Otto Muehl und die Frage nach der Kommune

Mit, scheint´s, übermenschlicher Kraft fährt der jüngere Otto Muehl in die zeitgenössischen Verhältnisse rein, und macht das, was der Künstler tun soll: Er zieht eine Furche durch das Sein, er gräbt das Sein um, wühlt seine Textur auf. Damit ist das Sein nachher nicht mehr dasselbe. Gut so!

Der spätere Otto Muehl, der zum Tafelbild zurückkehrt, das er einst zerstörte, entpuppt sich als mittelmäßiger Maler, wenngleich auf internationales Niveau bezogen. Inmitten heimischer Konkurrenz zu Lebzeiten, und bis jetzt, war er ein ganz guter Maler.

„Muehls Aktionen kreisen um ein zutiefst pessimistisches Menschenbild. Unter der dünnen Decke der Zivilisation lauern Trieb, Aggression, sexuelle Begierde, Grausamkeit und Zerstörungswut. Der Mensch erscheint bei Muehl beschmutzt, besudelt, seiner Würde und seiner gesellschaftlichen Maske beraubt. Seine Kunst wird damit zum Ausdruck einer pessimistischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts.

Umso größer ist der Widerspruch zu jener Hoffnung, die Muehl in den 1970er-Jahren mit der Kommune verbindet: Ausgerechnet der Künstler, dessen Werk so wenig Vertrauen in den Menschen erkennen lässt, glaubt an die Möglichkeit, durch eine radikal veränderte Lebensform einen neuen Menschen hervorzubringen. Aus der Befreiungsutopie entsteht jedoch zunehmend ein hierarchisches System, in dessen Zentrum Muehl selbst steht. Die Utopie schlägt in Herrschaft und Machtmissbrauch um.“ (aus dem Ausstellungstext)

Grundsätzlich fällt bei radikalen („linken“) Weltverbesserern (wie Rousseau, Marx oder Adorno) die Tendenz auf, die empirische Welt radikal herabzusetzen und sie zu beschmutzen (so wie es auch religiöse Weltverbesserer tun). Sie haben an so was einfach eine Freude. Auch bei dem Frühsozialisten Charles Fourier ist das so, dessen Ideen wesentlich als Vorbild für die Muehl-Kommune fungierten. Er verabsolutiert die Übel der „Zivilisation“ dermaßen, dass er sie von Grund auf abschaffen will. Aus einem freien Zusammenleben der Individuen erwartet er sich dann einen Zustand der „Harmonie“: In der Harmonie, wo großer Überfluss und eine ungeheure Vielfalt an Vergnügungen herrscht und wo das harmonische Zusammenleben allgemeine Eintracht verlangt, muss der religiöse Kult die Liebe zu Gott mit der Liebe zur Lust verbinden, die keine Gefahren mehr bergen wird (…) In der Harmonie, wo niemand arm und für jedermann bis ins hohe Alter die Liebe zugänglich ist, widmet ein jeder dieser Leidenschaft einen bestimmten Teil seines Tages; die Liebe wird zur Hauptbeschäftigung, schreibt er.

(Exemplarisch dafür, wie schnell Disharmonien allerdings auch unter ansonsten größtenteils Gleichgesinnten entstehen mögen, kann bereits Karl Marx einer solchen Utopie wenig abgewinnen: … endlich spricht sich diese Bewegung, dem Privateigentum das allgemeine Eigentum entgegenzustellen, in der tierischen Form aus, dass der Ehe (welche allerdings eine Form des exklusiven Privateigentums ist) die Weibergemeinschaft, wo also das Weib zu einem gemeinschaftlichen und gemeinen Eigentum wird, entgegengestellt wird. Man darf sagen, dass dieser Gedanke der Weibergemeinschaft das ausgesprochene Geheimnis dieses noch ganz rohen und gedankenlosen Kommunismus ist, wie er in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten vermutet. (Wobei allerdings weder in der Vision von Fourier noch (zumindest anfänglich) in deren praktischer Umsetzung in der Muehl-Kommune Frauen „Gemeinschaftseigentum“ der Männer sind. Fourier hat Frauen gar für die bessere und kompetentere Hälfte der Menschheit gehalten, und in der Muehl-Kommune waren es anfänglich die Frauen, die die sexuellen Begegnungen initiert haben; später bemaß sich der Status einer Person in der Hierarchie der Kommune danach, wie nahe sie Muehl gestanden ist.) Marx und Engels haben die Ehe als die angemessenste Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau erachtet, dabei aber gemeint, dass die wahre Ehe erst im Sozialismus möglich wäre.)

