradig neurotisch war. Wenn man jetzt ganz allein ist, und zum Beispiel als Künstler um neue Ausdrucksmittel und um die Vertiefung seiner Vision ringt, man also etwas macht, von dem man es so erlebt, dass es ganz offensichtlich Sinn macht, man das aber nicht wirklich mitteilen kann, da die anderen das nicht wirklich verstehen, fallweise auch wenig über haben für den ganzen Tiefsinn, ergibt das leicht eine Kontakt- und Selbstbildstörung, die ohne Weiteres mit dem Erleben einer Neurose gleichgesetzt werden kann. Obwohl man in Wirklichkeit anti-neurotisch ist, so wie, wie Milena es so unnachahmlich gesagt hat, Kafka es war.

Milena Jesenská hat wörtlich geschrieben: „Ich glaube, dass wir alle, die ganze Welt und alle Menschen krank sind und er der einzige Gesunde und richtig Auffassende und richtig Fühlende und der einzige reine Mensch.“ Was, wenn der Kranke, wie der tyrannische Vater, scheinbar nur so strotzt vor Vitalität, und der Gesunde niedergedrückt wird? Eine unheimliche Welt. Und so war es bei Kafka. Um einen Kafka herum wird folgerichtig alles kafkaesk.

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Einer, der eine Lesung von Kafka besuchen wollte und es dann auch getan hat (Max Pulver), ist von einem anderen vorgewarnt worden: Der, dem man da begegnen werde, sei kein Poet, sondern etwas, das darüber hinausgehe: Kafka sei ein „Richter des inneren Menschen“. Gut gesagt hat das der andere, und man soll das im Leben somit so machen, dass man versucht, vor dem unfreiwilligen Richter, wie es Kafka war, bestehen zu können. Das ist, im Wesentlichen, der Sinn zwar nicht notwendigerweise des Lebens, aber des höheren Lebens. – Intellektuell vollständig vor Kafka bestehen zu können ist natürlich praktisch unmöglich, nur eine Handvoll Menschen pro Jahrhundert verfügt über entsprechende geistige und spirituelle Fähigkeiten, mithilfe derer man so was eventuell vermag. Wenn Ultraintelligente, in denen ein Herz geschlagen hat, wie Kafka, Beckett, Dostojewski, Shakespeare, Gogol ihren Blick auf die Menschheit gerichtet haben, in den Menschheitskessel geworfen haben, hat sich das, was sie zurückgeworfen haben, dann eben als bizarr, irritierend und befremdlich, beängstigend dargestellt; damit haben sie in den Institutionen wiederum Angst ausgelöst, vor dem Blick des inneren Richters. Oder eben vor dem Auge Gottes. Man kann nun aber versuchen, vor den kafkaesken Richter des inneren Menschen zu bestehen durch einen guten Charakter. Oder, da der Charakter das Schicksal ist, und wie es auch Immanuel gesagt hat: durch einen guten Willen, denn der Charakter ist unfrei aber der Wille ist frei, wie es Arthur ja auch begriffen hat. Sache des Unwissenden ist es, andere wegen seines Missgeschickes anzuklagen; Sache des Anfängers in der Weisheit, sich selbst anzuklagen; Sache des Weisen, weder einen anderen noch sich selbst anzuklagen, hat Epiktetus begriffen. Kafka hat alle und niemand angeklagt, einschließlich sich selbst. Handle stets so, als würde Epikur dich beobachten – also der Richter des inneren Menschen – war eine Maxime der Jünger Epikurs. Kann man auch sagen: Handle stets so, als würde Kafka dich beobachten. Der innere Richter ist also der Geist. Der Geist reicht über sich selbst hinaus, und je größer der Geist, desto mehr Verbindungen ermöglichen sich mit dem Außen (da das Außen ja auch, ihm gegenüber, vergleichsweise kleiner wird). Kann man also von außen diverse Verbindungen mit dem Kafkaschen Geist herstellen und versuchen, an ihn anzudocken und ihn sich begreiflich zu machen. Das wird hier im Folgenden versucht, ohne Anspruch auf vollständige objektive Richtigkeit oder ob Kafka seinen Geist auch so sehen würde. Da der Geist, und Kafkas Geist, so wie auch allgemein die Seele und die Kreativität, wenn sie das höchste Maß erreichen, vergleichsweise experimentell werden und sich ständig verändern und mannigfache Perspektiven auf sich selbst allein noch errichten, ist das auch in diesem Sinn in Ordnung. Man verlässt hier die Sphäre der Eindeutigkeiten und kommt in den Hyperraum, oder den Phasenraum, der die Menge aller möglichen Zustände eines dynamischen Systems beschreibt.

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Kafka und Beckett, die klügsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts (außerdem: Pessoa), haben vom höchsten Blickwinkel auf die Menschheit und auf die Welt geblickt, vom Standpunkt einer metaphysischen Abstraktion auf die Welt und auf die Menschenwelt. Sie haben das Leben insgesamt vom höchsten Standpunkt aus erfasst, dass ihre Sicht eine latent negative war, ist dagegen kein Einwand, da (unter Voraussetzung der Abwesenheit Gottes) der Verfall, das Chaos, die Zunahme von Entropie letztendlich überwiegt und auch dem Stolzesten letztendlich den Garaus bereitet. Kunst bedeutet ja nicht zuletzt, dass man schöne und geschmackvolle und erhellende und bedeutungsgeladene Bilder vom Chaos und dem Daseinsschaum malt: „Was im Leben uns verdrießt, man im Bilde gern genießt“ (Goethe). Kunst, so meint man, Wissenschaft und Philosophie haben allerdings auch inhärent den Anspruch, Sinn zu stiften und den Zusammenhang herzustellen – den guten Zusammenhang. Genauso wie es eine unmittelbare und physikalische Welt gibt, gibt es auch eine Sphäre und Welt der Werte, mehr oder weniger heraus aus dem die Tätigkeiten des Geistes stattfinden und wieder in ihn zurückführen sollen: So wünscht es der Geist, so wünscht es die Welt. Bei Kafka und Beckett hat man nicht unbedingt gute Zusammenhänge ausgesagt und beschrieben, so wie man bei Wittgenstein, dem seelenvollsten und profundesten Philosophen des 20. Jahrhunderts, keine ethischen Sätze hat und keine Moralphilosophie. Ich habe im Buch vom seltsamen und unproduktiven Denken (beispielsweise) Kafka und Beckett als „Negativ-Buddhas“ bezeichnet, die das Samsara so vollständig beschrieben haben, dass es einem Anschauungs-Nirwana gleichkommt und ein solches ermöglicht; die Welt, die sie beschreiben, ist so in sich verbunden und von hoher Sensibilität, dass sie damit allerdings den Schatten des guten Zusammenhang und des sozialen und individuellen und moralischen Nirwana werfen. Wer fähig ist, die Welt so zu sehen – dass es einer erleuchteten Sicht und einem Satori gleichkommt – muss radikal gut sein. Und das waren Kafka und Beckett (und Wittgenstein) dann auch. Heilige des 20 Jahrhunderts, ziemlich Ich-los, ganz unnarzisstisch, couragiert und der Außenwelt radikal zugewandt. Es ist notwendig, das Werk von Kafka und Beckett (und Wittgenstein) gemeinsam mit ihrer Person zu betrachten. Dann ergibt sich der vollständige Buddha, der durch das Leiden hindurchgegangen ist und über seine moralische Kraft ein Exempel von universaler Bedeutung statuiert. Wittgenstein sagt, der Sinn lässt sich nicht sagen, er „zeige“ sich. So haben Kafka, Beckett, Wittgenstein die Moral nicht ausgesagt, sondern gezeigt, indem sie sie gelebt haben. Es ist sehr wichtig, das zu verstehen. Dein Leben hängt davon ab.

