Giorgio de Chirico

 

„Damit ein Kunstwerk wirklich unsterblich ist, muss es vollständig aus den Grenzen des Menschlichen heraustreten: Gesunder Menschenverstand und Logik werden ihm fehlen. – So rückt es in die Nähe des Traums und auch des kindlichen Gemüts.“

„Was im Mittelalter die Künstler auf einen Irrweg führte, als sie die gotische Kunst erfanden, war die Naturbetrachtung; dasselbe Phänomen lässt sich bei allen modernen Künstlern beobachten: bei Dichtern, Malern und Musikern. Ein wirklich in die Tiefe gehendes Werk wird vom Künstler aus den entlegensten Tiefen seines Seins geschöpft; dort plätschert kein Bächlein, singt kein Vogel, raschelt kein Laub; Gotik und Romantik verschwinden; und an ihrem Platz erscheinen die Dimensionen, die Geraden, die Formen der Ewigkeit und des Unendlichen. Dieses Gefühl der Offenbarung lenkte die Baumeister Griechenlands; dasselbe Gefühl schuf die römische Architektur; deshalb glaube ich, dass die griechischen und die römischen Bauten und alle, die, wenn auch leicht abgewandelt, nach deren Prinzipien errichtet wurden, die größte Tiefe in der Kunst erreicht haben.“

„Vor allem ist ein großes Feingefühl nötig. Sich alles auf der Welt als Rätsel vorstellen, nicht nur die großen Fragen, die man sich immer wieder gestellt hat – warum die Welt erschaffen wurde, warum wir geboren werden, leben und sterben -, denn vielleicht liegt in all dem, wie ich schon gesagt habe, kein Sinn. Aber das Rätsel mancher Dinge verstehen, die im Allgemeinen als belanglos betrachtet werden. Das Geheimnis mancher Phänomene im Bereich der Gefühle, der Merkmale eines Volkes spüren, so weit kommen, dass man sich sogar die schöpferischen Genies als Dinge vorstellt, als äußerst merkwürdige Dinge, die wir nach allen Seiten drehen und wenden. Auf der Welt leben wie in einem unermesslichen Museum voller Seltsamkeiten, voller wunderlicher, bunt gescheckter Spielsachen, die immer wieder anders aussehen, die wir manchmal kaputt machen, um zu sehen, was drinnen ist, und enttäuscht merken, dass sie leer sind. – Die unsichtbaren Bande, die ein Volk mit seinen Schöpfungen vereinen. – Zum Beispiel, warum die Häuser in Frankreich auf ihre bestimmte Weise gebaut sind und nicht anders; man kann noch so viel Geschichte zitieren; die Gründe nennen, die zu dem oder zu jenem beigetragen haben, man beschreibt, doch erklärt man nichts, aus dem ewigen Grund, dass es nichts zu erklären gibt und das Rätsel doch immer bleibt.“

„In erster Linie ist es nötig, die Kunst von allem freizumachen, was sie bis jetzt an Bekanntem enthält, jedes Sujet, jede Idee, jeder Gedanke, jedes Symbol muss beiseitegeschoben werden … Den Mut haben, auf alles andere zu verzichten. So wird der Künstler der Zukunft sein; einer, der jeden Tag auf etwas verzichtet; dessen Persönlichkeit jeden Tag reiner und unschuldiger wird … So muss die Malerei der Zukunft sein. Dass mehrere Menschen auf dieser Welt so malen können, ist unmöglich … Doch hier muss ich etwas erklären. Ich habe gesagt, dass es nicht viele solcher Menschen geben wird. Aber ich glaube, dass es trotzdem mehr sein könnten, als sie es jetzt sind. Denn es gibt solche, ich habe schon einige kennengelernt, sie sind mit einer großen Sensibilität begabt, können unbekannte Dinge empfinden, ihnen macht der Anblick eines Menschen oder eines Dings nicht den Eindruck, den er im Allgemeinen macht … Eine solche Empfindung kann uns wohl manchmal gefallen, aber lässt uns nie den eisigen Schauder, die solitäre und tiefe Freude der Offenbarung, der als solche begriffenen seltsamen, sinnlosen Komposition spüren: eine Welt, die niemand kennt, und dessen einzige Bewohner vielleicht wir sind…“

„Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass jedes Ding zwei Aspekte hat: einen geläufigen, den wir fast immer sehen und den die Menschen im Allgemeinen sehen, und einen anderen, den geisterhaften oder metaphysischen, den nur seltene Individuen in Momenten der Hellsichtigkeit und der metaphysischen Abstraktion sehen können, so wie gewisse Körper, die, von einer undurchdringlichen Materie zugedeckt, im Sonnenlicht nicht sichtbar sind und nur mithilfe künstlicher Lichtstrahlen wie etwa der Röntgenstrahlen erscheinen.“

