100. Geburtstag von Foucault

Die (Post-) Strukturalisten hassen Hegel, weil ihnen seine Dialektik als zu primitiv erscheint, um reale gesellschaftliche Prozesse erklären zu können. Die Strukturalisten machen gleichzeitig Hegel nach, indem sie das Subjekt, das Individuum, in der Gesellschaft untergehen lassen und es zu einem bloßen „Effekt“ einer Struktur herabsetzen. Bisweilen schafft es der Strukturalismus in seiner Sprache und seiner Denke sogar, noch technischer zu wirken als Hegel! Sowohl Hegel als auch die Strukturalisten entfalten daher großes Charisma für radikale Linksintellektuelle, die das Individuum, das Subjekt, dauernd als Opfer und als Abziehbild einer Gesellschaft sehen wollen und als von der Gesellschaft unterdrückt, und die eine gschaftlhuberische Wut entfalten, das Individuum („total“ und „revolutionär“) (von der Gesellschaft) befreien zu wollen. Zuerst kommen sie mit ihrer gschaftlhuberischen Wut, das Subjekt als Opfer objektiver Verhältnisse, und nicht recht viel mehr, begreifen zu wollen, und dann mit ihrer gschaftlhuberischen Wut, das Subjekt von der Gesellschaft („total“) befreien zu wollen! Sie meinen, man könnte das tun, indem man die Gesellschaft total und radikal ändert. Aber eine Gesellschaft ist zugleich gescheiter als auch dümmer als ein Individuum, bewusster und weniger bewusst; sie hat mehr und weniger Freiheitsgrade als das Subjekt. Auch wenn die Gesellschaft die Freiheit des Subjekts drastisch beschränken kann, liegt im Subjekt die Möglichkeit innerer Freiheit. Eventuell, offenbar kennen radikale Linksintellektuelle Erfahrungen der inneren Freiheit nicht wirklich, sonst wären sie ja auch nicht in dem Maß von ihrer ständigen gschaftshuberischen Wut besetzt und würden nicht ihr Leben lang immer wieder dasselbe sagen, sodass es kaum zu glauben ist. Deswegen verstehen sie auch die Religion nicht wirklich. Wahrlich, ich sage euch: Die Gesellschaft zwar ist ein großer Haufen, und das Subjekt ist klein und winzig. Aber im Subjekt liegen Möglichkeiten, Vollkommenheit zu erreichen und Heiligkeit. Während eine Gesellschaft nicht vollkommen sein kann und nicht heilig. Sie kann bestenfalls einigermaßen optimiert sein. Was aber, im Vergleich zu den Möglichkeiten, die im Subjekt liegen, bestenfalls suboptimal ist. Hegel hat Kierkegaard auf den Plan gerufen, der gegen den (scheinbaren) Totalitarismus Hegels die Dignität des Individuums wahren wollte und neue Möglichkeiten der Subjektivität entdeckt (oder reformuliert) hat. Kierkegaard war recht jenseitig, aber am Ende ist man als Subjekt nicht mit der Gesellschaft konfrontiert, sondern mit dem Absoluten. Vor seinem frühzeitigen Tod hat sich Foucault dann selbst plötzlich, in einer Art der philosophischen „Kehre“, mit dem Subjekt beschäftigt, bzw. mit „Subjektivierungstechniken“ und der Frage nach dem richtigen Leben. Er hat auch gemeint, ein Leben sollte so was wie ein Kunstwerk sein. Aber ist ein Kunstwerk doch was reichlich Statisches und Gewordenes. Besser ist es, die Kunst selbst zu sein, bzw. das Potenzial zur Kunst. Nietzscheanisch wollte Foucault den Menschen hin in den Übermenschen überschreiten. Der Mensch ist ein geistiges Wesen, und der Übermensch muss es daher noch viel mehr sein. Alle Fäden, des Subjekts wie auch der objektiven Gesellschaft, laufen daher in den Absoluten Geist (der absoluten Reflexion) zusammen, und daher landen wir wieder beim Ausgangspunkt von allem: bei Hegel. Das bestätigt die Richtigkeit von allem hier Reflektierten, denn Perfektion kann man sich am besten vorstellen als einen goldenen Kreis. Intensivieren wir weiter die Denkbewegung von Hegel, so denken wir ultradialektisch, und total. Mit dem ultradialektischen, totalen Denken sprengen wir die materiale Hyle der herkömmlichen Subjektivität, und es entsteht dann eine Art unbeschränktes geistiges Feld. Das wäre dann der Absolute Geist in der Absoluten Form (der seine Gegenstände: die Philosophie, die Kunst und die Religion (und die Wissenschaft) in eine einzige Rede hin amalgamiert und kein segregiertes Bewusstsein mehr kennt – er hat daher alle Freiheitsgrade, Wissen zu prozessieren, verwirklicht). Von da aus ergeben sich zahlreiche weitere mögliche Fäden und es entsteht eine neue goldene Kreisbewegung, oder wie Hölderlin, ein Freund von Hegel, gesagt hat, eine neue exzentrische Bahn. Entlang der exzentrischen Bahn, oder des goldenen Kreises (oder des „hochzeitlichen Rings der Ringe“, von dem Zarathustra sprach), verschwindet kein Gesicht wie ein gezeichnetes in den Strand am Meer; sondern alle Physiognomien werden bewahrt: auch die von  Foucault.

15. Oktober 2026