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Beckett war mir vor ein paar Jahren näher als Kafka, aufgrund seiner extrem in sich integrierten und in sich konsistenten und abstrakten metaphysischen Sicht, wie auch deswegen, dass seine Weltsicht angemessener erscheint, die Welt hat bei ihm zwar das Charisma einer gewissen Trostlosigkeit, allerdings innerhalb eines stabilen, erzenen, stählernen logischen Rahmens. Becketts Welt ist logisch. Bei Kafka hingegen hat die Welt ein Charisma, das nicht mehr absurd ist oder surreal (und schon gar nicht logisch), sondern bei Kafka erscheint der Weltzusammenhang als offen widersinnig. Kannst du das aushalten? Kannst du das unterschreiben? Habe ich nicht so gut gefunden damals, da die Welt ja dann doch wieder, insgesamt, nicht widersinnig ist. Ein paar Lebenserfahrungen später kann ich dem freilich dann doch mehr abgewinnen, wenngleich ihm letztendlich auch wieder nicht zustimmen. Cornel West sagt, Kafka sei der Dichter der Katastrophe, wo also ein Blickwinkel auf die Welt festgelegt wird über die Katastrophe und den traumatischen Einbruch in das Reale (oder des „Realen“, gemäß Lacan). Ja, es stimmt, einen solchen Scheinwerfer kann man auf die Welt halten um sie in einer neuen Art zu erhellen und Licht in die erkenntnismäßige Finsternis zu bringen. Ja, es stimmt, dass die Welt von bestimmten Blickwinkeln und Positionen aus betrachtet widersinnig ist. Und vor allem, dass Kafka die Welt halt mal so beschreibt, wie sie zu einem guten Teil ist und er die Menschen so beschreibt, wie sie zu einem guten Teil sind. Weiters habe ich damals das so gesehen, dass ein Merkmal von großer Kunst ist, dass „ständig etwas auf ihr heraustritt“ (seine eigene innere Dynamik bzw. als das Abbild des sprudelnden Geistes, der sie schafft). Bei Beckett hat man das Heraustreten seines Hypersubjektes aus sich selbst, indem es unbeirrt seine (paradoxen, aber in sich stimmigen) Bahnen zieht. Bei Kafka tritt ständig etwas in hoher Intensität heraus und fällt einen an. Bei Kafka hat man eine chaotische Energie, die in die beschriebene Welt einbricht, eine Art blindwütiges Wirken des wahnsinnigen Gottes Azathoth (möglicherweise). Eine dionysische Energie, die im Rahmen des Perzepts auf einen zuspringt – aufgehalten und apollinisch in Form gebracht durch die Klarheit und amtsstilmäßige Ebenmäßigkeit allerdings der Kafkaschen Prosa, die wie ein Holzverbau wirkt, der das Dionysische zurückhält. Ein fragiler allerdings, ein notdürftig errichteter, als solcher erscheinender. Weiters bei Kafka die Realität ist emergent, ständig treten Dinge aus ihr heraus, die Figuren erscheinen aus sich selbst heraus emergent, treten aus sich heraus, oder kommen nicht zur Ruhe, wirken in ihrem partiellen Aus-sich-heraus-Treten wie ein futuristisches Gemälde oder wie das „Pferd“ von Raymond Duchamp-Vallon, wenngleich es eher unangenehme Dinge sind, die heraus- und hervortreten. Nichts und niemand ist in sich selbst abgeschlossen und mit sich selbst ident. Unruhe, das. In sein Tagebuch schreibt Kafka, dass ihm Antithesen gar nicht liegen, weil da die Nuancen flöten gehen. So hat man bei ihm eine gegenseitig in sich verschwimmende Welt, und ein Schwimmen in der Welt (und geht entweder unter, versucht aber, das gelobte Land zu erreichen etc.) (und wo das urtümlich Element des Menschen das Schwimmen gar nicht ist, sondern auf Dauer eine Entfremdung und eine Anstrengung bedeutet). Wenn man jetzt der einzig richtig Auffassende und richtig Fühlende ist, wird dann also, über die Wahrnehmung der Welt, die Dummheit in ihr universell – wie soll sie dann aber adäquat festgestellt werden? Wo und wie verlaufen dann ihre Konturen? Und was kann man, als Einzelner, gegen sie machen, wenn man jetzt ein Einzelner sein soll, der jenseits der absurden Lebenswirklichkeit lebt, sich aber innerhalb dieser bewegen muss? So baumelt einer wie Kafka zwischen zwei Sphären, die durch seinen Geist angezeigt werden: dem Richtigen und dem Falschen und oszilliert also in dem, was dazwischen liegt, dem Unentscheidbaren und Rätselhaften. Verschwimmen der Welt. Bei Beckett hat man eine apollinischere Sicht auf die Welt, bei Kafka eine dionysischere. Und was für einen Humor man bei Kafka und bei Beckett hat! Hochkomische Visionen! Ist alles ein Spiel, hat Beckett über den Sinn seiner Dichtung gesagt, wenn er, wie Kafka, überhaupt irgendwas dazu gesagt hat. Bei Kafka alles Klamauk, das meiste dabei „völlig misslungen“ (wie auch bei Beckett, gemäß seiner, dann allerdings weniger strengen bzw. rationaleren Selbsteinschätzung).

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„Ach, wie er litt. Schweigsam, linkisch, zart, verwundbar, verschüchtert wie ein Gymnasiast vor den Examinatoren, überzeugt von der Unmöglichkeit, die durch die Anpreisungen des Impresarios geweckten Erwartungen je zu erfüllen. Und überhaupt, wie hatte er nur einwilligen können, sich als Ware einem Käufer vorstellen zu lassen!“ – so Verleger Kurt Wolff in seinen Erinnerungen an Kafka. Bravo, so gehört es sich für einen Menschen der zehnten Stufe.

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„I never wish to be easily defined. I´d rather float over other people´s minds as something strictly fluid and non-perceivable; more like a transparent, paradoxically iridescent creature rather than an actual person.“ So Kafka angeblich in seinem Tagebuch (vom 23.3.1914), ohne dass ich das verifizieren konnte. Hat sich möglicherweise ein anderer ausgedacht, aber es ist eine gute Sache, die man voll unterschreiben kann! Manch einer versteht Kunst so, als dass sie „Ausdruck der Persönlichkeit“ sein soll. Ist sie aber nur teilweise, denn, neben dem subjektiven Ausdruck, ist Kunst im letzten Sinn das Ringen um die objektive Klarheit über die Welt (und damit der Wissenschaft ähnlich). Andere, bisweilen große Künstler oder eminente Gestalten wie Foucault wollen aus ihrem Leben ein Kunstwerk machen. Hat aber seine Grenzen, das; insofern uns zum Beispiel das Kunstwerk als was Gewordenes, Fertiges dünkt, als gefrorene Kreativität etc. Außerdem erscheinen beide Strategien so wichtigtuerisch und narzisstisch, und mögen daher von manchen instinktiv abgelehnt werden. Es geht bei ihnen um die Bestätigung der Persönlichkeit, und die Persönlichkeit ist das Böse (oder zumindest die Wurzel davon). Wieviel besser scheint es, eher so was wie ein Nebel zu sein, ein Feld, eine Aura, eine offene Verbindungsmöglichkeit, ein Kontinuum…. Marcel Duchamp, der Heilige Geist der Kunst im 20. Jahrhundert, hat gemeint, es sei ihm immer nur darum gegangen, von sich selbst wegzukommen. Das ist die letzte Essenz der Kunst, und von allem, und die Möglichkeit der Umrundung der Welt. Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. Soll heißen, sie ist unerschöpflich, und hält fraktalsmäßig die Unendlichkeit bereit. Etwas so Limitiertes wie die Persönlichkeit kann das nicht adäquat erfassen, nur der Nebel, der sich über Territorien legt. Diese paradoxe, fluide Kreatur…. Das ist eben das Zentrum der Kunst. So muss man sich das Zentrum der Kunst (und des Geistes) vorstellen.

„Life is merely terrible. I feel it as few others do. Often – and in my inmost self perhaps most all the time – I doubt whether I am a human being.“ So außerdem Kafka, ohne dass ich es verifizieren konnte. Aber auch das kenne ich.