„Das Wort „metaphysisch“ führt zu einem Haufen von Missverständnissen, besonders in jenen Köpfen, die an Verstopfung leiden und die, denen die gesunde Anstrengung des Schaffens fremd ist, von Plagiaten und Allgemeinplätzen leben und ihre chronische Galle jedes Mal ausspucken, wenn ihnen was unterkommt, das den Kreis ihrer intellektuellen Fähigkeiten sprengt … Doch sehe ich selbst in dem Wort „metaphysisch“ gar nichts Düsteres; es ist die Ruhe und die sinnlose Schönheit der Materie, die mir „metaphysisch“ erscheint, und umso metaphysischer erscheinen mir die Gegenstände, die durch die Klarheit ihrer Farben und die Genauigkeit ihrer Maße jeder Wirrnis und Verworrenheit genau entgegengesetzt sind … Die geisterhafte Evokation der Gegenstände, die von der universalen Blödheit als belangloses Zeug abgetan wird.“

„Der dumme, das heißt der unmetaphysische Mensch fühlt sich instinktiv von der Masse, der Höhe, von einer Art wagnerianischer Architektur angezogen. Ein Zeichen von Naivität, es handelt sich um Leute, die keine Ahnung davon haben, wie schrecklich Linien und Winkel sein können; sie werden vom Unendlichen angezogen, und genau darin kommt ihre beschränkte Psyche zum Vorschein, die in demselben engen Kreis eingeschlossen ist wie die weibliche und die kindliche. Wir aber, die wir die Zeichen des metaphysischen Alphabets kennen, wissen, wie viele Freuden und wie viele Schmerzen in einer Arkadenreihe, einer Straßenecke oder auch in einem Zimmer, in einer Tischplatte, zwischen den Seitenwänden einer Schachtel stecken.“

„Gewöhnlich suchen die Leute, wenn sie mit Kindern ins Theater gehen, Vorstellungen ohne intellektuellen Anspruch aus, die den Bedürfnissen der Kinder entgegenkommen; diese Bedürfnisse sind, was das Theater betrifft, natürlich und spontan und werden nicht durch Moden oder Snobismus suggeriert. Die Kinder lassen sich von diesen zwei Faktoren nicht hinters Licht führen, die leider eine gewisse Kategorie von Erwachsenen beeinflussen… (Die Angst, nicht über die neuesten Suchten des Snobismus auf dem Laufenden zu sein, die Angst, nicht intelligent genug zu sein oder sogar dumm dazustehen, diese entsetzliche Angst bringt heute den Geschmack und die Bedürfnisse vieler Menschen zum Schweigen, sodass sie gefügig alle Blödheiten akzeptieren, die ihnen der Snobismus aufdrängen will.)“

„Auf der Bühne sah man alte Propheten, die eine Reihe von Sprüngen machten, und ihre Anstrengungen wurden von Tangomusik begleitet. Wir geben zu, die Wirkung war zumindest komisch. Was mich aber an dem Abend am meisten beeindruckte, war das Publikum, das gleichgültig dieser Beleidigung des gesunden Menschenverstandes beiwohnte. „Wenn wir so weitermachen“, dachte ich, „werden wir auch noch das bisschen Logik verlieren, das wir uns durch jahrtausendelange Mühen haben aneignen können, das befürchte ich. Wir werden unseren gesunden Menschenverstand und unsere Logik verlieren, und diesmal gibt es im Ernst kein Zurück.“ Dann dachte ich traurig darüber nach, dass wir wieder von vorne würden anfangen müssen.“

„Trotzdem ist es vergeblich, nach der Art einiger Phantasten und gewisser Utopisten zu glauben, sie könne die Menschheit erlösen oder regenerieren; sie könne der Menschheit einen neuen „Sinn“ für ihr Leben, eine neue „Religion“ geben. Die Menschheit ist und bleibt das, was sie immer gewesen ist. Sie nimmt diese Kunst an und wieder sie immer mehr annehmen; der Tag wird kommen, an dem sie sich diese Kunst im Museum ansehen und studieren wird; eines Tages wird sie unbefangen und natürlich über diese Kunst sprechen … Was das Verständnis betrifft, das beunruhigt und heute, aber morgen nicht mehr. Verstanden oder nicht verstanden zu werden ist ein heutiges Problem. Eines Tages wird für die Menschen auch von unseren Werken der Aspekt des Wahnsinns weichen, das heißt jenes Wahnsinns, den sie sehen; der große Wahnsinn nämlich, der nicht allen erscheint, wird aber immer bleiben und weiterhin hinter dem unerbittlichen Wandschirm der Materie seine Gesten machen und seine Zeichen geben.“