Ich kritisiere hier die Zivilisation nur insofern, als sie die eifersüchtige Liebe (der Zweierbeziehung, Anm.) zum ausschließlichen System erheben will. Ebenso würde ich mich gegen ein Volk wenden, das bestimmte Bräuche, die einer allgemeinen Liebeskommune gleichkämen, zum System erheben wollte. In der Harmonie gilt die Regel, alle ausschließenden Systeme zu vermeiden, denn sie sind das Grundübel der Zivilisation, heißt es weiter bei Fourier. Vor eine tabula rasa gestellt, wird sich jedes menschliche Kollektiv notwendigerweise selbst organisieren. Selbstorganisation bedeutet, es gibt sich Regeln, und Regeln haben etwas Ausschließendes. Logik, Ethik und auch das Gefühl bedeuten die Scheidung des Wahren, Guten und Zuträglichen vom jeweiligen Gegenteil. Auch die Irrationalität verbindet und trennt gleichermaßen, nur halt nicht in vorhersehbarer Form. Gewisse Dinge auszuschließen ist gut, Ausschließen ist menschlich. Gemeinschaftliche Konflikte kommen zustande, wenn keine Einigkeit besteht, welche Dinge ausgeschlossen werden sollten und welche bewahrt oder erlaubt. Eventuell zerreissen solche Konflikte die Gemeinschaft. Aufgrund der Vielfalt unter den Menschen werden so vielfältige Gemeinschaften entstehen, die um verschiedene Vorstellungen kreisen, was auszuschließen sei und was nicht. Diese Gemeinschaften werden teilweise in Konkurrenz zueinander stehen und in Konflikt geraten, eventuell sogar versuchen, einander auszulöschen. Das ist dann das Ende der Harmonie. Eventuell kommt ein ordnender Leviathan daher, der die Kämpfe befriedet. Das mag dann ebenfalls das Ende der (reinen) Harmonie sein, denn der Leviathan wirkt teilweise entfremdend. Sollten die Gemeinschaften Konflikte zu vermeiden versuchen, indem sie sich voneinander abschotten, können sie sich gegenseitig nicht befruchten und stagnieren. Sie mögen dann dem Imperialismus potenterer Gemeinschaften zum Opfer fallen, die sich entschieden haben, dieses Wagnis der Bündelung von Kräften einzugehen.

Insgesamt aber haben die radikalen Welt- und Menschenverbesserer nicht einmal ein einheitliches, sondern ein schizophrenes Welt- und Menschenbild. Einerseits sei der Mensch sehr schlecht – weil er von Institutionen schlecht gemacht wird –, andererseits sei der Mensch sehr gut – wenn er von Institutionen nicht verunstaltet werde. Wenn der Mensch von Institutionen aber so leicht korrumpierbar ist, ist er aber offensichtlich nicht rein und gut. Und wenn er nicht rein und gut ist, sind bestehende Institutionen vielleicht nicht so schlecht. Vielleicht sind Institutionen seltener dazu da, die vermeintlich grandiose Freiheit und Emanzipation des Menschen zu unterdrücken, wie es die radiakalen linken Weltverbesserer dauernd vermuten, sondern dessen asozialen und destruktiven Neigungen. Sie sind damit im positiven Sinn domestizierend. Vielleicht sollte man bestehende Institutionen – wie den Kapitalismus, die Polizei oder das Patriarchat – besser nicht so einfach abschaffen.