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„Zu den Eigentümlichkeiten, die Kafka bis in seine letzten Jahre unverändert beibehielt, zählt sein diffuser Umgang mit Kritik. Es war unmöglich, mit ihm zu streiten, und selbst rücksichtslos vorgetragene Vorwürfe schienen ihn nicht wirklich zu treffen. Denn entweder gab er seinem Gegenüber Recht – das passierte immer wieder Brod, der hier absolut keinen Ansatzpunkt zur „Polemik“ fand –, oder er verteidigte sich mit einer so lauen und die eigenen Möglichkeiten sichtlich unterbietenden Weise, dass man nicht recht wusste, ob das nun Arroganz, Sturheit oder Schwäche war … So eloquent er die Anklageschrift gegen sich selbst zu formulieren wusste, so abwesend wirkte er, wenn es darum ging, die Verteidigung zu organisieren.“ (Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen, S. 285/6) – Bravo, so gehört es sich für einen Menschen der zehnten Stufe! Schizotpye, so habe ich mal gelesen, besäßen ein seltsam diffuses Ego. Die Instanz, wo das Ego seien sollte, mögen sie als vakant wahrnehmen beziehungsweise als etwas, das erst in der Zukunft mit irgendetwas Robustem, Soliden, Definitiven aufgefüllt werde. Schizotypie ist hauptsächlich bekannt als schizotypische Persönlichkeitsstörung, man sollte aber großzügiger sein und es als Bündel von Persönlichkeitseigenschaften auffassen, die im Spektrum harmlos bis psychotisch-schizophren auftreten können. Zu den Charakteristika von Schizotypie zählen: 1) Ungewöhnliches Denken, Erleben (das stark über das spontane Herstellen von (ungewöhnlichen oder scheinbar paradoxen) Assoziationen geprägt ist) 2) Kognitive Zerfahrenheit (spontanes, sprunghaftes, kreatives Denken bis hin zu desorganisiertem Denken und Ideenflucht) 3) Anhedonie (verminderte Fähigkeit (innerhalb gewöhnlicher Situationen) Freude zu empfinden) 4) Arousal und Erregbarkeit (Erlebnisse und Reize, die von anderen als trivial angesehen werden, erregen und beschäftigen den Schizotypen immer wieder ungewöhnlich intensiv, was von außen als Sensibilität, Nervosität und Grübelzwang wahrgenommen werden mag) 5) Nonkonformismus (intellektuell wie emotional, als Verhalten, das mit der Umgebung und den sozialen Konventionen nicht in Einklang steht). In extremer Ausprägung bedeuten diese Eigenschaften Schizophrenie und Krankheit. In gesunder Ausprägung sind sie wohl das Ferment für Kreativität und auch die ungewöhnliche persönliche Autonomie und Unabhängigkeit sowie auch für die transparente Persönlichkeit des genialen Menschen. Genies scheinen meistens gesunde Schizotype zu sein. In einem Beitrag, in dem das schizotype Ego dem Ego des Psychopathen gegenübergestellt wird, wird illustriert, dass der „Psychopath“ verschiedene, relativ unverbundene scheinbar „harte“ und „robuste“ Ego-Kerne hat, so wie er auch andere Menschen als von ihm sehr abgetrennt und verschieden wahrnimmt. So ist es ihm auch möglich, unterschiedliche Rollen überzeugend zu spielen, um andere schamlos zu manipulieren. Der Schizotype hingegen habe ein nebelhaftes Ego, wenig robust, und in dem alles mit allem als verbunden erlebt wird. Somit werden auch die Mitmenschen als mit ihm vergleichsweise verbunden und wenig von ihm abgetrennt erlebt, und es ist dem Schizotypen schwer möglich, andere in dem Sinn zu manipulieren, indem er sich schlecht verstellen kann, abgesehen davon, dass er gar kein Interesse daran hat. Der Schizotype spielt keine Rolle, hat nicht einmal einen konturierten Sinn für die eigene Persönlichkeit, sondern ist immer nur das, was er eben ist. Damit kann man auch sagen, dass nicht der scheinbar robuste „Psychopath“ sondern der Schizotype das höchste Maß an psychologischer Integration aufweist, über sein nebelhaftes, kontinuumsmäßiges, konnektives Ego. Und, wenn man so will, auch das höchste Maß an Identität: Franz Schuh hat einmal in einer Vorlesung gesagt, Kafka sei „unmittelbar identisch mit sich selbst“. – In der Gruppe für Schizotype auf Facebook habe ich mehrmals versucht, eine Diskussion zu initiieren, ob sie ihr Ego auch so (also als praktisch kaum vorhanden) wahrnehmen würden, da ich immer in der Hoffnung bin, ein Kollektiv zu finden, das richtungsweisend für das Glück und den Fortschritt der Menschheit sein könnte und den richtigen Weg aufzeigen. Zu meinem Entsetzen habe ich festgestellt, dass die Diskussionsanstöße kaum Früchte gebracht haben und die quasitaoistischen Ansichten oder inneren Selbsterlebnisse über das nirwanamäßig desintegrierte Ego kaum verstanden wurden. Das hat, wieder einmal, einen erheblichen schizotypischen depressiven Schock bei mir ausgelöst. (Kafka war eben tatsächlich ein Einzelgänger, wie Milena in ihrem Nachruf es schreibt.)

Natürlich ergeben sich aus dieser Selbst-losigkeit leicht auch gewisse Probleme, vorwiegend solche der äußeren und inneren Kontur. Eine gewisse Wurstigkeit gegenüber Leben und Tod. Oder gegenüber dem eigenen Werk, das man nicht richtig wahrnehmen kann als Teil seines Ego oder seines „Unzerstörbaren“ (Kafkas Idee/Wunschvorstellung vom transzendenten Wesenskern bzw. Wesenskern des Transzendenten), und das daher, anders als bei den ganzen Narzissten, immer wieder einfach so durch einen hindurchfällt und man es möglicherweise sogar verbrannt haben möchte.

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Kafka, der neurotische. So meint man das allgemein. Dass er Angst gehabt habe vor dem Leben und dass er Angst gehabt habe vor den Frauen, da die „Agentinnen des Lebens“ seien (oder der Sexualität, zu der Kafka ein gespaltenes Verhältnis hatte). Warum aber sollte einer wie Kafka Angst vor dem Leben haben? Einer wie Kafka ist doch viel stärker als das Leben! Und einer wie Kafka ist doch viel kreativer als die Muse! Und einer wie Kafka ist doch viel irrationaler als die Anima – ja, er würde eher mal mit seiner Irrationalität die Anima in die Flucht schlagen! Und warum diese Verblödetheit mit dem Verbrennen des Nachlasses? In seinen Tagbüchern hat Kafka gemeint, die Erziehung habe ihn versaut und sie sei sein Unglück gewesen. Im Brief an den Vater vermutet er, dass er wohl auch ohne den Einfluss des Vaters „ein schwächlicher, ängstlicher, zögernder, unruhiger Mensch geworden“ wäre. Bei der schizotypen Persönlichkeit hat man ein geisterhaftes Inneres, in dem alles vieles und nichts bedeutet, und einen emotionalen Nonkonformismus, der emotional alles immer in Frage stellt, was gegeben ist und konterkariert, einen inneren Widerstreit, in dem sich alles gegenseitig einigermaßen aufhebt. Es scheint kein genau definiertes Innenleben zu sein. Ich habe Kafka persönlich nicht gekannt, aber für den Fall, dass seine „Nervosität“ über das Maß der Schizotypie hinausgegangen sei, betrachte man den einfachen Fall der selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung! Leute mit einer selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung zeichnen sich durch übertriebene Angst aus, eine soziale Phobie und speziell einer Angst, als minderwertig erlebt und kritisiert zu werden. Damit einhergehend eine Angst intime Beziehungen einzugehen und ein sehr hohes Bedürfnis nach Sicherheit in einer Beziehung, das bis dahin reicht, sich nach einer „idealen“ Beziehung zu sehnen, in der einem gegeben wird. Die Welt wird als unheilvoll und latent feindselig erlebt, sich selbst erlebt der „Abandoniker“ (wie Kafka-Biograph Stach es fasst) als „ausgeschlossen, nicht-zu-gehörig, überzählig“, in seiner Phantasie sieht er überall Zeichen des Unheils etc. Die Wurzeln einer Persönlichkeitsstörung liegen in den Genen und/oder in Traumata in der frühen Kindheit (bevor sich das Kind noch als Persönlichkeit erlebt und artikulieren kann) und sie liegen tiefer als bei der Neurose oder einer traumatischen Störung und sie sind manifester, urtümlich mit der Persönlichkeit und dem Charakter verbunden. Wie gesagt, ich habe Kafka nicht gekannt, aber so etwas in der Richtung scheint schon auf ihn zuzutreffen. Kafka war mächtig und authentisch und souverän auch, aber das mag in erster Linie seinem souveränen Verstand geschuldet gewesen sein. Weiters können Individuen, die von einer Persönlichkeitsstörung betroffen sind, auch relativ unauffällig sein, erst im intimen Kontakt mögen ihre Exzentrizitäten zutage treten. Bei Kafka scheinen eine gute und brauchbare Sensibilität und Achtsamkeit des Künstlers zusammenzukommen mit der schlechten Übersensibiliät des Selbstunsicher-Vermeidenden, ohne dass man wohl genau sagen kann, inwieweit die schlechte Übersensibilität tatsächlich krankhaft war oder nur (zumindest aber) annähernd krankhaft. Er war sowohl von seinem Talent her ein Ausgestoßener aus der Menschheit und abnorm, wie auch offensichtlich im Sinne einer (Art) Pathologie, beides spiegelt (und verzerrspiegelt) sich ineinander. Dora Diamant hat von einem „nihilistischen“ Wesen oder von einem Selbsthass (des allerdings moribunden und darüber nicht eben totunglücklichen) Kafkas nichts bemerkt, im Gegenteil: „immer heiter“ und sinnenreich verspielt sei er gewesen, „der geborene Spielkamerad“. Auch Brod hat das dann, allerdings eben als eklatante Wesensveränderung an Kafka wahrgenommen. Milena Jesenská hat im Nachhinein gemeint, Kafka wäre tatsächlich nicht normal gewesen, allerdings im positiven Sinn; so sei es sein Pech gewesen, dass die Frauen, die er in seinem Leben getroffen habe, aber eben normale, gewöhnliche Frauen gewesen seien, die nicht anders zu leben verstanden, als es gewöhnliche Frauen eben tun. Auch sie selbst sei zu der Zeit, als sie Kafka kennengelernt habe, „ein gewöhnliches Weib“ gewesen „wie alle Weiber auf der Welt, ein kleines, triebhaftes Weibchen“ und sie geht so weit zu sagen, dass Kafkas Angst vor ihr „richtig“ gewesen sei. Dora Diamants Liebe zu Kafka sei rein fürsorglich gewesen, und nicht „fordernd und überwältigend“ wie die von Milena. Wenngleich ein ausgeglichener Mensch vor einer fordernden und überwältigenden Liebe wohl keine so große Angst hätte. Einem spezifischen Verständnis gemäß gehören sowohl die selbstunsicher-vermeidende als auch die schizotypische Persönlichkeitsstörung in den Cluster A der Persönlichkeitsstörungen, den Cluster der schizophrenienahen Persönlichkeitsstörungen. Oftmals ist es so, dass Persönlichkeitsstörungen (oder wohl auch die ihnen zugrunde liegenden Persönlichkeitseigenschaften) kombiniert auftreten oder ineinander übergehen. Wenn ich einmal tot bin, fände ich es gut, wenn Milena Jesenká einen Nachruf auch mich schreiben würde.