„Trotzdem ist es etwas Schönes und auch Erholsames, in der weiten Domäne der materiellen Vervollkommnungen immer zu suchen, ohne Unterlass zu suchen. Die Suche ist körperlich anstrengend, aber die Art Anstrengung bringt unserem Geist die Entspannung, die der Künstler so notwendig braucht wie Nahrung und Schlaf. Ohne diese Entspannungen können wir gleich unsere Pinsel zerbrechen und uns der reinen Meditation, der kosmischen Träumerei hingeben, was der erlesenste Rausch ist, aber auch der gefährlichste.“

„Das Genie kann nur von einem Genie erklärt werden – eine Wahrheit, die auf Baudelaire, den Opiumsüchtigen, zurückgeht.“

 

(Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade. Erinnerungen und Reflexionen. Bonn, 2011)

Prelude to Notes about Art and Artists

I plan/hope to write some notes about art and artists, about Bacon, Freud, Auerbach, Reinhardt, Stella, Newman, Westermann, Hopper and Duncan Wylie as well as a general text about What is a Metaphysical Artist? in the course of this month, I am pseudo-overdue with it, apart from that always jumping between disciplines, but this is a good thing since via such pseudo-circuitous routes (actually hypercycles) you may be able to add more value to the initial stuff in the end. In this context I also studied stuff about the most contemporary art and tried to get it and despite my sensational intelligence and erudition I still feel unsure about how to catch the metaphysics in it (I do not deny that there is some, yet is diffused, haha, the postmodern condition; postmodernity is but an age bygone, New Realism in philosophy may serve as a tool to get the whole structure again and its pseudo-fractal-like geometry, etc.)

After attending the opening of the new Tracey Emin retrospective at the Hayward Gallery, I’m finally ready to come out and say it.

Stephen Faust Art meant little to me, except as something other people did, until I was about 19, when the 1 to 1 relationship between symbol and substance of science gave over to the many to 1 and the 1 to many truths of art, and one began to explore and comprehend the logics of ex temporae appropriation of substance to symbols and of symbol to substances that most human beings engage of in their vacillating consciousness, where many to many logics abound, as the profound of the substance symbolized meets the symbols of substances utilised of their seekings for satisfactions. Get this about Art, one might say: “Many are the ways, but they are not all. My many and your many may be spoken of in many ways, and their meeting might well be Art speaking, to you; to me, there are many things I have to do, and many things within me which would sing, and, no matter what the symbol, if it does ring of truth to you, others may not hear it; if it brings my truth to you, are you sure you did not queer it; and if it rings of truth from me, can you be sure that you got near it ? If my art did not speak to more than myself, then t’were silence the greater art.”

Amadeo Modigliani

In the last post I made reference to Lautréamont. Little is known about this very outstanding writer and intellect, he lived and died early, in obscurity, and rose to fame post mortem. To a lesser extend this also accounts for Amadeo Modigliani, who happens to be one of my favorite painters. What is known about him is at least that he was very well read and that he always carried a copy of Lautréamonts Maldoror with him. – Modi was well known among the Paris art scene, but remained an idiosyncratic outsider even there and it seems somehow uncanny how Modi could have found the strengh to avoid the influence of Picasso (and others); of Picasso and his multidimensional, intellectual paintings, whereas he himself made portraits seemingly flat and two-dimensional (which was a reason he was dismissed by critics like Carl Einstein). But if you look at his paintings they show a good deal of love and of empathy for his models, a truly productive mimesis, a gentle soul; in his portraits there is this massive interplay between their seemingly reduced appearence and the individuality and character of his models being so pronounced — which is why – in some contrast to Picasso – Modigliani makes my heart sing. – He lived in poverty and died due to tuberculosis at age 35. (Last year his Nu Couché was sold for $ 170 million and is therefore at the moment the second most expensive painting in the world (#1 is Picasso´s Les Femmes d´Alger)). Although the couple had a baby his finacee Jeanne commited suicide the following day. This is understandable, since, as far as I can see, once you have met someone like Modigliani in your life you are not likely to ever meet such a person again.