Auch und vor allem Shulamith Firestone, eine Begründerin des Radikalfeminismus, fomulierte um die Wende der 1970er Jahre eine Utopie, die der Muehl-Kommune recht nahe kommt. Abgesehen von dem ferneren Ziel, Menschen in Zukunft technologisch zur Welt zur bringen und nicht mehr über Mutterschaft (welche sie als das Grundübel für die Frau identifiziert), fordert sie als Nahziel ein Zusammenleben in Kommunen, in denen es keine Ehen und keine eindeutig zugeordneten Väter und Mütter gibt. Warum? Weil, wie sie in ihrem Buch Frauenbefreiung und sexuelle Revolution von 1970 formuliert, die Basis für eine romantische Liebe zwischen den Geschlechtern oder zwischen Eltern und deren Kindern in der Wirklichkeit gar nicht gegeben sei: Männer können nicht lieben. (Liegt es an männlichen Hormonen? Frauen erwarten und akzeptieren aus alter Gewohnheit eine emotionale Verkrüppelung bei Männern, die sie bei Frauen niemals tolerieren würden). (S.127) Wir haben gesehen, wieso es Männer schwerfällt zu lieben, und wenn sie lieben, dann „verlieben“ sie sich gewöhnlich in ihr eigenes, projiziertes Bild. (S.128) Wir wissen nicht, inwieweit dieser Wunsch (nach Kindern Anm.) wirklich ein Produkt elterlicher Kinderliebe ist, oder eine Ersatzbefriedigung. (S.212)

Aus Hass auf ihren gewalttätigen Vater und auf ihre dämlich-passive Mutter will „Shulie“ nicht nur die Familie in die Luft sprengen, sondern „das ganze Patriarchat“ noch dazu, wenn nicht noch mehr: Der Feminismus wird, wenn er seine Ziele wirklich erreicht haben wird, alle wichtigen Strukturen unserer Gesellschaft zerschlagen. (S.41) Diese Geilheit darauf, alles zu „zerschlagen“, hat man bei radikalen Künstlern und radikalen Weltverbesserern (und radikalen Feministinnen) immer wieder. Insofern ist die radikale unmenschliche Kunst und sein Versuch der radikalmenschlichen Kommune bei Otto Muehl so gesehen gar nicht widersprüchlich, sondern kommt aus demselben Zerstörungstrieb und dem Trieb, etwas Neues aufzurichten: Auch wenn das in Wirklichkeit – oder in der Konsequenz – nur ein Momument für sich selbst sein mag. Unter der Oberfläche des Sozialisten mag so in Wahrheit der Soziopath lauern.

Ich würde gerne wissen, wie das Zusammenleben in der Muehl-Kommune tatsächlich funktioniert hat, und warum es das so lange getan hat.  Es scheint mir, dass die Muehl-Kommunarden ziemlich Ich-schwache Herdenmenschen gewesen sind, die in der Kommune einen Ersatz für sich selbst und einen Ersatz für andere gesucht haben. Trotzdem wird es wohl komplexer gewesen sein. Otto Muehl hat nachher selber zugegeben, dass die Kommune gescheitert ist. Tatsächlich wäre es in der Kommune ja um Ich-Stärkung gegangen. Wenngleich eine solche Ich-Stärkung ja auch Sekten vorgaukeln. Sekten geben ihren Mitgliedern das erwünschte Gefühl der Ich-Stärke, wenn sie sich so verhalten, wie es von oben gewünscht wird. Dann bekommt es Bestätigung, die es von seiner Nervosität erlöst und steigt nach einiger Zeit in der Hierarchie auf (und kann sich dann noch stärker fühlen oder fühlt sich zumindest noch stärker mit der Sekte verbunden). Wenngleich die Muehl-Kommune ähnlich funktioniert hat, war sie aber offenbar keine Sekte, sondern ein loserer Zusammenhang, der also auf einer authentischeren Zustimmung seiner Mitglieder beruht haben muss.