„Psychologie ist Lesen einer Spiegelschrift, also mühevoll, und was das immer stimmende Resultat betrifft, ergebnisreich, aber wirklich geschehen ist nichts“. (Viertes Oktavheft)

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„Etwas schwieriger schon war Kafka zum Betreten eines gänzlich anonymen Schauplatzes zu bewegen – hier rührte sich unvermeidlich sein Widerstand gegen jede Form sozialer Selbstdarstellung, und die Lust am Vorlesen war beeinträchtigt durch Störgeräusche des Über-Ichs, durch den nagenden Zweifel, mit welchem Recht ausgerechnet er sich in den Mittelpunkt drängte.“ (Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, S. 148) – Bravo, so gehört es sich für einen Menschen der höchsten Stufe! – Ja, ich hege halt die Hoffnung, dass sich daraus Schlüsse allgemeinerer Natur ableiten lassen und Leitbilder, wie man sich als Mensch idealerweise verhalten soll und wohin das Streben gerichtet sein solle (wenngleich die „Magie“ natürlich gänzlich verloren geht, wenn jeder magisch wird, schon klar, aber diese Aussicht besteht ja auch nicht). Das „Ego“ ist freilich nicht notwendigerweise schlecht, wenn es im Zusammenhang mit seiner Befriedigung auf gute Dinge gerichtet ist, anderen helfen zum Beispiel, schöne Sachen machen oder Millionär werden, Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen. Aber es hat Grenzen. Sidney Janis hat gemeint, nur zwei Künstler getroffen zu haben, die sich nicht durch eine (offene oder versteckte) Unsicherheit gegenüber anderen künstlerischen Ansätzen ausgezeichnet hätten, die sich auch für Kunst interessiert hätten, die von der ihren ganz verschieden gewesen sei und denen es nicht mehr oder weniger darum gegangen sei, ihr jeweiliges Territorium zu behaupten: Marcel Duchamp und Piet Mondrian. Beide sind so tief in die Kunst eingedrungen, wie es nur möglich ist und waren harmonische Persönlichkeiten. Das schizotype Ego mag vielleicht unmittelbar, aufgrund seiner Unruhe und mangelnden Substanz weniger narzisstische Befriedigung und Ruhe ermöglichen als für den sich in sich selbst sonnenden Narzissten, in Wirklichkeit scheint es aber eben die Basis für tatsächliche Ruhe und Ausgeglichenheit und Einheit mit der Welt und dem Schicksal. Ich hege weiter die Hoffnung, dass man mit dem schizotypen Ego eine Art Basis finden kann, wie man in das Herz der Dinge vordringen kann, aufgrund der Fluidität des Innenlebens und seiner Konnektivität und mangelnden Abgegrenztheit gegenüber dem Leben draußen sich tiefe Verbindungen ermöglichen, die notwendig sind, um Lösungen für die Welträtsel anzugeben. Vielleicht kann man die Menschen in Zukunft genetisch dementsprechend verändern, auf das herrliche Zeiten anbrechen und wir alle auf Erden wie in den elysischen Feldern wandeln (so wie in den Gemälden von Macke). Wie dann aber (geistige) Arbeitsteilung möglich sein soll, weiß ich nicht.

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Und warum diese Verblödetheit mit dem Verbrennen des Nachlasses? „Die Mittelmäßigkeit erledigt ihre Unternehmungen schlecht und recht und frohlockt; der Mann von Talent gratuliert sich zum Erfolg seiner Bemühungen; das Genie allein trauert über unerfüllte Erwartungen“, schreibt Füssli in seinen Überlegungen zur Kunst. Ja, wenn das Innere von einem der offene Raum ist, was dann also anders, als wie wenn das innere (seelische und intellektuelle) Prozessieren sich so anfühlt, als würde man permanent in seinen eigenen Abgrund fallen, für immer? Freilich, wenn ein Mensch die höchste Vollendung erreicht hat, will er wohl ganz einfach verschwinden; bzw. wenn das Ego schizotypisch ist und das Innere so weiträumig, fühlt man sich wie ein Nebel, der sich irgendwie verteilen und verflüchtigen muss, man ist für sich selbst gar nicht mehr lokalisierbar und legt auf das, was Menschen Wert legen, oftmals gar keinen Wert mehr. Allerdings, wenn man Werte geschaffen hat, ja, wenn man in der Sphäre der Werte (als abgelöst und über der Sphäre der täglichen Geschäfte der Menschen stehend) was getan hat, wenn man – eigentlich – in der Sphäre der Werte lebt, dann muss man sich um die Bedeutung dieser Werte doch umso mehr im Klaren sein und versuchen, sie zu bewahren! Freilich, der Schriftsteller leidet. Das eigene Werk, die eigenen Gedanken und Ideen kennt er, sie sind keine (unmittelbare) Überraschung für ihn. Sie stehen auch nicht scheinbar monolithisch und aus einem Guss da, wie das Werk des anderen Schriftstellers. Während das Werk des anderen Schriftstellers monolithisch und wie aus einem Guss dasteht, weiß man um den flickenhaften Charakter des eigenen Werkes nur zu gut Bescheid, weiß, dass dem, was anderen als göttliche Eingebung erscheinen mag, möglicherweise bloß die Erinnerung an eine Anekdote zugrunde liegen mag. Einen Schriftsteller stellt man sich so vor als einen, der ein wahnsinniges Talent hat zu erzählen, eine ganze Geschichte sprudle so mir nichts, dir nichts aus ihm heraus, bevor du ihm auch noch den ausgestreckten Mittelfinger zeigen kannst. Dann kommt aber möglicherweise einer daher, der nichts kann als sich erinnern (und seine Erinnerungen so darzustellen und auf eine Ebene der Konkretion wie auch der Abstraktion zu erheben, dass sich daraus Weltliteratur ergibt), so wie Proust, und macht auf seine Weise was viel Bedeutendere als der bloße Geschichtenerzähler! Genie schließt Talent nicht mit ein, sondern ist die Fähigkeit, ungewöhnliche Kombinationen herzustellen und (allerdings erst nach gewisser Zeit und über eine gewisse Bekanntschaft mit den Dingen), das „Wesen“ und die „Seele“ einer Sache zu erfassen. Das Talent mag sich zunächst leichter tun in der Welt, während das Genie länger brauchen mag, aus seiner Begabung was Sinnvolles zu machen. Aber das muss man erst einmal (auch für sich selbst) begreifen! Die Welt ist da eher langsam dabei, und man selbst ist langsam dabei. Allerdings, nach einer gewissen Zeit müsste man doch draufkommen, dass das Gras in des Nachbars Garten nicht möglicherweise grüner ist als das eigene! Freilich, Kafka konnte viele seiner Texte nicht fertigstellen, er schrieb keine Lyrik und brillierte nicht als Dramatiker (während herausragende Schriftsteller in der Regel in mehreren Gattungsformen brillieren), seine Kreativität kam schwankend und war unbeständig (wie es bei so vielen anderen auch der Fall ist), aber es ist ihm bereits früh (korrekterweise) so erschienen und er hat es Rudolf Steiner gesagt, dass er nicht nur an den Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten wandle, sondern an den Grenzen des Menschenmöglichen überhaupt (wozu (selbst einer wie) Steiner nicht viel zu sagen wusste). „Die ungeheure Welt, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien ohne zu zerreißen. Und tausendmal lieber zerreißen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar“, so Kafka zu seinem Tagebuch im Jahr 1913. Warum dann also später, nachdem die Welt triumphal geboren wurde, sie verbrennen? Noch dazu, wenn Brod und Werfel und alle anderen einem in den Ohren liegen, wie toll diese Schöpfung sei? Brod hat gemeint, Kafka hätte unmöglich hohe Ansprüche an sich selbst gehabt, und einen in etwa religiösen Zugang zur Literatur gehabt. Erklärt aber auch nicht die sehr unnatürliche Scheu von Kafka gegenüber seiner eigenen Religion. Ursprünglich hat Kafka sein Schreiben als eine Art Spielerei gesehen, wie gleichzeitig auch als Versuch, gegenüber der Imago des übermächtigen Vater ein eigenes Territorium zu errichten. Sein Schreiben war ja ein „Versuch der Befreiung“ (wie er im Brief an den Vater geschrieben hat), daher möglicherweise im Rückblick peinlich für ihn, oder eben bloße Versuche: Seine „eigentliche“ Literatur hätte erst das sein sollen, was er in Zukunft schreiben würde (wobei dem schizotypischen Ego und dem rasenden Verstand immer alles vergleichsweise obsolet erscheinen wird, was es/r gerade getan hat), und das, was er vorher geschrieben habe, ein bloßes (und experimentelles) Ringen mit seinen „Dämonen“ (wobei allerdings bei einem Geist wie Kafka alles immer nur „Experiment“ bleiben wird, da die innere Maschine für alles scheinbar „Feste“ und „Klassische“ zu schnell läuft). Einer wie Kafka hätte wahrscheinlich versöhnliche Literatur schreiben wollen, eine Lösung für die Menschheit anbieten, er hat aber gesehen, dass das nicht (philosophisch) wirklich geht, wahrscheinlich gehofft, dass das in der Zukunft, wenn er „mit sich und der Welt im Reinen“ sei, möglich sein könnte. Im persönlichen Umgang habe Kafka stark dazu tendiert, immer nur das Beste in einem anderen Menschen zu sehen, während sich ihm in der Literatur eine einigermaßen andere Perspektive aufgedrängt hat. Ein unangenehmer Widerspruch wohl für einen. Später dann, im Jahre 1918 hat Kafka sein Glück nur mehr darin gesehen, über die Literatur (oder sonstwie) die Welt „ins Reine, Wahre, Unveränderliche zu heben“. Selbst künstlerische Perfektion sei ihm zu wenig gewesen, das Ergreifen einer transzendenten Wahrheit (oder aber: das vollständige Durchdringen der Welt) sei sein Ziel dann gewesen – laut Kafka-Biograph Stach ein „ungeheuerliches“ (Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, S. 255). Allerdings hat Kafka das dann ja auch tatsächlich getan, und klarerweise werden auf einem solchen Plateau der Olymp der künstlerischen Meisterschaft oder des klassischen Stils einigermaßen obsolet, das Welt-Auge schafft seinen eigenen, über-meisterschaftlichen Stil, der aber singulär ist, und der daher nur mehr indirekt mit allem anderen kommunizieren kann und der allein eine gebrochene Gemeinschaft schafft etc., was wiederum unangenehm für den Über-Meister ist, da das nicht unbedingt das ist, was er will. Dass, abgesehen von allem, Kafka aber keine Lust darauf gehabt haben konnte, in der Zukunft, und für den Rest der Zukunft, am Seziertisch der analysierenden Menschheit, Forscher und Biographen zu landen, erscheint auch naheliegend (und vielleicht sogar als der naheliegendste rationale Grund für sein schreckliches Testament an Brod).  – Wieso Kafka einen solchen Drang, bei all den inneren und äußeren Widrigkeiten tatsächlich gar nicht so wirklich verspürt hat wohl, ist wohl das eigentlich Rätselhafte an dem ansonsten so transparenten Kafka. Einer, der sowohl Kafka als auch Otto Weininger gekannt hat, hat gemeint, beide wären „verrückt“ gewesen: Beide hätten einen Satz bereits durchgestrichen, bevor sie ihn überhaupt erst niedergeschrieben hätten. Ach ja, der ultraschnell rasende Verstand und die ultraflexible Seele, so schnell und so flexibel, dass sie über sich selbst hinwegrasen und sich selbst wegflexibilisieren! Obwohl ich bei Otto Weininger auch gemeint habe, sein Selbstmord sei einer neurotisch gewordenen höchsten Klarheit des ringenden Genies geschuldet, bin ich in letzter Zeit dann doch zu der Vermutung gelangt, dass sein Verfolgungswahn doch psychotischer Natur gewesen sein muss, und Otto Weininger, neben all der erstaunlichen Klarheit, möglicherweise sehr wohl verrückt war. Möglicherweise war ja auch Kafka tatsächlich verrückt (Persönlichkeitsstörung bedeutet ja auch quasi, dass man partiell verrückt ist). An Milena Jesenká, die ihm seine Angst ausreden will schreibt er, dass seine Angst doch in Wirklichkeit „sein Bestes“ sei und er „aus ihr besteht“ – wobei er von dieser „Angst“ allerdings wiederum in Anführungszeichen spricht; ach ja. Und natürlich: Wenn der größte Schriftsteller eines Jahrhunderts sein Werk verbrannt sehen will, passt es ja wie die Faust aufs Auge, so einfach ist das. Wie sehr allem Weltlichen entrückt, das!