UPDATE 03/20/2017 I have mentioned the last time that it is cool, if not somewhat uncanny how Modi avoided the pronounced influence of Picasso respectively of the avant-gardist tendencies of his time. A considerably robust and strong artistic personality, self-contained and authentically creative out of itself, is necessary to operate at such a level of stability and unaffectedness. Modi however did not explicitely desire to be avant-garde, and he was content with being an outsider, occupying the position of true individualism – and indeed, he was aware that he was a kind of „superuomo“, an overman as the climax of the authentically creative individual drawing out of itself to the highest degree; – Modi´s quest was for beauty, for harmony, for vitality and for the eternal. Whereas the primary motive of avant-gardism is to explode into the future, the serene qualities of beauty, harmony, etc. refer to the archetypical. The art genius, both revolutionary as conservative as he is, will strive to express beauty and harmony by relying on archetypical forms and transforming them into something new, to create new archetypes; plus he will be highly creative in discovering the archetypical in places neglected by others: Modi was a versatile and dead-aimed artist from the beginning, painting, for instance, the eerie as well as roughcast Nudo Dolente (1908) or displaying his sense for elegant forms and colours as well as his talent (or genius) for offering striking and revealing impressions of physiognomy and character with Woman in Yellow Jacket (Amazon) (1909) (which infuriated the amazone – Baroness de Hasse de Villers – so much that she refused to pay for it) – yet it was during his period as a sculptor (1909-1913) in which Modi progressed into synthesis. In his quest for „forms of beauty and harmony“ Modi draw back not only on sculptural forms of the Greco-Roman antiquity but also of ancient non-European worlds. Despite that his sculptures are rather a paraphrase and an allusion to primitivism, not an imitation nor a mere avant-gardist takeover, revealing, again, his staunch autonomy as well as accuracy in finding modes of expression of both abstract and eternal as well as concrete and individual qualities.

Through reduction, linearity and abstraction Modi found his own, peculiar and homogenous style, and maybe the true amazing quality of Modigliani´s art is how the abstract and the supratemporal and the concrete, the individual and the modern not only mirror each other but seem to be born out of each other. In taking away so much elements that his portraits may rather seem caricatures he brings the physiognomy to a vibrant life and to extremely distinct expression; despite the homogeneity in style the individuality is always most pronounced. His nudes are both individually (and in several respects) in the flesh as well as they are statuarily abstracted and otherwordly – where this amalgam between living objects and objects of art, the animate and the (timeless) inanimate and transcendent comes in the most unexpected, idiosyncratic way. Likewise his characters sometimes have eyes whereas on other occasions their eyes are eradicated into an apparent de-individualised glimmer (– Modigliani explained that to him this would symbolise an „affirmation of life“, on other occasions that he would not paint eyes as long as he was not sure about having captured to „soul“ of a person —— that Modigliani did not talk much about his art, offered several, sometimes seemingly contradictory and elliptic explanations is typical for the genius, since the genius makes conclusions all the time yet at the same time lives in a multilayered world of inconclusive conclusions in which everything is both in stasis and in motion). In his final portraits his characters are transcended into a kind of supra-individuality where the abstract and the concrete meet, the timeless and the ephemeral, the common and the idiosyncracy… where those portrayed have become dwellers in a realm that is impossible to tell what it actually is (Heaven? Hell? Purgatory? Or, most likely glimpses from an eye on reality which is able to look into other, additional dimenions)… where those individuals portrayed have become… art (where Modi´s artistic eye somehow seemed to have sensed a compressing interplay of dimensions forming diamonds).

Although Modigliani wasn´t a commercial success during his brief lifetime his art was well acknowledged by the people close to him, although no one could tell where the specific quality and beauty lay and how it could be conceptually grasped. This kind of evasiveness (due to its multidimensionality respectively its interdimensionality) is still there and makes the quality of genius art. That is so because it is, finally, inexblicable as beauty itself and carries its own transcendence.

I do not know or understand why and how Carl Einstein could have got it so wrong with Modigliani; yet despite their high intelligence neither The Art of the 20th Century nor Bebuquin, I find, carry much of a soul. It is cool how Einstein is a severe judge of the art and the artists of his time – such a thing is quite absent today – but I often find The Art of the 20th Century unnecessarily confrontational.

Living on the Edge #2

„… die bedauerliche Tatsache, daß jeder der anerkannten Künstler nur etwa ein Dutzend verstehender Anhänger besitzt, … aus jahrzehntelanger Erfahrung hat Cézanne resigniert geäußert, jede Kunst sei nur für wenige da. Erst als Bildungsvorrat erweitert sie die Peripherie ihres Kreises und schafft die Täuschung, als wären der Erkennenden viele. Alles dies gehört in in das Gebiet der Auswirkung der Kunst, nicht in den inneren Bezirk des Geschehens…“ (Will Grohmann, 1926)

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