(Wenn ich mir die Kinderfilme aus der Muehl-Kommune ansehe, so haben die schon was. Als Zehnjähriger hätte ich auch gerne in einem Film über die Oktoberrevolution mitgemacht. Kind in der Muehl-Kommune gewesen zu sein, muss schon auch eine Gaude gewesen sein. Trotz all dem Autoritätsdruck, dem Machtmissbrauch und der einigermaßen unnatürlichen Lebensweise hatten die Kinder dort offenbar auch ein freies und ungezwungenes, vielleicht sogar abenteuerliches Leben. Und das ist es, was Kinder gerne hätten. Muehl war in seinem Machtinstinkt weiters intelligent genug, die intelligenteren und selbstsichereren Kommunarden, die ihm gefährlich hätten werden können, in hohe Positionen zu befördern: In denen sie sich dann wohlgefühlt haben. So hat zunächst auch der Missbrauch der von Muehl „auserwählten“ Kinder/Jugendlichen funktioniert, die dadurch in der Hierarchie aufgestiegen sind. Nachher sind sie allerdings draufgekommen, dass sie verarscht worden sind. Und in ihrem Fall war das dann ein Straftatbestand.)

Das Problem bei so vielen kollektivistischen Weltverbesserungsversuchen, beim Marxismus, beim Feminismus, beim Anarchismus usw. ist, dass man dort kein Konzept vom Ich hat und keines von einer Ich-Stärke. Genauer gesagt, sehe ich dort nirgends Anstöße zu einer Kultur der Pflege des Selbst. Der Mensch wird in diesen kollektivistischen Weltverbesserungsversuchen als Abziehbild eines Kollektivs gefasst, als „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, wie Marx sich in den Feuerbachthesen wörtlich ausdrückt. Demgemäß braucht es nicht wundern, wenn der Bessere Sozialistische Mensch dann auch wieder nur ein Abziehbild ist, ein Herdenmensch und Arbeitstier für die sozialistische Nomenklatura. Aber keine emanzipierte Persönlichkeit. Weil (unter anderem) der Marxismus keine Vorstellung vom Individuum hat und keine Pflege des Selbst kennt. Was der Feminismus von Mann und Frau eigentlich will, darüber ist er nicht einheitlich. Aber auf eine Kultur der (unpolitischen) Pflege des Selbst und der Persönlichkeitsentwicklung (z.B. es mit autogenem Training versuchen, wenn frau jetzt tatsächlich so viel Angst vor Männern oder vor Femiziden hat) bin ich im Rahmen des Feminismus bislang noch nicht gestoßen.

Was ist das optimale Gemeinwesen, was ist die optimale Kommune? Ein optimiertes Gemeinwesen wird aus emanzipierten, ausformulierten Individuen bestehen, die trotzdem ein entwickeltes gesellschaftliches Pflichtgefühl bzw. einen ausgeprägten Gemeinsinn haben. Das hat man besonders bei den Skandinaviern, den Schweizern oder den Juden/Israelis. Insgesamt stehen die Gesellschaften Westeuropas dabei nicht so schlecht da.

Vor allem aber hat man es in der Metal-Community. Der Kern der Metal-Mentalität ist Individualismus – der dann prononciert und leidenschaftlich genug ist, um ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu produzieren. Außerdem scheint die Metal-Community gute Absicherungsmechanismen zu haben, um nicht von sich selbst vereinnahmt zu werden und auf ihre eigenen Tricks reinzufallen. Ein sozialer Zusammenhang wird schlecht, wenn er totalisiert wird. Wenn etwa das (oder ein) Individuum totalisiert wird (wie in der Muehl-Kommune Otto Muehl) oder wenn die Regeln der Gemeinschaft totalisiert werden, und diese beginnt sich zu ernst zu nehmen und obstruktiv zu werden. Heavy Metal ist aber eine surrealistische Übertreibung, und mit ihr korrespondiert eine ironische Grundhaltung. Eine ironische Grundhaltung ist anti-totalitär. Damit sollten die Balancen zwischen Individuen und Gemeinschaft gewahrt bleiben. Gesellschaften und Individuen sind gut, wenn sie beweglich bleiben.

Das sind ein paar theoretische Überlegungen. In der Praxis sind Menschen und ihre Gemeinschaften natürlich unschärfer und komplizierter.

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