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Die Briefe Kafkas und die Tagebücher und die Oktavhefte und anderes zählen nicht eben zu den besten ihrer Art, aber das tun die Briefe von Emily Dickinson zum Beispiel auch nicht. Es tun Briefe selten, ich erinnere mich an die Irritation die Anthologien von „Liebesbriefen berühmter Männer“ und „Liebesbriefe berühmter Frauen“ bei mir ausgelöst haben. Bei den Briefen und Tagebüchern von Kafka habe ich beim Lesen Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Es steht dann aber eh meistens nichts Weltbewegendes oder Erhellendes drinnen, und es fehlt auch der – in seinen literarischen Werken doch dauernd anzutreffende – Humor! Eine ausgeprägte Weltwahrnehmung hat man, Verschwimmen der Ichgrenzen, Gütigkeit und Achtsamkeit gegenüber anderen. Eine sehr hohe Intelligenz. Wie intelligent Kafka war! Man kann sich schon vorstellen, dass der tyrannische Vater da stark darunter gelitten hatte, da es doch sein primäres Motiv war, Macht über andere auszuüben. Ja, da muss der Vater doch vor lauter Wut in den Boden gefahren sein, zum Rotieren angefangen, schwarz geworden und sich in den Erdboden gebohrt und verschwunden, ganz schnell! Doch das ist dann so doch nicht passiert, wenngleich der tyrannische Vater dann Ottla, als sie nicht mehr nach seiner Pfeife getanzt hat, mit einem unbändigen Hass verfolgt hat, dass man meinen könnte, Schmerz über die eigene erlebte Machtlosigkeit sei der primäre Agens gewesen. Der Vater ist angesichts von Franz nicht im Erdboden verschwunden, vor Wut über die erlebte Machtlosigkeit. Eventuell, weil er sich über die Intelligenz des Sohnes selber machtvoll verlängern konnte. Oder, weil er Intelligenz, wie es meistens der Fall ist, ja dann doch auch schätzte, da sie Macht bedeutet. Wahrscheinlich aber eher, weil er dafür dann doch zu sehr Hohlraum war. Oder weil er die wahre Intelligenz von Franz naturgemäß nicht begriffen hat. Eine so hohe Intelligenz wie die von Franz wird weniger als hohe Intelligenz, sondern eher als Fremdheit, Seltsamkeit, Eigenartigkeit wahrgenommen, als exzentrisch, auch von den Trägern dieser Intelligenz selber, da ihnen aufgrund ihrer Singularität ja auch die Vergleichsmöglichkeiten zu anderen fehlen. Man meint, und sie meinen, sie seien eine eigentümliche Mischung aus hoher Intelligenz und Sonderbarkeit, „Lebensuntüchtigkeit“ u. dergl. Dabei sind sie ja durchaus nicht sonderbar. Dabei sind sie durchaus nicht lebensuntüchtig etc. Abgesehen auch davon, gibt es ja gar keine Anzeichen, dass Hermann seinen Sohn Franz nicht tatsächlich geliebt hat – nein, nicht die geringsten! Er war halt nur in seiner gestörten Persönlichkeit und in seinen Mechanismen zu sehr gefangen (von daher auch wieder gut überlegt, die Persönlichkeit auszulöschen, um zu Wahrheit und Reinheit zu gelangen etc. pp). „Mein Schreiben handelte von Dir“, schreibt Kafka anklagend an den Vater. Naja, eine Irrationalität und Uneinheitlichkeit, die auf die ganze Welt projiziert wird. Das „Transzendente“ oder das „Gesetz“ oder was auch immer ist bei Kafka recht widersprüchlich, es bedrängt einen, weicht aber zurück, wenn man was von ihm will; es ist mitten in der Gesellschaft, bis hin in die Hinterhöfe und Dachkammern, verankert, nimmt dann aber doch nicht am Leben teil; es übersieht scheinbar alles, aber alles ziemlich falsch; es ist asketisch und lüstern; erhaben und trivial; geheimnisvoll und offenbar; gefährlich und ungefährlich; drohend und leer drohend; souverän und tollpatschig; es kann gegenüber einem letztendlich nicht viel ausrichten, und umgekehrt, allerdings zermürben und aufreiben, das kann es wohl. Ja, das kann es! Seine Rätselhaftigkeit scheint weder aus einer Tiefe heraus zu stammen, als aus einer Oberflächlichkeit, in der alles schlecht integriert ist, wobei auch seine Rätselhaftigkeit weniger eine solche ist als eben eine Uneinheitlichkeit und Zusammenhanglosigkeit, wo der Zusammenhang allerdings durch den Glauben der Menschen an das Gesetz manifest und zu einer tatsächlichen sozialen Macht wird. – Über seine Schwester Elli schreibt er an den Vater wie sie sich von einem unangenehmen, gedemütigten Mädchen zu einer angenehmen Frau entwickelt habe, sobald sie dem elterlichen Einfluss entronnen. An Elli selber schreibt er, hinsichtlich Fragen der Kindererziehung im Jahr 1921 mehrere Briefe, wonach es nichts Eigennützigeres gäbe als die Liebe der Eltern zu ihren Kindern (wobei er das allerdings nicht auf seinem Mist wachsen lässt, sondern den sarkastischen Swift wiedergibt). Als seine größte Leistung hat Kafka es angesehen, wie es ihm in späten Jahren gelungen ist, von seinen Eltern wegzuziehen. Ja, wenn einem so etwas gelingt, müssen einem Werke der Weltliteratur wie der „Prozess“ et al. unbedeutend und als ein Fall fürs Feuer erscheinen, ja das ist, aus diesem Licht betrachtet, ganz klar. Becketts Briefe finde ich sehr gut und ich habe sie eine Zeit lang immer wieder gelesen. Kafkas Briefe finde ich nicht gut. Der eigentümlichste Eintrag in Kafkas Tagebuch vom 2. August 1914: „Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule“

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Kafka wird so geliebt, weil er ein solches Füllhorn an Bedeutungen und Bedeutsamkeiten über uns ausschüttet! Da kann man alles Mögliche damit anfangen, man kann dann darüber schreiben und sich mit seinen jeweiligen Deutungen eventuell auch wichtigmachen und glänzen und sich narzisstisch erhöhen, jetzt, nachdem er tot ist und es gewisse Leitlinien gibt, wie man in der Interpretation überhaupt mit ihm umgehen kann. Wenn so einer, der ein Füllhorn von Bedeutungen und Bedeutsamkeiten ausschüttet, lebt und unvermittelt daherkommt, mag er weit weniger beliebt sein, weil man sich dann nicht auskennt und man kann kein intellektuelles Spielzeug aus ihm machen und nicht wichtigtuerisch-schwungvoll über ihn schreiben und glänzen und sich selbst narzisstisch erhöhen. Marlene Dietrich hat über Orson Welles gesagt, Orson Welles sei ausgesprochen großzügig gewesen. Wie alle großen Talente habe ihn sein innerer Reichtum vor Kleinlichkeit geschützt und er habe andere bereitwillig an seinen Ideen, Erfahrungen und an seinen Träumen teilnehmen lassen. Es sei leicht gewesen, Orson zu lieben. Orson Welles hat über sich selbst gesagt, er habe das Wort „Genie“ schon ins Ohr geflüstert bekommen als er noch in der Wiege lag. Naja, dafür hat er später büßen müssen; als Fremdkörper in der Industrie. Angst hätten sie vor ihm gehabt, da in Orsons Nähe die Unzulänglichkeiten der anderen „nur allzu deutlich“ wurden, kommentierte über Orson Welles John Huston. Auch von dem bescheidenen und überaus höflichen Beckett fühlten sich angeblich viele Leute eingeschüchtert. Kafka muss diese Verlegenheit, in die er andere, zumindest theoretisch gebracht hat, eben auch sehr unangenehm gewesen sein. Orson Welles hat Shakespeare geliebt und in der Orson Welles-Biographie, die ich habe, wird gesagt, dass Shakespeare bis heute „überaus anziehend“ erscheine, da er keine bestimmte Bedeutung vermittle, „vielmehr verheißt er eine unerschöpfliche Vielzahl von Bedeutungen“. Während Orson Shakespeare geliebt und auch verfilmt habe, hat er auch (hingegen als Auftragsarbeit) Kafka verfilmt, ohne allerdings „wirkliche Sympathie für Kafka“. Mit Anthony Perkins in der Hauptrolle, zeigt Welles` Interpretation/Adaption vom „Prozess“ ein hohles, lieblos administriertes Soziales, in dem der Einzelne zugleich verlängert Täter scheint und ihm gleichzeitig zum Opfer fällt. Wie bei Kafka ist bei Orson Welles vieles Fragment geblieben. Der Ruf, dass Welles ineffizient gearbeitet habe und in dem Sinn lebensuntüchtig war, sei jedoch übertrieben gewesen, so John Huston (oder eine Schutzbehauptung), genauso wie der Ruf von Kafka als lebensuntüchtig ja auch übertrieben ist. Als Orson Welles mit einem anderen in der Closerie de Lilas (kurz vor Mitternacht und als die Closerie de Lilas schon fast leer war) Beckett gesehen hat, hat er zu dem gesagt: „That´s Beckett over there“.

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In den Tagbüchern von Kafka findet man auch Beschäftigung mit Goethe. In den Kopf von Individuen wie Goethe oder Hegel passt die ganze Welt. So sind das dann also Universalmenschen und/oder –geister. Was aber, wenn man auf einem noch höheren Level der Analyse und Integration arbeitet und die Welt überblickt, wie zum Beispiel Nietzsche oder Büchner? Dann ist, wie man sagt, die Welt nicht genug für einen. Das sind dann Transzendentalmenschen. Während der Universalmensch das Charisma des in sich Ruhenden hat, wirkt der Transzendentalmensch vielleicht eher unausgeglichen, nervös, nicht identisch mit sich selbst, scheint sich durch sich selbst hindurchschießen zu wollen. In seiner Singularität ist er ja auch in einem Bereich, wo sonst niemand ist. Was soll er da aber genau anfangen? Wie soll er sich da genau Klarheit über alles verschaffen, über die Welt, wenn er die Welt übersteigt? Dann sucht er wohl etwas, was man in der Welt nicht findet, er sucht einen Sinn, den es (so, praktisch) in der Welt nicht gibt. Und produziert also ein Übermaß an Sinnzeichen, die in der Welt (so, praktisch) nicht verankert sind, gleichzeitig aber auch tiefer in ihr vorhanden sind als alles andere. „Der Übermensch ist der Sinn der Erde.“ Nietzsche hat sich in den Übermenschen geflüchtet, Büchner („Lenz“) in eine Überwelt, bei Kafka hat man eine Über-Wirklichkeit, einen metaphysischen Nebenraum, in dem das metaphysische Streben des Menschen und der Mangel des metaphysischen Strebens des Menschen in einer zum metaphysischen Streben einladenden Welt und in einer zum metaphysischen Streben gleichzeitig nicht einladenden Welt stattfindet; man hat einen Überschuss an Zeichen, Bedeutungen, Indizien, die so dann realiter weniger bedeuten als sie scheinen, aber trotzdem zu schnell sind, als dass man sie einholen könnte (Odradek). ); bei Kafka hat man eine verschwimmende Welt, die auf diese Art und Weise mehr ist als die Welt. Doppelsinnig, hintersinnig, sinnlos; statisch und unveränderlich, aber ständig dynamisch, sich verändernd, emergent und im Fluss. Kafka war, wie man weiß, sehr klar im Kopf. In seiner Sprache, als Jurist, als Kommunikator des Juristischen, von seinen Vorgesetzten hochgeschätzt, insofern er das seltene Talent aufgewiesen hat, Juristisches einem breiteren Publikum verständlich darzustellen. Die geistige Klarheit von Nietzsche auch, oder Büchner, die sich selten geirrt haben. Auf einem extrem hohen Niveau, oder auf einem Niveau, an dem die geistige Klarheit und Konturiertheit die der Klarheit und Konturiertheit der praktischen Welt überschreitet, fällt sie dann wieder in eine (philosophische) Konfusion, und in ein (scheinbares bzw. höheres) Unwissen. In der Gleichzeitigkeit von höchster Klarheit und höchster Konfusion zu leben, ist das Charakteristikum des Philosophen. Wie es im „Prometheus“ im Dritten Oktavheft heißt: „(Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären.) Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muss sie wieder im Unerklärlichen enden.“ Ich habe Leute wie Büchner, Nietzsche, Kleist, Emily Dickinson – oder eben auch Kafka – dereinst die „ultrakomplexen Menschen“ genannt. Die Ultrakomplexität, als welche sie nach außen hin in Erscheinung treten mag, ist der nach außen gewendete Ausdruck ihrer Über-Vollständigkeit. Im Inneren des ultrakomplexen Menschen gibt es weniger unlösbare Probleme oder innere Widersprüche, wenn schon, dann sind das Kollisionen mit dem Außen – tatsächlich ist das Innere des ultrakomplexen Menschen der unendliche Saal von Spiegeln, der unendliche Spiegelsaal, in dem alles gegenseitig, und von allen Seiten reflektiert wird (die „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und der wahren Weg“ oder die Aphorismen/Notate aus der Reihe „Er“ sind zwar nicht die besten ihrer Art, aber eben Notate des ultrakomplexen Menschen). Ich habe auch gesagt, der Übermensch ist der, der die Summe aller menschlichen Probleme reflektiert und das auf ihre Überschreitung hin. Übermenschen hat es gegeben, meistens als Unbehauste in dieser Welt: Sokrates, Kierkegaard, van Gogh… oder eben Kafka (Dora Diamant hat notiert: „In Franz lebten die Dinge in so verdichteter Form, dass die anderen Menschen erst dann etwas von ihnen sehen können, wenn man sie verdünnt hatte, da sie über die Grenze des gewöhnlichen menschlichen Fassungsvermögens hinausgingen. Sie gingen auch über seine eigene physische Erregbarkeit hinaus. Die Ebene, die Sphäre, von der aus er lebte, war eben im ursprünglichsten Sinn des Wortes „übermenschlich“.“)

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Kafkas Dichtung ist universal und Gestalten wie Faust, Peer Gynt, Ishmael, Malone oder eben K. sind Gestalten, in denen sich die Menschheit individualisiert. Kafkas klaustrophobische Visionen stammen zunächst aus den Verlegenheiten, in die der Ausnahmemensch in dieser Welt kommt, wo er in einer Welt, die kleiner und schwächer ist als er, überall anstößt, ohne dass er das will. Er will ja helfen und motivieren und aufbauen, stattdessen hat da jemand Feinsinniger wie Kafka das Problem, dass er überall anstößt, überall Unruhe hervorruft, überall Schwierigkeiten macht. Im Gedicht von Hong-zhi über den alten Zhao-zhou heißt es:

Der alte Zhao-zhou! Der alte Zhao-zhou!

Unruhe in den Zen-Klöstern zu stiften – noch im hohen Alter hört er nicht damit auf!

– nachdem der alte Zhao-zhou ein Koan hingeworfen hatte. Ja, in einem Zen-Kloster mag das, innerhalb gewisser Grenzen wohl wohlanständig sein, aber draußen in der Gesellschaft ist das hin und wieder nicht willkommen. Leute aus ihrer Komfortzone zu locken, das geht gar nicht, und mit mehr als nur japanischer Höflichkeit mag das feinfühlige Genie, der feinfühlige Ausnahmemensch, um große Zurücknahme seiner selbst bemüht sein, vor allem, wenn er ein schizotypisches Para-Ego hat, obwohl es ja gar nicht seine Schuld ist, dass er in einer stupiden und unflexiblen Welt überall anstößt (aber eben auch nicht wirklich die Schuld der anderen). Gleichzeitig dann aber die tiefe Durchschnittlichkeit der Kafkaschen Helden! Gregor Samsa, ein Durchschnittsmensch in einer Durchschnittsfamilie, arbeitend in einem Durchschnittsbetrieb, Durchschnittsmenschen als Mieter anziehend. Kein sonderliches Interesse, keine sonderliche Neugierde, keine sonderliche Idee, wie man mit der Ausnahmesituation umgehen soll, was schließlich bei allen Ärger hervorruft, da alle an ihre engen Grenzen stoßen. Josef K. weiß nicht, wofür er angeklagt ist, da er auch nicht so viele Eigenschaften hat. Der Landvermesser K. hat unsympathische, egoistische und gewalttätige Seiten. Karl Roßmann ist artig, engelhaft und duldet alles, scheint sich aber auch nicht aufzulehnen, sich nicht weiterzuentwickeln, und er scheint trotz seiner knabenhaften Artigkeit niemand zu lieben. So bleiben diese Helden in ihren Entwicklungsmöglichkeiten beschränkt, und die Mauern eilen für sie schnell aufeinander zu, in der Ecke wartet dann die Falle. Und dann halt wieder der potenzielle und in seiner jeweiligen Erscheinungsform unvorhersehbare gewisse Widerspruch der Individuums mit der Gesellschaft oder Themen wie die Blindheit des Schicksals, oder die Launen der Natur, in die man gerne, wenn sie was für uns bedeuten, oder sie uns behindern, was hineininterpretieren würde, was aber nicht wirklich geht, da das Schicksal und die Natur nicht intelligenter und wissender sind als wir, sondern viel dümmer. Das Thema, dass beim Sterben jeder allein ist (angeblich). Dass die Individualität ein Bereich ist, in dem andere – und auch man selbst – nur begrenzt eindringen kann, Rätselhaftigkeit und Intransparenz bleibt. Dass Menschen nicht notwendigerweise intransparent, opak und facettiert sind, weil sie so tiefsinnig sind, sondern so oberflächlich und schlecht in sich selbst (und in den menschlichen Gesamtzusammenhang) integriert. In seiner wundervollen Meditation über Melville („Bartleby oder die Formel“) schriebt Gilles Deleuze über das Problem der „Originale“ in der Menschenwelt, die selten auftreten, die über „nichts Allgemeines“ verfügen und „keine Besonderen“ sind, ihre eigene Sprache sprechen und die von ihrer Umgebung nicht beeinflussbar sind – und die mehr oder weniger Fremde in der Welt sind, obwohl sich die Welt die Originale wünscht. Das Problem der Originale sei, die Originale mit der (nachfolgenden) Menschheit zu versöhnen. In einer Menschheit, in der es „nur monströse und verschlingende Väter und vaterlose, versteinerte Söhne“ gibt, kann Rettung und Versöhnung (theoretisch) über die Akzeptanz der Originale geschehen, da das Original der Bruder des Menschen ist und die Wirkung des Originals die Aufzeigung des Ideals der Brüderlichkeit unter Menschen sei. Wie gesagt, ich habe auch die Hoffnung gehegt bezüglich der Herstellung eines ideellen Kollektivs von Menschen, das die Menschheit zusammenhält und eine höhere Anschauungsform ermöglicht. Aber diese Kette zerfällt mir immer, und was, wenn es nur die einzelgängerischen Originale sind, die die Kette bilden, indem sie zugleich das Allgemeine und das Besondere sind? Es ist eine instabile Kette, und dann auch wieder nicht. Als man Wittgenstein nach dem Zweiten Weltkrieg (?) Kafka zu lesen gegeben hatte, war er irritiert und hat beanstandet: „Warum sagt er nicht, was sein Problem ist?“ Und das von einem, der selbst alle anderen vor ein solches Rätsel gestellt hat! Auch die Originale mögen Probleme haben, einander zu verstehen, so scheint es. Ist ja auch klar. Aber wir, wir lieben das Rätselhafte! So wie die meisten anderen auch. Kafkaexegeten sind hin und wieder verärgert, wenn man meint, (der insgesamt durchschnittliche) „Josef K.“ sei ein Selbstbild von Franz K. Aber sehr wohl ist er das, Josef ist in Franz enthalten, und Franz hat wie Josef gefühlt, und im Auge Gottes sind wir alle K. Als ein Mönch zu Shi-lou kommt, um Belehrung und Erleuchtung zu erfahren, gesteht der Mönch ein, er wisse um seine Fehler. Darauf Shi-lou:

– „Dieser alte Mönch hat auch seine Fehler.“

– „Ehrwürdens Fehler, worin bestehen die?“

– „Meine Fehler bestehen in deinen Fehlern.“

    Der Mönch verbeugte sich in Verehrung.

    Shi-lou versetzte ihm auf der Stelle einen Schlag.

In Franz K., dem universellen Spiegel ist eben alles enthalten. Und natürlich war Franz K. auch die Tiere in seinen Tiergeschichten.

„Wenn ich mich auf mein Endziel prüfe, so ergibt sich, daß ich nicht eigentlich danach strebe ein guter Mensch zu werden und einem höchsten Gericht zu entsprechen, sondern, sehr gegensätzlich, die ganze Menschen- und Tiergemeinschaft zu überblicken, ihre grundlegenden Vorlieben, Wünsche, sittlichen Ideale zu erkennen, sie auf einfache Vorschriften zurückzuführen und mich in ihrer Richtung möglichst bald dahin zu entwickeln, daß ich durchaus allen wohlgefällig würde undzwar (hier kommt der Sprung) so wohlgefällig, daß ich, ohne die allgemeine Liebe zu verlieren, schließlich, als der einzige Sünder, der nicht gebraten wird, die mir innewohnenden Gemeinheiten, offen, vor aller Augen ausführen dürfte. Zusammengefasst kommt es mir also nur auf das Menschengericht an und dieses will ich überdies betrügen, allerdings ohne Betrug.“ (Tagebucheintrag vom 1. Oktober 1917)

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Im Rahmen dessen, dass der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, dort das Labyrinth oder dessen Höllenkreise durchwandert hat, gelangt er schließlich an das Tor zum Himmel, das „Naturtheater von Oklahoma“. Das Naturtheater von Oklahoma ruft jeden, „der Künstler werden will“, es ist vom Prinzip her für jeden offen, hat für alle einen Platz anzubieten, es kann jeden brauchen und jeder ist willkommen, und jeder wird dort offenbar gut und endgültig aufgehoben sein. Interessieren tun sich allerdings nur sehr wenige dafür, denn „Künstler werden wollte niemand, wohl aber wollte jeder für seine Arbeit bezahlt werden“. Trotzdem Kafka von seinem angefangenen Kapitel vom Naturtheater vom Oklahoma enthusiasmiert war und mit großer Anteilnahme daraus vorgelesen habe, was bei ihm ja selten auftrat, und er selber davon gesprochen hat, wie Karl in jenem „fast grenzenlosen“ Theater „Beruf, Freiheit, Rückhalt, ja sogar die Heimat und die Eltern wie durch einen paradiesischen Zauber wiederfinden“ werde, glauben andere, das Naturtheater sei bloß eine weitere, möglicherweise finale und tödliche Falle. Möglicherweise die Rekrutierung für einen Krieg über verlockende Lügen, wie es zur Zeit der Niederschrift in Europa gerade der Fall war? Oder aber eine Reflexion Kafkas auf Sozialutopien und auf den Sozialismus, auch im Hinblick auf deren innere Gebrochenheit und dass die Vergemeinschaftungsutopien der Prä/Sozialisten einen totalitären Zug aufweisen? Und vor allem: Warum hat Kafka das Kapitel nicht beendet, wenn er doch so davon überzeugt war (und an einer anderen Stelle, in den Tagebüchern, einen schlechten Ausgang der Odyssee des sechzehnjährigen Karls in Aussicht stellt)? Ja, das Naturtheater von Oklahoma hat was Rätselhaftes und Halbseidenes – wie immer bei Kafka. Es funktioniert als Beschreibung des Tors zum Himmel, wie auch als dessen Parodie – oder besser als Klamauk, da eine ernsthafte Parodie ja gar nicht augenfällig ist. Vielmehr aber augenfällig ist aber eben der Hinweis auf die Kunst! Wisse denn: der Sinn des Lebens, und die Möglichkeit, Erlösung zu finden oder für sich zu schaffen, besteht im Herstellen von guten Bezügen! Der Nihilismus hat nicht ganz Recht, da es das Nichts so nicht gibt. Wenn man keinen guten Bezug zu was herstellen kann, wird eine Sache möglicherweise zu nichts, oder unerreichbar. Der gute, intensive Bezug macht aus allen etwas und alles zu etwas. Milena Jesenská hat beobachtet, Kafka habe sein Leben gänzlich anders als alle anderen Menschen gelebt: eine Schreibmaschine zum Beispiel hätte für ihn eine zutiefst mystische Bedeutung gehabt. Dora Diamant berichtet, wie der bereits mehr oder weniger todgeweihte Kafka intensive Bezüge zu allem und jedem hergestellt hat, und wie er „die Anwesenheit Gottes selbst in den kleinsten Gesten des Alltagslebens fand“. Im Ferienheim, wo sie ihn kennengelernt hatte, „sprach er wenig über sich selbst, begegnete aber allen anderen mit einer grenzenlosen Neugierde“. Was an Kafka nihilistisch oder asketisch gewesen sein sollte, wusste sie nicht, vielmehr war er sinnlich wie ein Kind. „Wer die Fähigkeit, Schönheit zu sehen, behält, der altert nicht“, so habe er gesagt. In seinen letzten Tagen, als er in seinen Fähigkeiten, unter anderem zur Nahrungsaufnahme, schon stark eingeschränkt war, habe sich bei Kafka eine nochmalige Steigerung bemerkbar gemacht, in der Intensität, mit der er Farben, Gerüche und Geschmackseindrücke wahrgenommen habe. Als Kafka an seinem letzten Tag scheinbar bereits in die Bewusstlosigkeit gefallen war, hielt ihm Dora Diamant einen Strauß Blumen hin, die sie ihm mitgebracht hatte. Wider Erwarten hob Kafka noch einmal den Kopf. Er öffnete die Augen noch einmal und lächelte, vielsagend, strahlend, lebendig. „Es war unfassbar“, so Dora. – Eine umfassende Möglichkeit, einen intensiven, persönlichen Bezug zu unpersönlichen Weltanteilen herzustellen, liegt in der Kunst! Und so ist das Naturtheater von Oklahoma eine Paraphrase auf die Kunst, auf die Möglichkeit, Verbindung und Territorium für sich zu schaffen, in der Einheit aufzugehen, Heimat, Eltern, Ursprung zumindest ideell zu schaffen. Dass das Tor zum Himmel, der Aufnahmeprozess und der Veranstaltungsort in Clayton zu einem guten Teil trivial ist, ist ganz klar, denn im Trivialen das Göttliche zu sehen, ist ja gerade die Voraussetzung für die Sache. Kunst besteht in der Abgrenzung dann zur Nicht-Kunst, das Gute in Abgrenzung zum Unguten etc., und so werden Fanny und die trompetenden Engel von Teufeln abgelöst, die ihrerseits wieder Radau machen und wieder abgelöst werden. Wer eine intensiv (scheinbar ins „Irrationale“) gesteigerte Wahrnehmung hat, das Schöne und Gute wahrzunehmen, hat auch eine intensiv (ins „Irrationale“) gesteigerte Fähigkeit, das Schlechte und Hässliche wahrzunehmen, als intensive, real vorhandene, sich ihm und seinen Instinkten widersetzende Realität, leider. Das ist dann der ganze Kafka, auf den Punkt gebracht. Verflucht sei, wer mir nicht glaubt! Über die Kunst betrachtet, werden dann die trompetenden Engel möglicherweise zu was anderem, als sie sind, allerdings auch die Teufel. Das Territorium, dass über die Kunst errichtet wird, ist die Metaebene, die Stabilität, die gefunden wird, eine Metastabilität. Der Himmel besteht im Erleben von guten Bezügen, und nicht jeder ist überhaupt, so gesehen, in der Lage, den Himmel zu erkennen, die Hölle der schlechten Bezüge oder der Selbstbezüglichkeit ist für den einen und anderen der angemessenere Ort, wo er sich besser auskennt und sich besser darin wiederfindet und sich in seinen Instinkten abgebildet sehen kann. Die Kunst ist also in sich gebrochen, da sie auf die Nicht-Kunst reflektiert. Diese Insichgebrochenheit mag dann, darüber hinaus, der Glaube und die Religion aufheben (wohin Kafka nicht wirklich gelangt ist). Das Paradies, der Himmel, ist die Kommunion von Mensch, Tier und Natur unter Christus, dem Allesvereiniger. Die wilden Tiere werden friedlich, die Natur fängt an zu sprechen und gewinnt einen höheren Sinn, alle stehen in Kommunion und Kommunikation zueinander. Das ist dann, definitiv, der Himmel. Ermöglicht wird er allein durch Christus, der über dem Menschen steht. Einen flüchtigen Blick auf das Paradies zu erhaschen, eine Vorstellung davon zu bekommen, bevor sie wieder anderswohin weht, ist das Höchste und Letzte, was ein Mensch davon im Leben erheischen kann. Vollständig realisiert, da alle Widersprüche abgefallen sind, wird das Paradies erst nach dem Tod. Im Zentrum des Himmels mag dann stehen Gott, der, laut Aristoteles, in die Kontemplation über sich selbst versunken ist, und sich so genügt. Er beinhaltet alle Bezüge und ist reiner nous, mit sich selbst beschäftigt und sich selbst genug. Dass Kafka das Naturtheater von Oklahoma dann nicht dargestellt hat, erscheint naheliegend (?), es ist entweder das Jenseits, oder das Zentrum von allem oder das Zentrum der, naja, Kunst. Dieses Zentrum ist nicht darstellbar und verändert seine Erscheinungsform dauernd, je nachdem, zu was man grad Bezug herstellt. Es mag eine schöne Araberin sein, ein stolzes Kamel oder der Vorderzahn, den Ferdinand eingeschlagen hat. Es ist der Heilige Geist, oder das reine Potential. Und sein Antlitz ist zutiefst persönlich und individuell. Hier kann niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang ist nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.

„Er ist ein freier und gesicherter Bürger der Erde, denn er ist an eine Kette gelegt, die lang genug ist, um ihm alle irdischen Räume frei zu geben, und doch nur so lang, daß nichts ihn über die Grenzen der Erde reißen kann. Gleichzeitig ist er aber auch ein freier und gesicherter Bürger des Himmels, denn er ist auch an eine ähnlich berechnete Himmelskette gelegt. Will er nun auf die Erde, drosselt ihn das Halsband des  Himmels, will er in den Himmel, jenes der Erde. Und trotzdem hat er alle Möglichkeiten und er fühlt es; ja, er weigert sich sogar, das Ganze auf einen Fehler bei der ersten Fesselung zurückzuführen.“ (Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg 66)

„Alle Leiden um uns müssen auch wir leiden. Wie alle haben nicht einen Leib, aber ein Wachstum, und das führt uns durch alle Schmerzen, ob in dieser oder jener Form. So wie das Kind durch alle Lebensstadien bis zum Greis und zum Tod sich entwickelt (und jenes Stadium im Grunde dem früheren, im Verlangen oder in Furcht, unerreichbar scheint) ebenso verwickeln wir uns (nicht weniger tief mit den Menschheit verbunden als mit uns selbst) durch alle Leiden der Welt. Für Gerechtigkeit ist in diesem Zusammenhang kein Platz, aber auch nicht für Furcht vor dem Leiden oder für die Auslegung des Leidens als eines Verdienstes.“ (Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg 102)